Trotz der anschaulichen Schilderung, die so von diesem Leben und Treiben der Erinnerungsbilder entworfen wird, muss aber gesagt werden, dass diese ganze schattenhafte Erinnerungswelt genau ebenso mythologisch ist, wie jene andere Welt der Schatten jenseits der Styx, deren Schilde- rung wir der mythologischen Dichtung der Griechen verdanken. Dass die sogenannten Erinnerungsbilder nicht Abbilder der wirklichen Dinge, und im allgemeinen nicht einmal solche unserer directen Wahrnehmung sind, sondern dass sie auch da, wo sie in der That einigermaßen isolir- bar vorkommen, aus zerflatternden und fortwährend wechselnden Empfin- dungscomplexen bestehen, haben wir oben gesehen (S. 477 f.). Dazu kommt weiterhin, dass in der Mehrzahl jener Fälle, wo man von Erinne- rungsbildern redet, die den Sinneswahrnehmungen frei und selbständig gegenübertreten sollen, solche überhaupt nicht, auch nicht einmal in jenen fortwährend veränderlichen Empfindungscomplexen, existiren, sondern dass sich die Beziehung des neuen zu einem früheren Eindruck eben nur in einem assimilativen Process kundgibt, der theils den Empfindungsgehalt, theils den Gefühlscharakter der neuen Vorstellung bestimmt, namentlich aber der letzteren resultirende Gefühle mittheilt, welche die Träger jener Beziehung des neuen zu dem früheren Eindruck bilden. Diese assimilativen Verbindungen sind nun der Hauptbestandtheil der Reproductionsvorgänge überhaupt, und nur in verhältnissmäßig seltenen Fällen kommt es im wachen Bewusstsein zu einer relativ selbständigen Vergegenwärtigung eines Erinnerungsbildes. In der Regel ist eine solche die Wirkung eines sich mit der Reproduction verbindenden Willensvorgangs, des »Be- sinnens« oder der sonstigen willkürlichen Erneuerung, namentlich aber des willkürlichen Festhaltens und der deutlicheren Vergegenwärtigung eines früheren Eindrucks. Nur die Träume und in Annäherung an sie Zustände träumerischer Versunkenheit im wachen Zustand bieten hier ein etwas anderes Verhalten, auf dessen Erscheinungen und Bedingungen, als ein durchaus ausnahmsweises, wir unten zurückkommen werden. (Vgl. Cap. XX, 2.) Selbst.da aber, wo die Erinnerungsbilder relativ selb- ständig aufzutreten scheinen, enthalten sie stets erhebliche directe Em- pfindungselemente, die bald schon auf ihre Reproduction als auslösende Momente wirken, bald umgekehrt durch die Reproduction selbst ausgelöst Wcndt, Grundzüge. III. =. Aufl. -;-> 514. Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
werden. Dahin gehören namentlich die an die Sinnesapparate gebundenen Spannungs- und Bewegungsempfindungen, und nicht selten noch andere, in die besonderen Sinnesqualitäten hinüberreichende Elemente. Solche Verbindungen mit directen Erregungen gelten, wie wir sehen werden, übrigens auch für jene anomalen Zustände, in denen, wie im Traum, die Erinnerungsbilder wirklich eine größere Selbständigkeit und Lebendigkeit gewinnen: sie ist freilich auch hier insofern nur eine scheinbare, als man dabei die mannigfachen assimilativen Verbindungen mit directen Sinnes- eindrücken übersieht, durch die meist erst die Erinnerungsbilder erweckt werden.
