SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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forſcher etwas ausſagen, will er nicht den Boden der ſtrengen Wiſſenſchaft verlaſſen.

4. Der Zuſammenhang der Bedingungen, welchen die mechaniſche Naturerklärung aufſtellt, kann vorläufig noch nicht an allen Punkten der äußeren Wirklichkeit auf— gezeigt werden. Der organiſche Körper bildet eine ſolche Grenze der mechaniſchen Naturerklärung. Der Vitalismus mußte aner⸗ Gegenfat de3 metaph. Geiftes u. der modernen Naturwiſſenſchaft. 471 fennen, daß die phyſikaliſchen und chemifchen Gefeße nicht an der Grenze des organifchen Körpers wirkſam zu fein aufhören. Hat ſich aber die Naturforſchung das umfaljende Problem geftellt, unter Eliminirung der Lebenskraft aus dem mechanischen Naturzuſammen⸗ hang die Prozefle des Lebens, feine organiiche Form, feine Bil- dungögefeße und jeine Entwidlung, endlich die Art der Speziali« firung des Organiſchen in Typen abzuleiten, jo ift die Problem heute noch ungelöft.

5. Aus der Natur dieſes Verfahrens der Aufſuchung von Bedingungen für die äußere Wirklichkeit ergiebt fich eine Weitere Folge. Man kann fi nicht verſichern, ob nicht noch weitere Bedingungen in den Thatſachen verftecdt find, deren Kenntniß eine ganz andere Konſtruktion erforderlich machen würde. Sa wenn wir einen teiteren Kreis von Erfahrungen befäßen, jo würden vielleicht diefe von uns fonftruirten Ges dankendinge durch ſolche von einer weiter zurücliegenden, gleich“ fam mehr primären Beichaffenheit erjegt werden. Hierauf leitet fogar pofitiv der noch unerklärte Reft, welcher die Meta- phyſiker beftimmt Hat, von dem Ganzen, von der dee auszugehen. Denn betrachtet man die Elemente als Urdata, fo muß die Betrachtung in einen Abgrund von Bedenken flürzen, daß dieje Elemente auf einander wirken, gemeinſames DBerhalten zeigen und vermittelft defjelben zum Aufbau zweckmäßig fich be= twegender Organismen zuſammenwirken. Die mechaniiche Natur- erflärung kann die uriprüngliche Anordnung, aus welcher dieſer gedankenmäßige Zuſammenhang hervorgeht, vorläufig nur als zu= fällig anjehen. Der Zufall iſt aber die Aufhebung der Denk nothivendigkeit, welche zu finden der Wille der Erfenntniß fi in der Naturwiflenichaft in Bewegung jebt.

6b. Die Nalurwiſſenſchaft gelangt jo nicht zu einem ein« heitliden Zujammenhang der Bedingungen ded Ge- gebenen, welchen aufzufuchen fie doch ausgegangen war. Denn die Gejeße der Natur, unter denen alle Stoffelemente gemeinfam ftehen, können nicht dadurch erklärt werden, daß fie dem einzelnen Stoffelement als fein Verhalten zugejchrieben werden. Die Ana⸗ 472 Zweites Bud. Vierter Abſchnitt.

lyfis ift zu den beiden Endbpunften, dem Atom und dem Geſetz, gelangt, und wie dad Atom im naturwiſſenſchaftlichen Denken ala Einzelgröße benubt wird, liegt in ihm nicht, was mit dem Syſtem von Gleichförmigkeiten in der Natur in einen Erkennt⸗ nißzuſammenhang gebracht werden könnte. Daß ein Mafentheil- chen im Syſtem der Relationen daflelbe Verhalten ala ein anderes zeigt, ift auß jeinem Charakter ala Einzelgröße nicht erklärlich, ja ericheint von ihm aus ala jchwer faßbar. Und wie zmilchen underänderlichen Einzelgrößen ein Kauſalzuſammenhang ftattfinden fol, ift nun gar vollftändig unvorftellbar. Unfer Berjtand muß die Welt wie eine Mafchine außeinandernehmen, um zu erkennen; er zerlegt fie in Atome; daß aber die Welt ein Ganzes ift, kann er aus diejen Atomen nicht ableiten. Wir ziehen wiederum eine Tolgerung aus der geichichtlichen Darlegung. Diejer lebte Befund der Analyſis der Natur in der modernen Naturwiſſenſchaft ift demjenigen analog, zu welchem wir die Metaphyfif der Natur bei den Griechen gelangen jahen: den jubftantialen Formen und der Materie. Das Naturgeſetz Eorrejpondirt der fubftantialen Form, das Maffentheildden der Materie. Und zwar jtellt fih in dieſen iſolirten Befunden fchließlic nur der Unterjchied von Eigenjchaften dar, welche für die Einheit des Bewußt⸗ feina in Gleichförmigfeiten fich aufichließen, und dem, was ihnen al8 einzelne Bofitivität zu Grunde liegt, kurz die Natur des Urtheils, ſonach des Denteng.

