den Vorausſetzungen, welche in dieſer Totalität gegeben find, werden von dem Naturerkennen eliminivt. Seine Grundlagen 458 Zweites Buch. Bierter Abſchnitt.
werden vereinfacht und auf das in der äußeren Wahmehmung Gegebene immer genauer eingefchräntt. Die Naturtvifienichaft des jechzehnten Jahrhunderts arbeitete noch mit Phantafien von pfychi⸗ chen Berhältnifjen in den Raturvorgängen; Galilei und Descartes begannen den erfolgreichen Kampf gegen dieje überlebenden Vor⸗ ftellungen auß der metaphbufifchen Zeit. Und allmälig wurden ſelbſt Subftanz, Urfache, Kraft bloße Hilfebegriffe für die Löfung der methodifchen Aufgabe, zu den in der äußeren Erfahrung gegebenen Erjcheinungen die Bedingungen zu ſuchen, unter tvelchen ihr Nebeneinander und ihre Abfolge erflärt und ihr Eintreffen doraudgelagt werden Tann.
Diefe moderne Naturwiſſenſchaft bat allmälig die Meta- physik der jubftantialen Formen zerfeßt.
Der denknothivendige Zufammenhang, den die moderne Na⸗ turwiſſenſchaft ald Erklärungdgrund der gegebenen Wirklichkeit jucht, gemäß dem in der Metaphyſik entwidelten und von der—⸗ jelben ihr vorgezeichneten deal der Erlenntniß, bat zu feinem Material die ebenfalld in der Metaphyſik auß dem Erlebniß der vollen Menjchennatur abftrahirten und wiſſenſchaftlich entwidelten Begriffe der Subftanz und der Kaufalität (wirkenden Urjache). Als die Begriffe von Erfenntnißgrund oder Denknothwendigkeit in der Entwidlung der Metaphyſik auftraten, fanden fie dieſe beiden Grundvorftellungen vor, ala welche bag menschliche Denken vom Gegebenen rückwärts zu den Gründen leiten. Dem entiprechend jehen wir die Naturforſchung bemüht, das anfchauliche Bild der Veränderungen und Bewegungen an ben Objekten in die Ber« fettung von Urfachen und Wirkungen aufzulöjen, die Regelmäßig- feiten in ihnen zu erjaflen, durch welche fie für den Gedanken beherrſchbar werden, und ala Träger dieſes Vorgangs Subftanzen zu fonftruiren, welche nicht wie finnliche Objekte dem Entftehen und Vergehen unterworfen find. Soweit unterfcheidet ſich die Gedantenarbeit ber modernen Naturwiflenichaft gar nicht von der Arbeit der Griechen, die erften Gründe des gegebenen Weltalla aufzufuchen. Worin befteht nun das die Erforſchung der Natur bei den neueren Völkern am meiften Untericheidende, worin der Naturwiſſenſchaft zerfegt Metaphyfit der jubflantialen Formen. 459: Kunſtgriff, vermittelft deſſen fie das alte Lehrgebäube vom Kos⸗ mos zetftört Haben?
