Reihe angehörender Vorstellungen dem Eindruck assimilirend entgegen- kommen. Dabei ist jedoch die Anzahl dieser Elemente unbestimmt groß, und von einer Zurückführung derselben auf irgend welche einzelne Vorstellungen kann ebenso wenig wie bei den oben erörterten per- spectivischen Täuschungen die Rede sein, falls sich nicht etwa an den Erkennungs- ein Wiedererkennungsact anschließt. Die einfachsten Formen solcher Erkennungen haben wir, mit Rücksicht auf die zeitlichen Ver- hältnisse ihres Vollzugs bei den » Erkennungsreactionen « kennen ge- lernt. In den Vorgängen unserer Wahrnehmung spielen sie in Ver- bindung mit Wiedererkennungen und andern Erinnerungsvorgängen eine überaus wichtige Rolle. Auch ist besonders bei den Erkennungsacten der Einfluss zahlreicher Vorstellungsresiduen auf die Gestaltung des un- mittelbaren Eindrucks, wie er in extremen Fällen in der Illusion zur Gel- tung kommt, überall nachweisbar. Doch handelt es sich hier wiederum nicht um einen eigentlichen Erkenntnissact, durch den die Uebereinstim- mung des Gegenstandes mit früher wahrgenommenen, ähnlichen constatirt würde. Ein solcher Gedanke kann sich nachträglich im Gefolge einer zunächst sich anschließenden successiven Erinnerungsassociation bilden. Weder diese Association noch jene Reflexionen gehören jedoch an und für sich zu dem assimilativen Erkennungsact. Was dagegen nie fehlt, das ist ein Gefühl der Uebereinstimmung, das mit dem Wiedererkennungsgefühl verwandt, aber doch, der besonderen Natur seiner 540 Psychische Verbindungen.
Vorstellungsgrundlage gemäß, von ihm verschieden ist. Auch dieses Er- kennungsgefühl können wir an seinem Gegensatz messen, an dem Gefühl der Ueberraschung, das entsteht, wenn ein ganz ungewohnter Eindruck uns geboten wird. Im übrigen gehört das Erkennungsgefühl in die näm- liche Gruppe jener unmittelbar an die Apperception der Eindrücke gebundenen Spannungs- und Lösungsgefühle wie das Wiedererkennungs- gefühl; nur ist es, abgesehen von seiner abweichenden Qualität, unbe- stimmter und in der Regel wohl auch minder intensiv als das letztere. Relativ am stärksten erscheint es dann, wenn es sich gegen sein Con- trastgefühl emporarbeitet, wenn wir also etwa einen zuerst nicht er- kannten und daher überraschenden Gegenstand nachträglich erkennen. Uebrigens gehören diese Fälle zugleich zu denjenigen, in denen die simul- tane in eine successive Association übergeht. So zeigen die Erkennungs- wie die Wiedererkennungsacte, dass die Grenze zwischen diesen Asso- ciationsformen eine fließende ist, wie wir denn überhaupt eine einzelne Association nur deshalb als eine simultane auffassen, weil die Succession der Vorgänge eine so rasche ist, dass sie sich unserer Wahrnehmung ent- zieht. Dass aber in Wirklichkeit immer eine zeitliche Succession statt- findet, ergibt sich aus der nicht unerheblichen Dauer der Unterscheidungsund Erkennungsacte. (Vgl. oben S. 456 fr.) Dies und die thatsächlich zu beobachtenden Uebergänge zwischen den Assimilationen und den succes- siven Associationen lassen von vornherein schließen, dass auch die elemen- taren Processe, auf denen diese Vorgänge beruhen, durchaus übereinstim- mender Art sind1. Dagegen unterscheiden sich dieselben durch die völlige Einflusslosigkeit des Willens auf die Art ihres Eintritts auf das bestimm- teste von den nachher zu erörternden apperceptiven Verbindungen. Es erscheint daher so unzweckmäßig wie möglich, wenn man noch immer vielfach speciell den Assimilationsprocess mit dem Namen der Apper- ception belegt, wobei nach dem Vorgang von HERBART der eine Theil der Componenten als die appercipirenden, und der andere als die apper- cipirten Vorstellungsmassen bezeichnet werden. Durch diese Unterschei- dung wird die Apperception ganz aus ihrer Stelle gerückt, indem sie sich, in schroffem Widerstreit mit aller psychologischen Erfahrung, aus einem an das Gesammtbewusstsein gebundenen Willensvorgang in ein Attractions- phänomen zwischen einzelnen Vorstellungen umwandelt.
