5 Beispielsweise sei nur die Theorie G. E. Müllers erwähnt (mitgetheilt von Pilz- ecker, Die Lehre von der sinnlichen Aufmerksamkeit, Diss. Göttingen, 1889, S. 63 ff.). Müller nimmt an, bei beiden Reactionsformen seien verschiedene »Vorstellungsbilder« im Bewusstsein, denen sich die Aufmerksamkeit zuwende. Bei der sensoriellen sei dies das Reizbild, bei der muskulären das Bild der auszuführenden Bewegung. Ich glaube nicht, dass irgend Jemand, der wirklich Reactionsversuche ausgeführt hat, die Existenz dieser beiden Bilder wird bestätigen können. Was ich zunächst und dauernd im Bewusst- sein finde, ist, abgesehen von dem Erwartungsgefühl, bei der Vorbereitung zur sensoriellen Reaction die Spannung in den Accommodationsmuskeln des betreffenden Sinnesgebietes, die in der Regel auf angrenzende Muskelgebiete irradiirt, bei der Vorbereitung zur mus- kulären Reaction eine Spannungsempfindung in den Reactionsmuskeln. Dazu kann hinzu- treten als ab und zu kommendes und wieder verschwindendes blasses Bild: im ersten Fall eine unbestimmte, dem erwarteten Reiz entfernt ähnliche Empfindung, im zweiten Fall das blasse Bild des zur Reaction zu verwendenden Bewegungsorgans. Von einem Bild der Bewegung habe ich aber niemals etwas wahrgenommen. Der den Reactionsvorgang begleitende Gefühlsverlauf, der jenen als einen Willensvorgang charakterisirt, seine deutliche Ausprägung bei der sensoriellen und sein allmähliches Verschwinden bei der muskulären Reactionsweise, wird von Müller ganz ignorirt.
A 2 8 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
zeitig mit den centralen physiologischen Vorgängen auftreten, so kann man sich nun aber die Art des Uebergangs aus der einen in die andere Form immer noch auf verschiedene Weise physiologisch verständlich zu machen suchen. Ludwig Lange1, der Entdecker der typischen Verschiedenheit bei- der Reactionsformen, nahm an, nur bei der sensoriellen finde die Ueber- tragung der sensorischen in die motorische Erregung erst in der Großhirnrinde ' statt; bei der muskulären erfolge sie schon in einem untergeordneten Centrum, wahrscheinlich im Cerebellum, möglicherweise auch in den Mittelhirnganglien. Ich glaube nicht, dass die hierfür beigebrachten Argumente beweisend sind, oder auch nur die aufgestellte Hypothese wahrscheinlich machen. Gewiss hat Lange recht, wenn er es für wahrscheinlich hält, dass bei der muskulären Reaction die Uebertragung schon in einem niedereren Centrum erfolge, oder dass doch jedenfalls bei ihr Einflüsse hinwegfallen, die bei der sensoriellen von einem höheren, mit den Willensleistungen in näherem Zusammenhang steherden ausgehen. Aber Centren verschiedener Ordnung gibt es auch zweifellos in der Großhirnrinde. Wenn die muskuläre Reaction annähernd gleichzeitig mit dem Auftreten der Empfindung erfolgt, so steht nichts im Wege anzunehmen, dass da, wo die bewusste Empfindung ausgelöst wird, im primären Sinnescentrum der Großhirnrinde, auch die Uebertragung erfolgt. Die bei der sensoriellen Reaction vorhandene Verzögerung, durch die z. B. Fehlreactionen verhütet werden, scheint mir aber am ehesten auch hier der Annahme einer vom Apperceptionscentrum ausgehenden Hemmungswirkung zu entsprechen, die so lange andauert, bis der in diesem Centrum anlangende Signalreiz eine partielle Lösung derselben bewirkt. Hiermit scheint mir zugleich der meist bei der »natürlichen Reaction« stattfindende fortwährende Wechsel zwischen beiden Reactionsweisen am besten vereinbar zu sein. Denn es ist leicht verständlich, dass eine solche Hemmung bald versagen bald wirksam sein kann; es ist aber schwer begreiflich, dass zwischen einem bloß in einem subcorticalen Centrum ausgelösten Reflex und einer Function der Großhirn- rinde solche Uebergänge vorkommen sollen.