Schon in der Alchemie macht fi) die Richtung auf die wahren Yaltoren der Natur geltend. Die ariftoteliiche Elementen- lehre Hatte Eigenſchaften, welche fidh der einfachen Wahrnehmung darbieten, Wärme, Kälte, Yeuchtigleit, Trodenbeit, zu Grunde ge⸗ legt. Das Stadium der Chemie, wie es Paracelſus repräjentirt, bedient fich der chemilchen Analyfe, um Hinter dieje deffriptive Be⸗ trachtungsweiſe zu den wirklichen Yaltoren, aus denen die Materie jih zuſammenſetzt, zu dringen. Es unterjcheidet daher drei Grundlörper (tres primas substantias), das was brennt: Sul» pbur, das was raucht und fih fublimirt: Mercurius, das was ala unverbrennliche Afche zurückbleibt: Sal. Aus diefen Grund» förpern, welche zwar nicht iſolirt dargeftellt, aber von der chemijchen Kunſt am Verbrennungdvorgang unterichieden werden können, leitet Paracelfuß erſt die ariftoteliichen Elemente ab. Sp war der Weg beichritten, durch die thatfächliche Zerlegung der Materie im Experiment ſich den chemilchen Elementen zu nähern; eben der Verbrennungsprozeß, von welchem Paracelſus ausging, jollte Lavoiſier den Eintritt in die quantitative Unterſuchungsweiſe ver⸗ mitteln. Jedoch lange Zeit bevor die Chemie zu einer ficheren Grund- legung gelangte, wurde die Mechanik durch Galilei exakte Wiſſen⸗ ichaft. Lagrange hat in Bezug auf dieſe Leiftung Galilei? hervorge- hoben, e8 babe, um die Jupitertrabanten, Venusphaſen und Sonnen- fleden zu finden, nur des Teleſtops und des Fleißes bedunft, wo⸗ gegen nur ein außerordentlicher Geift die Gejege der Natur in Er- Icheinungen, welche man ſtets vor Augen gehabt, aber bis dahin nicht hatte erklären können, zu entwirren vermocht habe. Die einfachen, begrifflih) wie quantitativ beftimmten Porftellungen, welche er zu Grunde legte, jeßten eine Zerlegung des Bewegungs⸗ vorgangs in abftrafte Komponenten voraus, und fie ermöglichten gerade durch die Einfachheit der fundamentalen Beziehungen die Unterordnung der Bewegungen unter die Mathemati. Das icheinbar jo jelbftverjtändliche Prinzip der Trägheit durchichnitt die ganze von uns dargelegte metaphufilche Theorie, nach welcher 460 Zweites Buch. Vierter Abichnitt.
eine Bervegung nur durch das Fortwirken der fie bervorbringenden Urfache fich forterhält, ſonach den gleichförmig fortdauernden Be⸗ wegungen eine gleichförmig wirkende Urſache zu Grunde gelegt werden mußte. Auf diefe Theorie, welche der Sinnenjchein von geftoßenen und in Rubezuftand zurücklehrenden Körpern empfahl, war die Annahme von piychiichen Wejenheiten als Urjachen eine weiten Kreiſes von Veränderungen in der Natur einerjeitö be- gründet tworden, wie fie andrerſeits aus der Gedankenmäßigkeit der Bewegungen ihre mehr dauernde Kraft empfing. Nunmehr zeigte das Prinzip Galileis den Grund der Yortdauer einer Be— wegung in der Nothivendigkeit des Beharrens des Objektes ſelber in feinem Bewegungszuſtande; diefer Nothivendigfeit gemäß durch⸗ läuft dag Objekt jedes folgende Differential feiner Bahn, weil es das vorangehende durchlaufen bat. Die Grundlage der meta- phyſiſchen Naturbetrachtung war vernichtet.
Die erfte Anwendung der Mechanil auf ein verwickeltes Syitem von Thatjachen, zugleich die glänzendfte und erhabenſte, deren fie fähig ift, war die auf die großen Bewegungen der Maſſen im Weltraum. So entitand die Mechanik des Himmeld. Sie wurde ermöglicht durch die Fortichritte der Mathematik in analytiicher Geometrie und Differentialrehnung. Nun wurde das verwidelte Getriebe der im Weltraum freilenden Geftirne durch die Theorie von ber Gravitation, ald dem unfichtbaren Bande der Sternen welt, der mechaniſchen Betrachtungsweiſe untergeordnet. Damit ſanken die Geftirngeifter der metaphufifchen Naturauffaffung dahin und wurden zu Märchen einer verklungenen Zeit.
