SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Ein Thier, das bei seinem Lebensende nicht weiter in seinen Leistungen gekommen sei wie am Anfang seines Daseins, entbehre nachweislich der »Bewusstseinsvorgänge«. Loeb setzte an die Stelle der Lernfähigkeit das »associative Erinnerungsvermögen«. Ein Thier, das zu erkennen gibt, dass es sich an frühere Erlebnisse erinnern kann, soll psychische Eigenschaften besitzen; im entgegengesetzten Fall sollen sie fehlen. Dass diese Kriterien psychologisch vollkommen willkürlich sind, ist einleuchtend. Das Kaninchen, das, wie wir oben (S. 233) sahen, die charakteristischen Affectsymptome des Schmerzes, der Furcht u. s. w. genau nur so lange zeigt, als die entsprechen- den Reize andauern, wird schwerlich durch einen erlebten Affect veranlasst werden, sich vor künftigen Affectreizen zu hüten. Es lernt nichts und scheint sich auch kaum an früher Erlebtes zu erinnern. Existiren also der Schmerz und die Furcht, auf die es doch genau so wie der Hund und der Mensch reagirt, bei ihm überhaupt nicht? Diese Theorien zeigen augenfällig, zu welchen Consequenzen es führt, wenn man von der »Lex parsimoniae« der Naturforschung einen verkehrten Gebrauch macht. Psychische Eigenschaften erst da zu statuiren, wo sie durch complexe psychische Leistungen sicher nachzuweisen sind, ist gewiss das Einfachste, wenn man das Kriterium der Einfachheit in der Einschränkung des psychischen Lebens auf ein möglichst kleines Gebiet sieht. Da aber mit dieser Annahme die andere vermacht ist, dass die psychischen Functionen plötzlich als complexe Vermögen und Fähigkeiten in die Erscheinung treten, so stellt sich jene vermeintlich ein- fachste Hypothese hinterher als die allercomplicirteste heraus. Gewiss ist der naturphilosophische Traum von der Allbelebung und Allbeseelung der Natur zurückzuweisen. Wie wir nur da berechtigt sind, Leben anzunehmen, wo uns die Merkmale des Lebens gegeben sind, ebenso haben wir Psychisches oder vielmehr, da Psychisches nur an Physisches gebunden vorkommt, Psycho- physisches nur da vorauszusetzen, wo uns psychophysische Functionen un- zweideutig entgegentreten, und demnach den Anfang psychophysischer Lebens- erscheinungen da, wo uns jene Functionen in ihrer einfachsten Form be- gegnen. Solche allverbreitete, in der verschiedensten Entwicklung vorkommende und dabei doch unter sich gleichartige Functionen sind aber nicht Lernfähig- keit, Erinnerungsvermögen und andere complexe Begriffe aus dem Inventar der Vermögenspsychologie und Phrenologie, sondern die allgemeinen animali- schen Triebe: der Schutztrieb, der Nahrungstrieb, der Geschlechts- trieb.

Sind die complexen psychologischen Begriffe, die in den erwähnten Hypothesen zu Kriterien des Psychischen gemacht werden, als solche unhalt- bar, so verwandeln sich nun aber auch die Thatsachen, die für die reine Reflexnatur gewisser Handlungen niederer Thiere angeführt werden, durchweg in Zeugnisse für den psychophysischen Charakter derselben. Wenn z. B. Bethe als einen Beweis gegen die »psychischen Qualitäten« der Ameisen die Beobach- tung anführt, dass eine Ameise, die man in der zerquetschten Körpermasse yon Angehörigen eines »feindlichen Nestes« gewälzt hat, in ihr eigenes Nest zurückversetzt von ihren früheren Genossen feindselig behandelt wird, so liegt darin freilich ein zureichender Beweis gegen die Extravaganzen jener Ameisen- psychologen, die diesen Thieren individuelle Freundschaften, Feindschaften u. dergl. zuschrieben. Aber die Thatsache beweist zugleich, dass die Thiere Geruchsempfindungen besitzen, und dass mit diesen ihre socialen Triebe zusammenhängen u. s. w. So sind diese Beobachtungen überall nur Beweise für die Verkehrtheit der aufgestellten psychologischen Kriterien, aber nicht im mindesten solche gegen die psychophysische Natur der Triebe selbst.

