238 Vorstellungsgefühle und Affecte.
Unterscheidungen immer zugleich Abstractionen sind, gibt aber den zu- sammengesetzteren Vorgängen eine unmittelbarere Realität als den ein- facheren. Wie die Vorstellungen realer sind als die Empfindungen, und die Zusammenhänge der Vorstellungen wieder realer als isolirt gedachte Vorstellungen, so ist auch der Affect realer als das Gefühl. Fassen wir den Begriff des Affects in seiner weitesten Bedeutung, so gibt es daher eigentlich nur Affecte von mehr oder minder vollständigem Verlauf und von größerer oder geringerer Intensität, nicht isolirte Gefühle.
Wird der Affect als ein Verlauf von Gefühlen anerkannt, so trifft nun aber auch die Theorie desselben im wesentlichen mit der Theorie der Gefühle zusammen. Jene »Reaction der Apperception auf das einzelne Bewusstseinserlebniss«, die wir schließlich in jedem Einzelgefühl erkann- ten, sie macht durchaus auch das Wesen des Affectes aus; — nur dass in ihm diese Reaction sich vollständiger entwickelt und über einen Zusammen- hang von Bewusstseinsvorgängen hinüberreicht, der, wenn der Affect als Reaction auf bestimmte äußere Einwirkungen oder deren Reproductionen im Bewusstsein eintritt, mit einem scharf bestimmten Anfangsgefühl be- ginnt. Auch die physiologischen Begleiterscheinungen der Affecte ent- sprechen diesem Zusammenhang: sie sind, wie die Ausdruckssymptome der Gefühle, auf die erregenden und hemmenden Innervationen zurück- zuführen, die von dem Centralgebiet aus, das wir als physiologisches Substrat der Apperceptionsvorgänge postuliren müssen, den vasomoto- rischen, den respiratorischen und den bei den mimischen und pantomi- mischen Affectäußerungen betheiligten Centren zugeführt werden. In diesem complexeren Sinne können wir daher auch die Affecte als »Reflexe des Apperceptionscentrums« betrachten. Die intensive und extensive Steigerung, die sie im Vergleich mit den Ausdruckssymptomen der einzelnen Gefühle darbieten, ergibt sich dann einerseits aus der Summation der Wirkungen, die aus der Verbindung der Gefühle zu einem Affectverlauf entsteht, anderseits aber auch aus dem Umstände, dass sich nun, der Verbin- dung der Gefühle entsprechend, im Affect ein zusammenhängender Vor- stellungsverlauf entwickelt, der specifische, dem einzelnen Gefühl in der Regel fehlende Ausdrucksbewegungen hervorbringt, die sich direct auf diese Vorstellungsinhalte beziehen. Diese Vorstellungsäußerungen der Affecte bilden so bereits den Uebergang zu den äußeren Willens- handlungen, von denen sie unter Umständen objectiv nicht zu unter- scheiden sind. Nach allem dem gilt schließlich rücksichtlich der causalen Beziehungen der Affectäußerungen zu ihren psychischen Correlat Vorgängen dasselbe, was schon für die Beziehungen der physischen Symptome der Gefühle zu den Gefühlen selbst gilt. Alle diese Erscheinungen sind im wahren Sinne des Wortes Begleiterscheinungen, und es besteht ebenso Affecte. 2?Q wenig ein Recht, die Ausdrucksbewegungen als secundäre Wirkungen psychischer Affectinhalte, wie umgekehrt diese als Wirkungen jener an- zusehen. Beide gehören zusammen, und in diesem Sinne ist daher der AfFect so gut wie das Gefühl ein psychophysischer, kein rein psychi- scher Vorgang. Immerhin muss hervorgehoben werden, dass die peri- pheren physischen Begleiterscheinungen der Affecte zumeist deutlich später hervorzutreten pflegen als die Bewusstseinsänderungen. Von den beiden einseitigen Auffassungen, von denen die eine die psychische, die andere die physische Seite des Affects zum primum movens desselben macht, hat also die erste die unmittelbare Erfahrung mehr auf ihrer Seite. Da aber die nächsten centralen Innervationsänderungen jenen äußeren Affectsymptomen jedenfalls vorausgehen, so spricht alles dafür, dass der Afifect ein psychophysischer Vorgang im obigen Sinne ist, vor andern nur dadurch ausgezeichnet, dass er in Folge des Ineinandergreifens der an ihm betheiligten Factoren in hohem Grade die Eigenschaft der Selbst- steigerung besitzt1.
