SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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lassen sich aber freilich die Verlaufsformen der Affecte von ihren Ge- fühlsinhalten nicht derart scheiden, als wenn beide unabhängig veränder- liche Größen wären. • Vielmehr lehrt uns sofort die subjective Beobach- tung des wirklichen Affectverlaufs, dass sie das nicht sind, sondern dass zwei Momente, die wesentlich jedem Gefühlsinhalt angehören, auf die Verlaufsform den entscheidenden Einfluss ausüben. Erstens nämlich bilden 2 1 6 Vorstellungsgeftihle und Affecte.

unter jenen Grundformen der Gefühle, in die sich alle Gemüthsvorgänge und darum vor allem auch die Affecte zerlegen lassen, den Lust-Unlust-, Erregungs-Beruhigungs-, Spannungs -Lösungsgefühlen, die erregenden mit ihren Contrasten die zunächst für die Affectintensität entscheidenden Factoren. Zweitens wirken im Affect die andern Gefühlsqualitäten stets derart auf die erregenden Gefühle zurück, dass, wo immer eine dieser andern Qualitäten zu größerer Stärke anwächst, sie auch das erregende Gefühl steigert oder, wenn das Gefühl, sei es durch seine unmittelbare Stärke, sei es durch seine Dauer, eine gewisse Grenze überschreitet, die Erregung in ihren Contrast, zugleich begleitet von Unlustgefühl, also in ein deprimirendes Gefühl, übergehen lässt. Solche aus der Ver- bindung der elementaren Gefühle zu complexen Resultanten entstehende neue Gefühle haben wir ja auch bei den ästhetischen Elementargefühlen schon kennen gelernt. Sie bilden eben überall Specialfälle jenes Princips psychischer Resultanten, nach welchem diese niemals die bloße Summe ihrer Componenten sind, und nach welchem namentlich im Gebiet der Gefühle die Totalg-efühle als solche stets neue Gefühlselemente ent- halten. Die Affecte bieten hierbei nur die besondere Eigenschaft dar, dass bei ihnen diese Resultanten im allgemeinen in die Richtungen der erregenden und deprimirenden Gefühle fallen, eine Erscheinung, die wohl mit dem Wesen des Affects, dass er einen einheitlichen Gefühls- verlauf darstellt, zusammenhängt. Indem in diesem Verlauf jeder Gefühls- zuwachs irgend welcher Art steigernd auf das momentane Totalgefühl des Affects zurückwirkt, steigert er vor allem auch dessen erregende Compo- nente oder lässt sie bei Erreichung einer gewissen Intensitäts- oder Zeit- grenze in ein deprimirendes Gefühl übergehen. Hiermit steht noch eine andere, für die qualitativen Beziehungen der Verlaufsformen überaus wich- tige Erscheinung offenbar in naher Verbindung. Jene erregenden Total- gefühle, die für viele Affecte während ihres ganzen Verlaufs, für andere wenigstens während eines Theiles desselben charakteristisch sind, können die mannigfachsten andern Gefühlsqualitäten, sowohl Lust- wie Unlust-, sowohl Spannungs- wie Lösungsgefühle, als Nebencomponenten enthal- ten. Die deprimirenden dagegen enthalten stets nur Unlust- und min- destens überwiegend Lösungscomponenten, daher denn ja auch der Ausdruck »deprimirend« hier von vornherein schon auf den Unlustfactor hinweist, was bei den entsprechenden einfachen Gefühlsgegensätzen durch- aus nicht der Fall ist, wo vielmehr das »beruhigende« Gefühl eine ver- hältnissmäßig reine, nicht selten von Lust-Unlustgefühlen freie Gefühls- richtung sein kann. Auch diese Eigenschaft der Affecte hängt wohl mit dem Ineinandergreifen der Gefühle während ihres zeitlichen Verlaufs zusammen, indem gerade jenes Ueberspringen in die entgegengesetzte Affecte.

