Die Metaphyſik des Mittelalters erwies in ihrer klaſſiſchen Zeit, daß die menſchlichen Seelen immaterielle unſterbliche Sub⸗ tanzen find. Als dann mit Duns Scotus die Beweisbarkeit der Unfterblichkeit beftritten zu werden begann, blieb die Erörterung hierüber eine Streitfrage der Schulen und gewann auf die Ueber- zeugungen feinen Einfluß; die Leugnung individueller Yortdauer it nur in dem engen Seife radilaler Aufllärung aufgetreten, welcher vorwiegend unter arabiichem Einfluß ftand. So find im⸗ materielle Subftanzen verjchiedener Art für den mittelalterlichen Menichen ein metaphyfiiches Reich; Engel, böfe Geifter und Menſchen. Sie bilden unter Gott ala ihrem Haupte eine Hie—⸗ rarchie der Geifter, deren Rangordnung fi) in der vor der Mitte des jechften Jahrhundert? unter dem Namen des Dionyfiuß Areo- pagita aufgetauchten Schrift von der himmlischen Hierarchie mit Reinlichkeit beichrieben und feitgeftellt fand. Dieje Hierarchie er- ftredt jih von dem Throne Gottes bis zu der letzten Hütte und bildet die ungeheure für den mittelalterlichen Geift greifbare Rea- Tität, welche allen metapbufiichen Spetulationen über die Gejchichte und die Gejellichaft zu Grunde lag.
Es beitand fein Bedenken mehr, die metaphyfiiche Be— weisführung auf diefe geiftige und geſellſchaftliche Welt auszudehnen. Thoma von Aquino eriwieß vermittelft ber von den Neuplatonikern zuerft ausgeführten Gründe, umfafiender aus dem teleologishen Zufammenhang der Welt in Gott, daß ein Reich endlicher Geifter beiteht und die Schöpfung in ihm zu ihrem Prinzip zurückkehrt: wie fie von dem göttlichen Intellekt ausging, jo muß fie in geiftigen Wejen ihren Abſchluß erreichen ). Sa er leitet durch ein weiteres metaphufifches Schlußverfahren die Das metapbufifche Reich immaterieller Subftanzen. 419 Gliederung der Geifterwelt ab, nach welcher Gott getrennt ift vom Reiche der Engel, dieje von dem der menſchlichen Seelen’). Und jo Hat die mittelalterliche Philoſophie eine vollftändige Metaphyfik der geiftigen Subftanzen gefchaffen, die lange in dem Denken ber europäifchen Völker ihre Macht behauptet hat, auch nachdem ſeit Duns Scotus die Angriffe gegen fie beftändig an Ausdehnung und Gewicht zunahmen.
Wir nähern und der erhabenen Konception des Mittelalters, welche nun der Metaphyfil der Natur ala der Schöpfung des griechifchen Geiftes zur Seite trat. Sie befteht in der auf die Lehre von den geiftigen Subftanzen gegründeten Philoſophie der Geſchichte und Geſellſchaft. Wie vielfach auch daß mittelalter- liche Denken von dem der alten Völker abhängig geweſen tft: hier iſt es jchöpferiich, und die am meiften auffälligen Züge in der politiichen Thätigfeit des mittelalterlichen Menfchen find durch dieſes Syftem von Borftellungen mitbedingt; mag man nun den then» kratiſchen Charakter der mittelalterlichen Gejellichaft betrachten oder die Macht der Kaiſeridee in derjelben oder die der Einheit der Chriftenheit, wie fie am gewaltigften in den Kreuzzügen hervor⸗ tritt. So zeigt fi) von neuem, wie bedeutend die Funktion geweſen ift, welche die Metaphyſik innerhalb der europäiſchen Geſellſchaft auszuüben Hatte. Es wird zugleich fichtbar, wie vor ihr, während fie voranjchritt, eine unlösbare Antinomie nach der anderen ſich aufthat, da fie doch Feine wirklich gelöft Hinter fich zurüdließ. Sie gleicht den ſagenhaften Helden, welche, je mehr fie ringen, um fo fefter fih in Banden verftridt finden.
