SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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Die Seele des achtzehnten Jahrhunderts ift, untrennbar ver- bunden, Aufllärung, Yortichritt des Menſchengeſchlechts und dee von Humanität. In diefen Begriffen ift diejelbe Realität, wie fie das achtzehnte Jahrhundert bejeelt, von verjchiedenen Seiten angejehen und ausgedrückt. — Die Macht des Bewußtſeins vom Zuſammenhang des Menſchengeſchlechts, wie das Müttel- alter es metaphyſiſch außgeiprochen hatte, Dauert fort. Im fiebzehnten Sahrhundert war daB Bewußtſein der Zulammengehörigfeit des Menjchengefchlechted noch vorwiegend religidß begründet und wurde nur auf die willenfchaftliche Gemeinjchaft ausgedehnt, dagegen galt auf iweltlichem Gebiet das homo homini lupus, wie diefer Gegen- fat dur Spinozas Syſtem fo fonderbar Hindurchgeht; nun er⸗ wuchs, insbeſondere getragen von der Schule der Oelonomiften und dem gemeinfamen Intereſſe der Aufklärung und Toleranz, in den verjchiedenen Ländern eine Solidarität auch der weltlichen Intereſſen. So feßte fich die metaphufiiche Begründung des Zu⸗ ſammenhangs im Menjchengefchlecht in die allmälig anwachſende Grlenntniß der realen Verbindungen um, welche Individuum an Anwendung der Einzelwifjenichaften der Geſellſchaft auf die Gefchichte. 485 Individuum Tetten!). — Andrerjeitö bildete fich das gejchichtliche Bewußtſein fort. Der Gedanke vom Yortichritt des Men- ſchengeſchlechtes beherrichte da8 Jahrhundert. Auch er war in dem gejchichtlichen Bewußtſein des Mittelalter angelegt, welches einen inneren und centralen Yortgang in dem status hominis erfannt Hatte. ber es bedurfte erheblicher Veränderungen in den Borftellungen und Gefühlen, damit er fich frei entfaltete. Schon im fiebzehnten Jahrhundert twurde die Vorftellung von einem biftoriichen Zuftand der Volllommenheit am Anfang der Menfchheitägeichichte vertvorfen. Damals wurde, zufammenhängend mit dem Yortjchritt zu einer jelbftändigen Literatur und Willen- ſchaft, im Gegenſatz gegen die Zeit der Renaiſſance, der Gedanke lebhaft erörtert, daB die modernen Völker der alten Welt in Bezug auf die Wiflenfchaften und bie Literatur überlegen feien. Nun geihah das Wichtigfte: dem mittelalterlichen Kirchenglauben und in vermindertem Grade dem altproteftantiichen waren die erhabeniten Gefühle des Menjchen, der Kreis feiner Borftellungen von den höchſten Dingen, feine Lebendordnung etwas in fich Fertiges, Abgejchloffenes geweſen; indern dieſer Glaube zurücktrat, war es als ob ein Vorhang weggezogen würde, der den Blick auf die Zukunft des Menſchengeſchlechtes bis dahin gehindert hätte; das gewaltige und fortreißende Gefühl einer unermeßlichen Ent⸗ wicklung des Menjchengefchlechtes trat hervor. Wol beſaßen bie Alten jchon ein klares Bewußtfein des geichichtkichen Fortſchritts der Menfchheit in Bezug auf Wiflenichaften und Künfte!). Bacon ift von demſelben erfüllt und hebt hervor, daß das Menſchenge⸗ — 1) Als Condorcet 1782 in die franzöfiiche Akademie eintrat, erflärte er: „Le veritable interöt d’une nation n’est jamais separe de l’interät general du genre humain, la nature n’a pu vouloir fonder le bonheur d’un peuple sur le malheur de ses voisins, ni opposer l’une & l’autre deux vertus qu’elle inspire egalement; Pamour de la patrie et celui de P’humanite.“ (Condorcet, Discours de reception & l’academie francaise 1782 Oeuvres VII, 118.)

1) Napa ulv yao Evlaw napsılmpaulr tırag dofas, ol di Toü yevladaı Tovrous alrıoı yeyovacıy. So Pfeubo-Ariftotele® Metaph. II(e), 1 p. 993b 18, vgl. das ganze Kapitel.

486 ° Zweites Buch. Bierter Abſchnitt.

