Neben den oben geschilderten Hauptrichtungen der psychologischen Aesthetik hat es schließlich in der Gegenwart auch nicht an Bestrebungen gefehlt, noch andere, theils naturwissenschaftliche, theils sociologische Grund- lagen für dieselbe zu finden. Dahin gehört in erster Linie eine Reihe von Werken, namentlich der französischen Litteratur, die den entwicklungsgeschicht- lichen Gesichtspunkt mit der descriptiven psychologischen Analyse der Phan- tasie, namentlich der dichterischen verbinden: so die Arbeiten von Th. Ribot, Gabr. Seailles u. A., die jedoch ihrer Tendenz nach mehr der psychologi- schen Charakterologie, als der allgemeinen Psychologie und Aesthetik zufallen2.
1 Außer dem Werk: Raumästhetik und geometrisch - optische Täuschungen, 1897, seien hier als die wichtigsten Arbeiten von Th. Lipps noch genannt: Die ästhetische Einfühlung, Zeitschr. für Psych. Bd. 22, S. 415 ff., und: Von der Form ästhetischer Apper- ception, in der Gedenkschrift für R. Haym, 1902, S. 365 ff. Dazu kommen die werth- vollen Aesthetischen Litteraturberichte, in den Phil. Monatsheften, Bd. 26, 27, und Archiv für systematische Philos. Bd. 5 und 6. sowie einige Werke über speciellere Probleme: Komik und Humor, 1898, und: Der Streit über die Tragödie, 1891. Verwandte Anschau- ungen wie Lipps, dabei aber die Beziehungen zum Mythologischen besonders betonend, vertritt Alfr. Biese, Das Metaphorische in der dichterischen Phantasie, 1889, und: Das Asso- ciationsprincip und der Anthropomorphismus in der Aesthetik, 1890. Werthvolle Gesichts- punkte zur Entwicklungsgeschichte der ästhetischen Gefühle enthalten des gleichen Verf. 's Werke: Die Entwicklung des Naturgefühls bei den Griechen, 1882, Die Entwicklung des Naturgefühls im Mittelalter und in der Neuzeit, 1888.
2 Th. Ribot, L'imagination creatrice, 1900. Deutsch u. d. T. Die Schöpferkraft der Phantasie von W. Mecklenburg, 1902. Gabr. Seailles, Essai sur le genie dans l'art, 1883. Herm. Türck, Der geniale Mensch5, 1901. Einen besonderen Zweig dieser Rich- tung bildet die anthropologisch-psychiatrische Litteratur über die künstlerische Begabung, über die Beziehungen des. Genies zum Wahnsinn, zur Entartung u. s. w., eine Litteratur, die mit der heutigen Psychologie keinerlei Fühlung besitzt, in der aber in merkwürdiger Mischung Motive SCHOPENHAUER'scher Philosophie, GALL'scher Schädellehre, DARWiNscher Descendenztheorie und moderner Psychiatrie zusammenfließen. Vgl. Lombroso, Der geniale Mensch. Deutsch von Fraenkel, 1890. P. J. Möbius, Ueber Kunst und Künstler, 1901. (Dazu die psychiatrischen Studien des gleichen Verf.'s über Schopenhauer, Nietzsche, 208 Vorstellungsgefühle und Affecte.
