tiven Wiſſenſchaft der Politik entwidelt und bat an den verän⸗ derlichen LZebensbedingungen der Gejellichaft nur feinen wechſeln⸗ den Stoff. So tief Ariftoteles das Verhältniß der Lebens⸗ bedingungen der Staaten zu den politiichen Formen aufgefaßt Bat: die Entwidlung der Zwechuſammenhänge des menſchlichen Lebens bedarf nach ihm nicht einen immer neuen, dem veränderten Gehalt entſprechenden Ausdruck in den politiſchen Verfaſſungen, ſondern die Bedingungen der Geſellſchaft ermöglichen, gleichſam als die Materie der Staatenbildung, hier eine geringere, dort eine höhere Ausgeſtaltung der Einen Idealform. Dem Chriften- thum wird Gott geſchichtlich. Die vom Chriftentbum getragene mittelalterliche Geſellſchaftslehre benubt zuerft die Idee eines gött= lichen Willens, welcher eine auffteigende Reihe von Veränderungen als Zweck enthält und in der Zeitreihe einzelner Willenzalte, in Wechſelwirkung mit anderen Willen, diefen Zived verwirklicht. Die Gottheit tritt in die Zeit ein. So oft nun die mittelalterliche Meta⸗ phyſik das griechiſche Syſtem ewiger Wahrheiten mit dem Plane Gotted vereinigen will, zeigt fi) die Unauflösbarfeit des Wider- ſpruchs. Denn die lebendige perjönliche Erfahrung des Willens, welcher Bebürfniß und Veränderung einjchließt, Tann nicht in Einklang gebracht werden mit der unveränderlichen Welt ewiger Gedanken, in denen der Antelleft die nothivendige und allgemein- gültige Wahrheit befikt '). — Erkenntnißtheoretiſch mwiderjpricht die ipekulative Konftruftion aus Begriffen der willfürlichen That⸗ lächlichkeit, die den Entjcheidungen eines freien göttlichen Willens eigen ifl. Daher löfte die Willenzlehre Occam's die objektive Me= taphyſik des Mittelalter auf, und war br Nominalismus in feinem erften Stadium an feiner unfruchtbaren Negativität gegen= 1) Auguftinug de civ. Dei XI c. 10: neque enim multae sed una sapientia est, in qua sunt immensi quidam atque infiniti thesauri rerum intelligibilium, in quibus sunt omnes invisibiles atque incommutabiles rationes rerum etiam visibilium et mutabilium; de trinitate IV c. 1: quia igitur unum verbum dei est, per quod facta sunt omnia, quod est in- commutabilis veritas, ibi principaliter et incommutabiliter sunt omnia simul. Auflöfung ſucht Auguflinus vergeben? in dem Sat de trinitate II c. 5: ordo temporum in aeterna Dei sapientia sine tempore est.
446 Zweites Bud. Bierter Abſchnitt.
über den Aufgaben des mittelalterlichen Denkens zu Grunde gegangen: in der mächtigen Realität des Willen? fand er nun auch bier innerhalb der Gejellichaftslehre feine höhere Berechtigung. Die geiftesgewaltigen kirchenpolitiſchen Schriften Occam's zer- flörten in meitläufiger Darlegang von Gründen und Gegen- gründen jeden Theil des rationalen Zuſammenhangs einer Philo- ſophie der Geichichte und der Gelellichaft ). Und mit Recht; denn wirklich ift die Demonftration unfähig geweſen, die mittel- alterliche Gefellichaftslehre einigermaßen zu begründen. Die Folge⸗ richtigkeit des Schlufles verfagt, wo aus dem theokratiſchen Prin- zip der Dualismus von Staat und Kirche abgeleitet oder über Streitfragen, wie das Berhältniß von Staat und Kirche, von Weltmonarchie und Einzelftaat durch Syllogismen entjchieden werden joll.
Bierter Abſchnitt.
Bierter Abſchnitt.
Die Anflöfung der uertaphyſiſchen Stellung des Menfhen zur Mirklidkeit.
Erſtes Kapitel. Die Bedingungen des modernen wiſſenſchaftlichen Bewußtſeins.
