SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Da auf diese Weise die successive Erinnerungsassociation mit den simultanen Associationserscheinungen, namentlich mit der Assimilation, im engsten Zusammenhang steht und nur in seltenen und oft zweifelhaften Grenzfällen von ihr unterschieden werden kann, so ist nun aber für sie wiederum das Princip maßgebend, das alle Assimilationen, ebenso wie die Verschmelzungsprocesse der Sinneswahrnehmungen beherrscht: auch reg Psychische Verbindungen.

die successive Association verbindet nicht fest gegebene einzelne Vor- stellungen, sondern sie setzt sich stets aus Elementarverbindungen zusammen, die sich überdies selbst noch während eines einzelnen Asso- ciationsactes verändern können. Hieraus erklärt sich einerseits, dass die anfänglich in der inducirten Vorstellung persistirenden assimilativen Ele- mente oft in kurzer Zeit verschwinden, anderseits, dass das repro- duetive Erinnerungsbild selbst ein überaus wandelbares Gebilde ist, in- dem offenbar auch von ihm wieder assimilative Wirkungen auf andere, sonstigen früheren Eindrücken angehörende Elemente ausgehen können. So kommt jene fortwährend zerfließende und zerfiatternde Beschaffenheit der Erinnerungsbilder zu stände, die weit mehr als ihre meist geringe Stärke das charakteristische Merkmal derselben ausmacht. Diesem Fluss der wirklichen Erinnerungserscheinungen gegenüber erweisen sich nun aber erst recht die alten Associationsschemata als nothdürftige Hülfsbe- griffe einer mangelhaften psychologischen Beobachtung. Wie die Assimi- lation, genau so setzt sich auch die successive Erinnerungsassociation, die ja nur einen unter bestimmten Bedingungen entstehenden Grenzfall jener bildet, aus reproduetiven Verbindungs- und Hemmungs- oder Verdrän- gungsprocessen zusammen, die sich in jedem individuellen Fall wieder verschieden auf die einzelnen Elemente der psychischen Gebilde ver- theilen, und sich der Subsumtion unter bestimmte logisch zu sondernde Kategorien durchaus entziehen. So sind denn in Wahrheit diese ge- wöhnlich als »Associationsformen« oder gar als »Associationsgesetze« auf- geführten Kategorien logische Artefacte, die, weil sie nur gewisse End- produete von Associationsprocessen beachten, natürlich in derselben Weise entstehen würden, wenn man irgend welche, auf einem beliebigen anderen Wege gesammelte Begriffe, z. B. die Wörter eines Lexikons, nach ihren logischen Verhältnissen in gewisse möglichst umfassende, der Entstehungsgeschichte der Wörter fernliegende Kategorien ordnen wollte.

g. Psychologische Theorie der Associationen.

Die psychologische Deutung der Associationen hat sich, wie die oben gegebene experimentelle Analyse derselben zeigt, vor allem von jenem Vorurtheil frei zu machen, das bis zum heutigen Tage in der Associationslehre herrschend geblieben ist und sie von vornherein un- vermeidlich auf eine falsche Bahn führte: von dem Vorurtheil, dass die Vorstellungen constante Objecte seien, die verschwinden und wieder- kommen, sich verbinden oder verdrängen können, dabei aber immer mehr oder weniger ihre Selbständigkeit bewahren. Von dieser fal- schen Verdinglichung ausgehend, betrachtete man die Associationen als Associationen.

