SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Natürlich variiren diese Wortbezeichnungan wieder in jeder Sprache etwas nach den besonderen psychologischen Bedingungen. Die obige Uebersicht beschränkt sich außerdem grundsätzlich auf Begriffe, die »reinen Affecten« entsprechen, d. h. solchen, die lediglich durch die in ihnen enthaltenen all- gemeinen Gefühlsrichtungen (Lust- Unlust u. s. w.), nicht durch complexe Ge- fühlsinhalte specifischer Art, wie ästhetische und ethische, charakterisirt sind. Da sich die Affectenlehre ursprünglich ganz unter dem Einfluss praktischer Gesichtspunkte entwickelt hat, so trifft man noch gegenwärtig nicht selten nicht nur Gefallen und Missfallen, sondern auch solche seelische Richtungen und Anlagen wie Geiz, Hochmuth, Neid, Schadenfreude u. a. unter den Affecten behandelt. Diesen Begriffen liegen jedoch stets complexe Gefühle, die an mancherlei intellectuelle Motive geknüpft sind, zu Grunde. Aus ihnen können nun zwar sehr leicht Affecte von zusammengesetzter Beschaffen- heit hervorgehen, die dann regelmäßig in irgend eine der oben aufgezählten reinen Affectformen hineinspielen werden. Aber jene Gemüthsrichtungen selbst sind an und für sich noch durchaus keine Affecte, daher denn auch durch diese Hineinmengung von Begriffen heterogener Herkunft die psychologische Auffassung der Affecte selbst nur getrübt werden kann. Aehnlich verhält es sich mit dem Wort »Leidenschaft«, das in der älteren Litteratur zum Theil mit dem Affect zusammenfließt, dabei aber frühe schon die specifi- sche Färbung einer Beeinflussung der freien Willensentscheidung durch be- stimmte Affecte oder Strebungen angenommen hat. Dadurch lag es dann nahe, in diesen Begriff zugleich verschiedene Nebenbedeutungen aufzunehmen. So verstand man unter der Leidenschaft bald den Affect, der durch seine Intensität keine Ueberlegung aufkommen lässt, bald denjenigen, der durch seine Dauer das Gemüth beherrscht. Da beide Bedeutungen im psychologi- schen wie im populären Sprachgebrauch theils verbunden sind, theils mit einander wechseln, so hat auch dieser Begriff wesentlich nur noch eine praktisch-psycho- logische Bedeutung.

c. Vasomotorische und respiratorische Affectsymptome.

Wichtige Bestandteile der Affecte, die, wie oben bemerkt, auf die Affecte selbst je nach den besonderen Bedingungen bald verstärkend, bald lösend zurückwirken können, sind die physischen Begleiterscheinungen derselben. Unter ihnen sind die Ausdrucksbewegungen der äußeren Skeletmuskeln im allgemeinen die wichtigeren. Da sie aber in ihrer Genese mit den Willenshandlungen einerseits und mit den Reflex- bewegungen anderseits eng zusammenhängen, so sollen sie uns erst im nächsten Capitel (Cap. XVII, 3) näher beschäftigen1. Dagegen sind die vasomotorischen und respiratorischen Innervationsänderungen auch hier 1 In das gleiche Gebiet gehören die Veränderungen, welche die AfFecte auf die sprachlichen Functionen, Geschwindigkeit der Articulation, Wortbildung, Satzfügung u. s. w., ausüben, Erscheinungen, die aber bereits in das Gebiet der Völkerpsychologie hinüberführen. Viele hierher gehörige Thatsachen erörtert, mit besonderem Hinblick auf die französische Sprache und Litteratur, B. Bourdon, L'expression des e"motions et des tendances dans le langage, 1892.

