Kirche, die Inkorporation des Einzelnen in die Kirche flattfindet 2). Eine weitere Unterflübung empfängt die dee von dem realen Bande, welches die Kirche zuſammenhält, durch die Vorſtellung von einer Webertragung thatjädhlicher Art, vermöge deren in den Meihen Kräfte der üiberfinnlichen Welt auf den Klerus von oben übergeben, ja gleichſam in Stufen abwärts firömen; jo entipringt mit der Ordination die von den Laien unterjcheidende geiftliche Befähigung, vermöge deren der Kleriker feine Funktionen übt. Auf diefe Weile empfängt die dee der Kirche ald des corpus mypsti- cum Christi eine finnliche Vorftellbarkeit. Da aber zugleich dieſe Kirche zu einer civitas Dei, einem jtaatähnlichen Ganzen wird, welches Träger ausgedehnter Machtbefugniffe ift, wird der Begriff der Einheit des kirchlichen Organismus nun auf dieſen politiichen Körper übertragen. Dies bat zur Tolge, dab der von oben wirtende Geift als Träger von Machtbefugnifien erfcheint, welche durch feinen Körper in der Kirche ausgeübt werden. Das dem Kleriter durch die Weihen übertragene Amt enthält nach dieler Seite dag Recht und die Pflicht, die Kirchengewalt in einem be= flimmten materiellen Umfang und innerhalb eines beftimmten - räumlichen Bezirks auf Grund des ftändig ertheilten Auftrags auszuüben. Die Machtbefugnifie der Kirche innerhalb der Ge- jellichaft find einerſeits, als Machtbefugnifie, durch Rechtsſätze daritellbar und demgemäß in einer Rechtsordnung, dem kanoniſchen Rechte, gegliedert, und andrerſeits haben fie, als von Gott ftammend, die Höchfte Geltung in der menschlichen Gejellichaft. So entftand die Anichauung der aus Haupt und Gliedern be= ftehenden Geſammtheit der Kirche, in welcher, als ihrem Körper, die aus der transſcendenten Welt auf fie übertragene, eine gött- liche Heilsordnung vollziehende Einheit wohnt: als Seele dieſes Körper venwirklicht fie den höchſten Zweck mit den höchſten Machtbefugnifien,; wie mit diefem Zweck verglichen alle die In— 1) Nah Aelteren Auguftinus serm. 57 c. 7; serm. 227 und 272; de civ. Dei XXI c. 19ff.
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terefien, welchen die politijchen Ordnungen leben, nur Mittel find, jo find alle politiichen Ordnungen ihr unterthan.
Dies ift der Grundgedanke der theokratiſchen Geſellſchafts⸗ ordnung des Mittelalters. — Die Theologen, vor allen Au— guftinus, haben diejen Grundgedanken theoretifch dargeftellt. Indem fie ſich an die durch die Stoiker geichaffene Verknüpfung des Naturrechts mit einer teleologifchen Metaphyſik anjchloffen!), fiel ihnen weiter mit dem göttlichen Recht, deſſen Träger die Kirche ift, dad natürliche zujammen, und fo ftellten fie das Tirchliche Recht ala ein aus Gottes ewigem Heilsplan erfließendes, darum an fi und unveränderlich gültiges, den menfchlichen Saßungen gegenüber?). Sie betrachteten die gegen die kirchlichen Geſetze ver- ftoßenben Anordnungen und Geſetze des Staats ala unverbindlich °). Sie orbneten im Zuſammenhang mit der ganzen eben dargelegten hriftlichen Teleologie den Staat dem myſtiſchen Körper Chrifti oder der Kirche ala Mittel, ala dienendez Inſtrument unter ). — Aber während die Theologen dieje Theorie enttvidelten, hat die monar- chiſche Staatsgewalt des römiſchen Imperiums an den Grund: lagen des überlommenen römiſchen Rechtes feftgehalten, nur allmälig drangen die chriftlich-Kirchlichen Ideen in das Rechts⸗ leben ein, und erft die Ranoniften haben fie in den willen- 2) Auguſtinus tract. VI, 25 ad c. 1 Joann. v. 32: divinum jus in scripturis divinis habemus, humanum jus in legibus regum; ep. 93 c. 12. Bol. Ifidor Etymol. V c. 2; omnes autem leges aut divinae sunt aut humanae. divinae natura, humanae moribus constant; ideoque hae discrepant, quoniam aliae aliis gentibus placent. — Für ben Begriff der lex naturalis, welche ala Gejehgebung Bottes das fittliche wie das rechtliche Gebiet umfaßt, ift zwiſchen Auguſtinus und Thomas von Aquino beſonders wichtig Abälard in feinem dialogus inter philosophum, Judaeum et Christianum.
