übergeht, ist der Willensvorgang ein secundärer, und er hebt oft sehr deutlich gegen den anfänglichen bloßen Affect sich ab.
Diese Verhältnisse bringen es mit sich, dass die primären Willens- vorgänge einerseits solche sind, bei denen überhaupt verhältnissmäßig wenige einfache Vorstellungs - und Gefühlsinhalte als Motive wirksam werden, und dass sie anderseits meist einen nur kurzen Verlauf zeigen, so dass das einleitende Motiv und die Affectlösung, auf die es abzielt, un- mittelbar einander folgen können. Willenshandlungen von dieser Be- schaffenheit pflegt man Triebhandlungen zu nennen, und die ältere Psychologie hat sie meist als specifisch verschiedene Vorgänge dem Willen gegenübergestellt. Die einfachste Selbstbeobachtung lehrt jedoch, dass in allen den Fällen, wo es sich um einen wirklichen Bewusstseinsvorgang, nicht etwa um eine bloße Reflexbewegung handelt, zu einer solchen Scheidung nicht der allergeringste Grund vorliegt. So kann z. B. die auf ein unmittelbares Motiv eintretende Schutzhandlung gegen eine drohende Gefahr durchaus den Charakter einer Willenshandlung an sich tragen. Man könnte daher viel eher umgekehrt behaupten, jene secundären Willensvorgänge, die sich aus vorausgehenden Affecten allmählich ent- wickeln, seien keine reinen Willensvorgänge, weil eben hier den zunächst vorhandenen Bewusstseinsinhalten der Charakter von Motiven fehlt.
Aus dem Bedürfniss, die Triebhandlungen unter einem specifischen Allgemeinbegriff zusammenzufassen, ist nun auch die verbreitete Unter- Scheidung- von »Trieb« und »Wille« hervorgegangen. Es bedarf nach dem Gesagten kaum noch der Bemerkung, dass es einen solchen ab- stracten Trieb ebenso wenig wie einen abstracten Willen gibt. Wohl kommen Fälle vor, wo zunächst die psychischen Bedingungen zu einer Triebhandlung gegeben sind, wo es aber zu dieser trotzdem nicht kommt, sei es weil widerstrebende Triebe, sei es weil äußere Hin- dernisse im Wege stehen. Dann besitzt aber dieser nicht zur Lösung gelangte Trieb, gerade so wie das nicht zur Lösung führende Wollen, mit dem offenbar der sogenannte Trieb vollkommen identisch ist, ledig- lich den Charakter eines Affects, in welchem einzelne Gefühls- und Vor- stellungsinhalte bereits die Beschaffenheit von Motiven angenommen haben, aber gleichwohl nicht über den Affect hinausgediehen sind. Man mag also zweckmäßig den Ausdruck »Triebhandlung« beibehalten, um ein kurzes Wort für primäre Willenshandlungen von einfachster Be- schaffenheit zur Verfügung zu haben. Da jedoch solche Triebhandlungen keine von den Willenshandlungen specifisch verschiedene Erscheinungen, sondern eben nur Willenshandlungen von verhältnissmäßig einfacher Be- schaffenheit sind, so wird auch das Wort »Trieb« natürlich nicht im Sinne einer specifischen seelischen Kraft, sondern nur als zusammenfassender Ausdruck für gewisse Gefühls- und Affectanlagen angewandt werden können, denen mehr als andern die Eigenschaft innewohnt, in Motive von Willenshandlungen überzugehen.
Mit den Begriffen Wille und Trieb hängen schließlich noch zwei andere zusammen, denen man eine mittlere und vermittelnde Stellung zwischen beiden anzuweisen pflegt: die des Strebens und des Be- gehrens. Beide werden in der Regel als Ausdrücke für einen im wesentlichen übereinstimmenden Thatbestand aufgefasst, wobei nur das »Streben« mehr die nach außen gerichtete, das »Begehren« die innere Seite desselben bezeichnen soll. Wir können etwas begehren, ohne es zu erstreben. Das Streben wird demnach auch als ein Begehren defmirt, mit dem sich bereits die Vorbereitung zur Handlung verbinde; und in- sofern nun eine Handlung je nach Umständen eine Trieb- oder eine Willenshandlung sein könne, so werden auch Begehren und Streben zu- sammen als Vorbedingungen sowohl der Triebe wie des Wollens be- trachtet, nur dass man meist, um den Trieben von vornherein ihren niedrigeren Rang anzuweisen, das ihnen zu Grunde liegende Streben als ein »dunkles« zu bezeichnen pflegt. Von solchen Erwägungen ausgehend ordnete die WoLFF'sche Psychologie die sämmtlichen Erscheinungen des Strebens, Wollens und der Triebe unter das »Begehrungsvermögen«.