Affecte. 2 27 Affecte. 2 27 bedeutsame Erscheinungen, die besonders wegen ihrer Beziehungen zu den Symptomen der in die Affecte eingehenden Gefühle von allgemeinerem psychologischem Interesse sind. Freilich bieten diese Symptome bei den Affecten erheblich größere Schwierigkeiten als bei den einfachen Gefühlen. Wo jene aus ihren natürlichen Anlässen entstehen, da hindern die gleich- zeitigen äußeren Muskelreactionen eine irgend genauere Registrirung von Puls und Athmung. Man ist darum hier im wesentlichen auf die Methode der willkürlichen Reproduction erlebter Affecte angewiesen. Sie gibt zwar muthmaßlich nur abgeschwächte Bilder der Symptome, dafür gestattet sie aber bei geübten Beobachtern die gleichzeitige Controle durch die subjective Wahrnehmung des Affectverlaufs. Dazu kann ferner, besonders wenn es sich um dauerndere Stimmungen handelt, noch die Untersuchung der unmittelbaren Nachwirkungen der Affecte hinzu- kommen. Dagegen ist die manchmal versuchte absichtliche objective Er- zeugung von Schreck, Furcht, Zorn u. s. w. wegen der angedeuteten stören- den Nebenwirkungen durchaus zu verwerfen1.

Aus den so ausgeführten Versuchen ergibt sich nun zunächst, dass in den plethysmographischen und respiratorischen i\ffectcurven je nach den Gefühlsinhalten der Affecte genau dieselben Veränderungen wieder- kehren, die uns bei den einfachen Gefühlscurven bereits begegnet sind. Namentlich die Lust-, Unlust-, die erregenden und beruhigenden Gefühls- componenten prägen sich, sobald diese Gefühle deutlich als dominirende im Affect hervortreten, auch in der Affectcurve aus. Ein charakteristischer Unterschied besteht aber schon darin, dass diese Gefühlssymptome nicht einen einzigen, in einer bestimmten Richtung zu- und abnehmenden Ver- lauf bilden, der dann wieder in das normale Verhalten von Puls und Athmung übergeht, sondern dass sie, entsprechend dem meist länger dauernden und wechselnden Affectverlauf, auf- und abwogen und dabei meist von andern Gefühlswirkungen gekreuzt werden. Hiermit hängt eine zweite wesentliche Eigenthümlichkeit der Affectcurven offenbar zu- sammen. Neben den Elementarwirkungen der Gefühlscomponenten treten nämlich zugleich resultirende Wirkungen auf, die mit jenen interferiren oder sie auch ganz verdrängen können. Nach diesen resultirenden Wir- kungen zerfallen die Affecte deutlich auch hier in zwei Classen, die den in der subjectiven Beobachtung gegebenen Grundformen der excitirenden und der deprimirenden und den entsprechenden äußeren For- men der sthenischen und der asthenischen entsprechen. Beiderlei Affectcurven unterscheiden sich nicht nur durch die Veränderungen der 1 Das Folgende hauptsächlich nach den Untersuchungen von Werner Gent, denen auch, soweit nichts anderes angegeben ist, die Curvenbeispiele entnommen sind. Vgl. dessen von umfangreicheren Curven begleitete Arbeit, Philos. Stud. Bd. 18, 1903, S. 715 ff.

Vorstellungsgefühle und Affecte.

von den Herzbewegungen herrührenden einzelnen Pulswellen, sondern vor allem auch durch die Volumhöhen des Gesammtpulses, durch die respiratorischen Bewegungen und in gewissen Fällen durch die Beziehungen zwischen Puls und Athmung. Der sthenische Typus zeigt so ein mehr oder minder stark erhöhtes Gefäßvolum, hohe Pulscurven, kräftige, oft in ihrer Geschwindigkeit vermehrte und unregelmäßige Athembewegungen. Der Lust- und Unlustcharakter des Affectes gibt sich daneben nur durch das Steigen der Pulse im ersten, ihr Sinken im zweiten Fall zu erkennen, ohne dass jedoch dort, offenbar wegen der Interferenz mit der fortdauern- den erregenden Wirkung, ein ähnlich auffälliges Sinken wie bei den reinen Unlustgefühlen zu beobachten wäre. Auch werden solche Pulssenkungen immer wieder durch erregende Wirkungen abgelöst. Vor allem charakte- ristisch für den sthenischen Typus ist aber die Erscheinung, dass die Fig. 329. Athem- und Volumpulscurve bei einem schwachen Lust-Unlustaffect. Bei a Uebergang der Lust- in die Unluststimmung.