Die Psychologie der Affecte hat mit der classischen Schilderung, die Aristoteles in der »Nikomachischen Ethik« von den »ethischen Tugenden« gegeben, ihren Anfang genommen. Für den praktischen Standpunkt einerseits und die intellectualistische Betrachtungsweise anderseits, die diese Lehre bis in die neueste Zeit beherrschte, ist jenes aristotelische Werk lange Zeit maß- gebend geblieben. So namentlich auch in der Psychologie des 17. und 18. Jahr- hunderts, in der zwar allmählich eine sorgfältigere Beschreibung der einzelnen Affecte hervortritt, aber immer noch unter der Vermengung mit logischen und ethischen Gesichtspunkten leidet. Als anerkennenswerthe Schilderungen aus der noch von der Vermögenspsychologie beherrschten Litteratur sind namentlich Kants Anthropologie und Maass' »Versuch über die Leiden- schaften« hervorzuheben2. Der Versuch einer elementaren Analyse der psychi- schen Vorgänge, mit dem sich zugleich die Tendenz einer rein psychologischen Behandlung verbindet, begegnet uns auch hier erst bei Herbart, bei dem nur leider metaphysische Vorurtheile und die einseitig intellectualistische Rich- tung störend sich einmengen3, daher denn auch hier manche seiner Anhänger einen selbständigeren Weg einschlugen und namentlich den schon von Kant stark betonten Ausdrucksbewegungen eine größere Bedeutung einräumten4.
Mehr als Herbart suchte im ganzen Beneke5 der Eigenart der Affecte gegenüber den Gefühlen wie dem Vorstellungsverlauf gerecht zu werden. Aber seine unklare Theorie der »Elementarvermögen« und der empfindlich 1 Vgl. zu obigem Cap. XI, Bd. 2, S. 357 ff., sowie die im nächsten Capitel (3) fol- gende Erörterung der Ausdrucksbewegungen.
2 Kant, Anthropologie, 3. Buch, S. 72 ff. Maass, Versuch über die Leidenschaften, 1805 — 7, 2 Thle. Vgl. dazu die eingehende Darstellung der sonstigen Arbeiten auf diesem Gebiete bei Max Dessoir, Geschichte der neueren deutschen Psychologie2, Bd. I.
3 Herbart, Psychologie als Wissenschaft, 2. Thl. Werke Bd. 6, S. 97 ff.
2A.O Vorstellungsgefühle und Affecte., hervortretende Mangel einer zureichenden Scheidung der allgemeinen Affecte von ganz concreten complexen Seelenzuständen, wie Freundschaft, Vaterlands- liebe u. dergl., lässt es bei ihm zu einer einigermaßen befriedigenden Unter- suchung nicht kommen.
