die Reaction in beiden Versuchsreihen nur eine sensorielle sein. Man wird also hier die gefundenen Differenzen am sichersten als wahre Asso- ciationszeiten ansehen dürfen, die freilich unter den durch den Versuch gesetzten speciellen Bedingungen gefunden und daher mit den nach der ersten Methode ermittelten nicht ohne weiteres vergleichbar sind. Ueber- haupt aber weist bei den Associationsversuchen schon die große Varia- bilität der gefundenen Zeiten deutlich darauf hin, dass man es bei ihnen im allgemeinen mit Summationsergebnissen von sehr verschiedener Com- plication zu thun hat, und dass schon durch die Art der Anstellung der Versuche die Bedingungen von denen der natürlichen Association ab- weichen und daher auch nur in bedingter Weise Schlüsse auf diese zulassen.
Nach diesen Vorbemerkungen sollen nun die wesentlichsten Ergebnisse Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
der bisherigen Beobachtungen zusammengestellt werden; doch wollen wir hierbei die Betrachtung der Unterscheidungs- derjenigen der Erkennungs- reactionen vorangehen lassen, weil jene im allgemeinen bei der Ausführung der Versuche einfachere Bedingungen darbieten.
i) Unterscheidungsacte. Die einfachste Unterscheidung ist die zwischen zwei zuvor bestimmten Eindrücken. Mit der Zunahme der An- zahl der Eindrücke, zwischen denen zu unterscheiden ist, wird dann der Vorgang ein mehr und mehr zusammengesetzter. Die wesentlichste Va- riation der Bedingungen des Unterscheidungsactes besteht daher in dieser Zunahme der Eindrücke. Hierbei können aber diese, falls sie einfache sind, entweder einer Intensitäts- oder einer Qualitätsreihe angehören. Im ersten Fall ist die Unterscheidung schwieriger, und sie steigt daher mit wachsender Zahl der Eindrücke viel schneller an, als bei der qualitativen Unterscheidung. So fand E. Tischer bei zwei Beobachtern folgende Zeiten bei 2, 3, 4 und 5 Schallintensitäten1: Einfache Reaction B.
W.
Unterscheidung von 23 45 Schallstärken Die Größe dieser Zahlen erklärt sich daraus, dass es sich hier nicht um geläufige Unterschiede handelt, sondern um solche, die nur zum Zweck der Beobachtung festgestellt wurden. Auch ist es überhaupt unmöglich, mehr als höchstens 4 bis 5 Schallstärken so im Gedächtnisse festzuhalten, dass sie sicher unterschieden werden können.
Erheblich kleiner sind die Unterscheidungszeiten, wenn es sich um qualitative Empfindungsunterschiede handelt. So ergaben sich für die Unterscheidung von Schwarz und Weiß in Versuchen, die ich gemeinsam mit M. Friedrich und E. Tischer ausführte, folgende Werthe: Beob- achter Reactionszeit auf Schwarz Weiß Mittlere Variation bei Schwarz Weiß Einfache Reactions- zeit Unterscheidungs- zeit für Schwarz Weiß Mittlere Unter- schei- dungszeit 50 47 IV. W.
78 1 Tischer, Philos. Stud. Bd. 1, 1883, S. 527. Die übrigen Beobachter in Tischers Versuchen zeigten unverkennbar extrem verkürzte Reactionszeiten und zugleich vorzeitige Unterscheidungsreactionen, entsprechend der oben erwähnten gewöhnlichen Verbindung. Auch bei B. ist die einfache Reaction etwas verkürzt, und wahrscheinlich sind daher die Mittel der Unterscheidungszeiten bei diesem Beobachter wegen der Beimengung einzelner verfrühter Reactionen etwas zu klein ausgefallen.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.
Die Zahl der Unterscheidungsversuche betrug bei jedem Beobachter 63. Als zwischen vier verschiedenen Lichteindrücken, Schwarz, Weiß, Roth, Grün, unregelmäßig gewechselt wurde, ergaben sich folgende Mittel- werthe: Reactionszeit mit Mittlere Einfache Unterscheidungseobachter Unterscheidung Variation Reactionszeit zeit 33 32 73 49 Die Zahl der Unterscheidungsversuche betrug bei jedem Beobachter 78.