Zu einer eigentümlichen, den teleologischen Charakter der ästhetischen Ent- wicklung in den Vordergrund stellenden Theorie hat den evolutionistischen Grundgedanken Konr. Lange ausgebildet, mit dem in wesentlichen Beziehun- gen auch die psychologisch-ästhetischen Arbeiten von Karl Groos überein- stimmen1. Beide knüpfen in gewissem Sinne wieder an ScmLLER'sche Ge- danken an, indem sie die Begriffe des Scheins und des Spiels in den Vorder- grund stellen. Bei Groos ist es das »Spiel der inneren Nachahmung«, auf dem wesentlich der ästhetische Genuss beruhen soll, daher denn schon das Spiel der Thiere und des Kindes als Vorstufen der Kunst betrachtet werden. Lange sieht in der »bewussten Selbsttäuschung« das eigentliche Motiv des künstlerischen Genusses, dasselbe Merkmal, das auch dem Spiel eigen sei. Den Schwerpunkt legen dann aber beide Autoren nicht in diese psychologi- schen Begriffe, sondern in den praktisch teleologischen Werth, den das Spiel und die Fortbildung desselben, die Kunst, für die menschliche Entwicklung besitze. In dem Spiel gewinnen das Thier und der Mensch jene Uebung der Kräfte, deren sie in dem späteren Kampf ums Dasein bedürfen. Das Spiel selbst sei daher ein ursprünglicher, durch Naturzüchtung entstandener und vervollkommneter Instinkt. In analogem Sinne hat nach Lange die Kunst, die nur eine bewusstere Fortsetzung dieser Aeußerungen des Spieltriebes sei, den wichtigen Zweck der Erhaltung und Verbesserung der Gattung durch »Verstärkung und Vermannigfaltigung derjenigen Gefühle, die der Mensch im Kampf ums Dasein braucht«. Wie man sieht, zerfallen diese evolutionisti- schen Theorien in einen psychologischen und in einen biologisch-teleologischen Theil. Davon wird aber der erstere offenbar als der untergeordnete betrachtet. Auch sind die Motive der spielenden Nachahmung, der Selbsttäuschung u. dergl. kaum wirklich beobachtete psychologische Thatsachen, sondern im wesentlichen Begriffe, die dem Hausrath der alten Begriffsästhetik entlehnt sind. In der That sind ja Spiel und Nachahmung complicirte Erscheinungen, die selbst der Interpretation bedürfen, ehe man irgend etwas mit ihnen anfangen kann. Zur Zeit Schillers mochte der »Spieltrieb« als eine erlaubte Analogie erscheinen, unter der sich manche treffliche Einzelbeobachtung unterbringen ließ. Heute sind solche Begriffe psychologische Anachronismen geworden. Schlimmer noch als mit dem »Spiel der inneren Nachahmung« steht es aber mit der »bewussten Selbsttäuschung«, einem Begriffsgebilde, an dem sich die Ohnmacht der vul- gären Reflexionspsychologie den ästhetischen Problemen gegenüber glänzend documentirt. Ist doch nichts gewisser, als dass, wenn jemals sich das Be- wusstsein der Selbsttäuschung in_ die ästhetische Wirkung einmengt, damit dieser selbst ein jähes Ende bereitet wird. Eine »unbewusste Selbsttäuschung« würde man allenfalls noch begreifen, da ja das »Unbewusste« ein bewährtes Mittel ist, um über Dinge, von denen man nichts weiß, den Schleier geheim- nissvollen Verstehens zu breiten. Wie aber bewusste Selbsttäuschung, also Goethe.) In die phrenologisch -anthropologische Strömung der Aesthetik gehören auch die geistreich paradoxen Schriften von G. Hirth, Aufgaben der Kunstphysiologie, 1891, und: Das plastische Sehen als Rindenzwang, 1892.
1 Konrad Lange, Gedanken zu einer Aesthetik auf entwicklungsgeschichtlicher Grundlage, Zeitschr. für Psychologie, Bd. 14, S. 242 ff. K. Groos, E nleitung in die Aesthetik, 1892. Vgl. dazu desselben Verf.'s Spiele der Thiere, 1896, und Spiele des. Menschen, 1899. In seinem neuesten Werk: Der ästhetische Genuss, 1902, hat sich Groos, ohne freilich den früheren Grundgedanken aufzugeben, der »Einfühlungstheorie« beträchtlich genähert.
Affecte. 2 0Q Affecte. 2 0Q die deutliche Vorstellung, dass alles was man sieht und hört Täuschung sei, mit einem ästhetischen Genuss zusammenbestehen soll, das bleibt dunkel. Was sodann den zweiten, biologischen Theil dieser Entwicklungsästhetik be- trifft, so wird man ja gewiss nicht leugnen wollen, dass die Kunst, ebenso wie das Spiel, von Ausartungen und Missbräuchen abgesehen, für den einzelnen Menschen und darum schließlich auch für die Gattung nützlich ist. Aber wie aus diesem Nutzen des Erfolgs die Entstehung beider erklärt werden kann, das erscheint psychologisch wie biologisch völlig unbegreiflich, es sei denn, dass man einen mystisch- teleologischen Rückeinfluss künftiger Wirkungen auf ihre ursprünglichen Ursachen, oder dass man ein Spiel des Zufalls annimmt, das diesem ebenfalls wieder eine mystisch providentielle Natur zuschreibt. Man darf daher wohl von diesem ästhetischen Evolutionismus behaupten, dass bei ihm die innere Unwahrscheinlichkeit, die die Verschwisterung der Zucht- wahlhypothese mit der Zufallshypothese schon in der Biologie besitzt, wo- möglich in verstärktem Maße sich wiederholt1.