Phase, wie sie an übermächtige Intensität oder lange Dauer der Gefühle geknüpft ist, ihrerseits wieder den Unlustfactor in das entstehende Total- gefühl hineinbringt, auch wenn der ursprüngliche Affect daVon ganz frei war. Nimmt man auf diese Weise für die Verlaufsformen der Affecte zunächst das Auf- und Abwogen der Gefühle zum Maß der Unterschei- dung, so gewinnt man hier als zwei einander entgegengesetzte Grundformen die der »erregenden« und der »deprimirenden« Affecte. Indem ihnen durchaus die äußeren Affectsymptome parallel gehen, den erregenden die gesteigerten, den deprimirenden die gehemmten Muskelactionen, ent- sprechen sie zugleich der auf diese Ausdrucksbewegungen gegründeten Scheidung der sogenannten »sthenischen« und der »asthenischen« Affecte. Denkt man sich die Gefühlsintensität in jedem Zeitmoment des Affect- verlaufs durch die Größe einer der Abscisse der Zeiten aufgesetzte Ordi- nate ausgedrückt, so würde demnach die eine jener beiden Grund- formen, die erregende oder sthenische, durch eine über der Abscissenlinie verlaufende positive, die andere, die deprimirende oder asthenische, durch eine unter jener liegende, negative Curve dargestellt werden können. Dies vorausgesetzt, lassen sich nun innerhalb jeder dieser entgegengesetzt gerichteten Grundformen zwei wesentlich abweichende Verlaufsformen unterscheiden: die eine ist' der Typus der rasch ansteigenden und langsam abfallenden, die an- dere der der langsam anstei- genden und relativ rasch ab- fallenden Affecte. Fig. 326 A und B veranschaulichen dieselben für die sthenische Grundform, — ■ die asthenische würde ihr, abge- sehen von der entgegengesetzten Lage zur Abscissenlinie, vollstän- dig gleichen. Der Typus A samt seinem negativen Ebenbilde ent- spricht allen den Affecten, die von einem plötzlichen äußeren Ein- druck ausgehen: er ist daher die gewöhnliche Form der eigentlichen Affecte, namentlich der unmittel- baren Wahrnehmungsaffecte, wie sie z. B. beim Anblick eines Gegen- standes, beim Hören einer Nach- richt entstehen. Auch der Zorn und der Schreck gehören hierher, wo- bei zugleich der erstere erregender, der zweite deprimirender Art ist.

Fig. 326. Typische Verlanfsformen der Af- fecte. A rasch ansteigende, B allmählich steigende, C remittirende, D oscillirende Affecte.

2 1 8 Vorstellungsgefühle und Affecte.

Der Typus B entspricht dagegen jenen stimmungsartigen Affecten, die allmählich aus inneren Motiven, besonders aus solchen der Reflexion und den sie begleitenden Gefühlen hervorgehen, wie Vergnügen, Hoff- nung oder, mit entgegengesetzter Lage der Gefühlscurve, Sorge, Kummer, Wehmuth.

Dauert ein Affect längere Zeit an, so pflegen sich nun diese ein- fachen Verlaufsformen dadurch zu compliciren, dass sie nicht in einer einzigen Auf- und Abwärtsbewegung bestehen, sondern dass mehrfache Remissionen oder sogar vollständige Intermissionen des Affects, oder endlich in speciellen Fällen Oscillationen zwischen entgegengesetzten Stim- mungen entstehen. Den ersten dieser Typen, den remittirenden, ver- anschaulicht die Curve C. Sie ist die Normalform eines länger dauernden Affects, nur dass freilich selten die Remissionen in der regelmäßigen Weise erfolgen, in der es hier dargestellt ist. Vielmehr können die ein- zelnen Affectanfälle unter Umständen eine sehr verschiedene Dauer haben. Im allgemeinen tendiren zu solchen Verlaufsformen hauptsächlich die Affecte von dem Typus B\ und wenn einmal ein bei seiner ersten Entstehung in der Form A verlaufender Affectanfall in die remittirende Form übergeht, so pflegt er in den weiteren Wiederholungen der An- fälle die Form B anzunehmen. So kann man beobachten, dass ein Zornaffect oder eine plötzliche Freude nach dem Typus A beginnt, dann aber doch in der Form C nachklingt. Darin macht sich eben geltend, dass solche nachfolgende Steigerungen aus inneren Motiven hervorgehen. Oscillirende, zwischen Erregung und Depression auf- und abwogende Affecte, die dem Typus D entsprechen, sind stets in speciellen affect- erregenden Ursachen sowie in besonderen Gemüthsanlagen begründet. Wird der Affect durch äußere Wahrnehmungen erweckt, so können zu dieser Form solche Eindrücke Anlass geben; die zunächst relativ indifferente Affecte hervorbringen, von denen aus aber leicht ein Os- cilliren nach entgegengesetzten Richtungen stattfindet: so bei dem Ueber- gang gespannter Erwartung jn Hoffnung, Furcht oder Sorge. Am häufigsten haben jedoch oscillirende Affecte in Stimmungen ihre Grund- lage, die nur aus innern Motiven entspringen, und bei denen sich oft ein bestimmtes objectives Substrat einer solchen auf- und abwogenden Stimmung nicht auffinden lässt. Darum ist der pathologische Stim- mungswechsel, das auf und ab zwischen Exaltation und tiefer Nieder- geschlagenheit, das ein häufiges Symptom geistiger Störungen ist, psychologisch betrachtet lediglich eine Steigerung dieses letzten, im normalen Leben allerdings seltensten Affecttypus. Sie weicht dann freilich darin von den normal vorkommenden Erscheinungen ab, dass Affecte. 2 1 n sich die Perioden der Oscillationen meist über eine weit längere Zeit er- strecken1.