Die unermeßliche Veränderung der menſchlichen MWeltanficht, welche fi) jo vollzog, begann, indem Copernicus, antnüpfend an die Forichungen der Griechen, welche daflelbe verjucht, die Sonne in die Mitte der Welt ftellte. „Denn wer könnte wohl”, fo jagt ex, „in dem herrlichen Naturtempel dieſer Yadel einen anderen Ort anweifen wollen.“ Die drei Kepler’ichen Geſetze entivarjen deifriptiv die Figuren und Zahlenverhältniſſe der Helivcentrijchen Planetenbewegungen, in welchen Slepler, den Spuren der pytha⸗ goreifchen Schule nachgehend, die Harmonie des Himmels an- Naturwiſſenſchaft zerſetzt Metaphufil der fubftantialen Formen. 461 Ihaute. Newton fuchte die Erklärung für die fo ihrer Form nach beftimmten Berwegungen. Und zwar erflärte er fie durch eine Zerlegung in zwei Taltoren. Der eine Faktor liegt in einem Anftoß, welchen die Planeten in der Richtung einer Tangente an ihre gegenwärtige Bahn erhalten haben, der andere in der Gravis» tation; jo kann die Krümmung ihrer Bahnen abgeleitet werden. Auf ſolche Weile tritt an die Stelle der geiftigen Weſen, beren vorftellende Kraft und innere geiftige Beziehung zu einander der Erklärungsgrund der vertwidelten Formen der jcheinbaren Bahnen und ihrer mechanisch zuſammenhangsloſen Räderwerke geweſen waren, nachdem einmal durch den heliocentriichen Standpunft des Copernicus das Problem eine einfachere, durch Kepler eine genau präcifirte Yaffung erhalten Hatte, der Mechanismus, dem Triebwerk Einer ungeheuren Uhr vergleichhar. Und das Mittel war die Zerlegung, die auf dad Zuſammenwirken von Faktoren, welche der Erklärung dienen, die Form zurüdführte, während diele bis dahin Gegenftand einer äſthetiſchen und teleologifch deſkriptiven Betrachtung geweſen war.
Wir verfolgen nicht die Bedeutung der fortſchreitenden Chemie und Phyſik für die gänzliche Veränderung der bisherigen Meta⸗ phyfik; insbeſondere in der Chemie fchien nun das analytiſche Verfahren experimentell die Auffindung der Subſtanzen be— wirken zu wollen, die im Kosmos vereinigt find; aber die Formen de3 organiichen Leben? waren der zweite Hauptftüßpunft für die Metaphyfik der jubftantialen Formen, und auch biefen jollte fie num verlieren. Die Metaphufit der fubftantialen Yormen widerftand vermittelt des Begriffs einer Lebenzfeele, der anima vegetativa, noch eine Seit lang der Anforderung, die organiſchen Hormen und Leiftungen ala dad am meilten fomplere aller Phä⸗ nomene der Natur ebenfall3 auf den phyſikaliſchen und chemiſchen Mechanismus zurüdzuführen. Dann wies die Biologie diejer Lebens⸗ jeele wenigftend die Benußung der chemilchen und phyſikaliſchen Kräfte zu: bis jchließlich die Mehrzahl der Biologen, insbejondere in Deutichland, den Begriff von Lebenzfeele, Lebenskraft ala für den Fortſchritt der Forſchung unfruchtbar zurüdftellte und ganz zu 462 Zweites Buch. Vierter Abichnitt.
eliminiren bemüht war. Auch bier war ed wiederum die Zer⸗ legung der vordem als ein lebendiges, von Einem Pfychiſchen aus entwickeltes Ganzes betrachteten forma naturae, was die alte Metaphyſik ftürzte. — So drang das analytiſche Verfahren, nicht die bloße Zerlegung in Gedanken, ſondern die thatſäch- lich eingreifende, den erften Natururfachen entgegen und löfte piuchiiche Weſenheiten ſowie jubftantiale Formen auf.
Hatte die monotheiftiiche Lehre den Mittelpunft der bia- berigen Metaphyſik gebildet und bejaß fie innerhalb der ftrengen Wiſſenſchaft ihren Hauptſtützpunkt an dem Schluß au den Thatſachen der Aftronomie, jo wurde nun aud) die Strin= genz dieſes Schlufles zerſetzt.
Noch Kepler war durch feine Entdedungen nur dahin ge= führt worden, die göttliche Kraft, welche die Bewegungen der Pla⸗ neten hervorbringt, in die Sonne ala den Mittelpuntt aller ihrer Bahnen zu verlegen und jo bereit3 eine Centralkraft in der Sonne anzunehmen. „Wir müflen eins von beiden vorausſetzen: enttveber, daß die bewegenden Geifter, je weiter fie von der Sonne entfernt find, um fo ſchwächer werden, oder daß ed Einen beivegenden Geift in dem Mittelpunfte aller diefer Bahnen, nämlich in der Sonne, gebe, der jeden Himmelskörper in eine um jo fchnellere Bewegung verjeßt, je näher ihm diejer ift, bei den entfernteren aber wegen der Erftredung und Herabminderung der Kraft gleich- fam ermattet!).”
