fider ald wir etwas behaupten, unteriverfen wir ihm dieſe Be- hauptung. Es kann geicheben, dab wir an einem Punkte nicht den Widerſpruch einer Behauptung mit dem Denkgeſetz des Wider- ſpruchs bemerken; jedoch, Tobald auch der ganz Ungebilbete auf diefen Widerfpruch aufmerkſam gemacht wird, entzieht ex fich nicht der Konfequenz, daß von Behauptungen, welche jolchergeftalt in MWiderjpruch miteinander treten, nur Eine wahr fein kann, Eine falich fein muß. Der Sa vom Grunde dagegen, im Sinne von Leibniz und Wolff gefaßt, Hat augenfcheinlich nicht diefelbe Stellung in unfrem Denfen, und es war daher nicht richtig, wenn Leibniz beide Sätze ala gleichwerthige Prinzipien nebeneinander ftellte. Dies hat ſich und aus der ganzen Geſchichte des menschlichen Denkens ergeben. Der Menſch in der Epoche mythiſchen Vor⸗ ftellena ſetzte fi) Willensmächte gegenüber, welche mit unbe- rechenbarer Freiheit fchalteten. Es wäre unnüß geweſen, wenn ein Zogifer zu diefem im mythiſchen Vorftellen befangenen Menſchen getreten wäre und ihm deutlich gemacht Hätte: der nothwendige Zuſammenhang des Weltlaufs ift da aufgehoben, wo deine Götter walten. Eine ſolche Einficht Hätte jenem niemals die Ueberzeug- ungen von feinen Göttern geftört, vielmehr würde fie nur dag über den logischen Zufammenhang der Welt Hinaugreichende ihm Harer gemacht haben, was in ſolchem Glauben ala gewaltige Kraft mitenthalten war. Der Menſch in der Morgendämmerung der Wiſſenſchaft ſuchte dann einen inneren Zuſammenhang im Kosmos, aber der Glaube an die freie Macht der Götter inmitten deſſelben verharrte in ihm. Der griechiſche Menſch in der Blüthezeit der Metaphyſik betrachtete ſeinen Willen als frei. Was ihm hier in lebendigem und unmittelbarem Wiſſen gegeben war, wurde ihm nicht dadurch unſicher, daß das Bewußtſein der Denknothwendig⸗ keit in ihm ebenfalls vorhanden war; vielmehr erſchien ihm mit dieſem logiſchen Bewußtſein das Feſthalten deſſen verträglich, was er in unmittelbarem Wiſſen als Freiheit beſaß. Der mittelalter⸗ liche Menſch zeigt eine übertriebene Neigung zu logiſchen Betrach⸗ tungen, doch hat ihn dieſe nicht beſtimmt, die religiös-geſchichtliche Welt, in der er lebte und die überall denknothwendigen Zuſammen⸗ Der Sak vom Grunde ift kein Denkgeſetz. 499 hang vermiflen Tieß, aufzugeben. — Und die Erfahrungen des täglichen Lebens beftätigen, was die Geſchichte zeigte. Der menſch⸗ liche Geiſt findet es nicht unerträglich, den logiſchen Zufammen- bang, vermittelt deflen er über das unmittelbar Gegebene Hin- ausgeht, da unterbrochen zu fehen, two er in lebendigem und un- mittelbarem Wiflen freie Geftaltung und Willendmadt erfährt.
Wenn der Eat vom Grunde, in der Fallung von Leibniz, nicht die unbedingte Gültigkeit eines Denkgeſetzes bat: wie ver- mögen wir feine Stelle im Zujammenbang des intellektuellen Lebens zu beftimmen? Indem wir feinen Ort auflucdgen, wird der Rechtsboden jeder wirklich folgerichtigen Metaphyſik geprüft.
