SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

Page 11 of 89

wo er aufhört, in diesem weiteren Sinne rhythmisch zu sein, hört er zugleich auf, einer bestimmten Zeitvorstellung anzugehören. Auch darin aber trübt das Vorurtheil der Uebertragung des objectiven Zeitbegriffs auf das Bewusstsein die unbefangene Auffassung der Zeitvorstellungen, dass man die großen Schwankungen, denen das Zeitbewusstsein unter- worfen ist, wenig beachtet. In Wahrheit ist dieses, so lange beliebig wechselnd oder relativ isolirt stehende arrhythmische Inhalte vorhanden Theorie der Zeitvorstellungen. q j sind, ein höchst unbestimmtes und bisweilen ganz zurücktretendes. Be- stimmter wird es allemal erst da, wo irgend welche rhythmische Motive in den Verlauf unserer Vorstellungen eingreifen.

b. Psychologische Entwicklung der Zeitvorstellungen.

Wollen wir uns über die Entstehung der Zeitvorstellungen Rechenschaft geben, so dürfen wir demnach nicht von dem scheinbar allgemeineren, in Wahrheit aber specielleren Fall unbestimmter zeitlicher Vorstellungen ausgehen, sondern von solchen Erscheinungen, in denen sich das Zeit- bewusstsein in seiner ausgeprägtesten Form darbietet: von den "rhythmi- schen Vorstellungen. Allerdings nicht von den verwickeiteren rhythmi- schen Gebilden, die ihrerseits wieder Producte kunstmäßiger Entwicklung sind, sondern von jenen einfachsten Rhythmen, in denen wir einerseits ebenso sehr Vorbilder der höheren rhythmischen Formen wie Ausgangs- punkte für die allgemeine Entwicklung der Zeitvorstellungen zu sehen haben. Auf solche ist ja ohnehin die gesammte psychophysische Orga- nisation des Menschen angelegt, wie sich dies in dem einfachen rhythmi- schen Charakter der Körperbewegungen und, damit zusammenhängend, in dem auf die Herstellung oscillatorischer, also im weiteren Sinne rhythmi- scher Vorgänge gerichteten Wechselverhältniss erregender und hemmen- der Kräfte in dem Mechanismus der Innervation ausspricht. Für die Ent- wicklung des Zeitbewusstseins können aber naturgemäß unter allen diesen rhythmisch angelegten Lebensvorgängen nur diejenigen in Betracht kom- men, deren rhythmischer Verlauf bestimmte Bewusstseinsdata, also Empfindungen und Gefühle, mit sich führt. Dies sind nicht die Herzbewegungen, die im ganzen ebenso wie die Schwankungen anderer innerer Lebensvor- gänge unbewusst bleiben, und dies sind mindestens nur in sehr zurück- tretendem Maße die Athembewegungen, die sich nur unter außergewöhn- lichen Umständen der Aufmerksamkeit aufdrängen. Wohl aber gehören hierher von Seiten des Tastsinnes die Gehbewegungen und andere, meist minder gleichförmige, jedoch im ganzen ebenfalls rhythmisch angelegte Bewegungen, wie vor allem die der Arme und Hände. Vom Gebiet des Tast- in das des Gehörssinnes führen dann die Lautarticulationen der Sprache, die, dem allgemeinen Bewegungsmechanismus zufallend, von vornherein rhythmisch angelegt sind, um nun in Folge der specifischen Ausbildung des Gehörssinnes in die von dem letzteren ausgehende selb- ständige Entwicklung complicirter rhythmischer Vorstellungen einzumün- den. Darum bilden schließlich die reinen Gehörswirkungen die günstigsten Fälle für die Analyse der Bedingungen des Zeitbewusstseins. Unter ihnen stehen aber wieder diejenigen voran, die der Beobachtung der begleitenden subjectiven Vorgänge die günstigsten Bedingungen bieten, wie die g2 Zeitvorstellungen.