Alsdann fiel auch noch für Newton nur Ein Erklärung?- grund der Form der Planetenbewegungen in ben Bereich der Materie; er bedurfte neben ihm der Annahme, daß der Planet durch einen Stoß in eine gewiſſe Richtung mit einer gewiſſen Ge- Ichwindigfeit geworfen fi. &o war der erfte Beweger, wenn auch zu einem untergeordneten Gejchäft, immer noch erforderlich. Ja mehr, Newton erllärt, daß Planeten und Stometen zwar nach den Geleben der Schwere in ihren Bahnen verharren, aber die uriprüngliche und regelmäßige Lage derjelben nicht durch diefe 1) Kepler Mysterium cosmographicum c. 20.
Aufldfung des Schlufles aus den Thatſachen der Aftronomie. 463 Geſetze erlangen Tonnten. „Died volllommene Gefüge der Sonne, der Planeten und Kometen hat nur aus dem Rathſchluß und ber Herrichaft eines einfichtigen und mächtigen Weſens hervorgehen fönmen!).” Seine geiftige Subſtanz ift Trägerin der Wechſel⸗ wirkung der Theile im Weltall. So dauerte eine Zeit hindurch, wenn auch abgeſchwächt, die Macht des aftronomilchen Theils des kosmologiſchen Beweiſes für das Dajein Gottes fort. Eine Anzahl von bedeutenden Köpfen, welche ſonſt einen leidenfchaftlichen Kampf gegen den FKirchenglauben führten, fand fi) auch von diefem jo abgejchwächten Argument überzeugt. Indem aber die mechaniſche Theorie von Kant und Laplace dazu angewendet wurde, die Entftehung des Planetenſyſtems zu erklären, trat in der neuen Hypotheſe der Mechanismus an die Stelle der Gottheit. Die metaphyſiſche Beweisführung, welche una durch die ganze Gefchichte der Metaphyſik begleitet hat, ift ala jolche von jet an zerftört. Zudem ift die Untericheidung einer höheren un⸗ veränderlichen Welt von ber des Wechſels unter dem Monde nun- mehr durch die Entdedungen über die Veränderungen auf den Geftimen jowie durch die Mechanit und Phyſik des Himmels oufgeboben. Was zurücdbleibt ift die metaphyſiſche Stim- mung, ift jenes metaphyſiſche Grundgefühl des Menſchen, welches diefen durch die lange Zeit feiner Gejchichte begleitet hat, von der Zeit ab, da die Hirtenvölfer des Oſtens zu den Sternen aufblidten, da die Priefter auf den Sternwarten der Tempel des Orient? den Dienft der Geftirne und ihre Betrachtung verbanden. Dieſes metaphuyfifche Grundgefühl ift in dem menschlichen Bewußt⸗ fein mit dem pſychologiſchen Urjprunge des Gotteaglaubens über- all verwoben; e3 beruht auf der Unermeßlichkeit de Raumes, welcher ein Symbol der Unendlichkeit ift, auf dem reinen Lichte der Geftirne, das auf eine höhere Welt zu deuten fcheint, vor Allem aber auf der gedankenmäßigen Ordnung, welche auch die einfache Bahn, die ein Geftirn am Himmel beichreibt, zu unferer geo- 1) Aus der berühmten allgemeinen Anmerfung zu bem britten Buche von Newton’3 mathematiichen Prinzipien.
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metrifchen Raumanjchauung in eine geheimnißvolle aber lebendig empfundene Beziehung fett. Dies Alles ift in Einer Stimmung verbunden, die Seele findet fi) erweitert, ein gedantenmäßiger göttlicher Zufammenhang breitet fi ringe um fie in das Un⸗ ermeßliche aus. Dies Gefühl ift nicht fähig, in irgend eine De- monftration aufgelöft zu werden. Die Metaphyſik verftummt. Aber von den Sternen ber Klingt, wenn die Stille der Nacht fommt, auch zu una noch jene Harmonie der Sphären, von welcher die Pythagoreer jagten, daß nur das Geräufch der Welt fie übertäube; eine unauflögliche metapbufifche Stimmung, welche jeder Beweisführung zu Grunde lag und fte alle überleben wird.
Menn nun jolchergeftalt die moderne Naturwiſſenſchaft die ganze bisher dargeitellte Metaphufit der jubftantialen Formen und der pſychiſchen Weſenheiten aufgelöft hat bis in den innerften Kern, den die einheitliche geijtige Welturſache ausmacht, jo entfteht die Frage: in was hat fie dieſelbe aufgelöft?