ganze Volumpulscurve langsame, oft ziemlich regelmäßige Wellen zeigt, die übrigens von den Athmungsschwankungen ganz unabhängig sind, und in deren auf- wie absteigendem Theil die einzelnen Herzpulse ihre Frequenz nicht merklich ändern. Danach gleichen diese »vasomotorischen Undu- lationen«, wie wir sie kurz nennen wollen, in ihrer Erscheinungsweise den aus den physiologischen Thierversuchen bekannten »Traube-Hering- schen Wellen« (Bd. 2, S. 270). Aber ihre Bedingungen sind wahrscheinlich andere. Man darf sie wohl als Wirkungen der mit dem Affect verbun- denen centralen Innervation auf die Gefäßnerven und demnach als einen Ausdruck des Auf- und Absteigens der Intensität des Affectes selbst auf- fassen. Die Figuren 329 und 330 zeigen Beispiele dieser sthenischen Affectcurven. Die Fig. 329 ist ein Bruchstück aus einem gemischten, Affecle. 2 2 Q Affecle. 2 2 Q zwischen Lust und Unlust wechselnden Afifect von mäßiger Stärke. Der Beobachter hatte durch den Gedanken an eine gelungene Arbeit einen intellectuellen Lustafifect wachgerufen und denselben dann durch die Re- production der Unluststimmung einer Ermüdung wieder aufgehoben. Die Figur zeigt am Anfang den letzten Theil des Luststadiums, welches dann Fig. 330. Athem- und Volum pulscurve bei einem Zornaffect.

durch das die eintretende Unlust andeutende Sinken des Volums sowie der Einzelpulse unterbrochen wird. Daneben bemerkt man aber, während die Athmung in gleicher Regelmäßigkeit fortdauert, langsame Undulationen des Volumpulses, von denen die Figur zwei, die erste in das Lust-, die zweite in das Unluststadium reichend, enthält, und die sich in diesem Wechsel in dem hier nicht abgebildeten weiteren Verlauf noch mehrfach Vorstellungsgefühle und Affecte.

wiederholten. Hierdurch unterscheidet sich das Symptomenbild auf den ersten Blick von dem des einfachen Lust- oder Unlustgefühls, wie wir es in Fig. 228 und 22g (Bd. 2, S. 297) kennen lernten. Die Fig. 330 gibt das Bild eines ebenfalls autosuggestiv, durch die Erinnerung an einen heftigen Wortwechsel, erzeugten Zornaffects von intensiverem Gefühlston. Die beiden hier abgebildeten Curvencomplexe bilden einen zusammengehörigen Verlauf, indem das rechts liegende Ende der oberen Curven unmittelbar unten links in den Anfang der zweiten Hälfte übergeht. Die Figur um- fasst die ersten drei Undulationen der Volumcurve eines längeren Affect- verlaufs. Derselbe beginnt mit einer starke Unlust andeutenden Depression der Pulse. Diese steigen dann allmählich, dem subjectiv wahrgenommenen Wachsthum der Erregung entsprechend, indess zugleich die vasomo- torischen Undulationen an Höhe und Dauer wachsen. Die Athmung ist in diesem Fall verstärkt, beschleunigt und unregelmäßig, jedoch ebenso wie in Fig. 330 ohne sichtbaren Einfluss auf den Puls und seine Oscillationen.

In der Mitte zwischen diesen sthenischen und den asthenischen Formen stehen nach ihren vasomotorischen Symptomen gewisse annähernd momentane Affecte, wie die Ueberraschung, der Schreck u. a. Die Fig« 33 J zeigt hier das Beispiel eines schreckhaften Affectes, das durch Xj\fNpJ ^Vjl Fig. 331- Athem- und Volumpulscurve nach einem Schreckaffecr, nach Lehmann.

seine in schwachen vasomotorischen Oscillationen abklingende Nachwir- kung noch in das Gebiet der sthenischen Affecte hinüberreicht. Das hier abgebildete Bruchstück entspricht dem Verlauf, der unmittelbar nach dem bei a einwirkenden Schreckreize eintrat: nach einer sehr kurz dauernden Affecte,, 2\\ schwachen Erhöhung der Volumcurve und der Pulse erfolgt ein plötz- liches, jedoch bald sich wieder ausgleichendes Sinken beider, worauf die Gemüthsbewegung in einigen (hier nicht mehr abgebildeten) Oscillationen abklingt. Die Athmung wird kurz nach der Einwirkung des Schreckreizes gestört und kehrt dann langsam zur Norm zurück. Dies entspricht der subjectiven Beobachtung, dass solche deprimirende Affecte, namentlich wenn sie von mäßiger Intensität sind, als Reaction einen Zustand der Erregung während einer kurzen Zeit zurücklassen.