oben benutzten gleichförmig sich wiederholenden Taktschläge, zwischen denen reizfreie Zwischenzeiten bleiben. Je mehr nämlich in einem solchen Verlauf die Empfindungsbestandtheile zurücktreten, um so deutlicher werden nun die Gefühlselemente wahrnehmbar. Dass auf den letzteren der Schwer- punkt des ganzen Verlaufs dieser Vorgänge liegt, darauf weist aber der tiefgreifende Einfluss der Aufmerksamkeitsvorgänge auf die Zeit- und ins- besondere auf die rhythmischen Vorstellungen unzweifelhaft hin. Denn, wie uns die Analyse dieses Falls einfachster Rhythmisirung gezeigt hat, ist ein derartig »leeres« Intervall keineswegs empfindungsfrei, sondern die den Schallrhythmus auslösenden Eindrücke tx, t2...(Fig. 312, S. 23) wer- den durch jene leisen Spannungsempfindungen s s verbunden, die, dem Ohr angehörend, als eine nahezu gleichförmige Ausfüllung des reizfreien Intervalls gelten können. Als der Hauptinhalt des letzteren treten uns dann die Gefühlscurven gz g2 entgegen. Bei irgend einem aus einer ge- gebenen Taktreihe herausgegriffenen Taktschlage tT geht das voran- gegangene, unmittelbar vor dem Eintritt des Reizes auf sein Maximum gesteigerte Spannungsgefühl annähernd plötzlich in seinen Gegensatz, ein deutlich ausgeprägtes Lösungsgefühl über, das wir durch den Uebergang der Gefühlscurve auf die entgegengesetzte Seite der Abscissen andeuteten. Dann steigt das Spannungsgefühl allmählich von neuem an, um vor dem nächsten Taktschlag /2 wieder ein Maximum zu erreichen und nun den gleichen Verlauf nochmals zu beginnen. Da die Curve g2 eine Wieder- holung von gT ist, so wirkt jedes einzelne Empfindungs- und Gefühls- moment auf das entsprechende der vorangehenden Phase reproducirend und assimilirend. Auf diese Weise bilden die in irgend einem Moment a oder b vorhandenen Gefühls- in ihrer Verschmelzung mit den zugleich bestehenden Empfindungselementen die Zeitzeichen, nach denen jeder der Taktreihe angehörige oder sie begleitende Eindruck zeitlich geord- net wird; und je zwei übereinstimmende Zeitzeichen a a^ b bz bewirken die Einordnung der zugehörigen Empfindungen in correspondirende Mo- mente der einander folgenden Thasen des Zeitverlaufs. Indem die Auf- merksamkeitsvorgänge wesentlich in dieser zwischen Spannung und Lösung sich bewegenden Gefühlscurve bestehen, zu der, als für die Zeitvorgänge weniger wesentliche Componenten, noch Erregungs- und Lust-Unlustwirkungen hinzukommen, ergibt sich aus dieser Beschaffenheit der Zeitzeichen und ihrem engen Zusammenhang mit den Aufmerksamkeits- vorgängen unmittelbar der große Einfluss der letzteren auf die Zeit- vorstellungen, wie ihn uns die mannigfachen Erscheinungen der Zeit- täuschungen kennen lehrten. Die »Zeitzeichen« stehen nach allem dem in naher Analogie zu den »Localzeichen«. Doch der wesentlich ab- weichende Inhalt, den die Analyse der Raum- und der Zeitvorstellungen Theorie der Zeitvorstellungen.

93 für jene wie für diese ergibt, charakterisirt zugleich auf das schärfste die verschiedene Natur beider Wahrnehmungsformen. Die Localzeichen fallen durchaus in das Gebiet der Empfindungen, und sie sind in Folge dessen eng an bestimmte Sinnesorgane, den Tast- und Gesichtssinn, gebunden, bei denen sich vermöge ihrer Structur- und Functionsverhältnisse ausschließlch jene regelmäßigen Beziehungen zwischen den localen Färbungen der Em- pfindung und den zu ihnen gehörigen Bewegungsreactionen vorfinden, wie sie das überall geforderte System complexer Localzeichen voraussetzt. Auch die Zeitzeichen bilden nun ein complexes System. Aber es sind nicht zwei Empfindungssysteme, die bei den complexen Zeitzeichen einander regelmäßig zugeordnet sind, sondern Empfindungen und Gefühle; und in dieser Verbindung bilden die Empfindungen beliebig variirbare Elemente, während die Spannungs- und Lösungsgefühle, die mit den Empfindungen verschmelzen, immer den gleichen Charakter besitzen und wesentlich durch ihren Wechsel zwischen entgegengesetzten Phasen sowie durch ihren periodischen Gesammtverlauf die Zeitvorstelluug bestimmen. Immerhin macht sich die complexe Natur der Zeitzeichen darin gel- tend, dass dieser periodische Gefühlsverlauf stets ein Empfindungssubstrat fordert, um eine concrete zeitliche Vorstellung erzeugen zu können.