Die zweite Generation der europäiſchen Völker erfuhr nun eine Umwandlung, welche der ähnlich ift, die in Griechenland aus der Auflöfung ber alten Gefchlechterverfaffung hervorging. Indem die feudalen Ordnungen, die Gliederung der Chriftenheit 1) Das Prinzip Occam's, welches bie fittliche Ordnung mit dem Willen in fein piychologifches Verhältniß fehte, dad was bem Willen werthvoll ift von dem flar jonderte, tvad dem Verſtande wahr ift, und jo jede Meta: phyſik der fittlichen Welt aufhob, trat Freilich zunächſt in überfpannter Fafſung auf 3. B. in sent. II quaest. 19: ea est boni et mali moralis natura ut, cum a liberrima Dei voluntate sancita sit et definita, ab eadem facile possit emoveri et refigi: adeo ut mutata ea voluntate, quod sanctum et justum est possit evadere injustum. Hierdurch war dann ber extreme Supranaturaliamus Dccam’3 bedingt.
Der moderne Menſch. 447 unter Papft und Kaiſer, ſich löften, entitand die neuere euro⸗ päiſche Gejellichaft und inmitten ihrer der moderne Menſch. Dieſer ift das Erzeugniß der allmäligen inneren Entwicklung, welche in der Jugendzeit diejer zweiten Generation der europäilchen Völker oder dem Dkittelalter ftattfand. Was wir in ihm juchen, ift unfer eigener Herzichlag, verglichen mit dem, was wir in den Seelen der Menfchen älterer Zeiten zu lejen vermögen und das und fremb if. Nichts ift daher relativer, mag man auf die All- mäligfeit ſehen, mit welcher es ſich geltend macht, oder auf bie Verſchiedenheit des perfönlichen Gefühls im Gejchichtäfchreiber, von welchem aus ein ſolcher hiſtoriſcher Typus beftimmt wird. Dennoch fieht der Geſchichtſchreiber Wirklichkeit, wenn er erfte Bei- Ipiele de3 mobernen Menjchen an beitimmten Stellen auftreten fieht, mitten in einer fontinuirlichen Entwidlung faßt er das Er- gebniß in anfchaulich darftellbaren geichichtlichen Erjcheinungen auf und hält es feft. Auch Hindert ihn hieran nicht, daß der Punkt, an welchem in ber Entwidlungsbahn des einen Volles ein ſolcher Typus auftritt, der Zeit nach weit abliegt von dem Punkte, an welchen dies bei einem anderen ftattfindet. Es beirrt ihn nicht, daß die bejonderen Züge diefer Form bei dem einen Volle ſehr abweichen von denen bei dem anderen. Ein folder Typus if augenscheinlich Petrarca, der mit Recht ala der erſte Repräfentant de modernen Menjchen, wie er jchon im vierzehnten Jahr⸗ hundert in Haren Zügen bervortritt, aufgefaßt wird. Es ift nicht Yeicht, denjelben Typus in dem modernen Menſchen des Nordens wiederzufinden, in Luther und feiner Independenz des Gewiſſens, in Erasmus und jener perjönlichen Freiheit des unterjuchenden Geiftes, welcher in einem grenzenlojen Meere von Tradition, nad) Aufklärung verlangend, vorwärts dringt. Dennoch ift hier wie dort etwas die ganze Weſenheit diefer Menjchen Beitimmendes, mas wir mit ihnen theilen und was fie von Allem abfondert, das früher gewollt, gefühlt oder gedacht wurde.
Aus dem Zufammenhang deffen, mas ben modernen Menſchen ausmacht, heben wir einen Zug heraus, weldden wir im Ver lauf der intelleftuellen Gejchichte langſam und mühjelig fih ent» 448 Zweites Buch. Vierter Abichnitt.