Indem in der neuesten Entwickelung der Psychologie diese Scheidung nicht minder wie der Grundsatz der Ausschaltung ethischer und praktischer Gesichtspunkte aus der psychologischen Untersuchung zur Anerkennung gelangt ist, sind nun um so schärfer in diesem Fall jene in ihren Grundlagen schon aus älterer Zeit überkommenen Richtungen der intellectualistischen, sensualisti- schen und emotionalen Theorie hervorgetreten. Unter ihnen wird die intel- lectualistische in ihrer logischen, stark an die scholastische Psychologie er- innernden Form gegenwärtig hauptsächlich von Franz Brentano und seiner Schule vertreten. Sie schließt sich eng an des Thomas von Aquino für seine Zeit bedeutende, aber zu der unbefangenen psychologischen Beobachtung im schärfsten Gegensatz stehende Affectenlehre an. Denn mehr noch als ihr aristotelisches Vorbild fälscht diese scholastische Psychologie Thatsachen durch logische Reflexionen, die nicht bloß mit jenen vermengt werden, sondern ihnen als »anticipationes mentis< vorausgehen, so dass hier an Stelle der wirklichen Erlebnisse nur die Reflexion über sie übrig bleibt, und dem so reflectirenden Psychologen selbst nicht selten die Fähigkeit unbefangener psychologischer Beobachtung abhanden kommt. Die scholastische Methode in dieser ihrer Anwendung auf Psychologie lässt sich daher als ein Versuch definiren, die Psychologie durch die Logik zu absorbiren, und die psychologische Beobach- tung durch eine reflectirende Begriffsanalyse zu verdrängen, wobei dann un- vermeidlich eine solche Begriffsanalyse vielfach nur in einer Analyse der Be- deutungen besteht, welche die Sprache mit den Wörtern verbindet, oder auch derjenigen Bedeutungen, die der reflectirende Logiker ihnen beilegt. Da Wör- ter wie Freude, Leid, Furcht, Schreck u. s. w. die Beziehung auf ein Object ein- schließen, so wird demnach allgemein das Urtheil über einen objectiven Eindruck als die Grundlage des Affects bezeichnet, und darin zugleich sein Unterschied von dem sinnlichen Gefühl gesehen, bei welchem umgekehrt der Sinneseindruck zunächst vorhanden sein soll, um dann erst zum Gegenstand unserer Beurtheilung gemacht zu werden1. Dass diese Unterscheidung zwischen Gefühl und Affect eine künstliche ist, die den wirklichen Thatsachen gegenüber nirgends stand- hält, und dass das »Urtheil«, das hier in den Anfang des Affectes verlegt wird, nicht in diesem, sondern nur in der Interpretation des reflectirenden Psychologen existirt, braucht nach allem Vorangegangenen kaum noch bemerkt zu werden. Diesem Scholasticismus gegenüber bleibt in der That die Theorie 1 C. Stumpf, Ueber den Begriff der Gemüthsbewegung, Zeitschr. für Psychologie, Bd. 21, 1899, S. 47 ff. Gegen die Auffassung des Affects als eines Gefühlsverlaufs be- merkt Stumpf: »Ich wüsste nicht, wiefern ein Schrecken, der in einer Secunde vorbei sein kann, verschiedene Stadien unterscheiden ließe, vorausgesetzt dass wir nur das Psy- chische daran ins Auge fassen«. (S. 51, Anm.) Dazu bemerke ich, dass ich noch niemals einen Schreckaffect beobachtet habe, der wirklich in einer Secunde vorübergewesen wäre, und der nicht in einem sehr bemerkbaren, oft ziemlich lange dauernden Gefühlsverlauf nachgewirkt hätte. Ich bin daher geneigt zu glauben, dass Stumpf diesen Affect niemals selbst sorgfältig beobachtet, sondern dass er sich eben damit begnügt hat, über die dem Wort »Schreck« gewöhnlich beigelegte Bedeutung »momentaner Affect« zu reflectiren. Daraus ist ihm vielleicht nicht einmal ein Vorwurf zu machen. Denn dies Verfahren ist eben eine nothwendige Consequenz der von ihm befolgten Methode.
