SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Associationen.

beider Factoren zurückführt, wie denn auch bei allen andern Uebergangs- vorgängen, z. B. bei der Einübung von Bewegungen, directe Uebung und Mitübung sich verbinden. Für die Entwicklung des Bewusstseins sind die physischen Processe, welche die Association begleiten, ebenso uner- lässlich wie die äußeren Sinneserregungen. Ohne die Existenz äußerer Sinnesorgane würden keine Vorstellungen entstehen; ohne jene günstige Beschaffenheit der Centralorgane, welche die Wiedererweckung früherer Sinneserregungen möglich macht, würden sich keinerlei Verbindungen zwischen unsern Empfindungen und Vorstellungen bilden können. Zwar fehlen uns, um die besondere Gestaltung der centralen Processe bei den einzelnen Formen der Association zu verfolgen, die erforderlichen physio- logischen Vorbedingungen; doch ist klar, dass der Uebersetzung der beobachteten Bewusstseinsvorgänge in physiologische Voraussetzungen auf Grund der bekannten Eigenschaften der Nervencentren keine prin- cipiellen Schwierigkeiten entstehen können. Ebenso fügen sich die Be- obachtungen über die Associationsgefühle, namentlich im Hinblick auf deren Verhältniss zu den sich anschließenden Apperceptionsgefühlen, durchaus der Hypothese, dass das physiologische Substrat der Gefühle überhaupt in den Erregungsvorgängen des vorauszusetzenden Apperceptionscentrums zu suchen sei. Dagegen ist hier nochmals darauf hinzu- weisen, dass die in der neueren Hirnanatomie als »Associationsfasern« und »Associationssysteme« bezeichneten Gebilde mit den psychologischen Associationsvorgängen nichts oder sehr wenig zu thun haben. Erwägt man, dass, wie wir früher sahen, in dem einzigen Fall, wo uns die physio- logischen Substrate dieser Processe etwas näher bekannt sind, bei den sprachlichen Associationen, bis jetzt noch alle Versuche dieser Art scheitern, so wird man gut thun, sich hier vorläufig auf das zu beschränken, was einigermaßen sicher steht: auf die Beziehungen der associativen Elementar- processe zu den allgemeinen Eigenschaften der Nervensubstanz1.

Die Einführung des Begriffs der »Association« schreibt man in der Regel den beiden Begründern der »Associationspsychologie« und » Association sphilo- sophie«, David Hartley und David Hume, zu, die sich zuerst des Wortes in dem heute noch üblichen Sinne, freilich zugleich mit strenger Beschrän- kung auf die successiven Erinnerungsassociationen, bedient und zugleich, be- sonders Hume, weitgehende Anwendungen von dem Associationsgedanken auf die Gebiete der Erkenntnisstheorie und Moralphilosophie gemacht haben2. Der Begriff selbst ist aber viel älter, und namentlich in der englischen Philo- sophie des 17. und des beginnenden 18. Jahrhunderts spielt bereits die 2 Hume, Treatise on human nature, 1739 — 40. Hartley, Observations on man. 1749. Priestley, Hartleys Theory of human mind, 1775.

c58 Psychische Verbindungen.