falten jahen, und der nun für die Entftehung wie dad Recht de8 modernen wifjenjhaftliden Bewußtfeins in feinem Gegenja zu der metapbufiichen Stellung des Menfchen entſcheidend ift. — Der Zweckzuſammenhang der Erfenntniß in Europa bat fich in der Wiſſenſchaft von feiner Grundlage in der Zotalität der Menfchennatur abgelöft, wie neben ihm die Kunft oder in anderer Art dad Recht. Auf diefer Differenzirung berubt nicht nur die technifche Vollendung der großen Zweckſyſteme der menschlichen Gejellichaft, jondern, ala innerfter Kern des Vorgangs, das Freiwerden aller Kräfte in der Einzeljeele aus ihrer anfäng- lichen Gebundenheit; die Seele wird Herrin ihrer Kräfte, einem Mann zu vergleichen, der gelernt hat, jede Bewegung der Glieder unabhängig von den Bewegungen der anderen auszuführen und in genauer und fidherer Abmefjung auf die Wirkung zu benußen. Die urjprüngliche Bindung der Seelenkräfte löſt fich durch die Arbeit der Geichichte. Denn erſt vermittelft der Kunft befitzt das Gefühl ſein mannichfaches, wechſelndes und reiches Leben; die Werke der Künftler ſtrahlen ihm wie in einem Wunderſpiegel in Bildern, Wahrnehmungen, Borftellungen feine innere Welt erhöht azurüd. In der Arbeit der Wiſſenſchaft erkennt erſt der Intellekt feine Mittel und deren Tragweite, feine Methode und deren Macht und gebraucht nun mit der technifchen Virtuofität gleichſam des logiſchen Athleten die in ihm liegenden Kräfte.
Der mittelalterlihe Menſch Hatte die in ber alten Welt erreichte Differenzirung nur unvollkommen feitgehalten. Wol hatte er die chriftlide Erfahrung tiefjinnig entfaltet. In dem katho— lichen Kirchenſyſtem Hatte er die jelbjtändige Macht des religiöſen Lebend und des ihm verbundenen gejellichaftlichen Bewußtſeins, das alle Völker verknüpft, befeftigt und vertheidigt, wenn auch mit furdhtbaren Gewaltmitteln. Unter dem Schube und leider auch der Gewalt dieſes Kirchenſyſtems erwuchs der Zweckzu⸗ ſammenhang der Wiflenfchaft in den Univerfitäten ebenfalls zu einer größeren Organilation, und inmitten des forporativen Lebens des Mittelalterd vang auch er nach einer rechtlichen Selbftändig- keitsſphäre. Aber die Herrichaft der Religion, welche allen höheren Sein Unterfhied vom mittelalterlichen Menichen. 449 Gefühlen und Ideen eine feltene Sicherheit und Tiefe im Mittel- alter gab, Hat doch alle felbftändigen Zweckzuſammenhänge bis zu einem gewillen Grade gebunden. Die Legirung des Chriſtenthums mit der antilen Wiflenjchaft Hat die Lauterfeit der religiöjen Er- fahrung beeinträchtigt. Die Torporative und autoritative Bindung der Imdividuen bat die freie Beziehung der Thätigkeiten von Per- onen auf einander in Gebieten, welche wie Wiſſenſchaft und Religion in der Freiheit ihren Lebenzathen haben, gehemmt. So haben die LebenZbedingungen des Mittelalter? den Reichthum höheren Daſeins zu einem von der Kirche geleiteten Zujammen- hang verwebt, in dem das Chriſtenthum fi) an eine metaphyſiſche Wiſſenſchaft verlor, Wiflenichaft und Kunft innerli und äußer- lich gefeflelt waren. Diefer Zujammenhang ber Bildung hatte in der äußeren Organijation der Kirche feinen Körper. Ihm gegenüber war Alles, was fonft im mittelalterlichen Menjchen fih regte, Weltlichkeit, die vernichtet oder untertvorfen werden mußte. So ging durch jeine Seele derjelbe Zwieſpalt, welcher die Gefellichaft jener Tage in die kaiſerliche und Kirchliche Gewalt außeinanderriß. Naturtvuchd des Staatslebens, Verharren ber Individuen in den urjprünglichen Beziehungen zum Boben, Be- ſonderheit, perjönliches Verhältnig und perfönlicher Verband, unter Zurüdtreten allgemeiner Rechtäregeln, dazu ein jugendliches Un- geftim in der germanifchen Race und den durch fie mit neuem Blute erfüllten älteren Böllern: dies Alles hatte in bem Men⸗ chen jener Zeit ungebändigtes Leben der Sinne und des Willens zur Folge. Aber in feiner Seele fämpfte biergegen der Glaube an ein trandicendente® Reich, welches durch die Kirche, ben Kleriler und das Sakrament in das Diezjeitö herüberwirkt und aus dem göttliche Kräfte beftändig ausftrahlen. Die Macht dieſes objektiven Syſtems wurde gefteigert durch die Ordnung ber mittelalterlicden Geſellſchaft. In diefer war da3 Individuum ganz in Verbände eingegliedert, von denen die Kirche und bie feudale Ordnung nur die gewaltigften waren. Die Zweckinhalte der Gejellfchaft, welche am meiſten der Freiheit zu bedürfen icheinen, waren von der Autorität und der Korporation getragen Dilthey, Einleitung. 2 450 Zweites Buch. Vierter Abſchnitt.