3. Affecte.
a. Eigenschaften der Affecte.
Die Gefühle, Affecte und Triebe pflegt man als die einzelnen Vor- gänge zu betrachten, aus denen sich die Gemüthsseite unseres Seelen- lebens zusammensetzt. Die psychologische Analyse zeigt jedoch, dass alle diese Vorgänge nicht nur unter einander, sondern auch mit den Vor- stellungsprocessen innig zusammenhängen. Die Vorstellungen wie der Wechsel derselben, ihre Associationen und Apperceptionen sind überall von Gemüthsbewegungen begleitet, und dieses Begleiten bedeutet nirgends eine bloße regelmäßige Coexistenz an sich trennbarer Zustände, sondern einen einheitlichen Zusammenhang, aus dem erst unsere abstrahirende Analyse die einzelnen aussondert. Dies zeigt sich vor allem darin, dass wir uns über die Natur der Gemüthsbewegungen ebenso wenig ohne die gleichzeitige Analyse der Vorstellungsinhalte des Bewusstseins wie über den Zusammenhang und Wechsel der letzteren ohne die gleichzeitige Berücksichtigung jener, vor allem ihrer elementarsten, der Gefühle, Rechenschaft sieben können. Nicht minder stehen nun aber die einzelnen 1 Für die heute noch gelegentlich in den Kreisen der Aesthetiker und Kunsthistoriker vorkommende specifische Art von Reflexionspsychologie ist wohl auch die folgende Defini- tion des Begriffs der Kunst charakteristisch: »Kunst ist die theils angeborene, theils durch Uebung erworbene Fähigkeit des Menschen, sich und anderen durch Werke seiner Hand oder seines Geistes oder durch Productionen seines Körpers einen Genuss zu bereiten, bei dem im Bewusstsein des Künstlers und des Genießenden außer der Lust kein weiterer Zweck vorhanden ist.« (Konrad Lange, Das Wesen der Kunst, Bd. 1, 1901, S. 58 ff.) Ob wohl Beethoven, als er in der neunten Symphonie alle Leidenschaften der mensch- lichen Seele vom tiefsten Schmerz bis zur jubelnden Freude in Tönen ausströmen ließ, überhaupt den Zweck hatte, sich und Andern Lust zu bereiten?
Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 14 2io Vorstellungsgefühle und Affecte.
Gemüthsvorgänge selbst in einer so engen Verbindung mit einander, dass ihre Scheidung immer bis zu einem gewissen Grade willkürlich bleibt. Als ihre Grundlagen erscheinen die Gefühle. Aus ihnen entspringen die Affecte, aus den Affecten entwickeln sich die Triebe, und diese bilden wieder als einfache Acte des Wollens den unmittelbaren Uebergang von den Affecten zu den Willensvorgängen. Unter allen diesen subjectiven Processen ist daher das Gefühl der Grundbestandtheil: jeder der andern setzt sich aus Gefühlen zusammen, und insbesondere ist auch die Existenz eines nicht aus Gefühlen bestehenden, etwa auf Grund rein intellectueller Erwägungen zu stände kommenden Wollens eine leere Fiction der Philo- sophen. Anderseits freilich sind auch die Gefühle und Affecte nur als Zustände eines wollenden Wesens möglich. Theils sind sie Anfangs- theils Begleitzustände des Wollens. Nur weil sie dies sind, jeden Willensact zusammensetzen und einleiten, können sie auch als relativ selbständige Gemüthsbewegungen vorkommen, d. h. eben als solche, die erlöschen, ehe es zu einer Entwicklung von Willensvorgängen kommt.