So ift felbit für die ifolirte Naturbetrachtung der Moniamu8 nur ein Arrangement, in welddem die Beziehung von Eigen Ihaften und Verhalten auf dad, was fich verhält, nothwendig iſt, da fie aus der Natur des Bewußtſeinsphänomens Wirklichkeit richtig geſchöpft wird, aber die Herftellung diefer Beziehung bindet nur an einander, was innerlich nicht zufammengehört: die einzelne Atomgröße und den gedantenmäßigen, gleichfürmigen Zuſammen⸗ hang, der für unjer Bemwußtlein ftet3 auf eine Einheit zurückweiſt. Meberfchreitet jedoch der naturwiſſenſchaftliche Monismus die Grenzen der Außenwelt und zieht auch das Geiftige in den Be⸗ reich feiner Erklärung, aladann hebt die Naturforichung ihre eigene w—n Gegenſatz des metaph. Geiftes u. der modernen Naturwifſenſchaft. 473 Bedingung und Vorausſetzung auf; aus dem Willen der Erkennt⸗ niß fchöpft fie ihre Kraft, ihre Erklärungen aber können diefen in feiner vollen Realität nur verneinen.

Der Rüdftand der jo der wiflenichaftlichen Erklärung zurüd- bleibt, ift thatjächlich in dem Bewußtſein verbunden mit dem ganzen Verhältniß zur Natur, welches in der Totalität unſeres geiftigen Lebens gegründet ift und aus welchem ſich die moderne willenschaftliche Naturbetrachtung differenzirt und verjelbitändigt hat. Wir haben nachgewielen, daß in dem Geiſt von Plato oder Ariftoteles, von Auguftinus oder Thomas von Aquino dieje Diffe- renzirung noch nicht beftand; in ihre Betrachtung der Naturformen war noch das Bewußtſein von Vollkommenheit, von gedanken⸗ mäßiger Schönheit des Weltalld untrennbar verwebt. Die Son- derung der mechaniſchen Naturerklärung aus diefem Zuſammen⸗ hang des Lebens, in welchem uns die Natur gegeben ift, hat erſt den Zweckgedanken aus der Naturwiſſenſchaft ausgeftoßen. Er bleibt jedoch in dem Zuſammenhang des Lebens, welchem die Natur gegeben ift, enthalten, und wenn man die Xeleologie im Sinne der Griechen ala dies Bewußtjein von dem gedanken⸗ mäßigen, unferem inneren Leben entjprechenden ſchönen Zuſammen⸗ hang erkennt, ift diefe Idee von Zweckmäßigkeit im Dtenjchen- gejchlechte unzerftörbar. In den Yormen, Gattungen und Arten der Natur bleibt ein Ausdruck diefer immanenten Zweckmäßigkeit enthalten und wird jelbft von dem Darmwiniften nur weiter zu— rüdgefchoben. Auch fteht dieſes Bewußtſein der Zweckmäßigkeit in einem inneren Verhältniß zu der Erfenntniß der Gedantenmäßig- feit der Natur, kraft welcher in ihr nach Gejeben Typen bervorgebracht werden. Diefe Gedankenmäßigfeit ift aber ftreng beweis— bar. Denn gleichviel wovon unjere Eindrüde Zeichen find, der Berlauf unjeres Naturwiſſens vermag, die Koexiſtenz und Succeſſion diefer Zeichen, welche in einem feſten Berhältniß zu dem im Willen gegebenen Anderen ftehen, in ein Syſtem aufzulöjen, welches den Eigenschaften unſeres Erkennens entipricht.