unwillkürliche Verkettung der »Ideen« eine wichtige Rolle: so bei Locke, Ber- keley und besonders bei Thomas Hobbes. Ja der Grundgedanke nicht nur, sondern auch die von Hume gegebene Eintheilung der »Associationsgesetze« geht, wie schon oben bemerkt, bis auf Aristoteles zurück, — eine That- sache, die deshalb mehr Beachtung verdient, als ihr gewöhnlich zu theil wird, weil bei diesem Ausgangspunkt der rein logische Charakter dieses Schemas, das so ganz der Vorliebe des großen Stagiriten für Dichotomien und Tetra- tomien entspricht, besonders deutlich hervortritt1. Immerhin verdienen Hume und Hartley die hervorragende Stellung, die man ihnen in der Geschichte der Associationslehre anzuweisen pflegt, insofern, als durch sie dieser Begriff zuerst zu einer so vorherrschenden Bedeutung erhoben wurde. Auch begin- nen mit ihnen bereits die Gegensätze, die seitdem in der Auffassung des Be- griffs einander gegenüberstehen, indem Hume, seinem empirisch kritischen Standpunkte gemäß, ihn als einen empirisch-psychologischen auffasste, wäh- rend Hartley nach einer metaphysischen Grundlegung desselben suchte und demnach, von seinem in dieser Beziehung materialistischen Grundgedanken aus, die Associationen lediglich als Wirkungen der nervösen Erregungsvorgänge interpretirte. Damit hing zugleich bei ihm der Versuch einer Reduction der Associationsgesetze auf die äußere Contiguität der Vorstellungen in Zeit und Raum zusammen. Beide Richtungen setzen sich dann bis in die neuere Psychologie hinein fort, in der übrigens die Auffassung der Associationen als »psychophysischer« Vorgänge und demnach als psychischer Processe, die zugleich ein physiologisches Substrat voraussetzen, zur vorherrschenden Gel- tung gelangt ist. Dennoch bleibt der alte Gegensatz darin bestehen, dass man bald mehr auf die psychologische Seite als die unmittelbar empirisch gegebene und für die Psychologie als solche bedeutsame Werth legt: so die classische Schule der englischen Associationspsychologen, wie James Mill, John Stuart Mill, Alex. Bain u. A., bald sich vorzugsweise in Hypothesen über die Physiologie der Associationen bewegt, wie Herbert Spencer und manche Psychologen der Gegenwart2. Bis zu einem gewissen Grade unabhängig von diesem ersten hat jedoch ein zweiter, schon bei Hume und Hartley zum Ausdruck gekommener Gegensatz sich in die neuere Psycho- logie fortgesetzt. Während man auf der einen Seite an den alten vier Associationsformen festhielt oder sie sogar durch eine noch weiter ins Einzelne gehende logische Schematisirung zu vervollständigen suchte, ging eine andere Richtung darauf aus, umgekehrt das Schema möglichst zu vereinfachen, um es schließlich wo möglich auf ein einziges »Associationsgesetz« zu redu- ciren. Seit namentlich James Mill der Möglichkeit, alle Associationen auf gewohnheitsmäßige Contiguität in Raum oder Zeit zurückzuführen, das Wort redete, fand diese vereinfachende Tendenz mehr und mehr Anhänger, und sie trat zuletzt in dem Streit zwischen H. Höffding und Alfr. Lehmann her- vor, in welchem Lehmann für die Alleingültigkeit der »Berührungsassociation« eintrat, während Höffding das nämliche von der »Aehnlichkeitsassociation« 1 Vgl. meine Bemerkungen zur Associationslehre, Philos. Stud. Bd. 7, 1892, S. 329. Zur Vorgeschichte der Associationslehre überhaupt vgl. H. Siebeck, Geschichte der Psy- chologie, Bd. I, II, S. 76 ff.

2 Herbert Spencer, Principien der Psychologie, übers, von B. Vetter, Bd. 1, S. 606 ff. W. James, Principles of Psychology, vol. 1, p. 566.

Associationen.

behauptete1. Dieser interessante Streit ist nicht bloß deshalb belehrend, weil er zeigte, dass eventuell auch die Aehnlichkeit als das ausschließliche »Asso- ciationsgesetz« angenommen werden könne, ein Vorzug, den man bis dahin allein der Berührung zugeschrieben hatte, sondern mehr noch deshalb, weil die von beiden Gegnern beigebrachten Interpretationen sich zumeist im Ge- biet hypothetischer Interpolationen bewegten, indem sie je nach Bedürfniss associative Zwischenglieder einschoben, die in Wirklichkeit nicht direct beobach- tet waren, sondern lediglich den Charakter von Associationsmöglichkeiten be- saßen. Wichtiger als diese Versuche, auf dem Boden der alten Associations- lehre zu einem einheitlichen Associationsbegriff zu gelangen, ist jedoch der von Höffding mit Recht zur Geltung gebrachte Gesichtspunkt, dass es Er- scheinungen von offenbar associativer Natur gibt, die in der bisherigen Asso- ciationslehre ganz unbeachtet geblieben waren: als solche hob er die Er- scheinungen des »Wiedererkennens« hervor. Wenn Höffding trotzdem nicht zu der von hier aus naheliegenden Erkenntniss von der Unhaltbarkeit des alten, auf die Succession der Erinnerungsbilder beschränkten Associations- begriffs gelangt ist, so lag der Grund wohl einerseits darin, dass er die Bedeutung der die Erkennungs- wie Wiedererkennungsacte begleitenden Gefühle verkannte, theils aber auch und vornehmlich wohl darin, dass die associativen Processe der Sinneswahrnehmung, insbesondere die mit der Wiedererkennung sich am nächsten berührenden Assimilationen außerhalb seines Gesichtskreises blieben, was wiederum in dem Mangel einer experimentellen Analyse der Erscheinungen seinen Grund hatte.

