410 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
den Schlüsselöffnungen des Reagenten entsprechende Emporschnellen der Elektromagnetanker registrirt wird. Sobald der Experimentator das Empor- schnellen der Anker wahrnimmt, zieht er augenblicklich an dem Excentrik- hebel h den Schreibapparat in die contactlose Lage zurück. Geschieht dies hinreichend rasch, so lassen sich leicht etwa 2 2 Versuche auf einem Bogen registriren. Am Anfang und Ende einer solchen Versuchsreihe führt man dann in der oben angegebenen Weise je einen Controlversuch zur Bestim- mung des Zeitfehlers aus. Directe Prüfungen ergeben den wahrscheinlichen Fehler des einzelnen Versuchsresultates bei der Anwendung dieses Apparates zu ± o,na, den wahrscheinlichen Fehler des arithmetischen Mittels zu ± 0,03 ° (iff = o,oois). Die Feinheit und Genauigkeit ist also hier eine reichlich zehnmal so große als bei dem Hipp'schen Chronoskop1.
Wegen dieser Genauigkeit seiner Zeitangaben kann der Chronograph, ab- gesehen von seiner directen Verwendung zu psychologisch -chronometrischen Zwecken, auch als ein Hülfsmittel zur Controle aller anderen zeit- messenden Apparate, z. B. des Controlhammers (Fig. 358) angewandt werden. Doch wird dieser Zweck einfacher durch die oben (S. 399) er- wähnte directe Zeitgraduirung des Controlhammers durch eine schwingende Stimmgabel erreicht. In dieser Weise kann dann der Controlhammer in allen den Fällen, wo es sich bloß um Zeitcontrolen und nicht um directe graphi- sche Versuche handelt, den Chronographen ersetzen.
c. Der einfache Reactionsvorgang.
Der einfachste Fall für die Erfassung einer äußeren Sinnesvorstellung durch die Aufmerksamkeit ist offenbar dann gegeben, wenn wir den Ein- druck, der zur Vorstellung erhoben werden soll, erwarten, und wenn der letztere von einfacher und bekannter Beschaffenheit ist, also z. B. in einem einfachen Licht-, Schall- oder Tastreiz von bekannter Qualität und Stärke besteht. Einen durch einen solchen Reiz unmittelbar und ohne Einschaltung weiterer psychischer Zwischenglieder ausgelösten Reactions- vorgang nennen wir einen einfachen. Er enthält, wie oben bemerkt, als psychische oder psychophysische Theilvorgänge die Perception, die Apperception des Reizes und die Entwicklung des Willensimpulses. Unter ihnen fällt die Perception höchst wahrscheinlich mit der Erregung der centralen Sinnesflächen unmittelbar zusammen. Denn wir haben allen Grund anzunehmen, dass ein Eindruck, der auf ein Sinnescentrum ein- wirkt, dadurch an und für sich schon in dem allgemeinen Blickfeld des Bewusstseins liege. Eine besondere Thätigkeit, die wir auch subjectiv wahrnehmen, ist erst erforderlich, um nun einem solchen Eindruck die Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dass aber nicht minder die Apperception als ein psychophysischer Vorgang angesehen werden darf, lässt sich nach 1 Vgl. hierzu die nähere Beschreibung des Apparates sowie des zugehörigen Con- trolapparates von L. Lange, Philos. Stud. Bd. 4, 1888, S. 457.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. ^jj den früheren Erörterungen über die physischen Bedingungen der Auf- merksamkeit mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen (B. i, S. 320 fr.). Aehnlich verhält es sich endlich mit dem Willens impuls. Er ist mit dem Vorgang der Apperception nahe verwandt; denn die Willenserregung ist an die Apperception der auszuführenden Bewegung, sei es als re- productive, sei es als impulsive Apperception, unmittelbar gebunden (siehe oben S. 309). Wenn bei einer Willenshandlung die Art der Be- wegung nicht vorher fest bestimmt ist, so folgen beide Formen als successive Theilacte der Handlung auf einander: die reproductive geht der impulsiven Apperception der Bewegung voran, sie nimmt aber, wo es sich nicht etwa um einen Wahlvorgang handelt, nur eine sehr kurze Zeit in Anspruch. Ist dagegen, wie bei dem einfachen Reactions- vorgang, die Bewegung, die auf einen äußeren Eindruck folgen soll, genau vorausbestimmt und eingeübt, so wird die reproductive Apperception überhaupt hinwegfallen und daher der ganze Willensact in der unmittel- bar auf die Apperception des Eindrucks folgenden impulsiven Apper- ception bestehen. Hiernach wäre es offenbar eine höchst unwahrschein- liche Annahme, wenn man die Willenserregung für einen besonderen psychischen Act ansehen wollte, der abgelaufen sein müsse, sobald die motorische Erregung im Centralorgane beginne. Vielmehr ist der Vor- gang, der sich unserer Selbstbeobachtung als Anwachsen des Willens- impulses zu erkennen gibt, gleichzeitig eine centrale motorische Reizung. Auch die Willenserregung ist daher als ein psychophysischer Vorgang anzusehen.