Der von der Verlaufsform zu unterscheidende qualitative Affect- inhalt kann nun naturgemäß, abgesehen von der Qualität der Gefühle, auch insofern Unterschiede zwischen den einzelnen Affecten bedingen, als sich die einzelnen Gefühle in ihrer absoluten oder relativen Stärke oder in ihrer Verlaufsform und Dauer gleichfalls abweichend verhalten. Da die Affecte nichts anderes als Verlaufsformen der Gefühle sind, so wird man dagegen von vornherein nicht erwarten dürfen, in den Affecten irgend welche Gefühle anzutreffen, die von den allgemeinen Grundformen der Gefühle oder von den sonst unterschiedenen Einzelqualitäten derselben verschieden und etwa den Affecten allein specifisch eigen wären. In der That sind solche Voraussetzungen eines specifischen Affectinhalts offen- bar nur Ueberlebnisse des Nominalismus der alten Vermögenspsycho- logie, der hinter dem Wort Affect auch sofort einen besonderen seeli- schen Inhalt vermuthete; oder sie entstammen jener aller Beobachtung widerstreitenden intellectualistischen Seelenlehre, die den Affect für eine bloße Folgeerscheinung der Vorstellungsbewegung hält, welche letztere, da sie neue dynamische Bedingungen hervorbringe, auch von einer neuen Gattung von Gefühlen begleitet sein müsse. Da es in Wirklichkeit gar keine Gefühle gibt, die nicht schon inmitten des fortwährenden Flusses der Affecte und Stimmungen als deren einzelne Elemente enthalten sind, so würde, wenn es sich jemals ereignen sollte, dass in einem Affect ein anscheinend neues Gefühl vorkäme, dies immer nur beweisen können, dass bis dahin die Gefühlsanalyse unvollständig gewesen ist. Dies schließt aber wiederum nicht ein, dass ein Affect nun nichts anderes als ein zu- fällig zusammengewürfeltes Conglomerat von Einander unabhängiger Theile sei. Das ist er in Wahrheit ebenso wenig wie das ästhetische Gefühl, das ebenfalls allen seinen Componenten gegenüber ein neues ist, dabei aber doch so wenig wie jene Partialgefühle außerhalb der gesammten Mannigfaltigkeit der Gefühle liegt, wie sie nach ihren allgemeinsten 1 Die Psychopathologie bezeichnet solche Erscheinungen als »circuläre« Erkrankun- gen, ein Ausdruck, der die regelmäßige Wiederkehr andeutet. Dabei ergibt sich aus den Schilderungen dieser Erkrankungsformen, dass hier, soweit die Affectseite des Seelenlebens in Betracht kommt, ebensowohl eine Oscillation im Sinne der Curve D wie eine Remission im Sinne von C, nur jedesmal eine länger dauernde Periodik umfassend, vorkommen kann. Vgl. die Einzelschilderungen bei Kraepelin, Einführung in die psychiatrische Klinik, 1901, S. 71, 124 ff. Ueberhaupt bietet die Psychopathologie für die Psychologie der Affecte ein reiches, durch die meist in bestimmten Richtungen hervortretende Steigerung der Erschei- nungen besonders werthvolles Material. Es sei in dieser Beziehung verwiesen auf Krae- pelin, Psychiatrie6, Bd. 1, S. 185 ff., dazu zahlreiche Einzelausführungen im 2. Band des gleichen Werkes. Störring, Vorlesungen über Psychopathologie, S. 342 ff. P. Janet, Nevroses et idees fixes, 2 vol., 1898. (Behandelt besonders affective Zustände auf hyste- rischer und suggestiver Grundlage.)

