1 Vgl. die Uebersicht der hierher gehörenden ethnologischen Thatsachen bei H. Schurtz, Urgeschichte der Cultur, 1900, S. 498 ff.
Complicationen der Zeitvorstellungen. a-> den allmählichen Uebergang der entscheidenden Empfindungsbestand- theile dieser Vorstellungen vom Tastsinn auf den Gehörssinn andeutet. Ein wichtiges, besonders über die mittleren Stufen dieser Entwicklung übergreifendes und sie verbindendes Zwischenglied bilden hierbei die rhythmischen Lautbildungen der Sprache. Als Articulations- bewegungen gehören sie zu den rhythmischen Functionen des Tastsinns, als Lautbildungen reichen sie in die musikalische Rhythmik hinüber. So sind denn auch Marschlied, Arbeitslied, Tanzlied, alle drei ursprünglich vereinigt im Cultlied, die Formen, aus denen sich die specifisch musi- kalische Rhythmik entwickelt hat. Dabei hat die Rhythmik der Sprache auch insofern eine vermittelnde Stellung, als sie gegenüber den voran- gehenden schwerfälligeren Körperbewegungen mannigfaltigeren Wechsel und gesteigerte Geschwindigkeit der Bewegung gestattet, so dass sich dann an sie als letzte Stufe die in allen diesen Beziehungen freieste Rhythmik, die rein musikalische, unmittelbar anschließt, als diejenige, die nur an den zeitlichen Bedingungen des Tonmaterials und seiner instrumentellen Erzeugung ihre Grenzen findet1.
Unter den genannten Formen rhythmischer Bewegung bildet nun der Tanz auch noch deshalb eine besonders bedeutsame Zwischenstufe, weil bei ihm mehr als bei irgend einer andern dieser natürlichen Ent- wicklungsformen ein dritter Sinn, der Gesichtssinn, in die Compli- cation der Vorstellungen eingreift und die ästhetische Gesammtwirkung des Ganzen verstärkt. Diese bevorzugte Rolle, die der Tanz als beinahe ausschließliche Form der Erzeugung rhythmischer Gesichtsvorstellungen übernimmt, ist aber wesentlich dadurch bedingt, dass er unter den rhyth- mischen Körperbewegungen einerseits eine reichere rhythmische Gliede- rung zulässt als der in den einförmigen Takt der Doppelschritte ein- geengte Marsch, und dass er sich anderseits in der Geschwindigkeit der Bewegungen den Bedingungen anpassen kann, die das Auge durch die lange Nachdauer seiner Empfindungen der Ausbildung rhythmischer Gesichtsvorstellungen entgegenbringt. Diese lange Nachdauer, durch die sich die Licht- von der Schallempfindung so wesentlich unterscheidet, legt den rhythmischen Gesichtsbildern die Beschränkung auf, dass die verschiedenen Phasen einer Bewegung mit der erforderlichen Langsam- keit verlaufen und einander ablösen müssen, um einen rhythmischen Ein- druck hervorzubringen, der zugleich mit einer deutlichen Auffassung der 1 Auf Betrachtungen, die sich mit den obigen nahe berühren, beruht augenschein- lich die von Franz Saran (Die Jenaer Liederhandschrift, Bd. 2, 1901, S. 102 f.) vorge- schlagene Eintheilung des Rhythmus in die drei Formen des orchestischen (geben, hüpfen und andere Körperbewegungen), des sprachlichen und des melischen (rein musikalisch-instrumentellen). Dass diese Formen vielfach mit einander gemischt sind, hebt übrigens auch Saran hervor.