Verbindungen zwischen den selbständigen Vorstellungen, vermöge deren immer nur je eine auf eine bestimmte andere einwirke, und durch die bei dem Erinnerungsact eine verschwundene Vorstellung im wesentlichen in der Beschaffenheit der ursprünglichen, höchstens in ihrer Stärke ver- mindert, wiederkehre. So betrachtete man die »Reproduction« — ein Wort, in dem sich eigentlich schon diese ganze irrige Auffassung ver- dichtet hat ■ — ■ als einen Vorgang, der im wörtlichsten Sinne für die als un- theilbare und unveränderliche Objecte gedachten Vorstellungen selbst gültig sei. Hierbei war es dann unvermeidlich, dass die simultanen Verbin- dungen bei den Associationen überhaupt außer Betracht blieben, und dass man bei dem Versuch, irgend eine Gesetzmäßigkeit dieser Vor- gänge nachzuweisen, bei jenen Allgemeinbegriffen stehen blieb, die unter dem Namen der »Associationsgesetze« zu Ursachen der Erscheinungen gestempelt wurden. So wiederholte sich hier auf dem Boden der Asso- ciationslehre der alte Irrthum der Vermögenstheorie. Nur in einer Be- ziehung glaubte man zuweilen mehr dem Geiste exacter Forschung Rechnung tragen zu sollen: in dem Streben nach Vereinfachung der Erklärungsgründe. Nachdem daher die alten vier Associationsregeln zu- nächst auf die zwei Formen der Aehnlichkeits- und der Berührungsassociation reducirt waren, konnte noch der weitere Vereinfachungs- versuch gemacht werden, die eine dieser Formen aus der andern abzu- leiten. Dies ist im wesentlichen der Stand der Frage in der heutigen Psychologie, in der zugleich die Reduction auf die Berührungsassociation mehr und mehr die Vorherrschaft erlangt hat. In der That ist es ein- leuchtend, dass es keinen Fall sogenannter Aehnlichkeitsassociation gibt, den man nicht hypothetisch irgendwie auf eine Berührungsassociation zu- rückführen könnte, während das entgegengesetzte Verfahren zwar auch nicht unmöglich, aber immerhin etwas schwieriger ist. So leitet z. B. der Anhänger der Aehnlichkeit die Association der Farben Orange und Gelb aus ihrer unmittelbaren subjectiven Verwandtschaft, der Anhänger der Berührung aus ihrer benachbarten Stellung im Spektrum her; jener be- zieht die Association zwischen Cäsar und Napoleon auf deren analoge Eigenschaften, dieser auf den Umstand, dass beide oft zusammen genannt worden sind. Doch dieser ganze Streit wird hinfällig, sobald man anerkennt, dass die elementaren Processe, aus denen die zusammengesetzten Erscheinungen hervorgehen, nicht zwischen den Vorstellungen selbst, sondern dass sie nur zwischen den einzelnen Empfindungsvorgängen statt- finden, aus denen die ' Vorstellungen bestehen, und nicht zum wenigsten auch zwischen den Gefühlen, die an die Vorstellungen gebunden sind. Dieser Satz folgt aber mit Nothwendigkeit einerseits aus der Thatsache, dass die Vorstellungen nicht unvergängliche Objecte, sondern fortwährend c6o Psychische Verbindungen.

veränderliche Processe sind, anderseits aus den Erscheinungen, die na- mentlich die Assimilation, aber bei aufmerksamerer Betrachtung- auch die successive Erinnerungsassociation darbietet, — Erscheinungen, die un- weigerlich zeigen, dass jener Begriff der »Reproduction« niemals auf eine fertige Vorstellung, sondern immer nur auf Vorstellungselemente bezogen werden kann, die, abgesehen vielleicht von gewissen, oben beim Vorgang der Unterscheidung und des Wiedererkennens behandelten Grenzfällen, durchweg vielen, ja häufig unbegrenzt vielen früheren Vorstellungen an- gehören.