Zu allem dem kommt endlich noch eine Eigenschaft gerade der relativ selbständigen Reproductionen, auf die an einer früheren Stelle be- reits hingewiesen wurde: dies ist die Eigenschaft solcher Reproductionen, vornehmlich durch ihre Gefühlsbetonung das Bewusstsein zu erregen, indess ihre Empfindungselemente entweder dauernd oder zeitweilig im dunkleren Blickfeld des Bewusstseins verbleiben. (Vgl. oben Cap. XVI, S. in ff.) Diese Gefühlsäquivalente von Vorstellungen spielen nun besonders bei jenen Formen des Vorstellungsverlaufs, bei denen sich dieser zeitweise ganz von der bewussten Einwirkung äußerer Eindrücke abwendet, eine sehr große, ja überwiegende Rolle. Sie sind es wohl nicht zum wenigsten, die bei manchen Psychologen und Nichtpsychologen dem mythologischen Begriff des »Unbewussten« eine gewisse Stütze geliehen haben. Indem man, befangen in den Banden der vulgären Reflexions- oder der intellectualistischen Associationspsychologie, diese Gefühlselemente, die für uns ganze Vorstellungscomplexe wirkungsvoll repräsentiren können, ignorirt, kommt man zu der Annahme einer nicht existirenden und gleichwohl das Bewusstsein stark afficirenden Vorstellung. In Wahrheit fehlt auch in diesen Fällen schwerlich die Empfindungs- grundlage der Vorstellungen im Bewusstsein. Hiergegen spricht schon der continuirliche Uebergang, den wir zwischen jenen anscheinend ganz empfindungsfreien, rein durch Gefühlsäquivalente vertretenen Vorstellungen und andern beobachten, bei denen die Empfindungen nur mehr als ge- wöhnlich zurücktreten. Diese Verhältnisse werden begreiflich, wenn man erwägt, dass die Empfindungsstärke der Erinnerungsbilder an und für sich eine sehr geringe zu sein pflegt, während das gleiche von den an sie gebundenen Gefühlselementen nicht gilt.
So zeigt es sich denn, dass directe Sinnesvorstellungen und Erinne- rungsbilder niemals völlig von einander zu scheiden sind, und dass es demnach einen unabhängigen Verlauf der ersteren überhaupt nicht gibt. Besonders aber fällt eine eminente Bedeutung in den Wechselbeziehun- gen zwischen directen Eindrücken und reproductiven Elementen den Verlauf reproducirter Vorstellungen. c j c Gefühlen zu. Ueberall, wo wir unmittelbar einen Eindruck auf ein voran- gegangenes Erlebniss beziehen, da ist es lediglich die durch die assimila- tive Wechselwirkung erzeugte specifische Gefühlserregung, die mit dieser Beziehung unmittelbar auch die Auffassung der Uebereinstimmung oder Verschiedenheit der beiden Vorstellungen zu stände bringt, ohne dass doch etwas anderes als eben die eine, durch den neuen Eindruck ge- weckte Vorstellung im Bewusstsein ist. Auch da, wo das Erinnerungs- bild relativ selbständiger in das Bewusstsein tritt, d. h. durch mehr zurück- tretende Componenten mit directen Sinneserregungen verbunden ist, da ist es aber meist nur die durch eine analoge assimilative Wirkung der directen Eindrücke auf frühere Erlebnisse ausgelöste Gefühlserregung, die als Vorstellungsäquivalent functionirt. Erinnerungsbilder, die diese Bezeichnung im eigentlichen Sinne des Wortes verdienen, bilden daher im normalen wachen Bewusstsein verschwindende Ausnahmen, bei denen in der Regel die willkürliche Reproduction mitwirkt Auch dann noch bleiben übrigens diese Erinnerungsbilder die vergänglichsten und wandelbar- sten Gebilde unseres Bewusstseins, fortwährend bereit sich zu metamorpho- siren oder sich neu auftretenden Eindrücken zu assimiliren. (Vgl. die oben S. 478 gegebene Schilderung ihres Verlaufs.)
Da die überlieferte Associationslehre mit ihrer Substanzialisirung der Er- innerungsbilder eine wichtige Aufgabe darin erblickte, Gesetze über die Auf- einanderfolge dieser Bilder aufzustellen, die wir, soweit sie die qualitative Seite der Erscheinungen betreffen, im nächsten Capitel kennen lernen werden, so hätte man eigentlich erwarten sollen, dass sie auch über den formalen Verlauf derselben, ihre Dauer und Geschwindigkeit versuchen werde Aufschluss zu gewinnen. Dennoch hat sich die eigentliche Associationspsychologie nie- mals an dieses Thema herangewagt, bei dem sich freilich die Willkürlichkeit ihrer Constructionen weniger hätte verbergen lassen, als bei jenen qualitativen Eormulirungen, die man mit dem stolzen Namen der »Associationsgesetze« schmückte und gelegentlich dem Gravitationsgesetz an erklärendem Werth gleichstellte1. Nur Herbart hat von seinem der Associationspsychologie ver- wandten Standpunkte aus es versucht, kraft der souveränen Willkür seiner Speculation eine exacte Schilderung und Interpretation der formalen Erschei- nungen des Vorstellungsverlaufs zu geben, wofür ihm ausschließlich der Ver- lauf der Erinnerungsbilder gilt. Diesem Versuch lässt sich mathematische Genialität nicht absprechen. Aber vom Standpunkt psychologischer Beobachtung aus darf man wohl behaupten, dass er von Anfang bis zu Ende eine erdichtete Conception ist. Für die Art, wie in der Associationspsychologie und den ihr affiliirten Richtungen die Construction die wirkliche Beobach- tung verdrängt hat, ist. jedoch diese Herbart' sehe Theorie des Vorstellungs- verlaufs, der auch Nichtherbartianer die feine psychologische Beobachtungsgabe John Stuart Mill, Logik, Bd. 2, 6. Buch, Cap. 4.