Hieraus erklärt sich einerseits das was man die »Allgemeinheit« der Zeit- vorstellungen zu nennen pflegt, oder, genauer gesprochen, die Fähigkeit aller Empfindungen, welchem Sinnesgebiet sie auch angehören mögen, als Empfindungssubstrate der Zeitzeichen zu dienen; es erklärt sich daraus aber auch anderseits der ungeheure Einfluss, den der Wechsel der Auf- merksamkeitsvorgänge, oder, was damit identisch ist, der Wechsel der Spannungs- und Lösungsgefühle auf das Zeitbewusstsein ausübt. Nicht minder empfängt schließlich die Beobachtung, die uns schon bei der Be- schreibung der elementaren Gefühle entgegentrat, dass Spannung und Lösung die am häufigsten subjectiv wie objectiv nachzuweisenden Gefühle, und dass sie zugleich diejenigen sind, die am häufigsten unvermischt mit andern vorkommen, eine neue Beleuchtung aus dieser ihrer Bedeutung für die Bildung der Zeitvorstellungen (Bd. 2, S. 292). Als die constantesten und doch in ihrer Richtung und Intensität fortwährend wechselnden Gefühls- elemente des Bewusstseins, bilden sie eben zugleich die Substrate derjenigen Vorstellungsform, die an alle unsere Bewusstseinsinhalte geknüpft, dabei aber ebenso wechselnd wie das Gefühl selbst ist. Indem die Zeitvorstellungen eigenartige Verschmelzungsproducte sind, die sich von allen andern durch die constitutive Bedeutung, die für sie der Gefühlsinhalt des Bewusst- seins besitzt, unterscheiden, nehmen sie nun auch schließlich noch darin eine ausgezeichnete Stellung ein, dass sie zwischen den beiden Haupt- classen psychischer Verschmelzungen, den Vorstellungen und den Gemüths- 04 Zeitvorstellungen.

bewegungen, in gewissem Sinne vermitteln. Den Vorstellungen gehören sie an theils durch ihre unmittelbare Beziehung auf Empfindungen als ihre Inhalte, und mittelst dieser Empfindungen auf äußere Objecte und objective Vorgänge. In das Gebiet der Gemüthsbewegungen ragen sie hinüber, weil die wesentlichen Factoren dieser Ordnung der Empfindungen Gefühle sind. Darum ist die Zeitanschauung auch in dem Sinne um vieles subjectiver als die Raumanschauung, dass sie ungleich mehr mit subjectiven Bedingungen veränderlich ist, und dass nicht minder der an die Bildung der Zeitvorstellungen gebundene Gefühlsverlauf gleichzeitig einen wichtigen Bestandtheil affectiver Erregungen bilden kann. So kommt es, dass in Sprache und Musik die rhythmischen Verhältnisse eine enge Beziehung erkennen lassen zum Ausdruck und zur Erweckung von Gemüths- bewegungen, und dass selbst die einfachste, inhaltsleerste Taktform, wie eine Aufeinanderfolge gleicher Taktschläge, je nach der Geschwindigkeit oder nach gewissen zu auf- oder absteigendem Rhythmus tendirenden Intensitätsänderungen, Affecte hervorzubringen vermag. Auf diesen Be- dingungen beruht denn auch offenbar die Weiterbildung der einfachen Zeitvorstellungen zu zusammengesetzteren rhythmischen Gebilden, mit denen sich dann im allgemeinen zugleich das Zeitbewusstsein selber er- weitert.

c. Entwicklung zusammengesetzter rhythmischer Vorstellungen.