1 Beachtenswerth ist in dieser Hinsicht auch der Parallelismus mit der successiven Erinnerungsassociation bei der Ideenflucht der Irren. Im selben Maße wie bei dieser die Associationsreihen die apperceptiven Vorstellungsverbindungen vernichten, pflegen sich die Assimilationen durch das Uebergewicht der reproductiven Elemente zu phantastischen Illusionen zu steigern. Vgl. unten Cap. XX, 4.
Associationen.
d. Complicationen.
Die loseste Form einer Association, die in vielen Fällen als eine simultane erscheint, oft aber auch als eine successive auftreten kann, ist die Complication. So wollen wir mit HERBART die Verbindungen der Vorstellungen und Gefühle disparater Sinnesgebiete nennen1. Das Da- sein einer Complication pflegt sich durch die Reproduction zu verrathen. Wenn nämlich in einem gegebenen Fall einer der Sinneseindrücke, welche die complexe Vorstellung bilden, hinwegbleibt, so wird derselbe repro- ductiv associirt, ähnlich wie bei der Assimilation. Die meisten unserer Vorstellungen sind so in Wirklichkeit Complicationen, da im allgemeinen jedes Ding mehrere disparate Merkmale besitzt. Dabei sind aber aller- dings diejenigen Elemente, die nicht direct aus Sinneseindrücken hervor- gehen, oft sehr schwach und unbestimmt: so z. B. wenn sich mit dem Gesichtsbild eines Körpers undeutliche Empfindungen seiner Härte und Schwere, mit dem Anblick eines musikalischen Instrumentes ein leises Klangbild verbindet, u. s. w. Diese reproductiven Elemente werden stärker, wenn die unmittelbare Sinneswahrnehmung schon eine Hindeu- tung auf die Beschaffenheit der übrigen Empfindungen enthält. Auf diese Weise bilden sich namentlich zwischen gewissen Gesichtswahrnehmungen und Tastempfindungen festere Verbände. So erweckt der Anblick einer scharfen Spitze, einer rauhen Oberfläche, eines weichen Sammtstoffs die entsprechenden Tastempfindungen in nicht zu verkennender Deutlichkeit. Aehnlich können sich Gehörseindrücke mit Tast- und Gemeinempfin- dungen verbinden, wie denn z. B. sägende Geräusche manchen Menschen durch die begleitenden Empfindungen und Gefühle unerträglich sind. In dieser Verbindung der höheren Sinneseindrücke mit reproductiven Tast- empfindungen liegt auch die Ursache der zum Theil sehr heftigen Ge- fühle, die sich an gewisse, an sich durchaus objective Wahrnehmungen und Vorstellungen knüpfen. Der Zuschauer einer schmerzhaften Ver- letzung fühlt thatsächlich selbst den Schmerz mit, wenn auch nur in abgeschwächtem Grade, den er einem Andern zufügen sieht. Ja schon die drohend emporgehobene Schusswaffe, der gezückte Dolch, wenn sie nicht einmal gegen uns selbst gerichtet sind, oder wenn wir, wie in dem Theater, wissen, dass die Flinte nicht geladen ist, wecken noch immer ein Gefühl von Verletzungen am eigenen Leibe. In diesen Erscheinungen liegt eine rein sinnliche Quelle unseres Mitgefühls an Schmerz und Ge- fahr Anderer.
Eine zweite wichtige Ursache complexer Vorstellungen bilden die Herbart, Psychologie als Wissenschaft, Werke, Bd. 5, S. 361.