Vergleicht man die in den zwei.letzten Tabellen enthaltenen Unter- scheidungszeiten, so erkennt man das Wachsthum derselben mit der zu- nehmenden Zahl der zu erwartenden Eindrücke; gleichzeitig nimmt dabei auch die mittlere Variation zu. Noch deutlicher trat das nämliche in solchen Reihen hervor, in denen einfache Reactionen, einfache und mehr- fache Unterscheidungen regelmäßig mit einander wechselten. Als Beispiel mögen hier die Mittelzahlen aus vier Versuchsreihen mit je 24 Versuchen mitgetheilt werden, deren jeder zum Zweck der Elimination der Ermüdungs- einflüsse 1) drei einfache Reactionen, 2) drei Reactionen mit einfacher, 3) sechs mit mehrfacher, 4) drei mit einfacher Unterscheidung, und dann wieder 5) drei einfache Reactionen enthielt.
Einfache Einfache Mehrfache Beobachter Reactionszeit Unterscheidung Es ist wahrscheinlich, dass hier in einzelnen Versuchen, namentlich bei M. F., verfrühte Reactionen vorkommen, entsprechend der Neigung dieses Beobachters zu verkürzten Reactionen, ebenso aber auch bei E. T. Im allgemeinen ist jedoch anzunehmen, dass die einfache Unterscheidungs- zeit zwischen zwei Eindrücken 50a nicht übersteigt, während die mehrfache mindestens ioo0" erreicht1.
2) Erkennungsacte. Von der Größe der Erkennungszeiten ein- facherer Vorstellungen gibt die folgende Uebersicht der von E. B. TlT- CHENER 2 an drei Beobachtern ( W., M., T.) gewonnenen Mittelwerthe ein Bild: Acg Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Unterschied zwischen sensorieller und muskulärer Reaction 81,4 84,4 97 Erkennung einer Farbe 29,5 30,2 28,1 Erkennung eines Buchstabens 53,5 52,7 51,5 Erkennung eines kurzen Wortes 51,8 50,1 45,3 Wie man sieht, dauert die Erkennung eines kurzen Wortes kaum so lange wie die eines einzelnen Buchstabens. Das nämliche fand bereits Cattell1, eine Thatsache, die, wie wir später sehen werden, mit der Assimilation des Eindrucks durch in uns bereit liegende Vorstellungselemente zusam- menhängt (Cap. XIX).
Ueber die Zunahme der Erkennungszeiten bei regelmäßiger Zunahme der Zusammensetzung der Eindrücke geben endlich noch Versuche von M. Friedrich einigen Aufschluss, in denen i- bis 6 stellige Zahlen als Erkennungsobjecte verwendet wurden. Die Gesammtmittel von drei Be- obachtern aus zwei auf einander folgenden Monaten sind in der nach- stehenden Uebersicht mitgetheilt. Die Zahlen sind die Differenzen der Mittel aus den unmittelbar gemessenen zusammengesetzten Reactionszeiten und aus den einfachen Reactionszeiten für Lichteindrücke bei den näm- lichen Beobachtern. Letztere waren für Zahl Zahlen Zahlen Da die Versuche so angestellt sind, dass im Moment der Einwirkung des Eindrucks die Zahlen durch eine GEisSLER'sche Röhre erleuchtet wurden, so sind die absoluten Werthe der gefundenen Zeiten theils wegen der hin- zukommenden Adaptationszeit theils wegen der relativ geringen Stärke der Beleuchtung jedenfalls zu groß; da diese Einflüsse sich bei allen Zahlen in gleicher Weise geltend machen, so geben sie immerhin ein Bild des relativen Wachsthums der Erkennungszeiten2. Entsprechend dem oben in Bezug auf einzelne Buchstaben und kurze Wörter erhaltenen Resultat 1 Cattell, Philos. Stud. Bd. 3, 1886, S. 485. Im übrigen sind die von Cattell gefundenen Erkennungszeiten (eine Farbe oder ein einfaches Bild = ioo, ein Buchstabe = 120, ein kurzes Wort = I30a) genau um die Differenz zwischen sensorieller und muskulärer Reaction größer, als die von Titchener gefundenen Zeiten.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.