Die Frage nach der allgemeinen Entstehung rhythmischer Vorstel- lungen fällt, wie wir sahen, mit der nach der Entstehung der Zeitvorstellungen überhaupt zusammen, da diese vermöge der auf regelmäßig periodische Bewegungen angelegten psychophysischen Organisation und der zwischen Spannung und Lösung hin und her oscillirenden Aufmerksamkeitsvorgänge von vornherein einen rhythmischen Charakter besitzen. Aber diese ur- sprünglichen und natürlichen rhythmischen Vorstellungen sind einfachster Art: in einer Form wie der aufsteigenden Dipodie der menschlichen Geh- bewegungen (S. 15) bietet sich zwar schon ein gewisser Uebergang vom Einfachen zum Zusammengesetzteren; sie dürfte aber auch die Grenze bezeichnen, die ohne Hinzutritt weiterer, durchgängig erst einer höheren Cultur angehöriger Motive erreichbar ist. Nun lässt sich der Uebergang von einfachen zu zusammengesetzteren Rhythmen unter den einfachsten Bedingungen an dem oben (Fig. 313, S. 38) beschriebenen Taktirapparat herbeiführen, wenn man die Geschwindigkeit der Taktfolge allmählich steigert: mit diesem Uebergang ist dann stets auch ein solcher zu compli- cirteren Rhythmen verbunden. Der hinsichtlich der Grade der Hebungen einstufige 2/8- geht in den zweistufigen 2/+-, dieser in den dreistufigen 3/4- oder 4/4-Takt über, ohne dass sich dabei die zeitliche Dauer eines Theorie der Zeitvorstellungen. qe Taktganzen erheblich ändert. Man hat diese Erscheinung zuweilen auf ein »Streben nach Zusammenfassung« zurückgeführt. In der That lässt sich wohl nicht bestreiten, dass ein solches Streben unter Umständen wirksam werden kann. Dies geschieht namentlich in allen den Fällen, wo von vornherein die willkürliche Tendenz zu einer solchen Verbindung oder gar die zum Hineinhören eines bestimmten Rhythmus in die Takt- folge obwaltet. Aber bei näherer Betrachtung zeigt sich doch, dass jene Tendenz nicht die letzte Ursache der Erscheinung sein kann. Denn diese stellt sich auch dann ein, und sie bringt sogar einen viel regelmäßi- geren Wechsel der rhythmischen Formen dann hervor, wenn man sich ohne jede Absicht, unbefangen den Eindrücken hingibt. Aller Wahr- scheinlichkeit nach ist daher die willkürliche rhythmische Gliederung und ihre Veränderung mit der Geschwindigkeit das Primäre, und erst nachdem dieselbe verwickelter aufgebaute Rhythmen erzeugt hat, kann nun auch der Wille regulirend und verändernd in diesen Vorgang eingreifen. Es entsteht also die Frage: ob die Einwirkung einer Reihe von Eindrücken in ihrer unmittelbaren Wirkung auf das Bewusstsein schon Bedingungen mit sich führt, die eine solche mit steigender Geschwindigkeit zunehmende rhythmische Gliederung ohne jede daraufgerichtete Absicht veranlassen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst von jenem einfachsten Fall rhythmischer Sonderung ausgehen, der einem Intervall einzelner, gleichförmig einander folgender Taktschläge von etwa i See. entspricht. Hier gerade ist es der deutliche Unterschied in der sub- jeetiven Wahrnehmung, der hervortritt, wenn wir diese natürliche Takti- rung bald gewähren lassen, bald absichtlich zu unterdrücken suchen, der auf die Quelle dieser Erscheinungen hinweist. Jene einfache Rhyth- mik ist nämlich dann am schärfsten wahrzunehmen, wenn man sich den Eindrücken vollkommen passiv und willenlos hingibt, — eine Thatsache, die ohne weiteres dafür Zeugniss ablegt, dass von einem »Streben nach Zusammenfassung« hier nicht die Rede sein kann. Wohl aber bemerkt man, dass diese beginnende Gliederung mit einem andern Bewusstseinsphänomen zusammenfällt, das