Natürlich würde es von Interesse sein, die Perceptions-, Apper- ceptions- und Willenszeit, nachdem sie von den rein physiologischen Vorgängen der peripheren und centralen Nervenleitung gesondert sind, soweit als möglich einzeln zu bestimmen. Es lassen sich zwei Wege denken, auf denen dies zu versuchen wäre: man könnte 1) jeden der an- gegebenen Zeiträume für sich ermitteln und sie dann von der ganzen Re- actionsdauer in Abzug bringen, oder 2) verändernde Bedingungen ein- führen, die nur auf gewisse Theile des ganzen Vorganges von Einfluss sind, um daraus auf die zeitlichen Verhältnisse dieses Theilphänomens zu schließen. Doch der erste dieser Wege ist ungangbar, da sich keiner der genannten Bestandtheile aus dem Reactionsvorgang mit Sicherheit ausschalten lässt. Es bleibt daher auch hier, ähnlich wie bei der Sonderung der psychischen von den rein physischen Theilvorgängen (S. 385), nur der zweite Weg, die Variation der psychologischen Be- dingungen, übrig. Eine solche kann aber wieder in doppelter Weise geschehen: erstens dadurch, dass man auf den einfachen Reactionsvorgang selbst bestimmte Einflüsse einwirken lässt; und zweitens dadurch, dass a i 2 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
man ihn durch Einschaltung weiterer psychischer Bestandtheile in einen zusammengesetzten Reactionsvorgang überführt. Beide Methoden setzen demnach die Untersuchung der einfachen Reaction unter den oben festgestellten einfachsten Bedingungen voraus. Schon die Aufgabe dieser Untersuchung wird aber wesentlich darin bestehen, die Beziehungen zu erforschen, in denen die in der Selbstbeobachtung gegebenen subjectiven Erscheinungen zu den Veränderungen stehen, die je nach den besonderen Anlagen des Bewusstseins, vorangegangenen ähnlichen Handlungen u. s. w. die objectiv gemessenen Reactionszeiten erfahren. Durch die sorgfältige Beachtung dieser Beziehungen wird man hoffen dürfen, schon in die Ver- hältnisse jener in die einfache Reaction eingehenden Theilvorgänge und ihre wechselnde Bedeutung unter verschiedenen Einflüssen einen gewissen Einblick und damit zugleich eine Vorbereitung für die Analyse der com- plicirteren Fälle zu gewinnen.