Fasst man so, wie es durch diese Erwägungen gefordert ist, alle Associationen als Resultanten elementarer Verbindungsprocesse zwischen einfachen Empfindungen und Gefühlen oder relativ beschränkten Com- plexen dieser Elemente auf, so sind nun an und für sich nur zwei Elementarprocesse möglich, deren thatsächliches Bestehen sich denn auch bei allen Associationen bestätigt: die Verbindung gleicher Elemente, und die Verbindung solcher, die durch gemeinsames Vorkommen in einen functionellen Zusammenhang getreten sind. Wir wollen diese beiden Formen der Elementarverbindung die Gleichheitsverbindung und die Berührungsverbindung nennen, ohne dass jedoch mit diesen im Anschlüsse an die geläufige Terminologie gebildeten Namen aus- gedrückt sein soll, dass etwa die gewöhnlich sogenannte Aehnlichkeits- association in elementare Gleichheits-, die Berührungsassociation in eben- solche Berührungsverbindungen zerlegt werden könne. Vielmehr zeigt die Analyse der zusammengesetzten Associationen deutlich, dass jede von ihnen auf einer gleichzeitigen Wirksamkeit beider Elementarprocesse be- ruht. Der nächste Effect eines eine Association auslösenden Eindrucks ist es stets, dass gleiche Elemente früherer Eindrücke wiedererweckt werden. Indem diese nun, so lange die Association eine simultane bleibt, mit den ihnen gleichen Elementen des neuen Eindrucks verschmelzen, wird ihre Wirksamkeit zunächst nur an - der verstärkten Intensität und Klarheit, welche die ihnen entsprechenden Bestandtheile des Eindrucks empfangen, zu bemerken sein. In der That zeigt die Beobachtung überall, dass wir an neuen Eindrücken vorzugsweise das klar und deutlich auffassen, was uns aus früheren Wahrnehmungen bereits geläufig ist. Um das Neue genau wahrzunehmen, müssen wir es uns erst durch Wiederholung des Eindrucks geläufig machen. So ist denn dieser erste Elementarprocess, das Actuellwerden der Gleichheitsverbindungen, zur Einleitung einer jeden Association unerlässlich. Aber er führt alsbald auch zu einem zweiten Process, nämlich zur Bildung elementarer Berührungsverbindungen, die nun den gegebenen Eindruck zunächst in der Form der reproductiven Assimilation umgestalten. Die wechselnden Formen, in denen solche Associationen.

elementare Berührungsverbindungen vor sich gehen, die Verdrängungen bestimmter Bestandteile, die dem Eindruck angehören oder selbst schon reproductiv sind, durch andere, die durch entgegengesetzte und wirk- samere Berührungsverbindungen begünstigt werden, geben hinreichend über die ungeheure Veränderlichkeit der Erscheinungen Rechenschaft. Dieser Verwicklung der Processe gegenüber würde es geradezu unbe- greiflich sein, wenn zwei Vorstellungen, auch wo sie sich auf einen und denselben Gegenstand beziehen, jemals einander wirklich gleich wären. Doch indem hieraus hervorgeht, dass es in Wirklichkeit eben nur elementare Vorstellungsprocesse und wechselnde, mehr oder weniger fest associirte Verbindungen zwischen denselben gibt, folgt zugleich, dass sich in einer Beziehung allerdings die Gleichheitsverbindung wesentlich von der Berührungsverbindung unterscheidet. Diese letztere vollzieht sich- zwischen verschiedenen Elementarprocessen der nämlichen oder verschiedener Vorstellungen, und man kann daher bei ihr in jeder Beziehung von einer Verbindung zwischen verschiedenen Elementen sprechen. Jene dagegen bezieht sich auf gleiche Elementarprocesse: wenn ein Empfindungs- element einer Vorstellung ein ihr gleiches einer andern erweckt, so bleibt also der qualitative Inhalt der ursprünglichen Vorstellung ungeänderfy nur die Intensität jenes Empfindungsbestandtheils, und namentlich seine Wir- kung auf die Apperception wird verstärkt. Es ist daher klar, dass hier der Ausdruck »Verbindung« mehr einen bildlichen Sinn hat; er ist nur gewählt, um die gleiche Bedeutsamkeit beider stets coexistirender Vor- gänge hervorzuheben. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei der Gleichheitsverbindung nicht um eine Verbindung zweier getrennter oder überhaupt trennbarer Vorgänge, sondern um die Verstärkung einer Wirkung durch ihr vorangegangene gleiche Wirkungen. Das Verhältniss der Gleichheits- zu den Berührungsverbindungen kann daher auch dahin bestimmt werden, dass durch die ersteren intensiv, durch die letzteren extensiv die Wirkung eines gegebenen Vorstellungselementes auf das Bewusstsein vermittelt wird. Dass nun jeder zusammengesetzte Asso- ciationsvorgang in diesem Sinne mit elementaren Gleichheitsverbindungen anfängt, ist einleuchtend. Irgend eine andere Vorstellung kann durch einen gegebenen Eindruck immer nur dadurch erweckt werden, dass ge- wisse Empfindungsprocesse in beiden übereinstimmen. Eben weil dies in Bezug auf einen einzelnen Eindruck für unzählig viele frühere Vorstel- lungen zutrifft, wird nun aber in jedem Fall von Association nicht eine einzelne, sondern eine Vielzahl von Vorstellungen wieder angeregt, von denen zumeist mehrere auf das resultirende Product einwirken. Dabei können dann freilich, namentlich wenn sich der Vorgang zu dem Grenz- fall einer successiven Erinnerungsassociation gestaltet, in dem Product die Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 36 cÖ2 Psychische Verbindungen.