Diese experimentelle Untersuchung der Associationen kann nun, wie aus den obigen Erörterungen hervorgeht, im allgemeinen einen doppelten Zweck verfolgen: einen statistischen, bloß die Endresultate der einzelnen Associations- vorgänge berücksichtigenden, der für die individuelle Charakterologie werth- volle Ergebnisse liefern kann, aber für die psychologische Analyse der Asso- ciation als solcher bedeutungslos ist; und einen qualitativen, die Beobachtung durchaus individualisirenden, der nur diesem psychologischen Zweck dient. Die meisten neueren Associationsexperimente verfolgen die erstere Richtung, und sie haben in dieser manche bemerkenswerthe Ergebnisse geliefert. So fand Trautscholdt bei vier Beobachtern, 2?., T.: W. und ZT., von denen die beiden ersteren dem Studium der Mathematik, die beiden letzteren dem der Philosophie oblagen, folgende procentische Werthe der hauptsächlichsten Asso- ciationskategorien: Psychische Verbindungen.

Das relative Uebergewicht der inneren über die äußeren Associationen bei den Philosophen gegenüber dem entgegengesetzten Verhalten der Mathematiker ist augenfällig. Doch mag dasselbe auch mit dem jüngeren Lebensalter der letzteren zusammenhängen. Interessante Beobachtungen gleicher Art sowohl an normalen Individuen wie an Geisteskranken hat G. Aschaffenburg aus- geführt. Bei den letzteren sind besonders die Zustände der »Ideenflucht« (die manischen Zustände des circulären Irreseins) dadurch ausgezeichnet, dass die äußeren Associationen nach sprachlichen Reminiscenzen und nach Klang- ähnlichkeit immer mehr auf Kosten der inneren zunehmen, so dass nament- lich die wachsende Zunahme der letzteren, äußerlichsten Associationsform ein gutes Kriterium für das Fortschreiten des Krankheitszustandes abgibt. Dagegen ist es bemerkenwerth, dass, wenn man die Associationsversuche mit Zeitmessungen verbindet, weder zwischen den verschiedenen Formen der Association noch auch zwischen den Associationsreactionen Gesunder und Geisteskranker ein wesentlicher Zeitunterschied aufgefunden werden kann1.

In etwas anderer Weise brachte Fr. Galton2 die statistische Methode in großentheils an sich selbst ausgeführten Versuchen zur Anwendung. In einer ersten Versuchsreihe ließ er beim Anblick eines ihm zufällig aufstoßenden Gegenstandes die Gedanken schweifen, um sie nach einiger Zeit plötzlich mit der Aufmerksamkeit zu frxiren und niederzuschreiben. In einer andern be- nutzte er Wörter, die einige Zeit vorher aufgeschrieben und wieder vergessen worden waren. Beidemal ergab sich, dass die angeregten Associationen in der Regel sämmtlich an den ersten Sinneseindruck angeknüpft werden, seltener sich unter einander verbinden; doch dürfte diese Erscheinung wohl in den speciellen Versuchsbedingungen begründet sein. Rücksichtlich der Art der Associationen zeigte sich, dass verhältnissmäßig viele Vorstellungen wiederholt auftreten und in ihrer Entstehung in eine frühe Zeit zurückreichen, wogegen die einmaligen Associationen vorzugsweise der jüngsten Vergangenheit an- gehören. So fanden sich bei 505 Associationen auf 100 23 viermal, 21 dreimal, 23 zweimal, 33 einmal, und von 100 gehörten an: 4malige 3 malige 2 malige 1 malige im ganzen der Kindheit und ersten Jugend 10 9 7 13 39 Den Einfluss des Lebensalters und anderer damit in Zusammenhang stehender Momente suchte Th. Ziehen 3 ebenfalls statistisch und zum Theil in Verbindung mit Zeitmessungen zu erforschen. Indem er durch mehrere Jahre hindurch Versuche an Schulkindern ausführte, bot dies den Vortheil, gelegent- lich ein und dasselbe Kind in verschiedenen Lebensaltern zu untersuchen.