Der allmähliche Uebergang, der zwischen den einzelnen Formen der Körperbewegung stattfindet, bringt es übrigens "mit sich, dass dieselben nicht in jedem einzelnen Fall durch die objective Beobachtung sicher unterschieden werden können. So muss es bei vielen Bewegungen des Neugeborenen un- bestimmt bleiben, ob sie als Triebbewegungen oder als Reflexe anzusehen sind. Die mimischen Reflexe z. B., die unmittelbar nach der Geburt durch die Einwirkung süßer, saurer und bitterer Geschmacksstoffe auf die Zunge hervorgerufen werden, könnten schon die Bedeutung einfacher Triebbewegungen besitzen. Da sie aber auch bei hirnlosen Missgeburten beobachtet werden, bei denen die Existenz von Empfindungen mindestens zweifelhaft ist, so ist es wahrscheinlich, dass sie auch als reine Reflexe vorkommen. Ebenso sind die Saugbewegungen, die bei Berührung der Lippen, namentlich bei gleich- zeitigem Vorhandensein von Hungerempfindungen, entstehen, wohl als Trieb - bewegungen aufzufassen. Dagegen sind die anfänglichen Bewegungen des Auges bei Lichteindrücken, die Körperbewegungen bei Tasteindrücken, das wegen der ursprünglichen Verklebung der Ohrkanäle in der Regel erst nach mehreren Tagen zu beobachtende Zusammenfahren bei Schallreizen wahr- scheinlich Reflexe. Auch ist bei dieser Unterscheidung zu beachten, dass nicht jede auf Einwirkung eines Reizes stattfindende Bewegung, bei der den Reiz zugleich eine Empfindung begleitet, darum schon als eine Triebbewegung angesprochen werden darf; das Kriterium der letzteren besteht immer darin, dass sie als die einem vorhandenen Gefühls- oder Affectzustand adäquate Reaction gegenüber dem äußeren Reize erscheint. Darum sind z. B. die körperlichen Rückwirkungen der Affecte zu einem nicht geringen Theil Reflexe oder auch automatische Bewegungen, die aus einer längere Zeit den Eindruck überdauernden Erregung der Nervencentren entspringen. Das Zusammensinken beim Schreck, das Lachen und Weinen bei Freude und Trauer sind ebenso reflectorische und theilweise automatische Erfolge der Erregung wie das Er- röthen bei der Scham, die Veränderung des Herzschlages bei den verschieden- sten Affecten, der Thränenerguss und andere Rückwirkungen auf die dem Willen entzogenen Muskeln oder Secretionsorgane. Dagegen vermengen sich schon in den Gesticulationen des Zornigen automatische Erregungen mit Trieb- äußerungen, wie sie sich in der geballten Faust, in dem Knirschen der Zähne verrathen. Zu dem Reflex des Zusammenfahrens gesellt sich beim Schreck eine Triebbewegung, wenn die Hand schützend gegen die drohende Gefahr ausgestreckt wird. Auf diese Weise pflegen sich bei diesen Reactionen Re- flexe und Triebbewegungen auf das innigste zu vermengen, und es ist be- greiflich, dass im einzelnen Fall die Unterscheidung beider Bestandtheile schwierig wird, weil ja eine Bewegung, die den Charakter einer Triebhandlung hat, vermöge des oben geschilderten Uebergangs der Willenshandlungen in mechanische Bewegungen gelegentlich auch als Reflex vorkommen kann. Da jener Uebergang bei allen thierischen Wesen schon in einem gewissen Grade stattgefunden hat, so ist aber selbstverständlich die Frage, ob es auch solche automatische und reflectorische Bewegungen gibt, die sich nicht aus Trieb- und Willkürbewegungen entwickelt haben, aus der Erfahrung nicht zu be- antworten. Wir werden nur immer in jenen Fällen, wo die mechanische 284 Willens Vorgänge.