Beobachtungen über den Einfluss der Intensität und Qualität der Reize auf die Reactionsdauer, bei denen auf die Unterschiede der typischen Reactionsweisen Rücksicht genommen wäre, liegen noch nicht vor. Insofern man aber bei den sorgfältiger und in größerer Anzahl ausgeführten Versuchen stets die »natürliche« Reactionsweise in ihrer bald dem einen bald dem an- dern Extrem sich mehr annähernden Beschaffenheit voraussetzen darf, bleiben auch solche Versuche um so eher bis zu einem gewissen Grade verwerthbar, je mehr sich aus der Reactionsdauer selbst und der mittleren Variation auf die Art der Ausführung zurückschließen lässt.
So zeigen zunächst die Beobachtungen über den Einfluss der Reiz- intensität bei der Reizschwelle ein Maximum der Reactionszeit, während zugleich die mittlere Variation erheblich vergrößert ist. Für Schall-, Licht- und Tasteindruck fand ich nämlich folgende Werthe aus je 24 Einzelversuchen: Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.
Reizschwelle: Schall Licht Tastempfindung.
Mittel Diese Zahlen scheinen zugleich anzudeuten, dass die Unterschiede der verschiedenen Sinne in der Nähe der Reizschwelle verschwinden1. Bei den schwächsten Reizen ist es in der That kaum möglich, anders als sensoriell zu reagiren, weil bei ihnen die äußerste Spannung der Aufmerksamkeit auf den Sinneseindruck gerichtet sein muss. Dem entspricht es, dass hier auch solche Beobachter, die sonst sich der verkürzten Reactionsweise bedienten, ähnlich hohe Werthe erhielten2. Von der Reizschwelle an nimmt dann bei wachsender Reizstärke die Reactionszeit sehr rasch ab, um nun bei weiterer Zunahme des Eindrucks entweder ganz oder annähernd constant zu bleiben. Dies erhellt aus den von G. O. Berger für Licht-, Schall- und Hautreize und von G. Martius für Klänge und Geräusche erhaltenen Werthen, unter denen aber nur die Lichtreactionen bis nahe an die Reizschwelle heranreichen.
Lichtintensität I (Schwelle) II III IV V VI (lOOO) VII VIII Reactionszeit.. Mittlere Variation 26 18 16 15 15 17 18 16 IL ächallreactionen (G. Martius) 4.
C c* Geräusch Schwach.
1 Bei dem Lichteindruck war die Verzögerung durch Adaptation ausgeschlossen, da als Reiz ein schwacher elektrischer Funke bei Tagesbeleuchtung diente.
2 So Berger und Cattell, vgl. Berger, Philos. Stud. Bd. 3, 1886, S. 63.
3 Als Lichtquelle diente eine aus einem Gemisch von Schwefelcalcium und Schwefel- Strontium hergestellte PüLUj'scbe Röhre, die bei Durchleitung des Inductionsstroms ein nahezu vollkommen weißes Licht gab. Die Stufe VI entspricht der vollen Intensität dieser Lichtquelle, die Stufen I — V wurden durch verdunkelnde graue Gläser, VII und VIII durch Concentrirung des Lichts mit Hülfe von Sammellinsen erhalten. Die photometri- schen Werthe der verdunkelnden Gläser, bezogen auf die Intensität VI = 1000, sind in Klammern beigefügt. Die Zahlen sind Mittelwerthe aus je 150 Versuchen. Da die Er- leuchtung im Dunkeln vorgenommen wurde, so ist ein positiver Adaptationsfehler anzu- nehmen, der aber wahrscheinlich im Verhältniss zur Reactionszeit klein ist.
4 G. Martius, Philos'. Stud. Bd. 7, 1892, S. 469 ff. Aehnliche Resultate erhielt Slattery (Yale Laboratory, vol. 1, 1892, p. 71), ebenso, jedoch mit der Reizstärke etwas schneller abnehmende G. O. Berger (Philos. Stud. Bd. 3, 1886, S. 85).
Bewusstsein und Vorstellungsverlauf. III. Elektrischer Hautreiz (G. O. Berger)1.