zeigt sich hier, dass die Erkennung- von i-, 2- und 3 stelligen Zahlen, namentlich nach zureichender Uebung, keine erheblich verschiedene Zeit beansprucht, dass dagegen bei noch größeren Zahlen die Erkennungszeit rasch zunimmt. Auch ist es schon bei 6 stelligen Zahlen schwer, jede in einem Erkennungsact zusammenzufassen; größere müssen stets zerlegt werden, und es setzt sich daher dann der Vorgang aus mehreren successiv erfolgenden einfacheren Acten zusammen.
Dies führt uns auf die subjectiven Begleiterscheinungen der Unterscheidungs- und Erkennungsacte, die hier zusammenfassend behandelt werden können, weil sich gerade in der Selbstbeobachtung die Unter- scheidungen deutlich als eine unter erleichternden Bedingungen stehende Unterform der Erkennungen herausstellt. Geht man nämlich von mög- lichst einfachen Erkennungen, z. B. von der einer Farbe, aus, so ist bei einem solchen Act der sensorielle Vorgang von dem bei einer gewöhn- lichen sensoriellen Reaction kaum zu unterscheiden. Der Unterschied scheint in diesen einfachsten Fällen vielmehr in der motorischen Sphäre zu liegen, wo er sich als eine apperceptive Hemmung geltend macht, welche die Bewegung so lange zurückhält, bis die Erkennung vollzogen ist. Diese motorische Hemmung bleibt dann bei allen weiteren Erkennungs- wie Unterscheidungsacten erhalten, und es scheint nicht, dass sie irgend welche Aenderungen beim Uebergang zu erleichternden oder erschweren- den Bedingungen erfährt. Der so in jenen einfachsten Fällen zum Vor- schein kommende Verzögerungswerth der Erkennung gegenüber der gewöhnlichen sensoriellen Reaction im Betrag von etwa 30ff dürfte dem- nach als eine Componente motorischer Willenshemmung anzu- sehen sein, die bei allen weiteren Reactionen gleicher Art von den sensoriellen Vorgängen in Abzug zu bringen ist. Unter diesen repräsen- tiren sich nun die nächst einfachen Erkennungen, wie z. B. die eines Buchstabens, eines kurzen Wortes, als Vorgänge, bei denen sich deutlich eine dem Sinneseindruck zugewandte, gegenüber der einfachen Reaction gesteigerte Energie der Aufmerksamkeit geltend macht, die mit der Zu- nahme der Complication des Eindrucks zunächst continuirlich weiter zu- nimmt, dann aber plötzlich, in dem Moment wo die Zusammensetzung des Eindrucks eine gewisse Grenze überschreitet, in eine Succession zweier rasch einander folgender Apperceptionsacte überspringt, eine Gliederung, die sich wahrscheinlich weiterhin fortsetzen kann, bisher aber noch nicht über diese Grenze hinaus verfolgt ist. Diesem verzögernden und erschwe- renden Einfluss der steigenden Complication wirkt anderseits auch subjectiv die Bekanntheit des Eindrucks entgegen, die besonders bei der Dar- bietung geläufiger Wortbilder sehr auffallend hervortritt. Genau im selben Maße, in dem sie objectiv die Erkennungsreaction verkürzt, erleichtert 460 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
sie auch subjectiv den Erkennungsvorgang, so dass sich in diesem selbst die Auffassung eines zusammengesetzten Eindrucks von der eines einfachen nur wenig unterscheidet. Ebenso können aber dadurch die oben erwähn- ten zwei- oder mehrtheiligen Apperceptionsacte in einfache übergehen. Die Unterscheidungen documentiren sich nun subjectiv durchaus als ebensolche assimilativ erleichterte Erkennungen, entsprechend der bei ihnen obwaltenden Bedingung, dass die zu unterscheidenden Objecte zu- vor bekannt sind. Anderseits lässt aber zugleich die subjective Beobach- tung deutlich eine gewisse Verstärkung jener motorischen Hemmung hervortreten, die wir oben als das charakteristische Merkmal kennen lernten, das die einfachsten Erkennungsreactionen von den gewöhnlichen sensoriellen Reactionen schied. Diese verstärkte Hemmung bei der Unter- scheidung ist deutlich an die bestimmter gerichtete Erwartung geknüpft, welche letztere sich auch in stärkeren Spannungsgefühlen kundgibt. Hier- auf ist es denn auch wohl zurückzuführen, dass selbst die einfachsten Unterscheidungen, nämlich die zwischen bloß zwei erwarteten Ein- drücken, nicht kürzer, sondern etwas länger dauern als die einfachsten Erkennungen.