ebenfalls bei solchen regel- mäßig einander folgenden Eindrücken und bei ruhiger Hingabe an die- selben besonders hervortritt, nämlich mit einem Auf- und Abwogen der Aufmerksamkeit: der stärker betonte Eindruck ist derjenige, bei dem die Aufmerksamkeit intensiver gespannt ist, der schwächere derjenige, bei dem diese Spannung nachlässt. Die beginnende Rhythmisirung fällt also mit Oscillationen der Aufmerksamkeit oder, wie wir es mit Rücksicht auf die in diese eingehenden Gefühle auch ausdrücken können, mit einer Periodik der Spannungsgefühle zusammen, bei welcher von zwei auf einander folgenden Eindrücken der eine in eine Phase gesteigerter, der andere in eine solche abnehmender Spannung fällt. Nun werden wir es unten als eine allgemeine Eigenschaft der Gefühle bei den Aufmerksam- keitsvorgängen kennen lernen, dass sie durch ihre subjective Verstärkung schwache, der Schwelle naheliegende Empfindungen merklicher machen, und von zwei vollkommen gleichen Empfindungen die eine gegenüber der andern intensiv steigern können. (Cap. XVIII, i.) Die subjective Rhyth- misirung einer Reihe gleichförmiger Eindrücke beginnt daher in dem Augenblick, wo die Zeitdistanz der Reize die zwei zusammengehörigen Phasen einer einzelnen derartigen Gefühlsoscillation umfasst. Dabei ist aber schon in diesem einfachsten Fall der Verlauf der Oscillation zugleich von den objectiven Eindrücken abhängig, indem jeder Eindruck einen Reiz auf die Apperception ausübt, daher sich denn auch die Wellen der Apperception selbst innerhalb einer gewissen Breite nach den Eindrücken richten: sie werden etwas langsamer, wenn diese seltener, schneller, wenn sie häufiger einander folgen. Doch kann diese Adaptation der Auf- merksamkeitswellen an die Reizreihe natürlich nur innerhalb der durch die natürlichen Eigenschaften des Bewusstseins gebotenen Grenzen ge- schehen, die wohl schließlich mit jenen Eigenschaften der gesammten psychophysischen Organisation zusammenhängen, auf denen auch der Rhythmus unserer äußeren Körperbewegungen beruht. Ueberschreitet die Folge der äußeren Eindrücke diese Grenzen erheblich, so tritt nun durch den Zwang zur Apperception, den jeder Reiz ausübt, von selbst eine Gliederung der Apperceptionswelle ein. Diese bewahrt im ganzen die Periode, die sie auch bei langsameren Reihen innehielt. Jeder inner- halb einer solchen Periode einwirkende Reiz hat aber eine Erhebung der Oscillationscurve zur Folge, die sich bei völlig ungezwungenem Hinhören auf den Eindruck in der Weise geltend macht, dass sie in einem dem Maximum näheren Gebiet eine stärkere Erhebung über die Ruhelage her- vorbringt, als in dem absteigenden Theil der Curve. Außerdem bewirkt eine verstärkte Apperception, wie sich dies deutlich an der verlängernden Nach- und Vorauswirkung der Intervalle verräth, regelmäßig zugleich eine Verminderung der Apperceptionsenergie für die benachbarten Reize, also, bezogen auf die Aufmerksamkeitswelle selbst, eine jedem Wellengipfel folgende stärkere Vertiefung. Wird die Schwankungscurve unter der einfachsten Bedingung, dass zwei Taktreize eine ganze Oscillation erfüllen, d. h. bei dem den Anfang der Rhythmisirung bildenden z/8-Takt, durch die in Fig. 320 A dargestellte Curve veranschaulicht, in der 1 den ersten, gehobenen, 2 den zweiten, gesenkten Taktschlag bezeichnet, so wird schon der nächst einfache Fall des 2/4-Takts durch die erheblich verwickeitere Form B repräsentirt werden, bei der sich neben der Wirkung der Apper- ceptionsphase bereits jenes zweite Moment geltend macht, dass jeder Theorie der Zeitvorstellungen.