Intensitätsstufe I II III IV Mittlere Variation...17 14 12 II Nur bei sehr starken, der Reizhöhe nahe liegenden Eindrücken tritt, wie ich beobachtete, wieder eine Abweichung von der Constanz der Reactions- dauer ein, indem bei solchen, namentlich wenn in der sensoriellen Form reagirt wird, abermals eine unter Umständen erhebliche Verlängerung erfolgt2. Diese Erscheinung ist offenbar ein an den Affect des Erschreckens und die von ihm ausgehende Störung der Coordination der Bewegungen gebundenes Hemmungsphänomen. Es ist möglich, dass dasselbe bei der muskulären Reactionsform, namentlich wenn sie ganz den Typus eines Gehirnrenexes an- genommen hat, ausbleibt. Hieraus erklärt sich vielleicht, dass Exner dieses Phänomen nicht beobachten konnte3. Bei der sensoriellen Reaction geht der Affect des Schrecks der Reaction voraus, so dass er den Eintritt derselben verzögert; bei der muskulären folgt er wahrscheinlich erst der Auslösung des motorischen Impulses nach, so dass er auf diesen keinen Einfluss mehr aus- üben kann. Die erörterte zwischen den Grenzen des Minimal- und Maximal- reizes bestehende durchschnittliche Constanz der Reactionszeit zeigt deutlich, dass diese wesentlich von psychophysischen, mit der Aufmerksamkeit im Zu- sammenhang stehenden Vorgängen abhängt, und dass auf sie die Leitungsver- hältnisse in den Nervenfasern, die, wie die Untersuchung der Leitungsgeschwindigkeit zeigt, keineswegs unabhängig von der Reizstärke sind, wahrscheinlich keinen erheblichen Einfluss haben. Mit den bekannten Eigenschaften der Auf- merksamkeit steht es aber durchaus im Einklang, dass, sobald ein Eindruck nur einmal eine für die Apperception günstige Stärke erreicht hat, die weitere Verstärkung keine weitere Beschleunigung seiner Auffassung herbeiführt. Denn im Grunde ist dies Verhalten nur eine Folge der früher (S. 338 ff.) erörterten Thatsache, dass innerhalb gewisser Grenzen schwächere und stärkere Eindrücke gleich klar und deutlich appercipirt werden können. Ebenso erklärt sich aus der Voraussetzung, dass die sensorielle Reactionszeit ihrem wesentlichsten Theile nach Apperceptionszeit ist, ohne weiteres die plötzliche Verlängerung bei Minimalreizen einerseits und- bei Maximalreizen anderseits; dort wird mit Anstrengung der Eindruck über die Aufmerksamkeitsschwelle gehoben, hier trifft er einen ihm nicht adaptirten Zustand der Aufmerksamkeit an und be- wirkt wahrscheinlich außerdem noch secundäre, in dem begleitenden Affect ihren Ausdruck findende Störungen.
Ein Einfluss der Reizqualität auf die Reaction ist innerhalb der Qualitäten der beiden höheren Sinnesgebiete, des Gesichts- und Gehörssinns, entweder überhaupt nicht zu finden: so bei den Farben, wo G. O. Berger 2 Vgl. auch Martius, Philos. Stud. Bd, 7, ii 3 Exner, Pflügers Archiv, Bd. 7, S. 619.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.
deutliche Unterschiede nicht nachweisen konnte1; oder diese sind verhält- nissmäßig klein: so bei Schallreizen, wo Götz Martius bei Klängen eine etwas längere Reactionszeit fand als bei momentanen Geräuschen, welcher Unterschied übrigens nicht sowohl von der Qualität als von der verschiede- nen Dauer herrühren dürfte, da wahrscheinlich auf allen Sinnesgebieten ein momentaner Reiz eine raschere Reaction zur Folge hat als ein dauernder. Bei Klängen von 33 — 2 112 Doppelschwingungen in der See. nahm die Re- actionszeit mit wachsender Tonhöhe etwas ab, ohne dass jedoch eine regel- mäßigere Beziehung zwischen Schwingungsgeschwindigkeit und Reactionszeit zu erkennen war. Dies zeigt die folgende Zusammenstellung der an drei Be- obachtern (I — III) gewonnenen Ergebnisse2.