3) Auguſtinus ep. 105 c. 2; sermo 62 c. 5. — Ueber den Begriff be3 Naturrecht? bei Thomas von Aquino und feine Untericheidbung von lex aeterna und lex naturalis vgl. ©. 424.
4) Innerhalb der Darlegung des Auguftinus in Buch XIX de civ. Dei beſonders c. 14: das Biel der terrena civitas ift bie pax terrena, ba3 ber coelestis eivitas dagegen ift die pax aeterna, und ber Zweck bes Menfchen liegt in der letzteren.
Die Kirche und bie theofratifche Geſellſchaftsordnung. 438 ſchaftlichen Zuſammenhang ber pofitiven Jurisprudenz mit ſchöpferi⸗ ſcher Kraft eingeführt. Wir heben nur den Grundgedanken heraus. Die Korporation der Kirche beruht auf unmittelbarer göttlicher Einſetzung; ſie wird von dem himmliſchen König regiert; von dieſem transſcendenten Willen aus durchſtrömt fie der Geiſt Gottes; und zwar iſt die Art wie er in der Kirche wirkt durch die gött⸗ liche Einſetzung feſtgeſtellt, daher in rechtlichen Formen beſtimmt, an welche die Heilsmittheilung wie die in ihr begründete Macht⸗ befugniß ber Kirche gebunden iſt; bie Form dieſer Verfaſſung iſt der rechtliche Ausdruck der Thatſache, daß in ihr der göttliche Wille aus der transſcendenten Welt in die irdiſche, und innerhalb dieſer von dem Stellvertreter Chriſti in Stufen abwärts geleitet wird. Man gewahrt hier, daß dem Syſtem der Hierarchie innerlih eine emanatiftiide Vorſtellungsweiſe ent- ſpricht, wie denn die Darftellung der himmliſchen und irdifchen Hierarchie durch den Wreopagiten und die Wirkung dieſer Dar- ftelung im Mittelalter einen ſolchen Zuſammenhang beftätigt; die ‘dee Gottes it in einen lebendigen Fluß und Prozeß aufge- löft,; von Gott aus erftrecdt fich ein Willenszuſammenhang in den Naturzufammenhang.
Diefe theofratifche Geſellſchaftsordnung des Mittelalters ſetzt an die Stelle der bisherigen politiichen Prinzipien des Abendlandes das der Autorität, die von Gott ftammt. Die in ihr wirkende Anſchauung Hat die ganze Auffaffung der Gejellichaft im Mittel- alter umgeftaltet. In der Jurisprudenz entftand nun ein Begriff der Korporation, welchem gemäß die natürlichen Individuen, die in ihr verbunden find, nur das wirkliche Rechtäfubjelt repräfentiren, das als unleiblic” und unfichtbar allein durch feine Glieder zu handeln vermag; die wichtigen ftaatsrechtlichen Begriffe der Reprä- jentation und des perjönlicden Amtes bildeten fi aus. In der politiſchen Wiſſenſchaft entftand die theologiiche Begründung der Begriffe vom Staat und, verbunden mit ihr, eine erfte Metaphufit der Gejellichaft, welche in der allgemeinen Metaphyſik gegründet war und die ganze damals befannte Wirklichkeit der gejchichtlichen und gejellichaftlichen Phänomene umfaßte.
Dilthey, Einleitung. 28 434 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt.
Aber das gerade gab und erhielt diefer theokratiſchen Gefell- ſchaftslehre ihre Macht, wie ihr Grundgedanke fi) mit den mannig⸗ fachften Elementen verband, vom Altertum ber mit den Begriffen der griechiichen Philofophie und des römischen Recht? ſowie ber Thatſache des römiſchen Kaiſerthums; von dem Leben der ger- maniſchen Völker her mit rechtlichen und politiichen Ideen und Inſtitutionen. ‚Hier war ein weltlihder Vorſtellungskreis begründet, welcher theild von dem theofratiichen Syſtem unter- worfen wurde und jo mit ihm verſchmolz, theild demſelben ent⸗ gegentwirkte.