542 Psychische Verbindungen.
Verbindungen der Sinneseindrücke mit eigenen Bewegungen. Wie sich an den Einzelvorstellungen des Tast- und Gesichtssinns Bewe- gungen betheiligen, so sind solche auch bei der Combination verschieden- artiger Sinnesvorstellungen wirksam, und oft fallen beiderlei Bewegungen zusammen. Dieselben Tastbewegungen der Hände, welche die Localisation der Tasteindrücke vermitteln helfen, ergänzen zugleich das Gesichtsbild eines Gegenstandes zur complexen Vorstellung. Aber auch wo ein ob- jectiver Eindruck gar nicht gegeben ist, kann die Bewegung den erinner- ten Gegenstand gleichsam fingiren, indem Auge und Hand sich ihm zu- wenden oder seine Umrisse umschreiben.
Hierin liegt die große Bedeutung der pantomimischen und mi- mischen Bewegungen. Mit der Entstehung dieser Ausdrucksbewegungen haben wir uns bereits beschäftigt (Cap. XVI, S. 284fr.); hier muss ihrer noch als einer wichtigen Associationsform gedacht werden. Die Panto- mime und der mimische Gesichtsausdruck sind theils, wie wir sahen, un- mittelbare Aeußerungen eines Gefühls oder Affectes, theils Nachbildungen bestimmter Tast- und Gesichtsvorstellungen. So verräth sich der Abscheu vor einem widrigen Gegenstand in Abwehrbewegungen, der Zorn gegen denselben in auf ihn eindringenden Verfolgungsbewegungen. Außerdem können sich lebhafte Vorstellungen unwillkürlich mit solchen Pantomimen verbinden, welche die ungefähren Umrisse des vorgestellten Gegenstandes wiederholen. Alle diese Bewegungen, die namentlich beim Naturmenschen in ihrer ursprünglichen Lebendigkeit zu beobachten sind, können nun so- wohl von directen Eindrücken wie von Erinnerungen ausgehen. In beiden Fällen combinirt sich mit der Vorstellung das Bild der eigenen Bewegung mittelst der an diese geknüpften Bewegungsempfindungen. So stellen sich feste Verbände zwischen bestimmten Vorstellungen und Ausdrucks- bewegungen her. Die Vorstellung ruft nun die zu ihr gehörige Bewegung und hinwiederum diese die erstere wach. Hierdurch eben wird die Geberde im Verkehr der Menschen zum Ausdrucksmittel der Vorstellungen. Auch die Sprache ist in gewissem Sinn eine Form der Geberde. Sie entwickelt sich wahrscheinlich theils als affectartige, theils als nachahmende Bewegung. So führt denn auch jeder Sprachlaut eine doppelte Compli- cation mit sich. Es verbindet sich der Bedeutungsinhalt der Vorstellung sowohl mit der Bewegungsempfindung der Sprachorgane wie mit dem Schalleindruck. Beide, Bewegungsempfindung und Laut, müssen noth- wendig in den Anfängen der Sprachbildung in einer gewissen inneren Affinität stehen zu der Vorstellung. Diese, die zu ihr gehörige Ausdrucks- bewegung und der Sprachlaut, bilden daher ursprünglich eine Compli- cation verwandter Vorstellungen. Durch die Entwicklung ist je- doch die ursprüngliche, sinnlich lebendige Bedeutung der Worte durch die Associationen.