2 20 Vorstellungsgefühle und Affecte.

Richtungen durch die Ausdrücke Lust-Unlust, Erregung -Beruhigung, Spannung- Lösung definirt wird. Dass auch beim Affect aus der Ver- bindung der Gefühle zu einem Verlauf neue Resultanten hervorgehen, dafür haben wir schon oben bei der Betrachtung der Verlaufsformen ein wächtiges Beispiel in der Rückwirkung der Stärkegrade der übrigen Ge- fühlselemente auf die erregenden und deprimirenden Gefühle kennen ge- lernt. Analoge resultirende Wirkungen begegnen uns aber auch sonst. Sie treten beim Affect besonders darin hervor, dass ein Gefühl durch seine bloße Dauer oder durch seinen mehr oder minder raschen Wechsel mit andern Gefühlsinhalten neue Gefühle auslösen kann. So erweckt ein lange anhaltendes Spannungsgefühl regelmäßig wachsende Unlust, ein Umstand, der offenbar dazu verführt hat, diese Gefühle überhaupt zusammenzuwerfen. Umgekehrt bewirkt, wie wir schon beim Rhythmus, dann aber auch bei den Affecten beobachten, welche die Aufregung des Spiels begleiten, der Wechsel von Spannung und Lösung Lustgefühle von oft hoher Intensität. Nie entstehen jedoch auf diese Weise Gefühle, die nicht wieder den allgemeinen Grundformen der Gefühle zuzuzählen wären.

Unter diesen Grundformen treten nun als die dominirenden Bestand- theile der Affectinhalte unbedingt die Lust-Unlustgefühle hervor, die darum auch dem den Affect fortwährend begleitenden Totalgefühl seine charakteristische Färbung zu geben pflegen. Diese Thatsache ist es vor allem, der die Annahme, dass es überhaupt nur Lust- und Unlust- gefühle gebe, ihr Dasein verdankt. Da schließlich alle Gefühlsunterschei- dungen einer auf Grund der subjectiven Beobachtung der Affecte unter- nommenen Abstraction ihren Ursprung verdanken, so ist es ja begreiflich genug, dass eine oberflächliche Selbstbeobachtung geneigt ist, bei den- jenigen Gefühlsqualitäten stehen zu bleiben, die sich immer und immer wieder in den Affecten zunächst der Beachtung aufdrängen, und die da- her auch in den Affectbezeichnungen der Sprache allein einen einiger- maßen zureichenden Ausdruck- gefunden haben. In der That ist es charakteristisch, dass, so arm die Sprache an Namen für einzelne Ge- fühle, so groß ihr Reichthum an Benennungen verschiedener Affecte ist. Auch das ist begreiflich, weil in Wahrheit die thatsächlich gegebenen Be- wusstseinsinhalte zumeist die Affecte oder die an sie sich anschließenden Willensvorgänge sind, in welche dann die Gefühle erst als ihre Bestand- theile eingehen. So hat denn auch die Psychologie nur die farblosesten dieser Affectbezeichnungen, Lust und Unlust, ausgewählt, um die Ge- fühle als solche zu benennen, während sie eine speciellere Charakteri- sirung einzelner diesen Richtungen angehörender Gefühlsqualitäten nicht anders als dadurch zu geben weiß, dass sie die Affecte namhaft macht, Affecte.

in denen die Gefühle als dominirende Bestandtheile vorkommen, — ein Mangel der in der Sprache zum Ausdruck kommenden Vulgärpsycho- logie, der bekanntlich dann wieder auf die intellectualistische Reflexions- psychologie, deren psychologische Analyse nicht über die Grenzen der sprachlichen Begriffsbildungen hinausreicht, in dem Sinne zurückgewirkt hat, dass man jene künstlich gebildeten Generalbegriffe Lust und Unlust selber nunmehr als einfache und überall gleichförmige Gefühlsqualitäten ansieht.