Zeitverhältnisse der Bewegungsphasen verbunden ist. Man überzeugt sich hiervon am besten am Stroboskop (Bd. 2, Fig. 281, S. 581), welches die rhythmischen Eindrücke auf das Auge ohne die sonst bei rhythmischen Bewegungen vorkommenden Schallbegleitungen zu beobachten gestattet. Wählt man hier ein stroboskopisches Object, das die verschiedenen Acte einer rhythmischen Bewegung in angemessenen Abständen zur Darstellung bringt, so gewinnt man schon bei den langsamsten, eben noch die Bewegungsvorstellung vermittelnden Umdrehungsgeschwindig- keiten einen rhythmischen Eindruck. Dieser steigert sich zunächst bei Zunahme der Geschwindigkeit. Er wird am deutlichsten, wenn die Bilder in einem Wechsel von annähernd 1 See. einander ablösen. Bei größerer Steigerung vermindert sich wieder der rhythmische Eindruck, und schließlich hört er ganz auf, während zugleich die successiven Reize in ein undeutliches und verwaschenes Bild zusammenfließen. Das näm- liche bestätigt sich auch bei der Beobachtung der verschiedenen Formen des Tanzes. Unsere heute üblichen Tanzarten, Walzer, Galopp u. dergl., bereiten bekanntlich dem Zuschauer kein sonderliches Vergnügen, abge- sehen etwa von der begleitenden Musik, deren Rhythmus allein deutlich wahrnehmbar ist, während man von den Bewegungen der Tanzenden meist nur den Eindruck einer sehr schnellen und bei genauerer Ver- folgung etwas schwindelerregenden Bewegung hat. Das ist ganz anders bei den langsamen Reigentänzen, die, mit Grazie ausgeführt, für sich allein schon, ohne begleitende Musik einen rhythmischen Eindruck machen können, wie denn z. B. auch Taubstumme sich am Anblick solcher Tänze erfreuen. Darum gestattet sich selbst das moderne Ballet nur an einzelnen Stellen eine die Grenze dieser Rhythmik des Auges über- schreitende Geschwindigkeit. Im ganzen aber hält es doch die Schranken ein, die durch diese Eigenthümlichkeit des Gesichtssinnes gefordert sind. So werden die Bedingungen für die Aufeinanderfolge der Eindrücke, bei der eine wirksame Entstehung rhythmischer Zeit Vorstellungen mög- lich ist, wesentlich durch das gleichzeitige Zusammenwirken der Sinne bestimmt. Zwischen den weitesten Grenzen bewegt sich hier das Tempo der Takte, so lange der Gehörssinn allein bleibt, was freilich auf die Dauer kaum möglich ist, da wir mit leisen Tastbewegungen stets den gehörten Rhythmus begleiten. Die Association rhythmischer Schall- und Tastempfindungen bestimmt daher zunächst, und zwar durch den im ganzen auf längere Intervalle angewiesenen Tastsinn, die Ein- wirkungsweise der rhythmischen.Reize. Am meisten eingeengt wer- den diese, wenn auch noch der Gesichtssinn als dritter zu den vorigen hinzutritt. Um so intensiver verstärken sich in diesem Fall die Ein- drücke in ihren Gefühlswirkungen, und hierdurch schon würden sie Die Zeitschwellen. 4 c vielleicht eine gewisse Beschränkung" der Geschwindigkeit bedingen, wenn diese ihnen nicht durch die Eigenschaften der Gesichtsempfindung schon vorgezeichnet wäre. Jedenfalls aber werden dadurch sehr langsame Folgen von Bewegungen noch rhythmisch wirksam, die bei den rasch verlaufenden Eindrücken des Gehörs allein bereits jenseits der erträg- lichen Grenzen liefen.
3. Die Zeitschwelien.
a. Absolute Zeitschwellen.