Die geiftigen Subftanzen, welche das Reich Gottes bilden, werben von biefer Metaphyſik in ihrem Mittelpunkt, als Willen, gefaßt und fo befteht nach ihr dad menjchliche und gejchichtliche Leben in ben Zuſammenwirken des Wollen? diefer ge= Ihaffenen Subftanzen mit der göttliden Providenz, welche in ihrer Willensmacht fie alle ihrem Ziele entgegenführt.
1) In demſelben Zufammenhang ber Argumentation ebendajelbft vo p. 1995 ab entwidelt.
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Diejes Schema des Leben ift von der Betrachtungsweiſe der Alten ganz verjchieden. Diejelben Haften an dem Kosmos ihre Auf- fallung der Gottheit gebildet, und jelbft ihre teleologifchen Syſteme fannten nur eine Gedanfenmäßigfeit des Weltzufammenhangs. Hier tritt Gott in die Gejchichte und lenkt die Herzen zur Verwirklihung ſeines Zweckes. Daher wird bier der Begriff der Gedankenmäßig⸗ feit der Welt durch den der Verwirklichung eines Planes in ihr erjeßt, für welchen jene ganze Gedantenmäßigkeit nur Mittel, nur Apparat it. Ein Biel der Entwicklung fteht feit und jo empfängt der Gedanke des Zweckes einen neuen Sinn.
Indem diefer Plan Gottes mit der Freiheit des Menjchen zufammengedacht werden joll, tritt in den Mittelpunkt der chrift- lichen Metaphyſik der Geichichte dad Problem, welches durch die Antinomie der Freiheit und eines objektiven den Menſchen beftimmenden Weltzufammenbanga gebildet wird. Daffelbe entipricht innerhalb der realen gefchichtlicden Welt dem, welches wir während des Mittelalterd in der Borftellung Gottes aus der Antinomie zwiſchen dem denknothwendigen Zuſammenhang und dem freien Willen Hervortreten ſahen). Es bat von dem Gegen- ſatz der griechifchen und lateiniſchen Väter und dem pelagianijchen Streite ab mannichfacdde Yormen angenommen. Aber jo wenig einft das Berbältni des Beftandes der Ideen zu dem Dafein der Einzeldinge hatte widerſpruchslos gedacht werden können, war nun die innere Beziehung des fchaffenden, erhaltenden und leiten- den göttlichen Willens zu Freiheit, Echuld und Unglüd menschlicher Millen der Aufklärung durch irgend eine begriffliche Zauberformel fähig. Wie es dort unmöglich war, ein objektive und wider- ſpruchsloſes Syſtem auf dem Begriff der Subftanz aufzubauen, jo gelang e3 bier nicht, eine reale innere Beziehung zwiſchen den Beitandtheilen des Syſtems von Urſachen und Wirkungen, welche für den Willen Raum gelaffen hätte, dem Begriff der Kaufalität abzugewinnen. Die Formel, zu welcher an diefem Punkte dag metaphyſiſche Denken bes Mittelalterd gelangte, war die folgende.
Die Antinomie in demjelben. 421 Alles Wirken eined endlichen Subjeltes, jei es ein Naturding oder ein Wille, empfängt in jedem Augenblide die Kraft zu feiner Leiftung von ber erften Urſache. Doch verhält ſich dag Wirken der endlichen Subftanzen zu dem der erſten Urſache nicht einfach wie das mittlere Glied einer Verkettung von Urſachen rückwärts zur erften Urfache oder Subftanz. Die Wirkung, welche ein endliches Geſchaffenes, fonac auch der Wille, Hervorbringt, ift ganz bedingt durd) jeine Beichaffenheit und ebenjo ganz durch die der erften Ur- lache. Das endliche Reale ift in der teleologifchen Ordnung gleich- fam ein Inftrument in der Hand Gottes, und dieſer verwendet es der Natur dieſes Realen gemäß, wenn auch in Jeinem Zweckzu—⸗ ſammenhang. So gebraucht Gott den Willen des Menſchen ge= mäß der Beichaffenheit deffelben, welche Freiheit einſchließt, und in der Richtung feines lekten Ziels, welches die Aehnlichkeit mit ihm ſelber, ſonach wiederum die Freiheit in fi) faßt!). Aber vergeblich verfuchen nun die Formeln, welche Thomas entwarf, fih Hindurchzumwinden zwilchen dem Deismus, melcher für Gott etwa die Vollkommenheit der Leiftung beaniprucht, welche dem Erbauer einer Majchine zukommt, ſodaß feine Welt nicht be= fändiger Nachhilfe bedarf, und dem Pantheismus, nach welchem aus der beitändigen Erhaltung des gefammten Einzelweſens auch die gänzliche Berurfachung aller von ihm ausgehenden Wirkungen folgt. Widerjprüche quellen überall hervor, fobald man anftatt erfenntnißtheoretiich den Urſprung diefer verjchiedenen Beitandtheile unferer Borftellung vom Leben aufzuzeigen und jo die blos pſychologiſche Bedeutung diefer Antinomie Elarzulegen, dad Unvereinbare durch künſtliche PVeranftaltungen in Harmonie bringen will. SKaufalzufammenhang können wir nicht denken, wo wir Freiheit denken. ben jo wenig können wir beide äußerlich bon einander abgrenzen. Und welche Art ſolcher äußerlichen Ab- grenzung wir verjuchen mögen, diejelbe vermag nicht die Schöpfung der endlichen Wejen durch Gott in folcher Weife faßbar zu machen, 422 Zweites Buch. Dritter Abichnitt.