Unterſcheiden wir den logiſchen Grund vom Realgrunde, den logiſchen Zuſammenhang vom realen, ſo kann die Thatſache des logiſchen Zuſammenhangs in unſerem Denken, welches im Schließen ſich darſtellt, durch den Satz ausgedrückt werden: mit dem Grund iſt die Folge geſetzt und mit der Folge iſt der Grund aufgehoben. Dieſe Nothwendigkeit der Verknüpfung findet fich thatſächlich in jedem Syllogismus. Nun kann gezeigt werden, daß wir die Natur nur auffaſſen und vorſtellen können, indem wir dieſen Zu⸗ ſammenhang der Denknothwendigkeit in ihr auf— fuchen. Wir können die Außenwelt nicht einmal vorſtellen, es ſei denn erkennen, ohne einen denknothwendigen Zuſammhang ſchließend in ihr aufzuſuchen. Denn wir können die einzelnen Ein⸗ drücke, die einzelnen Bilder, die das Gegebene bilden, nicht für fi als objektive Wirklichkeit anerkennen. Sie find in dem that« ſächlichen Zufammenhang, in dem fie im Bewußtſein kraft feiner Einheit ftehen, relativ, und können ſonach nur in diefem Bus fammenhang benubt werden, um einen äußeren Thatbeftand oder eine Natururfache feftzuftellen. Jedes Raumbild ift auf die Stellung des Auges wie ber fafjenden Hand bezogen, für welche ed da ift. Jeder zeitliche Eindrud ift auf dad Maß der Eindrlide in dem Auffaflenden und den Zuſammenhang derjelben bezogen. Die Qualitäten der Empfindung find durch die Beziehung bedingt, in welcher die Reize der Außenwelt zu unferen Sinnen ſtehen.
500 Zweites Buch. Vierter Abjchnitt.
Die Intenfitäten der Empfindung vermögen wir nicht direlt zu beurtheilen und in Zahlenwerthen auszudrüden, ſondern wir be= zeichnen nur die Beziehung einer Empfindungsſtärke zu einer anderen. So ift die Herftellung eines Zuſammenhangs nicht ein Borgang, welcher auf die Erfaffung der Wirklichkeit folgt, ſondern Niemand faßt ein Augenblid3bild- ifolirt als Wirklichkeit, wir be= fiten e3 in einem Zuſammenhang, vermittelft defjen wir, noch vor aller wiflenichaftlicden Beichäftigung, Wirklichkeit feſtzuſtellen ſuchen.
Die wiſſenſchaftliche Beihäftigung bringt Methode in dieſes Verfahren. Aus dem beweglichen veränderlichen Ich verjett fie den Mittelpunkt für das Syftem von Beitimmungen, dem die Eindrücde eingeordnet werden, in dies Syſtem jelber. Sie ent- wicdelt einen objektiven Raum, innerhalb deſſen die einzelne In⸗ telligenz fich an einer beftimmten Stelle findet, eine objektive Zeit, in deren Linie die Gegenwart des Individuums einen Punkt ein⸗ nimmt, jowie einen objektiven Kauſalzuſammenhang und jefte Glementeinheiten, zwijchen denen er flattfindet. Die ganze Ridj= tung der Wiſſenſchaft geht dahin, an die Stelle der Augenblicks- bilder, in welchen Mannichfaches aneinandergerathen ift, vermittelft der vom Denken verfolgten Relationen, in denen dieſe Bilder im Bewußtſein fi) befanden, objektive Realität und objektiven Zufammenhang zu feßen. Und jedes Urtbeil über Eriftenz und Beichaffenheit eines äußeren Gegenftandes ift Ichließlich durch ben Denkzufammenhang bedingt, in welchem dieſe Eriftenz oder Be Ichaffenheit ala nothwendig gejebt if. Das zufällige Zufanımen von Eindrüden in einem veränderlichen Subjelt bildet nur den Ausgangspunkt für die Konftruftion einer allgemeingültigen Wirk⸗ lichkeit.
Sonach beherrſcht der Satz, jedes Gegebene ſtehe in einem denknothwendigen Zuſammenhang, in welchem es bedingt ſei und ſelber bedinge, zunächſt die Löſung der Aufgabe, allgemeingültige und feſte Urtheile über die Außenwelt feſtzuſtellen. Die Re- lativität, in welcher das Gegebene in der Außenwelt auftritt, wird von der willenichaftlichen Analyjis in dem Bewußtſein der Relationen, melde das Gegebene in der Wahrnehmung Borftell. u. Erkenntn. d. Außenwelt vollziehen fidh nad) Sat v. Grunde. 501 bedingen, zur Darftellung gebracht. So ſteht jchon jede Auf- fafjung der Objekte der Außenwelt unter dem Eabe des Grundes.
