1 Dies ergibt sich klar aus den sonstigen Zahlen der hier in Vergleich kommenden Beobachter (Berger und Cattell). Cattell, Philos. Stud. Bd. 3, 1886, S. 331.
3 E. J. Swift, American Journal of Psychology, vol. 5, p. 1 ff.
aa 5 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
geschlossen, weil bei ihr stets die volle Spannung der Aufmerksamkeit auf das Bewegungsorgan gerichtet sein muss. Wenn endlich Swift die Verzögerung durch disparate Reize kleiner fand als die durch gleichartige, so liegt der Grund vielleicht darin, dass die Reactionsweise seiner Versuchsperson eine gemischte war. Bei voller Spannung der Aufmerksamkeit auf den erwarteten Sinnesreiz finde ich, dass das objective Versuchsergebnis s wie die Selbst- beobachtung dieses Resultat durchaus nicht bestätigen.
Unter die Einwirkungen auf das Bewusstsein, die den einfachen Re- actionsvorgang beeinflussen und sich bald in vermehrter, bald in ver- minderter Geschwindigkeit desselben zu erkennen geben, gehören endlich noch gewisse toxische Einwirkungen. Indem diese die Centralorgane des Nervensystems, und außerdem wohl in vielen Fällen auch die peri- pheren Bewegungs- und Sinnesorgane, bald in ihrer Function hemmen, bald deren Erregbarkeit steigern, wird es leicht begreiflich, dass sie mehr oder minder erhebliche Veränderungen des Reactionsvorganges hervorbringen können. In der Regel sind demnach die Bedingungen dieser Veränderung zusammengesetzter Art, und die etwaige Verkürzung oder Verlängerung einer einfachen Reaction lässt sich daher nicht ohne weiteres auf ihre Ursachen zurückführen, sondern es bedarf dazu einer Analyse der gewonnenen Ergebnisse auf Grund anderweitiger Ermittelun- gen des durch die toxische Einwirkung gesetzten Zustandes. E. Kraepe- LIN hat auf diese Weise einige der wichtigeren toxischen Veränderungen der Reactionszeit namentlich unter Herbeiziehung zweier Hülfsmittel einer sorgfältigen Untersuchung unterzogen. Erstens verglich er das Verhalten der einfachen Reaction mit den gleichzeitig gesetzten Veränderungen der nachher zu erörternden zusammengesetzten Reactionsvorgänge (Unterscheidungs-, Wahl-, Associationsreactionen); und zweitens suchte er durch die Ermittelungen der Leistungsfähigkeit bei einfachen intellectuellen Functionen (Lesen, Addiren u. dergl.) sowie bei der Kraftäußerung be- stimmter Muskeln die in den Reactionsvorgang eingehenden elementareren Processe in ihren sensorischen und motorischen Antheil zu sondern1. Nach ihren Gesammtwirkungen auf den Reactionsvorgang zerfallen die von KRAEPELIN und seinen Schülern untersuchten Stoffe in vier Hauptgruppen, 1 E. Kraepelin, Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel, 1892. Vgl. auch Kraepelin, Philos. Stud. Bd. 1, 1883, S. 417, 573 ff., und Dehio, Ueber den Einfiuss des Coffeins und des Thees u. s.w., Diss. Dorpat, 1887. Dazu Kraepelin und Hoch, Wirkung der Theebestandtheile (ergographische und Addir- Versuche), Kraepelins Psychologische Arbeiten, Bd. 1, 1896, S. 378. Ueber den Einfluss des Alkohols: Kürz und Kraepelin ebend. Bd. 3, S. 417 ff., Rüdin ebend. Bd. 4, S. 18 u. S. 495 ff. Ueber Brom: Loewald, ebend. Bd. i, S. 489. Ueber Trional: H. Hänel, ebend. S. 345. Ueber den Einfiuss des Hungerns Weygandt, Bd. 4, S. 45. Die zuletzt erwähn- ten Einwirkungen sind speciell auf die Reactionszeiten von geringem und zum Theil schwankendem Einfluss.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.