daß Gott von der Urheberichaft des Böſen freigefprocdden werben fönnte; fie vermag nicht den Widerfpruch zwiſchen dem göttlichen Vorherwifſen und der Freiheit des Menſchen aufzulöfen.
Die veränderte Anjchauung des Reiches der Geifter ſpiegelt ih in der von den chriſtlich gewordenen romanifchegermanijchen Völkern gefchaffenen Dichtung des Mittelalters, in den ritterlichen Epen fo gut ala in Dantes göttlicher Komödie. Nicht mehr in ſich geichloffene Typen allein, welche gegeneinander in Wirkſamkeit treten, erjcheinen in dieſer Dichtung, ſondern Gefchichte des Seelen⸗ lebens, in2befondere de Willens, wie denn Auguftinus jagt: immo omnes nihil aliud quam voluntates sunt, alsdann Auf- faſſung diefer Gejchichte des Willens nach ihren Beziehungen zu dem providentiellen Willen Gottes; in diefer Auffafjung ift aber ein ungelöfter Zwieſpalt zwiſchen der inneren freien Entwidlung und dem dunklen Hintergrund von Kräften aller Art, die ihn beeinfluffen.
Das Reich der Einzelgeifter verwirklicht nun einen metaphyfiihen Zwedzujammenhang, welder in der Offenbarung ausgeſprochen ift. Hierin flimmt das ganze europäiihe Mittelalter überein, und nur die Frage, wie viel von diefem Inhalt aller Geichichte in Begriffen erkannt werden’ kann, wird ungleich entichieden.
Die Metaphyſik des Verlauf? der Geſchichte und der Or— ganifation der Gefellichaft hat während des Mittelalter ihre legten Gründe in dem Bewußtfein, daß der ideale Gehalt dieſes Verlauf? und diefer Organifation in Gott angelegt, in feinee Offenbarung verfündigt und nad feinem Plane in der Gefchichte der Menfchheit verwirklicht ift und fich weiter ver⸗ wirklichen wird. Hiermit war gegenüber dem Alterthum ein Fort⸗ Ihritt von großer Bedeutung vollzogen. Das Zweckleben der Menjchheit, wie e8 in den Syſtemen der Kultur fich entfaltet und durch bie äußere Organifation der Geſellſchaft wirkt, wurde ala ein einheitliches Syſtem erkannt und auf ein erflärendes Prinzip zurüdgeführt. So erlangte die Erfenntniß des inneren Zuſammen⸗ hang in den Borgängen der menschlichen Geſellſchaft ein In⸗ Der Eine Zbealgehalt in ihm. 423 terefie, dad von der Abficht techniicher Anweiſung für das Be⸗ rufäleben ganz unabhängig war!). Dieje Erfenntniß wurde jet bald in der Zelle des Mönchs durch vertiefte Verſenkung in den Gedanken von der Vorſehung Gottes gejucht, bald von ben Bubliziften der Kurie wie des kaiſerlichen Hofes im Dienfte der Parteien verwerthet.