Dies ift die eine Seite der Sache. Andrerfeit? aber muß bie kritiiche Anwendung des Satzes vom Grunde auf eine metaphyſiſche Erkenntniß verzichten und fi) mit der Auffaffung äußerer Verhältniſſe von Abhängigkeit innerhalb der Außenwelt genügen lafien. Denn die Beftandtheile bes Gegebenen find vermöge ihrer verfchiedenen Herkunft ungleihartig d. 5. unvergleichbar. Sonad können fie nicht auf einander zurücgeführt werden. ine Farbe kann mit einem Zone oder mit dem Gindrud von Dichtigkeit nicht in einen direkten inneren Zuſammenhang gebracht werden. Daher muß dad Studium der Außentvelt das innere Verhältniß des in der Natur Gegebenen unaufgelöft laffen und fich mit der Aufftellung eines auf Raum, Zeit und Bewegung gegründeten Zuſammenhangs begnügen, welcher die Erfahrungen zu einem Syſtem verbindet. So fteht zwar die Auffaflung und Erfenntniß der Außenwelt unter dem Gejeß: jedes in ſinnlicher Wahrnehmung Gegebene findet ſich in einem denk⸗ nothivenbigen Zuſammenhang, in welchen e3 bedingt ift und jelber bedingt, und nur in diefem dient es der Auffafjung des Eriftirenden. Aber die Verwerthung dieſes Geſetzes ift durch die Bedingungen des Bewußtſeins auf die bloße Herftellung eines äußeren Zuſammen⸗ hangs von Beziehungen eingejchräntt worden, durch welche den Thatſachen ihr Pla im Syſtem der Erfahrungen beitimmt wird. Eben dad Bedürfniß der Wiflenichaft, einen ſolchen denknothwen⸗ digen Zuſammenhang Herzuftellen, Hat dahin geführt, von dem inneren wejenhaften Zuſammenhang der Welt abzufehen. Diejem ft ein Zufammenhang mathematifchmechanifcher Natur fubftituirt worden, und hierdurch erſt wurden die Wiffenfchaften der Außen welt pofitiv. So wurde aus dem inneren Bedürfniß diefer Wiljen- Ihaften heraus die Metapbufit ala unfruchtbar zurückgeſchoben, noch bevor die erfenntnißtheoretiiche Berwegung in Locke, Hume und Kant fi) gegen fie twandte.
Und nun if die Stellung de Erkenntnißgeſetzes dom Grunde zu den Geifteswijjenfchaften eine andere, 502 Zweite? Bud. Bierter Abjchnitt.
ala die zu den Wiflenichaften der Außenwelt: auch dies madht eine Unterordnung der ganzen Wirklichkeit unter einen metaphy⸗ fiichen Zuſammenhang unmöglid. Das, deſſen ich inne werbe, iſt als Zuftand meiner felbft nicht relativ, wie ein äußerer Gegenftand. Eine Wahrheit des äußeren Gegenftandes als Ueber⸗ einftimmung des Bildes mit einer Realität beſteht nicht, bemm diefe Realität ift in feinem Bewußtſein gegeben und entzieht fich aljo der Vergleichung. Wie das Objekt außfieht, wenn Niemand es in fein Bewußtſein aufnimmt, fann man nicht wiſſen wollen. Dagegen ift dad, was ich in mir erlebe, ala Thatjache des Be— wußtfeind darum für mich da, weil ich befielben inne werbe: Thatſache des Bewußtſeins ift nichts Anderes als dad, deflen ich inne werde. Unjer Hoffen und Tradjten, unfer Wünfchen und Mollen, diefe innere Welt ift ala folche die Sache felber. Gleiche viel welche Anficht jemand hegen mag über die Beftandtheile dieſer pigchiichen Thatſachen — und Kant’3 ganze Theorie ded inneren Einnes kann nur ala ſolche Anficht Iogifch gerechtfertigt erfcheinen —: daß ſolche Bewußtſeinsthatſachen beftehen,, wird dadurch nicht be= rührt!). Daber ift und daß, deffen wir inne werden, ala Zu- ftand unferer jelbft nicht relativ gegeben, wie der äußere Gegen⸗ fand. Erſt wenn wir dies unmittelbare Willen und zu deutlicher Erfenntniß bringen oder anderen mittheilen wollen, entfteht die Trage, wiefern wir bierdurd) über dad in der inneren Wahrnehmung Enthaltene hinausgehen. Die Urtbeile, welche wir aus⸗ jagen, find nur gültig unter der Bedingung, daB die Denlalte die innere Wahrnehmung nicht abändern, daß died Zerlegen und Ber- fnüpfen, Urtheilen und Schließen die Thatfachen unter den neuen Bedingungen de Bewußtſeins ala biejelben erhält. Daher Hat liches, nämlich die wirkliche Yyorm der inneren Anſchauung. Sie bat alio fubjeltive Realität in Anjehung der inneren Erfahrung, d. i. ich habe wirt: ih die Vorftellung von ber Zeit und meinen Beitimmungen in ihr”. In biefen Sätzen wird das, was ich oben zunächſt behaupte, anerfannt, nur in Berbindung mit einer Theorie Über die Komponenten der inneren Wahrs nchmung.