AS das römifhe Imperium noch aufrecht ftand, wenn auch von den anftürmenden germaniſchen Barbaren bereitö er- Ichüttert, fchrieb Auguftinus fein Wert über den Staat Gottes, in welchem er den weltlichen Staat dem Gotted gegenüber ftellte. Nach diefem Werke ift das römiſche Weltreich eine Repräjentation der civitas terrena in ihrem legten und mächtigſten Stadium. Die Römer haben von Gott die Weltherrichaft empfangen, weil fie den höchſten irdiſchen Leidenschaften, vor allem der Begierde be3 Nachruhms, „durch welchen fie auch nad) dem Tode gleidh- fam fortleben wollten“, alle niederen Leidenichaften unterordneten; ihre Aufopferung für den irdiichen Staat ift den Chriften ein Borbild der Aufopferung, welche fie dem himmlischen ſchuldig find). Der Gedanke des römischen Weltreiches war nad) den ſtaatsphiloſophiſchen Erörterungen des Polybius in der gefchicht- lichen Literatur der Kaiſerzeit jelbft durch die dürftigen Hand- bücher eine Florus und Eutrop befeftigt worden, Auguftmus beftimmte nun in jeiner Konftrultion die Bedeutung, die dem römischen Weltreich im Plan der Vorjehung zukomme, und zu= gleich deren Grenze, wie er ſie vom Standpunkte des Chriſtenthums aus einzuſehen glaubte. Als dann die Kirche die kaiſerliche Krone dem großen Germanenkönig auf das Haupt fette, trat der Gedanke ber römiſchen Weltmonarchie in ein näheres Verhältnik zu dem Begriff einer von der Kirche umfahten einheitlichen Chriftenbeit.
1) Auguftinud de civ. Dei V c. 12 ff.
Das Weltreich. 495 Wenige Jahre danach) (829) haben. zwei Koncilien zu Paris und zu Wormd auf Grund der Lehre von dem Einen Körper der Chriftenheit entwidelt, daß diefer Körper einerjeitd vom Priefter- thum, anbererjeitd? vom Königthum regiert werdet). Eine That- ſache und ein begriffliher Zuſammenhang begegneten fich jo in der Konſtruktion der Weltmonarchie. Und rückwärts verfolgte man den Gedanken derjelben unter dem Einfluß der Stelle im Buche Daniel über die vier Reiche in das Morgenland: fabel- umgebene Bilder von den vier Meltmonarchien wurden da8 Schema der politiichen Geſchichte.
Diefe gefchichtlichen und politiicden Realitäten, vermiſcht mit Tabeln von folcden, erhielten in dem theokratiſchen Syſtem ihren Pla und eine mit deflen tiefften Prinzipien zuſammenhängende Deutung. Schon die Stoiker hatten die Monarchie Gottes mit dem römischen Univerjalftaat in Beziehung gebracht; num wird aus dem einheitlichen Plane Gottes und der Einheit des Menfchen- geichlechtes ala feines Gegenftandes die Monarchie in Dantes Berftande d. h. der Weltſtaat gefolgert, entiprechend dem geift- lichen GEinheitäftante der Kirche. Dante Hat diefen Zuſammen⸗ bang am eindringlichften dargeftellt, in einer Mehrzahl von Ar- gumenten, deren Nerv bderjelbe if. Das Menſchengeſchlecht, ein Theil des von Gott geleiteten Univerfums, bat einen einheitlichen Zweck, welcher in dem Auswirken aller intelleftuellen und praf- tiſchen Kräfte der Menjchennatur befteht. Nun wird eine Vielheit zu Einem Zweck am ficherften durch eine einheitliche Kraft gelenkt, wie die Vernunft alle Kräfte der Menſchennatur leitet, das Familien⸗ haupt jein Haus, der Einzelfürft feinen Staat und ſchließlich Gott die Welt, in welcher das Menjchengejchlecht enthalten if. So 1) Concil. Parisiense 829 (Mansi t. XIV p. 537f.). Const. Worm. (Monum. Germ. Legum 1 p. 333 rescr. c. 2. 3): 2. Quod universalis sancta Dei ecclesia unum corpus ejusque caput Christus sit. Died wirb durch bie S. 430 berührten Stellen de3 Paulus erwielen. 3. Quod ejusdem ecılesiae corpus in duabus principaliter dividatur eximiis personis. principaliter itaque totius sanctae Dei ecclesiae corpus in duas eximias personas, in sacerdotalem videlicet et regalem, sicut a sanctis patribus traditum accepimus, divisum esse novimus.
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allein wird der Friede unter den Menfchen verwirklicht und bie Aehnlichkeit mit dem Vollkommenſten, der Herrſchaft Gottes über die Welt, hergeftellt. So allein wird die äußere Bedingung für die Herjtellung der Gerechtigkeit erfüllt, da ein Syſtem ftreitender Stanten feine höchſte Inſtanz zur Entjcheidung nach dem Rechte befäße. So allein wird endlich die innere Vorausſetzung, beren die Gerechtigfeit bedarf, geichaffen, da der Kaiſer allein, deſſen Jurisdiktion nur an dem Ocean feine Schranten bat, Teinen Wunſch mehr haben kann und jo keine Begierde in ihm die Ge- rechtigfeit hemmt. Mit allem Aufwand des ſyllogiſtiſchen Hand⸗ wert? jener Tage erichließt der große Dichter, daß nur das Kaiſerthum als Weltftant einen befriedigenden Zuftand des Menfchengejchlechtes herbeiführen könne). Wie alle Deduftionen der mittelalterliden Metaphyſik der Gejellichaft, Tonnte auch diefe von entgegenftehenden Intereſſen leicht befämpft und durch andere erjebt werben. Die Vertheidiger des Rechtes der Einzelmonarchien durften den Willen Gottes aus der Verjchiedenheit der Lebend- bedingungen, der Sitten wie des Rechtes der Einzelvöller im Sinne des Nationalitätsgedankens deuten?).