Umwandlung- derselben in conventionelle Vorstellungssymbole verloren gegangen. Ein ähnlicher Process hat sich, im allgemeinen sicherer nach- weisbar, bei- der Entwicklung der Schrift vollzogen. Das natürlichste Hülfsmittel, um den Gegenstand durch ein lautloses Symbol zu bezeichnen, ist die Nachbildung seiner Form: wie die darstellende Pantomime die Umrisse des Gegenstandes in der Luft nachzeichnet, so fixirt ihn die Schrift im Bilde. Der natürliche und allgemeine Ausgangspunkt der Schrift ist daher die Bilderschrift. Sobald aber die Sprache eine Stufe abstracteren Denkens erreicht hat, zwingt sie auch die Schrift ihr zu folgen. Das Schriftbild wird zum conventioneilen Lautzeichen. Dieses, anfangs noch das einzelne Wort bedeutend, zieht sich endlich, um dem Reichthum des sprachlichen Ausdrucks folgen zu können, zurück auf die Elemente der Sprachlaute. Sprachlaut und Schriftzeichen sind so zu Symbolen ge- worden, die nur noch vermöge der gewohnheitsmäßigen Association mit dem Gegenstand, den sie bedeuten, in eine complexe Vorstellung zu- sammenfließen. Diese Verbindung bleibt aber darum doch eine aus- nehmend innige. Wir denken zwar nicht immer in Sprachlauten, wir können uns wirklich erlebte oder geträumte Vorgänge leicht in der Form des bloßen Gesichtsbildes vergegenwärtigen; aber unser Denken greift regelmäßig zum Wort, sobald es sich abstracten Begriffen zuwendet, ja in diesem Fall gesellt sich zum Wort nicht selten unwillkürlich das Schrift- zeichen. Ob uns die Complication der drei Elemente, Vorstellung, Sprach- laut und Schriftzeichen, vollständig zum Bewusstsein kommt, dies hängt außerdem davon ab, welches dieser Elemente etwa unmittelbar sinnlich auf uns einwirkt. Die Vorstellung kann unter Umständen isolirt bleiben; der Sprachlaut ruft regelmäßig das Vorstellungsbild herbei, das Schrift- zeichen erweckt den Sprachlaut samt dem Vorstellungsbilde. Hierin wiederholt sich also die Entwicklungsfolge, in der die Bestandtheile der complexen Vorstellung an einander gefügt wurden. Doch macht der abstracte Begriff eine Ausnahme. Ihm entspricht in der Vorstellung über- haupt nur das gesprochene oder geschriebene Wort, das bei ihm zum vollständigen Aequivalent der sinnlichen Vorstellung wird. Den sinnlich nicht zu construirenden Begriffen substituirt es vorstellbare Zeichen, die sich nun eng associiren, so dass nicht nur mit dem Schriftzeichen das Wort, sondern in der Regel auch umgekehrt mit dem Wort das Schrift- zeichen vorgestellt wird. Bei Menschen, die an abstractes Denken und an dessen Ausdruck in Sprache und Schrift gewöhnt sind, überträgt sich diese Substitution des Symbols für den Begriff in gewissem Grade sogar auf das sinnliche Gebiet. In dem Verlauf der Gedanken treten manch- mal selbst die Einzelvorstellungen hinter deren Sprach- und Schriftzeichen zurück. Wie viel in allen diesen Fällen die Association von Vorstellunp-en 544 Psychische Verbindungen.
leistet, die ursprünglich durchaus beziehungslos neben einander bestehen können, dies zeigt auch die Erlernung der Sprache. Je öfter der Gegen- stand und sein Zeichen zusammen vorgestellt worden sind, um so fester verbinden sie sich. Etwas von jenem Glauben des Naturmenschen, der in dem Bild den Mann, den es vorstellt, zu verletzen, oder mit dem Namen die Eigenschaften der Person, die ihn trug, einem Andern mitzu- theilen glaubt, ist noch auf uns übergegangen, wenn dem naiven Bewusst- sein die Laute der Muttersprache den Dingen, die sie bedeuten, vor- zugsweise verwandt zu sein scheinen1.
e. Successive Erinnerungsassociationen. Statistik der Associationsrichtungen.
Die successiven Erinnerungsassociationen bilden diejenige Gruppe von Vorgängen, die dem gewöhnlichen Associationsschema in der Regel aus- schließlich zu Grunde gelegt werden. Dass in Wahrheit auf sie der Begriff der Association unmöglich beschränkt werden kann, wenn nicht Erschei- nungen, die psychologisch auf das engste zusammengehören, gewaltsam getrennt werden sollen, lassen schon die bisherigen Erörterungen über die mannigfachen, außerhalb dieses engeren Associationsbegriffs stehenden Formen der Verbindung, deren wesentliche Merkmale sie durchaus dem gleichen Gebiet zuweist, deutlich erkennen. Noch mehr aber tritt diese Zusammengehörigkeit zu Tage, wenn man die successiven Associationen selbst aufmerksam in der Beobachtung verfolgt. Dann zeigt sich zugleich, dass diese Phänomene ihrem ganzen Charakter nach Grenzfälle sind, die unter bestimmten Bedingungen aus den zuvor betrachteten Formen der Assimilation und Complication hervorgehen, und die in der Wirk- lichkeit fortwährend mit diesen in der Regel als simultane Verbindungs- processe auftretenden Phänomenen verbunden sind, wobei sie die mannig- fachsten Uebergänge zu ihnen darbieten.