Betrachtet man aber den Wortvorrath, den uns die Sprache zur Be- zeichnung der verschiedenen Affecte zur Verfügung stellt, so zeigt derselbe, mit mannigfachen verschiedenen Färbungen in den einzelnen Sprachen, die, völkerpsychologisch von hohem Interesse, hier außer Betracht bleiben müssen, zwei allgemeingültige Züge: erstens gibt es, von einigen wenigen, eine Indifferenzlage des Gemüths ausdrückenden Wörtern, wie Erwartung, Ueberraschung, Verwunderung u. ähnl. abgesehen, durchaus nur Aus- drücke, die auf Lust- oder Unlustgefühle hinweisen; und zweitens sind unter den Bezeichnungen der Sprache die für die Unlust affecte in emi- nentem Uebergewicht. Man nehme z. B. im Deutschen die spärliche Zahl von Wörtern für Lustaffecte, wie Freude, Vergnügen, Befriedigung, Ge- fallen, Fröhlichkeit, Ausgelassenheit, Hoffnung u. a., gegenüber der un- geheuren Ueberzahl von solchen für Unlustaffecte, wie Leid, Wehmuth, Schwermuth, Betrüb niss, Traurigkeit, Kummer, Gram, Missfallen, Miss- vergnügen, Unwille, Verdruss, Aerger, Zorn, Wuth, Furcht, Angst, Sorge, Ueberdruss, Bangigkeit, Schreck, Bestürzung, Entsetzen u. a. Dieses Miss- verhältniss tritt besonders auch darin hervor, dass nur ganz wenige dieser Wörter für contrastirende Gefühle einander gegenüberstehen, wie Freude und Leid, Vergnügen und Missevrgnügen, Hoffnung und Furcht. Die überwiegende Zahl gehört nur der Unlustseite an. Wollen wir einen dazu gegensätzlichen Lustaffect ausdrücken, so steht uns meist nur ein unbe- stimmter Gesammtausdruck, wie Freude, zu Gebote, der als der gemein- same contrastirende Correlatbegriff zu einer sehr großen Zahl von Un- lustaffecten gebraucht wird.

Von diesen beiden Thatsachen ist nun die erste, die ausschließliche Hervorhebung des Lust- oder Unlustfactors, offenbar kein Beweis dafür, dass alle Affecte wirklich bloß aus Lust- oder Unlustgefühlen zusammen- gesetzt seien. Die Sprache benennt auch hier nach demjenigen Merkmal, welches für das vom Affect ergriffene Subject das praktisch wichtigste ist, weil sich in ihm die Hauptmotive seines Strebens oder Widerstrebens am schärfsten ausprägen, — und das sind ohne Frage die Lust- und Uulust- factoren. Dass sie in keinem einzigen Affect die einzigen, und in sehr vielen nicht einmal die wirklich vorherrschenden sind, dies lässt sich aber 222 Vorstellungsgefühle und Affecte.

schon dem Umstand entnehmen, dass die Psychologie, wo sie sich auf eine Classification der Affecte einließ, nicht selten andere Momente be- vorzugt hat. So weisen Ausdrücke, wie »überströmende« und »nieder- drückende«, oder »sthenische« und »asthenische« Affecte unverkennbar auf erregende und deprimirende Gefühle hin. Sie constituiren ja in der That diejenigen Factoren, die sich wegen ihres Zusammenhangs mit den Ausdrucksbewegungen besonders dem objectiven Beobachter aufdrängen. In einzelnen Affecten endlich spielen unverkennbar Spannungsgefühle die dominirende Rolle. Bei der zum Affect gesteigerten Erwartung können hierbei die andern Gefühlsrichtungen ganz verschwinden. In andern Af- fecten, wie in Hoffnung, Furcht, Sorge, treten neben den Spannungs- noch Lust- oder Unlustgefühle entscheidend hervor. Aber sicherlich fehlen solche Elemente, auch wenn sie in der sprachlichen Bezeichnung oder in einer bloß oberflächlichen Beschreibung der Affecte keinen Ausdruck finden, eigentlich nirgends, so dass im allgemeinen jeder Affect in jedem Augenblick eine Mannigfaltigkeit von Gefühlen in sich schließt, deren einzelne Elemente sich jedesmal den drei Hauptdimensionen der Gefühle einordnen lassen. Die jedem aufmerksamen Beobachter ohne weiteres aufstoßende Unmöglichkeit, die Affecte in die einfache Schablone von Lust oder Unlust einzuzwängen, bildet so, falls man nur anerkennt, dass die Affecte nicht specifische psychische Elemente, sondern Verlaufsformen von Gefühlen sind, einen zwingenden, durch die Beobachtung der objec- tiven Begleiterscheinungen, der Ausdrucksbewegungen, unterstützten Beleg für jene Mehrdimensionalität der Gefühle selbst.