Beobachter Schwingungszahl Geräusch 33 I II III Viel bedeutender sind die Unterschiede zwischen disparaten Sinnes- qualitäten. Zugleich drängen sich aber hier die abweichenden physio- logischen Bedingungen der Sinneserregung so sehr in den Vordergrund, dass dagegen die etwaigen psych ophysischen Unterschiede, falls solche über- haupt vorhanden sein sollten, jedenfalls ganz verschwinden. Dies gilt bis zu einem gewissen Grade schon von den oben bereits besprochenen Diffe- renzen zwischen Schall und Licht, ganz besonders aber von den bei den Geschmacks-, Geruchs- und Temperaturreizen beobachteten Reactions- zeiten, die durchweg sehr groß sind, was aber in allen diesen Fällen wahr- scheinlich von der Zeit herrührt, deren die Reize bedürfen, um durch Diffusion oder Wärmeleitung zu den peripheren Endorganen durchzudringen. So fanden von Vintschgau und Hönigschmied die Reactionszeit für Geschmacksreize im allgemeinen, zugleich aber individuell viel schwankender als diejenige für Licht-, Schall- und Tastreize. Bei zwei Versuchspersonen ergaben sich z. B. bei Prüfung der Zungenspitze folgende Zahlen: I II Zucker...163,9 752 Trotz der großen individuellen Unterschiede blieb also die Reihe, in der sich die Substanzen nach der Reactionszeit folgen, die nämliche3. Diese Götz Martius, Philos. Stud. Bd. 6, 1891, S. 394 ff.
von Vintschgau und Hönigschmied, Pflügers Archiv, Bd. 10, S. 29, 38.
Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Reihe verschob sich jedoch, wenn statt der Zungenspitze der Zungengrund ge- prüft wurde: es wurde dann auf die verschiedenen Stoffe annähernd in der gleichen Zeit, auf das Chinin aber sogar noch etwas schneller als auf den Zucker reagirt1. Der Zusammenhang dieser Erscheinung mit den Unterschie- den der Reizempfindlichkeit der einzelnen Zungentheile ist augenfällig (vgl.
Ueber die Reactionszeit auf Geruchsreize liegen Versuche von Beaunis2, Buccola3 und Moldenhauer4 vor. Der Letztere fand bei zwei Versuchs- personen folgende Werthe: I II Rosenöl 199 330 Größere Zeiten erhielt Beaunis (zumeist 400 — 8ooa), während die von Buc- cola zwischen beiden in der Mitte stehen (230 — 680). Zum Theil mögen die in diesem Fall kaum vermeidlichen Fehlerquellen der technischen Aus- führung diese Differenzen verschulden. Bei Temperaturreizen fanden Gold- scheider sowie von Vintschgau und Steinach stets längere Zeiten als bei Druckreizen, und zugleich wieder für Wärme größere als für Kälte. Dabei war außerdem die Reactionszeit von der Hautstelle abhängig, indem z. B. die größere Temperaturempfindlichkeit der Gesichtshaut auch in der kürzeren Reactionszeit sich aussprach. Dies erhellt aus folgender Zusammenstellung: Körperregion GOLDSCHEIDER von Vintschgau Steinach Wärme Kälte Wärme Kälte Wärme Kälte Gesicht...Obere Extremität Carpalgegend.
Der Wärmereiz bestand in der Berührung eines bis gegen 500 C. er- wärmten, der Kältereiz in der eines auf 2 — 6° abgekühlten kleinen Wasser- behälters, dessen Temperatur thermometrisch bestimmt wurde. Die gleich- zeitig ausgeführten Reactionen auf Druckreize ergaben bei von Vintschgau 119 — 126er, bei Steinach 107 — 128 a, woraus wohl auf eine vorwiegend muskuläre Reactionsweise dieser Beobachter zu schließen ist. Größere Zeit- werthe erhielten dieselben, wenn der Temperaturunterschied des Eindrucks und der Hautstelle nur ein geringer war5. Ebenso scheint bei einer starken 2 Beaunis, Recherches exper. sur les conditions de l'activite cerebrale etc. 1884, p. 49.