Wesentlich abweichend verhalten sich die Symptome der astheni- schen Affecte, zu denen die Fig. 332 ein Beispiel gibt. Sie entspricht Fig. 332. Athem- und Volumpulscurve in einem asthenischen Affect: zurückgehaltene Erbitterung mit psychischer Depression.

einem Zustand starker, aber zurückgehaltener Erbitterung, zugleich ver- bunden mit allgemeiner psychischer Depression. Die Athmung ist be- schleunigt und flach, der Puls sehr herabgesetzt, dabei verlangsamt, und das Gesammtvolum gleichmäßig niedrig. Vasomotorische Undulationen fehlen gänzlich. Die Herzpulse sind ferner unregelmäßig, mit Rückstoß- elevationen im absteigenden Schenkel, und der Rhythmus der Athmung ist auf sie von deutlichem Einfluss, wie es beim normalen menschlichen Pulse niemals der Fall ist, indem auf jede Respiration zwei Pulse kommen, von denen der erste, meist stärkere dem Beginn der Ausathmung, der zweite, schwächere dem der Einathmung entspricht1.

1 Ein weiteres Beispiel einer Curve in einem asthenischen, aber qualitativ etwas von dem obigen abweichenden Affect (aufgeregter Zustand mit Depression verbunden) ist schon früher (Fig. 230, Bd. 2, S. 300) zur Erläuterung der Rückwirkungen des Pulses auf die Athmung bei dyspnoischen Zuständen, die durch starke Gefühlserregung bedingt sind, mitgetheilt worden. In ihrem allgemeinen Charakter entsprechen sich beide Curven 232 Vorstellungsgefühle und Affecte.

Fasst man diese, in mancher Beziehung, besonders hinsichtlich der specielleren Affectformen, noch der Ergänzung bedürftigen Ergebnisse zu- sammen, so bieten sie unverkennbar ein Bild, das man geradezu als eine Objectivirung der subjectiv wahrgenommenen Affecterschei- nungen bezeichnen könnte. Einerseits zeigt der Afifect stets in seinen Symptomen Bruchstücke der in seinen Verlauf eingehenden Gefühle. Anderseits aber gehen aus der resultirenden Innervationswirkung, die diese Gefühlsreactionen hervorbringen, respiratorische und vasomotorische Ver- änderungen hervor, die selbst wieder bestimmten Gefühlssymptomen, nämlich denen der erregenden und deprimirenden Gefühle gleichen. Auch dies entspricht dem in der Selbstbeobachtung wie der Beobachtung der allgemeineren Ausdrucksbewegungen sich aufdrängenden Uebergewicht jener Gefühlsformen. So bieten denn die plethysmographischen Curven schließlich höchst charakteristische und in einen deutlichen Gegensatz zu einander tretende Bilder der beiden Classen der sthenischen und der asthenischen Affecte. Beide enthalten, abgesehen von der gesteigerten Blutfülle und Herzaction dort, der geschwächten hier, als wichtige Theil- symptome im ersten Fall die langsam auf- und abwogenden Wellen des Arterienvolums, im zweiten die respiratorischen Pulsschwankungen, während außerdem diese starke respiratorische Beeinflussung zugleich die Oscilla- tionen verschwinden lässt, welche die Intermissionen der Gefühle begleiten, ein Unterschied, bei dem der mehr gleichmäßige Verlauf der dauernden asthenischen Affecte mitwirken mag.

Für die Untersuchung der vasomotorischen und respiratorischen Affect- symptome stehen selbstverständlich die gleichen objectiven Methoden zu Ge- bote wie für die entsprechende Untersuchung der Gefühle (Bd. 2 S. 274 fr.). Nur verdient hier der Plethysmograph wegen der stark hervortretenden Be- theüigung der Gefäßsymptome noch mehr als dort vor dem Sphygmographen den Vorzug. Leider fehlt es bis jetzt an einer zureichenden Untersuchung der Athmung, namentlich mit Rücksicht auf ihre verschiedenen Theilsymptome (thoracale und abdominale), was um so mehr ins Gewicht fällt, als ja, wie sich besonders bei den asthenischen Formen zeigt, die Affecte wohl mehr noch als die Gefühle durch Athmungsänderungen charakterisirt sind.