Andere Stellung bed Geifligen. 503 denknothwendigen Zuſammenhang fteht, in dem es bedingt ift und bedingt, zu dem Umkreis der geiftigen Thatſachen nie biejelbe Stellung gehabt, welche ex der Außenwelt gegenüber in Anſpruch nehmen darf. Er ift bier nicht das Geſetz, unter welchem jebe Borftelung von Wirklicjkeit ſteht. Nur fofern die Individuen einen Raum in der Außenwelt einnehmen, an einem Zeitpunkt auftreten und finnfällige Wirkungen in der Außenwelt berbor« bringen, werden fie in dad Netz dieſes Zuſammenhangs mit ein« gefügt. So jett zwar die vollftändige Vorftellung der geiftigen Thatſachen ihre äußere Einordnung in den von der Naturwiſſen⸗ ſchaft geichaffenen Zujammenhang voraus, aber unabhängig von dieſem Zuſammenhang find die geiftigen Thatlachen als Wirklich- feit da und haben die volle Realität derjelben.
So haben wir in dem Satze vom Grunde die logische Wurzel aller folgerichtigen Metaphyſik d. 5. der Vernunftwifienichaft und in dem Berhältniß des jo entitehenden logiſchen Ideals zur Wirk⸗ lichleit den Urfprung der Schwierigkeiten biefer Vernunftwiflen- Ichaft erkannt. Diejes Verhältniß macht und nunmehr einen großen Theil der biöher dargelegten Phänomene der Metaphyſik unter einem allgemeinften Geſichtspunkt begreiflid. Golgerichtig ift nur die Metaphyſik, welche ihrer Form nach Ber- nunftwiflenichaft ift d. h. einen logiichen Weltzufammenhang auf- zuzeigen ſucht. Bernunftwillenichaft war daher gleichiam das Rüdgrat der europäiſchen Metaphyſik. Aber das Gefühl des Lebens in dem wahrbaftigen, natürlich ftarlen Menfchen und ber ihm gegebene Gehalt der Welt ließen fich nicht in dem logiſchen Zufammenhang einer allgemeingültigen Wiſſenſchaft erichöpfen. Die einzelnen Inhalte der Erfahrung, die in ihrer Herkunft von einander getrennt find, ließen fich nicht durch Denken einer in den anderen überführen. jeder Verſuch aber, einen anderen als einen logiſchen Zujammenbang in der Wirklichfeit aufzuzeigen, bob die Form der Wiſſenſchaft zu Gunften des Gehaltes auf.
Die ganze Phänomenologie der Metaphyſik hat gezeigt, daß die metaphufilchen Begriffe und Sätze nicht aus der reinen Stellung des Erfennend zur Wahrnehmung entfprangen, jondern aus ber 504 Zweites Bud. Vierter Abichnitt.
Arbeit defjelben an einem durch bie Totalität des Gemüthes ge= ſchaffenen Zuſammenhang. In diefer Totalität ift zugleich mit dem Ich ein Anderes, ein von ihm Unabhängiged gegeben: dem Willen, welchem es widerfteht und der die Eindrüde nicht ändern ann, dem Gefühl, dad von ihm leidet: unmittelbar aljo, nicht durch einen Schluß, fondern ala Leben. Diefes Subjekt uns gegen- über, dieje wirkende Urjache möchte der Wille der Erkenntniß auf dem natürlichen Standpunkte durchdringen und bewältigen. Er ift ih zumächlt des Zuſammenhangs des Subjektes des Natur- lauf3 mit dem Selbitbewußtiein nicht bewußt. Eelbftändig fteht ihm dieſes in der äußeren Wahrnehmung gegenüber, und er ftrebt, ed nun mit den ihm gegebenen Mitteln von Begriff, Urtbeil, Schluß, ſonach als denknothivendigen Zuſammenhang, zu begreifen. Aber was in der Totalität unſeres Weſens gegeben ijt, kann nie ganz in Gedanken aufgelöft werden. Entweder wurde der Gehalt der Metaphyfik unzureichend für die Anforderungen der lebensoollen Menſchennatur, oder die Beweiſe erwieſen ſich als unzureichend, indem fie das, was der Verſtand an der Erfahrung feſtzuftellen vermag, zu überjchreiten ſtrebten. So wurde die Metaphyſik ein Zummelplaß von Trugſchlüſſen.