Die Aufgabe einer exacten psychologischen Analyse der Affecte würde hiernach darin bestehen, dass man im Sinne des früher in Fig. 221 entworfenen Schemas (Bd. 2, S. 289) zunächst den typischen Verlauf einer bestimmten Affectform in seiner Zerlegung nach den drei Hauptcompo- nenten der Gefühle theils auf Grund der subjectiven Beobachtung, theils an der Hand der unten (c) zu erörternden respiratorischen und vasomo- torischen Symptome zu ermitteln suchte. Damit würden dann jene re- sultirenden Formen des Gesammtverlaufs der Affecte zu vergleichen sein, wie sie in Fig. 326 A — D zunächst auf Grund der Ausdruckssymptome dargestellt worden sind. Daran würde sich endlich die Analyse der haupt- sächlichsten Schwankungen dieses typischen Verlaufs je nach besonderen Bedingungen oder individueller Anlage noch anzuschließen haben. Es versteht sich von selbst, dass heute, wo selbst die Analyse der Gefühle kaum erst in Angriff genommen ist, von einer auch nur unvollständigen Durchführung dieser Aufgabe nicht die Rede sein kann. Es mag darum genügen, hier als schematische Beispiele einer solchen, zunächst nur durch die Selbstbeobachtung gewonnenen Affectanalyse den Verlauf eines Affecte.

Freude Affecte.

Freude sogenannten Lust- und eines Unlustaffects, zerlegt nach den genannten Hauptrichtungen der Gefühle, zu construiren. Ich wähle einen möglichst typischen Fall des Affects »Freude«, wie er sehr gewöhn- lich durch plötzlich eintretende, aber nicht lange nach- dauernde Eindrücke ausgelöst wird, und als Parallelbeispiel einen ebenfalls auf einen annähernd momentanen Reiz ausgelösten Verlauf des Affects »Zorn« Die Curven bedür- fen nach dem früher Bemerkten keiner weiteren Interpreta- tion. Natürlich aber können in den un- absehbar mannig- faltigen Fällen, die wir als Freude oder Zorn bezeichnen, vielfache Abwei- chungen vorkom- men. Die erheb- lichsten unter ihnen dürften dann statt- finden, wenn der Affect nicht plötz- lich, sondern all- mählich, demnach mehr aus inneren Motiven entsteht, und wenn ein remittirender Verlauf (Fig. 326 C) sich entwickelt.

Auch die zweite der oben erwähnten Thatsachen, die uns die Sprache in ihren Affectbezeichnungen darbietet, das große Uebergewicht Spannung Lösun Fig. 327. Schematicher Verlauf eines Lustaffects: »Freude« Zorn Spannung Lös uns: Fig. 328. Schematischer Verlauf eines Unlustaffects: >Zorn«.

