ist1. Nun könnte man vermuthen, es sei lediglich die Association mit dem gewohnten Sprechtakt der Muttersprache, die diese Unterschiede be- dinge. Doch muss die Ausbildung eines solchen abweichenden Rhyth- mus in verschiedenen Sprachen offenbar ihrerseits wieder auf bestimmten psychologischen oder psychophysischen Bedingungen beruhen. Accent- und Lautwechsel dafür verantwortlich zu machen, würde nur ein anderer Ausdruck für die nämliche Sache sein, da z. B. im Germanischen die Verlegung der Betonung auf die Stammsilbe eben das Phänomen ist, das im zusammenhängenden Sprechen den absteigenden Takt mit sich bringt. Da das Wort aus dem Satz und demnach auch die Wortbetonung aus der Satzbetonung hervorgeht, so wird die Lage des Accents als eine Wirkung des Sprechtaktes anzusehen sein, nicht umgekehrt. Sprechtakt und unwillkürliche Rhythmisirung gehörter Taktreihen sind dann allerdings eng mit einander associirt, insofern beide aus einer gemeinsamen Quelle stammen. Zu dieser Quelle leiten uns aber unmittelbar die Erscheinungen hin, die wir bei der Beschleunigung der Taktschläge am Taktirapparat von selbst sich entwickeln sehen, indem hier neben der Ausbildung compli- cirterer Taktformen regelmäßig auch die Neigung hervortritt, von fallen- dem zu steigendem Rhythmus überzugehen. Dieser Uebergang ist in der subjectiven Wahrnehmung stets mit einer Affectsteigerung verbunden; und je schroffer der Uebergang erfolgt, um so deutlicher wird der affec- tive Charakter des beschleunigten Tempos, zugleich mit seinem Ueber- gang zum steigenden Rhythmus. So ist denn auch schon in der ge- wöhnlichen Rede der steigende Rhythmus der Rhythmus des Affects: auch wo im Aussagesatz der fallende Takt herrscht, da tritt doch jener in den affectreicheren Satzformen des Ausrufs und der Frage her- vor2. Vor allem aber ist in der Musik der steigende Rhythmus durchaus der vorherrschende: die Musik ist eben die reine Sprache der Affecte, in der, bei im übrigen mannigfach wechselnder qualitativer Färbung, im ganzen die intensiven Affecte vorherrschen, die als solche den steigenden 1 Herr Dr. Wirth hat auf meine Bitte die unwillkürliche Rhythmisirung bei einer Anzahl von Mitgliedern des Leipziger psychologischen Laboratoriums näher geprüft. Da- bei ergab sich: bei 6 Deutschen, 2 Schweden und einem Angloamerikaner ausnahmslos fallender, bei 2 Romanen (Italiener und Rumäne) ebenso steigender Rhythmus; bei 2 Polen war das Resultat schwankend, doch schien fallender Rhythmus vorherrschend zu sein. Am abweichendsten verhielten sich 2 Japaner, die überhaupt nur in größeren und manch- mal unregelmäßigen Intervallen einen einzelnen Taktschlag stärker betonten. Dabei ist zu bemerken, dass die japanische Sprache fast gar keine dynamischen, sondern nur Ton- accente hat. Die Versuche wurden bei Intervallen von 0,4 oder 0,3 sec. vorgenommen. Bei beiden verhielt sich die Rhythmisirung im wesentlichen gleich. Nur zeigte sich regel- mäßig, wenn vom langsameren zum schnelleren Tempo und manchmal auch, wenn um- gekehrt plötzlich von diesem zu jenem übergegangen wurde, auch bei den germanischen Beobachtern die Neigung, die fallende in die steigende Taktform umzuwandeln.
j oo Zeitvorstellungen.