Was in dem Gegebenen von jelbfländiger Provenienz ift, bat einen für die Erkenntniß unauflöslichen Kern, und Inhalte der Erfahrung, die durch ihre Herkunft von einander getrennt find, lafſen ſich nicht einer in den anderen überführen. Daher ift die Metaphyſik von falfchen Ableitungen und von Antinomien erfüllt ge= weien. So entiprangen zunächft die Antinomien zwiſchen dem mit endlichen Größen rechnenden Intellett und der Anfchauung, welche der Erfenntniß der äußeren Natur angehören. Ihr Kampfplak war Ihon die Metaphufit des Alterthums. Das Stätige in Raum, Zeit und Bewegung kann durch die Konftruftion in Begriffen nicht erreicht werben. Die Einheit der Welt und ihr Ausdrud in dem gedankenmäßigen Zufammenhang allgemeiner Yormen und Geſetze kann durch eine Analyfis, welche in Elemente zerlegt, und eine Syntheſis, die aus diefen Elementen zuſammenſetzt, nicht erflärlich gemacht werben. Das Abgefchloffene des Anſchauungsbildes wird Allgemeinfter Gefichtapunkt für die Schwierigkeiten der Metappyfil. 505 duch die Unbegrenztheit des über daſſelbe hinausſchreitenden Willens der Erfenntniß überall wieder aufgehoben. Dazu treten andere Antinomien, indem das Borftellen die in den Weltlauf verflochtenen piychilchen Lebengeinheiten in feinen Zufammenhang aufnehmen und das Erkennen fie feinem Syftem unterwerfen will. So entftanden zunächſt die theologischen und metaphyſiſchen An» tinomien des Mtittelalterd, und ald die neuere Zeit dad pfychiſche Geſchehen jelber in feinem Kauſalzuſammenhang zu erkennen unter- nahm, traten die Widerjprüche zwiſchen dem rechnenden Denken und der inneren Erfahrung innerhalb der metaphufiichen Behand⸗ lung der Piychologie Hinzu. Diefe Antinomien können nicht aufe gelöft werden. Yür die pofitive Wifjenichaft find fie nicht da, und für die Erkenntnißtheorie iſt ihr fubjeltiver Urſprung durchfichtig. Daher ftören fie die Harmonie unteres geiftigen Leben? nicht. Aber fie haben die Metaphyſik zerrieben.
Will das metaphyſiſche Denken, ſolchen Widerjprüchen trotend, das Subjelt der Welt wirklich erkennen: jo kann dies nichts Anderes für es fein ala — Logismus. Jede Metaphyfif, welche bad Subjelt des Weltlaufß erkennen zu wollen beanſprucht, in ihm aber etwas Anderes ala Denknothwendigkeit jucht, geräth in einen augenjcheinlichen Widerſpruch zwilchen ihrem Ziel und ihren Hilfemitteln. Das Denken kann einen anderen als logiihen Zufammenhang in der Wirklichkeit nicht finden. Denn da und nur der Befund unjeres Selbſtbewußtſeins unmittel= bar gegeben ift und mir ſonach in das Innere der Natur nicht direkt Hineinbliden, jo find wir, wenn wir unabhängig vom Logismus über dieſes eine Borftellung bilden wollen, auf eine Vebertragung unſeres eigenen Inneren auf die Natur angewielen. Diefe kann aber nur ein poetifches Spiel analogiichen Vorſtellens fein, welches bald die Abgründe und dunkelen Gewalten unjeres Seelenlebend, bald die ruhige Harmonie defjelben, den hellen freien Willen, die bildende Phantafie in das Subjelt des Natur: lauf3 Hineinträgt. Die metaphyfiſchen Syſteme dieſer Richtung haben ſonach, ernftlich wiflenichaftlih genommen, nur den Werth eines Proteftes gegen den denknothwendigen Zuſammenhang. So 506 Zweites Buch. Bierter Abjchnitt.
bereiten fie die Einficht vor, daß in der Welt mehr und anderes ala diefer enthalten if. Darin allein lag die vorübergehende Bedeutung der Metaphyfik Schopenhauer? und ihm verwandter Schhriftfteller. Sie ift im Grunde eine Myftil des neungehnten Jahrhunderts und ein lebens⸗, willenäkräftiger Proteft gegen alle Metaphyſik ala Folgerichtige Wiſſenſchaft. Wann dagegen das Er» fennen nad) dem Satze vom Grunde ſich des Subjektes des Welt- lauf zu bemächtigen entichloffen ift, entdedt e8 nur Denknoth⸗ wendigkeit ala den Kern der Welt, daher beiteht für daffelbe weder der Gott der Religion noch die Erfahrung der Freiheit.
Die Bänder dead metaphyſiſchen Weltzufammen- hangs fönnen von dem Verſtande nicht eindeutig beftimmt werden.