Führt man solche Versuche unter objectiv gleich bleibenden Be- dingungen oft nach einander aus, so beobachtet man nun in der That, dass dabei keineswegs der Reactionsvorgang selbst immer der nämliche bleibt, sondern dass er sowohl in der subjectiven Beschaffenheit seiner psychischen Bestandtheile wie in seiner objectiven Zeitdauer beträchtlichen Schwankungen unterworfen sein kann. Nennen wir die Dauer eines Vor- gangs, der die drei Acte der Perception, Apperception und Willenser- regung, insbesondere die beiden letzteren, in deutlicher Aufeinanderfolge in sich schließt, eine vollständige Reactionszeit, so scheidet sich von dieser unter gewissen Bedingungen der Beobachtung regelmäßig eine ver- kürzte Reactionszeit, bei der zunächst der Process der Apperception des Eindrucks eliminirt ist, bez. erst eintritt, nachdem der motorische Impuls zur Ausführung der Reaction bereits erfolgt ist, worauf dann, bei noch weiter fortschreitender Einübung, auch die Acte der Perception und des Bewegungsimpulses zeitlich zusammenfallen, indem der letztere nicht mehr vom Willen ausgeht, sondern, sobald der Reiz einwirkt, vollkommen auto- matisch oder refiexartig ausgelöst wird. Dieser Unterschied der vollstän- digen und der verkürzten Reactionsform ist zuerst in Versuchen von L.
LANGE und N. LANGE über Schall- und Tastreactionen constatirt, und dann von L. Lange und GÖTZ Martius auch bei Gesichtsempfindungen nachgewiesen worden. Ist man erst auf den Unterschied beider Reactions- weisen aufmerksam, so kann man bei zureichender Uebung bis zu einem gewissen Grade willkürlich zwischen der einen und der andern wählen. Um möglichst vollständige Reactionszeiten zu gewinnen, muss nämlich die Aufmerksamkeit intensiv auf den erwarteten Sinneseindruck ge- richtet werden, wobei sich ihre Spannung immer zugleich durch Muskel- empfindungen des betreffenden Sinnesgebiets, z. B. in den Accommodations- Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. * j ■, und Augenmuskeln, dem tensor tympani, verräth. Will man dagegen einen verkürzten Reactionsvorgang erhalten, so ist es nöthig, die Auf- merksamkeit möglichst dem reagirenden Organ zuzuwenden und jeden Augenblick zur Bewegung bereit zu sein, was stets auch mit einer deut- lichen Empfindung in den reagirenden Muskeln verbunden ist. Wegen dieser Unterschiede in der Beobachtungsweise ist die vollständige Reaction als die sensorielle, die verkürzte als die muskuläre bezeichnet worden. Abgesehen von den angegebenen subjectiven Merkmalen beider und der längeren Dauer der ersteren gibt es übrigens auch zwei objective Merk- male, durch die sie sich unterscheiden: erstens kommen bei der musku- lären gelegentlich Fehlreactionen, d. h. Reactionen auf einen andern als den erwarteten Sinneseindruck, vor, bei der sensoriellen, so lange nicht ein Ueberspringen in die muskuläre Form stattfindet, niemals. Zweitens stellen sich, wenn, wie gewöhnlich, dem Eindruck ein Signal in constanter Zeit vorausgeht, bei der muskulären Reaction und bei unge- übteren Beobachtern leicht vorzeitige Reactionen ein, d. h. solche, die vor dem wirklich stattfindenden Eindruck schon eintreten. Diese Ver- hältnisse machen es wahrscheinlich, dass bei muskulären Reactionen zu- nächst wieder zwei Formen zu unterscheiden sind: solche erster Art, wo bloß die Apperception des Eindrucks eliminirt ist, bez. der ausgelösten Bewegung erst nachfolgt, während sich der Willensimpuls noch als psychophysisches Zwischenglied einschiebt; und solche zweiter oder extremer Art, wo auch dieses hinwegfällt, so dass nunmehr der ganze Vorgang zu einem Gehirnreflex wird, bei dem die Perception des Ein- drucks den Eintritt des Reflexes begleitet, und die Apperception sogar erst ein diesem nachfolgender psychischer Vorgang ist. Natürlich sind aber Uebergangsformen zwischen den sensoriellen und muskulären Re- actionsweisen nicht ausgeschlossen, da die Aufmerksamkeit entweder sich bis zu einem gewissen Grade zwischen Sinnes- und Bewegungsorgan theilen, oder — und dies wird von vornherein als das wahrscheinlichere gelten dürfen — in den verschiedenen Versuchen einer Reihe bald in der einen bald in der andern Richtung thätig sein kann. Selbstver- ständlich werden solche Uebergänge namentlich da sich geltend machen, wo man auf die Unterschiede der Reactionsweisen noch nicht aufmerk- sam geworden ist. Wir wollen diese, besonders auch bei minder geübten Beobachtern vorkommende Reactionsweise die »natürliche« Reaction nennen. Ein solches Schwanken zwischen den beiden regelmäßigen Reactionsweisen gibt sich dann stets in einer größeren Veränderlichkeit der Resultate zu erkennen.