Rhythmus mit sich führen1. Von diesen Gesichtspunkten aus wird nun zu- gleich eine Deutung- der oben erwähnten Erscheinungen nahe gelegt, die dieselben wiederum mit den Oscillationen der Apperception in Beziehung bringt. Die Apperceptionswelle selbst hat nämlich den Charakter einer Gefühlscurve, und sie steht daher unter dem fortwährenden Einfiuss von Gemüthsbewegungen, welche den an sich indifferenten Spannungsgefühlen nicht nur mannigfache bestimmtere Gefühlsinhalte einfügen, sondern ins- besondere auch die Schwankungen derselben durch ihren eigenen Verlauf bestimmen. Nun werden wir im nächsten Capitel (3) als einen charakteri- stischen Unterschied in dem formalen Verlauf der Affecte den der schnell ansteigenden, aber allmählich fallenden, und den der langsam steigenden und verhältnissmäßig rasch wieder sinkenden kennen lernen (Fig. 321 A und B). Tritt aber eine solche Affectcurve in den regulären Verlauf einer A B Fig. 321. Grundformen der Affectcurve: A rasch steigender und langsam sinkender, B langsam steigender und rasch sinkender Affect.
gleichmäßig steigenden und sinkenden Apperceptionswelle (Fig. 320) ein, so wird sie naturgemäß den Verlauf der letzteren im Sinne des Affect- verlaufs modificiren; denn auch die Apperception wird dann in ihren regelmäßigen Schwankungen im einen Fall rasch ansteigen und schnell sinken, und im andern langsam steigen und schnell sinken. Nun ist, wie wir unten sehen werden, die Form B die typische Verlaufsform dauernder Affecte, und sie neigt in hohem Grade zu oscillatorischen Wiederholungen. Mit den Apperceptionswellen combinirt, ergibt so die 1 Für die Musik ist es darum wohl vollkommen zutreffend, wenn H. Riemann (All- gemeine Musiklehre 2, S. 91 ff.) es als ein allgemeines Princip der Taktlehre hinstellt, dass der leichtere dem schwereren Takttheil vorangehe (nach seiner Bezeichnung nicht | ). Schon für die poetische Rhythmik bestehen je nach der Gesammtstimmung wechselndere Verhältnisse, wie dies auch E. A. Meyer (Beiträge zur deutschen Metrik. Diss. Marburg. 1897) annimmt. Uebrigens leidet der Versuch dieses Beobachters, die Zeitmomente der Betonung durch begleitende Taktschläge zu bestimmen, die zusammen mit der Articulationscurve am Kymographion aufgezeichnet wurden, unter dem Fehler, dass die Verhältnisse der Reactionszeiten (vgl. unten Cap. XVIII, 2), gegen welche die von dem Verf. berechnete Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nervenerregung völlig verschwindet, nicht beachtet worden sind.
Theorie der Zeitvorstellungen. IOi Form A eine dem sinkenden, die Form B eine dem steigenden Rhythmus entsprechende Ordnung der in den Gesammtumfang einer Aufmerksam- keitsschwankung fallenden secundären Apperceptionswellen. Das noth- wendige Product dieser Wechselwirkung ist daher dort der fallende, hier der steigende Rhythmus, und darum ist hinwiederum jener mehr Ausdruck eines steigenden, dieser eines sinkenden Affectes.