Schlecht nunmehr in em Alter von Reife und Erfahrung getreten und daher die Wiſſenſchaft der Neueren der des Alterthums über- legen jei!). Pascal hatte diefe Stelle Bacon’3 vor Augen, als er fchrieb: „der Menfch unterrichtet fich unaufhörlich in feinem Yort- fchreiten,; denn er zieht nicht nur aus feiner eigenen Erfahrung Vortheil, jondern auch aus der feiner Borgänger. Alle Menſchen indgefammt bilden in den Willenjchaften einen einzigen fort« fchreitenden Zuſammenhang, derart, daß die ganze Abfolge der Menſchen während des DVerlaufd von foviel Jahrhunderten als ein einziger Menſch angelehen werben muß, der immer befteht und beftändig lernt.” Zurgot und Condorcet erweiterten nun aber diefe Gedanken, indem fie bie Wiſſenſchaft als die leitende Macht in der Geſchichte betrachteten und mit ihrem Fortgang den der Aufklärung und des Gefühla von Gemeinihaft in Zuſammenhang ſetzten. Und in Deutichland wurde endlich der Punkt erreicht, an welchen die Auffaflung der Gejelichaft nach dem natürlichen Syſtem in ein wahres gejchichtliches Bewußtſein überging. Herder fand in der Berfaffung des Einzelmenjchen dasjenige, was fi) ändert und den geichichtlichen Fortſchritt ausmacht; das Organ, durch welches die Natur dieſes Fortſchritts in Deutichland ſtudirt wurbe, war die Kunft, insbeſondere die Boefie; und das fo entftehende Schema hat fi im Geifte Hegel’3 zu einer umiverjellen Betrachtung der Kulturentividlung ertveitert.

So geht der Fortſchritt der Geiſteswiſſenſchaften durch das natürliche Syftem zur entwicklungsgeſchichtlichen Anſicht. „Will man, jagt Diderot, eine kurze Gejchichte faft unferes ganzen Elends Tennen? Hier ift fie; es gab einen natürlichen Menſchen; in deffen Inneres führte man einen künftlichen Men⸗ ſchen ein. Hierauf entbrannte zwilchen beiden ein Bürgerkrieg und diefer dauert biß zum Tode.“ ine ſolche Entgegenfegung des Natürlichen und Geichichtlichen zeigt die Schranken der konſtruk⸗ tiven Methode des natürlichen Syſtems in greller Beleuchtung. Und wenn Voltaire jchrieb: il faudra bouleverser la terre pour 1) Bacon, novum organum I, 84.

Diele zerftört die metaphyfiſche Behandlung ber Geichichte. 487 la. mettre sous l’empire de la philosophie, fo entfaltet in ihm die Einfeitigkeit des ungelchichtlichen Verſtandes, in welcher das na⸗ türliche Syftem der Wirklichkeit gegenübergeftellt wurde, ihre zer⸗ Rörenden Folgen. Aber dafielbe natürliche Syftem Hat zuerft das große Objekt der geiftigen Welt einer Analyfis unterworfen, die af die Yaltoren gerichtet war. Es ging über die Klaſſenbegriffe durch eine wahre Zerlegung Hinaus, wie died am deutlichften die Analyfis der Vorftellung des Nationalreichthums in der politischen Oekonomie zeigt. Und die Berlegung Hat den wiſſenſchaftlichen &eift von felber über die Schranken des natürlichen Syſtems bin- ausgeführt und das moderne geichichtliche Bewußtſein vorbereitet.

Der metaphuyfifche Geift umfpinnt Freilich die Thatjachen der Geſchichte und der Gejellichaft an unzähligen Punkten mit noch weit feineren Fäden: dieje flammen aus dem natürliden Vor⸗ ftellen und Denten. Denn im Stubium der Gefellichaft wieder- holt fich dafjelbe Verhältniß, welches wir in dem der Natur ge= wahrt haben. Die Analyfis trifft einerjeitd auf Individuen ala Subjekte, andrerfeit3 auf prädilative Beitimmungen, welche ala folche allgemein fein müfſen. Daher erjcheint, was in ben lebteren enthalten ift, als eine Weſenheit zwilchen und hinter den Individuen und wird als ſolche in Begriffen wie Recht, Religion, Kunft fub- ftantiirt. Dieſe feineren und unvermeidlichen Täufchungen bes natürlichen Denkens löſt erft die Erfenntnißtheorie völlig auf. Sie wird zeigen: dad Verhältniß der Subjekte zu den allgemeinen prädifativen Beftimmungen ift bier, wo wir in unjerem Selbftbe- wußtſein diefer Subjefte und ihrer Selbftändigfeit gewiß find, ja die Kräfte Tennen, die den prädilativen Beftimmungen zu Grunde liegen, verichieden von dem Verhältniß, das in der Natumwiflen- ſchaft zwilchen Elementen und Gejeben befteht; die Begriffe, die bier aus prädilativen Beftimmungen gebildet werden, find anderer Beichaffenheit als die der Naturwiſſenſchaften.