nämlich: i) anfängliche Verkürzung und darauf folgende Verlängerung der Reaction (Alkohol, Paraldehyd, Morphium); 2) anfängliche Verlängerung und darauf folgende Verkürzung (mäßige Dosen von Aether und Chloroform, Amylnitrit); 3) bloße Verlängerung (größere Dosen Alkohol, Aether, Chloro- form, Chloralhydrat); endlich 4) ausschließliche Verkürzung (Thee, Coffein). Hierbei kann nun aber die Verkürzung der Reaction., sei sie nun im ersten oder in einem späteren Stadium der toxischen Wirkung vorhanden, wie die Vergleichsversuche lehren, entweder herrühren von einer Zunahme der motorischen Erregbarkeit bei gleichzeitiger Verlangsamung der sensorischen ÄlHöhol Amylnitrit f Chloroform, Morphium Thee s/ Fig- 369. Wirkungen medicamentöser Stoffe auf die Reactionszeit.
Function (so beim Alkohol, Aether, Chloroform und Paraldehyd]; oder sie kann herrühren von einer Zunahme der sensorischen Erregbarkeit bei gleichzeitiger Abnahme der motorischen Leistungsfähigkeit. Die in Fig. 369 gegebenen schematischen Darstellungen versinnlichen diese Theilwirkungen für die hauptsächlichsten der erwähnten Stoffe. Die Abscissenlinien ent- sprechen der nach der Einverleibung der Stoffe verflossenen Zeit, die ausgezogene Curve stellt die allmählich eintretenden Veränderungen der Reactionszeit dar, wobei der Verkürzung dieser ein Herabsinken unter, der Verlängerung ein Steigen über die Abscissenlinie entspricht. Die punktirte und die unterbrochene Curve deuten die beiden Componenten aaS Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
dieser resultirenden Wirkung an, die punktirte den Einfluss der sensori- schen, die unterbrochene der motorischen Leistungsfähigkeit. Ein Sinken dieser letzteren Curven unter die Abscissenlinie ist demnach im allgemeinen Symptom einer Steigerung, eine Erhebung über dieselbe Symptom einer Abnahme der Leistungsfähigkeit. Natürlich ist übrigens der Verlauf dieser Curven wesentlich von der Dosis abhängig, in der ein Stoff aufgenommen wurde. So nimmt z. B. in Folge einer stärkeren Alkoholgabe die motori- sche Energie nur noch sehr wenig im ersten Anfang des Versuchs zu, und in Folge dessen fehlt hier die initiale Verkürzung der Reactionszeit; bei tiefer Chloroformnarkose ist statt der Steigerung der motorischen Leistungsfähigkeit während des ganzen Verlaufs eine Herabsetzung der- selben zu bemerken, und es fehlt daher die in der Chloroformcurve der Fig. 36g dargestellte spätere Verkürzung der Reaction u. s. w.1.