Indem so die in den Verlauf der Apperceptionswellen eingreifenden Affecterregungen von wechselnder Beschaffenheit sind, sind sie es aber zugleich, die zum großen Theil die beträchtlichen, mit dem Reichthum mannigfacher Vorstellungs- und Gefühlsinhalte immer vielgestaltiger werden- den Unterschiede in dem Verlauf jener Wellen bedingen. Dies spricht sich auch darin aus, dass die kunstmäßige Ausbildung der rhythmischen Formen in Musik und Poesie zwar im allgemeinen von einfacheren zu complicirteren rhythmischen Bildungen führt, was an sich ein unmittel- barer Ausdruck der durch den Hinzutritt secundärer Wellen entstehenden verwickeiteren Gestalt der Apperceptionscurven ist, dass sie aber zugleich mehr und mehr einen in kürzeren Zeiten eintretenden Wechsel verschiedener rhythmischer Bewegungen mit sich bringt, was auf die fortwährenden Um- gestaltungen dieser Schwankungscurve durch neue Affectmotive hinweist. Damm wird die Poesie in dem Maße, als der Gedankengehalt in ihr eine überwiegende Macht gewinnt, rhythmisch mannigfaltiger und freier zu- gleich1. Aber auch die musikalische Rhythmik, obgleich bei ihr jener Einfluss bestimmter Vorstellungsinhalte, der dem gesprochenen Gedanken eigen ist, fehlt, zeigt nicht minder dieselbe Entwicklung zu größerer, um- fassenderer Gesetzmäßigkeit und zugleich zu beweglicherer Freiheit, wie der gewaltige Schritt vom einfachen Tanz oder Marsch zum Rhythmus der symphonischen Tondichtung, oder auch der Uebergang von den älteren zu den modernen musikalischen Stilformen erkennen lässt. Einen charakteristischen Bestandtheil dieser Entwicklung bietet insbesondere auch die erst in der modernen Musik erreichte Verkürzung des klein- sten Taktelements auf den für das Ohr überhaupt noch eben unter- scheidbaren Zeitwerth von etwa Y30 See., wogegen in der antiken Rhythmik, wohl in Folge der noch festeren Beziehung zur Sprache, die kleinste untheilbare Zeit die einer kurzen gesungenen Silbe gewesen zu sein scheint2.
1 Vgl. hierzu die Bemerkungen von Meumann über den Rhythmus des gesprochenen Verses, Philos. Stud. Bd. 10, 1894, S. 393 ff., sowie unten Cap. XVI, 2.
2 Der »Chronos protos« des Aristoxenus. Vgl. R. Westphal, Griechische Rhyth- X02 Zeitvorstellungen.
Die Theorien über den Ursprung der Zeitvorstellungen sind von Anfang an durch die Voraussetzung bestimmt worden, die Zeit sei eine dem Bewusstsein an und für sich eigentümliche und allen seinen Inhalten von selbst zukommende Eigenschaft, die darum irgend eine Erklärung überhaupt nicht zulasse. Diese Voraussetzung liegt ebensowohl dem älteren philosophischen Empirismus wie Kants Lehre von der Zeit als der Form des »inneren Sinnes« zu Grunde. Beide unterscheiden sich nur darin von einander, dass die Erfahrungsphilosophen die Zeit als einen Inhalt der »in- neren Erfahrung« ansahen, der entweder von der Einwirkung der äußeren Reize abhängig oder an die Succession der Vorstellungen gebunden sei, wäh- rend Kant sie als eine a priori gegebene Anschauungsform betrachtete, durch die überhaupt erst eine »innere Erfahrung« möglich werde. Dieser erkennt- nisstheoretisch wichtige Gegensatz ist psychologisch bedeutungslos, insofern in beiden Auffassungen die zeitliche Ordnung der Bewusstseinsinhalte ein nicht weiter abzuleitendes Factum bleibt. Erst Herbart1 erkannte, dass hier ein psychologisches Problem vorliegt, indem er hervorhob, die Succession der Vorstellungen sei an und für sich noch durchaus nicht die Vorstellung einer Succession. Aber die Art und Weise, wie er selbst und die von ihm beeinflussten Psychologen nun diese Verstellung der Succession aus stufenweisen Verschmelzungen der Glieder einer Vorstellungsreihe abzuleiten suchten, ent- behrte durchaus der empirischen Begründung. Wie bei den entsprechenden Raumtheorien, so waren es auch hier nicht sowohl psychologische Thatsachen als allgemeine logische Ueberlegungen, aus denen gewisse hypothetische Eigen- schaften der Vorstellungsreihen abgeleitet wurden, die man dann schließlich willkürlich den speeifischen Eigenschaften und Unterschieden der Raum- und der Zeitanschauung gleichsetzte. Gleichwohl haben diese speculativen De- duetionen das Verdienst, dass in ihnen das psychologische Problem der Zeit- vorstellungen überhaupt zum ersten Mal erkannt und in einen gewissen Zu- sammenhang mit den allgemeinen Associationsvorgängen gebracht wurde. In diesem Sinne lehnen sich auch die Ausführungen von Lipps, der wohl als der Erste, nach Analogie der Localzeichen, die Forderung von »Temporal- zeichen« aufstellte, im wesentlichen an die Reproductions- und Reihentheorie Herbarts an2.