Lassen sich die geschilderten Unterschiede der Reactionen, soweit sie sich auf die subjective Wahrnehmung der Theilvorgänge beziehen, von Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
einem geübten Beobachter schon in einer relativ kleinen Zahl von Ver- suchen feststellen, so verhalten sich nun aber die objectiven Werthe der Reactionsdauer sowie die Veränderungen, die sie je nach dem Vor- walten der sensoriellen oder der muskulären Reactionsweise erfahren, wesentlich anders. Hier erfährt nämlich die Dauer der Reaction bei beiden Reactionsweisen mit steigender Einübung eine Verkürzung, die erst nach vielen hunderten gleichartiger Versuche ihre nicht weiter über- schreitbare Grenze erreicht. Zugleich vermindert sich der Zeitunterschied zwischen sensorieller und muskulärer Reaction, indess sich qualitativ dieser Unterschied darin immer deutlicher ausprägt, dass die Uebergänge zwi- schen beiden Formen mehr und mehr schwinden. Unter diesen Um- ständen wird es noth wendig, die beiden Fälle der Reaction nach kurzer und der nach langer Einübung gesondert zu behandeln.
Ueber die Reactionsdauer nach kurzer Einübung gibt zunächst die folgende kleine Tabelle Aufschluss. Sie enthält eine Uebersicht der bei beiden Methoden der Aufmerksamkeitsspannung erhaltenen Werthe nach den Versuchen von L. LANGE1. Die Zeiten sind in Tausendtheilen einer Secunde angeführt. M bedeutet das arithmetische Mittel, mV die mittlere Variation der Einzelbeobachtungen, n die Anzahl der Versuche, D die Differenz der sensoriellen und der muskulären Reactionszeit2. Der Hauptreiz wurde jedesmal durch einen in einem Intervall von etwa 2 Se- cunden vorausgehenden Signalreiz angekündigt.
Sensorielle Reaction Muskuläre Reaction D Reagent M mV n M mV n Schall » Elektr. Hautreiz..
21 24 33 25 28 39 26 24 19 19 20 20 8 9 9 6 8 13 24 28 27 25 24 25 89 N. Lange Belkin L. Lange N. Lange L. Lange G. Martius 2 Ist M das Mittel aus den Beobachtungen a, 6, c, d. die mittlere Variation deren Zahl n ist, so ist wobei die einzelnen Differenzen sämmtlich positiv genommen werden. Die Berechnung des mittleren und des wahrscheinlichen Fehlers der Beobachtungen kann in diesem Fall im allgemeinen unterbleiben, da die zu beobachtenden Schwankungen vor allem auf Ab- weichungen in den psychophysischen Bedingungen der Beobachtung, in viel geringerem Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. AIS Diese Zahlen lehren, dass die Zeitdifferenzen der beiden Reactions- formen bei absichtlicher Herbeiführung derselben unter den hier obwalten- den Bedingungen relativ kurzer Einübung durchschnittlich 0,1* = iooff erreichen. Die mittlere Variation beträgt bei der sensoriellen Reaction etwa 20°", bei der muskulären nur io171. Zugleich ist sie beidemal in ihrer Größe so constant, dass sie, falls die Uebung der Beobachter und die Zahl der Beobachtungen hinreichend ist, ein sicheres Hülfs mittel für die Erkennung der Reactionsform abgibt2. Die individuellen Differenzen sind so gering, dass sie bei einer sehr großen Zahl von Ver- suchen möglicherweise verschwinden würden. Dagegen zeigt sich in Bezug auf die verschiedenen Sinnesgebiete namentlich zwischen dem Gesichtssinn und den übrigen Sinnen ein bemerkenswerther Unterschied, insofern die Lichtreactionen in beiden Fällen etwa um 60 — 8oa länger sind. Dieser Unterschied wird noch vergrößert, wenn die Lichtreize nicht, wie es in den mitgetheilten Versuchen geschah, bei erhelltem, sondern bei ver- dunkeltem Gesichtsfeld einwirken. Hiernach ist es wahrscheinlich, dass derselbe nur von den physiologischen Bedingungen der Sinnesreizung herrührt. In der That braucht ja die Netzhauterregung eine relativ große Zeit, um auf diejenige Größe anzuwachsen, bei der eine Empfindung stattfindet3.