Was ſetzte nun die Zerlegung der zuſammgeſetzten Yormen der Natur an die Stelle dieſer formae substantiales, welche einft der Gegenftand einer dejkriptiven Auffaffung und Zurückführung auf geiftähnliche Weſenheiten geweſen waren? Man bat wol gefagt: eine neue Metaphufil. Und in der That fo weit ein Standpunkt veicht, wie ihn neuerdings Fechner ald die Nachtanficht gejchildert bat, ein Standpunkt, für welchen Atome und Gravitation meta- phyfiſche Entitäten find, wie fie vorher die fubftantialen Formen waren, iſt natürlich) nur eine alte mit einer neuen Metaphyſik ver- taujcht worden, und man kann nicht einmal jagen: eine fchlechtere mit einer befieren. Der Materialismus war eine ſolche neue Metaphyfik, und eben darum ift der gegenwärtige naturwiſſen⸗ ſchaftliche Monismus fein Sohn und Erbe, weil auch ihm Atome, Moleküle, Gravitation Entitäten find, Wirklichkeiten, jo gut al? irgend ein Objekt, daß gefehen und betaftet werden Tann. Aber das Verhältniß der wahrhaft pofitiven Foricher zu den Begriffen, durch welche fie die Natur erkennen, iſt ein anderes, als das ber metaphyfiichen Moniften. Newton jelber jah in der anziehenden Kraft nur einen Hilfabegriff für die Yormel des Geſetzes, nicht Mechan. Naturerll. darf nicht als neue Metaphyfik angejehen werben. 465 die Erfenntniß einer phyſiſchen Urſache!). Solche Begriffe, wie Kraft, Atom, Molekül find für die meiften hervorragenden Natur- foricher ein Syſtem von Hilfefonftruftionen, vermittelft deren wir die Bedingungen für das Gegebene zu einem für die Vor⸗ ftellung Elaren und für das Leben benußbaren Zuſammenhang entwideln. Und dies entipricht dem Sachverhalt.
Dingund Urjacdhe können nicht ala Beftandiheile der Wahr- nehmungen in den Sinnen aufgezeigt werden. Sie ergeben fich auch nicht aus der formalen Anforderung eines denknothwendigen Zulammenhangs zwiſchen den Wahrnehmunggelementen, noch) weniger aus den bloßen Beziehungen derjelben in Koexiſtenz und Succefſion. Für den Natıyforicher mangelt ihnen daher die Legi- timität des Urſprungs. Sie bilden die inhaltlichen im Erlebniß gegründeten Vorjtellungen, durch welche Zuſammenhang unter unferen Empfindungen befteht, und zwar treten fie in einer vor der bewußten Erinnerung liegenden Entiwidlung auf.
Aug ihnen ſahen wir im Verlauf dieſes gefchichtlichen Ueber⸗ blicks die abſtrakten Begriffe von Subftanz und Kauſalität hervorgehen. Nun beftimmt die Unterjcheidung des Dings von Wirken, Leiden und Zuſtand nebft den aus ihr rechtmäßig vom Erkennen abgeleiteten Unterjcheidungen, welche mit den Be- griffen der Subſtanz und der Kauſalität gegeben find, die Form de Urtheils. Alſo können wir diefe Begriffe wol im Wort, nicht im wirklichen Vorſtellen eliminiten, und die Naturforſchung kann nur darauf gerichtet fein, ‚vermittelft diefer Worftellungen und Begriffe, welche den einzigen und möglichen, unjerem Bewußt⸗ fein eigenen Zufammenbang in fich jchließen, ein zureichendes und 1) Newton Principia def. VIII: Voces autem attractionis, impulsus vel propensionis cujuscunque in centrum, indifferenter et pro se mutuo promiseue usurpo; has vires non physice, sed mathematice tantum con- siderando. Unde caveat lector, ne per hujusmodi voces cogitet me spe- ciem vel modum actionis causamve aut rationem physicam alicubi de- finire vel centris (quae sunt puncta mathematica) vires vere et physice tribuere, si forte aut centra trahere, aut vires centrorum esse dixero.
Dilthed, Einleitung. 30 466 Zweites Buch. Vierter Abichnitt.
in fich geſchloſſenes Syſtem der Bedingungen für die Erklärung der Natur zu konſtruiren.