Bewegung deutlich den Charakter der Zweckmäßigkeit an sich trägt, einen Ur- sprung aus Willenshandlungen annehmen dürfen, da, so viel bekannt, allein die Entwicklung des Willens es ist, die zweckmäßige thierische Bewegungen hervorbringt. Die allgemeine Entwicklungsgeschichte macht es denkbar, dass selbst solche Bewegungen, die bei den höheren Thieren entweder ganz, wie die Herzbewegungen, oder großentheils, wie die Athembewegungen, der Ein- wirkung des Willens entzogen sind, aus anfänglichen Triebbewegungen ihren Ursprung genommen haben. Denn als Anfänge jener Functionen begegnen uns bei den niederen Thieren Bewegungen, die nicht mit automatischer Regel- mäßigkeit, sondern in unregelmäßigen Zwischenräumen und, wie es scheint, unter dem directen Einfluss bestimmter Ernährungstriebe auftreten.

Entzieht sich wegen der in der angeborenen Organisation angelegten Vor- richtungen die Entstehung der automatisch-mechanischen Bewegungen aus ur- sprünglichen Willenshandlungen durchaus unserer unmittelbaren Beobachtung, so bieten dagegen die Vorgänge bei der Erlernung und Einübung complicir- terer Bewegungen belehrende Belege für dieselbe. Es gibt keine erlernte und geübte Bewegung, vom Gehen, Schwimmen, Sprechen und Schreiben an bis zu den Hand- und Fingerbewegungen am Ciavier oder bei den verschieden- sten technischen Beschäftigungen, wo nicht Schritt für Schritt jener Ueber- gang sich verfolgen ließe. Nachdem der Wille zuerst jede einzelne Bewegung isolirt ausgeführt hat, fasst er ganze Complexe von Bewegungen zusammen, indem nur noch die einleitende Bewegung durch directen Willensimpuls zu stände kommt, während die folgenden mit diesem Anfangsglied automatisch verkettet werden. Bei der ersten Erlernung der meisten dieser Bewegungen spielt der Nachahmungstrieb eine wichtige Rolle. Wie das erste Lachen des Kindes als ein Mitlachen entsteht, wenn man es anlacht, so regt sich die Lust zu Gehbewegungen durch die Wahrnehmung fremder Bewegungen. Der Articulationsunterricht der Taubstummen benützt diese Erfahrung, indem bei ihm zuerst nur überhaupt die Fertigkeit in der Nachbildung von Bewegungen geübt wird, wobei man zugleich von möglichst einfachen und deutlich sicht- baren Bewegungen der äußeren Körpertheile ausgeht, um dann erst unter Zuhülfenahme des Tastsinns die feineren und verborgeneren Bewegungen der Articulationsorgane hervorzubringen. Auch hier ist aber alles Streben darauf gerichtet, bestimmte Combinationen von Bewegungen, die ursprünglich will- kürlich verbunden waren, mechanisch zu fixiren, damit sich, wenn nur ein Glied einer Gruppe im Bewusstsein angeregt wird, sofort das Ganze re- producire.

3. Ausdrucksbewegungen.

Indem sich die Gemüthsbewegungen fortwährend in äußeren Be- wegungen spiegeln, werden die letzteren zu einem Hülfsmittel, durch das sich verwandte Wesen ihre inneren Zustände mittheilen können. Alle Be- wegungen, die einen solchen Verkehr des Bewusstseins mit der Außenwelt herstellen helfen, nennen wir Ausdrucksbewegungen. Diese bilden aber nicht etwa eine Bewegungsform von besonderem Ursprung, sondern sie sind immer zugleich Reflex- oder Willensbewegungen. Es ist also einzig Ausdrucksbewegungen. 28^ und allein der symptomatische Charakter, der sie auszeichnet. Sobald eine Bewegung ein Zeichen innerer Zustände ist, das von einem Wesen ähnlicher Art verstanden und möglicherweise beantwortet werden kann, wird sie damit zur Ausdrucksbewegung, Indem durch sie das Bewusst- sein des einzelnen Wesens theilnimmt an der geistigen Entwicklung einer Gesammtheit, bildet sie zugleich den Uebergang von der individuellen Psychologie zur Psychologie der Gemeinschaft.