3 Buccola, Sulla durata delle pereezioni olfattive, Archiv, ital. per le malattie ner- 5 Goldscheider, Archiv f. Physiol. 1887, S. 473. von Vintschgau und Steinach, Pflügers Archiv, Bd. 41, S. 367, Bd. 43, S. 152 ff.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. ä.'XT, Verkleinerung der Berührungsfläche des Temperaturreizes die Reactionsdauer erheblich zuzunehmen. So fand A. Lehmann bei bloß punktuellen Reizen eine Wärmereaction bis zu 900 ffl. Der Zeitunterschied der Druck- und Temperaturreactionen entspricht übrigens der bekannten Erscheinung, dass man bei der Berührung zuerst den Druck und dann nach einem deutlichen Intervall die Temperatur des berührenden Körpers zu empfinden pflegt. Bei sehr hohen oder niedrigen Temperaturreizen folgt endlich der Temperatur- empfindung nach einem mehr oder minder großen Intervall die Schmerz- emp findung. Lässt man Schmerzreactionen ausführen, so sind daher die gewonnenen Zeiten sehr groß, zugleich aber außerordentlich schwankend2.
d. Veränderungen der einfachen Reaction durch psychische Einflüsse.
Für die Würdigung der in den einfachen Reactionsvorgang ein- gehenden psychischen Acte sind die Veränderungen von besonderer Bedeutung, die in dem subjectiven Verlauf und in der Dauer desselben durch solche Einflüsse entstehen, denen wir eine directe oder indirecte Wirkung auf die Bewusstseinsfunctionen selbst, vor allem auf die Acte der Perception, Apperception und der Willenserregung zuschreiben können.
Unter diesen Einflüssen steht der der Erwartung voran. Die stärksten Reize haben, wie wir sahen, selbst dann, wenn sie erwartet werden, zumeist eine erschreckende Wirkung, weil die vorbereitende Span- nung der Apperception nicht zureicht, dem Reiz sich anzupassen, und daher ein solcher Reiz stets stärker empfunden wird, als er erwartet wurde (S. 429), Unerwartete Eindrücke können nun, auch wenn sie von mäßiger, ja sehr geringer Stärke sind, eine dem Schreck verwandte Wirkung hervorbringen. Selbst wo dieser hemmende Affect ausbleiben sollte, kann aber offenbar bei unerwarteten Eindrücken die Reactions- zeit aus zwei Gründen verlängert erscheinen: erstens, weil unter diesen Verhältnissen der Reactionsvorgang häufiger ein sensorieller ist, und zweitens, weil namentlich dieser vollständige Reactionsvorgang durch den Mangel einer angemessenen vorbereitenden Spannung der Aufmerksam- keit verzögert wird. So fand G. DwELSHAUWERS in Versuchen, bei denen einem Schallreiz bald in constanter Zeit ein Signal voranging bald nicht, durchschnittlich folgende Werthe der angeblich, d. h. nach der beabsichtigten Adaptationsrichtung der Aufmerksamkeit, sensoriellen und muskulären Reaction: 1 Alfr. Lehmann, Die Hauptgesetze des Gefühlslebens, S. 40 ff.
2 Dessoir, Archiv f. Physiol. 1892, S. 306 ff. Tanzi, Rivista di Philosophia scienli- Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 28 a ja Bewusstsein und Vorstellnngsverlauf.
I II Sensorielle R. Muskuläre R.