3) Wahl acte. Während der Vorgang der Erkennung und der Unterscheidung als ein zusammengesetzter Apperceptionsprocess betrach- tet werden kann, von der einfachen Apperception eines erwarteten Ein- drucks von bekannter Beschaffenheit dadurch verschieden, dass sich zu diesem eine Unterscheidung der besonderen Merkmale des Eindrucks hin- zugesellt, setzt sich der Wahlact stets aus zwei Processen psycho- physischer Art zusammen. Nachdem nämlich die zugehörige Unterschei- dung abgelaufen ist, besteht der nun eintretende Wahlact selbst 1) aus der reproductiven Apperception der zu dem erkannten Eindruck gehörenden Bewegung und 2) aus der impulsiven Apperception dieser Bewegung (s. oben S. 309, 411). Beide Apperceptionsacte, der reproductive und der impulsive, können möglicherweise sehr rasch auf einander folgen; aber sie werden, so lange ein eigentlicher Wahlact vorliegt und keine automatische Coordination Platz gegriffen hat, immer als die unerlässlichen Bestandtheile des ersteren zu betrachten sein, und in der That sind sie bei aufmerksamer Selbstbeobachtung deutlich in ihm nachzuweisen. Na- türlich ist auch der Wahlact dann am sichersten in seinem Verlauf zu verfolgen, wenn er sich an einen sensoriellen Reactionsvorgang und die ihm interpolirten Unterscheidungsacte anschließt; aber da, wie oben bemerkt, bei dem Uebergang zu Wahlversuchen in der Regel unter hierzu günstigen Bedingungen auch muskuläre Reactionen die sensorielle Form annehmen, so können hier immerhin selbst solche Versuche, denen ver- gleichbare Bestimmungen der einfachen Reactions- und der Unterscheidungs- Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 46 j Zeiten nicht zur Seite stehen, für einzelne Fragen herangezogen werden. Können sie auch selbstverständlich niemals zur Ermittelung der absoluten Dauer der Wahlacte dienen, so lassen sie doch Schlüsse über die Ver- änderungen dieser Dauer unter verschiedenen Bedingungen zu.
Die einfachsten Formen der Wahlreaction entstehen nun, wenn mir zwischen zwei Eindrücken gewechselt und entweder nur auf einen zu- vor festgestellten durch eine einzige Bewegung oder auf jeden durch eine andere Bewegung reagirt wird. Im ersten Fall entsteht eine Wahl- reaction zwischen Bewegung und Ruhe (R„WI), im zweiten eine solche zwischen zwei Bewegungen (R7lW2). Zwischen beiden Formen findet sich kein constanter Unterschied. So ergaben sich in TlSCHERs Versuchen bei der Reaction auf zwei Schalleindrücke von verschiedener Stärke, wenn bei Rnwi nur mit der rechten, bei RttW2 mit der rechten und linken Hand reagirt wurde, bei einer Reihe von Beobachtern folgende Mittelwerthe *: B. CWf. Rl. D.Wf. Ml. H. Tt. Tr.