und gebunden. Dieje Abhängigkeit des mittelalterlichen Menſchen wurde vermehrt durch jeine Stellung zu der gefammten hiſtori⸗ ſchen Ueberlieferung, welche jein Denken wie in einem dichten Walde von Traditionen fefthielt. Und nicht der geringfte unter den Gründen, welche Selbftthätigleit der Individuen und une abhängige Entfaltung der einzelnen Lebenszwecke in der Gejell- ſchaft Hinderten, beftand in einer Metaphyſik, welche nach der Sage der Wifienfchaften in ihren Grundzügen fiegreich ſich be- hauptete und der von der Kirche vertheidigten tranzfcendenten Ord⸗ nung einen feften Stüßpunlt gewährte. So ericheinen auch die intelleftuell gewaltigften mittelalterlichen Denker nur ala Re—⸗ präjentanten diefer Weltanficht und Lebensordnung, vergleichbar den großen feudalen und bierarchiichen Häuptern der Geſellſchaft jener Tage. Was in ihnen individuell war, ordnete fich diefem Syſtem unter, und darin war gegründet, daß der Denker eine Weltmacht war. Wie.einfam und verbüftert auch ein Dante feinen Meg ging, feine ganze große Seele war diefem objektiven Zu⸗ fammenhang bingegeben, jo gut ala die eines Anſelmus, Albertus oder Thomad. Hierdurch wurde er zu der „Stimme zehn Ichweigender Jahrhunderte”.
Die weſenhafte Veränderung, die wir als Auftreten bes modernen Menjchen bezeichnen, ift das Ergebniß eines zu- fammengejetten Bildungsprozeſſes, und ihre Erklärung würde eine umfaflende Unterfuchung erfordern. — Hier, two es fi) um Ent- ftehung und Recht des modernen wifjenichaftlichen Bewußtſeins handelt, ift zunächſt das Wichtigfte, daß die vorher von den Völkern der alten Welt vereinzelt erreichtesDifferenzirung und Ver⸗ felbftändigung der Zweckzuſammenhänge der Gejellichaft innerhalb der neuen Generation der europäischen Völker verwirklicht wird. Die geiftige Bildung dieſer Völfer ruht auf der Selbftgewißheit ber religiöfen Erfahrung, der Selbſtändigkeit der Wiffenſchaft, der Befreiung der Phantafie in der Kunft; im Gegenjaß zu der früheren religiöfen Gebundenheit. Eine ſolche neue Verfafjung des inneren Zufammenhanga der Kultur ift eine höhere Stufe in der Entwidlung ber neuen Generation europäifcher Völker, da diefe Na- —\ 4, Wie in ihm dad moderne wiſſenſchaftliche Bewußtſein entfteht. 451 tionen in der Gebundenheit der Seelenkräfte naturgemäß begonnen Hatten. Sie ift aber zugleich eine Wiederherftellung des von den Griechen Srarbeiteten und im Chriſtenthum Getvonnenen, und daher find Humanismus und Reformation hervorragende Beftandtheile des Vorganges, in welchem unfer modernes Bewußtfein entftand. — Zu diefer Differenzirung trat als eine andere Seite der gefchichtlichen Bewegung, welche dem modernen wiljenfchaftlichen Bewußtſein das Leben gab, die Veränderung in der äußeren Organijation ber Geſellſchaft, welche alle individuellen Kräfte löfte und das In⸗ dividuum verjelbftändigte.e Innerhalb der Etädte vollzog fich zuerſt dieje ſoziale und politifche Umgeftaltung. In den Zuſammen⸗ Bang unferer Darlegung fügt ſich harmoniſch das klaſſiſche Ge⸗ mälde ein, welches Jakob Burdhardt von dem erften Auftreten des modernen Menſchen in dem Stalien der Renaiffance entworfen hat. „Im Mittelalter, jagt er, lagen die beiden Seiten des Be- wußtſeins — nach der Welt hin und nad) dem Inneren de Menſchen ſelbſt — wie unter einem gemeinfamen Schleier, träumend oder halbwach. In Italien zuerft verweht dieſer Schleier in bie Lüfte, es eriwacht eine objektive Betrachtung und Be- handlung des Staat? und der ſämmtlichen Dinge diefer Welt überhaupt; daneben aber erhebt fich mit voller Macht dad Sub- jektive; der Menſch wird geiftige® Individuum und erfennt fih ala ſolches.