Hiernach nehmen die Affecte unter allen diesen seelischen Vor- gängen eine mittlere Stellung ein: sie setzen sich einerseits aus Gefühlen zusammen, und sie gehen anderseits unter bestimmten Bedingungen in Willensvorgänge über. Von den einfachen Gefühlszuständen unterscheiden sich übrigens die Affecte nicht bloß durch ihre Verbindung wechselnder Gefühle zu einem Gefühlsverlauf, sondern in der Regel auch durch die größere Stärke der Gefühle. Ueberdies sind starke Gefühle und Affecte so sehr an einander gebunden, dass jede bedeutendere Gefühlssteigerung einen Affectverlauf im Gefolge hat. Eher kann es vorkommen, dass der Affect, namentlich nachdem er einmal durch eine intensivere Gefühls- erregung erst eingeleitet ist, in schwächeren Gefühlen abklingt. Solche durch die relativ geringe Stärke der in ihnen enthaltenen Gefühle aus- gezeichneten Affecte pflegt man auch als Stimmungen zu bezeichnen. Wo Affect und Stimmung selbständig einander gegenübertreten, die Stimmung nicht bloß als ein ausklingender Affect erscheint, da unter- scheiden sich übrigens beide, abgesehen von der abweichenden Intensität der Gefühle, namentlich auch durch ihr Anfangsstadium: der Affect pflegt sofort mit einem starken Anfangsgefühl einzusetzen, an das sich dann, meist etwas abgedämpft, der weitere Verlauf anschließt; die Stimmung beginnt umgekehrt mit schwachen Gefühlen, um dann erst allmählich bis- weilen zu größerer Intensität anzuschwellen.
Mit der Stärke der Gefühlserregung, die den Affect namentlich in seinem Beginn kennzeichnet, hängen nun auch die Veränderungen des Vorstellungsverlaufes zusammen, die. bald, und dies bei intensiveren, auch in ihrem Gefühlsinhalt wechselnderen Affecten, in einer Beschleunigung, Affecte.
Affecte.
bald aber auch — so namentlich bei den dauernden Stimmungen, aber auch bei plötzlichen übermächtigen Gefühlswirkungen ■ — in einer Ver- langsamung oder Hemmung jenes Verlaufes bestehen. Aus der einseitigen Betonung dieser verschiedenen Eigenschaften der Affecte sind augen- scheinlich die beiden Hauptansichten, welche die ältere Psychologie über sie entwickelt hat, hervorgegangen. Die eine dieser Ansichten, die z. B. Kant in seiner Anthropologie vertritt, betrachtete sie als starke Gefühle, deren bloße Folgeerscheinungen die Veränderungen des Vorstellungsverlaufes seien; nach der andern, die Herbart zur Geltung brachte, sollten sie umgekehrt solche Gefühle sein, die selbst erst aus dem Vorstellungs- verlauf entspringen1. Jede dieser Auffassungen greift jedoch nur einen Theil des wirklichen Vorgangs heraus: die erste bezeichnet mit Recht ein Gefühl als den Ausgangspunkt der ganzen Gemüthsbewegung; ebenso Recht hat aber die zweite darin, dass sie als eine wesentliche Eigen- schaft der Affecte die Veränderungen des Vorstellungsverlaufs betont, mit denen natürlich auch solche in den qualitativen Verbindungen der- selben zusammenhängen.
Hiernach lassen sich allgemein die Affecte als Formen des Gefühls- verlaufs definiren, die mit Veränderungen im Verlauf und in den Ver- bindungen der Vorstellungen verbunden sind, welche Veränderungen dann, durch die an sie gebundenen Gefühlsbetonungen, wieder verstärkend auf den Affect einwirken können. Jedes heftigere Gefühl führt zu einem Affecte, indem das zunächst entstehende Anfangsgefühl in weiteren Ge- fühlen abklingt; und dieser Gefühlsverlauf ist nun vermöge des engen Zusammenhangs unserer subjectiven und objectiven Bewusstseinsinhalte mit einem entsprechenden Vorstellungsverlauf verbunden. Diese Eigenschaften der Affecte bleiben im wesentlichen die gleichen, welches auch ihre Gefühls- inhalte sein mögen. Eine ihm eigene qualitative Färbung hat daher der Affect nicht; diese gehört ganz den Gefühlen an, die seinen Inhalt bilden. Hiermit hängt es wohl zusammen, dass starke Affecte, namentlich in ihrem ersten Stadium, subjectiv einander sehr ähnlich zu sein pflegen. Schreck, Erstaunen, heftige Freude, Zorn stimmen zunächst sämmtlich darin überein, dass alle andern Vorstellungen vor der einen zurücktreten, die als Trägerin des Gefühls ganz und gar das Gemüth ausfüllt. Erst in dem weiteren Verlauf trennen sich die einzelnen Zustände deutlicher.