63 bleibt, wenn das graue Geipinnft abftrakter, jubitantialer Weſenheiten zerrifien ift, Hinter ihm übrig — der Menſch, in verichiedenen Lagen einer zum anderen, innerhalb des Mittelö der Natur. Jede Schrift, jede Reihe von Handlungen ift für uns in 488 Zweites Vuch. Vierter Abfchnitt.

der Peripherie eines Menjchen gelegen, und wir fuchen zum Gen- trum zu dringen. ch nehme an, dieſer Menſch jei Schleiermadher und feine Dinlektif liege vor mir. Welche Gedanken dieſes Buch auch im Einzelnen enthalte, ich finde in ihm den Sab von Der Gegenwart des Gotteagefühle in allen piychiichen Alten, und an dieſem tiefjten Punkte berührt ſich die Dialektit mit den Reden über Religion. So gebe ich von Werk zu Werk, ich kann das Gentrum zwar nicht erkennen, auf welches alle dieje peripheriichen Yeußerungen hinweiſen, aber ich kann es verfiehen. — Nun finde i&, daß Schleiermacher einer Gruppe angehört, in der Schelling, Friedrih Schlegel, Novalis u. a. fi befinden. Eine ſolche Gruppe verhält fih analog, wie eine Klaſſe von Organismen; ändert fich in einer ſolchen Klaſſe ein Organ, jo ändern ſich aud) die forrefpondirenden, fteigert fich eines, jo verkümmern andere. Sch Ichreite von Gruppe zu Gruppe, zu immer weiteren Kreifen. — Das Seelenleben bat ſich in Kunſt, Religion u. ſ. w. differenzirt, und nun entfteht die Aufgabe, die pfychologijche Grundlage dieſes Vorgangs zu finden und dann ſowol den Berlauf in der Eeele ala den in ber Gejellichaft aufzufaflen, in welchem dieſe Differen- zirung fich vollzieht. — Weiter kann ich in einem Durchſchnitt durch die menſchliche Geichichte die Gejellichaft einer beftimmten Zeit allgemein oder bei einem einzelnen Volk ftudiren. Ich kann ſolche Durchſchnitte an einander halten und den Menfchen aus der Zeit des Perikled mit dem aus der Zeit Leo des Zehnten ver- gleichen. Hier nähere ich mich dem tiefften Problem, dem was am Menſchenweſen in der Gejchichte veränderlich ift. — Ueberall jedoch, in all diefen Wendungen der Diethode ift ed immer der Menſch, welcher das Objekt der Unterfuchung bildet, bald als ein Ganzed, bald in feinen Theilinhalten ſowie in feinen Beziehungen. Indem diejer Standpunkt durchgeführt werden wird, werden Gefell- ſchaft und Geichichte zu der Behandlung gelangen, welche auf dieſem jelbftändigen Gebiet der mechaniichen Erklärung innerhalb des Studiums von Naturerfcheinungen entſpricht. Dann ift Die Metaphyſik der Geſellſchaft und Geſchichte wirklich vergangen. Finden nun vielleicht die Geifteswillenichaften, welche die Der Menich bleibt ala ausschließliche: Objekt der Geiſtesw. zurüd. 489 Metaphyſik eines Geifterreiched durch analytiiche Unterfuchung ver- brängt haben, in dem Menſchen, dem Anfangs⸗ und End» punkte ihrer Analyfis, den Eingang in eine neue Meta= phyſik? Oder ift eine Metaphyſik der geiftigen Thatlachen in jeder Yorm unmöglich geworden?