Als der Erste hat eine Untersuchung der Affecte mit diesen Hülfsmitteln Mosso geplant. Doch beziehen sich seine Versuche, ebenso wie die von Binet und Courtier und von Dumas1, fast ausschließlich auf die Wirkungen durchaus. Nur ist in dem früheren Beispiel, wahrscheinlich mit der stärkeren Erregungs- componente und der intensiveren Athemhemmung zusammenhängend, eine in Fig. 332 etwas zurücktretende Erscheinung mehr ausgeprägt: die Pulscurven sind abwechselnd Doppelpulse und einfache Pulse, von denen die ersteren mit der Exspiration, die letzte- ren mit der Inspiration zusammenfallen.

1 Binet et Courtier, Annee psychol., t. 3, 1896, p. 42 ff. Dumas, Revue philos.

Affecte. 2^5 intellectueller Arbeit und der Lust- und Unlustgefühle, ohne dass auf den Unterschied zwischen Gefühl und Affect Rücksicht genommen wäre. Uebrigens hat Mosso gelegentlich bei Thieren mit dem Cardiographen auch Versuche bei Gemüthserregungen, namentlich bei der Furcht, ausgeführt1. Ein aus- gedehnteres Material bietet erst die sorgfältige Arbeit von Alfr. Lehmann2. Doch sind in ihr die Affecte nur nebensächlich berücksichtigt. Einige charakte- ristische Beispiele finden sich namentlich über Schreck und Furcht (Taf. XIV Z>, XIX A, C, XX B, C), erregende Affecte (Aufregung durch ein Geräusch u. dgl., Taf. XVIII), und über einen asthenischen Affect (Taf. X Ä).

Bei Thieren, an denen, wie oben bemerkt, schon Mosso Versuche ausführte, lassen sich natürlich nur einige, durch directe Reize leicht zu er- zeugende Affecte, wie Furcht, Schreck, Schmerz, unter den wegen der Wir- kungen auf die äußere Körperbewegung gebotenen Vorsichtsmaßregeln unter- suchen. Ich selbst habe vor langer Zeit (1870 — 72) Versuche über solche Affecte bei Kaninchen unter Benutzung eines Cardiographen ausgeführt. Die Ergebnisse bieten namentlich zwei Abweichungen von denen am Menschen, B B Fig. 333. Cardiogramme vom Kaninchen bei Affecten. A heftige Schmerzerregung.

B Angst.

deren erste mehr von physiologischem, die zweite von psychologischem Inter- esse ist. Erstens unterscheiden sich die Curven darin, dass, wie auch bei andern Thieren, z. B. dem Hunde, Respiration und Puls in viel engerer Wechselwirkung stehen, indem jede Respiration größere Druckschwankungen des Blutes erzeugt, in die dann die einzelnen Herzpulse sich einordnen, so dass hier die Respirationsbewegungen immer von selbst mit den Pulsbewegungen zusammen registrirt werden. Treten nun Affecte auf, so werden dadurch zu- nächst die Athmungsbewegungen verstärkt, ohne sich in ihrer beim Kaninchen ohnehin großen Frequenz erheblich zu ändern. Dagegen werden die einzelnen Herzpulse mehr oder weniger bedeutend verstärkt und verlangsamt: so wenig- stens bei Schreck, Angst, Schmerz. Der zweite, höchst augenfällige und psycho- logisch wichtige Unterschied vom Menschen besteht in der sehr viel kürzeren Nachwirkung der Affectreize. Beim Menschen klingt jeder Affect in einer 1 Mosso, Die Furcht, deutsche Ausg., 1889, S. 101 ff.

2 A. Lehmann, Die körperlichen Aeußerungen psychischer Zustände, deutsch von A. Bendixen, Thl. I, 1899. Atlas hierzu Kopenhagen 1898.