Ueber die Veränderungen des einfachen Reactionsvorganges unter ver- schiedenen anderen Bedingungen existirt ebenfalls eine große Zahl von An- gaben, auf die jedoch hier nicht eingegangen werden soll, weil es sich dabei durchweg um undefmirbare Veränderungen handelt, die zuweilen ganz und gar äußeren Versuchsumständen zuzuschreiben sind, oder bei denen doch die etwa wirklich vorhandenen psychophysischen Unterschiede durch solche äußerliche und unwesentliche Nebenbedingungen völlig verdeckt werden. So sind schon die Versuche über den Einfluss der Uebung werthlos, sobald nicht bestimmt anzugeben ist, worin die eingetretene Uebung besteht. Eine Verkürzung der Reactionsdauer kann hier eine sehr verschiedene Bedeutung haben: entweder kann sie die Anpassung an die angemessene Spannungsperiode der Aufmerk- samkeit oder den Uebergang von der sensoriellen zur muskulären Reaction oder beides bedeuten, oder es können sogar noch andere Umstände, wie Ge- wöhnung an Nebengeräusche, die anfänglich störend waren, u. dergl. mitwirken. Ebenso ist der Begriff der Aufmerksamkeit in dem gewöhnlich gebrauchten Sinne mehrdeutig. Zuweilen ist, wie oben bemerkt, als Veränderung der Auf- merksamkeit bezeichnet worden, was in Wirklichkeit nicht dies, sondern nur eine Veränderung in den physiologischen Bedingungen der Bewegungsreaction bedeutet. Die wirkliche Spannung der Aufmerksamkeit ist aber, wie aus den obigen Erörterungen hervorgeht, wieder ein abweichender Vorgang bei der muskulären, der sensoriellen und der natürlichen oder gemischten Reactions- form. Aus Versuchen, die ohne jede Garantie, wie sich diese fundamentalen Bedingungen verhalten, bei verschiedenen Individuen angestellt wurden, bei Männern und Frauen, bei Kindern, Erwachsenen und Greisen, bei Thieren (z. B. Hunden) u. s. w., oder bei einem und demselben Individuum zu ver- schiedenen Zeiten, um über den Einfluss von Alter, Geschlecht, Tages- und Jahreszeiten u. dergl. Aufschluss zu gewinnen, aus solchen Versuchen ist daher 1 Vgl. Näheres über diese Wirkungen bei Kraepelin, a. a. O. S. 172 ff., sowie die Erörterung der individuellen Verschiedenheiten ebend. S. 233 ff. Ueber die Beziehungen zu andern psychischen Leistungen (Merkfähigkeit, Addiren u. s. w.). siehe die oben ange- gebenen Specialstudien in Kraepelins Psychol. Arbeiten.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 44 q selbstverständlich gar nichts zu schließen. In die nämliche Kategorie gehören auch manche der an Geisteskranken ausgeführten Versuche. Ob die hier mehrfach beobachteten Verlängerungen der Reactionszeit einen psychopathi- schen Werth haben, lässt sich vorläufig nicht bestimmen; denn die Neben- bedingungen, unter denen diese Versuche meistens ausgeführt werden mussten, sind so verschieden von denen, die ein eingeübter Experimentator mitbringt, dass es ungewiss ist, ob nicht lediglich solche Nebenbedingungen an den Unterschieden schuld sind. Am ehesten lassen sich noch, wie Kraepelin und Aschaffenburg gezeigt haben, in den Anfangsstadien geistiger Störungen oder bei milderen, die Intelligenz noch nicht wesentlich beeinträchtigenden Formen manisch-depressiven Irreseins Ergebnisse gewinnen. Dabei zeigen sich aber meist einfache wie zusammengesetzte Reactionen wenig verändert, auch nicht selten eher verkürzt als verlängert. So werthvolle Merkmale also hier, wie wir unten (Cap. XX) sehen werden, die qualitativen Abweichungen des Vor- stellungsverlaufes abgeben können, so wenig lässt sich im ganzen den dem Versuch zugänglichen zeitlichen Verhältnissen desselben entnehmen1.