Vergleicht man mit den mitgetheilten Ergebnissen die von früheren Beobachtern erhaltenen, bei denen die Verschiedenheit der Reactions- weisen nicht beachtet wurde, so stimmen dieselben in Bezug auf das zuletzt erwähnte Resultat, die langsamere Reaction auf Lichteindrücke, sämmtlich überein. Dagegen erscheinen die individuellen Unterschiede viel größer, wie dies die folgende Tafel an einigen Beispielen zeigt.
Maße aber auf eigentlichen Beobachtungsfehlern beruhen. Für die Schwankungen der ersteren Art ist aber der Werth mV ein zureichender Ausdruck.
1 Im Folgenden soll stets die ganze Secunde durch das Zeichen s (über der Zeile), der tausendste Theil einer Secunde aber nach dem Vorschlage von Cattell durch das Zeichen a angegeben werden, io17 ist also gleich 0,010*.
2 Einige Beobachter führen erheblich kleinere Werthe als die oben angegebenen für mV z.n. Man kann, wie ich glaube, annehmen, dass in solchen Fällen entweder die Anzahl der. Beobachtungen zu gering war und die wenigen gewonnenen Zahlen zufällig einander nahe lagen, oder dass willkürlich einzelne, scheinbar allzu weit abweichende Zahlen gestrichen wurden. Letzteres Verfahren ist jedoch zu missbilligen. Bei gewissen- hafter Anwendung lässt es den Werth des Mittels ziemlich unverändert; dagegen verliert dabei die Größe mV ihre diagnostische Bedeutung für die Erkennung der Reactionsform.
3 Vgl. Bd. 2, S. 196 f. Auf das Moment des langen Ansteigens der Netzhauterregung lässt sich wohl auch die Beobachtung von Exner beziehen, dass bei directer Reizung des Sehnerven durch den elektrischen Strom die Reactionsdauer kürzer war als bei der Licht- reizung der Netzhaut. Sie betrug bei ihm 0,114* im ersteren gegen 0,150* im zweiten Fall. (Pflügers Archiv, Bd. 7, S. 631.) Doch ist es bei derartigen Versuchen schwierig, nicht auf die gleichzeitige elektrische Hautreizung zu reagiren, namentlich wenn man, wie wahrscheinlich Exner, muskulär reagirt.
4 1 6 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Die Bedeutung dieser Zahlen kann nach den obigen Befunden kaum zweifelhaft sein. Die größeren Unterschiede haben augenscheinlich ihren Grund darin, dass die natürlichen Reactionen einzelner Beobachter mehr der vollständigen, andere mehr der verkürzten Form zuneigten. Die Zahlen von Exner und Cattell sowie die von von Kries und Auer- bach stimmen fast vollständig mit denen überein, die wir oben als mus- kuläre kennen lernten. Ich selbst weiß, dass meine eigenen früheren Reacdonen, abgesehen von gewissen noch zu erwähnenden Versuchsbe- dingungen, wesentlich sensorieller Art waren. Das nämliche dürfte bei den Zeiten von Hirsch und Hankel anzunehmen sein, während die Zahlen von DONDERS zwischen beiden in der Mitte stehen7.