Metaphyfit als Wiflenichaft, ja. Denn der Verlauf der intellektuellen Entwidlung zeigte, daß die Begriffe Subitanz und Kaufalität ſich allmälig aus den lebendigen Erfahrungen unter den Anforderungen einer Erkenntniß der Außenwelt entwidelt haben. Daher können fie dem, der in der Welt der inneren Erfahrung beimijch ift, nicht mehr über dieje jagen,- ald was aus ihnen felber geichöpft ift: was fie mehr fagen, ift eine Hilfskonſtruktion für die Erfenntniß der Außenwelt und darum auf das Piychiiche nicht anwendbar. Auch kann der Sab der metaphufiichen Pſycho⸗ logie, welcher den jelbftändigen jubftantialen und unzerftörbaren Beitand der Seele behauptet, weder bewieſen noch widerlegt werden, vielmehr hat der Beweis aus der Einheit des Bewußtſeins nur eine negative Tragweite. Ginheit des Bewußtſeins Liegt jedem Vergleichungsurtheil zu Grunde, da wir in ihm verlchiedene Empfindungen, 3. B. zwei Nüancen von Roth, zugleich und in der⸗ felben untheilbaren Einheit beſitzen müſſen: wie könnten wir des Unterfchiebes Jonft inne werden? Nun kann aus der Konftruftion der Welt, wie fie die mechanische Naturwiſſenſchaft erfchliekt, diefe Thatſache der Vewußtſeinseinheit nicht abgeleitet werden. Dächte man fich felbft die Maflentheildden der Materie mit pſy⸗ chiſchem Leben auögejtattet, jo könnte für das Ganze eines zu⸗ fammengejeßten Körpers aus dieſem Thatbeſtand ein einheitliches Bewußtſein nicht hervorgehen. Sonach ergiebt ſich, daß die mecha⸗ niſche Naturwiſſenſchaft die Einheit der Seele als ein ihr gegenüber Selbſtändiges betrachten muß, aber es iſt nicht ausgeſchlofſſen, daß ein Hinter dieſen für die Erſcheinungswelt gebildeten Hilfsbe⸗ griffen beftehender Zufammenbang der Natur den Urſprung der Ein- heit der Seele in fich enthalte: das find ganz transſcendente Fragen.

Aber das Meta-Phofifche unfereg Leben ala perſönliche Er- fahrung d. h. als moralifch-religiöfe Wahrheit bleibt übrig. Die 490 Zweites Bud. Bierter Abfchnitt.

Metaphufit — hier dürfen wir einen lang geiponnenen Faden zu Ende führen —, welche das Leben bed Menſchen in eine höhere Ordnung zurüdführte, hatte ihre Macht nicht, wie Kant in feiner abftralten und ungeichichtlihen Denkweiſe annahm, kraft der Schlüſſe einer theoretiichen Vernunft bejefien. Nie würde aus diejen die Idee der Seele oder der perjönlichen Gottheit hervorgegangen fein. Vielmehr waren diefe Ideen in der inneren Erfahrung be= gründet, mit ihr und der Befinnung über fie haben fie fich ent⸗ wicelt, und gerade der Denknothwendigkeit zum Troß, welche nur einen Gedankenzufammenhang Tennt, ſonach höchſtens zu einem Panlogiamus gelangen Tann, Haben fie ſich erhalten. — Nun entziehen fich aber die Erfahrungen bed Willen? in der Perſon einer allgemeingültigen Darftellung, welche für jeden anderen In⸗ telleft zwingend und verbindlich wäre. Dies ift eine Thatſache, welche die Gefchichte mit taufend Zungen predigt. Sonach fönnen fie auch nicht zu zwingenden metaphyſiſchen Schlüflen verwandt werden. Während die piychologifche Willenfchaft vergleichend Ge⸗ meinjamleiten des Seelenlebend an den piychiichen Einheiten feſt⸗ ftellen fann, verbleibt doch die Inhaltlichkeit des menſchlichen Willen? in der Burgfreiheit der Perfon. Hierin bat feine Me- taphyfik etwas ändern können, vielmehr Hat jede mit dem Pro⸗ teft der hierin Haren religiöfen Erfahrung zu Kämpfen gehabt, von den erſten chriftlichen Myſtikern ab, welche fich der mittelalterlichen Metaphyſik gegenüberftellten und darum nicht fchlechtere Chriften waren, bis auf Zauler und Luther. Nicht durch logiſche Folge— richtigkeit gezwungen, nehmen wir einen höheren Zuſammenhang an, in den unjer Leben und Sterben verwebt ift; es wird fidh und demnächſt zeigen, wohin dieſe logiſche TFolgerichtigkeit führt, wenn fie auf einen ſolchen Zufammenhang ausgedehnt wird; viel⸗ mehr entipringt aus der Tiefe der Selbftbefinnung, die dad Er⸗ leben der Hingabe, der freien Verneinung unſerer Egoität vorfindet und jo unfere Freiheit vom Naturzufammenhang eriweift, das Bewußtſein, daß diefer Wille nicht bedingt fein kann durch die Naturordnung, deren Geſetze fein Leben nicht entipricht, ſondern nur durch etwas, was biejelbe Hinter fich zurüdläßt. Diefe Er- Jenſeits der Wiflenichaft das Meta-Phyfilche des Leben. 491 fahrungen aber find jo perfönlich, jo dem Willen eigen, daß der Atheift dies Meta-Phyfiiche zu leben vermag, während die Sottesvorftellung in einem Weberzeugten eine bloße twerth- oje Hülje ſein kann. Der Ausdrud dieſes Thatbeftandes ift die Befreiung des religiöfen Glauben? aus feiner metaphufilchen Gebundenheit durch die Reformation. In ihr erlangte das re= ligiöſe Leben feine Selbftftändigfeit.