Alle Ausdrucksbewegungen geschehen selbst beim Menschen im An- fang des Lebens unwillkürlich; sie sind theils Triebhandlungen theils reflectorische Bewegungen. Allmählich erst werden einzelne willkürlich gehemmt, andere hervorgebracht, und es entstehen anf diese Weise will- kürliche Ausdrucksformen. Indem der Culturmensch den Ausdruck seiner Affecte nach den Mitmenschen richtet, von denen er sich beobachtet weiß, sucht er mehr und mehr auch Geberden und Mienen dieser Rücksicht anzupassen. Er sucht gewisse Affecte zu verbergen und andere auszu- drücken. So sind das conventioneile Lächeln in Gesellschaft und die mancherlei Höflichkeitsgeberden bald moderirte bald übertriebene bald willkürlich fingirte Aeußerungen. Dieser Einfiuss des Willens wird aber in der Regel ohnmächtig, wenn die Gemüthsbewegung zu hohen Graden anwächst. Auch gelingt es ihm meistens nur das Innere zu verschleiern, selten es ganz zu verhüllen.

Um eine systematische Eintheilung der Ausdrucksbewegungen zu gewinnen, hat man nun entweder den physiologischen Gesichtspunkt an- gewandt, indem man den Ausdruck, dessen die einzelnen Körpertheile, Auge, Mund, Nase, Arme u. s. w., fähig sind, zergliederte; oder die Aeußerungsformen der einzelnen Affecte wurden nach der psychologischen Verwandtschaft der letzteren neben einander gestellt. Aber diese beiden Wege werfen, so interessant sie für die praktische Menschenkenntniss sein mögen, doch auf das Wesen dieser Bewegungen höchstens ein indirectes Licht. Wir wollen es daher versuchen, dieselben nach ihrer unmittel- baren psychophysischen Entstehung in gewisse Gruppen zu sondern. In dieser Beziehung lassen sich wohl alle von Affecten oder Trieben aus- gehenden Bewegungen zunächst auf drei empirische Principien zurück- führen, die übrigens sehr häufig zusammenwirken, so dass eine einzelne Bewegung gleichzeitig unter mehrere fällt. Wir können dieselben be- zeichnen als das Princip der directen Innervationsänderung, der Association verwandter Gefühle und der Beziehung der Be- wegung zu Sinnesvorstellungen.

286 Willensvorgänge.

a. Princip der directen Innervationsänderung.

Unter dem Princip der directen Innervationsänderung verstehen wir die Thatsache, dass bei starken Gemüthsbewegungen unmittelbar die Centraltheile der motorischen Innervation in Mitleidenschaft gerathen, wo- durch bei den heftigsten Affecten eine plötzliche Lähmung zahlreicher Muskelgruppen, bei geringeren Erschütterungen aber zunächst eine Er- regung entsteht, die erst späterhin der Erschöpfung Platz macht. Hier- nach unterscheiden sich vornehmlich nach diesem Princip die astheni- schen und die sthenischen Affecte (s. oben S. 227). Die ersteren verrathen sich in Hemmungs- oder Lähmungserscheinungen, die letzteren in verstärkten Erregungen. Dabei können übrigens die asthenischen Symptome wieder in doppelter Form auftreten: als plötzliche Lähmungen bilden sie die Begleiterscheinungen stärkster Affecte (Schreck, übermäßige Freude u. s. w.); als allmählicher entstehende und mäßigere Symptome finden sie sich bei den deprimirten Stimmungen, wie Kummer, Gram, Schwermuth u. dergl. Sowohl die Hemmungs- wie die Erregungserschei- nungen verdrängen, je mehr sich mit der Zunahme des Affects die In- nervationsänderung ausbreitet, die sonstigen Unterschiede des Ausdrucks, an denen sich die Qualität des Affectes erkennen ließe. Ist die Gemüths- bewegung weniger heftig, so kommen aber gleichzeitig die folgenden Principien zur Geltung. Neben der allgemeinen Hemmung oder Erregung ist nun deutlich die Beschaffenheit der Gefühle oder die Richtung der Sinnesvorstellungen, die den Affect erzeugten, in Mienen und Geberden zu lesen.