Um sich diesen Zusammenhang klar zu vergegenwärtigen, müssen nun freilich vor allen Dingen die successiven Erinnerungsassociationen selbst von den ihnen in der Regel fälschlich zugerechneten Erscheinungen sorgfältig gesondert werden. Indem man nämlich allen Reproductions- vorgängen das Schema der successiven Associationen zu Grunde legt, werden diesem zahlreiche Vorgänge eingeordnet, die mit einer solchen successiven Association durchaus nichts zu thun haben. Dahin gehören alle die »Wiedererkennungs-« und »Erkennungsvorgänge«, bei denen un- mittelbar mit dem Sinneseindruck selbst die Beziehung auf eine frühere Wahrnehmung, meist nur in der Form eines Gefühls, dem sich zugleich 1 Vgl. Lazarus, Das Leben der Seele, Bd. 2, S. 77.
Associationen.
einzelne assimilative Empfindungswirkungen beimischen, verbunden ist. Ebenso gehören dahin die Empfindungs-, Raum- und Zeitvergleichungen bei den Reproductionsversuchen (S. 482 fr.), die ja im weiteren Sinne durch- aus diesen simultanen Erinnerungsvorgängen zufallen. Von dem traditio- nellen Schema der Association, wonach einem directen Eindruck irgend ein Erinnerungsbild folgen soll, ist hier nirgends die Rede, sondern der Eindruck verbindet sich sofort mit reproductiven Elementen zu einer einzigen, einheitlichen Vorstellung, während zugleich charakteristische Gefühle an diesen Vorgang geknüpft sind. Aber selbst, wo sich eine solche Verbindung nicht sofort ungestört vollzieht, sondern wo etwa bei den Reproductionsversuchen der neue Eindruck als verschieden von dem früheren aufgefasst wird, oder wo bei dem »mittelbaren« Wiedererkennen zwischen dem Eindruck und der Auffassung seiner Uebereinstimmung mit dem früheren eine merkliche Zeit verfließt, da versagt durchaus das Schema der zwei auf einander folgenden Vorstellungen. Denn im ersten dieser Fälle verbindet sich unmittelbar mit dem differenten Eindruck das Gefühl der Nichtübereinstimmung, und zu einer eigentlichen Reproduk- tion des früheren Eindrucks kommt es höchstens, wenn eine solche in einem besonderen, selbst gar nicht mehr der Association zugehörenden, willkürlichen und stets mit einer gewissen Anstrengung verbundenen Erinnerungsact hervorgebracht wird. Im zweiten Fall, bei der mittel- baren Wiedererkennung, hat man es lediglich mit einer verzögerten Assimilation zu thun: man findet wiederum nicht zuerst den Eindruck, und dann das reproducirte Bild im Bewusstsein, sondern zuerst den Ein- druck, und dann noch einmal den Eindruck, jetzt aber mit einer andern Gefühlsbetonung, dem Wiedererkennungsgefühl, indess zugleich assimi- lative Elemente seine Beschaffenheit modificiren. Geht man so die ver- schiedenen Erscheinungen durch, die herkömmlich der successiven Er- innerungsassociation zugezählt werden, so ergibt sich unweigerlich, dass sie in ihrer Mehrzahl solche Associationen überhaupt nicht sind, son- dern Assimilationen, die man erst nachträglich, wenn man über ihre Be- dingungen refiectirt, in Successionen umwandelt.
Das nämliche stellt sich nun sogar dann heraus, wenn man experi- mentell Bedingungen einführt, die dem Zustandekommen einer successiven Erinnerungsassociation möglichst günstig sind, und die sich daher in diesem Sinne von den Bedingungen des gewöhnlichen Lebens immerhin schon erheblich entfernen. Solche »Associationsexperimente« sind von zahlreichen Beobachtern, namentlich auch zu praktisch -psychologischen Zwecken, angestellt worden. Das Schema ihrer Ausführung besteht durchweg darin, dass durch einen Sinneseindruck eine fest bestimmte Vor- stellung producirt wird, und dass man dann diejenige Vorstellung notirt, Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 35 546 Psychische Verbindungen.