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nachgerühmt haben, allzu charakteristisch, um nicht wenigstens die hauptsäch- lichsten Voraussetzungen und Folgerungen derselben hier anzudeuten1.
Da die Vorstellungen nach Herbart Selbsterhaltungen der Seele gegen die störende Einwirkung anderer Wesen sind, so soll die einmal entstandene Thätigkeit des Vorstellens unvermindert beharren, aber der Effect dieser Thä- tigkeit, das vorgestellte Bild, soll geschwächt oder auch ganz aufgehoben werden, indem sich dieselbe in ein Streben vorzustellen verwandelt. Solches geschieht dann, wenn entgegengesetzte Vorstellungen gleichzeitig vor- gestellt werden sollen. Nun ist das Bewusstsein die Summe des gleichzeitigen wirklichen Vorstellens. Die Vorstellungen entschwinden aus dem Bewusstsein, indem entgegengesetzte eine Hemmung auf einander ausüben; sie treten wie- der in das Bewusstsein, wenn die Hemmung aufhört. Dem wird dann noch die weitere Annahme beigefügt, disparate Vorstellungen hemmten sich nicht, und von den Vorstellungen desselben Sinnes hemmten sich die gleichartigen Bestandtheile nicht, sondern verschmölzen mit einander. Von diesen An- nahmen aus liegt dann die Voraussetzung nahe, bei gleichen Gegensätzen verschiedener Vorstellungen seien die Hemmungen, die sie erfahren, ihren Intensitäten umgekehrt proportional, und bei gleichen Intensitäten sei die Hemmung jeder einzelnen Vorstellung der Summe der Gegensätze, in denen sie sich zu den andern Vorstellungen befindet, direct proportional. Intensität und Klarheit werden dabei selbstverständlich nicht unterschieden. Sind nun, was der gewöhnliche Fall sein wird, sowohl die Intensitäten wie die Gegen- sätze ungleich, so wird die Abhängigkeit eine zusammengesetzte. Drei Vor- stellungen von der Stärke a, b, c werden z. B. in den Verhältnissen gehemmt, wenn der Gegensatz von a und b = w, von a und c = fi1 von b und c = n ist. Durch diese Feststellung des Hemmungsverhältnisses ist aber noch kein Aufschluss über das Verhalten der Vorstellungen im Bewusst- sein gewonnen; zu diesem Zweck muss man nicht bloß das Hemmungsver- hältniss, sondern die absolute Intensität des Vorstellens kennen, die nach geschehener Hemmung übrig bleibt. Wir kennen diese Intensität nicht. So hilft sich denn Herbart mit einer Hypothese. Er nimmt an, die absolute Summe der Hemmungen sei möglichst klein, was dann stattfinde, wenn nicht alle Vorstellungen gegen alle, sondern alle gegen eine, und zwar gegen die- jenige, der die kleinste Summe von Gegensätzen gegenüberstehe, sich richten. Wenn zu zwei Vorstellungen a und b, die in starkem Gegensatze stehen, eine dritte c von minderem Gegensatze hinzutritt, so sollen also plötzlich a und b einander loslassen, um sich auf die ihnen verwandtere c zu werfen, ähnlich wie zwei erbitterte Gegner über irgend einen unschuldigen Dritten herfallen, der sich beikommen lässt, zwischen ihnen vermitteln zu wollen. Als Grund für diese Behauptung kehrt in verschiedenen Wendungen der teleologische Gedanke wieder: da alle Vorstellungen der Hemmung entgegenstrebten, so würden sie sich zweckmäßiger Weise mit der kleinsten Hemmungssumme 1 Herbart, Psychologie als Wissenschaft. § 36, § 41 f. (Werke, Bd. 5.) Man vgl. dazu dessen Lehrbuch zur Psychologie, Cap. II u. f.,'ebend.) und Hauptpunkte der Meta- physik, § 13 (Werke, Bd. 3, S. 41).