Mit ber Macht einer unmwiderftehlichen Naturericheinung hat fi) zugleich mit der Durchführung der mechanischen Naturer- 474 Zweites Buch. Bierter Abſchnitt.

klärung das tiefe Bewußtſein des Lebens in der Natur, wie es in der Totalität unjeres eigenen Lebens gegeben ift, in der Poefie ausgeſprochen; nicht ala eine Art von ſchönem Schein oder von Form (mie Vertreter der formalen Aefthetil annehmen würden), fondern ala gewaltiges Lebensgefühl; zunächft in der Naturempfin« dung von Rouffeau, deſſen Lieblingsneigungen naturwiſſenſchaftliche waren, alsdann aber in Goethe Poefie und Naturpbilofophie. Dieſer befämpfte mit leidenjchaftlichem Schmerz, vergeben, ohne die Hilfsmittel klarer Auseinanderſetzung, die ficheren Rejultate der Newton’schen mechanischen Naturerflärung, indem er dieje ala Naturphilojophie betrachtete, nicht ald das, was fie war: Entwick⸗ lung eines in der Natur gegebenen Theilzuſammenhangs ala ab- ſtraktes Hilfamittel der Erkenntniß und Benutzung der Natur. Ja jelbft Schiller hat der wifienjchaftlichen Analyſis, welche zer legt und tödtet, die Syntheſis fünftleriicher Betrachtung gegenüber- geitellt, ala ein Verfahren von einem höheren Grad gleichjam metaphyfiicher Wahrheit, und Hat dem entiprechend in feiner Aefthetit die Erfaflung des Jelbftändigen Lebend in der Natur dem Künſtler zugefchrieben. So ift in dem DifferenzirungSprozeß des Eeelenleben? und der Gejellihaft das Heilige, Unverlebliche, Allgeraltige, was ald Natur unferem Leben thatlächlich gegeben ift, von Dichtern und Künftlern geliebt und dargeftellt worden, während es einer wiflenjchaftlichen Behandlung nicht zugänglich it. Und bier ift weder der Dichter zu fehmähen, der von dem erfüllt ift, was für die Wiſſenſchaft gar nicht da fein kann, noch der Forſcher, der von dem nichts weiß, was dem Dichter die glüclichtte Wahrheit if. In ber Differenzirung des Lebens der Geſellſchaft hat ein Syftem wie die Poefie jeine Funktion ſtets modificirt. Die Dichtung Hat ſeit der Herftellung der mechanifchen Naturauffaffung das in fich verichloffene, keiner Erklärung zugäng- liche große Gefühl des Lebens in der Natur aufrechterhalten, wie fie überall ſchützt, was erlebt wird, aber nicht begriffen werden kann, daß es nicht in den zerlegenden Operationen ber abftraften Wiſſenſchaft fich verflüchtige. In diefem Sinne ift was Carlyle und Emerjon geſchrieben haben eine geftaltloje Poefie. Während Das Bewußtſein des Lebens in ber Natur. | 475 daher jene populären Darftellungen der Natur, welche in bie harten Haren Borftellungen des dad Sinnliche zerlegenden Ber- ftande3 ein täujchendes Spiel von innerer Lebendigkeit fentimental hineinverlegen, eine vermwerfliche Ziwitterbildung find, während die deutjche Naturphilofophie eine Verwirrung der Naturerkenntniß durch Hineintragung des Geiſtes und eine Herabminderung des Geiftigen durch Verſenkung in die Natur war, behält die Dich⸗ tung ihre unfterbliche Aufgabe.

Erhabner Geift, du gabft mir, gabft mir Alles, Warum ich bat. Du haft mir nicht umjonft Dein Angeficht im Feuer zugewendet.

Gabft mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft, fie zu fühlen, zu genießen. Nicht Kalt ftaunenden Beſuch erlaubft bu nur, Dergönneft mir in ihre tiefe Bruſt, Wie in ben Buſen eines Freunds, zu fchauen.

Du führft die Reihe der Lebendigen Bor mir vorbei und lehrft mich meine Brüder Im ftillen Buſch, in Luft und Wafler kennen.

Drittes Kapitel Die Geiſteswiſſenſchaften.

Aus der Metaphuyfit Löfte fich ein zweiter Zulammenbang von Wiſſenſchaften, der ebenfalld eine in unjerer Erfahrung ge- gebene Wirklichkeit zum Gegenftande bat und diejelbe aus ihr allein erflärt. Auch Hier Hat die Analyſis für immer die Begriffe zer- ftört, durch welche die metaphyfiiche Epoche die Thatſachen ge« deutet hatte. So ift die metaphyſiſche Konſtruktion der Geſellſchaft und Geichichte, welche das Mittelalter gejchaffen Hatte, nicht nur an den dargelegten Widerjprüchen und Lücken der Beweisführung zu Grunde gegangen, fondern indem ihre Allgemeinvorflellungen durch eine wirkliche Berlegung in den Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes erjebt zu werden begannen.