Hieraus würde sich, wenn man die Unterscheidungsreactionen derjenigen Beobachter in Abzug bringt, die sensoriell reagirten, in beiden Fällen eine durchschnittliche Wahlzeit von 60 — So0" ergeben. Dagegen war bei Cattell und Berger, die zwei Farben oder zwei kürzere Wortbilder zur Unterscheidung benutzten, die Zeit R-uwi regelmäßig etwas kürzer als 4\.Unt)c,.
Beobachter Wt.
RllWz ■R-uwi Farben: Wörter: Beobachter: Kuwx RuW2 Differenz Nimmt die Zahl der Bewegungen zu, zwischen denen gewählt werden soll, so wächst auch die Zeit der Wahlreaction, wobei sie, wie die Versuche von JULIUS MERKEL lehren, bei einzelnen Beobachtern von Anfang an mit stetig abnehmender Geschwindigkeit, bei andern zuerst mit zu- und dann mit abnehmender Geschwindigkeit wächst2. Als Ein- drücke dienten bei diesen Versuchen die Ziffern 1—5 und I — V, als zu- geordnete Bewegungen die der 10 Finger beider Hände. Die Dauer der Wahlreactionen betrug, übereinstimmend mit andern Beobachtungen, bei 2 Jul. Merkel, Philos. Stud. Bd. 2, 1885, S. 73 ff. Vgl. besonders die graphischen Darstellungen der Versuche auf Taf. II.
462 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
zweifacher Wahl 250 — 300'7, bei 10 Eindrücken stieg sie auf durchschnitt- lich 650°". Dies entspricht einer Wahlzeit von 60 — 8o°" im ersten, von 400a im zweiten Fall1.
Etwas andere Bedingungen als in diesen Versuchen, in denen eine bestimmte Bewegung einem bestimmten Eindruck willkürlich zugeordnet war, treten dann ein, wenn man gewisse natürliche Zuordnungen be- nutzt, wie sie uns namentlich in den Schriftbildern der Buchstaben und Wörter und in den zugehörigen Sprachbewegungen oder auch, in einer minder festen Form, in der Beziehung von irgend welchen Gesichtsbildern, z. B. von Farben, von Gegenständen, zu unsern Benennungen derselben gegeben sind. Solche Versuche, bei denen die Articulation des Mundes selbst als Reactionsbewegung verwendet wird, sind schon von DONDERS und dann in größerer Zahl von CATTELL ausgeführt "worden2. Dieser fand folgende Mittelwerthe: Beobachter: B.
C.
Beobachter: B.
C.
Vergleicht man diese Zeiten mit den oben für die Wahlreaction der Hand auf zwei Farben und Wörter erhaltenen, so ist ersichtlich, dass die Be- nennung einer beliebigen Farbe mehr Zeit erfordert als die Wahlreaction auf eine bestimmte unter zwei erwarteten, dass aber bei Wörtern kein merklicher Unterschied zwischen beiden Fällen gefunden wird, eine That- sache, die sichtlich mit der innigen natürlichen Zuordnung von Sprach- bewegungen und Wortbildern zusammenhängt. CATTELL schätzt die nach Abzug der einfachen Reaction und der Unterscheidung zurückbleibende reine Benennungszeit für Farben auf 280 — 400, für Bilder auf 250 — 280, für Buchstaben auf 140 — 170, aber für kürzere Wörter nur auf 100 — uo*7. Sind auch die absoluten Werthe dieser Zahlen wahrscheinlich sämmtlich um etwa 8oa zu groß, weil sich Cattell der muskulären Reactionsweise bediente und daher für die einfache Reaction zu geringe Werthe annahm, so können doch ihre relativen Größen als richtig angesehen werden, und wir würden demnach, um für eine Farbe oder für ein geläufiges Ge- sichtsobject die zugehörige Wortarticulation zu finden, noch einmal so 1 Die von Merkel selbst berechneten Wahlzeiten sind unsicher, da bei ihnen eine Unterscheidungszeit in Rechnung gebracht ist, die offenbar Versuchen mit verkürzter Re- action entnommen wurde.