Mir gehen weiter. Die Metaphyſik vermag die PVerkettung der inneren und äußeren Erfahrungen nur dur) Borftellungen über einen inneren inhaltlichen Zufammenbang berzuftellen. Und wenn wir diefe Vorftellungen in's Auge faffen, ergiebt fich die Unmöglichteit der Metaphyſik. Derm diefe Vorftellungen find einer Haren eindeutigen Beftimmung unzugänglich.
Der Differenzirungsproceß, in welchem die Wifjenichaft fich von den anderen Syftemen der Kultur fondert, zeigte fih und ala beftändig fortichreitend. Nicht mit einem Male löſte ſich aus der Sebundenheit aller Gemüthakräfte der Zweckzuſammenhang ber Erkenntniß. Wie viel Aehnlichkeit hatte doch noch die Natur, welche aus einem inneren Zuftand in den anderen nad) einer inmeren Lebendigkeit übergeht, oder das begrenzende Princip im Mittelpunkt der Welt, dad die Materie an fich zieht und geftaltet, mit den göttlichen Kräften der hefiodeilchen Theogonie. Und wie lange blieb dann die Anficht herrſchend, welche die gedantenmäßige Ordnung des Weltalld auf ein Syſtem pinchiicher Weſenheiten zurüdführte. Mühſam Iöfte fich der Intellekt von biefem inneren Zujammen los. Allmälic) gewöhnte er ſich, mit immer weniger Leben und Seele in der Natur hauszuhalten und auf immer Die Begriffe Subflanz und Saufalität nicht eindeutig beflimmbar. 507 einfachere Yormen der inneren Berbindung den Zuſammenhang des MWeltlaufd zurüdzuführen. Zuletzt wurde auch die Zweck⸗ mäßigleit ald Form eined inneren inhaltlichen Zuſammenhangs in Frage geftellt. Als die beiden inneren Bänder, melde den Weltlauf in all feinen Theilen zufammenhalten, blieben Sub⸗ ftanz und Kauſalität zurück.
Indem wir und das Schidjal der Begriffe Subftanz und Raufalität zurückrufen, ergiebt fi): Metaphyſik ald Wiſſenſchaft iſt unmöglich.
Der denknothwendige Zuſammenhang ſetzt Eubftanz und Kau⸗ ſalität als fefte Größen in die Verkettung aufeinanderfolgender und nebeneinander beſtehender Eindrücke ein. Nun erfährt die Metaphyfik ein Wunderbares. Sie iſt in dieſer Zeit ihrer von Erkenntnißtheorie noch nicht gebrochenen Zuverſicht überzeugt, zu wiſſen, was unter Subſtanz und unter Kauſalität zu denken ſei. In Wirklichkeit zeigt ihre Geſchichte beſtändigen Wechſel in der Beſtimmung dieſer Begriffe und vergebliche Verſuche, fie zu widerſpruchsloſer Klarheit zu entwickeln.
Schon unſere Vorſtellung des Dinges kann nicht zur Klar⸗ heit gebracht werden. Wie kann die Einheit, welcher mannichfache Eigenſchaften, Zuſtände, Wirken und Leiden inhäriren, von dieſen letzteren abgegränzt werden? Dad Beharrliche von den Ber- änderungen? Oder wie vermag ich fetzuftellen, warın eine Ver⸗ wandlung defjelben Dinges noch ftattfindet und wann es vielmehr aufhört zu fein? Wie vermag ich das in ihm was bleibt von dem abzufondern was wechſelt? Wie Tann endlich dieje beharr- liche Einheit ala in einem räumlichen Außereinander irgendivo figend gedacht werden? Alles Räumliche ift teilbar, enthält alfo nirgend eine zuſammenhaltende untheilbare Einheit, und andrer- jeit3 ſchwinden mit dem Raume, wenn ich ihn hinwegdenke, alle finnlicden Qualitäten ded Dinged. Dennoch kann diefe Einheit nit aus bem bloßen Zuſammengerathen verſchiedener Ein- drüde (in Wahrnehmung und Affociation) erllärt werden; denn eben im Gegenjab Hierzu drüdt fie ein innere® Zuſammenge⸗ hören aus.