476 Zweites Bud. Bierter Abſchnitt Zwiſchen der Echöpfung Adam’3 und dem Weltuntergang Batte dieſe Metaphyfik die Fäden ihred Netzes von Allgemein- vorftellungen ausgeſpannt. In ber Bumaniftiichen Epoche be⸗ gann Herftellung eines außreichenden geſchichtlichen Materials, Kritil der Cuellen, Arbeit nach philologischer Methode. Eo wınde das wirkliche Leben der Griechen vermittelft ihrer Dichter und Ge⸗ ſchichtſchreiber wieder fichtbar. Ya wie wir emporfleigend immer entfernter liegende Landſchaften und Städte gewahr werben, jo hat fi der geſchichtliche Ueberblid den aufwärts fchreitenden neueren Völkern immer mehr erweitert, und der mythiſche Anfang bes Menſchengeſchlechts verſchwand num vor einer Yorfchung, welche den geichichtlichen Zügen in der älteften Weberlieferung nachging. Hierzu trat die Erweiterung des räumlichen, geographiichen Hori- zontes der gefellichaftlichen Wirklichkeit. Schon den Abenteurern, welche in die neuen Welttheile jenjeit de Oceans vorandrangen, traten Völker von niederer Kulturſtufe und von abweichenden Typus entgegen. Unter der Gewalt diefer neuen Eindrücke bat man gelegentlich einen ſchwarzen, einen rothen und einen weißen Adam unterfchieden. Das Hiftorifche Gerüft der Metaphyſik der Geſchichte brach zufammen. Ueberall Hat die Hiftorifche Kritik das Gewebe der Sagen, Mythen und Rechtöfabeln zerftört, durch welche die theofratifche Geſellſchaftslehre die Anftitutionen mit dem Willen Gottes verknüpfte.

Blieb aber nicht eine metaphyfiiche Konftruftion übrig, welche die nunmehr von der Arbeit philologifcher und hiſto— riſcher Kritik reinlich feitgeftellten Thatſachen zu einem finnvollen Ganzen verknüpfen würde? Die mittelalter- liche Borftellung hatte die Einheit des Menfchengefchlechte® durch ein reales Band erklärt, wie ein ſolches ala Seele die Theile eine® Organismus vereinige, und eine ſolche Borftellung wurde nicht durch die hiſtoriſche Kritik zerftört wie die von der Schenkung Konſtantin's. Sie Hatte von ihrem theokratiſchen Gedanken aus den Zuſammenhang der Gefchichte einer teleologijchen Deutung untertvorfen, und auch dieſe wurde von den Ergebnifjen der Kritik nicht direkt vernichtet. Aber nachdem einmal die feiten Prämiſfſen Zerftörung des hiftorifchen Gerüſts dev Metaphyfik der Geſchichte. 477 diejer teleologifchen Deutung in der Hiftoriichen Tradition von Anfang, Mitte und Ende der Gefchichte ſowie in der pofitiv theo- logiſchen Beftimmung ihre® Sinn ſich aufgelöft hatten, trat nun die gränzenlofe Bieldeutigkeit des geſchichtlichen Stoffes hervor. Hierdurch wurde die Unbrauchbarkeit eines teleo- logiſchen Prinzips der Geſchichtserkenntniß nachgewieſen. Wie denn veraltete Dogmen zumeiſt weniger dem direkten Argument erliegen als dem Gefühl der Nichtübereinftimmung mit dem auf anderen Gebieten des Willen? Erivorbenen. Die Raufalunterfuchung und das Geſetz wurden von ber Naturforichung auf die Geiftes- willenichaften übertragen, jo wurde der ganze Unterſchied des Er⸗ kenntnißwerthes von teleologiichen Ausdeutungen und von wirk—⸗ lichen Erklärungen befjer ala durch jedes Argument deutlich, ala man die Entdelungen von Galilei und Newton mit den Be— hauptungen von Boſſuet verglid. Und im Ginzelnen bat die Anwendung der Analyfis auf die zuſammengeſetzten geiftigen Erieinungen und die aus ihnen abftrahirten Allgemeinvor⸗ ftellungen ſchrittweiſe diefe Allgemeinvorftellungen und die aus ihnen gewebte Metaphyſik der Geifteswifjenichaften aufgelöft. Aber der Gang diefer Auflöfung der metaphufiichen Vorſtel⸗ lungen und der Herftellung eines jelbftändigen Zufammenhangs der auf unbefangene Erfahrung gegründeten Kauſalerkenntniß ift auf dem Gebiet der Geiſteswiſſenſchaften ein viel langjamerer geweſen als auf dem der Naturwiflenichaften, und es muß dargelegt werden, wodurch dies bebingt war. Das Verhältniß der geiftigen Thatjachen zur Natur legte den Verſuch einer Unterord- nung insbejondere der Piychologie unter die mechanische Natur: twiffenichaft nahe. Und das berechtigte Streben, Gejellichaft und Geſchichte ala ein Ganzes aufzufaflen, hat fi) nur langjam und Ihiwer von den aus dem Mittelalter ftammenden metaphyſiſchen Hilfamitteln zur Löſung diefer Aufgabe getrennt. Dies beides erläutern die folgenden gejchichtlichen Thatſachen, aber fie zeigen zugleich), wie neben einander fortichreitend dag Studium des Menjchen, das der Geſellſchaft und das der Gefchichte die Schemen 478 Zweite Buch. Vierter Abfchnitt.