Auch die von den Astronomen nach der Reactionsmethode gesammelten Beobachtungen über persönliche Differenz lassen nicht, wie man zuweilen ge- glaubt hat, irgend welche Schlüsse über tiefer liegende Verschiedenheiten der Bewusstseinsanlage, oder in den Veränderungen, die sie zeigen, über die Ver- änderungen dieser Anlage zu2. Vielmehr sind die größeren Unterschiede hier wahrscheinlich immer dadurch bedingt, dass der eine Beobachter mehr sen- soriell, der andere mehr muskulär reagirt; kleinere Unterschiede entspringen aus unbedeutenderen Abweichungen in den Bedingungen der Beobachtung. Manche dieser Einflüsse sind schon von den Astronomen bemerkt worden. Lehrreich sind auch hier manche einzelne Ergebnisse von Alechsieff, nament- lich hinsichtlich der Größe des Gesichtsfeldes, der Geschwindigkeit der Be- wegung, der Anzahl der im Fernrohr gespannten Fäden u. s. w. Ferner kön- nen, wie die Beobachtungen von H. Leitzmann zeigen, Geräusche, unter andern solche, die von dem mit der Registrirvorrichtung verbundenen Uhr- werk herrühren, einen Einfluss auf die Reactionszeit ausüben. Derselbe fand nämlich bei seinen Durchgangsbeobachtungen nach der Registrirmethode, dass seine Registrirzeit durchschnittlich verkürzt war in der Mitte des Zeitraums zwischen zwei Secundensignalen, und dass sie dagegen verlängert war unmittelbar vor dem Eintritt eines solchen. Da nun die Signale erwartet wurden, so ergibt sich aus den Versuchsbedingungen, dass die Verkürzung mit der gering- sten, die Verlängerung mit der größten Spannung der Aufmerksamkeit auf den Sinneseindruck zusammenfiel. Hiernach ist anzunehmen, dass sich in der Mitte zwischen den zwei Secundensignalen, also bei abnehmender Aufmerksam- keit, die Reactionsweise mehr der muskulären, bei Annäherung der Signale, also bei zunehmender Aufmerksamkeit, aber mehr der sensoriellen genähert habe. In der That bestätigte die subjective Beobachtung Leitzmanns diese Folgerungen. Er bemerkte nämlich, dass seine Reactionsweise zwischen einer mehr sensoriellen und einer mehr muskulären Form wechselte, im ganzen aber 1 Kraepelin, Bericht über die 56. Naturforscherversammlung in Freiburg i. B., 1S84, S. 259. Aschaffenburg, Kraepelins Psychologische Arbeiten, Bd. 4, 1902, S. 258 ff. Vgl. auch W. von Tschisch, Neurol. Centralbl. 1885, Nr. 10.
2 Peters, Astronomische Nachrichten, Bd. 49, S. 20.
Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 29 AKO Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
ein mittleres Verhalten darbot1. Gewiss würde eine ähnliche Bearbeitung astronomischer Beobachtungsergebnisse noch manche interessante psychologische Aufschlüsse liefern. Anderseits ist aber wohl auch nicht zu bezweifeln, dass eine sorgfältige Beachtung der psychophysischen Versuchsergebnisse im stände sein würde, die bei Registrirbeobachtungen vorkommenden persönlichen Ab- weichungen wesentlich zu vermindern.
e. Zusammengesetzte Reactionsvorgänge.
Der bis dahin geschilderte einfache Reactionsvorgang gewinnt, ab- gesehen von den bei der Analyse seiner eigenen Bedingungen gewonnenen Ergebnissen, einen besonderen Werth für das Studium der Bewusstseins- erscheinungen schließlich noch dadurch, dass sich mit ihm weitere psy- chische Acte verbinden und auf diese Weise zusammengesetzte Re- actionsvorgänge erzeugen lassen. Durch ihre Vergleichung mit der einfachen Reaction bieten diese die Möglichkeit einer qualitativen und quantitativen Analyse der in sie eingehenden psychischen Acte. Dabei ist selbstverständlich in jedem einzelnen Fall die sorgfältige Untersuchung der bei den verglichenen Vorgängen obwaltenden Bedingungen erforder- lich; und nur unter dieser Voraussetzung können namentlich die zur Be- obachtung kommenden Zeitunterschiede zu irgend welchen Schlüssen ver- werthet werden. Nun sind aber unter den einfachen Reactionen selbst die beiden Hauptformen, die sensorielle und die muskuläre, in sehr ver- schiedener Weise aus elementaren Vorgängen zusammengesetzt. Es ist daher einleuchtend, dass auch die zusammengesetzten Reactionen von wesentlich verschiedener Bedeutung sein werden, je nachdem sie sich an die eine oder andere Form anschließen.