Wie auf die räumlichen Wahrnehmungen, so kann auch auf die zeitlichen der Begriff der »Schwelle« in jenem allgemeinen Sinne über- tragen werden, in welchem er zunächst im Gebiet der Intensität und Qualität der Empfindungen eingeführt worden ist1. Behält 'man den in diesem Fall wegen der Analogie dieser Vorstellungsschwellen mit den Empfindungsschwellen wohl am ehesten zulässigen Ausdruck »Zeitsinn« bei, so können demnach auch hier eine der Reizschwelle der Empfin- dungen vergleichbare absolute Schwelle des Zeitsinnes und eine Unterschiedsschwelle desselben einander gegenübergestellt werden. Als absolute Zeitschwelle werden wir dann diejenige Zeitgröße eines Reizes bezeichnen, die eben noch als ein bestimmter Zeitwert h wahr- genommen wrird, als Unterschiedsschwelle denjenigen kleinsten Unter- schied zweier Zeiten, bei dem diese als ebenmerklich verschiedene aufgefasst werden.
Unter diesen Größen kann nun die absolute Zeitschwelle wieder in verschiedenen Bedeutungen verstanden werden, je nach den Gesichts- punkten, von denen man bei der Definition dieses Schwellenbegriffs ausgeht. So lässt sich im Zusammenhang mit den Schwellenbegriffen der reinen Empfindung die »Zeitschwelle des Reizes« als diejenige kleinste Reizdauer bestimmen, die erforderlich ist, um eine Empfindung zu erzeugen. Eine solche Zeitschwelle ist uns früher namentlich im Ge- biet der »Tonschwellen« begegnet, als die kleinste Zahl von Schwin- gungen, die eben noch entweder als Ton oder, bei einer engeren Fassung des Begriffs, als Ton von bestimmter Höhe empfunden wird2. Hiervon unterscheidet sich nun die eigentliche Zeitschwelle dadurch, dass sie sich nicht auf die Empfindung, sondern auf die Zeitvorstellung bezieht, indem sie den kleinsten Zeitwerth bedeutet, der noch als Zeit 46 Zeitvorstellungen.
wahrgenommen werden kann. Damit erst tritt dieser Begriff in Parallele zur Raumschwelle des Tast- und des Gesichtssinnes. Auf die Größe dieser Zeitschwelle haben denn auch, nicht minder wie auf die der Raumschwelle, physiologische Momente einen wesentlichen Einfluss. Bestehen diese dort in der räumlichen Ausbreitung der Sinnesnerven- endigungen, so entspringen sie hier aus dem zeitlichen Verlauf der Sinneserregungen. Die Hauptunterschiede dieses Verlaufs sind wiederum so sehr an die Eigenschaften der Sinnessubstanzen gebunden, dass sie uns oben bereits als nächste äußere Merkmale bei der Sonderung der Sinneswerkzeuge in die beiden Classen der »mechanischen« und der »chemischen Sinne« dienen konnten1. Die folgende Übersicht enthält die dort nach den Versuchen von Mach angeführten nebst den von einigen weiteren Beobachtern ermittelten Werthen der Zeitschwellen in Tausendtheilen einer See. Dabei sind die nur für Gehör und Gesicht ausgeführten Bestimmungen von S. ExNER 2 und E. M. Weyer 3 für den Tastsinn nach den Versuchen von W. Preyer4 ergänzt.
Abgerundete Preyer Exner Weyer Mittelwerthe Die Schwellen für den Gesichtssinn beziehen sich in allen Beobachtungen auf Tagesadaptation. Bei Dunkeladaptation fand sie WEYER für die- selben Reize (zwischen Spitzen überspringende Funken) ungefähr doppelt so groß (75,8 — 105,9). Ebenso fand er, dass die Funken, bevor sie deutlich getrennt erschienen, als Flimmern eines scheinbar einzigen Funkens wahrgenommen wurden. Auch hieraus geht hervor, dass die Zeitschwelle in erster Linie durch die physiologischen Eigenschaften der Sinnesorgane bedingt ist. Immerhin wird man sie, so gut wie die Raum- schwelle, als eine psychophysische Größe betrachten dürfen, da die Auf- fassung der Eindrücke als einer Succession doch zugleich eine psychische Thatsache in sich schließt. Dem entspricht denn auch die Beobachtung, dass gesteigerte Aufmerksamkeit und Uebung verändernd auf die Schwelle einwirken. Diese psychischen Momente werden aber vollends die aus- schließlich bestimmenden, sobald man den Begriff der Schwelle auch auf die zeitliche Unterscheidung von Eindrücken verschiedener Sinne, Mach Gehör Getast Gesicht 2 Exner, Pflügers Archiv, Bd. 11, 1875, S. 403 ff.