Auf die ersten Versuche einer experimentellen Behandlung der Probleme des Zeitbewusstseins sind diese psychologischen Speculationen ganz ohne Ein- fluss gewesen. Vielmehr lehnten sich jene Versuche, die auch hier nicht von der Psychologie selbst, sondern von der Physiologie ausgingen, an die ältere Lehre vom »inneren Sinn« an, sei es nun, dass man diesen Begriff mehr in der naiv empirischen Bedeutung verstand, wie Czermak3, oder an Kants »transcendentale Anschauungsform« anknüpfte, wie Vierordt4. Angeregt sind aber diese Versuche zunächst durch E. H. Webers Arbeiten über den Tastsinn, was sich auch in dem nach Analogie des Weber' sehen »Raumsinns« und »Ortssinns« gebildeten Ausdruck »Zeitsinn« verräth. Bei Czermak war diese Anlehnung noch eine so enge, dass die selbständige Untersuchung der 1 Herbart, Psychologie als Wissenschaft, 2. Theil, Werke Bd. 6, S. 115, 142 ff.
2 Th. Lipps, Grundthatsachen des Seelenlebens, 1883, S. 587 ff.
3 Czermak, Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn. Sitzungsber. der Wiener Akad. 1857.
4 Vierordt, Der Zeitsinn, nach Versuchen. 1868.
Theorie der Zeitvorstellungen. jqo Probleme des Zeitbewusstseins ganz zurücktrat, indem ihm die Zeitanschauung mit der Auffassung der Geschwindigkeit einer räumlichen Bewegung zusammen- fiel, und demnach auch der von ihm nach Analogie der Raumschwelle zum ersten Mal eingeführte Begriff der »Zeitschwelle« seiner eigentlichen Bedeu- tung nach eine »Geschwindigkeitsschwelle«, also im wesentlichen ungefähr mit dem identisch war, was neuerdings W. L. Stern die »Veränderungsschwelle« genannt hat1. Erst Vierordt löste den Begriff der Zeitschwelle aus dieser Verbindung, da er in dem Gehörssinn dasjenige Sinnesgebiet gewissermaßen erst entdeckte, auf dem sich der neue Schwellenbegriff unabhängig von einem bestimmten Raumschwellenwerth gewinnen ließ. Indem er dann weiterhin in den sogenannten »leeren«, bloß durch zwei momentane Schallreize abgegrenz- ten Zeitstrecken diejenigen Zeitvorstellungen erkannte, die zur Vergleichung und Unterscheidung von Zeitgrößen am besten geeignet sind, lenkten seine Arbeiten in das Gebiet ein, das auch die spätere Untersuchung vorzugsweise gepflegt hat, in das der sogenannten »Gedächtnissversuche«, aus dem sie hauptsächlich erst durch E. Meumann auf die an sich nähere Aufgabe der primären Entstehungsweise zeitlicher Wahrnehmungen zurückgelenkt worden ist. Da sich auf diese Weise Vierordt auf die reproductiven Veränderungen gegebener Zeitvorstellungen beschränkte, so war es ihm nahegelegt, seine allgemeinen Voraussetzungen über das Wesen der Zeitanschauung an die KANTische Lehre anzuschließen, die ja diese Abstraction von dem Problem der psychologischen Entstehung gewissermaßen philosophisch rechtfertigte. Demgemäß betrachtete Vierordt den »Zeitsinn«, im wesentlichen Unter- schied von dem Raumsinn, als einen »allgemeinen Sinn«, der nicht nur alle speciellen Sinnesgebiete, sondern auch alles was sich sonst in unserm Be- wusstsein vorfindet, Gefühle, Affecte u. s. w., umfasse.