508 Zweite! Buch. Bierter Abichnitt.
Don dieſen Schwierigkeiten berborgetrieben, tritt der Sub- ftanzbegriff auf. Wie wir geichichtlich nachwieſen, ift er aus dem Bedürfniß entftanden, dad Feſte, welches wir in jedem Dinge ala beharrliche Einheit annahmen, gedankenmäßig zu er- faflen und zur Löfung der Aufgabe zu verwerthen, die wechſeln⸗ den Eindrüde auf ein Bleibendes, in bem fie verbunden find, zu beziehen. Aber da er nichts als die wifienschaftliche Bearbeitung der Dingvorſtellung ift, jo entfaltet er die im dieſer gelegenen Schwierigkeiten nur deutlicher. Selbſt das metaphyſiſche Genie des Ariftoteles fahen wir vergeben? ringen, diefe aufzulöjen. Auch ift e8 umſonſt, wenn nun die Subſtanz in dad Atom verlegt wird. Denn mit ihr werden auch ihre Wideriprüche in dieſes untheilbare Räumliche, dieſes Ding im Kleinen verlegt, und die Naturwiſſenſchaft muß fich begnügen, ſofern fie den Begriff von etwas bildet, das in unſrem Naturlauf nicht weiter zerlegt werden kann, diefe Schwierigkeiten nur von fid) außzufchließen: auf ihre Löſung verzichtet fie. So wandelt fi der metaphufiiche Begriff des Atoms in einen bloßen Hilfäbegriff zur Beherrfchung der Er- fahrungen. Eben jo wenig werden die Schwierigkeiten gelöft, wenn die Subftanz der Dinge in ihre Yorm verlegt wird. Vergeblich ſahen wir die ganze Metaphyſik der fubftantialen Formen mit den Schwierigkeiten dieſes Begriffes ringen, und die Wiſſen⸗ Ihaft muß ſich auch) Hier Schließlich, ihre Grenzen gegen das Un⸗ erforjchliche wahrend, damit begnügen, dieſen Begriff ala ein bloßes Symbol für einen Thntbeftand zu behandeln, welcher fid) dem Erkennen, wenn ed den Zuſammenhang der Thatſachen aufjucht, ala objektive Einheit in denfelben darbietet, jedoch in feinem realen Gehalt unauflöglich ift. Ä ‚ Und im Kern bes Subftangbegriffä jelber, mag man ihn auf Atome oder auf Naturformen beziehen, bleibt eine nicht zu be= wältigende Schwierigkeit. Die Wiflenichaft von einem denfnoth- mwendigen Zufammenhang der Außenwelt drängt dahin, die Subftanz ala eine fefte Größe zu behandeln und ſonach MWechjel, Werden und Veränderung in die Relationen dieſer Elemente zu verlegen. Aber fobald dies Verfahren mehr ala Hilfskonftruftion der Bedingungen Die Begriffe Subflanz und Kaufalität nicht eindeutig beftimmbar. 509 für die Denkbarkeit des Naturzuſammenhangs jein, jobald eine Be- flimmung über das metaphufilche Welen des Subftantialen da⸗ raus entnommen werden fol, tritt eine Art von Berirfpiel ein. Die innere Veränderung ift nun in das pſychiſche Geſchehen Hin- übergeichoben, hier blitzt jebt die Farbe auf, erklingt der Zon. Dann haben wir nur die Wahl, einem ftarren Mechanismus der Natur die innerliche Lebendigkeit pſychiſchen Geſchehens gegen- überzuießen und jo die metaphufiiche Einheit des Meltzufammen- hangs, die wir fuchten, aufzugeben oder die unveränderlichen Ele— mente in ihrem wahren Werthe ala bloße Hilfäbegriffe aufzufafien.
Es würde ermübden, wollten wir nun zeigen, wie der Begriff ber Kaufalität ähnlichen Schwierigkeiten unterliegt. Auch Hier kann bloße Affociation die Vorftellung des inneren Bandes nicht erflären, und doch kann der Verftand nicht eine Formel entwerfen, in welcher aus ſinnlich oder verftandesmäßig Maren Elementen ein Begriff zufammengefeßt würde, der den Inhalt der Kauſal⸗ vorftellung darftellte.e Und fo wird die Kaufalität ebenfall3 aus einem metaphyſiſchen Begriff zu einem bloßen Hilfsmittel für bie Beherrichung der äußeren Erfahrungen. Denn die Naturwiſſen⸗ ſchaft kann nur dasjenige, was durch Elemente der äußeren Wahr- nehmung und Operationen des Denkens mit denjelben belegt werden kann, ala Beftandtheile ihres Erkenntnißzuſammenhangs anerkennen.
Können jo Subſtanz und Kaufalität nicht ala objektive Formen des Naturlaufs aufgefaßt werden, jo läge der mit ab- ftraften verftandesmäßig präparirten Elementen arbeitenden Wiſſen⸗ ſchaft am nächften, in ihnen wenigftend apriorifhe Formen der Intelligenz feftzubalten. Die Erfenntniktheorie Kant's, welche die Abftraktionen der Metaphyfif in erfenntnißtheoretifcher Abficht benußte, glaubte hierbei ftehen bleiben zu können. Aladann würden diefe Begriffe mwenigftend einen feften obzwar fubjektiven Zuſammenhang der Erſcheinungen ermöglichen.