Affecte. 241 Herbarts immer noch ein Meisterstück psychologischer Beobachtungskunst. Sie hat wenigstens die tiefgreifenden Veränderungen des Vorstellungsverlaufs und die Rückwirkungen, die dieser auf den Gefühlsinhalt des Affectes ausübt, richtig erkannt und jene Einmengung nachträglicher logischer Reflexion, die der Tod jeder wirklichen psychologischen Beobachtung ist, ferngehalten. Freilich hat sie auch hier die primäre Bedeutung der Gefühle verkannt und die wichtige symptomatische wie rückwirkende der Ausdrucksbewegungen, die doch schon Kant zutreffend hervorgehoben hatte, beinahe ganz vernachlässigt. Gegenüber diesem einseitigen Psychologismus der HERBART'schen Lehre macht nun die sensualistische Theorie umgekehrt die physischen Symptome zu den primären, den psychischen Inhalt der Affecte zu einer secundären Wirkung derselben. Dabei werden dann bald die vasomotorischen Innervations- änderungen1, bald die mimischen und pantomimischen Erregungen in den Vordergrund gestellt2. Beiden Auffassungen bleibt gemeinsam, dass die Af- fecte im wesentlichen als Organempfindungen mit daran gebundenen Gefühlen gedeutet werden, die zunächst in peripheren Bedingungen des Nervensystems ihren Ursprung haben sollen. Abgesehen von der radicalen Fassung, in der C. Lange und W. Jämes die Theorie vertreten, kommt dieselbe übrigens auch noch in den mannigfachsten Uebergängen zur emotionalen Theorie vor. Hierher gehören namentlich die Auffassungen von Th. Ribot3, Lehmann4, Ch. Fere5, O. Külpe6, J. Rehmke7, M. Giessler8, S. Exner9. Auch die evolutionistische Auffassung Herbert Spencers10 berührt sich, indem sie die Momente der Entwicklung wesentlich auf die physische Seite verlegt, nahe mit diesen Theorien. Auf der andern Seite hat unter den neueren Psycho- logen namentlich Fr. Jodl11 die Zusammengehörigkeit der physischen und der psychischen Symptome in einem Sinne betont, der mit der oben entwickelten Auffassung im wesentlichen übereinstimmt12.
1 C. Lange, Ueber Gemüthsbewegungen, 1885.
3 Th. Ribot, Psychologie des sentiments, 1896.
4 Lehmann, Die Hauptgesetze de^ menschlichen Gefühlslebens, 1892.
5 Ch. Fere, La pathologie des emotions, 1892.
7 Rehmke, Zur Lehre vom Gemüth. 1898, S. 105.
8 M. Giessler, Die Gemüthsbewegungen und ihre Beherrschung, 1900, S. 13, 37 ff.
9 Exner, Entwurf zu einer physiol. Theorie der psychischen Erscheinungen, Bd. 1, 10 H. Spencer, Psychologie, deutsche Ausg. Bd. 2, 1886, S. 610 ff.
12 Aus der ziemlich reichen Litteratur über die Theorien von James und Lange seien hier noch angeführt Gardiner, Phil. Rev. vol. 8, 1896, p.. 102. Irons, ebend. vol. 6, 1897, p. 242 ff. Lipps, Göttingische gel. Anzeigen, 1894, S. 98. Stumpf, Zeitschr. f. Psych. Bd. 21, 1899, S. 63 ff. Wundt, Zur Lehre von den Gemüthsbewegungen, Philos. Stud.
Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 16 2A2 Willens Vorgänge.
Siebzehntes Capitel.
Willensvorgänge.
i. Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge.
a. Begriff des Willens.