Die nähere Einordnung des Staates in den dargelegten theo— fratiichen Zujammenhang ift eine verjichiedene geweſen, je nad) der wechielnden Werthung des Imperiums, des Staatälebend über- haupt. Drei verjchiedene Arten, den Werth des weltliden Staates zu beftimmen, können hier unterfchieden werden.
1) Dante widmet das ganze erfte Buch feiner Schrift de monarchia der Entwidlung diefer Sätze. — Auch hier findet man bei Occam eine Iharffinnige Abwägung von Gründen und Gegengründen, welche die logiſche olgerichtigkeit der metaphyfiſchen Konſtruktion nicht mehr anerkennt, Occam dialogus p. IH tract. 2 1. 1 c. 1—9.
2) Au Thomas von Aquino hebt in feinem Kommentar zur ariftotes liſchen Politik lib. VII lect. 3 hervor, daß ein mäßiger Umfang bed Staates für die Ordnung in ihm erforderlich fei; vgl. Johannes Parifienfi3 de po- testate regia et papali c. 3 (in Golbaft monarchia II p. 111) und die am meiften allfeitige Behandlung des Problems dur Occam dialogus p. II tract. 2 1.1 c. 1ff.; Occam verwirft jede metaphyfiſche Auflöfung des Problems und geftattet nur eine nach ber hiſtoriſchen Lage c. 5.
Drei verichiebene Werthungen des weltlichen Staates. 437 Auguſtinus betrachtete allein den „Staat, deflen König Chriſtus ift,“ d. h. die Kirche, ala Stiftung Gottes und ala Aus⸗ drud der in ihm gegründeten fittlichen Weltordnung, dagegen leitete er Eigenthum und Herrichaftsverhältniffe aus dem Sündenfall ab. Daber war ihm der weltliche Staat, wenn er nicht in den Dienft des himmliſchen tritt, eine Schöpfung der Selbftfucht: civitas dia- boli!). So begründete er die hierarchiſche Auffaflung des Staats⸗ lebend, für welche der Staat ein an fich werthloſes Anftrument im Dienfte der Kirche zum Schube des wahren Glauben und zur Belämpfung der Ungläubigen geweſen if. Gregor VII. und Vertreter feiner päpftlichen Politik haben denjelben Stand⸗ Punkt feftgehalten?), und in der ertremen päpftlichen Partei hatte er während des ganzen Mittelalter jeine Vertreter. Aber bei den hervorragendften politiichden Metaphyfilern des Mittel⸗ alter8 befteht im Zuſammenhang mit dem Studium des Ariftoteles eine andere Werthung des ftaatlichen Lebens. Thomas von Aauino und Dante bezeichnen den Höhepunkt diejer politischen Me⸗ taphyſik; fie find beide von dem Standpunkt des Auguſtinus weit entfernt; jo verjchieden fie fi) auch felber in diefer Frage ver- halten, beide weilen die Ableitung des ftaatlichen Lebens aus dem Sündenfall ab und finden daflelbe vielmehr in der fittlichen Natur des Menjchen begründet.
Und zwar it Thomas von Aquino der Hauptver⸗ treter der zweiten Richtung in Bezug auf die Wertbung des Staatzlebend. Er beftimmte deilen Aufgabe dahin, daß ed das Syſtem von Bedingungen verwirflide, an welche der 1) Auguſtinus de civ. Dei XIVc. 28, XV ec. I-5, XVlc. 3.4. XIX c. 15—28. — Die Vergleihung des Staates mit einem wilden Thiere, wie fie Plato und Hobbes gebraudgen, wird auch don Auguftinus, anknüpfend an bie Apofalypje angewandt, de civ. Dei 20 c. 9.
2) Gregor VI. in Jaffés bibliotheca IH (1865) lib. VIII ep. 21 a. 1081 p. 457: quis nesciat, reges et duces ab iis habuisse principium, qui, deum ignorantes, superbia rapinis perfidia homicidiis, postremo universis paene sceleribus, mundi principe diabolo videlicet agitante, super pares, scilicet homines, dominari caeca cupidine et intolerabili prae- sumptione affectaverunt?