metaphufifcher Erkenntniſſe zerftört und überall lebensvolles, wir⸗ kungskraͤftiges Willen an ihre Stelle zu een begonnen haben.

Der Analyfi3 der menſchlichen Gejelichaft ift der Menſch felber als lebendige Einheit gegeben‘), und die Bergliederung dieſer Lebengeinheit bildete daher ihr fundamentale3 Broblem®). Die Betrachtungsweiſe der älteren Metaphyſik wird zunächſt auf dieſem Gebiet dadurch bejeitigt, daß Hinter die teleologiihe Gruppirung allgemeiner Yormen des geiftigen Leben? zurüdgegangen wird auf erflärende Geſetze.

Die neuere Pfychologie ftrebte alfo, die Gleichförmigfeiten zu erkennen, nach welchen ein Borgang im piychilchen Leben von anderen bedingt ift. Hierdurch erivies fie die untergeordnete Bedeutung der in der metaphyfiſchen Epoche auögebildeten Piy- chologie, welche für bie einzelnen Vorgänge Klafienbegriffe auf⸗ gefucht, und diefen Vermögen oder Kräfte untergelegt Hatte. Es ift höchft intereflant, in dem zweiten Drittel des fiebzehnten Jahrhunderts zwiſchen den unzähligen Hafjificirenden Werken dieje neue Piychologie fich erheben zu ſehen. Und zwar ftand fie naturgemäß zunächſt unter dem Einfluß der berrichenden Nature erklärung, innerhalb deren eine fruchtbare Methode zuerſt durchge⸗ führt worden war. Der Einführung der mechaniſchen Natur- ertlärung dur) Galilei und Descartes folgte daher unmittelbar die Ausdehnung dieler Erflärungsmeije auf den Men- chen und den Staat durch Hobbez und danach durch Spinoza.

Spinozas Sat: mens conatur in suo esse perseverare indefinita quadam duratione et hujus sui conatus est conscia °) ftammt aus den Prinzipien der mechaniichen Schule; er ordnet 3) Diefen Urfprurig von Eth. III prop. 6—9 zeigt beuilidh die We gründung in prop. 4: nulla res nisi a causa externa potest destrui, ein Saß der nur von Einfachen gelten kann, ſonach nicht ohne Weiteres auf bie mens übertragbar ift und nur durch Mebertragung von bem Logiichen auf da3 Metaphyſiſche gemäß Spinozad falſcher Grundvorausſetzzung bes wieſen ift.