Die dem Princip der directen Innervationsänderung folgenden Aus- drucksbewegungen sind unter allen am meisten der Herrschaft des Willens entzogen. So ordnen sich denn auch die auf S. 226 ff. besprochenen Wir- kungen der Affecte vor allem diesem Princip unter. Namentlich sind es die Verengerungen und Erweiterungen der Blutgefäße, das Erblassen und Erröthen, und der Erguss der Thränen, die einen wichtigen Bestandtheil des Ausdrucks starker Affecte zu bilden pflegen. Diese letzteren Aus- drucksbewegungen sind zugleich specifisch menschliche1, und sie scheinen verhältnissmäßig spät von der Gattung Homo erworben zu sein, da Kinder in der ersten Zeit ihres Lebens weder weinen noch erröthen. Doch scheinen ähnliche Veränderungen in der Haut, wie sie beim Erblassen vorkommen, auch bei Thieren sich einzustellen, da das Aufrichten der Haare, das beim Menschen die Todtenblässe der Angst zuweilen begleitet, 1 Nur der Elephant soll bei heftigen Gemüthsbewegungen zuweilen Thränen ver- gießen. Vgl. Darwin, Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen, deutsch von J. V. Carus, Ausdrucksbewegungen. 287 weitverbreitet bei Thieren gefunden wird1. Das Erröthen begleitet im allgemeinen mäßigere Affecte, Scham, Verlegenheit, seltener, und dann meist mit dem Erblassen abwechselnd, die Aufwallungen des Zorns. Da die Scham, dieser zum Erröthen vorzugsweise disponirende Gemüths- zustand, von dem er auf die andern Affecte vielleicht erst übertragen wurde, eine durchaus menschliche Eigenthümlichkeit ist, so erklärt sich wohl hinreichend die Beschränkung desselben auf das Menschengeschlecht, bei dem es übrigens eine ganz allgemeine Ausdrucksweise zu sein scheint2. Die meist vorhandene Beschränkung des Erröthens auf die Gesichtshaut dürfte aber von derselben Ursache herrühren, aus der sich bei allen das Herz stark erregenden Affecten die Rückwirkung der gesteigerten Herz- action am stärksten an den Blutgefäßen des Kopfes geltend macht. Durch ihre anatomische Lage sind die Kopfschlagadern der heranstürzenden Blut- welle am meisten ausgesetzt. Nun beruht das Erröthen auf einem augen- blicklichen Nachlass der Gefäßinnervation, der als compensirender Vor- gang die gleichzeitig durch den Affect bedingte Herzerregung begleitet (Bd. 1, S. 247). Da sich diese compensirende Innervationsänderung wahr- scheinlich nach den Bedürfnissen regulirt hat, so ist es begreiflich, dass sie vorzugsweise jene Gebiete trifft, die der Wirkung der Herzaction am meisten ausgesetzt sind3. Der Erguss der Thränen ist eine Secretion, die als rein mechanischer Reflex bei Reizungen der Bindehaut des Auges und zuweilen der Retina sich einstellt. Heftige Zusammenziehungen der Augen- schließmuskeln, wie sie bei starken Exspirationen und auch beim Weinen vorkommen, pflegen zwar beim Menschen einige Thränen zu erpressen; dies kann aber um so weniger der Grund der Secretion sein, als die gleichen Bewegungen bei Thieren zu finden sind, die nicht weinen. Auch die reiche Menge des Secretes lässt sich nur aus einer directen Reflex- wirkung auf die Absonderungsnerven der Drüse erklären. Man darf wohl vermuthen, dass die Bedeutung, die diese Secretion beim Menschen er- langt, mit der lange dauernden Wirkung, die gerade bei ihm tiefere Ge- müthsaffecte hervorbringen, zusammenhängt. Den Gefahren, mit denen diese Wirkung das Nervensystem bedroht, wird durch die anhaltende Innervation der Thränendrüsen begegnet, die, wie jede nach außen 3 Auch bei Tbieren, namentlich Kaninchen, beobachtet man, dass sich bei gestei- gerter Herzaction die Gefäße am Kopf, besonders die Ohrarterien, erweitern. Ohne Zweifel sind also die sensibeln Fasern des Herzens mit den die Blutgefäße an Kopf und Hals regulirenden Hemmungsvorrichtungen in innigere Verbindung gesetzt. Aus diesen Gründen scheint die Hypothese Darwins, dass die Aufmerksamkeit auf das Gesicht die Ursache jener Beschränkung des Erröthens sei (a. a. O. S. 344), mindestens entbehrlich. Auch widerspricht ihr die Thatsache, dass das Erröthen gerade zu jenen Ausdrucksformen gehört, die dem Einfluss des Willens und also auch der Aufmerksamkeit am wenigsten zugänglich sind.