Entweder kann jene erste Hemmung einem plötzlichen Herandrängen einer großen Zahl von Vorstellungen Platz machen, die mit dem affecterzeugen- den Eindruck verwandt sind. Oder es können diejenigen Vorstellungen im Bewusstsein beharren, aus denen von Anfang an der Affect entsprang.
1 Kant, Anthropologie, § 73 ff. Ausgabe von Schubert, Bd. 7, S. 171. Herbart, Psychologie als Wissenschaft, Thl. 2, § 106 ff. Ausg. von Hartenstein, Bd, 6, S. 97 ff.
212 Vorstellungsgefühle und Affecte.
Jene überströmenden Affecte sind hauptsächlich bei den freudigen Er- regungen des Bewusstseins zu finden. Erfüllte Hoffnung oder unerwartetes Glück lassen uns in den mannigfachsten Phantasiebildern der Zukunft schwelgen, die, wenn der Affect steigt, von allen Seiten sich zudränge n. Beim höchsten Grad der freudigen Affecte, also namentlich im Beginn derselben, kann freilich dieser Zufluss wieder so mächtig werden, dass auch die Nachwirkung der Hemmung noch längere Zeit fortdauert. Der gewöhnliche Verlauf einer heftigen Freude besteht daher in einer plötz- lichen, dem Schreck verwandten Bestürzung, die dann allmählich dem raschen Wechsel heiterer Phantasiebilder weicht. In anderer Weise pflegt sich bei dem plötzlichen Unlustaffect die erste hemmende Wir- kung zu lösen Hier behalten die nächsten. affecterzeugenden Vor- stellungen ihre Macht über das Bewusstsein. Es folgt so ein Stadium, in welchem dieses vollständig von einer bestimmten Vorstellung und dem an dieselbe gebundenen Gefühle beherrscht wird. Während daher der Affect der Freude allmählich in dem raschen Wogen der Vorstellungen und Gefühle sich löst, finden Schmerz, Wuth, Zorn ihr Gleichgewicht in der energischen Selbsterhaltung des Bewusstseins gegen die Macht der Eindrücke. Mit beiden Vorgängen ist eine Verminderung in der Stärke der Affecte verbunden, wodurch diese allmählich Stimmungen Platz machen, die als ihre Nachwirkungen eine kürzere oder längere Zeit noch bestehen bleiben. Besonders gewisse Unlustaffecte haben eine große Neigung in dauernde Stimmungen überzugehen. So löst sich der heftige Schmerz über den Verlust einer geliebten Person in Trauer auf. Ent- wickelt sich dagegen eine Stimmung ohne vorausgegangenen Affect all- mählich, so verräth sich darin nicht selten ein krankhaft gestörter Zustand, der zu Dauer und Steigerung Neigung hat, daher es hier auch wohl vor- kommt, dass, entgegengesetzt dem gewöhnlichen Verlauf, die Stimmung zum Affecte heramvächst.
In diesen Verlauf der Affecte greifen nun in sehr mannigfaltiger Weise die Wirkungen ein, welche die physischen Begleiterscheinungen derselben theils durch die unmittelbar an sie gebundenen inneren Tast- und Organempfindungen mit ihren Gefühlsbetonungen, theils durch ihre weiteren Einflüsse auf den Zustand des Körpers, auf Secretionen, Ernäh- rung, Function der Organe, hervorbringen. Unter diesen physischen Be- gleiterscheinungen sind bei den Affecten, im Gegensatz zu den Einzel- gefühlen, die im folgenden Capitel (Cap. XVII, 3) zu betrachtenden Ausdrucksbewegungen der äußeren Körpermuskeln von besonderer Be- deutung, da sie keinem Affect fehlen, und nach Stärke, Richtung und Verlauf durchaus den psychischen Eigenschaften der Affecte parallel gehen, so dass man sie physische Reflexbilder der Affecte selbst nennen Affecte.