Auffindung von Geſetzen des geiftigen Lebens. 479 augencheinlich dem Naturbegriff der Trägheit das Lebendige des um fich greifenden Willens unter. Nach denjelben Prinzipien ift der weitere Aufbau einer Mechanik der pigchifchen Totalzuftände (affectus) bei Spinoza durchgeführt. Er zieht Gelee Hinzu, denen gemäß piuchiiche Totalzuftände auf ihre Urfachen zurüdbezogen, nach Gleichartigfeit und Aehnlichkeit zurücdgerufen und fremde Gemütbazuftände in der Sympathie auf dag Eigenleben übertragen werden. Wol war diefe Theorie höchſt unvolllommen. Der todte und ftarre Begriff der Selbfterhaltung drüdt den Lebensdrang nicht zureichend aus; wenn wir die Theorie durch den Satz er- gänzen, daß die Gefühle ein Innewerden ber Zuftände des Willens find, jo kam nur ein Theil der Gefühlazuftände dieſer Voraus⸗ ſetzung untergeordnet werden; und die Sympathie wird nur durd) einen Trugſchluß aus der Selbfterhaltung abgeleitet). Aber die außerordentliche Bedeutung von Spinozas Theorie lag darin, daß fie im Geifte der großen Entdedungen der Mechanik und Aftronomie die fcheinbar regellofen und von Willkür geleiteten Totalzuftände des pfychiſchen Lebens dem einfachen Geſetz der Selbfterhaltung unterzuordnen den Verſuch machte. Dies geichieht, indem die Lebens⸗ einheit, der Modus Menſch, welcher fich zu erhalten ftrebt, in das Syftem der Bedingungen gleichſam Hineingezeichnet wird, welches fein Milieu bilde. Dadurch daß für die Selbfterhaltung För⸗ derungen von außen und Hemmungen in biefem Zuſammenhang abgeleitet und die jo entftehenden Affetionen unter Grundgeſetze der Berkettung pſychiſcher Zuftände geftellt werben, entfteht ein Schema des Kauſalſyſtems der pigchiichen Zuſtände. Feſte Stellen werden bezeichnet, an welchen in den jo entworfenen mechaniſchen Zufammenhdng die einzelnen pigchifchen Erlebniffe eingefeßt werben. Die Definitionen der Totalzuftände find nur ſolche Beftimmungen der Stelle derjelben in der Konftruftion de Mechanismus der Selbfterhaltung, und ihnen fehlte nur die quantitative Be⸗ fimmung, um äußerlich den Anforderungen einer Erllärung zu entiprechen.

1) Spinoza Eth. III prop. 16 und 27.

480 Zweited Bud. Vierter Abſchnitt.

David Hume, welcher über zwei Generationen nad) Spi- noza deſſen Werk fortjette, verhält fich zu Newton genau jo wie Spinoza zu Galilei und Dezcarted. Seine Aſſoziationstheorie ift ein Berfuch, nach dem Vorbild der Gravitationslehre Geſetze des Aneinanderhaftend von Borftellungen zu entwerfen. „Die Aſtro— nomen“, jo erllärt er, „hatten fi} lange begnügt, aus den fichtbaren Erjcheinungen die wahren Bewegungen, die wahre Ord— nung und Größe der Himmelskörper zu beweilen, bi3 fich endlich ein Philoſoph erhob, welcher durch ein glüdliches Nachdenken auch die Gejebe und Kräfte beftimmt zu haben jcheint, durch welche der Lauf der Planeten beherrjcht und geleitet wird. Das Gleiche ift auf anderen Gebieten der Natur vollbradyt worden. Und man bat feinen Grund, an einem gleichen Erfolg bei den Unterfuchungen der Kräfte und der Einrichtung der Seele zu verzweifeln, wenn diejelben mit gleicher Fähigkeit und Worficht angeftellt werben. Es ift wahricheinlih, daß die eine Kraft und der eine Vorgang in der Seele von dem andern abhängt!)."

Sp begann die erflärende Piychologie in der Unterordnung der geiftigen Thatfachen unter den mechanischen Naturzufammen- hang, und diefe Unterordnung wirkte bis in die Gegenwart. Zwei Theoreme haben die Grundlage des Verſuchs gebildet, einen Mechanismus des geiftigen Leben? zu entwerfen. Die Bors ftellungen, welche von den Eindrüden zurücbleiben, werben ala feſte Größen behandelt, die immer neue Verbindungen eingehen, aber in ihnen diejelben bleiben, und Gefetze ihres Verhaltens zu einander werden aufgeftellt, aus denen die piychiichen Thatjachen von Wahrnehmung, Phantafie 2c. abzuleiten die Aufgabe if. Hierdurch wird eine Art von piychiicher Atomiftit ermöglicht. jedoch werden wir zeigen, daß die eine wie die andere dieſer beiden Vorausſetzungen falſch iſt. So wenig ala der neue Früh—⸗ ling die alten Blätter auf den Bäumen nur wieder fichtbar macht, werden die Vorftellungen des geftrigen Tages am heutigen, nur etwa dunkler, wiedererweckt; vielmehr baut ſich die erneuerte 1) Hume, inquiry conc. human understanding, sect. 1.