Aber war ſchon die Methode der ariftoteliichen Staats⸗ wiflenichaft darin ungenügend geweſen, daß fie für die Berglie- derung nicht Kaufalbegriffe aus durchgebildeten weiter zurücliegenden Miffenichaften benuten, ſonach die einzelnen Zweckzuſammen⸗ hänge, wie Wirthichaftöleben, Recht, Religion ꝛc. nicht durch analytiiche Erkenntniß fondern nur durch unvolllommene Vor—⸗ ftellungen von einer in der Phyſis angelegten Zweckmäßigkeit er- Hären konnte?): das Mittelalter war noch viel weniger geneigt, die Zufammenbänge, wie fie in den einzelnen Kulturſyſtemen fich darftellen und jchließlich der äußeren Organifation der Gejellichaft zu Grunde liegen, methodiſch zu zergliedern und die jo gervonnenen Zheilinhalte der gejellichaftlichen Wirklichkeit für die Erklärung zu verwerthen. Zudem enthielt die gejellichaftliche Wirklichkeit, wie fie fi ihm darbot, die Inhaltlichleit des geſchichtlichen Lebens noch auf einer niederen Stufe von Diffe- renzirung. Das Auge des Betrachter ſah damals in jedem geiftigen Inhalt den Zufammenhang mit dem Geſetze Gottes oder den Widerftreit gegen daſſelbe. Religion, wifjenjchaftliche Wahr- heit, Sittlichteit und Recht wurden nicht ala relativ jelbftändige Zwedzufammenhänge vom mittelalterlichen Denken aufgefakt, ſon⸗ dern für dieſes war Ein Idealgehalt in ihnen, und erſt feine Verwirklichung unter den Bedingungen der Natur und That des Menichen jchien die Verjchiedenheit diefer Lebensformen hervorzu⸗ bringen. So ſah man in Gott, fofern er das Vernunftideal in ſich enthält, den Quell des Naturrechtes, welches ala eine bindende Norm, und zwar die höchite, folglich ala wirkliches Necht aufgefaßt 424 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.
wurde‘). Daher wurde die ideale Inhaltlichkeit des geſchicht⸗ lichen Lebens nicht wie fie in diefem wirklich da ift, ala Recht, Sittlichkeit, Kunft 2c. analyfirt und dargeftellt, fondern fie wurde in einfdrmiger und erhabener Unbeftimmtbeit in Gott aufgejucht, und alle nähere Erflärung wurde dem Syſtem von Bebingungen anbeimgegeben, unter welchen dieſer ideale Gehalt auf dem Schau⸗ platz der Exde fich verwirklicht. So Hat dieje mittelalterliche Die- taphyfik der Gejellichaft das Problem der Geifteziwiflenjchaften in weltumſpannendem Geift geftellt, aber anjtatt feiner methodifchen Auflöfung nur ein grandiofes tbeologifches Schema der Gliederung geichichtlichen Lebens entworfen.
Daher befitt dag Mkittelalter kein andere® Studium der allgemeinen Eigenſchaften des Rechts, der Sittlid- feit zc. ala dies metaphyſiſche. Und wie die Grundlegung der Metaphyſik von dem Widerfpruch zwifchen dem Willen Gottes und dem nothwendigen Zuſammenhang de Kosmos in feinem Verſtande, zwiſchen der Oekonomie des Heild und den ewigen Wahrheiten innerlich zerriffen wird, fo fett fich derjelbe ın die Metaphyſik der Gejellichaft fort. Die fo entftehende Antinomie tritt zu der zwiſchen der menschlichen Freiheit und der göttlichen Providenz. Willendgebot und Willensakt in Gott, durch fie geſetzte Snftitution und Thatjächlichkeit find in bald verſchwiegenem bald laut ausbrechendem Widerftreit mit der Konftrultion aus der Noth- wendigfeit de3 Gedankens. Das Nachfolgende wird zeigen, daß Wille und Plan Gottes der mächtigere Theil dieſer theologiſchen Metaphyſik waren; wie fie denn auch das letzte Wort behielten.