Verlauf reproducirter Vorstellungen. e j j begnügen. Die übrigen Voraussetzungen Herbarts, sein dynamisches Gesetz, dass die Hemmungen, welche die Vorstellungen in jedem Augenblick erleiden, der Summe. des noch zu Hemmenden proportional seien, die Annahme, dass die Vorstellungen durch die Reste, durch die sie mit einander verschmolzen sind, eine gegenseitige Hülfe empfangen, die dem Product der Verschmelzungs- reste direct, der Intensität jeder einzelnen Vorstellung aber umgekehrt pro- portional sei, diese weiteren Voraussetzungen mögen hier unerörtert bleiben. Das Mitgetheilte genügt, um das Ganze als mathematische Fiction zu erweisen, die mit der Wirklichkeit des psychischen Geschehens in keinem Punkte zu- sammentrifft. Erstens sind die Vorstellungen keine festen Gebilde. Zweitens sind sie noch weniger unsterbliche. Objecte. Drittens widerspricht die Be- hauptung, dass disparate Empfindungen sich nicht hemmen, der Erfahrung, die das directe Gegentheil lehrt (man vergleiche die Complicationsversuche). Viertens steht der Satz, dass zwei die Mindestzahl der Vorstellungen im Be- wusstsein sei, im stärksten Widerspruch mit der Beobachtung (vgl. die Ver- suche über den Bewusstseinsumfang). Endlich fünftens sind alle übrigen Hypothesen nicht nur willkürlich, sondern so unwahrscheinlich wie möglich. Wenn man die Anschaulichkeit gerühmt hat, mit der Herbart das Steigen und Sinken der Vorstellungen in uns schildere, so besteht diese Anschaulich- keit bloß darin, dass er eben überhaupt eine Bewegung schildert. Ob aber die letztere mit dem wirklichen Steigen und Sinken unserer Vorstellungen übereinstimme, dafür fehlt es überall an einem Beweise. Im Gegentheil, wo es je einmal gelingt, an diese Fictionen den Maßstab exacter Beobachtung anzulegen, da widerstreiten sie dieser. So kennt jene Theorie nur eine Hem- mung zwischen gleichartigen Vorstellungen. Die Untersuchung zeigt jedoch zweifellos, dass auch disparate Vorstellungen sich hemmen können. Dieses Factum weist eben darauf hin, dass die sogenannte Hemmung nicht in den Vorstellungen selbst, sondern in der Apperception ihren Grund hat. An einer zureichenden Analyse der Aufmerksamkeitsprocesse und der Apperception, wie nicht minder an einer den Thatsachen gerecht werdenden Theorie der Ge- fühle fehlt es aber bei Herbart ganz und gar. Treffend sagt er von seiner Psychologie, sie construire den Geist aus Vorstellungsreihen, ähnlich wie die Physiologie den Leib aus Fibern1. In der That, so wenig es jemals gelingen wird, aus der Reizbarkeit der Nervenfasern die physiologischen Functionen zu erklären, so fruchtlos ist das Unternehmen, aus dem Drücken und Stoßen der Vorstellungen die innere Erfahrung ableiten zu wollen.
Neunzehntes Capitel.
Psychische Verbindungen.
i. Allgemeine Uebersicht der Formen psychischer Verbindung.