Wir ziehen wieder nur einen Schluß aus der hiſtoriſchen Ueberficht, wenn wir zunächſt weiter behaupten: der Begriff der Subftanz umd der von ihm ausgehende Tonftruftive Begriff des Atoms find aus den Anforderungen des Erkennens an das, was in der Beränderlichleit de Dinges ala ein zu Grunde liegendes Feſtes zu ſetzen Sei, entftanden; fie find gejchichtliche Erzeugnifie des mit den Gegenftänden ringenden logischen Geiftes; fie find alfo nicht Wejenheiten von einer höheren Dignität ala da3 einzelne Ding, ſondern Gejchöpfe der Logik, welche das Ding denkbar machen follen und deren Erkenntnißwerth unter der Bedingung des Erleben und Anſchauens fteht, in denen da8 Ding gegeben if. Dem Schema diefer Begriffe haben ſich die großen Entdedungen ein- geordnet, welche in den Grenzen unferer chemiichen Erfahrungen die Unveränderlichleit der Stoffe nach Mafle und Eigenſchaften mitten in dem Wechjel der chemilchen Verbindungen und Tren⸗ nungen erweilen. So entfteht die Möglichkeit, an welche alle fruchtbare Naturforſchung gebunden ift, die in der Anjchauung - gegebenen Thatbeftände und Beziehungen rückwärts dem zu Grunde zu legen, was der Anichauung entzogen ift, und folchergeftalt eine einheitliche Naturanficht durchzuführen. Die Haren PVor- ftellungen von Mafje, Gewicht, Bewegung, Geſchwindigkeit, Ab- ftand, welche an den größeren fichtbaren Körpern gebilbet find und an dem Studium der Maſſen im Weltraum fi) bewährt haben, werden auch da benußt, wo die Sinne durch die Borſtellungskraft erfeßt werden müflen. Daher ift auch der Verſuch des deutſchen Idealismus, diefe Grundvorftellung von der Kon flitution der Materie zu verdrängen, eine unfruchtbare Epiſode geblieben, während die Atomiftik in ihrer Entwicklung ftätig, wenn auch zuweilen durch jehr barocke Vorftellungen von den Mafjen- theilcden, voranfchreitet. Diele barocken Vorftellungen wollen zwar unferen idealen Anforderungen an die erften Gründe des Kosmos nicht ent|prechen, find aber den fichtbaren Erfcheinungen gleichartig, und ermöglichen den nach der Lage der Willenjchaft zur Zeit für Mechan. Naturerkl. darf nicht ala neue Metaphyſik angefehen werben. 467 die Erflärung dieſer Erjcheinungen am meiften geeigneten Begriffa- zuſammenhang. Wogegen die DVorftellungen der idealiftilchen Naturpbilojophie zwar durch ihre Berwandtichaft mit dem geiftigen Leben höchſt würbig erjchienen, den Ausgangspunkt der Erklärung der Natur zu bilden, aber indem fie eine den Jichtbaren Objelten heterogene Imnerlichkeit Hinter dieſen dichteten, waren fie andrer= ſeits unfähig, diefe fichtbaren Objekte wirklich zu erklären, und darum gänzlich unfruchtbar ’).
Diefelbe Folgerung ergiebt ſich alsdann in Bezug auf den Er- kenntnißwerth des Begriffes der Kraft und der ihm benachbarten von Kauſalität und Gejet. Während der Begriff der Subftanz im Altertbum ausgebildet wurde, bat der Begriff der Kraft feine gegenwärtige Geftallung erft im Zuſammenhang mit der neueren Wiſſenſchaft empfangen. Wiederum bliden wir rückwärts; den Urfprung dieſes Begriffs erjakten wir noch im mythiſchen Vor⸗ ftellen ala Erlebniß. Die Natur dieſes Erlebniffes wird fpäter Gegenftand der erkenntnißtheoretiichen Unterfuchung fein. Hier fei nur herausgehoben: wie wir in unjerem Erlebniß finden, kann der Wille die Vorftellungen lenken, die Glieder in Bewegung feßen, und dieſe Yühigkeit wohnt ihm bei, wenn er auch nicht immer von ihr Gebrauch macht; ja im Halle äußerer Hemmung kann fie zwar durch eine gleiche oder größere Kraft in Ruheſtand gehalten werden, wird jedoch als vorhanden gefühlt. So faflen wir die Vorftellung einer Wirkensfähigleit (oder eines Vermögens), welche dem einzelnen Alt von Wirken voraufgeht; aus einer Art von Reſervoir wirkender Kraft entfließen die einzelnen Willendatte und Handlungen. Die erfte wiſſenſchaftliche Entwwicklung biefer Vorſtellung Haben wir in der ariftoteliichen Begriffäreihe von Dynamis, Energie und Entelechie vorgefunden. Jedoch war die hervorbringende Kraft in dem Syſtem des Ariſtoteles noch nicht von bem Grunde der zweckmäßigen Form ihrer Leiftung gejondert, und wir erlannten gerade hierin ein charakteriftiiches Merkmal und eine Grenze der ariftoteliichen Wiſſenſchaft. Erſt dieſe Son- 1) Bgl. Yechner über die phyſikaliſche und philoſophiſche Atomenlehre 2 Leipzig 1864.