Wird der sensorielle Reactionsvorgang zum Ausgangspunkt der Untersuchung genommen, so ist bei ihm von vornherein wahrscheinlich, dass, je mehr die psychophysischen Vorgänge der Apperception des Eindrucks und des Willensimpulses auch subjectiv deutlich als successive Acte bemerkbar sind, es um so leichter gelingen werde, zu diesen noch irgend welche weitere Acte hinzuzufügen, während alle sonstigen Be- dingungen constant bleiben. Ist dies der Fall, so gestaltet sich zunächst die Bestimmung des Zeitwerthes der hinzutretenden psychischen Acte zu einem einfachen Subtractionsproblem. Der Vorgang X wird aus der zu- sammengesetzten Reaction RXJ in der er eingeschlossen ist, gefunden werden können, wenn man von ihr den Werth der unter sonst gleichen subjectiven Bedingungen stattfindenden einfachen Reaction R abzieht. Aehnlich werden dann aber auch noch zusammengesetztere Reactionen Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.,tj durch successive Subtraction zerlegbar sein. Aus einem Vorgänge zweiter Ordnung RXIX2 wird also zuerst X2 = RX1X2 — RXI, und dann aus RXI wie vorhin Xz = RX1 — R gefunden werden. Auf dem hier angedeuteten Wege hat man in der That bis jetzt vier Arten psychischer Vorgänge in Bezug auf ihren Zeitverlauf zu erforschen gesucht, nämlich: i) die Er- kennung einer im allgemeinen zuvor bekannten, aber für die statt- findende Beobachtung entweder völlig unbestimmt gelassenen oder nur in Bezug auf das Sinnesgebiet vorher bestimmten Vorstellung (letzteres ist wegen der wünschenswerthen vorherigen Richtung der Aufmerksamkeit das regelmäßige Verfahren); 2) die Unterscheidung von zwei oder mehr Vorstellungen, deren Anzahl jedoch nie sogroß sein darf, dass sich nicht auf alle in gewissem Grade die Erwartung erstrecken kann; 3) die Wahl zwischen zwei oder mehreren Bewegungen, wobei jede dieser Bewegungen einer bestimmten unter einer Anzahl erwarteter Vorstellungen zugeordnet wird, daher der Wahlact stets einen Unter- scheidungsact voraussetzt; 4) die Association einer Vorstellung zu einer andern von außen gegebenen.
Der erste dieser Acte, die Erkennung einer Vorstellung, lässt sich dem einfachen Reactionsvorgang interpoliren, indem von vornherein fest- gestellt wird, dass die reagirende Bewegung erst dann ausgeführt werde, wenn der Erkennungsact vollzogen sei. Aus der Erkennung wird eine Unterscheidung, wenn eine fest begrenzte Zahl dem Beobachter zuvor bekannter Eindrücke gegeben ist, zwischen denen er die Unterscheidung vollzogen haben muss, ehe er die Reactionsbewegung ausführt. Zu der Unterscheidung tritt noch ein Wahlact hinzu, wenn man bestimmt, dass unter einer Anzahl vorher bekannter Eindrücke jeder einzelne durch eine ihm absichtlich zugeordnete reagirende Bewegung beantwortet werde. Lässt man z.B. in unregelmäßiger Weise die Farbeneindrücke Roth und Blau wechseln, und bestimmt, dass auf Roth mit der rechten und auf Blau mit der linken Hand reagirt werde, so enthält dieser Reactionsvorgang zuerst eine Unterscheidung und dann eine Wahl. Ebenso findet eine solche offenbar dann statt, wenn bestimmt wird, dass die