In keinem Gebiet der Psychologie spielt wohl die Neigung, Aussagen über den Inhalt seelischer Vorgänge nicht auf diese selbst, sondern auf irgend welche populäre oder philosophische Anticipationen zu stützen, eine größere und verhängnissvollere Rolle als in der Lehre vom Willen. Schon in dem Begriff, den wir unmittelbar mit dem Wort »Wille« zu verbinden geneigt sind, prägt sich dies deutlich aus. Während niemand daran denkt, in Ausdrücken wie Vorstellung, Empfindung u. dergl. etwas anderes zu sehen als eine abstracte Generalbezeichnung für eine Menge von einzelnen Thatsachen, die überall nur als concrete Einzelinhalte des Be- wusstseins vorkommen, und von denen vielleicht keiner dem andern völlig gleicht, ist man geneigt, in dem »Willen« eine allgemeine seelische Kraft zu sehen, die mindestens in jedem Individuum immer dieselbe sei und den sonstigen einzelnen Vorgängen des Bewusstseins gewissermaßen als ein selbständiges Wesen gegenüberstehe. Es wird später, nachdem wir erst die Willenserscheinungen im einzelnen analysirt haben, am Platze sein, auf diese und andere Annahmen über die Natur des Willens näher einzugehen. Einstweilen aber wollen wir von allen solchen Anticipationen und Associationen, die das Wort »Wille« anzuregen pflegt, völlig abstrahiren. Wir wollen es versuchen, die einzelnen Vorgänge, die wir unter den Namen »Wille« und »Willenshandlung« zusammenfassen, so zu be- schreiben, wie wir sie unmittelbar erleben, nicht anders als wenn es sich nicht um die Beschreibung dieser, wie SCHOPENHAUER meinte, uns aller- vertrautesten und bekanntesten, sondern als wenn es sich um die einer neuen, noch niemals näher beobachteten Erscheinung handelte. Da er- gibt sich denn als nächste Antwort auf die Frage, was denn eine solche Willenshandlung sei, vor allem die, dass ein abstracter »Wille«, der immer und überall derselbe wäre, überhaupt nicht existirt, sondern dass es immer und überall nur ein concretes, einzelnes Wollen gibt. Was wir aber bei einem solchen einzelnen Wollen stets in uns wahrnehmen, das ist ein Gefühlsverlauf, der zugleich mit einem mehr oder weniger deutlichen Empfindungs- und Vorstellungsverlauf verbunden ist. Dabei ist dieser Verlauf ein in sich zusammenhängendes Geschehen, weshalb Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge.?*-> denn auch jeder einzelne Willensvorgang als eine relativ geschlossene seelische Einheit erscheint. Natürlich soll übrigens dies Wort »Gefühls- verlauf« nicht bedeuten, dass jeder Willensvorgang eine besonders lange Zeit in Anspruch nehmen müsse, und dass in ihm stets eine größere Zahl wechselnder Gefühlsmomente enthalten sei. Darin finden sich viel- mehr offenbar ebenso große Unterschiede, wie etwa in der Zusammen- setzung einer Vorstellung. Nur dies steht fest, dass ein Willensvorgang niemals ein momentaner Act ist, und dass er in der kürzeren oder längeren Dauer, die er in Anspruch nimmt, immer einen Gefühlswechsel einschließt.
Nun ist es augenfällig, dass diese Beschreibung eines Willensvorganges vollständig mit der eines Affectes, wie sie im vorigen Capitel gegeben wurde, zusammenfällt, dass wir also nach ihr berechtigt sein würden, die Willensvorgänge als eine Classe von Affe et en zu definiren. Zugleich muss sich aber diese Classe vor den andern, gewöhnlich im engeren Sinne sogenannten Affecten durch Eigenschaften auszeichnen, die diese Sonderstellung rechtfertigen und es daher begreiflich machen, dass die Zusammengehörigkeit von Wille und Affect herkömmlicher Weise so ganz übersehen zu werden pflegt. Ist doch die Praxis bekanntlich gewohnt, »Handlungen aus Affect« und »Willenshandlungen« als specinsch ver- schiedene Arten menschlichen Thuns einander gegenüberzustellen. Den- noch überzeugt eine eindringendere psychologische Beobachtung-, dass diese Gegenüberstellung, wenn sie nicht bloß eine auf den ersten Anlauf brauchbare Art- und Gradunterscheidung an sich verwandter Vorgänge, sondern einen speeifischen Gegensatz bedeuten soll, auf einem doppelten Irrthum beruht: erstens auf dem Irrthum, als ob Willensvorgänge auf rein intellectueller Grundlage, also von völlig gefühlsfreier Natur überhaupt existirten, und zweitens auf dem andern, als ob nur solche Verlaufs- formen, die sich durch besonders intensive, mit Ausdrucksbewegungen verbundene Gefühle auszeichnen, wirkliche Affecte seien. Die erste dieser Annahmen ist, wie schon eine oberflächliche Selbstbeobachtung lehrt, völlig unhaltbar. Wir können etwas nicht wollen, ohne dass irgend ein Antrieb dazu, ein sogenanntes Motiv existirte. Motive ohne Gefühle gibt es aber nicht. Selbst Kant, der den moralischen Werth einer Willens- handlung gerade darin erblickte, dass sie ohne jeden Antrieb der Lust oder Unlust, aus reinem Gehorsam gegen das Sittengesetz erfolge, sah sich doch hinterher genöthigt, ein speeifisches »moralisches Gefühl« zu construiren1. Wie ein Willensvorgang ohne Gefühle eine inhaltleere Fiction ist, so lässt sich aber auf der andern Seite die Einschränkung des 1 Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Ausg. von Rosenkranz, S. 200.
