SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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1 N. Alechsieff, Reactionszeiten bei Durchgangsbeobachtungen, Philos. Stud. Bd. 16, Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 437 gerichtet ist. Dies bewirkt denn auch bei ungeübten Beobachtern, dass in nicht geringer Zahl verfrühte Reactionen erfolgen. Solche verschwinden jedoch bei einiger Uebung sehr bald, und es zeigt sich nun deutlich, dass die Bedingungen für die präcise Spannung der Aufmerksamkeit und dem- nach auch für eine gleichförmige Reaction wesentlich günstiger werden, als wenn Signal und Eindruck verschieden und durch eine reizfreie Zwischenzeit getrennt sind. Namentlich gilt dies dann, wenn bei fixiren- dem, dauernd auf den Durchgangsfaden des Fernrohrs gerichtetem Blick beobachtet wird, während sich die Bedingungen im ganzen ungünstiger gestalten, wenn das bewegte Object selbst mit dem Auge verfolgt wird, oder wenn der Blick hin und her schweift1. Höchst bezeichnend für die Natur der Reactionsvorgänge und insonderheit der in sie eingehenden Aufmerksamkeitsphänomene ist nun aber die Art, wie sich diese größere Präcision in der Streuungscurve zu erkennen gibt. Geht man nämlich auch hier von der »natürlichen« Reactionsform aus, so besteht der Unter- schied der Durchgangsbeobachtung von der gewöhnlichen Reaction nicht etwa darin, dass in jener eine vollkommenere Annäherung an eine der beiden einseitigen Formen stattfindet, dass also die Curve einheitlicher, sei es muskulär sei es sensoriell, wird, sondern sie besteht umgekehrt darin, dass sich die in den meisten Fällen nur schwach angedeutete Doppelnatur der Streuungscurve der natürlichen Reactionen, ihre 'zwei- gipflige Beschaffenheit, viel schärfer ausprägt, so dass in vielen Fällen die beiden Gipfel annähernd gleich hoch werden. Die Erscheinung ist also die, dass sich bei der Durchgangsbeobachtung von selbst ganz die- selbe Wirkung einstellt, als wenn man bei der Reactionsweise auf mo- mentane Eindrücke einen Beobachter, dessen natürliche Reaction einem der beiden einseitigen Typen zuneigt, auf den entgegengesetzten sich ein- üben lässt. Es entstehen so ohne weiteres Curven, wie sie C in Fig. 366 und B in Fig. 367 oder aber die Uebergangsstadien in B, C, D in Fig. 368 zeigen2. Ja diese Begünstigung der doppelten Reactionsform bei den Durchgangsbeobachtungen ist offenbar viel größer als der Effect der Uebung; denn sie gibt sich sofort zu erkennen, und tritt selbst bei solchen Personen hervor, bei denen die Tendenz zu muskulärer, automatischer Reaction so stark ist, dass sie sich auf den sensoriellen Typus gar nicht einzuüben vermögen. Die zweigipfelige Streuungscurve, die 1 Bemerkenswerth ist dabei zugleich, dass die uns aus andern Erscheinungen (Bd. 2, S. 562) bekannte Erleichterung der Einwärts- gegenüber der Auswärtsbewegung des Blicks auch hier in der größeren Präcision der Beobachtungen im ersteren Falle zur Geltung kommt. Vgl. Alechsieff,- a. a. O. S. 36 ff., Taf. II Fig. 11 — 13.

2 Vgl. Alechsieff, a. a. O. Taf. I Fig. 1 und 8. Dabei ist zu beachten, dass bei A. wegen der von ihm gewählten relativ großen Abscisseneinheit (ioff) in der natürlichen Reaction (B Fig. 1) der secundäre Gipfel ganz verschwindet. (Vgl. oben S. 422 Anm.)