Gleichheitselemente gelegentlich wohl auch ganz verschwinden, da sie immerhin nur der vorbereitenden Stufe des Vorgangs angehören. Diese Verhältnisse wiederholen sich in wesentlich übereinstimmender Weise bei den nach ihren Endeffecten gewöhnlich unterschiedenen Formen sogenann- ter »Berührungs«- und »Aehnlichkeitsassociation« oder, wie wir sie, um Verwechselung der ersteren mit den elementaren Berührungsverbindungen und das vieldeutige Wort »Aehnlichkeit« zu vermeiden, nennen wol- len: der »äußeren« und der »inneren Association«. So bilden die Buch- staben des Alphabets ein ausgeprägtes Beispiel äußerer Association; aber der Buchstabe A würde den Buchstaben B nicht in das Bewusst- sein ziehen können, wenn er nicht selbst durch seine Gleichheitsver- bindung mit früheren Vorstellungsreihen verstärkt würde. Dass anderseits bei jeder sogenannten Aehnlichkeitsassociation Berührungsverbindungen mitwirken müssen, geht schon daraus hervor, dass die Aehnlichkeit keine Gleichheit ist. Weicht das Erinnerungsbild thatsächlich immer von dem unmittelbaren Eindruck ab, so rührt dies eben daher, dass sich aus andern früheren Vorstellungen Berührungselemente beimengen, durch welche die Vorstellung mehr oder minder verändert wird. Man hat hiergegen ein- gewandt, es gebe Fälle von Aehnlichkeit, die sich nicht als eine Mischung von Gleichem und Verschiedenem betrachten ließen1. Gewiss ist das der Fall; mindestens bieten die einfachen Empfindungen Beispiele dieser Art dar. Aber die Analyse solcher Beispiele zeigt deutlich, dass sich jede solche Aehnlichkeitsassociation aus Gleichheit und Berührung zusammen- setzen muss, und dabei ist merkwürdiger Weise gerade in diesen Fällen »reiner Aehnlichkeit« die Wirksamkeit der Berührungselemente eine so überwiegende, dass die gewöhnliche Classification sie mit Recht zu den Berührungsassociationen rechnen wird. So sind z. B. Orange und Gelb einander ähnlich, und ich zweifle auch nicht, dass die eine zur andern Farbe gelegentlich associirt werden kann. Aber dass diese Association jemals bloß deshalb geschehen sollte, weil die Farben ähnlich sind, ohne dass irgend einmal das gleichzeitige Sehen beider, z. B. im Spektrum, mitgewirkt hätte, das leugne ich allerdings. Denn der wirkliche Vorgang scheint mir, wenn wir ihn psychologisch analysiren, offenbar dieser zu sein: der Eindruck Gelb wird verstärkt durch die gleiche Empfindung in früheren Vorstellungen, und unter diesen finden sich solche, z. B. das Spektrum, die auch das Orange enthalten. Der Ausdruck Aehnlichkeits- association führt so zu völlig unvollziehbaren Voraussetzungen, sobald man ihn auf die Elementarprocesse anwenden will, aus denen die Theorie der 1 Höffding, Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 96. Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos.

Associationen.