Hierdurch wird die metaphufiiche Piychologie bejeitigt. 481 Borftellung von einem beftimmten inneren Geſichtspunkte aus auf, wie die Wahrnehmung von einem äußeren. Und die Gefebe der Reproduktion von Vorftellungen bezeichnen zwar die Bedingungen, unter welchen das piychiiche Leben wirkt, doch ift unmöglich, aus ‚diefen den Hintergrund unſeres pinchiichen Lebens bildenden Prozeffen einen Schlußvorgang oder einen Willenzaft abzuleiten. Die pigchiiche Mechanik opfert das, deffen wir in innerer Wahr- nehmung inne werden, einem mit den Wnalogien der äußeren Natur Tpielenden Räfonnement auf. Und fo Hat die von ber Naturwiſſenſchaft geleitete erflärende Piychologie, in deren Bahnen fi) ſpäter auch Herbart bewegte, die Haffificirende der älteren metaphyfiſchen Schulen zerftört und die wahre Aufgabe der Seelen- lehre im Sinne der modernen Wiffenjchaft gezeigt, wo fie aber jelber von der Metaphyfil der Naturwiſſenſchaften beeinflußt wurde, vermag fie nicht, ihre Behauptungen aufrecht zu erhalten. Auch auf diefem Gebiet vernichtet die Wiſſenſchaft die Metaphyſik, die alte wie die neue.

Das nächſte Problem der Geifteswillenichaften bilden die Syſteme ber Kultur, welche in der Gefellfchaft unter einander ver⸗ woben find, ſowie die äußere Organifation berjelben, ſonach Er⸗ Härung und Leitung der Geſellſchaft.

Die Wiftenichaften, welche dieſes Problem behandeln, begreifen ganz verfchiedene Klaſſen von Ausfagen in fich: Urtheile, welche die Wirklichkeit ausfprechen, und Imperative ſowie Ideale, welche die Gejellfchaft Ieiten wollen. Das Denten über die Gefellichaft bat feine tieffte Aufgabe in der Verknüpfung der einen Klafſe von Ausſagen mit der anderen. Die metaphyſiſchen und theologischen Prinzipien des Mittelalterd hatten eine jolche ermöglicht, vermittelft des Bandes, durch welches die Gottheit und das ihr einwohnende Geſetz mit dem Organiamus des Staates, dem müftifchen Körper der Chriftenheit verbunden war. Der zeitige Zuftand der Ge ſellſchaft, die Summe der Traditionen, die in ihr angefammelt war, und das Gefühl von Autorität höherer Abkunft, das fie durchdrang, fanden in diefer Metaphyſik mit dem Gedanken Gottes in wohlgefügter Verbindung. Diejer Verband wurde num Dilthey, Einleitung. 31 482 Zweites Bud, Bierter Abſchnitt fchrittiveife gelodert. Das geichah auch bier, indem die Analyjıs hinter ben äußeren teleologifhen Zujammenhbang nad Tormbegriffen jet zurüdging und emen Bnfammen- hang nad) Geſetzen aufjudte. Es wurde ermöglicht durch Anwendimg der erflärenden Piychologie und Ausbildung der ab- ftralten Wiffenſchaften, welche die Grundeigenſchaften der imerhalb ber einzelnen Lebenskreiſe (Recht, Religion, Kımft x.) zuſammen⸗ gehörigen Theilinhalte entwickeln. So wurden die Zweckhorſtel⸗ Iungen bed Ariftoteles und der Scholaftifer durch angemeflene Kaufalbegriffe, die allgemeinen Formen durch Geſetze, die trans⸗ fcendente Begründung durch eine immanente und im Studium der menſchlichen Natur getvonnene erjekt. Damit war die Stellung der älteren Metaphyſik zu den Thatſachen der Gejellichaft und Ge⸗ ſchichte überwunden.

Indem wir erläutern, wie die moderne Wiſſenſchaft die theologiſche und metaphyfiſche Auffaffung der Geſellſchaft zerſetzt hat, ſchräänken wir und auf die erſte Phaſe ein, die mit dem achtzehnten Jahrhundert abgeichlofien Hinter und liegt. Zumächſt ent- ftand nämlich das natürliche Syften!) der Erkenntniß ber menſch⸗ lichen Gejellichaft, ihrer Zweckzuſammenhänge wie ihrer äußeren Organifation, wie e8 dag fiehzehnte und achtzehnte Jahrhundert aus⸗ gebildet haben: eine nicht minder großartige, wern auch weniger haltbare Schöpfung ala die Begründung der Naturwiffenſchaft.