Geht man den Thatsachen nach, die diesen Unterscheidungen zu Grunde liegen, so erkennt man aber unschwer, dass alle die erwähnten Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge.?aq Begriffe lediglich Schöpfungen einer Reflexion sind, die an die Stelle der Thatsachen eine aus logischen Erwägungen abgeleitete Stufenfolge von Begriffen setzt. Sucht man für das »Streben« in dem Willensvorgang selbst ein diesem Ausdruck einigermaßen entsprechendes Substrat zu finden, so bleibt man stets bei gewissen Gefühlen stehen, die in diesem Fall wohl hauptsächlich den Richtungen der Spannungs- und Erregungs- gefühle angehören, und die wir in dieser ihrer Verbindung wohl am zu- treffendsten als Thätigkeitsgefühle bezeichnen können. Zugleich wir- ken dabei jedenfalls auch Spannungsempfindungen entweder in gewissen, bereits zur bevorstehenden äußeren Willenshandlung in unmittelbarer Be- ziehung stehenden Muskelgebieten oder in den allgemeinen mimischen und pantomimischen Ausdrucksmuskeln mit. Alles das sind jedoch Elemente, die selbst schon zum Willensvorgang gehören, und ein Anlass, sie zu isoliren, liegt viel weniger in dem normalen Verlauf einer Willenshandlung, als etwa in solchen Erscheinungen, bei denen der Willensvorgang nur bis zu diesem Stadium der unmittelbar bevorstehenden Handlung gelangt ist, dann aber in Folge irgend welcher Gegenmotive oder äußerer Hindernisse ergebnisslos abklingt, und wo es in Folge dessen bei dem bloßen Streben bleibt. Das nämliche gilt für die psychischen Theilvorgänge, die man als »Begehren« bezeichnet. Bei primären Willenshandlungen von ein- facher Beschaffenheit entschwinden sie überhaupt der Beobachtung: hier folgen Motiv, Strebungsgefühle und Handlung mit dem diese begleitenden Lösungsgefühl so unmittelbar auf einander, dass für einen irgendwie ab- trennbaren Zustand des Begehrens gar kein Raum bleibt. Am ehesten treten auch diese Zustände noch als relativ isolirbare hervor, wenn die auftauchenden Motivgefühle wieder verschwinden, bevor es zu einer Aeußerung derselben kommt, und namentlich dann, wenn die Gefühle zwar fortdauern, aber äußere Hemmungen den Willensvorgang nicht zur vollen Entwicklung kommen lassen. Das Begehren ist also nicht sowohl das vorbereitende Stadium eines wirklichen, als die Gefühlslage eines ge- hemmten Wollens. Verbindet sich dieser Gefühlszustand außerdem mit vorwaltenden intellectuellen Momenten, also mit den oben als »Beweg- gründe« bezeichneten Motivbestandtheilen, so nimmt das sogenannte Be- gehren die besondere Eigenthümlichkeit an, die wir mit dem Wort »Wünschen« bezeichnen. Es sind eigentlich nur zufällige Umstände, die dem »Begehren« seinen bekannten Vorzug vor ihm in der Vermögens- psychologie verschafft haben; und man würde mit demselben Rechte der Seele auch ein »Wunschvermögen« beilegen können. Alle diese Begriffe sind eben schließlich logische Artefacte, nicht im geringsten aber gegen einander abzugrenzende psychische Vorgänge.
250 Willensvorgänge.
b. Verlauf der Willensvorgänge.