234 Vorstellungsgefühle und Affecte.

längeren, den Reiz oft erheblich überdauernden Nachwirkung ab. Am auf- fallendsten ist dies bei den scheinbar momentanen Affecten, wie Ueber- raschung und Schreck, wo sie sich in den viele Secunden lang fortdauernden Oscillationen der Volumcurve verräth, aber auch subjectiv leicht zu beob- achten ist. Davon unterscheiden sich nun durchaus die beiden in Fig. 333 reproducirten Cardiogramme vom Kaninchen, In A bestand der Affectreiz in der Erregung eines sensiblen Hautnerven durch starke Inductionsschläge: bei dem Verticalstrich links begann die Einwirkung, bei dem ähnlichen rechts hörte sie auf. Fast augenblicklich nach Beginn des Reizes verändern sich die Cardiogramme bedeutend, die Herzpulsationen werden verlangsamt und verstärkt, indess die Athmung wenig alterirt scheint. Ebenso momentan, wie sie entstanden, schwinden aber diese Veränderungen mit dem Aufhören des Reizes. In B war der Affectreiz ein weit schwächerer: er bestand in einem leisen Klopfen auf den Tisch, einem Geräusch, das gleichwohl diese äußerst furchcsamen Thiere zu erregen pflegt; bei dem Kreuzchen links begann das Klopfen, bei dem rechts wurde es unterbrochen. Hier brauchte der Reiz eine kurze Zeit, um deutliche Veränderungen hervorzubringen, die diesmal in Beschleunigung der Athmung und Verstärkung namentlich der mit dem Maximum der Exspiration zusammenfallenden Herzpulse bestand. Auch hier schwindet aber die Affectwirkung momentan mit dem Aufhören des Affect- reizes. Dagegen ist schon beim Hunde, wie einige Beobachtungen von Mosso lehren, die Nachwirkung eine merklich längere1. Vergleichende Versuche dieser Art würden darum wohl ein gewisses Maß für den zeitlichen Umfang des Bewusstseins bei verschiedenen Thieren gewinnen lassen.

d. Theorie der Affecte.

Die Betrachtung der Affecte wird bis zum heutigen Tage durch die- jenigen psychologischen Theorien schädlich beeinfiusst, welche die Bestand- theile der Affecte, die Gefühle, so viel als möglich auf Empfindungen oder auf complicirte intellectuelle Vorgänge zurückzuführen suchen. Diese heteronomen Affecttheorien lassen sich in intellectualistische und in sensualistische scheiden. Auch die letzteren sind übrigens insofern im weiteren Sinne »intellectualistisch«, als sie aus Empfindungen, also aus den Elementen der intellectuellen Seite des Seelenlebens, die Affecte ab- leiten. Von diesen beiden Auffassungen ist die erste, die intellectualisti- sche in der engeren Bedeutung des Wortes, wieder in zwei verschiede- nen Unterformen aufgetreten. Die eine ist die logische Affecttheorie. Sie besteht im wesentlichen in der Auflösung des Affects in die nach- träglich über ihn möglichen Reflexionen. So ist der Scholastik der Wil- lensvorgang ein »Schluss«, ein »Syllogismus practicus«, und dem ent- sprechend ist ihr der Affect ein »Urtheil«. Sie gründet diese Ansicht auf die Thatsache, dass wir uns im Affect »über etwas freuen«, dass Mosso, Die Furcht, S. 105.