1) Am Larften entiwidelt in Thomas von Aquino summa theol. II, 1 quaest. 90 ff. (wo feine Rechtsphiloſophie beginnt): 1) lex — quaedam rationis ordinatio ad bonum commune, ab eo qui curam communitatis habet, promulgata (quaest. 90 art. 4); 2) lex aeterna — (da Gott als Monard) die Welt regiert) ratio gubernationis rerum in Deo sicut in principe universitatis existens (quaest. 91 art. 1); dieſe lex aeterna ift bindende Norm oberfter Art und Urſprung jeder anderen binden: den Norm; 3) lex naturalis — participatio legis aeternae in rationali creatura; burch eine Participation des Menſchen an dem ewigen Gejeß ent: fteht aus der lex aeterna in Gott die lex naturalis, welche die überall gleiche Norm ber menſchlichen Handlungen bildet (quaest. 91 art. 2).
Keine analytiſche Methode und keine Kaufalerkenntniß. 425 Bon dem durch die Offenbarung vermittelten Bewußtjein bes Spdealgehaltes von Weltlauf und Gejchichte geht nun das Licht aus, welches diefer mittelalterlichen Metaphyſik der Geſellſchaft den inneren Bufammenhang der Weltgejchichte erleuchtet.
Die Einheit der Weltgeſchichte liegt in dem Plane Gottes. „Es ift nicht zu glauben”, jagt Auguftinus, „daß Gott, der nicht allein Himmel und Erde, nicht allein den Engel und den Menfchen, fondern auch da8 Innere des Heinen fo leicht miß- achteten Thieres, das Flügelchen des Vogels, die Kleine Blüthe des Graſes und das Blatt des Baumes ohne eine Angemeſſenheit ihrer Theile und gleichſam eine friedliche Harmonie nicht hat laſſen wollen, die Reiche der Menjchen, ihre Herrſchafts- und ihre Ab- bängigteitäverhältniffe von der Gejebgebung feiner Providenz Hätte auzichließen wollen“ *). Diefer Zufammenhang des Planes der Vorſehung ift in Anfang, Mitte und Ende durch die Cifenbarung feftgeftellt._ Der Stammvater der Menjchen, in welchem alle fün- digten, Chriſtus, in dem alle erlöft wurden, und die Wiederfunft, in der über alle gerichtet wird, find folche feſte Punkte, zwiſchen denen nun die Deutung der Thatfachen der Gejchichte ihre Fäden zieht. Dieje Deutung ift augfchließlich teleologifch. Die Glieder des geichichtlichen Verlaufs werden nicht als die einer Kauſal⸗ reihe, ſondern als die eined Planes betrachtet. Die Yrage, welche folgereht an die einzelne gejchichtlicde Thatjache geftellt wird, ift nicht die nach ihrer urjächlichen Beziehung zu anderen Thatfachen oder allgemeineren Verhältnifſen, jondern die nad) ihrer Zived- beziehung zu dieſem Plan. Daher bedienen ſich die mittelalter- lichen Gelchichtichreiber zwar des Pragmatigmus zur Erklärung der Handlungen der einzelnen Perjonen, aber die gejchichtlichen Maſſenerſcheinungen treten ihnen niemals in einen kau⸗ falen Zufammenhang. Diele Metaphyſik der Weltgefchichte ſucht in ihr ala Erklärung ihres Zuſammenhanges einen Sinn, wie wir einen ſolchen in dem Epos eines Dichters Juchen.
1) Auguſtinus de civ. Dei V c. 11 vgl. Origened c. Cels. II c. 30. In Auguftinus de civ. Dei tehrt diejer leitende Gedbante immer wieder 426 Zweite Bud. Dritter Abſchnitt.