944 Willensvorgänge.
Begriffs »Affect« auf die starken und stärksten Affecte allenfalls für den praktischen Gebrauch rechtfertigen, weil für unsere praktische Beurtheilung- der Menschen und ihrer Handlungen hauptsächlich das Vorhandensein oder Fehlen starker Affecte maßgebend ist. Theoretisch ist jedoch dieser praktische Gesichtspunkt nicht maßgebend. Für den Psychologen ist es daher ebenso unthunlich, solche schwächere Grade von Affecten vernach- lässigen zu wollen, wie es unthunlich ist, die ästhetischen oder moralischen Gemüthsbewegungen erst bei den vollkommeneren Graden des ästhetischen Genusses oder der sittlichen Entwicklung beginnen zu lassen.
Willensvorgänge sind also thatsächlich immer Affecte. Der affective Gefühlsverlauf kann unter Umständen, wie ja auch zuweilen bei den eigentlichen Affecten, ein sehr kurz dauernder, oder die Gefühle können von relativ geringer Intensität sein: ein Wollen ohne Affect gibt es aber an sich ebenso wenig wie einen Affect ohne Gefühle. In der That be- stätigt das überall die psychologische Beobachtung der WTillensvorgänge, mögen diese nun einfacher oder zusammengesetzter Art sein, mögen sie in äußeren Handlungen zu Tage treten oder als rein innere Vorgänge sich abspielen. In einem Hungrigen, der eine ihm dargereichte Speise ergreift, treten zunächst die den Hunger begleitenden Unlustgefühle hinter den an den Anblick sich anschließenden Lustgefühlen zurück, es treten Erregungs- und Spannungsgefühle, je nachdem der Bewegung Widerstände entgegenstehen, von größerer oder geringerer Intensität hinzu, u. s. w. Oder in einem Menschen, der sich eines ihm im Augenblick entfallenen Namens erinnern will, regen sich meist sogleich starke Spannungsgefühle, begleitet von mimischen Spannungsempfindungen. Dazu kann sich dann noch ein wachsendes Unlustgefühl und eine mehr oder minder intensive Erregung gesellen, bis endlich, falls der gewollte Erfolg erreicht wird, alle diese Gefühle für einen Moment in ihre Contrastgefühle umschlagen. Ueberall hier ist der Vorgang, so verschieden er im einzelnen sein mag, seinem allgemeinen Charakter nach ein zusammenhängender Gefühls- verlauf oder ein Affect. Nicht darin wird man daher die Natur des Willensvorganges suchen dürfen, dass man ihn als ein von Gefühl und Affect von vornherein specifisch verschiedenes Geschehen auffasst. Viel- mehr ordnet er sich zunächst ganz und gar unter den Begriff des Affects. Er erscheint lediglich als eine besondere, durch specielle Merkmale aus- gezeichnete Verlaufsform des letzteren: und die Frage lautet nicht mehr: was für ein specifischer Bewusstseinsinhalt ist der Wille? sondern: welche besonderen Eigenschaften muss ein Affect annehmen, damit er zu einem Wrillensvorgang werde? Diese Eigenschaften können aber wiederum nicht äußere sein, etwa in den als Willenshandlungen gedeuteten Bewegungen bestehen. Denn abgesehen davon, dass solche Bewegungen als reine Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge. 2d.K Ausdrucksbevvegungen auch bei den Affecten im engeren Sinne vorkom- men, gibt es, wie das oben angeführte Beispiel des willkürlichen Besinnens zeigt, zweifellos auch Willensvorgänge, bei denen äußere Handlungen fehlen. Damit stimmt die Thatsache überein, dass wir eine bloße Aus- drucksbewegung und eine Willenshandlung im allgemeinen gar nicht nach ihren äußeren Merkmalen, sondern nur nach ihren psychischen Begleit- erscheinungen unterscheiden, sei es nun dass wir diese in uns selbst un- mittelbar erleben, oder dass wir sie in einem andern Wesen nach sonstigen Indicien annehmen.