4 W. Preyer, Die Grenzen des Empfindungsvermögens und des Willens, i< Die Zeitschwellen.
47 z. B. von Auge und Ohr, anwendet. Die hier sich bietenden Erschei- nungen werden wir bei den »Zeitverschiebungen« näher kennen lernen. (Vgl. unten 4, c.)
b. Unterschiedsschwellen.
Mehr als die absolute Zeitschwelle besitzt auch hier die Unter- schiedsschwelle einen wesentlich psychologischen Charakter. Genauere Bestimmungen derselben sind freilich bis jetzt nur im Gebiet des Ge- hörssinnes versucht worden, wo sie wieder in der doppelten Form der Unterscheidung »reizerfüllter« und »reizfreier« Zeitstrecken möglich sind. Im ersten Fall werden unmittelbar nach einander gleichförmig andauernde Schallempfindungen, z. B. Klänge von gleicher Qualität und Stärke, er- zeugt, und die Zeitdifferenz bestimmt, die ihnen gegeben werden muss, damit diese Differenz eben erkennbar sei. Im zweiten Fall lässt man zwei durch kurze Schallreize eingefasste Zeitstrecken nach einander auf das Ohr einwirken, um sie in ähnlicher Weise zu vergleichen. Dabei können dann natürlich in beiden Fällen neben der zunächst zur Be- stimmung der Unterschiedsschwelle sich darbietenden Methode der Minimaländerungen auch die übrigen psychischen Maßmethoden mit den analogen Modificationen, wie sie bei der Anwendung auf extensive Raum- größen in Betracht kommen, verwendet werden1.
Die so ausgeführten Bestimmungen zeigen sich nun zunächst von einem Grundphänomen abhängig, das wiederum den Zeit- mit den Raum- vorstellungen gemein ist, dabei aber bei jenen wegen der Bedeutung, die für die Zeitauffassung gewisse Normalzeiten gewinnen, eine wesent- lich größere Rolle spielt. Wie wir nämlich kleine Raumstrecken zu über- schätzen und große zu unterschätzen pflegen, ein Unterschied, der bei den geometrisch-optischen Täuschungen eine wichtige Rolle spielt2, so werden im allgemeinen auch kleine Zeitstrecken überschätzt und größere unterschätzt. Zugleich gewinnt aber hier der Grenzwerth, bei dem die eine dieser Schätzungsweisen in die andere übergeht, eine specifische Bedeutung. Dieser Indifferenzpunkt der Zeitauffassung, bei wel- chem die Zeitwerthe annähernd in der ihnen wirklich zukommenden Größe aufgefasst werden, liegt nämlich nach den Bestimmungen ver- schiedener Beobachter zwischen 0,7 und 0,5 See; er kann also wohl annähernd auf durchschnittlich 0,6 See. geschätzt werden3. Er entspricht 1 Vgl. Bd. 2, Cap. XIII, S. 439, und XIV, S. 501.
3 Die größeren Werthe nach den älteren Bestimmungen von Kollert (Philos. Stucl. Bd. 1, 1883, S. 78) und Estel (ebend. Bd. 2, 1885, S. 37), die kleineren nach den neueren von E. Meumann (ebend. Bd. 9, 1894, S. 282 ff.). Vgl. auch unten Cap. XVIII, 3.