Dieses Verhältniss änderte sich erst, als in der neueren Physiologie und Psychologie Versuche einer folgerichtigeren Durchführung der von j. Müller nur in ihren allgemeinsten Umrissen angedeuteten und in ebensolcher Weise auch von E. H. Weber seinem Begriff der »Empfindungskreise« zu Grunde gelegten nativistischen Theorie des Raumsinnes hervortraten. Sie forder- ten von selbst eine Ueb ertragung auch auf den »Zeitsinn« heraus. Deutlich ist übrigens in dieser Wendung der Dinge der Einfluss der.bloßen Wortana- logie erkennbar, der in diesem Fall dazu verführte, an sich unschuldige Begriffsübertragungen schließlich in einer sinnwidrigen Bedeutung zu verwen- den, die dann wieder, um sie annehmbar zu machen, zu allerlei willkürlichen Hypothesen nöthigte. Nachdem der Nativismus dem Raumsinn sein Substrat in den »Raumempfindungen« gegeben, lag es ja nahe, nun auch von dem »Zeitsinn« zu »Zeitempfindungen« überzugehen. Diesen Schritt hat wohl zuerst E. Mach2 gethan. Die Zeit, ist ihm eine specifische Empfindungsqualität, die sich aber von andern dadurch unterscheide, dass sie sich mit jeder andern verbinde, und dass sie daher jedem beliebigen directen oder reproducirten Eindruck seine Stelle in der Zeit anweise. Näher glaubt dann Mach in der »Arbeit der Aufmerksamkeit« diese specifische Zeitqualität erblicken zu dürfen, da die Zeit bei angestrengter Aufmerksamkeit länger erscheine und dagegen bei absoluter Ruhe derselben, im traumlosen Schlaf, ganz fehle. Der erste 104 Zeitvorstellungen.
dieser Beweisgründe dürfte, abgesehen von allen experimentellen Ermittelun- gen, schon gegenüber der gewöhnlichen Lebenserfahrung, der er entnommen ist, nicht Stand halten. Eilt uns doch die Zeit bei angestrengter intellectu- eller Arbeit bekanntlich oft wie im Fluge vorüber, indess sie sich in der Langeweile, die mit keiner sonderlichen Energie der Aufmerksamkeit ver- bunden ist, träge hinschleppt. Was aber den traumlosen Schlaf betrifft, so fehlen ihm mit der Aufmerksamkeit auch alle andern psychischen In- halte1.
Insofern nun die »Spannung der Aufmerksamkeit« ein Vorgang ist, der neben dieser ihm zugeschriebenen Beziehung zur Zeit auch noch andere Em- pfindungen, namentlich solche, die an begleitende Muskelspannungen gebunden sind, zu enthalten scheint, so wird von dem gleichen Gedankengang aus noch eine weitere Hypothese nahe gelegt, die der Forderung, die Zeit Vorstellungen auf specifische, den andern Sinnesqualitäten conforme einfache Zeitempfindun- gen zurückzuführen, noch unmittelbarer gerecht zu werden sucht. Auch zu dieser hat wohl zuerst Mach2 in einer älteren Arbeit die Anregung gegeben. Davon ausgehend, dass der vornehmste »Zeitsinn« der Gehörssinn sei, ver- muthet er hier, die Zeitunterscheidung sei eine Leistung des die Spannung des Trommelfells bewirkenden Accommodationsmechanismus. Diese später von Mach selbst aufgegebene Hypothese ist dann von Münsterberg auf die Muskelempfindungen überhaupt ausgedehnt worden3. Da Muskelempfindungen, wie sie z. B. durch die Athembewegungen erzeugt werden, immer vorhanden seien, so erkläre sich hieraus zugleich die Continuität des Zeitverlaufs4. Wie die Muskelempfmdungen zu Zeitempfindungen werden, das bleibt übrigens um so dunkler, da sie nach Münsterberg noch sehr viele andere Leistungen zu besorgen haben, z. B. die Raumanschauung, das Intensitätsmaß der Empfindungen, die Aufmerksamkeit. An eine andere Seite der MACH'schen Aufmerksamkeitstheorie knüpfte F. Schumann an, nämlich an die mit den Aufmerksamkeitsvorgängen gelegentlich verbundenen Erscheinungen der Er- wartung und Ueberraschung, die von ihm beide als Phänomene der »Ein- stellung der sinnlichen Aufmerksamkeit« bezeichnet werden. In dieser letzteren scheint Schumann die eigentliche Zeitvorstellung zu erblicken, während das Urtheil über das Verhältniss von Zeitgrößen immer