In ihrem Verlauf zeigen die Willensvorgänge nicht minder mannig- faltige Unterschiede wie die Affecte; und da insbesondere in die secun- dären Willensvorgänge Affecte jeder möglichen Art eingehen können, so fallen hier in den Anfangsstadien ihres Verlaufs beide zusammen. Auch begründet der Umstand, dass beim Wollen die einzelnen Affectinhalte sehr bald den Motivcharakter annehmen, nur im Hinblick auf die Vor- bereitung der schließlichen Affectlösung, nicht in der Eigenart des mo- mentanen Affectzustandes einen Unterschied. Die wesentlichen Merkmale, durch die sich der Willensvorgang als eine besondere Form des Gefühls- verlaufs von dem alle möglichen Formen eines solchen darbietenden Affect unterscheidet, concentrirt sich daher auf das Endstadium und auf die Beziehungen, in welche die vorangehenden Inhalte zu diesem Endstadium treten. Da es sich hier vor allem um die Feststellung des Bewusstseinsvorganges als solchen handelt, so werden wir dabei zunächst von etwaigen äußeren Willenshandlungen absehen können. Nicht als ob diese für die Entwicklung dieser Erscheinungen auch nach ihrer psychi- schen Seite hin gleichgültig wären, wohl aber weil jene äußeren Be- standtheile der Willensvorgänge hier nur insofern in Betracht kommen, als die Bewegungen in der Form von Bewegungsvorstellungen und von inneren Tastempfindungen die Handlungen theils begleiten, theils auch als Erinnerungsbilder ihnen vorausgehen.
Unsere nächste Aufgabe besteht demnach darin, den Willensvorgang, ähnlich wie den Affect, in seine einzelnen Gefühlsprocesse und deren Verlauf zu zerlegen. Da aber die Anfangsstadien dieses Verlaufs selbst immer mit irgend welchen Affectformen zusammenfallen, so wird es hier hauptsächlich darauf ankommen, jenes Stadium plötzlicher Lösung, das den Willensvorgang als solchen charakterisirt, in seiner Eigenart festzu- stellen. Diese Aufgabe erscheint nun, trotz der ungeheuren Mannigfaltig- keit der als Vorstadien des Wpllens vorkommenden Affecte, deshalb als eine relativ einfache, weil jenes Endstadium bei aller sonstigen Verschieden- heit dieser Erscheinungen eine überraschende Gleichförmigkeit zeigt. Da- durch ist immerhin zum Theil auch jene vulgäre Willensauffassung begreif- lich, die das Wollen überall für ein und dasselbe Geschehen ansieht, was es nun freilich keineswegs ist. An sich lässt sich aber ein Willensverlauf in der Zerlegung in seine einzelnen Gefühlscomponenten selbstverständlich nicht schildern, ohne dass man jene ungemein variabeln Anfangsstadien mit ins Auge fasst. Denn die für den Willensact charakteristische Lösung wird in ihnen vorbereitet, und nur durch diese Beziehung auf das Ende gewinnen die Vorstellungs- und Gefühlsinhalte entweder von Anfang oder, Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge.
bei den secundären Willensvorgängen, von einem bestimmten Punkte des Verlaufs an den Charakter von Motiven. Doch wird es genügen, hier ein beliebig herausgegriffenes Beispiel eines primären Willensvorganges zu Grunde zu legen, da sich andere Verlaufsformen immer nur durch solche Eigenschaften unterscheiden werden, die an sich eigentlich dem Affect- verlauf angehören. Hier bietet uns das bereits früher benutzte Beispiel der Zerlegung eines Gefühlsverlaufs in seine simultanen und succes- siven Componenten zugleich die typische Form eines einfachen Willens- vorganges1. Dieser in der beistehenden Fig. 334 wiederholte Verlauf repräsentirt nämlich einen Willensvorgang, der durch einen sofort auf seine Be- seitigung hindrängenden Unlustaffect eingeleitet wird, also z. B. durch den Anblick einer drohenden Gefahr. Der Unlustaffect unterscheidet sich hier vom Anfang an von andern Unlustaffecten dadurch, dass er sich sofort mit einem starken Spannungs- gefühl verbindet, dem sich nach kurzer Zeit ein rasch ansteigendes Erregungs- gefühl beigesellt. Bald nachdem die Spannung ihr Maximum erreicht hat, steigt dann auch die Erregung zu dem ihrigen an. Dieser Augenblick bezeichnet aber zugleich den Uebergang in das Lösungsstadium, welches durch den Umschlag in ein mehr oder minder intensives Lust- und ein damit verbundenes Lösungs- gefühl ausgezeichnet ist, indess die Erregung meistens rasch auf null sinkt oder nur noch schwach in der folgenden Gemüthsstimmung nachklingt. Diese Schilderung hat zunächst bloß die Gefühlsprocesse herausgegriffen, weil in ihnen das Charakteristische des Willensvorganges gegeben ist. Aber selbstverständlich lassen sie sich von den Empfindungs- und Vorstellungs- elementen nicht losgelöst denken, und der Wechsel, namentlich aber der Umschlag der Gefühle, wird immer erst durch die enge Verschmelzung von Vorstellung und Gefühl hervorgebracht. So fällt in dem angezogenen Beispiel mit dem Maximum der Spannung die äußere Bewegung und der Lösung Fig- 334- Verlauf eines Willens Vorgangs 252 Willensvorgänge.
ganze sie begleitende Vorstellungs- und Empfindungscomplex zusammen, und die weitere Wirkung der Bewegung, die Sicherung vor der drohen- den Gefahr, lässt sofort die Spannungs- und Erregungsgefühle sinken, um dann die gegen den anfänglichen Affect contrastirenden Lust- und Lösungs- gefühle zu erwecken.