Die Thatsache, dass schon bei einer relativ kleinen Anzahl einfacher Reactionsversuche neben dem absoluten Unterschied der Zeiten der Werth der mittleren Variation ein gewisses Kriterium für die Unterscheidung muskulärer und sensorieller Reactionen gewährt, lässt nun mit Sicher- heit annehmen, dass sich die Einzelwerthe einerseits zwischen weiteren Grenzen bewegen, anderseits aber auch innerhalb dieser Grenzen sich in ihrer Vertheilung abweichend verhalten werden. Für diese Vertheilung, die man bei collectiven Beobachtungen solcher Art als die » Streuung der Fälle« bezeichnet, gibt jedoch der Werth m V nur ein sehr ungefähres Maß ab, da er zwar den ungefähren Umfang dieser Streuung ermessen lässt, über die eigenthümlichen Vertheilungsgesetze aber keinen Aufschluss gibt. Auf diese Weise fordern jene Unterschiede der muskulären, der 2 von Kries und Auerbach, Archiv f. Physiologie, 1877, S. 359.
7 Unter den DoNDERS'schen Zahlen ist die Schallreaction entschieden sensoriell, während die Lichtreaction muskulär zu sein scheint. Eine solche verschiedene Reactions- weise für verschiedene Sinne ist durchaus nicht ausgeschlossen. Es kommen hierbei na- mentlich die Einflüsse der Uebung in Betracht, die, wie wir sehen werden, bei Nicht- beachtung dieser Verhältnisse den unwillkürlichen Uebergang von der sensoriellen zur muskulären Reactionsform begünstigen. Da nun Donders viel mehr Versuche auf Licht als auf Schall ausgeführt hat, so ist es sehr wahrscheinlich, dass bei ihm ein solcher Fall vorliegt, um so mehr da der Unterschied von bloß 8ff zwischen Schall und Licht sehr klein ist. Neben der absoluten Größe der Zeiten kann auch, wie oben bemerkt, die mittlere Variation zur Charakterisirung der Reactionsform dienen. So sind meine eigenen Reactionen durch den Werth mV '= 20, die von Cattell durch a^= 8 bis 10, jene als sensorielle, diese als muskuläre zu erkennen.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 417 sensoriellen und der zwischen beide sich einschiebenden »natürlichen« Reaction eine Ergänzung- der Durchschnittsbestimmungen, welche darin besteht, dass man die sämmtlichen in gleichförmiger Weise und, zur Wahrung der Constanz der Bedingungen, in einer kürzeren Zeit ausge- führten Einzelmessungen, in einer Häufigkeits- oder Streuungscurve ordnet. Zur Construction einer solchen genügt aber eine so kleine An- zahl von Beobachtungen, wie sie zur Bestimmung annähernder Mittel- werthe und mittlerer Variationen ausreicht, nicht mehr, sondern man sieht sich auf die Sammlung einer großen Zahl von Einzelwerthen hin- gewiesen.
Solch größere Versuchsreihen sind, unter Benutzung möglichst mo- mentaner Reize, für Lichteindrücke von N. ALECHSIEFF, für Schallein- drücke von R. Bergemann ausgeführt worden1. Dabei ergab sich zu- nächst ein nicht unbeträchtliches Herabgehen der Durchschnittswerthe der Zeiten und eine zunehmende Verminderung der individuellen Abweichungen bei der Einübung verschiedener Versuchspersonen auf eine bestimmte Reactionsweise. So fand Alechsieff, nachdem durch vorangegangene Einübungsversuche die völlige Constanz der Resultate erreicht war, bei sechs Beobachtern A — F folgende Mittelwerthe für die Dauer einer »na- türlichen«, d.h. ohne besondere Beeinflussung der Aufmerksamkeitsrichtung ausgeführten Reaction auf einen Lichteindruck2: A B C D E F Diese Zahlen sind, wie man sieht, durchschnittlich kleiner als die zwischen 224 und 150°" sich bewegenden Zeiten in der oben (S. 416) mitgetheilten Reihe natürlicher Reactionen auf Licht, die zum größten Theil auf Grund einer kleineren Zahl von Versuchen und einer geringeren Versuchsübung ausgeführt worden sind3. Als aber dann diese Beobachter nach einander auf die muskuläre Reactionsweise eingeübt wurden, fanden sich wiederum als Durchschnittswerthe aus 150 Versuchen bei allen Beobachtern ver- kürzte Zeiten, die fast genau übereinstimmend i50a betrugen. Zugleich 1 N. Alechsieff, Reactionszeiten bei Durchgangsbeobachtungen, Philos. Stud. Bd. 16, 1900, S. 15 ff. Die sehr zahlreichen im psychologischen Institut zu Leipzig ausgeführten Versuche von R. Bergemann harren noch einer eingehenden Bearbeitung. Ich theile im folgenden deren Hauptergebnisse nach der vom Verf. mir übergebenen Zusammenstellung und nach den von ihm entworfenen Häufigkeitscurven mit.