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religiöſe Zweck des menſchlichen Daſeins gebunden iſt. Dieſe Auffaffung entſpricht der allgemeineren mittelalterlichen Auffaffung des weltlichen Lebens, als eines Mittels und einer Grundlage für die Verwirklichung des religiöſen, wie fie in der Ethik Albert’ 3 des Großen und des Thomas von Aquino ihren Haffi- ſchen Ausdrud gefunden bat. Der lebte Zweck der menſchlichen Gelelichaft ift nach der Schrift des Thomas über das TFürftenre- giment, durch tugendhaftes Leben zu dem Genufle Gottes zu kommen. Dies Biel kann nicht durch die Kräfte der menichlichen Natur er- reicht werden, jondern nur durch die Gnade Gottes. Daber ift die Verwirklichung des tugendhaften Leben? in der ftaatlichen Gemein ſchaft dag Mittel für die Erreichung eines Zweckes. welcher jenfeit des vom Stante zu Leiftenden liegt und von dem göttlichen Könige felber fowie durch Mebertragung von dem Prieſterthum ver- wirklicht wird. Alſo ift diefer Hierarchie die weltliche Herr- ſchaft untergeordnet‘). Einen ſchon aus ber Zeit ber Kirchen- väter herrührenden, von den mittelalterlichen Denkern vielfach an⸗ gewandten Vergleich aufnehmend, findet Thomas im Verhältniß des weltlichen Staates zur Kirche ein Abbild des Verhältniſſes des Leibes zur Seele?). Diefe Werthbeftimmung des ftaatlichen Leben war unter den mittelalterlichen Schriftftellern die am meiften verbreitete, und Thomas, der weiſeſte aller Vermittler, bat auch hier die. außgleichende Formel glüdlich ausgeſprochen.
Ein dritter Standpunkt entjprang aus einer höheren Werth⸗ ſchätzung des Staatälebend. Er betrachtet dad imperium und da3 sacerdotium als zwei gleich unmittelbar von Gott ftammende &e= walten, von denen jede eine jelbftändige Funktion in der fittlichen Welt ausübte. Er erkennt alfo dem Staate und der Kirche bie 1) Thomas de regimine principum I c. 15. Hiermit übereinflimmenb summa theol. II, 1 qu. 93 bei. art. 3 und 6.
2) So ſchon in ben apoftoliichen Konftitutionen II c. 34 p. 6810 (Migne) und in der orat. 17 des Gregor von Nazianz c. 8 p. 976B (Diigne), alsdann bei vielen mittelalterlichen Schriftftellern, und auch bei Zhoma®, summa theol. II, 2 qu. 60 art. 6: potestas saecularis subditur spirituali, sicut corpus animae.
Drei verichiedene Werthungen des weltlichen Staates. 439 gleiche Souveränität zu. Diefe Werthichäßung des imperium wird von ben literarilchen Vertretern der kaiſerlichen Anſprüche jeit Heinrich IV. zu begründen verſucht!). Sie wird tieffinnig von Dante in feiner Schrift über die Monarchie entwidelt, aus Süßen des Ariftoteles und Thomas, aber wie in gewaltigerer Sprache, fo | auch in größerem Stil deö Denkens, ala Thomas ihn zeigt. Der Zweck jedes Theile der Schöpfung liegt in der ihm eigenthümlichen Thätigkeit. Nun vermag nicht ein einzelner Menſch das im DVer- nunftvermögen Enthaltene zu verwirklichen, ſondern das Menichen- gejchlecht allein fann das theoretilche und in zweiter Linie daB praftifche Vernunftvermögen ganz auswirken. Die Bedingung für die Erreichung dieſes Zieles liegt in dem allgemeinen Frieden, und diejen fichert die Monarchie; fie hält die Gerechtigkeit aufrecht und richtet das Wirken der Einzelnen auf das Eine Ziel?). So tritt die Monarchie zu der theofratifchen Ordnung der Gejellichaft in folgendes Verhältniß. Unter allem, was exiftirt, fteht der Menſch allein in der Mitte zwiſchen der vergänglichen und einer unvergänglichen Welt. Daher Hat er, ſofern er vergänglich ift, ein anderes Endziel, als jofern er unvergänglich ift. Die uner- Ichöpflich tiefe Providenz Hat ihm in der Seligfeit dieſes Lebens, welche in dem Auswirken der ihm eigenen Tugend beiteht, das eine und in der Seligkeit des ewigen Lebens, die in dem Genuß der Anichauung Gottes befteht, das andere Ziel gegeben. Wir gelangen zum erjteren Ziele auf dem Wege philojophilcher Einficht vermittelft unferer intellettuellen und moraliichen Tugenden, und wir erreichen den anderen Endzwed auf dem Wege der Offen: barung vermittelft der theologifchen Tugenden. Die Leitung des Strebens nad) dem erfteren Ziele fteht dem Kaifer zu und die nach dem anderen dem Papfte. Das Kaiferthum lenkt vermittelft der philojophifchen Einficht dag Menſchengeſchlecht zu feiner zeit lihen Glüdjeligkeit, der Papft führt es vermittelt ber Offen- barung3wahrbeiten zum ewigen Leben 3). — Diefe Jelbftändige Werth: 1) Stellen bei Gierke, Deutjches Genoflenichaftsrecht III, 534.