Unter diesen Verlaufsformen der Partialgefühle können nun insbesondere die Lust-Unlustcomponenten mannigfach wechseln. In zahlreichen Fällen ist es nicht, wie in dem Schema der Fig. 334, ein Unlust-, sondern ein Lustaffect, z. B. die Freude über einen Eindruck, der den ganzen Vor- gang einleitet. Es kann dann diese Gefühlscomponente während der gan- zen Dauer des Vorgangs auf der positiven Seite bleiben. Sie kann aber auch auf die Unlustseite umschlagen: so z. B. wenn die Willenshandlung selbst den lusterregenden Eindruck zerstört, ihn durch einen andern ver- drängt u. dergl. In andern Fällen kann sich die Spannung nach ge- schehener Lösung wiederholen, oder kann die Erregung in ein positives Gefühl der Beruhigung umschlagen, dieses nochmals eine secundäre Ele- vation nach sich ziehen, u. s. w. In diesen letzteren Fällen handelt es sich jedoch stets um Nachwirkungen des Willensvorganges. Diesem selbst ist als charakteristisches Endstadium des Gefühlsverlaufs stets jene eigenthümliche Verbindung von Erregungs- und Spannungsgefühlen eigen, die das aus der Selbstbeobachtung allbekannte Bewusstsein der Thätigkeit vermittelt, das, unter welchen Umständen wir es auch finden, ob eine äußere Handlung oder einen auf die Bewusstseinsinhalte selbst gerichteten Act der Aufmerksamkeit begleitend, von durchgehends übereinstim- mender Beschaffenheit zu sein scheint, und das wir eben deshalb zweck- mäßig das Thätigkeitsgefühl nennen. Es lässt sich am genauesten bei den im nächsten Capitel zu beschreibenden »Reactions versuchen« beobachten, bei denen die experimentelle Methode eine exactere Ver- folgung der Erscheinungen und zugleich eine Variation der Bedingungen gestattet, wie sie bei der gewöhnlichen zufälligen Selbstbeobachtung nicht möglich ist. Eine andere, in den äußeren Bedingungen davon abweichende Gelegenheit zur Beobachtung des Auf- und Absteigens der Thätigkeits- gefühle bieten auch die oben (Cap. XV, S. 67 fr.) geschilderten Complica- tionsversuche. Hier begleiten diese Gefühle regelmäßig jene Handlung der Aufmerksamkeit, die mit der Apperception des Schalleindrucks bei einer bestimmten Stelle des Zifferblattes der Complicationsuhr verbunden ist. So verschieden in diesen beiden Fällen, der triebmäßigen oder will- kürlichen Reaction auf einen Reiz und der Erfassung eines Sinneseindrucks durch die Aufmerksamkeit, die sonstigen Bedingungen sind, so erscheint doch der Verlauf des Thätigkeitsgefühles hier und in allen andern ähn- lichen Fällen als ein übereinstimmender. Zugleich erscheint er aber Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge. 2?3 jedesmal als ein während seiner Dauer nicht bloß intensiv, sondern auch qualitativ veränderlicher. Während nämlich mit dem Beginn des entschei- denden Endstadiums, das wir als den eigentlichen Willensact von den vorbereitenden Acten scheiden können, das Thätigkeitsgefühl zuerst stetig bis zu seinem Maximum anwächst und dann plötzlich sinkt, verändert sich zugleich die Qualität desselben in dem Sinne, dass zuerst das Spannungs- und dann das Erregungsgefühl überwiegt, worauf nun, während das letztere noch fortdauert, plötzlich jenes in das Lösungsgefühl umschlägt. Dies aber ist eben ein Verlauf, der nicht wohl anders als mittelst einer solchen Zerlegung in zwei Componenten geschildert werden kann, wie sie in Fig. 334 versucht ist. Danach lässt sich das für den Willensvorgang charakte- ristische Thätigkeitsgefühl auch als ein Totalgefühl definiren, das, aus den Partialgefühlen der Spannung und Erregung zusammengesetzt, im allge- meinen einen regelmäßigen und in sich geschlossenen Verlauf hat, der durch die neben einander hergehenden intensiven