2 Donders, Archiv f. Anatomie und Physiologie, 1868, S. 657 ff. Cattell, Philos.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 45^ viel Zeit als für einen Buchstaben und beinahe dreimal so viel Zeit als für ein Wortbild gebrauchen.
Mehr als bei den Erkennung^ - besteht im allgemeinen bei den Wahlreactionen, wie die subjective Beobachtung lehrt, ein wesentlicher Bestandtheil der Vorgänge in der motorischen Hemmung, die dem Eindruck und dem durch diesen ausgelösten Willensimpuls vorausgeht. Dabei zeigt sich zugleich deutlich, dass in diesem Fall, abweichend von den Verhältnissen bei Erkennung und Unterscheidung, die nach der Stärke der Spannungsgefühle zu bemessende Energie der Willenshem- mung zunimmt mit der Zahl der Eindrücke und der Bewegungen, zwi- schen denen die Wahl stattfinden soll. In gleicher Weise wächst dann aber auch nach geschehenem Eindruck die zwischen der oben erwähnten reproductiven und impulsiven Apperception verfließende Zeit. Während bei den einfachsten Wahlacten beide Apperceptionen fast in eine einzige zusammenzufließen scheinen, bemerkt man daher bei den verwickeiteren immer deutlicher eine Pause zwischen denselben, in der sich das Gefühl der Hemmung bis zu unlusterregender Höhe steigern kann. Dieses Ge- fühl tritt dann wieder mehr zurück, wenn an und für sich schon eine feste associative Beziehung zwischen dem Eindruck und der Bewegung besteht, wie bei den Sprachbewegungen, wo darum auch in der inneren Wahrnehmung der Vorgang leicht einen automatischen Charakter annimmt.
Aus diesen subjectiven Bedingungen der Wahlreactionen ergibt sich zu- gleich, 'dass die bei ihnen beobachteten Zeiten weit weniger noch als die der Erkennungsreactionen einen eindeutigen Charakter besitzen, indem hier namentlich die motorische Hemmung und die ihr entgegenwirkende Ausbildung automatischer Coordinationen in den verschiedensten Graden in einander eingreifen können.
Wenn in der obigen Darstellung zur Ermittelung der zeitlichen Verhält- nisse apperceptiver Wahlacte zum Theil die Versuche solcher Beobachter herangezogen wurden, die bei der einfachen und bei der Unterscheidungs- reaction die muskuläre Reactionsweise befolgten, so stützt sich dies auf die unverkennbare Thatsache, dass auch in diesen Fällen bei dem Uebergang zu Wahlreactionen die sensorielle Reactionsform Platz greift. Das Hauptkriterium für diesen Uebergang liegt darin, dass, während die einfachen Reactionen in der früher angegebenen Weise nach der angewandten Reactionsmethode in zwei Gruppen sich sondern, die Wahlreactionen bei allen Beobachtern durch- schnittlich gleiche Werthe aufweisen. So fand Tischer bei seinen neun Ver- suchspersonen folgende Mittel: 464 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
bei Wt.
B.
C.W f.
El.
D.Wf.
Ml.
Tt.
Tr.