“ Was hier ala objektive Behandlung bezeichnet wird, ift zunächft durch die relative Verſelbſtändigung der einzel- nen Kreiſe der Eriftenz bedingt; indem die Wifjenjchaft die Unter- ordnung unter das mittelalterliche Schema des religidfen Vorſtellens aufgiebt, zerreißt dad Band zwiſchen den rveligidjen Ideen ala Mitteln ber Konſtruktion und der Wirklichkeit, man wirb in un⸗ befangener Auffaffung dieſer gewahr, und jo entfteht objektive Be⸗ trachtung und pofitive Wiſſenſchaft, wo ehedem metaphy- fiſche Ableitung das Phänomen mit dem Tiehften des geiftigen Gejammtlebend verbunden gehalten hatte. Andrerſeits bewirkte die veränderte Lage des Individuums in der äußeren Organijation der Gejellichaft eine Befreiung der individuellen Kräfte und des individuellen Selbftgefühle. So entftand eine neue Stellung 452 Zweites Bud. Vierter Abfchnitt.
de erfennenden Subjeltd zur Wirklichkeit. Endlich nahm mit dem Wachsthum des individuellen Selbftgefühlse und der Ausbildung der objektiven Betrachtung eine freie Mannig- faltigfeit der Weltanfiht zu. In metaphyliichem Denken wie in poetiichem Sinnen wurden alle Möglichkeiten der Weltbe— trachtung durchgebildet. — Traf das volle Licht diefer neuen Zeit zuerſt Italien, jo war doch jchon das erjte Aufdämmern berjelben im Norden ein mächtigered Phänomen. In Occam finden wir eine tiefere Grundlage des modernen Bewußtſeins, als in feinem jüngeren Zeitgenofjen Petrarca: die Selbftgerwißheit ber inneren Erfahrung. Gegenüber der Autorität, der Wortbeweisführung, den die Erfahrung überjchreitenden Syllogismen wirb hier im Willen eine mächtige Realität, aufrichtige und wahrhaftige Weſen⸗ heit wahrgenommen.
So erweiſen ſich Veränderungen in dem ganzen status ho- minis auch innerhalb der relativ jelbftändigen intellektuellen Ente widlung als einwirkend, ja beflimmend. Es iſt eine äußerliche Betrachtung, wenn man die Umänderung bes wiſſenſchaftlichen Geiftes jeit dem vierzehnten Jahrhundert auf den Humanismus zurückführt. Durch das ganze Mittelalter geht das Anwachſen der Kenntniß von Büchern und Hilfsmitteln des Alterthums 2). Trat nun inneres Wiederverftändniß des Geiftes der alten Schrift- fteller zuerft im vierzehnten Jahrhundert in Stalien, ſpäter bei den anderen Völkern hervor, jo war dies die Yolge tiefer liegender Urſachen. Es bildeten fich bei den neueren Völkern, insbeſondere in den Städten, Toziale und politiiche Zuftände, welche denen in den alten Stadtftanten analog waren; die hatte ein perjön- liches Lebensgefühl, Stimmungen, Interefien, Vorftellungen zur Tolge, welche durch ihre Verwandtſchaft mit denen der antiken Völker ein Wiederverftändniß der alten Welt möglich gemacht haben. Denn der Menjch, welcher in fich daß Vergangene erneuern 1) Prantl hat in feiner Gefchichte der Logik im Abenblande 1855 ff. für einen einzelnen Zweiq der wifjenichaftlichen Literatur ben Beweis dieſes wichtigen Sabes erfchöpfend geführt.
Der moderne Menſch und die Metaphyſik. 453 ſoll, muß durch eine innere Wahlverwandtichaft Hierzu vorbe- reitet jein.