Aenderungen beider Partialgefühle zu stände kommt, und zuletzt in dem plötzlichen Umschlag des einen derselben, des Spannungsgefühls, in sein Contrastgefühl sein Ende findet. Empfindungscomplexe sind mit diesem Verlauf stets verbunden, auch da wo es sich um rein »innere Willensvorgänge« handelt. Sie sind aber von äußerst wechselnder Art und bilden daher zwar eine wichtige Grundlage des Vorganges, nicht aber die charakteristischen Be- standtheile desselben, die ausschließlich auf der Gefühlsseite liegen. Zu diesen, bei jedem eigentlichen Willensact im wesentlichen übereinstimmen- den Momenten des Gefühlsverlaufs kommen dann aber noch weitere Ge- fühls- und Vorstellungselemente, die, mit dem Thätigkeitsgefühl ver- schmelzend, von Fall zu Fall in unendlich mannigfaltiger Weise wechseln und auf diese Weise wiederum jedem einzelnen Vorgang seine individuelle Eigenthümlichkeit verleihen. Diese auf das Endstadium und insbesondere auf die schließlich eintretende Lösung influirenden besonderen Bewusstseins- inhalte sind es, die wir eben mit Rücksicht auf ihre unmittelbare Beziehung zu dem geschilderten typischen Verlauf des Thätigkeitsgefühls als die Motive des Wollens bezeichnen. Motive sind demnach fest verschmolzene Vorstellungs- und Gefühlsinhalte des Willensvorganges. Sie bilden ihrerseits wieder mit dem letzteren in jedem Stadium seines Verlaufs zeitliche Verschmelzungen, durch die theils die Spannungs- und Erregungsgefühle gesteigert, theils specifische Lust- und Unlustelemente beigemischt werden. Auf dem außerordentlichen Wechsel dieser Verschmelzungen, bei dem nicht selten mehrere Motive neben einander und zum Theil sich gegen- seitig verdunkelnd wirksam werden, beruht vor allem die große Mannig- faltigkeit der Anfangsstadien der Willensvorgänge. Zugleich bezeichnet hier eine qualitativ überaus verschieden gefärbte, aber in ihrer typischen 254 Willensvorgänge.
Form durchaus übereinstimmende Veränderung den U ebergang" in das Endstadium: sie besteht darin, dass ein bestimmtes Motiv, das entweder schon zuvor allein vorhanden war oder andere gegenwirkende Motive zurückdrängte, mit dem typischen Thätigkeitsgefühl zu einem untheil- baren Totalgefühl verschmilzt. Dieses Totalgefühl können wir füglich als das Gefühl der Entscheidung bezeichnen. Es leitet unmittelbar das Lösungsgefühl ein, das zusammen mit den übrigen Gefühlselementen dieses Endstadiums ein neues Totalgefühl bildet, das wir das Gefühl der Er- füllung nennen wollen.
Demnach sind Motiv und Willenslösung Wechselbegriffe, die sich gegenseitig bestimmen. Auf der einen Seite ist jeder Bewusstseinsinhalt, der Thätigkeitsgefühle hervorbringt, ein Motiv; und auf der andern Seite ist die Willenslösung nichts anderes als ein an das Verschwinden des do- minirenden Motivs gebundener Gefühls Vorgang, während die vorange- gangenen Spannungs- und Erregungsgefühle ein Maß für die psychische Wirkung der Motive abgeben. Dieser Zusammenhang gestaltet sich natür- lich am einfachsten, wenn nur ein einziges Motiv in merklichem Grade vorhanden ist. Er wird verwickelter, wenn mehrere Motive einander ent- gegenwirken. In diesem Fall entsteht nämlich zunächst ein Totalgefühl von complexer und meist wechselnder Beschaffenheit. Die unmittelbare Folge davon ist eine schwankende Gefühlslage, bei der das Thätigkeitsgefühl bald von der einen bald von der andern Motivrichtung her specifische qualitative Färbungen gewinnt, die abwechselnd hervortreten oder einander compensiren können, bis ein bestimmtes Motiv so vorwaltend wird, dass es unmittelbar das Entscheidungsgefühl und damit den Uebergang in die Lösung bewirkt.
c. Grundformen der Willensvorgänge.