Und fo bleibt neben dem Blid in den unermeßlihen Raum ber Geftirne, welcher die Gedankenmäßigkeit des Kosmos zeigt, der in die Tiefe bes eigenen Herzend. Wie weit hier die Ana- lyſis mit Sicherheit zu dringen vermöge, werben die folgenden Bücher zeigen. Jedoch wie dem jei, wo ein Menſch in feinem Willen den Zujammenhbang von Wahrnehmung, Luft, Antrieb und Genuß durchbricht, wo er nicht ſich mehr will: da ift das Meta-Phyfiiche, welches fich in der dargelegten Gejchichte der Me⸗ taphyfik nur in unzähligen Bildern fpiegelte. Denn die metapby- ſiſche Wiſſenſchaft ift ein Hiftoriich begränztes Phänomen, das meta⸗phyſiſche Bewußtſein der Perfon ift ewig.

Biertes Kapitel.

Schlußbetrachtung über die Unmöglichkeit der metaphyſiſchen Stellung des Erkennens.

Wir verſuchen an dieſem Schluß der Geſchichte der meta⸗ phyfiſchen Stellung bed Geiſtes, der Geſchichte einer noch nicht durch die erfenntnißtbeoretiiche Stellung defjelben gebrochenen meta= phyfiſchen Wiflenfchaft die in ihr allmälig berborgetretenen That⸗ fachen durch eine allgemeine Betrachtung zu vereinigen.

Der logiſche Weltzufammenhang ala deal der Metaphyſik.

In der Einheit des menſchlichen Bewußtſeins iſt es gegründet, daß die Erfahrungen, welche dieſes enthält, durch den Zuſammen⸗ 492 Aweites Buch. Vierter Abfchnitt.

bang bedingt find, in dem fie auftreten. Hieraus ergiebt fich das allgemeine Geſetz der Relativität, unter welchen unjere Erfahrungen über die äußere Wirklichkeit ftehen. Eine Geſchmacksempfindung ift augenicheinlic durch diejenige bedingt, welche ihr voraufging, dag Bild eines räumlichen Objektes ift von der Stellung des Sehenden im Raum abhängig. Daher ent⸗ fpringt die Aufgabe, dieje relativen Data durch einen Zuſammen⸗ hang zu beftimmen, der in fi) gegründet und feft if. Für bie anhebende Wiflenjchaft war diefe Aufgabe gleichjam eingehüllt in die don Orientirung in Raum und Zeit ſowie von Aufſuchung einer erften Urſache und verwoben mit den ethilch-religiöfen An⸗ trieben. So befaßte der Ausdruck Prinzip (aexn) die erfte Ur⸗ ſache und den Erklärungdgrund der Erſcheinungen ungejchieden in fih. Geht man von dem Gegebenen zu feinen Urjachen, jo kann ein jolcher Rüdgang feine Sicherheit nur au8 der Denknothwendig⸗ feit des Schlußverfahrend empfangen, daher war mit der wiſſen⸗ ſchaftlichen Auffuchung von Urfachen irgend ein Grad von logischen Bewußtſein des Grundes immer verbunden. Erſt der Zweifel der Sopbiften Hatte ein logiſches Berwußtjein der Methode, Urſachen oder Subftanzen zu finden, zur Yolge, und diefe Methode wurde nun als Rüdgang von dem Gegebenen zu den denknothwendigen Bedingungen defielben beftimmt. Da ſonach bie Erkenntniß von Urſachen an den Schluß und die in ihm Tiegende Denknoth⸗ wendigfeit gebunden ift, jo jeßt diefe Erkenntniß voraus, daß im Naturzulammenhang eine logiſche Nothwendigkeit obwalte, ohne welche dad Erkennen feinen Angriffspunkt hätte. Demnach ent= ſpricht dem unbefangenen Glauben an die Erfenntniß der Urjachen, welcher aller Metaphufit zu Grunde liegt, ein Theorem von dem logiſchen Zufammenbang in der Natur. Die Ent- wicklung dieſes Theoremd kann, jo lange die logiſche Form zivar in einzelne Yormbeftandtheile ala ihre Komponenten aufgelöft wird, aber richt durch eine wahrhaft analytifche Unterfuchung Hinter dieſe zurüdverfolgt wird, nur in der Darftellung einer äußeren Be- ziehung zwilchen der Form des logiſchen Denkens und ber des Naturzuſammenhangs beitehen.