288 Willensvorgänge.

gerichtete Erregung, eine Ableitung und Lösung der hoch angewachsenen inneren Spannung mit sich führt. Als Secretion hat sie nur diese lösende, nie die verstärkende Wirkung auf den Affect, die den Muskelbewegungen unter Umständen zukommen kann. Schwieriger ist die Frage, wie gerade die Thränendrüsen zu dieser Rolle schmerzlindernder Ableitungsorgane kommen. Vielleicht hängt dies mit der Bedeutung zusammen, welche die Gesichtsvorstellungen für das menschliche Bewusstsein gewinnen. Die Thränen sind zunächst ein Secret, das zum Schutze des Auges gegen mechanische Insulte bestimmt ist. Von fremden Körpern, wie Staub, In- secten u. dergl., befreit sich das Auge durch den reflectorisch eintreten- den Thränenerguss. Nun wird unser drittes Princip lehren, dass Bewegungen, die ursprünglich durch bestimmte Empfindungsreize geweckt wurden, dann auch durch Vorstellungen, die nicht einmal in der Anschauung gegeben sein müssen, sondern nur eine jenen Empfindungen analoge Wirkung- auf das Bewusstsein äußern, hervorgerufen werden können. Der Thränen- erguss ließe sich demnach als eine Wirkung leidvoller Gesichtsvorstellungen auffassen, die dann allmählich zur Aeußerungsform des Schmerzes über- haupt geworden ist. Sollte diese Erklärung richtig sein, so wäre das Weinen nach seiner ursprünglichen Bedeutung dem Princip der Beziehung der Bewegung zu Sinnesvorstellungen unterzuordnen, und erst unter der Wirkung der Vererbung wäre es zu einer directen Innervationsänderung geworden1. Es ist dies übrigens ein Vorgang, der sich bei fast allen Ausdrucksbewegungen wiederholt. Je fester diese durch Generationen hindurch eingewurzelt sind, um so leichter erfolgen sie mit der mecha- nischen Sicherheit des einfachen Reflexes, ohne dass sich die anfänglich die Bewegung herbeiführenden Bedingungen in merklichem Grade geltend zu machen brauchen. Die Wichtigkeit, die hierbei der Vererbung zu- kommt, leuchtet hinreichend aus der Thatsache hervor, dass gewisse Mienen und Geberden bei verschiedenen Gliedern einer Familie beobachtet werden, und dies sogar in solchen Fällen, wo Nachahmung nicht wohl ins Spiel kommen kann2. Trotzdem sind solche Ausdrucksbewegungen, ebenso wie die Instincte, noch nicht erklärt, wenn man sie einfach als vererbte Gewohnheiten betrachtet. Jeder angenommenen Gewohnheit liegen psychophysische Bedingungen zu Grunde, die sich auf irgend eines oder auf mehrere der hier erörterten Principien des Ausdrucks werden zurückführen lassen, und die nämliche Ursache, welche die Bewegung ursprüng- lich herbeiführte, wird in einem gewissen Grade auch noch bei ihrer 1 Darwin (a. a. O. S. 177) vermuthet, dass das Weinen durch den mechanischen Druck hervorgebracht werde, dem das Auge bei der Mimik des starken Schreiens aus- gesetzt sei. Dem widerspricht, wie ich glaube, die Thatsache, dass Thiere und selbst ganz junge Kinder auf dns heftigste schreien können, ohne Thränen zu vergießen.