auf Erwartung und Ueberraschung sich stütze, und zwar so, dass der Erwartung das Urtheil »größer«, der Ueberraschung das Urtheil »kleiner« entspreche, wobei aber diese »sinnliche Ueberraschung« von der »intellectuellen« wesentlich verschieden sein soll. Wo diese Momente nicht ausreichen, da sollen dann auch hier die Athembewegungen neben andern sinnlichen Merkmalen das Zeitbewusstsein 1 Wenn W. Jerusalem eine Art Bestätigung der Theorie Machs darin sieht, dass die Blindtaube Laura Bridgman, die durch gespannte Aufmerksamkeit auf ihre Tasten- drücke ihre Sinnesdefecte zu compensiren suchte, auch durch ein besonders feines Zeit- bewusstsein sich auszeichnete, so ist das Factum ohne Zweifel richtig. Aber es handelte sich dabei nicht um directe Zeitvorstellungen, sondern um die Erkennung bestimmter Zeitpunkte (Tagesstunden, Wochentage) nach begleitenden Merkmalen, ein Erkennen, das natürlich durch die Aufmerksamkeit auf diese Merkmale gesteigert wird. (W. Jerusalem, Laura Bridgman, 1890.)
2 Mach, Sitzungsber. der Wiener Akademie, 2, Bd. 51, 1865, S. 147.
3 Münsterberg, Beiträge zur exp. Psych. Heft 4, S. 89 ff.
4 Vgl. die Kritik dieser Hypothese und der zu ihren Gunsten ausgeführten Versuche bei E. Meumann, Philos. Stud. Bd. 9, 1894, S. 442 ff.
Theorie der Zeitvorstellungen, jqc vermitteln1. Allen diesen Hypothesen mangelt offenbar von vornherein die scharfe Unterscheidung zwischen den unmittelbaren Zeitvorstellungen, die ebenso unmittelbare Erlebnisse unseres Bewusstseins sind wie die Wahr- nehmung einer räumlichen Form oder einer intensiven Klangverbindung, und jenen mittelbaren Zeitschätzungen, wie sie z. B. bei der Verglei- chung längerer Zeiträume oder eines unmittelbar gegebenen zeitlichen Vor- gangs mit einem früher erlebten stattfinden, wo die verschiedensten associa- tiven und apperceptiven Einflüsse secundärer Art eine Rolle spielen können. Während die früheren Beobachter auf diesen fundamentalen, für das psycho- logische Verständniss der Zeitvorstellungen selbstverständlich entscheidenden Unterschied überhaupt noch nicht aufmerksam geworden sind, bestreitet Schu- mann denselben geradezu, indem er die Existenz unmittelbarer Zeitvorstellun- gen überhaupt leugnet. Weil der objective Inhalt einer Zeitvorstellung in einer Succession von Ereignissen besteht, so soll auch subjectiv eine Zeit- vorstellung stets eine Succession von Acten sein, die niemals im Bewusstsein gleichzeitig existiren. Diese oben schon besprochene Verwechselung der sub- jectiven Zeitvorstellung mit dem objectiven Zeitbegriff führt dann freilich von selbst dazu, auch bei den unmittelbaren Zeitvorstellungen nach allerlei secundären und eventuell ganz heterogenen Kriterien als Grundlagen der sogenann- ten »Zeiturtheile« zu suchen. Es ist hauptsächlich das Verdienst E. Meumanns, durch die sorgfältige Untersuchung der bisher fast ganz der Beachtung ent- gangenen qualitativen Einflüsse auf die Zeitauffassung, wie Betonung, Qualitätswechsel, Rhythmus, und durch die Analyse der aus dem Wechsel- verhältniss dieser Momente entspringenden Zeittäuschungen einer psychologischen Theorie der unmittelbaren Zeitvorstellungen die ersten Unterlagen gegeben zu haben. Werthvolle Bestätigungen und Ergänzungen der Meumann' sehen Ar- beiten hat namentlich Th. L. Bolton geliefert2. Bemerkenswerthe Beobach- tungen über rhythmische Erscheinungen sind endlich noch von philologischen Metrikern, besonders von E. Sievers3 und Fr. Saran4, mitgetheilt worden. Den Gedanken einer objectiven Registrirung rhythmischer Formen hat zuerst E. Brücke beim gesprochenen Verse zu verwirklichen gesucht, dabei aber, was bei der Verwerthung seiner Resultate nicht selten übersehen wurde, nicht das natürliche Sprechen oder die- künstlerische Declamation, sondern nur das schulmäßige Scandiren zum Gegenstand seiner Beobachtungen gemacht5.