Der Logifche Weltzufammenhang.. 493 So wurde in der monotheiftilden Metaphyſik der Alten und ded Mittelalter der Logismus in der Natur als ein Gegebened, und die menſchliche Logik ala ein zweites Gegebenes be⸗ trachtet, das dritte Datum bildete die Korrefpondenz diefer beiden. Für dieſen Gejammtthatbeftand war dann eine Bedingung in einem fie verfnüpfenden Zuſammenhang aufzufinden. Dies leiftete - die Schon von Ariftoteles in ihren Grundzügen entworfene An⸗ fit, nach welcher die göttliche Vernunft den Zuſammenhang zwiſchen dem in ihr gegründeten Logismus der Natur und der ihr ent- Iprungenen menjchlicden Logik hervorbringt.

Als die Lage des Naturwiffend die zwingende Kraft der tbeiftiichen Begründung immer mehr auflöfte, entitand die ein= fachere Yormel Spinozas, welche die göttliche Vernunft ala Mittelglied eliminirte. Die Grundlage der Metaphufif Spinozas ift die reine Selbftgewißheit des logiſchen Geiftes, welcher fich mit methodiſchem Bewußtſein die Wirklichkeit erkennend unterwirft, wie fie in Descartes das erſte Stadium einer neuen Stellung des Subjektes zur Wirklichkeit bezeichnet. Inhaltlich angefehen trat hier die Konception des Descarted vom mechanischen Zufammenhang des Naturganzen in eine pantheiftiiche Weltanficht, und fo wandelte fi) eine allgemeine Bejeelung der Natur in bie Xdentität der räumlichen Bewegungen mit den pfychilchen Vorgängen. Erfennt- nißtheoretiich betrachtet, wurbe hier das Willen aus der Ihentität des mechanifchen Naturzuſammenhangs mit der logiichen Ge- danfenverbindung erflärt. Daher enthält diefe Identitätslehre weiter die Erklärung der pfychijchen Vorgänge nach einem me- chaniſchen, fonach logiſchen Zufammenhang in fi: die objektive und univerjelle metaphufiihe Bedeutung des Logismus. In diefer Rückſicht drüdt die Attributenlehre die unmittel- bare dentität des Kaufalzufammenhangs in der Natur mit ber logiſchen Berfnüpfung der Wahrheiten im menſchlichen Geifte aus. Das Mittelglied diefer Verbindung, welches vorbem ein von der Welt unterfchiedener Gott gebildet hatte, ift ausgeftoßen: ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio 494 Zweite Buch. Vierter Abſchnitt.

rerum!). In ſcharfer Anfpannung diefer Identität wird jogar die Richtung der Abfolge in beiden Reihen ala korreſpondirend aufgefaßt: effectus cognitio a cognitiona causae dependet et eandem involvit?). Ein Zujammenbang von Ariomen und De- finitionen wird entworfen, aus welchem der Weltzufammenbang fonfteuirt werden Tann. Dies geichieht durch auffällige Trug- Ichlüffe, denn eine Vielheit felbftändiger Weſenheiten kann aus den Vorausfetzungen Spinozas ebenjo gut gefolgert werben, ala die Einheit in der göttliden Subſtanz. Sind doch die Einheit des MWeltzufammenhangd und die PVielheit fefter ihm zu Grunde gelegter Ding-Atome nur die beiden Seiten defielben mechanischen d. 5. logiſchen Weltzufammenhangs. Spinoza mußte jeinen Pan⸗ theismus alfo mitbringen, um ihn folgern zu können. Gleichviel, in diefem Zuſammenhange tritt die Konfequenz des metaphyfifchen Sated vom Grunde in einer Vollftändigkeit heraus, die bei den Alten fich noch nicht fand. Hatten diefe den menjchlichen Willen al3 ein imperium in imperio gelten lafjen, jo bebt die Formel des Panlogismus nun dieſe Souveränität des geiftigen Lebens auf. In rerum natura nullum datur contingens; sed omnia ex necessitate divinae naturae determinata sunt ad certo modo existendum et operandum °).