2) Dante de monarchia I c. 1 ff.
3) Ebd. im dritten Buche.
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ſchätzung des Staated, wie fie un in Dante entgegentritt, führte in einem Kopfe wie Marſilius von Padua weiter dahin, gemäß dem Bebürfnib, jolden Dualismus zu überwinden, das sacerdotium ala einen Beftandibeil und eine Funktion des Staates anzujehen. Marſilius zieht die Konſequenzen des antiken Staats⸗ begriffs, er befämpft im Grunde ben Fortſchritt, welcher in dem Ausspruch Chrifti über das Recht des Kaiſers und dag Recht Gottes enthalten war).
Diefe Vertheilung der Werthgebung zwiſchen geiftlicher und weltlicher Macht bat ihren Ausdrud in den rechtsgeſchicht— bichen Yabeln von der Ueberlragung der göttlichen Macht, wie fie einen wichtigen Beftandtheil der gejchichtlichen Metaphyſik des Mittelalter ausmachen. Denn wo der Wille Gottes mit denen der Menichen zu der Verwirklichung eines von der Vorſehung überwachten Planes zufammenwirkt, entjteht der Begriff der In— ftitution, welche in einem befonderen göttlichen Alte begründet ift und in der ein Theil der Aufgabe der Weltregierung einer irdilchen Perjon ala dem Stellvertreter Gottes übertragen wird. Die Hierarchie gründet ihre Befugniſſe auf die Vollmacht des Statthalter Chrifti. Ebenſo wird dag Königthum vorberr- ſchend gm Mittelalter ala ein von Gott übertragene® Amt be- trachtet. Und bie Trage entfteht dann, ob die Staatsgewalt ihre Vollmacht direft von oben befite oder durch eine Uebertragung. die von der geiftlichen Gewalt ausgegangen ift. Aus den befannten Srörterungen hierüber ragt Dante Beweis des legitimen Ur- fprung? der römiſchen Weltmonardhie darum hervor, weil er einer Hiftoriichen Begründung der XLegitimität ganz bejonders nahe fommt. Diefer Beweis findet die Legitimität in dem Willen Gottes gegründet, fucht aber diefen Willen nicht in theofratiichen Einzelatten auf, jondern, wie der Wille eine Menichen von außen 1) Marfilius von Padua defensor pacis I c. 4: die Beltimmung ber Aufgabe des Staates nach Ariftoteled’ Politik; dann c. 5. 6: Einfügung des sacerdotium nach chriftlicher Beftimmung in ben Staat; bafjelbe wird ala eine pars civitatis bezeichnet.
Begrünb. d. YInflitution a. d. Willen Gottes. Staat als Organismus. 441 nur aus Zeichen erkannt werben kann, jo legt Dante die Ge- Ihichte al3 ein Syftem von Zeichen des Willend Gottes aus ').
Wie dad theokratiſche Syftem dem Staate feine Stellung in der äußeren Organifation der Geſellſchaft zumaß, ebenfo gewährte ed einen Anhalt, die Natur des Staates zu beftimmen. Bon bem myſtiſchen Leibe der Kirche wurde die Vorftellung des Organis- mus in einem neuen, über Ariftoteles hinausgehenden Sinne auf den Staat übertragen. Die wol ältefte und noch zugängliche Durchführung der Vergleichung zwiſchen den Gliedern des Körpers und den Theilen des Staates unter der Vorausſetzung, dab die Grundzüge der organifchen Struktur wirklich im Staate wieder- ehren, war in einer dem Plutarch untergefchobenen Institutio Trajani enthalten, die wir in dem merkwürdigen Polycraticus des Johannes von Salisbury noch theilweiſe wiederzuerfennen ver- mögen?). Diele Harmonie des Weltganzen, nach welcher die Struktur des Staates ald eine corpus morale et. politicum ſich in der feiner Theile, der Individuen, widerſpiegelt, bildet den Hintergrund des mittelalterlichen organiſchen Staatsbegriffs. Und ſchon die Schriftfteller jener Zeit verwenden geiftvoll Beziehungen, die wir am organischen Körper gewahren, zur Aufklärung des politifchen Organismus.