Affecte. 22Z wir »über etwas erzürnt sind« u. s. w. Eine solche Beziehung- unseres Bewusstseins zu einem objectiven Sachverhalt soll deshalb ein Urtheil sein, weil dabei dem als Subject gedachten Gegenstand ein Prädicat, nämlich eben das Prädicat »erfreulich«, »erregend« u. dergl. beigelegt werde. Der Fehler dieser Reflexionspsychologie springt in die Augen. Den Affect selbst irgendwie zu beobachten, vermeidet sie: statt dessen zerlegt sie ihn in die Begriffe, die eine nachträgliche Reflexion an ihm auffindet. Da sie aber an der unmittelbaren Beobachtung der Affecte achtlos vorübergeht, so bezieht sich eine solche Reflexion besten Falls auf die Begriffe, welche die Sprache mit den verschiedenen Wörtern wie Freude, Zorn, Schreck u. dergl. verbindet. Noch häufiger besteht sie in leeren Wortumschreibungen: so z. B. wenn die »Freude« ein Urtheil über einen lusterregenden, oder der »Zorn« ein solches über einen miss- fälligen Gegenstand genannt wird. Die zweite intellectualistische Theorie lässt sich kurz als die associative bezeichnen. Sie führt die Affecte entweder auf die qualitativen Inhalte der durch einen Eindruck oder eine spontan entstandene Vorstellung angeregten Vorstellungsassociation zurück: so im allgemeinen in der älteren, übrigens noch heute zahlreiche Anhänger zählenden Associationspsychologie. Oder sie leitet dieselben vornehmlich aus den formalen Eigenschaften des Vorstellungs Verlaufes ab: so in der HERBART'schen Theorie des Vorstellungsmechanismus, die in erster Linie in der Beschleunigung oder Hemmung der Vorstellungen und in den hierdurch erzeugten Gefühlen das Wesen der Affecte sieht. Die erste, qualitative Form dieser associativen nähert sich meist wieder der logischen Theorie, von der sie sich nicht selten ansehnliche Bestand- theile aneignet. Die zweite, dynamische Form verräth darin, dass sie in den Verlaufsformen der Affecte wesentliche Eigenschaften derselben er- kennt, immerhin eine richtige psychologsiche Beobachtung. Nur wird freilich bei ihr die Unbefangenheit dieser Beobachtung stark durch die von vornherein den Erscheinungen gewaltsam aufgezwungenen Hypothesen beeinträchtigt.

Leiten alle diese Theorien die Affecte aus Momenten ab, die mit den wirklichen Vorgängen entweder überhaupt nichts zu thun haben oder, wie die Vorstellungsbewegungen, secundären Charakter besitzen, so nimmt nun die sensualistische Affecttheorie umgekehrt die elementaren Be- gleiterscheinungen der Affecte im Gebiet der Empfindungen, namentlich der Organ- und Muskelempfindungen, zum Ausgangspunkt. Diese Em- pfindungen, wie sie bei den dauernden, insbesondere den pathologischen Affectdispositionen aus centralen oder peripheren Empfindungsstörungen (Anästhesien, Hyperästhesien) hervorgehen, bei vorübergehenden Affec- ten aber als Begleiter der Ausdrucksbewegungen auftreten, sollen die 236 Vorstellungsgefühle und Affecte.