Reaction immer nur mit einer Hand, aber nur auf den einen der Eindrücke, z. B. auf Roth, erfolge; der Unterscheidungsvorgang gleicht in der jetzt stattfinden- den Reaction ganz dem vorigen, aber der Wahlact ist ein etwas abweichender: er bezieht sich nicht auf die Entscheidung zwischen zwei Bewegungen, sondern auf die zwischen Bewegung und Ruhe. Wenn die Bewegung er- folgt ist, so knüpft sich daran, vorausgesetzt dass die Vorgänge voll- ständig ablaufen, im einen Fall die Entscheidung, dass keine Bewegung stattfinde, im andern die Entscheidung, dass sie stattfinde. Es kann nun aber auch der Wahlvorgang complicirt werden, indem man die Zahl der AC.2 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Eindrücke und der an sie gebundenen Reactionsbewegungen vermehrt. So lässt sich eventuell eine Mehrzahl von Farben, Zahlzeichen und dergl, und für jeden dieser Eindrücke die Bewegung eines bestimmten Fingers verwenden. Bis zur Wahl zwischen zehn Bewegungen kann man auf solche Art leicht fortschreiten. In analoger Weise wie der Wahlvorgang dem Unterscheidungsact, so wird endlich die Association dem Erkennungsact superponirt. Man benützt ein Gesichtsbild oder ein zugerufenes Wort als zu erkennende Vorstellung, und lässt in einem Theil der Versuche im Moment der Erkennung, in einem andern Theil erst im Moment, wo eine associirte Vorstellung im Blickpunkt des Bewusstseins erscheint, die Re- action ausführen.
Bezeichnen wir, dem oben aufgestellten allgemeinen Schema gemäß, mit R die einfache Reaction, mit Re diejenige Reaction zweiter Ordnung, die außer den Factoren der einfachen Reaction noch einen Erkennungsact, mit Ru diejenige, die noch einen Unterscheidungsact enthält, endlich mit Rnw und Rea die Reactionen dritter Ordnung, bei denen im ersten Fall eine Wahl, im zweiten Fall eine Association vollzogen wird, so bestimmen sich die Erkennungs-, Unterscheidungs-, Wahl- und Associationszeiten E, U, W und A unmittelbar aus den Gleichungen: Hier ist nun von vornherein klar, dass, während die einfache Reaction für ein bestimmtes Sinnesgebiet bei gleichbleibender Reactionsmethode eine annähernd constante Größe ist, die zusammengesetzten Reactionen Rh, Ruwi Rea und demnach auch die Acte E. U, W, A mit der mehr oder weniger verwickelten Beschaffenheit dieser Acte sich ändern werden. Zu dem Problem der Bestimmung der Erkennungs-, Unterscheidungs-, Wahl- und Associationsacte tritt also hier noch die weitere Frage nach der Veränderlichkeit dieser Acte mit dem Grad ihrer Zusammensetzung; und dabei ist von vornherein vorauszusetzen, dass nicht nur die Zeitdauer der Vorgänge mit der Complication der Bedingung zunehmen, sondern dass sich auch die der Selbstbeobachtung gegebene qualitative Beschaffen- heit derselben mehr oder weniger erheblich verändern wird. In der That fällt gerade auf das letztere Moment das Schwergewicht des psycho- logischen Interesses dieser Versuche, während die relative Dauer der Processe mehr die Bedeutung eines äußeren Symptoms besitzt, das auf die mehr oder minder verwickelte psychische Structur der Erscheinungen hinweist x.