Denn diefes natürliche Syftem bedeutet, daß die Geſell⸗ ſchaft hinfort auß der menſchlichen Natur verftanden werden wird, auß der fie entjprungen ift. In diefem Syſtem haben die Wiflen- ichaften des Geiftes zuerft ihr eigenes Gentrum gefunden — bie menſchliche Natur. Insbeſondere ging nun die Analyfis auf die piochologiichen Wahrheiten zweiter Ordnung (wie wir fie ge= 1) Mit biefem Namen bezeichnen wir die ald Naturredht, natürliche Theologie, natürliche Religion zc. fi) antündigenden Theorien, beren gemein: ſames Merkmal bie Ableitung der gejellfchaftlichen Ericheinungen aus bem Kauſalzuſammenhang im Menichen war, gleichviel ob ber Menſch nad pfychologiicher Methode ftubirt oder biologiſch aus dem Naturzufammen: bang erklärt wurde.

Auflöfung der Metaphufil ber Geſellſchaft durch wirkliche Analyſis. 483 nannt haben) zurüd. Sie entbedte in bem Geelenleben beö In⸗ dividuums auch die Triebfebern des praftiichen Verhaltens und überwand jo den alten Gegenſatz zwiſchen theoretiicher und prak⸗ tiſcher Philoſophie. Der Ausdruck diefer wiſſenſchaftlichen Um⸗ wälzung in der ſyſtematiſchen Gliederung iſt, daß an die Stelle des Gegenjaßes der theoretiſchen und praktischen Philoſophie der einer Grundlegung für die Wiſſenſchaften der Natur unb einer foldden für die Willenjchaften des Geiſtes tritt. In der leßteren iſt das Studium der Erflärungsgründe für Urtbeile über Wirklichkeit verbunden mit dem der Erklärungsgründe für Werth: außjagen und Imperative, wie fie das Leben des Einzelnen und der Gefellichaft zu regeln beftimmt find.

Die Methode, nach welcher das natürliche Syſtem Re= ligion, Recht, Sittlichleit, Staat behandelte, war unvoll⸗ lommen. Sie war vorberrichend von dem mathematischen Verfahren beftimmt, welches für die mechanifche Naturerflärung jo außerordentliche Ergebniffe gehabt Hatte. Condorcet war ber Deberzeugung, daß die Dienfchenrechte durch ein eben jo ficheres Berfahren entdeckt morden jeien, ala das der Mechanik ift. Sieyès glaubte die Politit ala Wiſſenſchaft vollendet zu haben. Die Grundlage des Verfahren? bildete ein abftraftes Schema der Menſchennatur, welches in wenigen und allgemeinen pjy= chiſchen Zheilinhalten den Erklärungsgrund für die Thatjachen des geichichtlichen Leben? der Menfchheit aufftelltee So war noch eine falſche metaphufiiche Methode mit den Anſätzen einer fruchtbaren Zergliederung vermifcht. Aber fo arm dieſes natür- lide Syſtem und Heute erfcheinen mag, das metaphyſiſche Stadium der Erkenntniß der Gejellihaft wurde de— finitiv durch dieſe dürftigen Sätze der natürlichen Theologie über die Religion, der Theoretifer des moraliichen Sinns über Sitt⸗ lichkeit, der phyfiofratiichen Schule über das Wirthſchaftsleben zc. überwunden. Denn diefe Säte entwideln die Grundeigen- Ichaften der innerhalb dieſer Syfteme der Gejellichaft zufammen- gehörigen Theilinhalte, ſetzen diefe Grundeigenichaften mit der menjchlichen Natur in Beziehung, und jo eröffnen biejelben in 484 Zweites Bud. Vierter Abſchnitt.

das innere Wirken der Yaltoren des gejellichaftlichen Lebens einen eriten Einblid.

Das lebte und am meiften vertvidelte Problem der Geifteg- wifſſenſchaften bildet die Geſchichte. Die im natürlichen Shftem enthaltenen Analyfen wurden nun auf den gefchichtlichen Verlauf angewandt. Inden berjelbe dem entiprechend in den verjchiedenen relativ jelbftändigen Lebensſphären verfolgt wurde, ſchwand die theologifche Einfeitigkeit und der rohe Dualiamus des Mittelalters. Indem die Antriebe der gejchichtlichen Bewegung in der Menfch- beit jelber aufgefucht wurden, endete die tranzfcendente Geſchichts⸗ auffaflung. ine freiere umjfaflendere Betrachtung trat hervor. Aus der mittelalterlichen Metaphyfit der Gefchichte Löfte fich durch die Arbeit der Geiſteswiſſenſchaften im achtzehnten Jahrhundert eine univerfalbiftorifhe Anficht, deren Kern ber Ent- widlungdgedante iſt.