Und zwar fand ſich das chriftlicde Nachdenken zunächſt zu einer folchen teleologijchen Deutung der Geſchichte durch die Ein- wendungen der Gegner genöthigt. Daher entftand dieſe Metaphyſik der Geſchichte Schon in ber Epoche der Väter und des Ringen? zwiſchen Chriſtenthum, antitem Götterglauben und Judenthum durch die Gewalt der Dinge und wurde vom Mittelalter nur fort« gebildet. Warum, jo fragten die Gegner des Chriftenthums, mußte das von Gott durch Moſes gegebene Geſetz verbeflert werben, da man doch nur verbeflert, was jchlecht gemacht worden ift!)? Warum joll der Römer die religiöfen Ueberzeugungen, auf welchen die Gejellichaft beruht, und die gemeinfame Bildung, welche bie zur Humanität Erzogenen verbindet, verlaffen)? Warum, ſo fragten Celſus und Porphyrius in ihren Etreitichriften gegen das Chriftentfum gemeinfam, ift e8 Gott erft nach jo langem Derlauf der Geſchichte +ingefallen, die Menſchen zu exlöfen >)? Und jeitdem die Barbaren dag römilche Imperium zu bedrängen begannen, ja die chriſtlichen Gothen Rom erobert und verwüftet hatten, entftand die noch tiefer in die Deutung der weltlichen Ge⸗ ichichte Hineinführende Frage: ift nicht das Chriſtenthum die Ur- fache aller neueften Unglüdafälle des Imperiums, oder wie kann, im Gegenſatz gegen die dahinzielenden Vorwürfe, diefe ungeheure politijche Krifis gedeutet werden *)? Die erften diejer Fragen riefen 1) Anfrage des Marcellinus an Auguftinus, in deſſen Briefwechſel, epist. 136.
2) So vielfach 3. B. Celſus bei Origenes contra Cels. V c. 35ff.
3) Celſus bei Origenes contra Cels. IV c.8, Porphyrius bei Auguftinus epist. 102 (sex quaestiones contra paganos expositae, quaest. 2: de tempore christianae religionis).
4) Gegen biefen Borwurf ift Auguftind Hauptwerk de civitate Dei gerichiet, vgl. lib. I u. lib. II, c. 2. Ebenſo beziehen fich auf ihn die fieben Bücher historiarum adversum paganos von Orofius. Vgl. I prol.: er entipreche ber Vorſchrift bes Auguftin, die Vorftellung einer Zerrättung ber Welt und der menjchlichen Gejellichaft in Folge des Chriſtenthums zu befämpfen; daher ſchleppt er alle Unglüdsfälle zufammmen. praeceperas “ergo, ut ex omnibus, qui haberi ad praesens possunt, historiarum atque annalium fastis, quaecumque aut bellis gravia aut corrupta morbis aut fame tristia aut terrarum motibus terribilia aut inundationibus aquarum insolita aut eruptionibus ignium metuenda aut ictibus ful- Der einheitliche Zuſammenhang ber Geichichte. 427 eine Deutung der inneren Gejchichte der religiöjen und pbilofo- phiſchen Ideen hervor, welche in dem gejchichtlichen chriftlichen Bewußtſein jchon angelegt war'). Die letzte Frage zwang, das römiſche Imperium in den Kreis dieſer metaphufiichen Betrach⸗ tung der Geichichte zu ziehen, und zu ihrer Beanttwortung traten die erften Entwürfe einer umfaflenden Philojophie der Gejchichte, die Schrift des Auguſtinus über den Gotteaftant und die Hiftorien feined Schülers Oroſius, hervor.
Ueber dieſen Räthſeln ſann der chriftliche Geift, gejchichtlich in feinem Weſen, zurücblidend auf nunmehr abgeichlofiene Ge- ftalten des geiftigen Leben?, die innerlich vergangen waren, und zu univerjalbiftoriicher Betrachtung aufgeregt, da die Nacht der Barbarenherrichaft über da3 Imperium Romanum bereinzubrechen Ihien. So entftand die Löjung diefer Räthjel durch den Ge- banken einer inneren Entwidlung be Menſchenge— ſchlechtes ald einer Einheit in einer Stufenfolge, in welcher jede frühere Stufe die nothiwendige Bedingung der jpä- teren if. Die Stufen find nicht im Kauſalzuſammenhang als Wirkungen bedingt, jondern in dem Plane Gottes als Beſtand⸗ theile angelegt. Und der Gedanke ded Fortgang durch fie ver- bleibt in den Grenzen eined Schema, nach welchem der Yortichritt durch eine Anpaffung der göttlichen Erziehung an die Zuftände des Menſchengeſchlechts bewirkt wird. — Zertullian betrachtet das Menſchengeſchlecht in Rückſicht jeiner veligiöjen Erziehung als einen einzelnen Menſchen, welcher in verſchiedenen Lebenzaltern lernend und voranichreitend die nothiwendigen Stufen feiner Entwicklung durch⸗ läuft. Der religiöje Fortgang im Menſchengeſchlecht zeigt nach ihm ein organisches Wachstum. Das Bild de Organismus, welches als Leitfaden für das Verſtändniß des Verhäliniſſes der Theile zum Ganzen in der Geſellſchaft verwandt worden war, wird von minum plagisque grandinum saeva vel etiam parricidiis flagitiisque misera, per transacta retro saecula repperissem, ordinato breviter voluminis textu explicarem. Das war ein unheilvolles Vorbild für die Geſchicht⸗ fchreibung des Mittelalters.