Sjenjeit diefer ganzen theokratiſchen Auffaffung von Geichichte und gejellichaftlicher Ordnung trat im Fortichreiten des Mittelalters immer mächtiger eine ganz entgegengejeßte hervor, welche aus den freien Stadtgemeinden des Alterthums ftammte: die Ableitung der politiſchen Willenseinheit und des Rechtes der Herr- ſchaft aus den Einzelwillen der zu einer Organijation ver- Bundenen Perſonen. Diefe Theorie erklärte die Entftehung von 1) Tante de monarchia im Beginn be3 zweiten Buches.
2) Dal. beionder? Buch V. Dort c. 2: est autem res publica, sicut Plutarcho placet, corpus quoddam, quod divini muneris beneficio ani- matur, et summae aequitatis agitur nutu, et regitur quodam moderamine rationis. ea vero quae cultum religionis in nobis instituunt et infor- mant, et Dei (ne secundum Piutarchum deorum dicam) ceremonias tra- dunt, vicem animae in corpore reipublicae obtinent. Hier gewahrt man bireft bie Mebertragung von dem Begriff der Kirche ber.
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Millendeinheit in der äußeren Organijation der Gejellichaft richt aus Uebertragung des göttlichen Herrichaftsrechtes, jondern durch ein von den Einzelwillen ausgehendes pactum subjectionis, ſo- nad) durch eine Konftruftion von unten, von den Elementen des Staatslebens aus. Sie führte den Grundgedanken des griechilchen Naturrechtes fort. Aber wenn diejes das Problem einer mechanifchen Erklärung der politiichen Willenzeinheiten aus der Anarchie der gejellichaftlichen Atome ganz allgemein vorgeftellt Hatte und wir es jo als eine Metaphyſik der Geſellſchaft bezeichnen konnten, fo verfolgte das Mittelalter das ſchon von den Römern eingejchlagene Berfahren, diefe griechifchen Spekulationen mit ber pofitiven Jurisprudenz in Beziehung zn jeßen. Unter der Hand der Faro» niften und Legiſten war der Begriff der Korporation zu dem herrſchenden auf dem Gebiet der äußeren Organilation der Gefell- ihaft geworden und wurde auf Staat wie Kirche angewandt. Die juriftiiche Konftruftion dieſes Begriffs ließ aus einem kon⸗ ftituirenden Afte die einheitliche Nechtafubjektivität der Korporation, vermöge deren fie Berfon ift, entjpringen. So wurde die Kon⸗ ſtruktion der Willenseinheit in einem politischen Ganzen durch: einen ſolchen Akt Mittelpunkt jeder publiziftiichen. Theorie, und die Mitwirkung oder die ausſchließliche Wirkfamfeit der ver- einigten Willen in dem Alte, Durch welchen der Staat entfteht, gaben diefem den Charakter eines Vertrags. Grundvorftellungen des älteren deutjchen Rechtes, dann die Rechtsfabel von einem konſtitu— irenden Akte, in welchem das römische Volk die Herrichaft auf den Imperator übertragen habe, weiter die Einwirkung der griechijchen Theorien, endlich das Selbftregiment freier Kommunen in alien, dem wichtigften Lande für die politiiche Theorie jener Zeit: dies Alles Tieß die naturrechtlihe Strömung anwachſen. Bon ber Mende des dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert? ab formirte fich ſyſtematiſch die juriftifche Konftruftion aus den Einzelwillen und ihrem Vertrag. Gejellichaftzvertrag, Souveränität des Volkes, Einſchränkung des pofitiven Rechtes durch das Naturrecht traten in das öffentliche Recht ein. Diefe pofitiv- rechtliche Fortent⸗ wicklung des Naturrecht3 verftärkte feine revolutionäre Kraft für Naturrechtliche Konſtruktion bet Staats von den Einzelwillen aus. 448 eine fünftige Zeit, zunächft aber hatte fie während des Mittelalters die Anpafjung defjelben an die anderen gejellichaftlichen Ideen der Zeit zur Folge. Erft in einem Marfiliuß von Padua löſt diefer radikale Standpunkt fih von den anderen gejellichaftlichen Ideen des Mittelalter los und das bezeichnet die Morgendämmerung der modernen politifchen Ideen. Die volle Machtentfaltung des Naturrechts begann dann bei den neueren Böllern mit dem Niedergang der feudalen Ordnungen. Nun war der Punkt in der Entwidlung der neueren Gejellichaft erreicht, an welchem mit der Souveränität der Individuen Ernft gemacht werden fonnte, entjprechend dem Punkte in der Entwidlung der griechifchen Geſellſchaft, an dem dag Naturrecht der Sophiften fi) Geltung verichafft Hatte?).