Mit Signal 279 136 Die größere Differenz bei der muskulären Reaction rührt wohl davon her, dass der U ebergang in eine reflexartige Bewegung überhaupt nur möglich ist, wenn ein Signal in fest bestimmter Zeit vorangeht. Zugleich sind bei beiden Reactionsformen die Schwankungen der Zeiten viel größer, wenn der Eindruck nicht signalisirt wird, was sich mit den früher (S. 366 ff.) behandelten Schwankungen der Aufmerksamkeit in Beziehung bringen lässt. Geht nämlich ein Signal in fest bestimmter Zeit voran, so ist man leicht im stände, das Spannungsmaximum einer Schwankungsperiode mit der Apperception des Eindrucks zusammenfallen zu lassen, während der Reiz, wenn er unsignalisirt eintritt, abwechselnd mit verschiedenen Mo- menten zusammentreffen kann. Dem entspricht es, dass auch die Größe eines constant erhaltenen Intervalls auf die Schnelligkeit und Gleichmäßig- keit der Reactionen von einem gewissen, wenn auch geringeren Einflüsse ist. So fand DwELSHAUWERS, der bei den drei Intervallen von i1/,,, 3 und 6 See. zahlreiche Versuche an mehreren Beobachtern ausführte, dass durchweg das Intervall von 1 z/2 See. das günstigste war. Dies stimmt mit andern Beobachtungen überein, die sämmtlich ein Intervall zwischen 1 und 2 See. als den geeigneten Spielraum ergaben. Ist die Zeit kürzer, so kann eine hinreichende Spannung der Aufmerksamkeit nicht mehr ein- treten, ist sie länger, so machen sich die oben bemerkten Schwankungen geltend. Für den Einfluss der letzteren ist es bezeichnend, dass, sobald die Eindrücke unsignalisirt erfolgen, das größere oder geringere Streben, die Aufmerksamkeit zu spannen, zwar auf die Dauer, nicht aber auf die Regelmäßigkeit der Reaction von Einfluss ist, so dass in diesem Fall die mittleren Variationen im ganz unaufmerksamen Zustande nicht größer sind, als wenn versucht wird fortwährend aufmerksam zu sein1. Eine be- sonders fördernde Wirkung auf die Verkürzung sowie auf die Regelmäßig- keit der Reactionen scheint endlich die regelmäßige rhythmische Wie- derholung der Reactionen auszuüben, wenn diese Wiederholung in den für das Verhältniss zwischen Signal und Eindruck günstigen Intervallen erfolgt. Zugleich zeigt dabei die Reaction die Tendenz, mehr und mehr in die muskuläre Form überzugehen2.
Sobald der Reactionsvorgang ein extrem muskulärer geworden ist, 3 Dwelshauwers, Philos. Stud. Bd. 6, 1891, S. 217 ff.
2 Awramoff, Philos. Stud. Bd. 18, 1903, S. 535 ff. Zu bemerken ist allerdings, dass bei den Versuchen A.'s zugleich Gewichtshebungen stattfanden.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 42c können sich nun noch zwei weitere Erscheinungen mit ihm verbinden, die deshalb von Bedeutung sind, weil sie auf die Natur der muskulären Reaction ein gewisses Licht werfen. Die erste dieser schon oben (S. 413) kurz erwähnten Erscheinungen ist die der Fehlreactionen, die zweite die der vorzeitigen Reactionen. Fehlreactionen sind solche, die auf einen andern als den zu registrirenden Eindruck erfolgen. Hat die muskuläre Spannung ihren höchsten Grad erreicht, so kann sie durch jede Erregung irgend welcher Art ausgelöst werden: statt auf einen be- stimmten Schall wird z. B. auf irgend einen andern gleichgültigen, oder statt auf Licht wird auf einen zufälligen Schalleindruck reagirt, u. s. w. Solche Fehlreactionen können offenbar als sicheres Anzeichen dafür be- trachtet werden, dass der Reiz nicht vor, sondern erst nach erfolgtem Bewegungsimpuls appercipirt wird. Bei sensorieller Reactionsweise sind Fehlreactionen nicht möglich. Andere Eindrücke können hier eine Stö- rung hervorbringen, die etwa die Reaction auf den eigentlichen Reiz, wenn er rasch darauf folgt, verzögert (s. unten); niemals aber bewirkt diese Störung selbst die Auslösung eines Bewegungsimpulses. Vorzeitige Reactionen sind solche, die nicht auf einen andern Reiz, gleichwohl jedoch entweder früher als der erwartete oder gleichzeitig mit ihm oder so schnell nach ihm erfolgen, dass sie unmöglich in dem Reize selbst ihre Ursache haben können. Sie sind, während Fehlreactionen sowohl bei vorher signalisirten wie nicht signalisirten Eindrücken vorkommen, nur dann möglich, wenn dem Eindruck ein Signal in einer constanten, nicht zu kurzen Zeit vorangeht. Bei extrem muskulärer Reactionsweise stellt sich leicht die Gewohnheit ein, dass man unbewusst nicht auf den Reiz, sondern auf das Maximum der Aufmerksamkeitsspannung, mit dem sich wohl in der Regel auch das Erinnerungsbild des Reizes verbindet, reagirt. Man erhält so Reactionen, die um den Werth Null auf- und abschwanken, und die augenscheinlich nicht die wirkliche Reaction, son- dern eher die Schwankungen unseres Zeitbewusstseins in Bezug auf die zwischen Signal und Eindruck verfließende Zwischenzeit messen. Auch vorzeitige Reactionen sind nur bei muskulärer Reaction möglich, da nur bei ihr die Reactionsbewegung so vorbereitet ist, dass sie durch die maximale Spannung der Aufmerksamkeit selbst ausgelöst werden kann. Wo solche Reactionen, wie in manchen älteren Versuchen, sehr häufig vorkommen, da kann man daher sicher sein, dass sich die Beobachter vorwiegend der muskulären Reactionsform bedienten1.