2 Der Lichteindruck war ein bei Tagesadaptation einwirkendes weißes Feld im Spalt- pendel (Fig. 361).
3 Eine Ausnahme macht unter jenen älteren Beobachtern nur Cattell, der ebenfalls viele hunderte von Beobachtungen ausführte und sich dabei offenbar, wie schon oben be- merkt, als »natürliche« Reaction die muskuläre angeeignet hatte. Bei ihm stimmt aber auch der Werth von 150^ genau mit dem von Alechsieff für diese Reactionsform ge- wonnenen mittleren Werth überein.
Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 27 4i 8 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
hatte die »Streuung« der Einzelwerthe bedeutend abgenommen, und die Häufigkeitscurve bildete daher eine fast genau symmetrisch zu ihrem Gipfelpunkt rasch ansteigende und wieder abfallende Curve1. Die Re- actionsweise gestaltet sich also bei der Einübung auf eine möglichst kurze muskuläre Reaction immer gleichförmiger, so dass schließlich die anfangs nicht unbeträchtlichen individuellen Unterschiede verschwinden, und die Abweichungen der Einzelversuche bei einem und demselben Beobachter wesentlich eingeschränkt werden. Nicht so leicht vollzieht sich die Ein- übung auf die sensorielle Reactionsweise. Sie ergab verhältnissmäßig günstige und gleichförmige Resultate nur bei solchen Beobachtern, deren natürliche Reaction schon dem sensoriellen Typus zuneigte, während bei andern von mehr muskulärem Typus leicht Rückfälle in diese ursprüng- liche Form stattfanden, so dass einigen die Einübung überhaupt unmög- lich wurde, bei allen aber eine verhältnissmäßig viel größere Streuung, nicht selten mit mehreren- Maximalwerthen zurückblieb. Als Durchschnitts- werth fand sich dann bei den Beobachtern, denen eine hinreichend voll- ständige Einübung gelang, eine Zeit von 240er, was auch hier wieder von den nach kürzerer Versuchsübung gewonnenen Zeiten der früheren Beob- achter (von ca. 290er) in dem oben bemerkten Sinne abweicht.
Noch erheblicher ist diese Erniedrigung der Reactionszeiten in den mit momentanen Schalleindrücken ausgeführten Versuchen von BERGE- MANN, was theils der noch erheblich größeren, bis zu 600 — 1200 Einzel- beobachtungen gehenden Zahl der Versuche einer Reihe, theils der exae- teren Gestaltung der Nebenbedingungen (Anwendung streng momentaner Reize, vollkommen gleiches Intervall zwischen Signal- und Hauptreiz) zu- geschrieben werden darf. Indem hierbei im allgemeinen von dem Princip ausgegangen wurde, die Versuche einer bestimmten Art an einem ein- zelnen Beobachter so lange fortzusetzen, bis die Ergebnisse hinreichend gleichmäßig geworden und die irregulären Verlaufsformen der Streuungs- curven möglichst verschwunden waren, darf aber wohl angenommen werden, dass in ihnen die Maxima möglicher Einübung und damit zu- gleich die Minima der jeder Reactionsform entsprechenden Zeiten an- nähernd erreicht wurden. So bewegen sich bei fünf Beobachtern die »natürlichen« Reactionszeiten auf Schall zwischen 100 und 128 er. Von diesen Werthen entspricht aber der unterste von 100er der von fast allen Beobachtern bei maximaler Uebung zu erreichenden muskulären, der oberste von etwa 128er ebenso der der sensoriellen Reactionszeit. Hier war also durch die Einübung nicht bloß die Dauer jeder dieser For-