Nun lehrt weiterhin die psychologische Beobachtung, dass wir einen Willensvorgang von einem eigentlichen Affect in den Anfangsstadien des Gefühls Verlaufs niemals mit Sicherheit unterscheiden können. Vielmehr tritt das, was das Wollen als solches charakterisirt, immer erst in dem Endstadium, in dem Vorgang der Lösung des Affectes hervor. Wo der Willensverlauf ein sehr kurz dauernder ist, da kann natürlich dieses Stadium der Lösung sehr nahe an den Anfang heranrücken. Aber dies begründet keinen irgend wesentlichen Unterschied, ebenso wenig wie ein solcher in dem Umstände gesehen werden kann, dass complicirtere Willensvorgänge sich häufig aus einer größeren Anzahl solcher Lösungen mit zwischen ihnen liegenden neuen Affecterregungen zusammensetzen. In diesen Fällen handelt es sich eben um eine Reihe eng verbundener Willensacte, die in jenen intermittirenden Verlaufsformen des Affects ihre Analoga haben, von denen sie sich freilich wiederum durch die die Re- missionen bedingenden, dem Willensvorgang eigenthümlichen Lösungs- processe unterscheiden. Hiernach liegt der specifische Charakter der Willensvorgänge gegenüber den eigentlichen Affecten lediglich in dieser besonderen Form der Affectlösung. Erstens endigt ein Willensact stets mit einer rasch und, wenn es sich nicht um eine Reihenverbindung der oben gedachten Art handelt, vollständig eintretenden Affectlösung, wäh- rend die eigentlichen Affecte sehr häufig allmählich abklingen oder un- mittelbar in neue Affecte übergehen. Zweitens aber ist der Lösungs- vorgang darin ein eigenartiger, dass er in der Erzeugung von Gefühlen mit begleitenden Vorstellungen besteht, die den Affect selbst zum Still- stande bringen. Demnach können wir die Willensvorgänge allgemein definiren als Affecte, die durch ihren Verlauf ihre eigene Lösung herbeiführen.
Zur Entstehung eines solchen Lösungserfolgs sind nun, wie in dieser Definition schon angedeutet ist, in dem ganzen vorangegangenen Affect- verlauf die Bedingungen gegeben, sei es dass dieser schon vom Moment seiner Entstehung an auf jene plötzliche Lösung abzielt, sei es dass sich die Antriebe zu einer solchen erst in seinem Verlaufe selbst entwickeln.