Diele veränderte Verfafjung der geiftigen Bildung, wie fie in der zunehmenden Selbftändigfeit der Religion, Wiſſenſchaft und Kunft und der wachjenden Freiheit des Individuums gegenüber dem Berbandaleben der Menjchheit erjcheint, ift der tieffte, in der piychiichen Verfaſſung des modernen Menſchen ſelber liegende Grund dafür, daß jebt die Metaphyfit ihre bisherige ge- ſchichtliche Rolle ausgefpielt Hat. Die chriftliche Religion, wie Luther und Zwingli fie auf die innere Erfahrung ftellten, die Kunft, wie nun Lionardo fie den geheimnißvollen Tieffinn der Wirklichkeit erfaflen lehrte, die Wiſſenſchaft, wie fie Galilei auf die Analyſis der Erfahrung verwies, konſtituirten das moderne Berwußtjein in der Freiheit feiner Lebendäußerungen.
Metaphyſik, ala Theologie, war dad reale Band geweſen, welches im Mittelalter Religion, Wiſſenſchaft und Kunſt, die ver- chiedenen Seiten des geiftigen Lebens, zufammengebalten hatte: nun Wurde dies Band gejprengt. Das intelleftuelle Leben der neuen Völker war jo weit herangewachſen und ihr Verſtand durch die Scholaftit jo digciplinirt für die Forſchung um der Forſchung willen, daß eingefchränttere Aufgaben vermittelft ftrengerer Methoden geftellt und auch gelöft zu werden begannen. Die Zeit felbftändiger Entwidlung der Einzelwiſſenſchaften war gefommen. Die Ergebniffe der pofitiven Epoche der alten Welt tonnten aufgenommen werden. Wo ein Archimedes, Hipparch und Galen den Yaden pofitiven Forſchens fallen gelaflen, konnte er wieder angefnüpft werden. Altertfum und Mittelalter haben in der Wiflenichaft die Antwort auf das Räthjel der Welt, in ber MWirklichleit die Verkörperung der höchften Ideen gefucht; jo war die Betrachtung der idealen Bedeutung der Erſcheinungen mit der Bergliederung ihres urfächlicden Zufammenhangs vermifcht worden. Indem jebt die Wiſſenſchaft fi) von der Religion loslöſte, ohne fie erjegen zu wollen, trat die kauſale Forſchung aus diefer faljchen Verknüpfung und näherte fi) den Bedürfniffen des Lebend. Man war des abftraften Schließend auf transfcendente Objekte, der 454 Zweite® Buch. Vierter Abſchnitt.
metaphyfiſchen Spinngewebe, welche vom Diesſeits zum Jenſeits gezogen worden waren, jatt, und doch dauerte das aufrichtige Ringen nach der Wahrheit Hinter den Erfcheinungen for. So wandte fi) mın der Romane den Erfahrungen der äußeren Natur und des MWeltlebend, der nordiiche Menſch zunächft der lebendigen religiöſen Erfahrung zu.
Und jeßt erſchien auch an diefer Wende der intelleftuellere Entwidlung ala Träger der neuen Richtung eine neue Klafſſe von Perjonen: der Kleriker machte dem Literaten, dem Schrift- fteller oder auch dem Profeffor an einer der von Städten oder aufgeflärten Fürſten gegründeten oder neugeftalteten Univerfitäten Platz. In den Städten, in welchen dieſe Männer auftraten, be= fand nicht der Unterfchied zwiſchen einer großen thätigen aber ununterrichteten Sklavenmaſſe und einer Heinen Zahl freier Bürger, welche jede Art von körperlicher Arbeit ald ihrer unwürdig an- ſahen. Während dies Verhältniß in ben griechilchen Städten den Hortichritt der Erfindungen in hohem Grade gehindert hatte, ent⸗ ftanden im Zulammenhang mit der Snduftrie in den modernen Städten Erfindungen von großer Tragweite. Der weite Schau- plat unſeres Erdtheils und die ungeheuren Mittel diejer modernen Melt brachten einen ununterbrochenen Zuſammenhang vieler Ar- beiter hervor. Diejen aber ftand die Natur nicht ala ein in fich göttliches Gewächs gegenüber: die Hand des Menjchen griff durch fie hindurch, Hinter ihren Formen die Kräfte zu erfaſſen. In diefer Bewegung entftand der Charakter der modernen Willen- haft: Studium der Wirklichkeit, wie fie in der Erfahrung ge= geben ift, vermittelft der Auffuchung des faujalen Zuſammenhangs, ſonach durch Zerlegung der zuſammengeſetzten Wirklichkeit in ihre Taltoren, befonderd durch daß Erperiment. Die Aufgabe, das Konſtante in den Veränderungen der Natur feftzuftellen, wurde durch die Aufſuchung von Naturgejeken gelöft. Das Naturgejet verzichtet darauf, da Weſen der Dinge auszudrücken, und indem jo Grenzen der pofitiven Wiſſenſchaft bervortraten, wurde das Studium ber Wirklichkeit ergänzt durch eine Erkenntniß— theorie, welche das Feld der Wiſſenſchaften abmaß.