Associationen die zusammengesetzten Erscheinungen abzuleiten hat. Die verschiedenen Formen der Association fügen sich aber ohne weiteres den hier entwickelten Gesichtspunkten. Der Unterschied zwischen jenen be- ruht wesentlich nur theils auf der verschiedenen Betheiligung der oben auf- gezeigten elementaren Processe, theils auf der verschiedenen Geschwin- digkeit, mit der sich diese vollziehen, wobei die letztere wieder auf die durch oft wiederholte Function eintretende Erleichterung und die durch entgegenwirkende Associationsmomente bewirkte Erschwerung des Ver- laufs zurückzuführen ist. Da ferner die Verschmelzungsprocesse bei den Sinneswahrnehmungen überall aus elementaren Associationen der gleichen Art bestehen, so sind die Unterschiede zwischen ihnen und den Erinne- rungsvorgängen durchaus secundäre, wie denn ja die Assimilationen und Complicationen ein Zwischengebiet bilden, das in jene wie in diese herüberreicht.

So ist unter den simultanen Associationen die der Bildung aller Sinnes Vorstellungen zu Grunde liegende Verschmelzung theils der Assi- milation theils der Complication nahe verwandt: ersteres in der Form der intensiven, letzteres in derjenigen der extensiven Verschmelzung. Ueber- gänge zu den reproductiven Formen bieten sich außerdem überall, wo einzelne Elemente der Wahrnehmung nicht direct durch äußere Reize ausgelöst werden, wie z. B. die Bewegungsempfindungen bei ruhendem Auge. Die aus den Bedingungen der äußeren Sinneserregung entspringen- den Verbindungen bilden ferner die Anlagen zu Assimilationen wie Com- plicationen. Was zuerst durch die Coincidenz äußerer Erregungen ver- bunden wurde, wird im allgemeinen auch in dieser Verbindung reproducirt. Es treten dann aber weitere Verbindungen hinzu, so dass nun Verstärkungen gleicher und Verdrängungen widerstreitender Elemente entstehen, auf die namentlich die überall schon die directe Sinneswahrnehmung begleitenden Assimilationen hinweisen. Auf diese Weise wirken schon bei den Ver- schmelzungen die Gleichheits- und die Berührungsverbindungen zusammen. Die gleichen elementaren Vorgänge begegnen uns nun auch bei den Assimilationen. Nur entsteht hier die Nöthigung, die Gleichheitsverbindungen als die zunächst vorangehenden, die Berührungswirkungen als die nachfolgenden anzusehen. Beide fließen in der Vorstellung zusammen, weil eine zeitliche Succession, obgleich sie wahrscheinlich existirt, doch im allgemeinen nicht wahrgenommen werden kann. Dagegen ist eine solche Sonderung bei dem Uebergang in successive Vorgänge, in einzelnen Fällen wenigstens, deutlich zu bemerken, namentlich dann, wenn bestimmte Eigenschaften eines • Gegenstandes oder eines Vorstellungscomplexes, dem jener angehört, als die Mittelglieder einer Association erscheinen, wie bei der mittelbaren Erkennungs- und Wiedererkennungsassociation.

564 Psychische Verbindungen.

Dagegen überwiegen bei der Complication durchaus die Berührungs- verbindungen: zwischen den verbundenen Vorstellungen selbst ist hier das Vorkommen gleicher Elemente ausgeschlossen. Gleichwohl können diese bei der Entstehung der Association auch in diesem Falle nicht fehlen, und wieder sind sie es, die, wo der unmittelbare Eindruck die Complication noch nicht enthält, diese durch die Reproduction früherer Verbindungen erwecken. Aus den gleichen Elementarprocessen entwickeln sich endlich die successiven Erinnerungsassociationen, sobald durch den Widerstreit heterogener Elemente die Verschmelzung in eine Vorstellung gehindert und demnach eine Succession zunächst zweier und dann eventuell noch weiterer Vorstellungen erzeugt wird. Dabei reichen im allgemeinen stets Elemente aus der einen in die andere Vorstellung hinüber, wodurch sich eben diese Erscheinungen als Grenzfälle der simul- tanen Associationen und Complicationen verrathen.