Empfindungsgrundlagen der Affecte selbst sein, sei es dass die Tast- oder Organempfindungen unmittelbar als die für den Affect charakteristischen »Gefühle«, sei es dass sie als die Träger des entsprechenden Gefühlstones angesehen werden. Diese Theorie hat unleugbar das Verdienst, ein Moment zur Geltung gebracht zu haben, welches zwar von aufmerksamen Beobachtern niemals übersehen, jedoch von den Vertretern der intel- lectualistischen Theorien vollständig in den Hintergrund gedrängt worden war, nämlich die oben erwähnte verstärkende Rückwirkung der Ausdrucks- bewegungen und theilweise auch der vasomotorischen und respiratorischen Symptome auf die Affecte. Aber darum nun den Affect selbst als eine Summe von Muskel- und Organempfindungen oder als Wirkung einer vasomotorischen Innervationsänderung zu definiren, das bleibt gleichwohl eine völlig willkürliche Hypothese, die weder mit dem wirklichen Eintritt und Verlauf dieser Begleiterscheinungen noch mit den Thatsachen der Selbstbeobachtung übereinstimmt. Was sich bei der experimentellen Ana- lyse der objectiven Affecterscheinungen immer und immer wieder deutlich herausstellt, das ist die Thatsache, dass sich der Affect subjectiv schon vollkommen deutlich nach Richtung und Qualität kundgibt, wenn eben erst die physischen Symptome sich leise zu regen beginnen, in einem Stadium also, wo die vasomotorischen Erscheinungen und die äußeren Bewegungsreactionen, wenn überhaupt vorhanden, jedenfalls zu gering sind, um eine derartige Causalbeziehung zum Affect annehmen zu lassen. Dies um so mehr, als viel intensivere physische Veränderungen gleicher Art ohne jede Spur einer Gefühls- oder Affectänderung vorkommen können. Zweitens ist die Theorie absolut außer stände, von den eigen- thümlichen qualitativen Unterschieden der Affecte, wie sie sich in der subjectiven Beobachtung darbieten, auch nur entfernt zureichende Rechen- schaft zu geben. Dass erregende Affecte, wie jubelnde Freude, Auf- regung, Zorn qualitativ nahe übereinstimmende Ausdruckssymptome dar- bieten können, ist bekannt; das nämliche gilt von deprimirenden, wie Wehmuth, Kummer, Angst, Sorge. Die einzelnen Affecte zeigen gleich- wohl in jeder dieser beiden Gruppen so tief greifende Unterschiede, dass auch nicht entfernt davon die Rede sein kann, zwischen den äußeren Symptomen und den Gemüthsbewegungen selbst irgend einen Parallelis- mus anzunehmen. Das schließt natürlich nicht aus, dass nicht jeder Affect, wenn man alle nervösen Veränderungen, die ihn begleiten, die äußerlich erkennbaren und die nicht erkennbaren, zusammennehmen würde, auch nach seiner physischen Seite eindeutig charakterisirt wäre. Wohl aber ist es im höchsten Maße zweifelhaft, ob es sich auch hier jemals um etwas anderes als eben um Begleiterscheinungen handelt, bei denen dem Physischen ebenso wenig gegenüber dem Psychischen wie diesem Affecte. 2 3 7 gegenüber jenem ein zeitlicher Vorrang zukommt. Nicht darin besteht daher die Willkürlichkeit der sensualistischen Hypothese, dass sie über- haupt regelmäßige physische Correlate annimmt, sondern darin, dass sie denselben eine einseitige Richtung zuschreibt. In dieser Voraussetzung liegt die heimliche Metaphysik, die hier die unbefangene psychologische Beobachtung zu verdrängen sucht. Drittens endlich lässt sich als eine Art experimenteller Gegenprobe die Thatsache anführen, dass, wenn man irgend welche mimische Bewegungen, die starke Affecte ausdrücken, durch periphere elektrische Reizung der Muskeln erzeugt, allerdings manch- mal ganz schwache, associative Erregungen von Gefühlen auftreten können, die den entsprechenden Affectinhalten verwandt sind, eine Erscheinung, die ja innerhalb der Grenzen, in denen sie vorkommt, mit der oben erwähnten verstärkenden Rückwirkung der Ausdrucksbewegungen auf die Affecte übereinstimmt. Von einer wirklichen Erzeugung der Affecte auf diesem Wege kann aber absolut nicht die Rede sein, obgleich, wenn die sensualistische Theorie Recht hätte, bei den starken auf solchem Wege zu erzeugenden Muskelspannungen außerordentlich heftige Affecte ent- stehen müssten.

Wenn wir nun gegenüber diesen Erklärungsversuchen die oben dar- gelegte Auffassung, nach der jeder Affect ein zusammenhängender Ge- fühlsverlauf ist, die emotionale Theorie der Affecte nennen können, so bietet diese zunächst den Vorzug dar, dass sie eigentlich überhaupt keine Hypothese erforderlich macht, da sie lediglich eine Beschreibung des bei jedem Affect vorliegenden Thatbestandes selbst ist. Dass in jeden Affect Gefühle eingehen, und dass diese, dagegen nicht oder höchstens indirect die begleitenden Vorstellungen, den Charakter des Affects bestimmen, dies scheint mir eine so augenfällige Thatsache der unmittelbaren Beobachtung zu sein, dass eben nur eine durch logische oder metaphysische Vorurtheile getrübte Beobachtung das zu verkennen oder, falls die Thatsache selbst zugestanden wird, nach weiter zurückliegenden Ursachen zu suchen ver- mag. Dass nicht jeder beliebige Gefühlsverlauf, sondern nur ein solcher, der einen Zusammenhang der Gefühle und in einem gewissen Maße darum ihre Verbindung zu einer neuen psychischen Einheit enthält, ein Affect genannt wird, darauf weisen uns schon die Bezeichnungen der Sprache hin, in der sich alle jene einheitlichen Begriffe, wie Freude, Leid, Zorn, Kummer u. s. w., offenbar unter diesem Eindruck des Zusammenhangs der constituirenden Gefühle ausgebildet haben. Dass aber diese Grenze eine fließende sein muss, ist nicht minder verständlich. Können doch hier unsere Unterscheidungen und Classificationen immer nur einigermaßen willkürlich sondern, da die psychischen Vorgänge selbst überall zusammen- hängen und in einander übergehen. Gerade dieser Umstand, dass unsere