48 Zeitvorstellungen.
demnach einer Zeit, die innerhalb der durch die natürlichen Tast- bewegungen vermittelten Zeitvorstellungen ungefähr der unteren Grenze rhythmischer Bewegungen nahe kommt, indem sie zwischen der nor- malen Größe eines Halbschritts und eines Doppelschritts in der Mitte liegt. Uebrigens tritt dieser Indifferenzwerth bei reizfreien Zeitstrecken, die, wie wir unten (5b) sehen werden, für die psychologische Analyse der Zeitvorstellungen hauptsächlich maßgebend sind, allein deutlich hervor, da bei reizerfüllten Zeitstrecken fortwährend die Tendenz zur Ueberschätzung der Zeiten erhalten bleibt. Der Indifferenzwerth und Wendepunkt scheint also in diesem Fall erst bei einer Zeitgröße zu liegen, die den Umfang des Bewusstseins und damit das Gebiet der unmittelbaren Zeitvorstellungen überschreitet1. Auf die Unterschieds- schwelle übt nun der Indifferenzwerth insofern einen maßgebenden Ein- fluss aus, als die Zeitauffassung unter demselben eine wesentlich andere als über ihm zu sein scheint: dort drängen sich hauptsächlich die beiden begrenzenden Eindrücke zum Bewusstsein, hier, oberhalb der IndifTerenzzone, macht sich dagegen das Intervall selbst geltend. Da- rum ist eine Vergleichung verschiedener reizfreier Zeitstrecken, die ver- gleichbare Resultate liefern soll, nur bei Zeiten möglich, die den Indifferenzwerth überschreiten. Hier aber wird die Vergleichung wieder dadurch eingeengt, dass eine längere Zeitstrecke überhaupt nicht mehr als eine unmittelbare, einheitliche Vorstellung im Bewusstsein zusammengefasst werden kann. Auf diese Weise ist die Möglichkeit einer exacten Zeitvergleichung eine ziemlich beschränkte, indem dieselbe einerseits für reizfreie Zeiten ganz anderen Bedingungen unterworfen ist als für reiz- erfüllte, und indem anderseits für die ersteren, die im übrigen die für die Zeitauffassung weitaus günstigeren Bedingungen bieten, die genauere Vergleichung in ziemlich enge Grenzen eingeschlossen ist. Als unterer Werth derselben ergibt sich nämlich die dem Indifferenzpunkt ent- sprechende Zeit, als oberer die Ausdehnung einer unmittelbaren, d. h. nicht durch reproductive Wirkungen vermittelten Zeitvorstellung. Zu- gleich ist jedoch diese obere Grenze eine ziemlich variable, da sie nament- lich davon abhängt, ob die gegebene reizfreie Zeitstrecke durch zwischen- liegende momentane Schallreize in eine Anzahl kleinerer Strecken eingetheilt ist oder nicht. Hierbei zeigt sich nämlich, dass der Umfang einer unmittelbaren, in allen ihren Theilen im Bewusstsein gegen- wärtigen Zeitvorstellung beträchtlich zunimmt, wenn dieselbe regelmäßig rhythmisch gegliedert ist. Im allgemeinen dürfte dann unter günstigsten Umständen der Zeitwerth von 4 — 5 See. die obere Grenze 1 Wrinch, Philos. Stud. Bd. 18, 1903, S. 274 fr.
Die Zeitschwellen. 4q bezeichnen, bis zu der eine Zeitvorstellung als Ganzes unmittelbar zu- sammengefasst werden kann, wogegen diese Grenze auf höchstens 1,5 bis 2 See. herabsinkt, wenn die Zeitstrecke ungegliedert ist.