97 Apperceptionsreiz im allgemeinen um so wirksamer ist, je ferner er sich von der vorangegangenen Apperceptionserregung befindet. Darum ent- spricht jetzt dem Taktschlag 3 gegenüber 2 eine stärkere Hebung, wäh- rend 4 wieder unter der Nachwirkung- von 3 tiefer sinkt, also überhaupt die tiefste Lage einnimmt. Auf diese Weise modificiren die einwirkenden Reize zugleich den Verlauf der Spannungswelle, indem sich von ihnen ausgehende secundäre Erhebungen derselben superponiren, während sie außerdem durch die Nachwirkungen dieser secundären Oscillationen den folgenden Verlauf namentlich dann verändern können, wenn in diesen neue Erregungen eingreifen. So erklärt sich jener abgestufte Wechsel B Fig. 320. Schema der Apperceptionswellen bei der Rhythmisirung gleichförmiger Eindrücke.

der Hebungen und Senkungen, der alle rhythmischen Vorstellungen aus- zeichnet, und der um so stärker wird, je complicirter aufgebaut die Rhyth- men sind. In diesem Sinne ist daher der rhythmische Wechsel nicht, wie man meist annimmt, eine durch ästhetische Motive erzeugte Wirkung, sondern eine in den zeitlichen Vorstellungen als solchen begründete Eigenschaft. Wir gliedern Schall- und andere Gebilde nicht deshalb rhythmisch, weil uns der Rhythmus gefällt, sondern dieser gefällt uns, weil wir vermöge der natürlichen Anlagen unseres Bewusstseins Eindrücke, vor allem solche des Tast- und Gehörssinnes, rhythmisch gliedern. Nach- dem diese ursprüngliche Anlage einmal gegeben ist, kann dann erst das so entstandene ästhetische Wohlgefallen am Rhythmischen auf die Aus- bildung desselben weiterhin einwirken.

Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. y gg Zeitvorstellungen.

In dem Zusammenhang der rhythmischen Vorstellungen mit den os- cillatorischen Gefühlsprocessen dürfte nun auch das für. den Umfang rhythmischer Gebilde maßgebende Gesetz der drei Hebungsstufen seine Grundlage finden. Wie der Rhythmus als solcher erst da beginnen kann, wo einmal innerhalb einer Oscillationsperiode der Apperception, den Phasen derselben entsprechend, zwei Reize in annähernd gleichen Ab- ständen einander folgen, so wird dieser unteren als obere Grenze die gegenüberstehen, wo sich der Wechsel der appercipirten Reize gerade noch einer solchen Oscillationsperiode einfügen kann, um mit der in der primären Spannungscurve gegebenen Hauptperiode eine zusammen- gesetzte Schwingungsform, analog der in Fig. 320 B dargestellten, zu bilden, ohne dass die secundären Oscillationen durch die gehäuften Nach- und Vorwirkungen Störungen erfahren. Eine solche Grenze muss schon deshalb existiren, weil der Umfang der primären Schwankungs- curve annähernd constant bleibt. Dies ist denn auch offenbar der Grund dafür, dass jenes Grenzgesetz der drei Hebungsstufen allem Anscheine nach ein allgemeingültiges Gesetz des menschlichen Bewusstseins ist, unter dem dieses zwar bei zurückgebliebener Ausbildung der rhythmi- schen Vorstellungen stehen bleiben, die es aber nicht überschreiten kann. Dies zeigt nicht nur seine Geltung für die Rhythmik der ver- schiedensten Zeiten und Völker, sondern auch die Thatsache, dass die willkürliche Uebung in Rhythmisirungsversuchen die gleiche Grenze aufweist.

Wesentlich anders verhält es sich in dieser Beziehung mit den- jenigen Unterschieden, die innerhalb dieser Grenze je nach dem Verlauf der Betonungen und Senkungen möglich sind, und die individuell mannig- fach variiren können, nur immer mit der Beschränkung, dass ein einmal eingetretener Wechsel solcher Art meist mit einer gewissen Regelmäßig- keit festgehalten wird. Letzteres lehrt im allgemeinen nicht bloß die unter der Wirkung bestimmter ästhetischer Motive stehende Rhythmik des musikalischen und poetischen Kunstwerks, sondern auch schon die natürliche Rhythmik der Sprache. Jagerade bei ihr gewinnt jene Regel- mäßigkeit nahezu den Charakter der Constanz, indem zahlreiche Sprachen, wie vor allem die sämmtlichen germanischen, zum sinkenden, andere da- gegen, z. B. die romanischen, ebenso entschieden zum steigenden Rhyth- mus neigen. Dass diese der Sprache eigene Richtung der Taktbewegung nicht auf sie beschränkt ist, sondern mit allgemeineren Anlagen des Be- wusstseins zusammenhängt, darauf weist aber schon die leicht zu machende Beobachtung hin, dass jedermann bei möglichst ungezwungener Auffassung der Schläge des Taktirapparates in diese den nämlichen Rhythmus hinein- zuhören pflegt, der in der ihm geläufigen Sprachform der herrschende Theorie der Zeitvorstellnngen. qQ