Die Funktion ber Metaphyfit in der Gefellichaft ändert ſich 455 So entftanden, als die eigenthümlichen Erzeugniſſe der modernen Wiſſenſchaft, Erforſchung der Kauſalgeſetze der Wirk⸗ lichkeit auf dem Gebiete der Natur wie der geſellſchaftlich⸗geſchicht⸗ lichen Welt und Theorie der Erkenniniß. Dieſe beiden führen ſeitdem den Vernichtungskrieg gegen die Metaphyſik, und jebt ift ihre Tendenz, auf der Grundlage der Erkenntnißtheorie einen Zuſammenhang der Einzelwifjenichaften ber Wirklichkeit Herzuftellen.
Und bat fi nun in diefer modernen Welt, an deren Ein- gang wir flehen, Metaphyſik zu vertheidigen verjucht, fo ändert ſich doch allmälig ihr Charakter und ihre Lage. — Die Stelle, die fie im Zuſammenhang der Wilfen= Ihaften zu behaupten verfucht, iſt eine andere. Denn indem die pofitiven Wiſſenſchaften die Wirklichkeit analyfiren und die allgemeinften Bedingungen derjelben in einem Eyftem von @le- menten und Geſetzen feftzuftellen ftreben, indem fie ſich der Stellung diefer Säße zur Wirklichkeit wie zum Bewußtſein kritiſch bewußt werden: verliert die Metaphyſik ihren Platz als Grund- lage der Erklärung der Wirklichkeit in den Einzelwiſſenſchaften, und ihr bleibt nur ala mögliche Aufgabe, die Ergebniffe der pofi= tiven Wifjenichaften in einer allgemeinen Weltanficht abzufchließen. Der Grad von Wahrfcheinlichkeit, der einem ſolchen Verſuche erreichbar iſt, kann nur ein bejcheidener fein. — Ebenſo ändert ch die Funktion folcher metaphyſiſchen Syfteme in der Ge— ſellſchaft. Ueberall wo Metaphyſik fortbeftand, wandelte fie fi in ein bloßes Privatſyſtem ihres Urhebers und derjenigen Perjonen, welche fich vermöge einer gleichen Verfafjung der Seele von diefem Privatſyſtem angezogen fanden. Died war durch die veränderte Zage bedingt. Diefelbe hat die Macht einer einheitlichen mono- theiftiichen Metaphyſik gebrochen. Die veränderten phyſikaliſchen und ajtronomijchen Grundbegriffe haben die Schlüffe der mono- theiſtiſchen Metaphyſik zerftört. Eine freie Mannigfaltigkeit von metaphyſiſchen Syftemen, deren feine erweisbar ift, bat ſich nun gebildet. So blieb Ver Metaphyſik nur die Aufgabe, Gentren zu jchaffen, in welchen die Ergebnifle der pofitiven Wiſſen⸗ ſchaften fich zu einem befriedigenden allgemeinen Zuſammenhang 456 Zweites Buch. Bierter Abfchnitt.