3H "5 90 3i 49 34 10 7i Aus diesen Zahlen ersieht man, dass die Wahlreactionen (ÄUW1) annähernd constant sind, während bei den einfachen Reactionen (R) erhebliche Unter- schiede stattfinden, was bei den sonst einfacheren Verhältnissen der letzteren unmöglich wäre, wenn hier nicht weitere modificirende Bedingungen hinzu- kämen. Ebenso ist es von vornherein unmöglich, dass die Unterscheidungs- acte da, wo die einfache Reaction eine längere Zeit beansprucht, ebenfalls länger dauern, und dass dagegen die Wahlacte sich umgekehrt verhalten, so dass jedesmal lange Unterscheid ungs- mit kurzer Wahlzeit und kurze Unter- scheidungs- mit langer Wahlzeit verbunden wäre. Hieraus erhellt ohne weite- res, dass die berechneten Werthe U und W in diesen Fällen falsch sein müssen, weil überall, wo die Reactionszeit muskulär ist, auch die Neigung be- steht, zu kurze Unterscheidungsreactionen auszuführen, wodurch die Werthe von U zu kurz und die von W zu lang werden. Dies bestätigt zugleich die oben gemachte Bemerkung, dass Individuen mit muskulärer Reaction beim Uebergang zu Wahlreactionen in der Regel von selbst zur sensoriellen Re- action übergehen, so dass in diesem Fall der einfache und der zusammen- gesetzte Reactionsvorgang nicht mit einander verglichen werden können. Das nämliche ergibt sich auch noch aus einer andern Erscheinung. Man beobachtet nämlich, dass sich bei Versuchspersonen mit muskulärer Reaction durch den Einfluss vorangegangener Wahlreactionen in der Regel die Zeit der einfachen Reaction verlängert1. Nun ist es eine allgemeine Erfahrung, dass man eine einmal angenommene Reactionsgewohnheit eine Zeit lang festhält, auch wenn die unmittelbar sie herbeiführenden Bedingungen zu wirken aufgehört haben. Die durch den Wahlvorgang aufgenöthigte Form der sensoriellen Reaction macht also in diesem Fall auch die nachfolgenden einfachen Reactionen zu mehr oder minder sensoriellen.
4) Associationsreactionen. Die Frage nach der Dauer der Reproduction einer durch Association erweckten Vorstellung lässt sich in irgend allgemeingültiger Weise um so weniger exact beantworten, als? wie wir im nächsten Capitel se,hen werden, die Associationen auf Ele- mentarprocessen beruhen, die bald für unsere Auffassung vollkommen simultan entstehen, bald bis zu sehr allmählichen Successionen sich ab- stufen können. Nur in einem Fall lässt sich daher die Dauer einer Association annähernd bestimmen, in dem Fall nämlich, dass ein äußerer Sinneseindruck gegeben wird, der durch Association ein Erinnerungs- bild wachruft. Hier kann, wenn die Zeit des Eindrucks genau be- kannt, und durch parallelgehende Versuche die Zeit der Erkennung desselben ermittelt ist, als die für die Reproduction erforderliche Zeit Tischer, Philos. Stud. Bd. 1, 1883. S. 540.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. *(>?
diejenige angesehen werden, die man erhält, wenn man von dem ganzen Zeitraum Rea vom äußeren Reiz bis zum Eintritt des Erinnerungsbildes denjenigen Theil Re abzieht, welcher der Erkennungs- und Reactionszeit auf den Sinnesreiz entspricht.
Dieser ganze Vorgang einer Association und Reproduction schließt nun offenbar wieder zwei Vorgänge ein: erstens die Hebung des Er- innerungsbildes in das Bewusstsein, und zweitens die Apperception der gehobenen Vorstellung. Beide Processe lassen sich nicht von einander sondern; doch ist von vornherein anzunehmen, dass beiden unter ver- schiedenen Bedingungen eine verschiedene Dauer zukommen wird. Nennen wir freie Associationen solche, bei denen eine beliebige Vorstellung zu dem gegebenen Sinneseindruck reproducirt werden darf, und bei denen man ohne Wahl und bei möglichst passivem Bewusstsein auf die zuerst aufsteigende Vorstellung reagirt, so wird hier der wesentlichste Theil des Vorgangs jedenfalls der Hebung des Erinnerungsbildes angehören, wäh- rend sich die Apperception wohl nicht erheblich abweichend von anderen Erkennungsacten verhält. Bezeichnen wir dagegen als gezwungene Associationen solche, bei denen nicht jedes beliebige Erinnerungsbild, sondern ein solches, das mit dem gegebenen Eindruck in einer zuvor bestimmten Beziehung steht, erneuert werden soll, so sind hier wieder zwei wesentlich verschiedene Fälle, die eindeutig bestimmte und die mehrdeutig bestimmte Association, zu unterscheiden. Bei der ersteren kann nur eine Vorstellungsbeziehung in Frage kommen: so z. B.