Wären fie ſolche Formen der Intelligenz felber, dann müßten fie als folche diefer gänzlich durchfichtig fein. Fälle ſolcher Durchfichtigfeit find das PVerhältniß des Ganzen zu den Theilen, der Begriff von Gleichheit und Unterfchied; in ihnen befteht über 510 Zweites Buch. Bierter Abſchnitt.
die Interpretation der Begriffe kein Streit: B kann unter dem Begriffe von Gleichheit nur dafjelbe ala A denken. Die Begriffe von Kaufalität und Subftanz find augenscheinlich nicht von ſolcher Art, Sie haben einen dunklen Kern einer nicht in finnliche ober Ver⸗ jtandezelemente auflößbaren Thatfächlichkeit. Sie fünnen nicht wie Bahlbegriffe in ihre Elemente eindeutig zerlegt werden; hat ihre Analyfis doch zu endlofem Streit geführt. Oder wie kann etiva eine bleibende Unterlage, an welcher Eigenichaften und Thätigfeiten wechſeln, ohne daß dieſes Thätige felber in fich Veränderungen erführe, vorgeftellt, wie für den Verftand faßbar gemacht werden?
Wären Subftanz und Kaufalität ſolche Formen der SYntelli- gen; a priori, ſonach mit der Intelligenz ſelber gegeben, alsdann könnten feine Beftandtheile diefer Denkformen aufgegeben und mit anderen vertaujcht werden. In Wirklichkeit nahm das mythiſche DVorftellen, wie wir jahen, in den Urſachen eine freie Lebendig- feit und feeliiche Kraft an, welche in unferem Begriff einer Urjache im Naturlauf nicht mehr anzutreffen if. Die Elemente, welche urjprünglich in der Urfache vorgeftellt wurden, haben eine beftän- dige Minderung erfahren, und andere find in einem Vorgang von Anpaflung der urjprünglicden Borftellung an die Außenwelt in ihre Stelle eingetreten. Dieje Begriffe haben eine Entwidlungd- gefchichte.
Der Grund felber, aus welchem die Vorftellungen von Sub⸗ ftanz und Raufalität ſich einer eindeutigen flaren Beitimmung nicht fähig erweilen, kann innerhalb diefer phänomenologifchen Betrach⸗ tung der Metaphufit nur ala eine Möglichkeit vorgelegt werben, die dann die Ertenntnißtheorie zu erteilen bat. In der Tota- lität unſerer Gemüthskräfte, in dem erfüllten lebendigen Selbſt⸗ bewußtſein, welches das Wirken eineß Anderen erfährt, liegt der lebendige Urſprung diefer beiden Begriffe. Nicht eine nachlommende Mebertragung aus dem Selbſtbewußtſein auf die an fich lebloſe Außenwelt, durch welche dieje letztere in mythiſchem Vorſtellen Leben enpfinge, braucht hierbei angenommen zu werden. Das Andere kann im Gelbftbewußtjein jo urſprünglich wie das Selbft ala lebendige wirkſame Realität gegeben fein. Was aber in der Tota⸗ Subſtanz und Kaufalität find nicht Berftandesformen. 511 lität der Gemüthskräfte gegeben iſt, das kann nie von der Intel⸗ ligenz ganz aufgeklärt werden. Der Differenzirungsprozeß der Erkenntniß in der fortſchreitenden Wifſenſchaft kann daher als Vorgang der Abſtraktion von immer mehr Elementen dieſes Le⸗ bendigen abſehen: jedoch der unlösliche Kern bleibt. So erklären ſich alle Eigenschaften, welche diefe beiden Begriffe von Eub- ſtanz und Kaufalität im Verlauf der Metaphyſik gezeigt haben, und e3 Tann eingejehen werden, dab auch künftig jeder Kunft- griff des Verſtandes diefen Eigenjchaften gegenüber machtlos jein wird. Daher wird ächte Naturwiſſenſchaft diefe Begriffe ala bloße Zeichen für ein x, welches ihre Rechnung bedarf, behandeln. Die Ergänzung diejes Verfahrens liegt dann in der Analyfi3 des Be wußtjein®, welche den urfprünglichen Werth diefer Zeichen und die Gründe, aus welchen fie in der naturwiflenschaftlichern Nech- nung erforderlich find, aufzeigt.