Ausdrucksbewegungen. 280 Wiedererzeugung wirksam sein. Nur so wird es begreiflich, dass selbst derartige individuell beschränkte Geberden doch immer an bestimmte Gemüthsaffecte gebunden bleiben.

Die directe Innervationsänderung ist fast immer begleitet von einer bedeutenden Rückwirkung des Affectes auf die Apperception. Nicht bloß die plötzliche Lähmung oder Erregung der Muskeln bei starken Affecten, sondern auch jene schwächeren Anwandlungen, die sich nur am Herz- schlag, am Erbleichen oder Erröthen der Wangen verrathen, sind sehr gewöhnlich mit einer Verwirrung des Gedankenlaufs verbunden, die ihrer- seits auf den Affect selbst und seine körperlichen Folgen verstärkend zurückwirken kann. Der Furchtsame oder Verlegene stottert, nicht bloß weil ihm die Zunge mechanisch den Dienst versagt, sondern zugleich weil ihm die Gedanken stille stehen.

b. Princip der Association verwandter Gefühle.

Dieses Princip stützt sich auf die mehrfach hervorgehobene That- sache, dass Empfindungen von ähnlichem Gefühlston leicht sich verbinden und gegenseitig verstärken1. Dasselbe kommt vor allem bei den mimi- schen Bewegungen zur Geltung. Der Druck der Wangenmuskeln richtet sich, wie zuerst Harless bemerkt hat, nach den Qualitäten der zum Ausdruck kommenden Gefühle2. So sehen wir die mimische Be- wegung zwischen der schmerzvollen Verzerrung bei leidvollen Affecten, dem wohlthuenden Druck befriedigten Selbstgefühls und der festen Span- nung energischer Stimmungen mannigfach wechseln. Zu der vielseitigsten Verwendung- aber kommt das Princip der Association der Gefühle bei den mimischen Bewegungen des Mundes und der Nase. Beide entstehen zunächst als Trieb- oder Reflexwirkungen auf Geschmacks- und Geruchs- reize. Am Munde unterscheiden wir deutlich den Ausdruck des Sauren, Bittern und Süßen. Die beiden ersteren sind im allgemeinen unange- nehme Empfindungen, die gemieden werden, das dritte ist ein angenehmer, von dem Geschmacksorgan aufgesuchter Reiz. Unsere Zunge ist aber an den einzelnen Stellen ihrer Oberfläche für diese verschiedenen Geschmacks- reize in verschiedenem Grade empfindlich, die hinteren Theile des Zungen- rückens und der Gaumen vorzugsweise für das Bittere, die Zungenränder für das Saure, die Zungenspitze für das Süße. So kommt es, dass wir bei der Einwirkung saurer Stoffe den Mund in die Breite ziehen, wobei sich Lippen und Wangen von den Seitenrändern der Zunge entfernen. Bittere Stoffe verschlucken wir, während der Gaumen stark gehoben und Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 19 Willensvorgänge.

die Zunge niedergedrückt wird, damit beide möglichst wenig den Bissen berühren. Kosten wir dagegen süße Stoffe, so werden Lippen und Zungenspitze denselben in schwachen Saugbewegungen entgegengeführt, um mit dem angenehmen Reiz in Berührung zu kommen1. Dies ver- anschaulichen die in Fig. 336 — 338 links abgebildeten Schemata der Fig. 336. Empfindlichkeit der Zunge für Süß und mimische Bewegung auf Süß.

Fig. 338. Empfindlichkeit der Zunge für Bitter und mimische Bewegung auf Bitter.