bei der Association einer Farbenbezeichnung zu dem Farbeneindruck, des Wortbildes zum Schriftbild, des geläufigen Wortes einer gegebenen zu dem einer anderen Sprache u. dergl. Bei solchen eindeutigen Associationen wird sich der Vorgang nicht wesentlich anders als bei der freien verhalten, denn es wird die associirte Vorstellung zumeist diejenige sein, die sich auch bei der letzteren zunächst darbietet. Anders bei der mehrdeutig bestimmten Association. Bei ihr sind innerhalb der gestellten Be- dingung mehrere Vorstellungsbeziehungen möglich: so, wenn zu einer Vorstellung eine ihr coordinirte, oder zu einem Gegenstand irgend ein Theil desselben, zu dem Verbum ein angemessenes Subject u. s. w. re- producirt werden soll. Hier wird muthmaßlich schon der Vorgang der Hebung der Vorstellung modificirt, indem er sich auf ein engeres Ge- biet einschränkt, und er ist daher dem gleichen Process bei der freien Association nicht ohne weiteres gleichzusetzen. Namentlich aber wird der Vorgang der Apperception verändert. Da im allgemeinen mehrere Vorstellungen und darunter auch solche, die der festgestellten Bedingung nicht entsprechen, gehoben werden können, so kann sich hier zu dem Erkennungs- auch noch ein Wahlact hinzugesellen, und je nachdem Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 30 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
dieser mehr oder minder ausgeprägt ist, wird natürlich ein solcher mehr- deutig bestimmter Associationsvorgang subjectiv von sehr abweichender Beschaffenheit und objectiv von sehr wechselnder Dauer sein.
Beginnen wir mit der freien Association, so müssen bei dieser vor allem die äußeren Sinneseindrücke so gewählt werden, dass sie leicht auf die Reproduction erregend einwirken können. In der Regel nimmt man daher zugerufene Worte oder gesehene Schriftbilder derselben; auch werden am zweckmäßigsten einsilbige Worte gewählt, damit der Ein- druck möglichst kurz dauert. Die Versuche werden dann so angeordnet, dass jede Versuchsreihe drei Gruppen von Beobachtungen umfasst: i) solche der einfachen Reaction R, 2) solche der Wortreaction Re d. h. der Zeit von dem Eintritt eines akustischen oder optischen Wort- eindrucks bis zu der nach der Apperception des Wortes erfolgenden Be- wegung, und 3) solche der Associationsreaction Rea, d. h. der Zeit von dem Worteindruck bis zu einer reagirenden Bewegung, die in dem Momente ausgelöst wird, wo die durch Association reproducirte Vorstel- lung im Blickpunkt des Bewusstseins erscheint. Die Differenz Re — R = E ergibt dann wieder die Zeit der Worterkennung, die Differenz Rea — Re = A die sogenannte Associationszeit. Die folgende Tabelle enthält die Gesammtmittel der Beobachtungen, die auf diese Weise M. TRAUTSCHOLDT an vier Versuchspersonen ausführte [n bezeichnet die Zahl der Versuche)1.
Beobachter R mV n Re mV n Rea mV 11 E A 12 36 99 10 88 23 57 H3 17 32 29 58 9 40 26 80 40 Diese Resultate zeigen, dass die mittlere Associationszeit unter den hier angegebenen Bedingungen erheblich länger ist als die Unterscheidungs- zeit für Worte und ähnliche relativ einfachere Vorstellungen, indem sie in ihrer Größe der Apperceptionsdauer einer sehr zusammengesetzten Vor- stellung, z. B. einer 5- bis 6 stelligen Zahl, ungefähr nahe kommt vergl. S. 458). Ferner ist ersichtlich, dass unter den drei in Vergleich gezogenen Vorgängen die Associationszeit, ähnlich der Wahlzeit, die geringsten in- dividuellen Unterschiede zeigt, indem ein Mittelwerth von 0,72* wohl als diejenige Größe betrachtet werden kann, von welcher die durchschnitt- Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. a(jj