13 Affecte.
13 könnte. Namentlich sind hier die mit den Ausdrucksbewegungen ver- bundenen Zustände gesteigerter und verminderter oder plötzlich gehemmter Muskelspannungen bedeutsam. Diese Erscheinungen sind so augenfällig, dass schon Kant hauptsächlich nach ihnen die Affecte in sthenische und asthenische unterschied1. Dabei ist aber zu bemerken, dass ein Affect selten während seines ganzen Verlaufes der ersten dieser Formen zugehört. Eine zornige Aufwallung z. B. kann mit einer plötzlichen Er- schlaffung beginnen: der Zorn »übermannt« den Menschen; oder er kann, wenn der Sturm des Affects ausgetobt hat, eine tiefe Erschöpfung zurück- lassen u. s. w. Nur die asthenischen Affecte, wie Schreck, Angst, Gram; bewahren während ihrer ganzen Dauer ihre erschlaffende Natur; und sehr heftige Affecte sind immer von asthenischer, lähmender Wirkung.
Zu diesen Erscheinungen an den willkürlichen Muskeln gesellen sich nun noch weiterhin die uns bereits aus der Symptomatologie der Gefühle bekannten des Herzens, der Blutgefäße, der Athmung, der Absonderungs- werkzeuge, unter denen uns speciell die vasomotorischen und respiratori- schen unten (c) noch näher beschäftigen werden. Auch sie treten aber bei den Affecten, im Zusammenhang mit der Steigerung der Gefühle, meist auffallender als bei den einfachen Gefühlen hervor, und sie können sich so in Folge der mit ihnen verbundenen Organempfindungen und -gefühle oder weiterer Folgezustände des Körpers selbst wieder an den Gefühlscomponenten der Affecte betheiligen. Dabei pflegen dann zu- gleich diese verschiedenen physischen Symptome und ihre psychischen Correlatzustände mannigfach in einander einzugreifen. So nimmt in den sthenischen Affecten die Frequenz der Herzschläge zu, die peripheren Gefäße werden weit und füllen sich mit Blut, so dass bis in die kleinen Verzweigungen der Arterien die Pulse klopfen. Dazu kommt eine stark vermehrte Athmungsfrequenz, die sich manchmal bis zur Athemnoth steigern kann. Wenn dagegen ein plötzlicher Affect die äußern Muskeln lähmt, so steht momentan auch das Herz still. Bei geringeren Graden des asthenischen Affectes werden bloß Herzschlag und Athmung schwächer und langsamer, und an der Blässe der Haut verräth sich die dauernde Contraction der kleinen Arterien. Sehr starke Affecte können bekannt- lich momentan den Tod herbeiführen. Meist geschieht dies wohl, namentlich bei krankhafter Veränderung der Gefäßwandungen, durch die heftige Alteration der Herz- und Gefäßnerven. Aber auch die mäßigeren Affecte bedrohen, wenn sie habituell werden, das Leben. Die Neigung zu erregten Stimmungen begünstigt Herzleiden und apoplektische Dis- position; Sorge und Gram beeinträchtigen durch dauernde Beschränkung 1 Kant, Anthropologie. Ausgabe von Schubert. Werke, Bd. 7, 2, S. 175.
2IA Vorstellungsgefühle und Affecte.
der Blut- und Luftzufuhr die Ernährung. Minder constant, auch zum Theil weniger der Beobachtung zugänglich sind die Rückwirkungen der Affecte auf die Absonderungswerkzeuge. Doch lehrt die Erfahrung, dass bestimmte Absonderungsorgane vorzugsweise bei einzelnen Affecten in Mitleidenschaft gezogen werden. So bei Schmerz und Kummer die Thränendrüsen, beim Zorn die Leber; die Furcht wirkt auf den Darm, die Bangigkeit der Erwartung auf die Nieren- und Harnwege.