Die Metaphyſik Hat durch Leibniz in dem Sat von Grunde eine Formel entworfen, welche den nothiwendigen Zu⸗ ſammenhang in der Natur als das Prinzip des Denkens aus⸗ ſpricht. In der Aufftellung dieſes Prinzips hat die Metaphyſik ihren formalen Abſchluß erreicht. Denn der Sab iſt nicht ein logiſches jondern ein metaphyſiſches Prinzip d. h. er drüdt nicht ein bloßes Geje des Denkens, jondern zugleich ein Gejeb bes Zuſammenhangs der Wirklichkeit und damit auch die Regel der Beziehung zwifchen Denken und Sein aus. ft doch feine lebte und vollkommenſte Formel diejenige, welche in dem Briefwechſel mit 1) Spinoza Eth. II prop. 7. 2) ebd]. I axiom. 4. $) ebdj. I prop. 29.

Sein ſchematiſcher Abriß in Spinozas Syſtem. 495 Clarke vorkam, nicht lange vor dem Tode von Leibniz. “Ce principe est celui du besoin d’une raison suffisante, pour qu’une chose existe, qu’un 6venement arrive, qu’une verit6 ait lieu). Dies Prinzip tritt bei Leibniz ftet? neben dem des Widerſpruchs auf, und zwar begründet der Sat des Widerſpruchs die noth⸗ wendigen Wahrheiten, dagegen der des rundes die Thatſachen und thatſächlichen Wahrheiten. Eben hier aber zeigt fich die metaphyfiſche Bedeutung dieſes Satzes. Obwohl die thatfächlichen Wahrheiten auf den Willen Gottes zurückgehen, jo ift diefer Wille jelber doch nach Leibniz fchlieglich von dem Intellekt geleitet. Und fo tritt Hinter dem Willen wiederum dad Antlitz eines logiſchen Weltgrundes hervor. Dies drückt Leibniz ganz deutlich jo aus: ‚D est vrai, dit on, qu’il n’y a rien sans une raison suffi- sante pourquoi il est, et pourquoi il est ainsi plutöt q’autre- ment. Mais on ajoute, que cette raison suffisante est souvent la simple volont6 de Dieu; comme lorsqu’on demande pour- quoi la matiere n'a pas 6t6 plac6e autrement dans l’espace, les m&mes situations entre les corps demeurant gardees. Mais c’est justement soutenir que Dieu veut quelque chose, sans qu’il y ait aucune raison suffisante de sa volont6, contre l’axiome ou la regle generale de tout ce qui arrive' *). Hiernach be» 1) Im fünften Briefe von Leibniz an Clarke $ 125. Unvollftändigere Fafſungen finden fi) Theodicee $ 44 und Monadologie 8 31ff.

2) Dritter Brief an Clarke 8 7. Und zwar verwirft Leibniz ausdrück⸗ lich die Annahme, daß in dem bloßen Willen Gottes bie Urſache eines Thatbeftandes in ber Welt gefunden werde. „On m’objecte qu’en n’ad- mettant point cette simple volonte, ce seroit öter à Dieu le pouvoir de choisir et tomber dans la fatalit&. Mais c’est tout le contraire: on soutient en Diew le pouvoir de choisir, puisqu’on le fonde sur la raison du choix conforme & sa sagesse. Et ce n’est pas cette fatalit& (qui n’est autre chose que l’ordre le plus sage de la Providence), mais une fatalit6 ou necessit6 brute, qu’il faut &viter, ou il n’y a ni sagesse, ni choix“ ($ 8). Berief fih Clarke ihın gegenüber darauf, daß der Wille felber ja als zureichender Grund angejehen werben könne, fo antwortet Leibniz peremptoriich: „une simple volont& sans aucun motif (a mere will), est une fiction non-seulement contraire à la perfection de Dieu, mais encore chimerique, contradictoire, incompatible avec la definition de la volonte 496 Zweites Buch. Vierter Abfchnitt.