Die sämmtlichen Associationen sind demnach Vorgänge, die im Be- wusstsein lediglich durch die Wirkung äußerer Erregungen auf einander und auf vorhandene Vorstellungsdispositionen sowie aus den Wechsel- wirkungen dieser entspringen. Wie jeder Bewusstseinsinhalt, so wirken nun aber auch die Associationsproducte auf die Function der Apper- ception. Durch diese Wirkung entsteht eine weitere subjective Seite der Associationsprocesse, die wohl niemals ganz fehlt, wenn wir sie auch nur in besonders ausgeprägten Fällen an specifisch unterscheidenden Eigenschaften leicht zu erkennen vermögen: das den Associationsvorgang begleitende Gefühl. Dieses besitzt im allgemeinen durchaus den Cha- rakter jenes Gefühlsvorgangs, den wir früher als das Symptom der passiven Apperception kennen lernten (S. 332). Auf der Grundlage des die Association begleitenden Passivitätsgefühls, wie wir es im Unterschied von dem Activitätsgefühl der activen Apperception nennen können, erheben sich dann die für die einzelnen Associationsprocesse charakteristischen speciellen Gefühlsformen, wie das Wiedererkennungs-, das Erkennungs-, das Erinnerungsgefühl. Wenn diese, wie wir oben sahen, wesentlich durch solche Gefühlselemente gekennzeichnet sind, die eigentlich nicht mehr der Association selbst, sondern den sich an sie anschließenden Aufmerksamkeitsvorgängen angehören, so hat dies offen- bar seinen Grund darin, dass jene speciellen Associationsformen sämmt- lich die Bedingungen zu einer intensiveren Erregung der Aufmerksam- keit in sich tragen. So bieten diese Erscheinungen auch nach der Gefühlsseite hin Beispiele gemischter Bewusstseinszustände, bei denen die psychologische Analyse die der Association angehörenden primären und die in das Gebiet der Apperception fallenden secundären Processe sorg- fältig zu scheiden hat. Gerade die Gefühle sind hier in dem raschen, Associationen.

aber doch oft deutlich zu verfolgenden Wechsel, den sie darbieten, so zu sagen die feinsten Reagentien auf die Natur des gerade ablaufenden Pro- cesses. Dass dem Associationsvorgang als solchem, so lange sich nicht andere Processe aus ihm entwickeln, lediglich jenes Passivitätsgefühl eigen ist, daran kann aber schon deshalb kein Zweifel sein, weil die Zustände eines rein passiven Spiels der Vorstellungen die ungetrübte Herrschaft der Associationen am deutlichsten darbieten, wie wir das unten bei der Betrachtung der Associationen im Traum und in vielen Fällen psychischer Störung sehen werden (Cap. XX).

h. Physiologie der Associationen.

Die physiologische Interpretation der Associationen begnügt sich in der Regel mit der Annahme, dass von allen Eindrücken ihnen irgendwie gleichende Spuren im Centralorgan zurückbleiben. Wollte man unter diesen Spuren bloß Nachwirkungen irgend welcher Art verstehen, so wäre gegen den Ausdruck nichts einzuwenden. Aber die »Spur« wird von der bloßen functionellen »Disposition« als eine Art der Nachwirkung unterschieden, die nicht nur die Entstehung gewisser Vorgänge erleichtert, sondern selbst einen bleibenden, noch dazu mit dem zu erneuernden Vor- gang verwandten Zustand darstellt. Analogien aus dem physiologischen Gebiet werden diesen Unterschied deutlicher hervortreten lassen. In einem Auge, das in blendendes Licht gesehen hat, hinterbleibt eine Nachwirkung des Eindrucks in dem Nachbilde; ein Auge aber, das häufig räumliche Entfernungen messend vergleicht, gewinnt ein immer schärferes Augenmaße Das Nachbild ist eine zurückbleibende Spur, das Augenmaß eine func- tionelle Disposition. Die Netzhaut und die Muskeln des geübten Auges können möglicherweise gerade so beschaffen sein wie die des ungeübten, und doch hat das eine die Disposition in stärkerem Maße als das andere. Man kann nun freilich auch hier sagen, die physiologische Uebung der Organe beruhe weniger auf ihren eigenen Veränderungen als auf den Spuren, die in ihren Nervencentren zurückgeblieben seien. Alles aber, was uns die physiologische Untersuchung des Nervensystems über die Vorgänge der Uebung, Anpassung an gegebene Bedingungen u. dergl. lehrt, weist darauf hin, dass auch hier die Spuren in functionellen Dispo- sitionen bestehen. Auf einer Leitungsbahn, die oft in Anspruch ge- nommen wurde, geht die Leitung immer leichter von statten. Eine solche functionelle Disposition ist allerdings nicht ohne bleibende Veränderungen denkbar, die als Nachwirkungen der Uebung geblieben sind. Diese bleibenden Nachwirkungen sind aber von der Function, zu deren Erleichterung sie beitragen, völlig verschieden. Die Muskeln schleifen und biegen bei der Bewegung der Glieder die Knochen c56 Psychische Verbindungen.