246 Willensvorgänge.
Alle diese entweder vom Anfang oder von einem bestimmten Verlaufs- stadium an auf die Affectlösung hinzielenden und dadurch den Verlauf mitbestimmenden Affectbestandtheile aber bilden diejenigen Inhalte des Willensvorgangs, die man, eben mit Rücksicht auf diesen schließlichen Enderfolg, die Willensmotive nennt. So wenig der Willensvorgang ein specifischer, allen andern Gemüthsbewegungen fremd gegenüberstehen- der Act ist, gerade so wenig ist das Motiv wiederum ein specifisches. Willenselement. Für sich allein betrachtet, besteht es in einem Gefühl, das von einer mehr oder weniger klaren Vorstellung oder auch von einer ganzen zu einem einheitlichen Complex verdichteten Vorstellungs- masse begleitet ist. Wollen wir diese Gefühls- und Vorstellungselemente eines Motivs durch besondere Ausdrücke scheiden, so können wir die ersteren als die »Triebfedern«, die letzteren als die »Beweggründe« be- zeichnen. Die Sprache wendet freilich beide Ausdrücke ziemlich unter- schiedslos an. Immerhin liegt in dem Begriff der »Triebfeder« die directere Beziehung zur Handlung oder, allgemeiner ausgedrückt, die unmittelbarere Vorbereitung zu jener momentanen Lösung, die den Willensvorgang gegenüber einem gewöhnlichen Affectverlauf charakterisirt. Der Beweg- grund liegt dieser Lösung ferner, und der Begriff des »Grundes« weist bei ihm auf die Beziehung zu der intellectuellen Seite des Seelenlebens hin. Dabei muss man aber im Auge behalten, dass, wie Vorstellung und Gefühl überhaupt, so auch Triebfeder und Motiv zusammengehörige Seiten eines und desselben psychischen Inhaltes sind, die eigentlich erst durch unsere abstrahirende Analyse gesondert werden. So können etwa als Beweggründe einer verbrecherischen Handlung das Streben nach An- eignung eines fremden Besitzes, nach Beseitigung eines Gegners u. dergl., als Triebfedern das Gefühl des Mangels, Hass, Rache u. s. w. wirksam werden. Dabei weisen aber schon Ausdrücke wie Trieb, Streben, Be- gehren, die wir gerade den Beweggründen hinzufügen, auf die nothwendige Ergänzung der Vorstellungs- durch die Gefühlsseite der Vorgänge hin. Wo nun die Vorstellung-s- und Gefühlsinhalte eines Affect Verlaufs vom o Beginn des Vorganges an jene auf die Affectlösung gerichtete Beschaffen- heit besitzen, vermöge deren wir sie zusammenfassend »Motive« nennen^ da spielt sich der ganze Process unmittelbar als ein Willensvorgang ab. Von den eigentlichen Affecten unterscheiden sich demnach solche Willens- vorgänge dadurch, dass den einzelnen Affectinhalten von Anfang an eine Zweckrichtung innewohnt, welche die schließliche Affectlösung als eine »Zweckerfüllung« erscheinen lässt. Wir wollen derartige Vorgänge -pri- märe Willensvorgänge <: nennen. Ihnen können dann als »secundäre« die- jenigen gegenübergestellt werden, bei denen erst im Verlauf 'eines eigent- lichen Affects einzelne Vorstellunes- und Gefühlsinhalte den Charakter Begriff und Eigenschaften der Willens Vorgänge.?a n von Motiven gewinnen. Der Uebergang zwischen beiden Formen ist natürlich ein fließender. Nur so viel lässt sich mit Sicherheit sagen, dass unter einfacheren Bewusstseinsbedingungen die primären Willensvorgänge weitaus vorwalten, daher wir wohl annehmen können, dass die einfachsten Willenshandlungen überhaupt nur primärer Natur seien. Dies hängt zu- gleich mit ihrer kürzeren Dauer und der viel geringeren Anzahl wirksamer Motive zusammen. Im entwickelten Bewusstsein dagegen lassen es Ge- fühlsimpulse von verschiedener Richtung so oft nicht zur vollen Entwick- lung bestimmter einzelner Motive kommen, oder es werden Inhalte, die anfänglich die Natur von Motiven besitzen, nachträglich so sehr durch entgegenwirkende Gefühle gehemmt, dass hier sehr häufig ein Vorgang zunächst nur in der Form eines Affectes sich abspielt, um dann entweder als solcher abzuklingen oder erst secundär durch ein allmählich zur Herrschaft gelangendes Motiv als Willensvorgang zu endigen. Doch pflegen auch im entwickelten Bewusstsein fortan die unter einfacheren Bedingungen entstehenden Willensvorgänge primäre zu sein. So handelt unter einem primären Willensmotiv wer sich etwa gegen eine plötzlich eindringende Gefahr sofort zu schützen sucht. Bei dem Zornigen dagegen, der erst, nachdem der Affect eine gewisse Grenze erreicht hat, zu Thätlichkeiten