deutet der Satz des zureichenden Grundes die Behauptung von einem lückenloſen, Iogifchen Zufammenhang, der jede Thatjache und entfprechend jeden Sat in fich faßt; er ift die Yyormel für dad von Ariftotele3 in engerem Umfang aufgeftellte Prinzip der Metaphy⸗ fif!), welches nunmehr nicht nur den Zuſammenhang des Kosmos in Begriffen d. 5. ewigen Formen, fondern den Grund jeder Ber- änderung und zwar aud) in der geiftigen Welt in fich faßt. Chriſtian Wolff Hat diefen Sab darauf zurüdgeführt, daß nicht aus Nichts ein Etwas entftehen könne, ſonach auf das Prin⸗ zip des Erkennens, aus dem wir ſeit Parmenides die Metaphyfit ihre Sätze ableiten jaben. „Wenn ein Ding A etwas in fich ent- hält, daraus man verftehen kann, warum B ift, B mag entiveber etwas in A oder außer A fein, fo nennet man dasjenige, was in A anzutreffen tft, den Grund von B; A ſelbſt heißet die Urſache, und von B faget man, e3 fei in A gegründet. Nemlich ber Grund ift dasjenige, wodurch man verftehen kann, warum etwas ift, und die Urſache ift ein Ding, welches den Grund von einem anderen in fich enthält.“ — „Wo etwas vorhanden ift, woraus man begreifen kann, warum es ift, dad hat einen zureichenden Grund. Deromwegen wo feiner vorhanden ift, da ift nichts, woraus man begreifen Tann, warum etwa ift, nemlich warum es wirklich werden kann, und allo muß ed aus Nichts entftehen. Was dem- nach nicht aus Nichts entftehen kann, muß einen zureichenden Grund haben, warum es ift, als e8 muß an fich möglich fein und eine Urſache Haben, die es zur Wirklichkeit bringen Tann, wenn wir von Dingen reden, die nicht nothiwendig find. Da nun unmöglich ift, daß aus Nichts etwas werden kann, jo muß auch Alles, was ift, feinen zureichenden Grund Haben warum es ilt“. So erfennen wir nun rückwärts im Sabke vom Grunde den Ausdrud bes Prinzips, welches das metaphufiiche Erkennen von feinem Beginn geleitet hat 2). et assez refutee dans la Theodicke.“ (Bierter Brief an Clarke $ 2). Es ift ar, Leibniz Tommt fo zu einer Exefutivgemalt, welche den Gebanten ausführt, nicht zu einem wirklichen Willen.

Der Sat vom Grunde ift fein Denkgeſetz. 497 Und blicken wir von Leibniz und Wolff vorwärts, fo ift die im Sabe vom Grunde enthaltene Vorausſetzung über den logiſchen Weltzuſammenhang jchließlich in dem Syſtem von Hegel mit Beradjtung jeder Furcht vor der Paradorie ald Realprinzip der ganzen Wirklichkeit entwickelt worden. Es bat nicht an Ber- ſonen gefehlt, welche dieſe Vorausſetzung in Frage ftellen, dagegen eine Metaphyſik beibehalten tollen, jo that dies Schopenhauer in feiner Lehre vom Willen ala dem Weltgrunde. Aber jede Metaphyſik diefer Art ift von vorn herein Durch einen inneren MWiderjpruch in ihrer Grundlage gerichtet. Dad über unjere Er- fahrung Hinaußliegende kann nicht einmal durch Analogie ein- leuchtend gemacht, gejchiveige denn bewieſen werden, wenn bem Mittel der Begründung und des Beweiſes, dem logifchen Zu- jammenbang, die ontologifche Gültigkeit und Tragweite genommen wird.

Der Widerjprud der Wirklichfeit gegen dies Ideal und die Unhaltbarfeit der Metaphyſik.

Das „große Prinzip" vom Grunde (fo bezeichnet es wiederholt Leibniz), die Iekte Yormel der metaphufilchen Erkennt⸗ niß, ift nun aber fein Denkgeſetz, unter welddem unfer Intellekt als unter feinem Yatum ftünde. Indem die Metaphyſik ihre Anforderung einer Erkenntniß von dem Subjekt des Welt- lauf? in diefem Sat bis zu ihrer erften Vorausſetzung ver— folgt, erweiſt fie ihre eigene Unmöglichkeit.

Der Sat vom Grunde, in dem Sirme von Leibniz, ift nicht ein Dentgejeß, er Tann nicht neben das Dentgejet bed Widerſpruchs geftellt werden. Dem das Denkgeſetz des Wider⸗ ſpruchs ift an jedem Punkte unjeres Willens in Geltung; wo wir etwas behaupten, muß e3 mit ihm in Ginklang fein, und finden wir eine Behauptung mit ihm in Widerftreit, jo ift fie damit für und aufgehoben. Sonach fteht alles Willen und alle Gewißheit unter der Controle dieſes Denkgeſetzes. Es handelt fih für ung nie darum, ob wir es anwenden toollen oder nicht, „Iondern io Dilthey, Einleitung.

498 Zweites Buch. Bierter Abichnitt.