2 Fr. Galton, Brain, vol. 1, 1879, p. 149 ff.

3 Th. Ziehen, Die Ideenassociation des Kindes, Sammlung von Abhandlungen zur pädagogischen Psychol, u. s. w. von Schiller und Ziehen, i. Abh. Bd. 1, 1898. 2. Abh.

Die Methode war auch hier die »Wortmethode«, die Antworten des Kindes erfolgten bei den Zeitmessungen mittelst eines Lippenschlüssels (S. 404). Es ergab sich, dass bei Kindern die Wortassociationen relativ seltener, die Objectsassociationen häufiger waren als beim Erwachsenen, selbst beim minder Gebildeten. Unter den Objectsverbindungen überwogen wieder die der Indi- vidual- im Verhältniss zu den Allgemeinvorstellungen. Wortassociationen er- folgten allgemein schneller als Objectsassociationen; beim Kinde aber erfolgten alle, und insbesondere auch die Wortassociationen, langsamer als beim Er- wachsenen. Eingeübte Associationen zeigten, ähnlich wie dies die früheren Ver- suche lehren, eine annähernd constante Geschwindigkeit; und der Einfluss der Einübung auf die Erleichterung bestimmter Associationen ist, wie auch schon Kraepelin1 fand, viel größer als der des zufälligen Bewusstseinszustandes. Ziehen hat ferner auf Grund seiner Versuche eine Classification der Associations- formen aufgestellt. Wenn er dabei Wort- und Object-, Individual- und All- gemeinassociationen u. dergl. unterscheidet, so sind das zweifellos Gruppen, die für den nächsten Zweck, die Nach Weisung der allgemeinen Richtungs- unterschiede des kindlichen Bewusstseins gegenüber dem des Erwachsenen, zweckmäßig, wenn auch aus den oben angeführten Gründen für die psycho- logische Natur der concreten Associationsvorgänge bedeutungslos sind. Be- denklicher ist es dagegen, wenn Ziehen alle diese specielleren Eintheilungen den beiden allgemeinen Classen »Urtheilsassociationen« und »springende Asso- ciationen« unterordnet und in diesen offenbar nicht bloß logische Kategorien sieht, in die allenfalls die Associationen nachträglich gebracht werden könnten, sondern wesentlich verschiedene Grundformen der Associationsprocesse selbst2. Wenn auf das Reizwort »Rose« ein erstes Kind den Satz associirt »die Rose ist roth«, ein zweites dagegen einfach das Wort oder die Vorstellung »roth«, so ist, wie ich meine, die erste Association so wenig wie die zweite ein ge- nuiner Urtheilsact, sondern lediglich ebenfalls eine Association des dem Kinde geläufigen Satzschemas mit dem Reizwort. Erinnert man sich aber, wie sehr den Kindern in unseren Volksschulen eingeprägt wird, alle Antworten nur in ganzen Sätzen zu geben, so darf man billig bezweifeln, ob der Ausdruck »springende Association« nicht eher auf den ersten als auf den zweiten Fall passt. Das Kind, das auf das Reizwort Rose sofort mit der ihm eingetrichter- ten Satzform »die Rose ist roth« reagirt, macht sich vielleicht gar keine deut- liche Vorstellung von der Farbe, sondern es associirt sofort den ihm bereits geläufigen Satz nicht wesentlich anders zum Wort Rose, als wenn es zum Buchstaben A das B associirt. Das Kind dagegen mit der Association »Rose — roth« stellt sich möglicher Weise die Rose vor, und die innerlich gesehene Farbe associirt sich dann erst mit ihrer Bezeichnung: gerade in diesem Fall ist dann der Vorgang von Anfang an ein stetiger, der sich aus einer Reihe simultaner Assimilationen und Complicationen zusammensetzt. Wenn Ziehen hier wohl das Ziel vorgeschwebt hat, auf diesem Wege zu beweisen, dass Urtheile auch nichts anderes als Associationen seien, so glaube ich daher nicht, dass er dies Ziel erreicht hat. Denn was allenfalls aus diesen Experi- menten hervorgeht, dass Sätze durch Einübung, gerade so gut wie einzelne 1 Kraepelin, Ueber den Einfluss der Uebung auf die Dauer von Associationen, St. Petersburger med. Wochenschrift, 1889.