438 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

man hier durch Einübung nicht gewinnt, tritt bei den Durchgangs- beobachtungen nach verhältnissmäßig wenig Versuchen hervor. Diese Ergebnisse bestätigen erstens den oben aus der allgemeinen Beschaffen- heit der Streuungscurven gezogenen Schluss, dass die meist größere Breite der Schwankungen bei den gewöhnlichen natürlichen Reactionen in der theilweisen Superposition der beiden Reactionsformen ihren Grund hat; und sie lehren zweitens, dass die beiden von einander abweichenden Aufmerksamkeitsrichtungen, die jenen Formen zu Grunde liegen, bei den Durchgangsbeobachtungen beide begünstigt werden, so dass sie sich viel schärfer als bei den gewöhnlichen Reactionen von einander abheben. Die veränderten Bedingungen der Beobachtung machen dies vollkommen be- greiflich. Wo der Eindruck, wie bei momentanen Reizen, weniger sicher in einem fest bestimmten und vorausgesehenen Moment erwartet werden kann, da bildet sich naturgemäß leicht die Gewohnheit aus, die Aufmerk- samkeit nur in einer Richtung, sei es sensoriell sei es muskulär, zu spannen, oder doch nur ausnahmsweise in die andere Richtung abzu- schweifen. Bei der Durchgangsbewegung sucht man dagegen fortwährend so viel wie möglich auf den Gesichtseindruck und auf das reagirende Organ gleichzeitig einzustellen, und da nun eine solche zweiseitige intensive Spannung unmöglich ist, so entstehen Apperceptionswellen, wie wir sie in ähnlich charakteristischer Weise bei der Spannung der Aufmerk- samkeit auf zwei disparate minimale Sinnesreize kennen lernten (Fig. 350, S. 371). Die Maxima der sensoriellen und der muskulären Apperceptions- spannung wechseln daher fortwährend mit einander, und so kommt es, dass bei sonst gleichen Versuchsbedingungen der Augenblick des Durch- tritts bald mit der sensoriellen, bald mit der muskulären Welle zusammenfällt. Die zweigipfelige Streuungscurve ist das unmittelbare Abbild dieses bei den Einzelversuchen stattfindenden Apperceptionswechsels, und damit zu- gleich ein deutliches Bild der bei den Reactionsversuchen überhaupt wirk- samen Aufmerksamkeitsvorgänge.

Auch die bei verschiedenen Modificationen der Versuchsbedingungen eintretenden Veränderungen bestätigen dieses Ergebniss, während sie zu- gleich die einzelnen hier vorkommenden Nebeneinflüsse hervortreten lassen. Vor allem sind unter den hier möglichen Variationen der Bedingungen die des Zeitintervalls zwischen Eintritt und Durchgang, die der Geschwin- digkeit der Bewegung, der Größe des durchlaufenen Raumes, und endlich der etwaigen Eintheilung des letzteren durch weitere Orientirungslinien hervorzuheben. Von diesen Bedingungen stimmt die erste, die dem Intervall zwischen Signal und Eindruck bei den sonstigen Reactionsver- suchen entspricht, auch in ihren Wirkungen im allgemeinen mit den letzteren überein, insofern hier ebenfalls die Zeitwerthe zwischen 1 und Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 4.3Q 2 Secunden nicht überschritten werden dürfen, wenn die Reaction eine zureichend präcise sein soll. Nur erscheint der günstigste zwischen diesen Grenzen liegende Werth gegenüber den Versuchen mit reizleeren Intervallen vermindert: währender bei diesen etwa 1,5 See. beträgt, liegt er bei den Durchgangsbeobachtungen bei 1 See. Auch dies ist wohl auf die fördernde Wirkung zurückzuführen, die der fortdauernde Anblick des Objectes auf die Spannung der Aufmerksamkeit ausübt, die hier er- heblich schneller zu ihrem Maximum ansteigen kann. Auf das gleiche Moment weist der Einfiuss der Geschwindigkeit der Bewegung hin. Mit der Zunahme dieser wächst, wie auch die Selbstbeobachtung lehrt, die Sicherheit der Apperception des Durchgangs so lange, als dadurch nicht die Deutlichkeit des Bildes beeinträchtigt wird J. Umgekehrt dagegen nimmt mit der Größe des bei gleichem Intervall durchlaufenen Raumes die Sicherheit der Beobachtung ab, wie die breiter auseinandergezogene Streuungscurve verräth. Ein möglichst kleines, aber zugleich den ange- gebenen Werthen von Intervall und Geschwindigkeit entsprechendes Ge- sichtsfeld bietet daher für die exaete und gleichförmige Spannung der Aufmerksamkeit offenbar die günstigsten Bedingungen, wogegen der größere Bewegungsraum leicht bewirkt, dass die Apperception nicht in einem continuirlichen Verlauf zu ihrer Höhe ansteigt, sondern oscilli- rende Bewegungen macht. Hiermit hängt nun auch die Wirkung zusam- men, welche die Eintheilung des Gesichtsfeldes durch ein Fadennetz, wie es in den astronomischen Passageinstrumenten benutzt zu werden pflegt, hervorbringt. Diese Wirkung besteht nämlich, falls die Fäden hinreichend weit von einander abstehen, darin, dass sich die sonst leicht irregulär werdenden Aufmerksamkeitsschwankungen in regelmäßige rhythmische Oscillationen umwandeln, bei denen dann um so sicherer der wirkliche Durchtritt mit dem Maximum einer Apperceptionswelle zusammenfällt. Es wird also dadurch in dem größeren Gesichtsfeld die nämliche Wir- kung erzielt, die sonst bei einfacher Beschaffenheit desselben die Ver- engerung des Sehraumes ausübt2. Alle diese Erscheinungen sind dem- nach sprechende Belege für den Zusammenhang der Reactionsvorgänge mit den allgemeinen Gesetzen der Aufmerksamkeitsbewegungen, und sie bilden so zugleich wichtige Ergänzungen zu den früher (S. 366 ff.) mit- getheilten subjeetiven Beobachtungen über den Umfang, die Bewegungen und Oscillationen der Aufmerksamkeit.