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derung ermöglichte die mechanische Weltanficht. Diejelbe trennte den abſtrakten Begriff von Quantität der Kraft (Energie, Arbeit) von den konkreten Naturphänomenen ab. Jede Majchine zeigt eine meßbare Triebfraft, deren Quantum von der Yorm verjcdhieden ift, in welcher die Kraft auftritt, und fie zeigt zugleich, wie durch die Leiftung Triebfraft verbraucht wird; vis agendo consumitur. Das deal eines objektiven dem Gedanken faßbaren Zulammen- hangs der Bedingungen für das Gegebene ift in dieſer Richtung durch die Entdeckung des mechaniſchen Aequivalent? der Wärme und die Aufitelung de Geſetzes von der Erhaltung der Kraft verwirklicht. Auch Hier Haben wir fein aprioriiches Gele vor und, vielmehr haben pofitive Entdedungen die Naturwiſſenſchaft dem angegebenen deal angenähert. indem eine Naturkraft nach der anderen in Bewegung aufgelöft, dieſe aber dem umfaflenden Geſetz untergeordnet wird, daß jedes Wirken Effelt eines früheren gleich großen, jeder Effekt Urfache eines weiteren gleich großen Gffeftes ſei: fchließt fih der Zufammenhang ab. So Hat daB Geje von der Erhaltung der Kraft in Bezug auf die Benußung der Vorftellung von Kraft diejelbe Funktion als der Sa von der Unveränderlichkeit der Maſſe im Weltall in Bezug auf den Stoff. Zufammen fondern fie, auf dem Wege der Erfahrung, das Konftante in den Veränderungen bed Weltall aus, welches aufzufaffen die metaphyſiſche Epoche vergeben? bemüht war.
Sp viel ift Har: man kann die mechaniſche Naturerklärung, wie fie nun dad Ergebniß ber bewundernswerthen Arbeit des naturforjchenden Geiftes in Europa feit dem Ausgang des Mittel- alter3 iſt, nicht gröber mißverftehen, ala indem man fie als eine neue Art von Metaphyſik, etiva eine folche auf induftiver Grunde lage, auffaßt. Freilich fonderte ſich nur allmälig und langjam von der Metaphyſik das Ideal von erflärender Erkenntniß des Naturzuſammenhangs ab, und erſt die erkenntnißtheoretiſche For⸗ ſchung klärt den ganzen Gegenſatz auf, der zwiſchen dem metaphyſiſchen Geiſt und der Arbeit der modernen Naturwiſſenſchaft beſteht. Sie mag ihn vorläufig, vor der Darlegung unſerer Erkenntnißtheorie, folgendermaßen beſtimmen.
Mechan. Raturerkl. darf nicht ala neue Metaphyſik angelehen werben. 469 1. Die äußere Wirklichkeit ift in der Totalität unferes Selbftbewußtieind nicht ala bloße Phänomen gegeben, jonbern als Wirklichkeit, indem fie wirkt, dem Willen widerfteht und dem Gefühl in Luft und Wehe da if. In dem Willensanftoß und Willenswiderftand werden wir innerhalb unjeres Vorſtellungszu⸗ ſammenhangs eined Selbjt inne, und gejondert don ihm eine Anderen. Aber dies Andere ift nur mit feinen präbifativen Be— ftimmungen für unjer Bewußtjein da, und die prädifativen Be— ftimmungen erchellen nur Relationen zu unjeren Sinnen und unferem Bewußtſein: da3 Subjelt oder die Subjelte jelber find nicht in unſeren Sinneseindrücken So wiſſen wir vielleicht, daß dies Subjekt da fei, doch ficher nicht, was es fei.