So fand die theokratifche Geſellſchaftslehre in der naturrecht- lichen ihre Grenze, und dieſe letztere ihrerſeits entbehrte noch der generellen Faſſung und der Hilfsmittel der Analyſis, welche ihr eine zureichende Erklärung der Gejellfchaft ermöglicht hätten.
Wir überbliden und prüfen jchließlich die Verbindung der entwickelten Sätze in dieſer theokratiſchen Metaphyſik der Gejell- ſchaft. — Dieſe Theorie war jeder früheren darin überlegen, daß fie von dem umfaſſenden Zuſammenhang bes geſellſchaftlichen Lebens der Menſchheit ausging und jeder Satz über die Befugniſſe einer politiichen Gewalt fo gut ala jede Behauptung über den Begriff einer Tugend oder einer Pflicht durch diefen Zuſammenhang be= dDingt war. — Aber die zufammengefehten Thatfachen, welche fich der Geichichtäfunde und der politiichen Beobachtung barbieten, find bon den mittelalterlichen Denkern nicht in einfachere Cinzelzuſammen⸗ hänge zerlegt worden, vielmehr wurden fie durch teleologifche Deutung zu einem Ganzen verbunden. Hieraus Hätte nun nichts ala ein willürliches Spiel entftehen können, wenn nicht für dieſe Chiffern der Geſchichte und der Gefellichaft der Schlüffel in ber 1) Bon biefer zweiten geichichtlichen Formation des Raturs rechts, der mittelalterlidgen, haben wir eine erite gründliche Dar: ftellung und Beleoftellen in Gierkes Genofienichaftsrecht erhalten, III 627 ff., und in befien Althufius ©. 77ff. S. 92ff. S. 123 ff.
En mE, di u 444 Zweites Bud. Dritter Abichnitt.
Offenbarung zur Hand geweſen wäre: fie legte Anfang, Mitte und Ende des Lebenslaufs der Menſchheit feft und beftimmte deflen Gehalt. Daher bildete den‘ Grundzug dieſer Metaphyfik der Gejellichaft: jede Konſtruktion in Begriffen ift nur der nach⸗ träglicde Verſuch, dad, was Tradition und religidfer Tieffinn be— fiten, in Begriffen darzuftellen und zu beweifen. — Unb zwar ift die herrſchende mittelalterliche Geſellſchaftslehre ein theokratiſches Syftem, jedoch galt diejes nicht ohne Widerſpruch. Das Leben ber Korporationen enthielt ein andere Clement, ein Recht der Ge— ſammtheit, welche auf ein Vertragsverhältniß zurückzuweiſen fchien. Dieſer Beftandtheil wurde von der theokratiſchen Gefellfchaftslehre nicht erklärt, und wie die naturrechtliche Geſellſchaftslehre fich ent- wickelte, bezeichnete fie für das theokratiſche Syſtem eine Schranke feiner Brauchbarkeit und eine Lüde in feinen Prämiflen. — Inner⸗ lich ift dieſe theofratiiche Metaphyſik der Gefellichaft von den Antinomien zerriffen, welche aus der, metaphyfilchen Prinzipien- lehre in die Philofophie der Gefellichaft Hineinreichen. Die tieffte diefer Antinomien wirkt in der Gejelichaftslehre ala der Wider- ſpruch zwifchen der Auffaffung Gottes als eines Intellekts, für “ welchen nur dad Ewige und Allgemeine ift, und ala eines Willens, welcher Veränderungen zu einem Ziele hin durchläuft, in zeitlichen Alten fich Eundthut und von den Thaten freier Willen zu Gegen⸗ wirkungen angeregt wird. Die ewigen Wahrheiten haben ald Prinzipien der gejellihaftliden Ordnung für das Altertfum innerhalb der Menfchenwelt diefelbe Bedeu- tung wie die Jubftantialen Formen innerhalb der Natur. Als Ariftoteles die platoniichen Ideen in die Welt jelber ver- legte, ftattete er diefe Welt mit Ewigkeit ſowol in Rüdficht ihres Beftandes ala ihrer Formen aus. In unveränderlicher Selbft- gleichheit entfteht innerhalb derjelben aus dem organischen Keime dad lebendige Weſen und der Keim felber rückwärts aus dem Leben. Der Berlauf der Geſchichte erringt nad) Ariftoteles der- Seele und der von ihr verwirklichten Eudämonie feinen tieferen Inhalt. Ein feſtes Gefüge von Begriffen, welches das fich ſtets gleiche Gejeh des Staatslebend enthält, wird von feiner deſtrip⸗ Logifcher Zufammenbang dieſer Metaphyfit der Geſellſchaft. 445