1 Vgl. hierzu Philos. Stud. Bd. i, 1883, -S. 27 ff., und Bd. 10, 1894, S. 485 ff. Krae- pelin und Merkel, ebend. Bd. 10, S. 499 ff.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. a c-i Die größte Schwierigkeit bereiten nun unter den erwähnten Bestim- mungen die beiden ersten, die zugleich die Hülfsmittel bieten, um zu den übrigen zu gelangen: die der Erkennung und Unterscheidung. Sie sind an und für sich nur möglich, wenn man sich der sensoriellen Reaction bedient. Ist die Reaction muskulär, so erfolgt sie automatisch im Moment des Eindrucks; in diesem Zustand ist es daher schlechter- dings unmöglich, den Bewegungsimpuls so lange zurückzuhalten, bis der Unterscheidungsact vollendet ist. Alle Beobachter, die ausschließlich die muskuläre Reäctionsform anwandten, sahen sich daher außer stände, Unterscheidungsversuche nach der angegebenen Methode auszuführen1. Auch mit der Gewöhnung an sensorielle Reactionen ist aber freilich eine absolute Garantie dafür, dass man den Erkennungsact wirklich richtig interpolirt habe, nicht gegeben, sondern es bleibt die Möglichkeit, dass man entweder zu früh oder zu spät die Reaction ausführt. Gegen diese Fehler kann nur die sorgfältige Controle mittelst der Selbstbeobachtung schützen. Da man bei dem vollständigen Reactionsvorgang Apper- ception und Willensimpuls als successive Acte wahrnimmt, so wird man sich namentlich der vorzeitigen Reaction auch bei den zusammengesetz- ten Reactionsformen in der Regel deutlich bewusst, indem man wahrnimmt, dass die eigentliche Erkennung des Gegenstandes noch in die Zeit der ausgeführten Reaction hinüberreicht. Unterstützt wird diese Wahrnehmung namentlich im Anfang der Einübung, wenn der Versuch so eingerichtet wird, dass die ausgeführte Bewegung die weitere Einwir- kung des Eindrucks abschneidet, wenn also durch dieselbe die Lichtein- wirkung unterbrochen oder eine Schallerregung durch einen starken Schall von abweichender Qualität abgeschnitten wird2. Zu langes Zögern nach Einwirkung des Reizes kommt nur bei mangelnder Uebung vor, und es lässt sich dieser Fehler, der unmittelbar an der enormen Größe der mittleren Variationen zu erkennen ist, leicht durch strenge Selbstcontrole vermeiden.
Die Bestimmung der Wahlzeit hat den großen Vortheil, dass man bei ihr eine unmittelbare objective Controle für den nicht zu frühzeitigen Eintritt der Reaction in der stattfindenden Bewegung besitzt. Verfrühte Reactionen geben sich daran zu erkennen, dass Fehlreactionen ein- treten, indem man entweder reagirt, wo nicht reagirt werden sollte, oder mit einer falschen, dem Eindruck nicht wirklich zugeordneten Bewegung die Einwirkung desselben beantwortet. Verspätete Reactionen können aber auch hier nur durch eine sorgfältige Controle mittelst der Selbst- 1 J. von Kries, Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. Bd. 9, S. 10. Cattell, Philos. Stud.
454 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
beobachtung vermieden werden. Die Verhütung der verfrühten Reactionen kann wieder auf doppelte Weise geschehen, was für die Beurtheilung der wirklich in der sogenannten Wahlreaction eingeschlossenen Vorgänge von großer Bedeutung ist. Tritt die correcte Zuordnung dadurch ein, dass der Beobachter die zu der Wahlreaction gehörigen Acte, Unter- scheidung des Eindrucks, Bestimmung der auszuführenden Bewegung und Willensimpuls, successiv in der richtigen Weise ausführt, so lässt sich eine solche Wahlreaction nur dann in Bezug auf ihren Zeitwerth mit der ein- fachen Reaction vergleichen, wenn diese selbst eine sensorielle, nicht wenn sie eine muskuläre ist. Ist dagegen das letztere der Fall, so lassen beide Acte gar keine Vergleichung zu; denn der eine ist nun ein mehr oder weniger automatischer, der andere ein nicht-automatischer Act. In die Wahlreaction geht daher eine sensorielle Reaction ein, während die über die einfache Reactionszeit gemachten Versuche nur muskuläre Reactionen ergeben. Subtrahirt man also jetzt die einfache Reaction von der Wahl- reaction, so erhält man nicht nur die Unterscheidungs- und Wahlzeit, sondern außerdem noch einen Betrag, welcher der Differenz zwischen sensorieller und muskulärer Reaction entspricht. Das Vorkommen dieses Falles lässt sich unmittelbar daran nachweisen, dass einfache Reactionen, die sich durch ihre Kürze deutlich als muskuläre verrathen, mit Wahl- reactionen verbunden sind, die den gewöhnlichen Zeitwerthen dieser com- plexen Reactionen entsprechen.