224 Vorstellungsgefühle und Affecte.

nämlich der Namen für Unlust- gegenüber denen für Lustaffecte, darf natürlich nicht ohne weiteres als eine entsprechende Verschiedenheit der Affecte selbst gedeutet werden. Denn auf die Bildung der sprachlichen Ausdrücke ist außer den benannten Objecten auch das Interesse des Be- trachtenden, in diesem Fall also das Interesse des den Affect selbst Er- lebenden von entscheidendem Einfluss; ja es wird gerade hier, wo es sich um die Benennung rein subjectiver Zustände handelt, unbedingt in erster Linie stehen. So wenig wir daraus, dass die Farbe Blau später benannt worden ist als Roth oder Gelb, schließen dürfen, dass sie auch später vom Menschen empfunden worden sei, ebenso wenig ist es erlaubt, aus jener verschiedenen Vertheilung der Wörterzahl nach der Lust- und Un- lustseite zu folgern, dass die Unlustaffecte wirklich an Zahl sehr viel mehr und mannigfaltiger seien als die Lustaffecte. Denn gerade in die- sem Fall ist es augenfällig, dass zu der Beschaffenheit des unmittelbar erlebten Affectes selbst noch eine weitere Bedingung hinzutritt, die den Unlusterregungen leicht jenen Vorrang in der Sprache verschaffen kann. Sie besteht darin, dass die Unlustaffecte im allgemeinen länger dauernde und intensivere Nachwirkungen, zu hinterlassen pflegen. Affecte wie Kummer, Sorge, Gram und ähnliche besitzen daher selbst schon den Charakter der Dauer in einem Grade, wie er der Freude höchstens bei pathologischen Gemüthszuständen zukommt. Aber auch der Zorn, der Aerger, selbst der Schreck lassen theils die Neigung zu Wiederholungen, theils wenigstens physische und psychische Nachwirkungen zurück, durch die sie das Gemüth dauernder in Anspruch nehmen. Durch alles das ist die mannigfaltigere Unterscheidung solcher Unlustzustände zureichend motivirt. Doch liegen unverkennbar in den Bedingungen, die hier die Dauer, Wiederholung oder Nachwirkung der Affecte begünstigen, einiger- maßen auch Momente, welche die Affecte selbst qualitativ und namentlich in ihrer Verlaufsform mannigfaltiger gestalten können. Man darf also wohl mit Wahrscheinlichkeit schließen, dass jener Vorzug, den die Sprache den Unluststimmungen einräumt, theils auf der im allgemeinen intensiveren und dauernderen Wirkung dieser Affecte auf das Gemüth, theils aber auch darauf beruht, dass mit eben dieser Wirkung zugleich eine etwas größere Mannigfaltigkeit der Affecte selbst zusammenhängt.

Die meisten Darstellungen der Affecte begnügen sich, entweder nach dem Vorbilde des Aristoteles in der Nikomachischen Ethik, mit einer Aneinander- reihung der Hauptformen, ohne ein bestimmtes Eintheilungsprincip zu Grunde zu legen. Wo aber letzteres geschieht, da sind im allgemeinen nicht psycho- logische, sondern ethische Gesichtspunkte maßgebend: so bei Descartes, Spinoza, Shaftesbury u. A. Nun ist natürlich bei dem noch bestehenden Mangel an exacten subjectiven und objectiven Affectanalysen an eine zureichende Affecte.

Classification vorläufig nicht zu denken. Immerhin können hier die Bezeich- nungen der Sprache als Anhaltspunkte benutzt werden. Denn die Sprache hat wenigstens bei den Unlustaffecten für die praktisch wichtigeren Formen Aus- drücke geschaffen, die, wenn man sie nach ihrer psychologischen Bedeutung zu ordnen sucht, von selbst eine Art von provisorischem System darstellen. Nach den obigen Bemerkungen und nach den unter den Haupttiteln in Klam- mer beigefügten Hinweisen bedarf demnach das folgende, zunächst dem deut- schen Wortschatz entnommene Schema keiner weiteren Erläuterung.

A. Subjective Formen. (Subjective Gefühlsverschmelzungen und Lust-Unlustgefühle vorherrschend.)

Freude Leid rein subjectiv (Beziehung auf einen äußeren Affectreiz zurücktretend) Zwischen- formen subjectiv-objectiv (Beziehung zu äußeren Affectreizen vorwaltend) Kummer Gram Wehmuth Betrübniss Schwermuth Traurigkeit B. Objective Formen. (Objective Gefühlsassociationen, neben Lust-Unlust Erregungsgefühle deutlich hervortretend.)

Vergnügen Gleichgültigkeit (Schwanken um die Indifferenzlage, mit Neigung zur Unlustseite) Ueberdruss Ekel Miss v ergnügen subjectiver gerichtet (mit vorwaltender innerer Gefühls- verschmelzung) Verdruss Aerger Erbitterung objectiver gerichtet (mit vorwaltender objectiver Gefühls- assimilation) I Unwille Zorn Wuth II. Spannungsaffecte.

(Vorwaltend Spannungs- oder Lösungsgefühle.)

Mit Lust Indifferent Mit Unlust Hoffnung Erwartung I Ueberraschung (plötzliche Lösung der Spannung) Freudige Ueberraschung Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl.

Furcht Angst (gesteigerte Form) 1 I Sorge (Dauerform) Schreck (plötzliche mit starker Depression verbundene Lösung) Bestürzung (mit vorwaltender Depression) Entsetzen (mit begleitenden Erregungsgefühlen) 15 22b Vorstellungsgefühle und Affecte.