Im Gegensatze zu dem erleichternden Einfiuss, den die durch ein vorausgehendes Signal hervorgebrachte Anspannung der Aufmerksamkeit aaO Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

hat, stehen nun die Verzögerungen des Reactionsvorganges, die in Folge irgendwelcher Ablenkungen der Aufmerksamkeit eintreten. Solche können natürlich unabsichtlich stattfinden, und wenn bei der Ausführung der Versuche auf sie keine zureichende Rücksicht genommen wird, so sind sie es wohl hauptsächlich, welche die größeren Schwankungen ver- ursachen. Führt man aber die Ablenkungen willkürlich ein, um ihre Wirkung festzustellen, so ergibt sich das bemerkenswerthe Resultat, dass solche die Aufmerksamkeit ablenkende Einflüsse die sensorielle Reaction stets beeinträchtigen, dass sie aber auf die muskuläre keinen nachweis- baren Einfluss zu haben scheinen. So fand ich an mir selbst meist eine bedeutende Verlängerung durch ablenkende Reize, während Cattell eine solche nie constatiren konnte. CATTELL verfügte aber, wie seine Reactions- zeiten und ihre mittleren Variationen lehren, über eine ausgeprägt musku- läre Form der Reaction. Auch dieser Unterschied erklärt sich daher un- schwer aus dem automatischen Charakter der letzteren, bei dem diejenige Function, die den Angriffspunkt solcher störenden Reize bildet, die Apper- ception, mehr und mehr ausgeschaltet wird.

Die einfachste Art der Verzögerung lässt sich nun hervorbringen, wenn man die Spannung der Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Intensität oder Qualität des Eindrucks unmöglich macht, indem man fortwährend in un- bestimmter Weise zwischen der Reaction auf verschiedene Eindrücke wechselt. Führte ich z. B. Schallversuche in solcher Weise aus, dass starke und schwache Reize unregelmäßig wechselten, so dass der Reagent niemals eine bestimmte Schallstärke sicher erwarten konnte, so wurde die Reactionszeit vergrößert, während die mittlere Variation zunahm, wie die zwei folgenden in wenig verschiedener Zeit ausgeführten Versuchsreihen zeigen: I. Regelmäßiger Wechsel.