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ihm gebraucht, um die Art, wie bier dag Frühere dad Spätere trägt und bedingt, aufzullären )y. Diefem Stufengang ber Er- ziehung bat Clemens vermittelit feiner Lehre vom Logos auch die griehiiche Philojophie eingeordnet?); jedoch Hat eine jo weit- herzige Lehre Teine Folgen für den nächſten Verlauf der Metaphyſik der Geichichte gehabt. Und Auguftinus findet die Verände— rungen, welche innerhalb der Offenbarungsreligion ftattfinden, be- dingt durch eine Entwicklung der Menjchheit, welche der Stufen- folge der Lebengalter vergleichbar ift?). — So beherricht dieſe und andere Kirchenväter dieſelbe Auffaſſung. Die Menjchheit ift eine Einheit, gleichſam Ein Individuum, welches eine Lebensent⸗ widlung durchlaufen muß, dem aber, ala einem Zögling, die Regel diefer Entwiclung vorherrichend von dem planmäßig wirkenden Erzieher kommt. Neben diefer tieferen Gliederung der Geichichte der Menſchheit geht die mehr äußerliche Eintheilung Her, welche diejelbe in den Schöpfungdtagen entiprechende Weltalter zerlegt. Diefe Idee von dem inneren Zuſammenhang der Gelchichte der Menfchheit, welche flüchtig und unfaßbar wie fie war zwifchen den harten Thatſachen der Geichichte ſchien zerfließen zu müffen, empfing feften Umriß und Sörperlichkeit durch den Zufammen- hang religiöfer und weltlider Borftellungen, m welchen fie eintrat. In der Unabhängigkeit der religiöfen Er- fahrung und des auf fie begründeten religiöfen Gemeinlebens, welches auch gegenüber der römiſchen Weltherrichaft ſich aufrecht erhielt und fih im Gefühl feiner Unbefiegbarfeit behauptete, war die Trennung der religiöjen Sphäre der Gejellichaft 1) Zertullian de virginibus velandis c. 1.
2) Glemend stromat. I c. 5 p. 122 (Sylb.) von der Bhilofophie: enaıdayaya yap xal ebrn TO "Elinvıxov, ws 6 vöuos tous "Eßewfovs eis Xoıoror.
3) Auguftinus ep. 138 c. 1, zur Auflöfung des von Marcellinus (S. 424 Anm. 1) geftellten Probiemd: quoties nostrae variantur aetates! adoles- centiae pueritia non reditura cedit; juventus adolescentiae non mansura succedit; finiens juventutem senectus morte finitur. haec omnia mutantur, nec mutatur divinae providentiae ratio, qua fit ut ista mutenfur.. aliud magister adolescenti, quam puero solebat, imposuit.
Kirche und Weltreich. 429 von der weltlichen begründet. Sie war zuerft in der Entjchei- dung Chrifti außgefprochen worden: gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers ift, und Gott was Gottes ift. Durch diefe Trennung wurden Geſetz und Staat Gottes, die das letzte Wort der alten Philojophie in der ftoifhen Schule gewejen waren, in eine weltliche Ordnung der Gejelichaft und einen religiöfen Zufammen- bang zerlegt. Dem entiprechend lehnte fi) nun die nähere Vor- ftellung von dem Zufammenhang der Hiftorie und ber Gelell- Ihaft an zwei geſchichtliche Vorftellungsfreife, deren einer die Kirche, der andere dad römische Weltreich, feine Dorläufer und jein Schickſal zum Gegenftande Hatte Da dieſe Gejellichaftslehre von dem Willen und Plane Gottes audging, fonnte fie nicht rein aus einem DVernunftgehalt den Zuſammenhang der Geichichte deduciren, jondern mußte auß den großen geichicht- lichen Bezeigungen dieſes Willen? den Plan Gottes deuten. Die Ipefulative Konftruftion trat nur nachträglich zu dieſer religiöfen Deutung Hinzu, wie ihre Lücen zeigen. Diefe Deutung arbeitete aber mit einen elenden Material. Der unwiſſenſchaftliche Charakter des mittelalterlichen Geiftes und die Herrichaft des Aberglaubend über denjelben Tann nur aus feiner Stellung zu den geichichtlichen Thatjachen und zu der geichichtlichen Tradition verftanden werden. Denn ihm jtand eine abgekürzte und verfälichte Meberlieferung über die alte Welt ala Autorität gegenüber, gleichviel welche die Ur— jachen waren, die ihn zu einem jo unkritiſchen Verhalten beftimmt haben. Und indem dieje feine Lage gegenüber ben hiſtoriſchen Wiſſenſchaften mit dem Zuſtande jeine® naturwiſſenſchaftlichen Denken? zuſammentraf, breiteten fi) von bier aus tiefe Schatten und fabelhafte MWejen über die Erde aus.