Zunge, die zusammen dem mitgetheilten Schema der Isochymen entsprechen, in- dem Fig. 336 den Verlauf der Empfindlichkeit für Süß, 337 den für Sauer, 338 den für Bitter angibt, wobei je- desmal die Dichtigkeit der eingezeichneten Punkte dem Grad der Empfindlichkeit für den Geschmacksstoff entspricht. Rechts von je- dem der drei Zungenbilder ist der zugehörige mimische Reflex dargestellt. Diese Bewegungen haben sich nun so fest mit den Ge- schmacksempfindungen associirt, dass ein reproducirtes Bild der letzteren, ohne die thatsächliche Einwirkung eines Geschmacksreizes, durch die Bewe- gung selbst schon entsteht. Sobald daher Affecte in uns aufsteigen, die mit Fig- 337- Empfindlichkeit der Zunge für Sauer und mimische Bewegung auf Sauer.

Ausdrucksbewegungen. 2Qi den sinnlichen Gefühlen, die an jene Empfindungen gebunden sind, eine Verwandtschaft besitzen, so werden die nämlichen Bewegungen ausgeführt, die dem Affect in der analogen Empfindung im Gebiet des Geschmacks- organs einen sinnlichen Hintergrund geben. Alle jene Gemüthsstim- mungen, die auch die Sprache mit Metaphern wie bitter, herbe, süß bezeichnet, combiniren sich daher mit den entsprechenden mimischen Be- wegungen des Mundes1. Einförmiger ist die Mimik der Nase. Hier wechseln nur Oeffnen und Schließen der Nasenlöcher, um bald die Auf- nahme angenehmer, bald die Abwehr unangenehmer Geruchseindrücke zu unterstützen, Bewegungen, die dann in ähnlicher Weise wie die mimischen Reflexe des Mundes auf alle möglichen Lust- und Leidaffecte übertragen werden 2.

c. Princip der Beziehung der Bewegung zu Sinnesvorstellungen.

Dieses Princip beherrscht wohl alle die Mienen und Geberden, die sich auf die zwei vorigen Grundsätze nicht zurückführen lassen. So werden die Ausdrucksbewegungen der xA.rme und Hände vor allem durch dieses Princip bestimmt. Wenn wir mit Affect von gegenwärtigen Personen und Dingen sprechen, weisen wir unwillkürlich mit der Hand auf sie hin. Ist aber der Gegenstand unserer Vorstellung nicht anwesend, so fingiren wir denselben irgendwo in unserm Gesichtsraum, oder wir deuten nach der Richtung, in der er sich entfernt hat. Gleicher Weise bilden wir in affectvollem Sprechen oder Denken Raum- und Zeitverhältnisse nach, in- dem wir das Große und Kleine durch Erhebung und Senkung der Hand, Vergangenheit und Zukunft durch Rückwärts- und Vorwärtswinken an- deuten. In der Empörung über eine Beleidigung ballen wir die Faust, selbst wenn der Beleidiger nicht anwesend ist, oder wir doch nicht ent- fernt die Absicht haben, ihm persönlich zu Leibe zu gehen; ja der Er- zähler, der Ereignisse einer fernen Vergangenheit berichtet, braucht die gleiche Bewegung, wenn ein ähnlicher Affect in ihm aufsteigt. Nach Darwins Ermittelungen scheint übrigens diese Geberde nur bei Völkern heimisch zu sein, welche mit den Fäusten zu kämpfen pflegen3. Bei heftigem Zorn kann sich die nämliche Bewegung mit der Entblößung der Zähne verbinden, als sollten auch diese zum Kampfe verwendet werden. Als Gegensatz zu dem aggressiven Emporrecken des Halses, wie es dem 1 Piderit, Wissenschaftliches System der Mimik und Physiognomik, 1867, S. 69. Experimentelle Vorschläge zur quantitativen Messung mimischer Ausdrncksbewegungen sind von R. Sommer gemacht und namentlich an der für viele Ausdrucks formen bedeut- samen Stirnmuskulatur angewandt worden, Beiträge zur psychiatr. Klinik. Bd. 1, 1902, 2Q2 Willens Vorgänge.