Mittel Mittlere Var. Zahl der Versuche Starker Schall 116 10 18 IL Unregelmäßiger Wechsel. Starker Schall 189 38 9 Noch mehr wächst die Reactionszeit, wenn man in eine Versuchs- reihe mit starken Eindrücken plötzlich und unerwartet einen schwachen oder auch umgekehrt zwischen schwache Reize einen starken einschiebt. Auf diese Weise sieht man gelegentlich die Zeit für einen Eindruck nahe der Reizschwelle auf 0,4 — 0,5* und für einen starken Reiz bis auf 0,25 s ansteigen. Nun kann in diesen Fällen- ebenso wenig an Veränderungen Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. aa j der Perception wie an solche der physiologischen Leitung- gedacht werden, sondern der Grund des Unterschieds kann wiederum nur darin liegen, dass die zureichende Adaptation der Aufmerksamkeit fehlt. In den zuletzt berichteten extremen Fällen schiebt sich offenbar sogar eine Art Urtheils- act ein: es bedarf einer kurzen Ueberlegung, um den Willensimpuls auf den Eindruck von unerwarteter Beschaffenheit folgen zu lassen, so dass hier von einem einfachen Reactionsvorgang eigentlich nicht mehr die Rede sein kann. Auch auf die auffallende Größe der Reactionszeit bei Reiz- stärken, die den Schwellenwerth eben erreichen oder kaum überschreiten (S. 429), wirft diese Thatsache einiges Licht. Denn wahrscheinlich sind die dort beobachteten beträchtlichen Zeiten ebenfalls darauf zurückzu- führen, dass sich bei den schwächsten Reizen die Aufmerksamkeit stets über das richtige Maß hinaus adaptirt, so dass ein ähnlicher Zustand wie bei unerwarteten Eindrücken besteht. Vermuthlich tritt in der Nähe der Reizhöhe wieder ein ähnliches Verhalten ein, wodurch die bei schreck- erregenden Eindrücken vorhandene abermalige Verlangsamung mitbe- dingt wird.

Mehr noch als bei Reizen, deren Stärke zuvor unbekannt ist, wird jedoch die Reactionszeit bei völlig unerwarteten Eindrücken verzögert. Diese Bedingung ist bei den Reactionsversuchen durch Zufall bisweilen ver- wirklicht, wenn der Beobachter, statt die Spannung der Aufmerksamkeit dem erwarteten Eindruck zuzuwenden, zerstreut ist. Absichtlich kann man das nämliche herbeiführen, wenn man in einer längeren Versuchsreihe mit regelmäßigen Intervallen der Reize plötzlich ohne Wissen der Versuchs- person ein viel kürzeres Intervall nimmt. Auch der subjective Effect ist dann ähnlich dem Erschrecken. Die Reactionszeit wird so bei stärkeren Schalleindrücken leicht bis zu x/4, bei schwachen manchmal bis zu z/2 Secunde verzögert. Geringer, aber immer noch sehr merklich ist die Verzögerung, wenn man den Versuch so einrichtet, dass der Beobachter nicht vorher weiß, ob ein Licht-, Schall- oder Tasteindruck stattfinden werde, so dass sich die Aufmerksamkeit keinem bestimmten Sinnesorgane zuwenden kann. Man bemerkt dann zugleich eine eigenthümliche Unruhe, indem das die Aufmerksamkeit begleitende Spannungsgefühl fortwährend zwischen den einzelnen Sinnen hin- und herwandert.

Verwickelungen anderer Art entstehen, wenn man zwar nur einen einzigen, in seiner Qualität und Stärke zuvor bekannten Eindruck registriren, daneben aber andere Reize einwirken lässt, welche die Spannung der Aufmerksamkeit erschweren. Hierbei wird die sensorielle Reactionszeit mehr oder weniger beträchtlich verlängert. Der einfachste dieser Fälle ist vorhanden, wenn ein momentaner Eindruck registrirt wird, während ein dauernder Sinnesreiz von bedeutender Stärke einwirkt. Dieser dauernde AA2 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Reiz kann entweder dem nämlichen oder einem andern Sinnesgebiet an- gehören. Bei der Störung durch gleichartige Reize kann nun die Ver- längerung sowohl durch die Ablenkung der Aufmerksamkeit, als auch dadurch herbeigeführt werden, dass der Eindruck in Folge des begleiten- den Reizes nur noch einen kleinen Empfindungsunterschied hervorbringt und so der Unterschiedsschwelle nahe gerückt wird. In der That kommen wohl beide Momente in Betracht. Man findet nämlich, dass bei Ein- drücken von geringerer Intensität die Reactionszeit durch den begleiten- den Reiz mehr verlängert ist, als bei stärkeren Reizen. Ich führte Ver- suche aus, in denen der Haupteindruck in einem Glockenschlag bestand, der durch eine den Hammer spannende Feder in seiner Stärke abgestuft werden konnte. In je einer Versuchsreihe wurde dieser Schall in der gewöhnlichen Weise registrirt, in der andern wurde während der ganzen Versuchszeit ein dauerndes Geräusch hervorgebracht, indem ein mit dem Uhrwerk des Zeitmessungsapparates in Verbindung stehendes Zahnrad sich an einer Metallfeder vorbeibewegte. In der Versuchsreihe A war der Glockenschlag mäßig stark, so dass er durch das begleitende Ge- räusch sehr vermindert, aber noch nicht völlig zur Schwelle herabgedrückt wurde; in B war der Schall sehr stark, so dass er auch neben dem Geräusch vollkommen deutlich wahrgenommen wurde.