die durch Association reproducirt wird. Macht man diese Versuche an einem und demselben Individuum in einer großen Zahl von Fällen, wo- bei außerdem noch in der früher (S. 464 fr.) beschriebenen Weise die »Associationszeiten« gemessen werden können, so gewinnt man eine Uebersicht über die bei der betreffenden Person vorherrschenden Asso- ciationsrichtungen. Stellt man jetzt die gleichen Versuche an vielen Per- sonen an, so können die in einer großen Zahl von Fällen gewonnenen Unterschiede werthvolle Beiträge zur individuellen psychologischen Cha- rakteristik unter verschiedenen Bedingungen liefern1. So belehrend nun aber solche Versuche auch in praktisch -psychologischer Beziehung sind, und obgleich sie vielleicht noch einmal als diagnostische Hülfsmittel für die Kennzeichnung der individuellen Bewusstseinsrichtungen und der patho- logischen Abweichungen dieser eine große Rolle spielen werden, so ist doch nicht zu übersehen, dass sie sich ihrer ganzen Anlage und Aus- führung nach nicht dazu eignen, über die tieferen psychologischen Eigenschaften der Association Aufschlüsse zu geben. Dies erhellt ohne weiteres, wenn man sich die Bedingungen solcher Experimente näher ver- gegenwärtigt. Da wir bei der Ausführung ausgedehnterer Versuche hier im allgemeinen auf die beiden höheren Sinne, Gehör und Gesicht, wegen der mannigfaltigeren Vorstellungen, die sie zur Verfügung stellen, ange- wiesen sind, so beschränken sich die angewandten Methoden künstlich angeregter Erinnerungsassociation im allgemeinen auf zwei, die wir kurz als die »Wortmethode« und als die »Bildmethode« unterscheiden können. Die Wortmethode lässt wieder eine doppelte Art der Ausführung zu: eine akustische und eine visuelle. Bei der ersteren ruft der Experimen- tator der Versuchsperson bestimmte Wörter zu; bei der letzteren lässt er in einem gegebenen Moment Schriftbilder der Wörter einwirken. Entweder zeichnet dann der Beobachter die in ihm aufsteigenden Associationen auf, oder er gibt sie sogleich durch ein ausgesprochenes Wort kund. Bei der Bildmethode lässt man irgend ein Gesichtsbild plötzlich während einer 1 Zuerst sind solche Experimente wohl von Fr. Galton, freilich nach einer etwas unsicheren Methode, ausgeführt worden (Brain, 1879, p. 149 fr.), dann unter Zuziehung von Zeitmessungen von M. Trautscholdt (Philos. Stud. Bd. 1, 1882, S. 216 ff.), und besonders von G. Aschaffenburg (Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 1, 1896, S. 209, Bd. 2, 1897, S. 1, Bd. 4, 1902, S. 235). An diese Arbeiten schließen sich mehrere andere, theils im psychiatrischen Interesse ausgeführte von Ranscheurg, van der Plaats u. A., die übrigens zum Theil auch in das Gebiet der unten (4, a) zu erwähnenden Memorirversuche herüber- reichen. Statistische Beobachtungen über Wortassociationen bei Schulkindern, ebenfalls unter Beiziehung von Zeitmessungen, hat endlich Th. Ziehen ausgeführt (Th. Ziehen, Die Ideenassociation des Kindes, Sammlung von Abhandl. aus dem Gebiete der pädagog. Psychol. u. s.w. Bd. I, 4. Heft, und Bd. 3, 4. Heft, 1897 u. 1900). Ueber die praktisch- psychologische Seite der Associationsexperimente überhaupt vgl. auch Kraepelin, Der psychologische Versuch in der Psychiatrie (Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 1, 1896, S. 9 ff.), und H. Sommer, Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungsmethoden, Associationen.