Innerhalb jener beiden Grenzen, dem Indifferenzwerth als unterer und dem Maximalumfang des Bewusstseins als oberer, folgt nun die Unterschiedsempfindlichkeit für Zeitgrößen ziemlich genau dem Weber- schen Gesetze: bezeichnet man mit t die einwirkende Zeitstrecke, mit dt deren eben erkennbaren Unterschied, so ist demnach die relative Unterschiedsschwelle Jtjt eine nahezu constante Größe. Dabei trifft zu- gleich, wie dies der oben erörterte Einfluss des Indifferenzwerthes be- greiflich macht, für ausgefüllte Zeiten (Klänge) das Gesetz exaeter und innerhalb weiterer Grenzen zu als für reizfreie (Takte)1. Ferner näherte sich in Versuchen von WRINCH nach der Methode der mittleren Ab- stufungen das Schätzungsergebniss für dauernde Töne bei Zeiten von 0,25 bis 2,0 See. mehr dem arithmetischen als dem geometrischen Mittel, während bei reizfreien, durch Taktschläge begrenzten Zeiten das geo- metrische Mittel, also ebenfalls das Weber' sehe Gesetz auch hier zutraf, bei übrigens ziemlich erheblichen individuellen Differenzen der Unterschieds- constante 2. Es entspricht also hierin die Zeitauffassung den extensiven räumlichen Größenschätzungen des Gesichtssinnes. Zugleich bilden aber Raumsinn des Auges und Zeitsinn neben den das Hauptanwendungsgebiet des WEBER'schen Gesetzes bildenden Intensitätsverhältnissen wohl die einzigen, dem Gebiet der Vorstellungsbildung zugehörigen Fälle, wo jenes Gesetz sich bestätigt findet. Da dies bei dem Raummaß des Auges mit Wahrscheinlichkeit auf seine Geltung für die Spannungs- empfindungen bei der Bewegung des Auges zurückgeführt werden kann (Bd. 2, S. 598), so wird man aber auch bei den Zeitvorstellungen ver- muthen dürfen, dass es nicht irgend eine abstracte Zeitanschauung ist, die wir auf diese Weise nach ihrem Verhältniss zu andern ähnlichen Zeitanschauungen abschätzen, sondern dass es ebenfalls die Empfin- dungs- und Gefühlssubstrate des Zeitbevvusstseins sind, denen wir die Maßstäbe solcher Zeitschätzung entnehmen. In der That stimmen mit dieser Annahme durchaus die sonstigen Bedingungen überein, denen die Erscheinungen der unmittelbaren Zeitschätzung unterworfen sind. Die Genauigkeit, mit der hier das WEBER'sche Gesetz zutrifft, ist nämlich 1 Mehner, Philos. Stud. Bd. 2, 1885, S. 546 ff. Glass, ebend. Bd. 4, 1888. S. 423 ff. Wrinch, ebend. Bd. 18, 1902, S. 274 ff. (Enthält besonders vergleichende Versuche über reizfreie und reizerfüllte Zeiten.)
2 Wrinch, a. a. O. S. 31, 39. Die nach der Minimalmethode bestimmte Unteischieds- constante schwankte bei Normalzeiten von 0,25 — 1,5 See. für Töne bei dem einen Beob- achter unregelmäßig zwischen 0,050 und 0,074, bei dem andern zwischen 0,040 und 0,074 Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 4 dann am größten, wenn jede der verglichenen Zeitstrecken von einer continuirlichen Empfindung ausgefüllt ist. Sie wird unsicherer bei reiz- freien Intervallen, und sie erfährt bedeutende Schwankungen, wenn ver- schiedene Inhalte mit einander wechseln. Letzteres ist selbst dann der Fall, wenn sich dieser Wechsel regelmäßig wiederholt, so dass er zu einer rhythmischen Gruppirung der Eindrücke herausfordert. Obgleich dabei die Zurückbeziehung der folgenden auf die vorangehenden Zeit- vorstellungen eine viel lebhaftere ist, so wird doch die exacte Zeitver- gleichung beeinträchtigt. Denn gerade die Rhythmisirung der Eindrücke führt, wie wir unten sehen werden, gewisse subjective Zeittäuschungen mit sich (s. unten 4, a). Anderseits begründet freilich die rhythmische Gliederung die Möglichkeit, dass, wenngleich unsicherer, noch über die oben bezeichneten Grenzen einer unmittelbaren Zeitvorstellung hinaus Zeitgrößen quantitativ verglichen werden können; und es ist bemerkens- werth, dass selbst für solche zum Theil weit jenseits der Grenzen der unmittelbaren Zeitauffassung liegenden Werthe noch eine Annäherung an das WEBER'sche Gesetz, also eine annähernde Constanz der relativen Zeitunterscheidung, gefunden wird. Dabei treten nun aber doch zugleich Abweichungen in gewissen periodischen Erscheinungen hervor, die sich vor allem bei reizfreien, der subjectiven Rhythmisirung einen, freieren Spielraum lassenden Intervallen geltend machen. Da diese Erscheinungen mit den Reproductionsphänomenen zusammenhängen, so werden sie uns übrigens erst an einer späteren Stelle beschäftigen können (Abschn. V, Cap. XVIII, 3).