Mittel Maximum Minimum Zahl d. Vers.

A ( Ohne Nebengeräusch 21 Mäßiger Schall Mit Nebengeräusch 16 B j Ohne Nebengeräusch 20 Starker Schall ( Mit Nebengeräusch 19 Da bei diesen Versuchen der Schall B neben dem Geräusch immer noch merklich stärker empfunden wurde als der Schall A ohne dasselbe, so muss man wohl hierin einen directen Einfluss des begleitenden Ge- räusches auf den Vorgang der Reaction erkennen. Dieser Einfluss kommt nun aber erst rein zur Geltung, wenn der dauernde Reiz und der mo- mentane Eindruck disparaten, Sinnesgebieten angehören. Ich wählte zu solchen Versuchen den Gesichts- und Gehörssinn. Momentaner Eindruck war ein bei Tagesbeleuchtung zwischen zwei Platinspitzen vor dunklem Hintergrunde überspringender Inductionsfunke, dauernder Reiz das in der oben angegebenen Weise hervorgebrachte Geräusch.

Lichtfunken Mittel Maximum Minimum Zahl der Versuche Ohne Nebengeräusch 222 2G Mit Nebengeräusch 300 18 Bedenkt man, dass bei den Versuchen mit gleichartigen Reizen immer zugleich die Intensität des Haupteindrucks der Schwelle nahe gebracht Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 443 wird, so machen es diese Beobachtungen wahrscheinlich, dass die störende Wirkung- auf die Aufmerksamkeit bei disparaten Reizen größer ist als bei gleichartigen. Dies bestätigt auch die Selbstbeobachtung. Man findet es nämlich nicht besonders schwer, den zu dem Geräusch hinzutretenden Schall alsbald zu registriren; bei den Lichtversuchen hat man aber das Gefühl, dass man sich von dem Ge- räusch gewaltsam weg- und dem Gesichtseindruck zuwenden müsse. Diese Thatsache steht sichtlich mit früher berührten Eigenschaften der Aufmerk- samkeit in unmittelbarem Zusammenhang. (Vgl. oben S. 3 70 f.)

Bei allen hier besprochenen Verlängerungen der Reactionszeit machen es hiernach die näheren Bedingungen der Beobachtung wahrscheinlich, dass es sich wesentlich nur um eine Verlängerung der Apperceptionsdauer des Reizes handelt, während kein bestimmter Grund für eine erhebliche Veränderung der übrigen physiologischen und psychophysischen Zeiträume vorliegt. Ein Lichtblitz von gegebener Stärke wird z. B. im allgemeinen Blickfeld des Bewusstseins in derselben Zeit aufleuchten, ob ihn ein stö- rendes Geräusch begleitet oder nicht, und auch für die äußere Willens- erregung ist, sobald einmal die Apperception erfolgte, kein Anlass der Hemmung gegeben. Höchstens in den Fällen, wo der störende Reiz gleichartig und der Haupteindruck so schwach ist, dass er gegen die Schwelle herabgedrückt wird, ist eine gleichzeitige Verlangsamung der Perception nicht unwahrscheinlich. Unter dieser Voraussetzung würde der Störungswerth eines den Eindruck begleitenden Reizes nach den obigen Versuchen für gleichartige Sinnesreize (Schall durch Schall) im Mittel 0,045*, für disparate Sinnesreize (Licht durch Schall) 0,078* be- tragen.