der Erſcheinungen in einer Yaflung von relativem Werthe ſammeln fonnten. Die pofitive Wiflenjchaft bringt nach der Anficht der Meta- phyſiker nur die einzelnen Worte und bie Regeln der Verknüpfung derjelben hervor, welche dann erft unter ihren Händen zum Gedicht werden. Aber ein Gedicht bat feine allgemeingültige Wahrheit. Man bat ungefähr in derjelben Zeit neben einander Schelling feine Offen- barungsphiloſophie, Hegel jeine Weltvernunft, Schopenhauer feinen Weltwillen, die Materialiften ihre Anarchie der Atome beweiſen hören; alle mit gleich guten oder fchlechten Gründen. Handelt es fi) etwa darum, unter diejen Syſtemen das wahre auszuſuchen? Das wäre ein jonderbarer Aberglaube; jo vernehmlich ala möglich lehrt diefe metaphyfiiche Anarchie die Relativität aller metaphy- fiichen Syſteme. Ein jedes von ihnen repräfentirt jo viel, ala ed in fi faßt. Es bat jo viel Wahrheit ala eingegrenzte That- laden und Wahrheiten feinen grenzenlojen VBerallgemeinerungen zu Grunde liegen. Es ift ein Organ, jehen zu machen, die Individuen durch den Gedanken zu vertiefen und zu dem unfichtbaren Zu— ſammenhang in Beziehung zu erhalten. Dieſes und vieles DVer- wandte bildet die neue Yunktion der Metaphyſik in der modernen Geſellſchaft. Daher find diefe Syſteme der Aus- drud bedeutender und in ihren Gedanken weit um fich greifender Perjonen. Die wahren Metaphyſiker haben gelebt, was fie jchrieben. Descartes, Spinoza, Hobbea, Leibniz find von neueren Geſchichts— Ichreibern der Philojophie immer mehr als centrale Individuali= täten aufgejaßt worden, in deren weiter Seele cine Lage ber wiffenichaftlichen Gedanken fich auf relative Weiſe abjpiegelt. Eben diefer ihr repräfentativer Charakter beweift die Relativität des MWahrbeitögehaltes in ihren Syftemen. Die Wahrheit ift nicht etwas Repräjentatives.
Aber jelbft dieje Funktion der metaphyſiſchen Syſteme in der modernen Geſellſchaft kann nur vorübergehend fein. Denn dieſe ſchimmernden Zauberjchlöffer der wiſſenſchaftlichen Einbildungskraft können, nachdem die Relativität ihres Wahrheitsgehaltes erkannt iſt, das ernüchterte Auge nicht mehr täuſchen. Und gleichviel wie lange noch ein Einfluß auf die Kreiſe der Gebildeten von meta⸗ Beftändige Abnahme der Bedeutung der Metaphufit. 457 phyfiſchen Syſtemen geübt werden mag, die Möglichkeit, daß ein ſolches Syftem von relativer Wahrheit, dad neben vielen anderen von demjelben Wahrheitsgehalt ftebt, als Grundlage für die Wiſſenſchaften benutzt werde, ift ummviederbringlich dahin.
Zweite? Rapitel. Die Naturwifienichaften.
Sin dem dargelegten allgemeinen Zufammenbang entftand bie moderne Naturwiſſenſchaft. Der Geift der neueren Völker war in den wifjenjchaftlichen Korporationen des Mittelalters dig- ciplinixt worden. Die Wiffenichaft, ala Beruf, der fi in großen Körperichaften vererbte, betrieben, jteigerte ihre Anforderungen an techniiche Vollendung und ſchränkte fich auf dasjenige ein, was fie zu beherrfchen vermochte. Und zwar fah fie fich Hierbei durch fräftige Impulſe gefördert, welche fie in der Gejellichaft vor— fand. In demjelben Maße, in welchem fie von der Unter: fuchung der letzten Gründe fich Ioglöfte, empfing fie von ben fort- Ichreitenden praktiſchen Zwecken der Gejellichaft, dem Handel, der Medizin, der Induftrie ihre Aufgaben. Der erfindende Geift in dem arbeitfamen, die Handgriffe mit finnendem Nachdenken ver- einigenden Bürgertfum jchuf der experimentellen und mefjenden Wiſſenſchaft Hilfamittel von unberechenbarer Bedeutung. Und von dem Chriſtenthum ber lebte in diefen romanifchen und germa- niſchen Völkern ein mächtige® Gefühl, daß dem Geift die Herr- Ihaft über die Natur gebühre, wie es Francis Bacon ausgedrückt bat. So löſt fi} eine ihrer eingefchränften Ziele fichere pofitive Wiſſenſchaft der Natur immer klarer von dem Ganzen der geiftigen Bildung, welche als Metaphyſik aus der Totalität der Gemüths⸗ fräfte ihre Nahrung gezogen Hatte. Das Naturerkennen ſcheidet fi) von dem jeelifchen Gefammtleben ab. Immer mehrere von