1 Vgl. z. B. von Krjes und Auerbach, Archiv f. Physiologie, 1877, S. 306.
436 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Zu den Reactionen mit einem dem Hauptreiz in fest bestimmter Zeit vorausgehenden Signal gehören schließlich auch die sogenannten Durch - gangsbeobachtungen, wie sie bei der astronomischen Registrirung der Sterndurchgänge durch den Meridian des Beobachtungsortes oder bei den diesen nachgebildeten Reactionsversuchen auf irgend einen andern be- wegten Gesichtsreiz stattfinden. Diese letzteren bieten zugleich den Vor- theil, die Bedingungen in weiterem Umfang variiren, und namentlich auch den, die absoluten Zeiten zwischen dem entscheidenden Bewegungsmoment und der Reaction auf denselben messen zu können, während man bei den astronomischen Registrirungen bloß aus der »persönlichen Differenz« der Beobachter auf den Spielraum der individuellen Unterschiede zurückzu- schließen vermag. Solche künstliche Durchgangsbeobachtungen lassen sich leicht unter Benutzung eines Kymographions ausführen, auf dessen Trommel ein weißes Papier befestigt ist, auf dem sich das als Reiz be- nutzte Object befindet. Am besten dient als solches ein schwarzer oder rother Punkt, der groß genug ist, um vollkommen deutlich gesehen zu werden, aber doch keine merkliche Fläche einnimmt, weil letzteres die Registrirung unsicher macht1. Man beobachtet nun aus angemessener Entfernung die rotirende Trommel durch ein wenig oder gar nicht ver- größerndes astronomisches Fernrohr, in dessen Ocular sich ein Fadenkreuz befindet, und reagirt in der gewohnten Weise in dem Moment, wo der Punkt den Verticalfaden passirt. Als Signal des kommenden Eindrucks kann demnach in diesem Fall das Auftauchen des Punktes im Gesichts- feld des Fernrohrs betrachtet werden. Damit dasselbe sofort bei seinem Eintritt deutlich sei, darf das Gesichtsfeld den Umfang des centralen Seh- feldes nicht allzu weit überschreiten. Die Zeit, die vom Eintritt des Punktes bis zu seinem Durchgang durch den Faden verfließt, ist dann das Intervall zwischen Signal und Eindruck. Aber der Unterschied von den Versuchen mit momentanen Reizen und Signalen besteht hier darin, dass der Signalreiz nicht wieder verschwindet, sondern selbst continuirlich in den Hauptreiz übergeht. Dadurch befindet sich die Aufmerksamkeit unter einer wesentlich andern Bedingung: sie ist nicht auf einen noch nicht vorhandenen, jedoch in einem bekannten Zeitintervall erwarteten Reiz gespannt, sondern sie verfolgt selbst den Eindruck und ist nur auf dessen Coincidenz mit einem andern, ebenfalls fortwährend vorhandenen, dem des Fadens, gerichtet. Eine Spannung ist also hier wie dort vorhanden, aber sie weicht im gegenwärtigen Fall darin ab, dass sie wegen der fort- währenden Gegenwart der Objecte viel bestimmter auf den Reizeintritt