In etwas anderer Form lässt sich eine Störung durch Nebenreize herbei- führen, wenn man entweder gleichzeitig mit dem Haupteindruck oder durch eine sehr kurze Zwischenzeit von ihm getrennt einen zweiten, ebenfalls momentanen Reiz einwirken lässt, der entweder dem nämlichen oder einem disparaten Sinnesgebiet angehört; im ersteren Fall muss er nur hinreichend verschieden sein, damit keine Verwechslung stattfinden könne. Lässt man z. B. mit dem momentanen Schall- oder Lichteindruck, auf den reagirt wer- den soll, einen kurz dauernden Stimmgabelton einwirken, so können, wie die Complicationsversuche (S. 67 ff.) bereits gezeigt haben, drei Fälle vorkommen: 1) solche wo der störende Klang vor dem Haupteindruck, 2) solche wo er gleichzeitig mit demselben, und 3) solche wo er nachher aufgefasst wird. Die Selbstbeobachtung lässt den Ursprung dieser Täuschungen nicht zweifelhaft: auch sie beruhen auf der wechselnden Spannung der Aufmerksamkeit. Sobald die dem Haupteindruck zugewandte Spannung bis zu einer gewissen Grenze angewachsen ist, vermag sie denselben, auch wenn er in Wirklichkeit etwas später erfolgt als der begleitende Reiz, dennoch gleichzeitig oder sogar früher in den Blickpunkt des Bewusstseins zu heben. Je größer die Aufmerksamkeit, Störender Klang Mittel Maximum Minimum Zahl d. Vers.

gleichzeitig oder nachher gehört 8 vorher gehört 12 gleichzeitig oder nachher gehört 17 vorher gehört 23 aaa Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

um so bedeutender wird die Zeitdifferenz, die von ihr überwunden werden kann. Hierbei zeigt sich nun aber, dass nicht die objective Zeitfolge der Eindrücke, sondern nur die Reihenfolge, in der sie appercipirt wer- den, auf die Reactionszeit von Einfluss ist. Wird der störende Klang erst nach dem Haupteindruck aufgefasst, so ist die Zeit der Apperception des letzteren nicht größer als unter den gewöhnlichen einfachen Bedingungen: der Eindruck wirkt so, als wenn der störende Nebenklang gar nicht existirte. Ebenso beobachtet man keine merkliche Abweichung bei gleichzeitiger Auf- fassung. Wird dagegen der störende Klang vor dem Haupteindruck wahr- genommen, so ist die Reactionszeit immer vergrößert, wie die folgenden Bei- spiele aus einer von mir ausgeführten Versuchsreihe zeigen.

A Sciiallversuche B Lichtversuche Bei den disparaten Eindrücken wurde der Lichtreiz, -der zu registriren war, häufiger gleichzeitig mit dem störenden Klang als nach demselben wahr- genommen; bei den gleichartigen Eindrücken trat die synchronische Auffassung seltener ein. Ferner macht sich bei allen diesen Versuchen deutlich eine ge- wisse Gewohnheit des Beobachtens geltend. Hat man die Eindrücke bei einem ersten Versuch in einer bestimmten Folge wahrgenommen, so ist die Wahr- scheinlichkeit sehr groß, dass sie in dem nächsten Versuch in der nämlichen Folge aufgefasst werden. Die Spannung der Aufmerksamkeit tritt also, wie dies auch die Selbstbeobachtung bestätigt, vorzugsweise leicht in der ihr ein- mal angewiesenen Richtung ein. Geschieht plötzlich durch zufällige oder ab- sichtliche Aenderung der Beobachtungsweise eine Umkehrung in der bisherigen Reihenfolge der Wahrnehmungen, so pflegt bei dem ersten Versuch dieser Art die Reactionszeit unter allen Umständen vergrößert zu sein, auch wenn die Aenderung so geschieht, dass der Haupteindruck vor dem störenden Reiz ap- percipirt wird. Es entspricht dies der allgemein beobachteten Thatsache, dass die ersten Reactionen einer neuen Versuchsreihe eine größere Zeit ergeben als die folgenden. Man pflegt auch diese Erscheinung mit dem unbestimmten Ausdruck »Uebung« zu bezeichnen. Damit ist natürlich nichts gesagt. Der wirkliche Vorgang besteht darin, dass die Erinnerung an eine vorangegangene Apperceptionsfolge auf einen nächsten Reactionsact einwirkt, so dass sich das Anwachsen der Aufmerksamkeit immer mehr einem gegebenen objectiven Ver- hältnisse anpasst.