1 F.Schumann, Zeitschr. f. Psychol. u. Physiol. der Sinnesorg. Bd. 4, 1893, S. 1 ff., Bd. 17, S. 106 ff., Bd. 18, S. 1 ff. In den verschiedenen Arbeiten Schumanns wechseln übrigens die Kriterien seiner »Zeiturtheile«. Erwartung und Ueberraschung, anfangs all- gemein eingeführt, werden später auf die Schätzung großer Zeiten eingeschränkt, u. s. w. Zur Kritik dieser Hypothese und ihrer experimentellen Grundlagen vgl. Meumann, Philos.
2 Meumann, Zur Lehre vom Zeitsinn, Philos. Stud. Bd. 9, 1894, S. 264. Bd. 12, 1896, S. 127. Untersuchungen zur Psychologie und Aesthetik des Rhythmus, ebend. Bd. 10, 1894, S. 249 ff. Bolton, Amer. Journ. of Psych, vol. 6, 1894, p. 145.
3 Sievers, Phonetik4, S. 197 ff. Zur Rhythmik und Melodik des neuhochdeutschen Sprechverses, Verh. der 42. Philologenvers. 1894, S. 370 ff.
4 Fr. Saran, Sievers' Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur, 5 E. Brücke, Die physiologischen Grundlagen der neuhochdeutschen Verskunst, 1871. Auf den oben erwähnten Punkt hat übrigens schon W. Sciierer (Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache2, 1878, S. 627) hingewiesen.
IOÖ Zeitvorstellungen.
Aehnliche Versuche sind dann neuerdings mehrfach auch von Psychologen theils mit Hülfe von Sprachzeichnern theils nach dem Vorbild Brückes mit Taktir- vorrichtungen ausgeführt worden: so von E. W. Scripture, W. Wallin1, Triplett und Sanford2, H. Sears3 u. A.
1 Scripture, Studies from the Yale Laboratory, vol. 7, 1899, p. 1, 102 ff. W. Wallin, ebend. vol. 9, 1901, p. 1. (Beides eingehende, auch die phonetischen Probleme berück- sichtigende Untersuchungen mit Hülfe des Grammophons.)
2 Triplett and Sanford, Amer. Journ. of Psych, vol. 12, 1901, p. 361. (Registri- rung scandirender Sprechrhythmen.)
3 H. Sears, ebend. vol. 13, p. 28. (Registrirung der Bewegungen beim Orgelspiel.)
Vierter Abschnitt. Von den Gemüthsbewegungen und Willenshandlungen.
Sechzehntes Capitel.
Vorstellungsgefühle und Affecte, i. Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle.
a. Begriff und Merkmale der Vor stellungsge fühle.