Diese körperlichen Begleiterscheinungen der Affecte wirken nun ihrer- seits auf die Gemüthsbewegung selber zurück. Zunächst geschieht dies nach der allgemeinen Regel, dass sich verwandte Gefühle verstärken. Die heftigen Muskelempfindungen, welche die Bewegungen des Zürnenden be- gleiten, erhöhen als starke Erregungen des Bewusstseins den sthenischen Charakter des Affectes; das Herzklopfen und die Athemnoth des Furcht- samen wirken beängstigend. Unter gewissen Bedingungen können jedoch diese körperlichen Folgezustände secundär auch ein lösende Wirkung äußern. Der Zorn muss sich austoben, der Schmerz wird durch Thränen gelindert. Theilweise beruht dies wohl darauf, dass die an jene äußeren Symptome gebundenen einfachen Gefühle, gerade weil sie zunächst den Affect verstärken, damit auch ihn rascher über seinen Höhepunkt hinweg- führen. Vor allem aber bilden sie eine Ableitung der übermäßig an- gewachsenen inneren Spannung, die, je weniger sie in Geberden oder in Thränen sich äußert, um so heftiger die Centralorgane zu ergreifen pflegt. Vermöge aller dieser Bedingungen können Affecte in den verschiedensten Graden der Stärke vorkommen. Pflegen wir auch nur die heftigeren Ge- müthsbewegungen mit diesem Namen zu belegen, so ist doch ganz un- bewegt unser Bewusstsein niemals. Von den Gefühlen, die den Empfindungen und Vorstellungen zugesellt sind, gehen immer leise Affecte aus. Ebenso sind die körperlichen Erscheinungen derselben in einem gewissen Grade immer zu finden. Wie die Affecte selbst gehen und kommen, steigen und sinken, so bilden äußere Bewegungen und der Innervations- wechsel der Gefäß-, Herz- und Athmungscentren einen fortwährenden Reflex dieses Wechsels.
b. Grundformen der Affecte.
Um über die Mannigfaltigkeit der Affecte einen allgemeinen Ueber- blick zu gewinnen, ist es unerlässlich, sie zunächst auf gewisse Grund- formen zurückzuführen. Bei dem Versuch, solche aufzustellen, kann man nun aber von sehr verschiedenen Gesichtspunkten ausgehen. Bei der großen Wichtigkeit, die die Affecte für die sittliche Entwicklung des Menschen besitzen, sind die älteren Versuche einer Classification, von Aristoteles an bis auf Descartes, Spinoza und Kant, vorwiegend Affecte. 2 i c von ethischen Betrachtungen ausgegangen, wobei dann psychologische Momente höchstens eine Nebenrolle spielten. Doch der ethische Werth oder Unwerth der Affecte, so bedeutsam er in praktischer Hinsicht sein mag, liegt gänzlich außerhalb der für ihre psychologische Betrachtung maßgebenden Gesichtspunkte. Auch die körperlichen Begleiterscheinungen, die schon Kant bei seinen sthenischen und asthenischen Affecten im Ausre hatte, besitzen höchstens die Bedeutung von Nebenmomenten, da nicht sie, sondern nur die unmittelbar wahrnehmbaren Bewusstseinsvorgänge selbst den Anlass geboten haben, den Affect als einen specifischen see- lischen Vorgang zu unterscheiden. Demnach kann auch eine Eintheilung der Grundformen der Affecte nur auf diese unmittelbaren psychischen Eigenschaften derselben gegründet werden. Dabei kommt jedoch in Be- tracht, dass die Affecte zwar in gewissem Sinne specifische Bewusstseins- vorgänge sind, dass sie solche aber nicht deshalb sind, weil sie irgend welche, nur ihnen zukommende Elemente enthalten, sondern weil die Ge- fühle in ihnen zu bestimmten stetigen Verlaufsformen verbunden sind. In jedem Augenblick ist also der Affect durch den in diesem Moment bestehenden Gefühlszustand vollständig charakterisirt; und ein gegebener Affect wird immer durch eine gewisse Aufeinanderfolge von Gefühlen und durch die Wechselbeziehungen, in die dieselben unter einander treten, gekennzeichnet. Nur diese besondere Verlaufsform der Gefühle bildet seine specifische Natur. Hieraus erhellt, dass es einen doppelten Ge- sichtspunkt gibt, nach dem wir die Affecte nach ihren psychologischen Eigenschaften in gewisse Grundformen scheiden können: einen formalen und einen materialen. Formal werden sich gewisse Verlaufsformen des Affects aufstellen lassen, bei denen man, von der Qualität der in sie eingehenden Gefühle ganz und gar absehend, bloß die in einem jeden Verlaufsmoment vorhandene Affectintensität berücksichtigt. Auf diese Weise gewinnt man verschiedene allgemeine Verlaufsformen der Af- fecte, die lediglich nach den intensiven und zeitlichen Merkmalen der- selben geordnet sind. Material dagegen wird man, da ja die Affecte sich ihrem psychischen Inhalte nach vollständig in Gefühle auflösen lassen, lediglich die Gefühlsinhalte oder, da voraussichtlich diese von complexer und zum Theil auch von qualitativ wechselnder Beschaffenheit sind, die vorherrschenden Gefühle zum Eintheilungsgrund machen können. Nun