allmählich gemäß der Wirkung, die sie ausüben, und erleichtern dadurch bestimmte Bewegungen. Doch die Umformung des Skelets und der Muskeln, die so herbeigeführt wird, ist etwas ganz anderes als die Be- wegung, zu der sie die functionelle Disposition bildet. Gerade so werden zweifellos auch in den Nerven und in den Centralorganen bei der Ein- übung bestimmter Bewegungen und Sinnesthätigkeiten bleibende Ver- änderungen vor sich gehen, die aber mit der Function, die dadurch prä- disponirt wird, nicht im mindesten direct vergleichbar sind.

Die Uebertragung dieser Gesichtspunkte auf die Associationen, ins- besondere auf die reproductiven Formen derselben, liegt um so näher, als es sich bei diesen augenscheinlich um etwas handelt, was mit der physio- logischen Uebung sehr nahe übereinstimmt. Gibt man daher zu, dass keine Vorstellung ohne begleitende centrale Sinneserregungen stattfindet, so wird man auch voraussetzen müssen, dass die Einflüsse der physio- logischen Uebung, die schon bei den Vorgängen der Leitung, der Reflex- erregung u. s. w. eine wichtige Rolle spielen, hier nicht minder in Betracht kommen. Jede Erregung einer centralen Sinnesfläche muss, gemäß den früher erörterten Eigenschaften der Nervensubstanz, eine Disposition zur Erneuerung dieser Erregung zurücklassen. Das Princip der elementaren Gleichheitsverbindungen bestätigt dies, insofern es darauf hinweist, dass in einer complexen centralen Sinneserregung diejenigen Elementarvorgänge verstärkt werden, deren Eintritt durch vorangegangene gleiche Erregungen erleichtert ist. Das Princip der elementaren Berührungsverbindungen fügt hierzu das physiologische Postulat, dass centrale Sinneserregungen, die oft mit einander verbunden gewesen sind, sich in dieser Beziehung ganz so wie gleiche Erregungen verhalten. Auf diese Weise entspricht der Gleichheitsverbindung der Vorgang der unmittelbaren Uebung, der Berüh- rungsverbindung der Vorgang der Mit Übung. Wie die Uebung eines Muskels in einer bestimmten Bewegung die Ausführung derselben Be- wegung begünstigt, sobald der nämliche Muskel von neuem in Action tritt, so erleichtert eine Empfindung das Auftreten einer ihr gleichen früheren Empfindung, d. h. die neue Erregung wird durch die zurückgebliebene Disposition verstärkt; und wie ein Glied, dessen Bewegung zusammen mit der eines andern eingeübt worden ist, mit dem letzteren von selbst in Mitbewegung geräth, so kann eine Empfindung direct oder indirect, z. B. durch motorische Miterregungen, eine früher mit ihr vorhandene wiederum auslösen. Es ist aber klar, dass auch für die physiologische Betrachtung, sobald wir auf die elementaren Processe zurückgehen, nur die Gleichheits- und die Berührungsverbindung verständlich sind, indem sie sich vollständig auf die Principien der Uebung und der Mitübung zurückführen lassen, und dass die sogenannte Aehnlichkeit wiederum auf eine Vermischung