Zu einer Eintheilung der Willensvorgänge bieten sich verschiedene Gesichtspunkte dar, je nachdem man mehr den Enderfolg derselben, die Art also wie die Wille nslösuhg in die Erscheinung tritt, oder aber die Vorbedingungen der Lösung, die Motivbildungen, ins Auge fasst. Unter diesen beiden Gesichtspunkten ist der erste natürlich der einer oberfläch- lichen Beobachtung näher liegende. Ist es doch das Ende des Willens- vorganges, die Willenshandlung, die vor allem in die Augen fällt, und in die daher die gewöhnliche Auffassung durchaus das Wesen des Willens zu verlegen pflegt. So hat man denn auch frühe schon äußere und innere Willenshandlungen unterschieden, wobei unter den ersteren solche zu verstehen sind, deren Lösung mit einer äußeren Muskelbewegung ver- bunden ist. Ihnen lassen sich dann als innere diejenigen gegenüber- stellen, bei denen die Wirkung- der Willensentscheidung- und -lösung Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge. 2^S lediglich in einer Veränderung im Vorstellungs- und Gefühlsverlauf selbst besteht. In diesem Sinne werden wir z. B. einen Bewusstseinsvorgang, der in dem Entschluss zu einer in späterer Zeit, unter Voraussetzung irgend welcher noch zu erwartender Bedingungen auszuführenden äußeren Handlung endet, eine innere Willenshandlung nennen müssen. Mit den gleichen Thätigkeits- und Entscheidungsgefühlen und ihren lösenden Wir- kungen wie hier treten ferner fortwährend in unserm Bewusstsein Processe auf, die man als willkürliche Richtung der Aufmerksamkeit, als willkürliche Lenkung des Vorstellungsverlaufs zu bezeichnen pflegt, und die einen wesentlichen Factor aller sogenannten intellectuellen Thätigkeiten aus- machen. Stimmen diese unter sich wieder mannigfach abweichenden Er- scheinungen in ihrem Gesammtcharakter und namentlich in ihrer End- wirkung mit Willensvorgängen überein, so handelt es sich jedoch bei ihnen ohne Frage immer schon um verhältnissmäßig complexe Willensacte, aus- genommen den einen, einfachen und auch für die äußeren Willenshand- lungen fundamentalen Fall, wo sich in Folge irgend eines äußeren oder inneren Reizes die Aufmerksamkeit auf einen gegebenen Bewusstseins- inhalt richtet. Dieser Fall wird uns wegen der Bedeutung, die er für den Zusammenhang der psychischen Vorgänge überhaupt besitzt, unten noch näher beschäftigen (Cap. XVIII, i).
Wichtiger als diese auf die Eigenschaften der letzten Willenserfolge gegründete Eintheilung ist nun aber die zweite, die von den Willens- motiven ausgeht. Da mit dem Auftreten der Motive ein vorhandener Gefühls- oder Affectzustand überhaupt erst zum Willensvorgange wird, so ist dieser Gesichtspunkt natürlich für den ganzen Verlauf der Processe ungleich bedeutsamer. Nach ihm lassen sich vor allem sämmtliche Willens- vorgänge in einfache und zusammengesetzte scheiden, wenn wir »einfach« einen solchen nennen, in dessen ganzem Verlauf nur ein Motiv im Bewusstsein bemerkbar wird. Willenshandlungen solcher Art können wir auch eindeutig bestimmte nennen, da in diesem Fall die den Willens- vorgang zusammensetzenden Elemente, also insbesondere das Entscheidungs- und Thätigkeitsgefühl, lediglich durch das eine Motiv bestimmt werden. Dem gegenüber können wir die zusammengesetzten Willenshandlungen als mehrdeutig bestimmte bezeichnen, weil bei ihnen der Willensvorgang in seinen Gefühls- wie Vorstellungscomponenten eine Function aus mehreren theils unabhängig von einander veränderlichen, theils in Wechselbeziehung stehenden Motiven ist, bis zu dem Moment, wo durch die Ausbildung eines entsprechenden Entscheidungsgefühls eines der Motive so sehr an- wächst, dass es von da an den weiteren Verlauf und die endliche Lösung bestimmt. Nach dem, was oben über das Verhältniss der Begriffe Trieb und Wille bemerkt wurde, können wir die einfachen Willenshandlungen