Unter den Elementen, au8 welchen die Erklärung der äußeren Organiſation der Geſellſchaft im Mittelalter fich zuſammenſetzt, war das wichtigste die Anjchauung der Kirche. Dieſe beftimmte den theokratiſchen Charakter der mittelalterlichen gejellfchaftlichen Auffaſſung. Die geiftigen Subftanzen aller Rangordnungen find in der Kirche zu einem myſtiſchen Körper verbunden, der von der Dreieinigfeit und den Engeln, die ihr zunächſt ftehen, hinabreicht 430 Zweites Buch. Dritter Abichnitt.
bis zu dem Bettler an den Pforten der Kirchenthür und dem leibeigenen Mann, der demüthig in dem letzten Winkel der Kirche Inieend da3 Opfer der Mefle empfängt.
Der Ichöpferifche Keim diefer Anfchauung Liegt in den Briefen des Apoftel Paulus. Paulus bezeichnet die einzelnen Chriften als Glieder des Leibe Chrifti; unter Chriſtus ala bem Haupte find die einzelnen Gemeindeglieder durch die Einheit des Geiftes zu einem Organismus verknüpft. Innerhalb dieſes Organismus haben die einzelnen Gemeindeglieder verjchiedene, aber dem Leben des Ganzen nothivendige Funktionen. Daher leiden mit jedem Glied alle anderen Glieder mit. In diefer pauliniichen Anſchau⸗ ung des chriftlicden Gemeindelebend ift die Mebertragung des Bes griff? eines Organismus ein Tropus, und nie bat Paulus daran gedacht, den Zuſammenhang des religids fittlichen Lebens der Gemeinde in die Naturgebundenheit des organiſchen Lebens herabzumindern. Aber diefer Tropus drückt hier den That⸗ beftand einer Einheit aus, welche ganz anderer Natur ift, als die in einem politiſchen Ganzen. Denn dad Prreuma ift in der Gemeinde eine reale Einheit, ein reales Band, mie die Pſyche in einem menjchlichen Körper. Und daher empfängt in dieſer Anwendung ber Tropus ded Organismus einen genaueren Sinn.
indem nun aus den Gemeinden, auf welche die tieffinnige Anſchauung de Paulus fich bezog, Die rechtliche und politiiche Organifation der katholiſchen Kirche erwuchs, entftand ein Begriff, in welchem dieſer Staat Gottes vorgeftellt wurde als zuſammen⸗ gehalten durch ein reales Band, dem gleichlam neben und zwiſchen den Individuen eine Art von Griftenz zukam. Wir können bie Momente erkennen, welche diejen Begriff geftaltet haben. Der Gedanke der Kirche als eines durd) den einheitlichen Geift Gottes be- feelten Körpers empfängt zunächft eine Stübe in der Auffaffung des Abendmahl, welche in demielben das Sakrament der Einverleibung in die Kirche ſieht. Dieſe Auffaffung, wie fie bei Auguftinug ab- geichlofien vorliegt, ift dadurch vermittelt, daß unter dem Körper Chrifti die Kirche verftanden wird; daher in dem Abendmahl die Theilnahme an diefem Körper Chrifti, der alleinjeligmachenden Das reale Band der Firchlichen Organijation. 431