2. Tür dieſes Phänomen der äußeren Wirklichkeit ſucht nun die mechaniiche Naturerflärung dentnothbwendige Be- dingungen. Und zwar ift die äußere Wirklichkeit jederzeit, weil fie und ala ein Wirkendes gegeben war, Gegenfland der Unterſuchung in Bezug auf ihre Subftanz und die ihr unterliegenbe Urfächlichkeit für den Menfchen geweſen. Auch verbleibt das Denken durch dag Urtheil ala ferne Funktion an die Unterjcheidung von Subſtanz einerſeits und Thun, Leiden, Eigenjchaft, Kaufalität, Schließlich Geſetz anbdrerjeit3 gebunden. Die Unterjcheidung der zwei Klaſſen von Begriffen, welche das Urtheil trennt und ver⸗ Müpft, kann nur mit dem Urtheilen, jonad) dem Denken jelber aufgehoben werden. Aber eben darum können für das Studium der Außenwelt die unter diefen Bedingungen entmwidelten Begriffe nur Zeichen fein, weldde, ala Hilfsmittel des Zuſammenhangs im Bemußtlein, zur Löfung der Aufgabe der Erkenntniß in da8 Eyftem der Wahrnehmungen eingejeßt werden. Denn dag Er- fennen vermag nicht an die Stelle von Erlebniß eine von ihm unabhängige Realität zu ſetzen. Es vermag nur, das in Erleben und Erfahren Gegebene auf einen Zufammenhang von Bedingungen zurüdzuführen, in welchem es begreiflih wird. Es Tann die konſtanten Beziehungen von Theilinhalten feftftellen, welche in den mannichfachen Geftalten des Naturlebens wiederkehren. Verläßt man daher den Erfahrungsbezirk jelber, jo hat man es nur mit 470 Zweites Bud). Bierter Abſchnitt.
erbachten Begriffen zu thun, aber nicht mit Realität, und die Atome find unter diefem Gefichtöpunfte, wenn fie Entitäten zu fein beanjpruchen, nicht befjer ala die fubftantialen Formen: fie find Gefchöpfe des wiſſenſchaftlichen Verſtandes.
3. Die Bedingungen, welde die mechaniſche Na— turerflärung ſucht, erklären nur einen Theilinhalt der äußeren Wirklichleit. Dieje intelligible Welt der Atome, des Aethers, der Vibrationen ift nur eine abfichtliche und höchſt kunſtvolle Abftraktion aus dem in Erlebniß und Erfahrung Ge- gebenen. Die Aufgabe war, Bedingungen zu Tonftruiren, welche die Sinnedeindrüde in der exakten Genauigfeit quantitativer Be—⸗ ftimmungen abzuleiten und ſonach Tünftige Eindrüde vorauszu⸗ lagen geftatten. Das Syſtem der Bewegungen von @lementen, in welchem dieje Aufgabe gelöft wird, ift nur ein Ausſchnitt der Realität. Denn ſchon der Anfah "unveränderlicher qualitätälofer Subftanzen ift eine bloße Abftraktion, ein Kunftgriff der Wiflen- Schaft. Er ift dadurd) bedingt, daß alle wirkliche Veränderung aus der Außenwelt in das Bewußtſein hinübergeſchoben wird, wodurd denn die Außenwelt von den läftigen Veränderungen der finnlichen Eigenichaften befreit wird. Das Medium von Klar⸗ heit, in welchem hier die leitenden Begriffe von Kraft, Bewegung, Geſetz, Element ſchweben, ift nur die Folge davon, daß die That- beftände durch Abftraktion von Allem befreit find, was der Maß⸗ beftimmung unzugängli iſt. Und daher ift dieſer mechaniiche Naturzuſammenhang zunächſt ſicher ein nothivendiges und frucht⸗ bares Symbol, das in Quantitäts- und Bewegungsverhältnifſen den Zuſammenhang des geſammten Geſchehens in der Natur aus⸗ drückt, aber was fie mehr ſei als dies, darüber kann kein Natur⸗