Bei der Untersuchung der absoluten Zeitschwellen macht sich die Abhängigkeit von den physiologischen Bedingungen der Erregung namentlich in der Verschiedenheit der gewonnenen Zeitwerthe je nach der Art der verwendeten Reize geltend. Da stärkere Erregungen längere Nachwirkungen zur Folge haben, so wird im allgemeinen die Schwelle kleiner gefunden, wenn man schwächere Reize anwendet, falls man nur der Intensitätsschwelle nicht zu nahe kommt, bei der die Auffassung der Empfindungen unsicher wird. Außerdem ist aber der, Umstand von wesentlichem Einfluss, ob kurz dauernde Tonschwingungen, oder ob momentane Geräusche auf das Ohr ein- wirken. Hierauf sind die beträchtlichen Unterschiede zurückzuführen, die in der obigen Tabelle (S. 46) die von Mach einerseits und die von Exner und Weyer anderseits gefundenen Schwellen darbieten. Mach bediente sich der Schläge eines rasch rotirenden Zahnrads gegen eine Feder, also einer Schall- erzeugung, die mit der Entstehung von Tonschwingungen verbunden war. So stimmt denn auch der von ihm gefundene Schwellenwerth von 16er genau mit dem früher (Bd. 2, S. 95) angegebenen Grenzwerth für die deutliche Wahr- nehmung von Schwebungen (60 in 1 See.) überein. Exner und Weyer ver- wendeten dagegen die Knistergeräusche schwacher elektrischer Funken, also vollkommen tonlose Momentangeräusche, auf deren sehr viel kürzere Zeit- Die Zeitschwellen, e j schwellen schon die Bewegungscurven solcher Geräusche (vgl. Bd. 2, Fig. 235, S. 386) zurückschließen lassen. Demnach bezeichnen die Zahlen iö*7 und 20" zwei wesentlich verschiedene Zeitschwellen, die darum auch nicht wohl zu einem Mittelwerth vereinigt werden können: i6a die Schwelle für auf ein- ander folgende Tonerregungen, 2a diejenige für Momentangeräusche. Insofern man unter der Zeitschwelle ein »Optimum«, d. h. den absolut kleinsten Zeit- werth versteht, der unter den günstigsten Bedingungen zu gewinnen ist, wird in diesem Fall demnach die Schwelle für Momentangeräusche als ein solcher absoluter Grenzwerth gelten müssen.