Wesentlich abweichend von der sensoriellen verhält sich in Bezug auf alle die Aufmerksamkeit ablenkenden Einflüsse die muskuläre Reaction. Freilich können auch bei ihr unter Bedingungen, die man zuweilen unter die Beein- flussungen der Aufmerksamkeit gerechnet hat, Veränderungen der Dauer vor- kommen. Cattell fand z. B., wenn er absichtlich bei drei Stufen der Auf- merksamkeit, bei stark gespannter, gewöhnlich gespannter und völlig nach- lassender, seine Versuche ausführte und- den mittleren Zustand zum Maßstabe Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. AAS der Vergleichung nahm, bei größerer Spannung entweder gar keinen Unter- schied oder eine sehr geringe Beschleunigung, das letztere offenbar in den Fällen, wo die gewöhnliche Reactionsweise noch keine extrem muskuläre war1; bei nachlässiger Aufmerksamkeit ergab sich dagegen stets eine' Verzögerung von 20 — 3oa. Hier handelt es sich aber offenbar gar nicht unmittelbar um den Einfluss der Aufmerksamkeit, sondern um diejenigen Zeitunterschiede, die in Folge der in verschiedenem Grade vorhandenen vorbereitenden Muskel- spannungen entstehen. Wurde dagegen, während die sonstigen Bedingungen, Intervall zwischen Signal und Eindruck, Grad der Bewegungsinnervation u. dergl., unverändert blieben, durch irgend welche Nebenreize oder selbst durch Neben- beschäftigungen, z. B. durch die Lösung einer einfachen Rechnungsaufgabe, eine Ablenkung der Aufmerksamkeit versucht, so hatte dies auf die Reactions- zeit gar keinen Einfluss. Hierin liegt ein abermaliger Beweis, dass die mus- kuläre Reactionsform in extremen Fällen zu einem rein automatischen Vorgang wird, der ohne vorangehenden Apperceptionsact erfolgt, was denn auch zum Theil von den Beobachtern, die sich dieser Reactionsweise bedienen, ausdrück- lich bemerkt wird2.

Mit dem von Cattell gefundenen Ergebnisse, dass bei der muskulären Reactionsform Nebenreize, welche die Aufmerksamkeit abzulenken streben, keinen Einfluss auf die mittlere Reactionszeit besitzen, stehen anscheinend Versuche, die über den gleichen Gegenstand E. J. Swift ausführte, nicht in Uebereinstimmung3. Dieser Beobachter, dessen Messungen im wesentlichen an einer einzigen Versuchsperson ausgeführt wurden, befolgte nach seiner eigenen Angabe ausschließlich die muskuläre Reactionsmethode, was die ge- fundenen Mittelwerthe und mittleren Variationen bestätigen. Neben den ein- fachen Reactionen führte er aber auch sogenannte Wahlreactionen aus, indem je einem von zwei Eindrücken (Roth und Gelb oder starker und schwacher Schall) eine bestimmte Bewegung (dem einen die des Zeige-, dem andern die des Mittelfingers) entweder dauernd oder nach einer dem Versuch kurz vorangegangenen Verabredung zugeordnet wurde. Hierbei ergab sich nun, dass der störende Nebenreiz regelmäßig die Reactionen etwas verzögerte, und zwar war diese Verzögerung durchschnittlich bei den Wahlreactionen größer als bei den einfachen muskulären Reactionen und, im Widerspruch mit dem oben verzeichneten Ergebnisse, bei gleichartigen Sinnesreizen größer als bei disparaten. Auch fand Swift, dass Lichteindrücke auf Schallreactionen stärker verzögernd einwirkten als Schalleindrücke auf Lichtreactionen. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass bei diesen Beobachtungen durch die eingestreu- ten Wahlversuche ein partieller Uebergang in die sensorielle Reactionsform veranlasst wurde, da, wie wir unten (d) sehen werden, Wahlversuche stets den Uebergang in die sensorielle Form bedingen, welche letztere dann bei der Rückkehr zu einfachen Reactionen leicht beibehalten wird. Auch ist es nur unter dieser Voraussetzung begreiflich, dass Swift Versuche mit absicht- lich größerer oder geringerer Aufmerksamkeit auf den störenden Nebenreiz überhaupt ausführen konnte. Bei extrem muskulärer Reaction ist das aus-