kurzen Zeit einwirken, und dann wiederum sofort die aufsteigenden Asso- ciationen aufzeichnen oder aussprechen. Will man diese Experimente zur psychologischen Analyse der Associationen verwerthen, so verdient nun entschieden die »Bildmethode« den Vorzug. Hat man den praktischen Zweck einer statistischen Ermittelung bevorzugter Associationsrichtungen im Auge, so ist die Sachlage zum Theil eine andere, insofern hier die »Wortmethode« einfacher und rascher zum Ziel führen kann. Der große Vorzug der Bildmethode im ersten Fall besteht dagegen zunächst darin, dass sie eine größere Variation der Eindrücke sowie der Nebenbedingungen des Versuchs gestattet. Denn unter den verwendbaren Bildern finden sich ja auch die Wortbilder wieder, außerdem aber alle möglichen andern Gesichtsobjecte. Zudem lässt die Methode viel leichter willkürlich variir- bare Nebenbedingungen zu, indem man das einwirkende Object mit andern Objecten combinirt, in einer wechselnden Umgebung einwirken lässt, u. s. w. Ferner bleibt dabei die Association eine freiere; sie steht weniger unter dem Zwang sich einseitig vordrängender Wortassociationen, und, was das wichtigste ist, eine genauere Verfolgung der Associations- vorgänge in der Selbstbeobachtung ist allein auf diesem Wege 'möglich.
Wählt man nämlich als inducirenden Reiz ein zugerufenes Wort, so wird schon dadurch die Wortassociation unverhältnissmäßig begünstigt, und sie wird geradezu erzwungen, wenn man auch noch an den Beobachter die Forderung stellt, die eingetretene Association durch ein von ihm ausge- sprochenes Wort kundzugeben. Um diesem Zwang zu entgehen, ist es daher bei Versuchen, die dem Studium der Associationen selbst dienen sollen, unbedingt geboten, diese »Antwortsmethode« streng zu vermeiden, vielmehr den Beobachter selbst die ihm unmittelbar aufsteigenden flüch- tigen Erinnerungsbilder mit den etwaigen Begleiterscheinungen unmittelbar nach dem Versuch aufzeichnen zu lassen, was dann freilich gleichzeitige Zeitmessungen ausschließt. Auch unter Befolgung aller dieser Vorsichts- maßregeln wird man aber nie übersehen dürfen, dass schon in der Nöthi- gung, sich die aufsteigenden Bewusstseinsvorgänge zu vergegenwärtigen, ein Motiv liegen kann, diese insofern zu verändern, als man sich die dunkleren Bewusstseinsinhalte zu verdeutlichen sucht, und, was sich dann leicht damit verbindet, dass sich eine Neigung zur Umsetzung irgend welcher Associationen in ihre Wortcomplicationen geltend macht.
Ist hiernach aus den gewöhnlichen statistischen Associationssammlungen für die eigentliche Psychologie der Associationsprocesse selbst nichts zu erschließen, so versteht es sich auch von selbst, dass die Kategorien, in die sich die Ergebnisse solcher Versuche nachträglich ordnen lassen, kaum den Namen von »Associationsformen«, und noch viel weniger den von »Associationsgesetzen« verdienen. Producirt man z. B. eine Anzahl von 548 Psychische Verbindungen.
Wortassociationen, sei es nach der »Wort-« sei es nach der »Bildmethode«, so lassen sich natürlich die so gewonnenen associirten Wörter sämmtlich in irgend ein logisches Schema einordnen. Das einfachste Schema solcher Art ist in der That das der alten vier Associationsformen Aehnlichkeit, Contrast, Gleichzeitigkeit und Succession. Da aber der logische Gesichts- punkt, auf dem es beruht, ein sehr oberflächlicher ist, so hat es kaum irgend einen nennenswerthen Nutzen. Einen solchen konnte man ihm nur zuschreiben, so lange man sich mit der Hoffnung schmeichelte, in diesen logischen Kategorien »Gesetze« der Association selbst zu besitzen. Die einzige Bedeutung, die solche nachträgliche logische Ordnungen ge- winnen können, ist vielmehr die, dass sie, verbunden mit einer Statistik der einzelnen Formen, von den Richtungen, in denen sich der Gedanken- mechanismus eines Individuums vermöge der ursprünglichen Anlagen und der Einflüsse der Bildung und Erziehung bewegt, eine gewisse Rechen- schaft geben. Doch thun sie auch dies selbstverständlich nur dann, wenn man eine etwas eingehendere und logisch correctere Classification an der Stelle jener allzu unbestimmten in die vier bekannten Formen verwendet. Auch ist ein solches Schema natürlich kein fest gegebenes; und da es