Als psychische Verbindungen bezeichnen wir alle diejenigen Bewusst- seinsvorgänge, die sich, sei es unmittelbar, sei es unter der Zuhülfenahme experimenteller Variirung der Umstände, als zusammengesetzt aus mehreren Bestandteilen erweisen. Dabei können solche Bestandtheile selbst wieder zusammengesetzt sein, bis schließlich als die Factoren der einfachsten Ver- bindungen die nicht weiter zerlegbaren psychischen Elemente, die reinen Empfindungen und einfachen Gefühle, zurückbleiben. Dass in diesem Sinne jeder Bewusstseinsvorgang in Wirklichkeit zusammengesetzt ist, haben wir schon bei der Betrachtung der psychischen Elemente gesehen, wo eben aus diesem Grunde den letzteren zwar der Charakter eines unmittelbar oder anschaulich gegebenen letzten Bestandtheils der wirklichen Erschei- nungen zuerkannt werden musste, der aber gleichwohl nur als Product einer Analyse und Abstraction festzuhalten sei. (Vgl. Cap. VII, Bd. i, Aus der so in seinen einzelnen Gestaltungen unabsehbar mannigfalti- gen Fülle psychischer Verbindungen heben sich nun gewisse Regelmäßig- keiten der Coexistenz und Folge heraus, nach denen sich der gesammte Zusammenhang der Bewusstseinsvorgänge in einzelne, specifisch ge- artete Formen der Verbindung unterscheiden lässt. Ueber die Frage, wie diese Formen von einander abzugrenzen, und auf welche specifische Merkmale ihre Sonderung zu gründen sei, können natürlich die Ansichten weit auseinander gehen. Im allgemeinen wird man es jedoch als ein selbstverständliches Princip ansehen dürfen, das auch für die Unterschei- dung und Ordnung psychischer Verbindungen festzuhalten ist, dass Er- scheinungen zusammengehören, die theils in ihren Bedingungen, theils in ihrer eigenen Beschaffenheit übereinstimmen. Wenn trotzdem nicht bloß über die Ursachen der Entstehung psychischer Verbindungen, sondern auch über deren Beschaffenheit und über ihre Eintheilung sehr wider- streitende Meinungen herrschen, so wird man dies nicht sowohl auf einen Widerspruch gegen jenes allgemeine Princip, als vielmehr auf den Umstand zurückführen müssen, dass die Thatsachen selbst noch vielfach umstritten sind, oder, was wohl auf dasselbe hinauskommt, dass die psychologische Beobachtung im exacten Sinne des Wortes eine noch sehr junge, in ihrer Entwicklung auf das engste an die Anwendung der Allgemeine Uebersicht der Formen psychischer Verbindung. c j q experimentellen Methode gebundene, wenn auch nicht immer mit ihr verbundene Kunst ist. So bilden denn gerade die psychischen Verbin- dungen das Gebiet, auf dem willkürliche Constructionen, die von einzelnen allzu fragmentarischen Erfahrungen, namentlich aber von allgemeinen logischen Reflexionen ausgingen, bis dahin beinahe unbeschränkt ge- herrscht haben. Den sprechenden Beleg hierfür bildet die Rolle, die der Begriff der Vorstellungsassociation in der neueren Geschichte der Psycho- logie gespielt hat, und die Deutung, die ihm gerade von den Anhängern der sogenannten Associationspsychologie bis zum heutigen Tage gegeben wird. Gewiss bezeichnet die Einführung dieses Begriffs, die wir den großen englischen Psychologen des 18. Jahrhunderts verdanken, einen wichtigen Fortschritt in der Auffassung des psychischen Geschehens. Wies doch jener Begriff so energisch wie möglich darauf hin, dass nicht alle Bewusstseinsvorgänge, ja dass im Grunde wohl gar nur verschwindend wenige derselben jenem Medium logischer Reflexion angehören, das die Vulgärpsychologie mit dem ebenso viel- wie nichtssagenden Namen »Denken« bezeichnet, sondern dass das Spiel der Vorgänge in unserem Bewusstsein einer Art von psychischem Mechanismus unterworfen ist, der mit jenem vielberufenen Denken im Grunde nur sehr wenig zu thun hat, falls man ihn nicht etwa nachträglich in das überall bereitliegende Netz solcher den Vorgängen selbst fremden Reflexionen einfängt. Aber indem auch die Associationslehre an dem aus jener alten Reflexions- psychologie überkommenen Vorurtheil festhielt, die Vorstellungen oder die »Ideen«, wie sie die Engländer vieldeutig nannten, seien bald einfach, bald zusammengesetzt, immer jedoch fest gegebene und relativ beharrende Gebilde, knüpfte sich an diese für die logischen Begriffe allenfalls brauch- bare, psychologisch hingegen absolut unhaltbare Fiction sofort die Voraus- setzung, dass die »Ideenassociation« ganz und gar in einer Succession fertig gegebener Vorstellungen bestehe, die sich in kürzeren oder längeren Reihen an einander schließen. Damit war die Association im wesentlichen auf das Erinnerungsphänomen reducirt, freilich nicht auf dieses Phänomen in seinen feineren, in den reproductiven Assimilationen uns entgegen- tretenden Gestaltungen, sondern in jenen so zu sagen äußerlichsten und rohesten Grenzfällen, wo ein Object und ein sogenanntes Erinnerungsbild, oder wo gar etwa zwei Erinnerungsbilder relativ gesonderte Be- standtheile einer Verbindung, zu bilden scheinen. So konnte denn auch ungestört die aristotelisch-scholastische Erinnerungslehre wieder dem mo- dernen Associationsbegriff einverleibt werden, und die alte aristotelische Tetratomie der Vorstellungen in ähnliche und unähnliche, gleichzeitige und aufeinanderfolgende hielt, zu dem stolzen Rang von »Associations- gesetzen« erhoben, ihren Einzug; in die angeblich neuen, nun in Wahrheit C20 Psychische Verbindungen.