Sobald jedoch die Bedingungen derart beschaffen sind, dass sich bei den Wahlreaction en ebenfalls automatische Zuordnungen ausbilden können, was besonders dann sich ereignet, wenn entweder nur auf einen bestimmten Eindruck reagirt wird, auf alle andern nicht, oder wenn nur zwischen zwei Bewegungen, zwei leicht unterscheidbaren Eindrücken entsprechend, gewählt wird, so gewinnt der Vorgang einen wesentlich andern Charakter: die Reactionsweise bleibt jetzt auch bei den Wahl- versuchen eine automatische. Wie der geübte Ciavierspieler automatisch beim Anblick der bestimmten Note die bestimmte Taste anschlägt, so wird, ohne dass ein wirklicher Unterscheidungs- und Willensact im Be- wusstsein abzulaufen braucht, auf den nach Uebereinkunft festgestellten Eindruck mit der bestimmten Bewegung geantwortet. Die so gemessene Zeit ist, da es sich in beiden Fällen um im wesentlichen automatische Vorgänge handelt, wahrscheinlich mit der verkürzten Reactionsdauer un- mittelbar vergleichbar, aber sie entspricht keinem Wahlvorgang mehr; die Zeitdifferenz beider Reactionen dürfte vielmehr annähernd dem Unter- schied einer einfachen und einer durch complicirende Bedingungen er- schwerten automatischen Coordination gleich sein. Doch scheint es, dass diese Unterschiede von sehr geringem Betrage sind. Auf diese Weise Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. ^eir erklärt es sich, dass die sogenannten Wahlzeiten, welche verschiedene Beobachter gefunden haben, in zwei Gruppen zerfallen: in eine, bei der diese Zeiten Zehntheile einer Secunde betragen, und in eine andere, bei der sie sich innerhalb der Tausendthelle bewegen. Bei den ersteren handelt es sich um wirkliche Unterscheidungen und Wahlen, bei den letzteren um automatische Coordinationen. Da diese gleichfalls von psychophysischem Interesse sind, so soll eine Betrachtung derselben der Besprechung der eigentlichen psychophysischen Reactionsformen hier an- geschlossen werden.
Am verwickeltsten gestalten sich endlich die Bedingungen bei den Associationsreactionen. Wird das Verfahren ebenso wie nach der Erkennungsmethode eingerichtet, indem man feststellt, dass z. B. bei Worteindrücken in einem Theil der Versuche auf die Erkennung des Wortes, in einem andern Theil auf die zu demselben eintretende Asso- ciation reagirt werde, so verhalten sich die Associations- analog den Wahlreactionen. Vorzeitige Reactionen werden hier vermieden, weil, wenn sie eintreten, überhaupt noch keine Association stattgefunden hat, und daher solche falsche Versuche leicht erkannt werden. In der That findet man, dass bei dieser Versuchsweise Beobachter, die muskulär reagiren, ganz wie bei den Wahlversuchen zur sensoriellen Reaction übergehen, so- bald sie Associationen ausführen. Es lassen sich aber auch die Associations- reactionen als Reactionen vierter Ordnung ausführen, wenn man die Sprachbewegungen selbst als Reactionsbewegungen benützt. Lässt man nämlich in einer Reihe von Versuchen ein zugerufenes oder gelesenes Wort, sobald es unterschieden ist, aussprechen, so schließt dieser Act eine Erkennungs- und eine Wahlhandlung ein. Lässt man dann in andern Versuchen das associirte Wort aussprechen, so kommt zu diesen Zeiten noch die Associationszeit hinzu. In diesem Fall kann selbstverständlich