Für die Ermittelung dieses günstigsten Grenzwerthes sind nun die von Exner und Weyer angewandten Knistergeräusche elektrischer Funken auch deshalb besonders geeignet, weil sich dabei die nämlichen Vorrichtungen zu- gleich zur Bestimmung der Zeitschwellen des Gesichtssinns und eventuell (bei der Anwendung elektrischer Hautreize) des Tastsinns verwenden lassen. Zur Herstellung der Funkenstrecke dienen zwei durch Schrauben genau gegen ein- ander verstellbare Platinspitzen, die in die Rolle eines Inductionsapparates zusammen mit einem die Stromstärke auf das erforderliche Maß reducirenden Rheostaten eingeschaltet sind. Zur Erzeugung genau messbarer und abzu- stufender Zeitintervalle der Reize diente in den Versuchen von Weyer ein besonderer »Zeitschwellenapparat«, der aus einem schweren gusseisernen Pen- del bestand, auf dessen Tisch die zur Auslösung der elektrischen Stromstöße bestimmte Contactvorrichtung festgeschraubt war (Fig. 314). Diese besteht im wesentlichen aus einer nach dem Schwingungsbogen des Pendels gekrümm- ten Scale S, an der die auf Schlitten befestigten Platinstifte ß ß' mittelst der Mikrometerschrauben T T unabhängig verstellt werden können. Die Schlitten sind, von einander durch Hartgummi isolirt, in zur Inductionsspirale gehörige Leitungen eingeschaltet. Je- dem der Contactstifte entspricht ferner eine am unte- ren Ende des Pendels ebenfalls isolirt in die entsprechende Leitung eingeschaltete Platin- platte. Die Schlitten mit den Contactstiften bewegen sich, FiS- 3*4- Contactvorrichtung zum Zeitschwellen- ,..,,.. °, apparat.
gleich den ihnen entsprechen- den Contactplatten des Pen- dels, in verschiedenen Ebenen. Jeder Contactstift kann daher bis auf Zeitgleich- heit mit dem andern eingestellt und dann innerhalb des Scalenumfangs auf be- liebige Entfernung verschoben werden. Um den Apparat auch für solche Ver- suche verwendbar zu machen, bei denen mehr als zwei Reize auf verschiedene Sinnesorgane einwirken sollen, ist noch ein zweites, dem beschriebenen ähnliches Paar von Contactschlitten am hinteren Theil des Apparats angebracht. Dadurch ist es möglich, vier beliebig vertheilte durch elektrische Contacte auszulösende Reize entweder gleichzeitig oder rasch nach einander einwirken zu lassen. Für die Zeitschwellenbestimmungen kommen nur zwei dieser Contacte, die auf identische Reize des gleichen Sinnesgebiets eingestellt sind, in Betracht. Die Hinzufügung weiterer Reize, die dann zugleich disparaten Sinnesgebieten angehören können, macht aber den Apparat zugleich zur Untersuchung ge- wisser noch zu erörternder Phänomene der »Zeitverschiebung« verwendbar (vgl. unten 2, b). Um die den verschiedenen Stellungen der Contactstifte entsprechenden Zeitwerthe constant zu erhalten, lässt man das Pendel mittelst der Unterbrechung des Stromes eines Elektromagneten, durch den es in einer bestimmten Ablenkung aus der Mittellage festgehalten ist, seine Schwingung beginnen, um es dann sofort nach dem Vorübergang an dem Contactapparat mit einem auf der andern Seite angebrachten ähnlichen Elektromagneten weder aufzufangen, so dass es bei jedem Versuch nur eine einzige Schwin- gung von genau bestimmter Amplitude ausführt. Die zu jedem Werth der Scale S gehörigen Zeitwerthe können dann entweder berechnet oder mittelst der Schwingungen einer Stimmgabel ein für allemal empirisch bestimmt wer- den1. Obgleich übrigens dieser Apparat für die drei bei der Zeitschwelle überhaupt in Rücksicht kommenden Sinnesgebiete, Gehör, Gesicht und Getast, als Funkenknistern, Funkensehen und (unter Verwendung einer kleineren Stromstärke) als elektrische Hautreizung, angewandt werden kann, so sind doch bis jetzt nur Bestimmungen der Zeitschwelle von Gehör und Gesicht auf diesem Wege vorgenommen. Beim Tastsinn begegnet der elektrische Reiz dem Bedenken, dass er kein vollkommen adäquater Reiz ist. Immerhin würde eine Ergänzung der von Mach und Preyer ausgeführten Versuche in