wieder alt gewordenen Anschauungen. Gerade so wie Feuer, Wasser, Luft und Erde Kategorien sind, unter die man auf einem naiven Stand- punkt der Betrachtung die Naturerscheinungen allenfalls unterbringen kann, gerade so würden Association nach Aehnlichkeit und Contrast, nach Gleichzeitigkeit und Succession bequeme logische Schablonen für die Er- innerungsbilder sein, wenn diese in der mit den äußeren Objecten über- einstimmenden Beschaffenheit, in der sie hier vorausgesetzt werden, über- haupt existirten. Dass unter dieser Voraussetzung das Schema ein leid- lich vollständiges sein würde, versteht sich von selbst. Denn was nicht ähnlich ist, das wird wohl irgendwie contrastiren, und was nicht gleich- zeitig ist, das muss, falls es überhaupt zusammenhängt, aufeinanderfolgen. Zu meinen, dass diese logischen Kategorien die Gesetze der Erschei- nungen selbst seien, dazu gehört die ungeschwächte Macht einer Schein- psychologie, die, wie die Scholastik, ihre Reflexionen über die Dinge mit den Dingen selber verwechselt. Doch selbst als sich in der Asso- ciationslehre des ig. Jahrhunderts ein erbitterter Streit darüber erhob, ob es, wie Viele zu glauben begannen, nur Associationen nach äußerlicher Berührung in Raum und Zeit, oder ob es etwa, wie Andere behaupteten, bloß Aehnlichkeitsassociationen gebe, blieb dieser Grundirrthum bestehen. Denn nicht darum handelte es sich in diesem Streit, den alten logischen Schematismus überhaupt zu beseitigen, sondern man meinte nur dem Be- dürfniss der »Einfachheit« besser zu genügen, wenn man sich, statt mit allen vier Kategorien, mit einer einzigen behelfen könne. Die Reform war also etwa ähnlich der, die im Anfang der Renaissancezeit einige Naturphilosophen unternahmen, als sie, statt der bisherigen vier Elemente, nur ein einziges, sei es das Feuer oder das Wasser, als das Urprincip der Dinge gelten ließen.
Da es nun fixe Vorstellungen, zwischen denen sich solche Aufeinander- folgen nach Aehnlichkeit oder Berührung bilden könnten, überhaupt nicht gibt, und da außerdem die Vorstellungen weder die einzigen Inhalte des Bewusstseins noch die einzigen Componenten psychischer Verbindungen sind, so ist damit eigentlich schon dieser ganzen Vorstellungsmechanik der Boden entzogen. Sie ist in Wahrheit nur eine logische Umdeutung fingirter oder höchstens in gewissen seltenen Grenzfällen dem angenom- menen Schema sich nähernder Processe. Entscheidender noch ist aber freilich die positive Instanz, dass gerade diejenigen Verbindungen, die unter unseren Bewusstseinsvorgängen die dominirende Rolle spielen, und ohne die jene nothdürftig herausgegriffenen Grenzfälle in ihrer Genese unverständlich bleiben, bei diesem Associationsschema ganz und gar über- gangen werden. Das sind die Verbindungen, bei denen Elemente ver- schiedenen Ursprungs in ein einheitliches Ganzes, in eine Vorstellung Allgemeine Uebersicht der Formen psychischer Verbindung. r 2 I