Wie die Empfindungen überall nur in Begleitung eines mannigfaltigen Vorstellungsinhaltes im Bewusstsein vorkommen, so sind uns auch die stets mit ihnen verbundenen subjectiven Elemente des Seelenlebens, die Gefühle, im allgemeinen nur als Gebilde von mehr oder minder verwickelter Zusammensetzung gegeben, sei es nun, dass sie unmittelbar als simultane Verbindungen einfacher Gefühle erscheinen, in welchem Falle wir sie als zusammengesetzte Gefühle bezeichnen, oder sei es, dass sie einen bestimmten, in sich mehr oder weniger abgeschlossenen Zeitverlauf bilden, wo sie je nach den näheren Bedingungen dieses Verlaufs ent- weder Affecte, oder aber Willensvorgänge genannt werden. Fassen wir alle diese aus einfachen Gefühlen als ihren wesentlichen Elementen bestehenden Gebilde nach der früher (Bd. i, S. 347) getroffenen Ueber- einkunft unter dem Ausdruck Gemüthsbewegungen zusammen, so können demnach die zusammengesetzten Gefühle als Uebergangsbildun- gen zwischen den einfachen Gefühlen und den Affecten betrachtet werden, während die letzteren ihrerseits wieder die Vorstufen zu den Willensvor- gängen bilden. Denn die Affecte enthalten stets mehr oder minder zu- sammengesetzte Gefühle als ihre in der Zeit wechselnden Bestandtheile; und jeder Willensvorgang lässt sich als ein Affectverlauf betrachten, der I08 Vorstellungsgefühle und Affecte.
sich durch eigenthümliche, mit einer endlichen Lösung des Affects ver- bundene Gefühlwirkungen auszeichnet.
Unter diesen drei Hauptformen der Gemüthsbewegungen bietet nun die erste, die der zusammengesetzten Gefühle, obgleich sie die relativ ein- facheren seelischen Gebilde in sich schließt, doch wegen der vollständigen Abhängigkeit, in welcher die Gefühle wiederum von den übrigen Gemüths- bewegungen, sowie von den Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen stehen, die weitaus größte Mannigfaltigkeit der Gestaltungen. Dies tritt nicht bloß darin hervor, dass die gesammte Entwicklung des Gemüthslebens in dem fort und fort zunehmenden Reichthum und der wachsenden Zusammen- setzung der Gefühle ihren nächsten Ausdruck findet, sondern diese funda- mentale Bedeutung der Gefühle gegenüber den anderen Formen der Ge- müthsbewegung äußert sich insbesondere auch darin, dass die weitere Ausbildung der Affecte und Willensvorgänge ganz und gar an die Ent- stehung neuer zusammengesetzter Gefühle gebunden ist, indess die son- stige Beschaffenheit jener andern Formen der Gemüthsbewegung lediglich durch die Eigenthümlichkeiten ihres zeitlichen Verlaufs und des in diesen Verlauf eingehenden Wechsels der Gefühle gekennzeichnet ist. Auf diese Weise bilden die Gefühle gleichzeitig Ausgangs- und Endpunkte dieser ganzen der Gemüthsseite des Seelenlebens zufallenden Entwicklung: Ausgangspunkte, insofern einfache Gefühle als Elemente in alle Gemüthsbewegungen eingehen, worauf dann weiterhin von Stufe zu Stufe complexe Gefühle als Bestandtheile der zusammengesetzteren Vorgänge hinzutreten; Endpunkte aber, weil einfachere Gefühle, Affecte und Willensvorgänge ihrerseits wieder complexe Gefühle erzeugen, mit denen auf diese Weise in verdichteter Form die gesammte Entwicklung des individuellen Be- wusstseins abschließt. Diese vielseitigen Beziehungen der Gefühle ver- bieten es von vornherein, die verschiedenen Formen zusammengesetzter Gefühle auch nur nach ihren hauptsächlichsten Richtungen hier schon zu erörtern. Vielmehr werden die an die Verbindungsprocesse der Vor- stellungen, die Associationen und Apperceptionen sich anlehnenden Ge- fühlsentwicklungen naturgemäß erst im Anschluss an jene Vorstellungs- processe selbst betrachtet werden können. Nach Ausscheidung der Associations- und Apperceptionsgefühle, die wir unter dem Gesammt- namen der intellectuellen Gefühle vereinigen wollen, beschränkt sich darum zunächst unsere Aufgabe auf diejenigen complexen Gefühle, die, an einzelne Vorstellungen gebunden, vorzugsweise als Ausgangs-, nicht als Endpunkte in die Entwicklung der Gemüthsbewegungen eingreifen, und die gleichzeitig Mittelglieder zwischen den einfachen Gefühlen und den Affecten und solche zwischen jenen und den verschiedenen For- men intellectueller Gefühle bilden. Wir wollen diese Gefühle kurz als