c-j2 Psychische Verbindungen.

Wörter, zu Gliedern von Associationen werden können, hat schwerlich jemals jemand bezweifelt. Wie man aus solchen statistischen Erhebungen keine Schlüsse machen kann über die psychologische Natur der Associationsprocesse, ebenso wenig kann man nun aber freilich auf diesem Wege die in der Wirk- lichkeit vorkommenden Vorgänge dieser Art nachträglich auf ihre Beschaffen- heit oder gar auf ihre Thatsächlichkeit prüfen, wie dies Thumb und Marbe1 hinsichtlich der sogenannten »sprachlichen Analogiebildungen« versucht haben. Zweifellos sind ja die »Analogiebildungen« Wirkungen von Associationen, und zwar sind diese Associationen im allgemeinen von höchst verwickelter Art, da bei jeder einzelnen Form eine große Zahl von Associationsmöglichkeiten vor- liegt. Nur die Untersuchung der Sprache selbst und womöglich zugleich der Culturbedingungen zur Zeit, da sich die sprachlichen Assimilationen vollzogen, kann hier naturgemäß über die letzteren Aufschluss geben. Wenn wir aber, wie es in diesen Associationsexperimenten geschieht, einem Beobachter ein Wort zurufen und von ihm verlangen, dass er mit einem andern Wort ant- worte, so ist nichts gewisser als dies, dass hier die individuellen wie die generellen Bedingungen von den bei den wirklichen Processen der Sprache obwaltenden total verschieden sind. Wenn also jemand gehorsam auf Vater — Mutter associirt, so ist damit ebenso wenig bewiesen, dass bei der Entstehung des Vater- und Mutternamens eine wirkliche Analogiebildung stattgefunden hat, wie daraus, dass etwa jemand auf den Genitiv »Tages« zufällig niemals mit dem Wort »Hahnes« antwortet, geschlossen werden könnte, diese Form sei aus der älteren »des Hahnes« nicht durch Analogiebildung entstanden. Zur Ent- scheidung solcher Fragen ist also das Experiment völlig nutzlos2.

3. Apperceptive Verbindungen.

Die apperceptiven Verbindungen setzen die Associationen voraus. Die durch associative Verschmelzung- aus Empfindungen und Gefühlen zu- sammengesetzten Gebilde, neben ihnen die Assimilationen und Compli- cationen, endlich die durch diese vorbereiteten successiven Erinnerungs- associationen sind es, die mit den einfachen Aufmerksamkeitsvorgängen zu- sammenwirkend die Grundlagen der apperceptiven Verbindungen bilden. Der nächste Unterschied dieser von den Associationen, an die sie als Ver- bindungen höherer Stufe sich anschließen, besteht darin, dass bei ihnen die Apperception eine active ist, dass sie also subjectiv durch ein den Vorgang begleitendes Thätigkeitsgefühl ausgezeichnet, und dass sie objectiv nicht eindeutig durch eine associativ gehobene Vorstellung, 1 A. Thumb und K. Marbe, Experimentelle Untersuchungen über die psychologischen Grundlagen der sprachlichen Analogiebildungen, 1901.

2 Aus der überaus reichen Litteratur über die Association seien hier noch hervor- gehoben Witasek, Zeitschr. f. Psychol. Bd. 12, 1896, S. 185. Mayer und Orts, ebend. Bd. 26, 1901, S. 1. Bergson, Revue philos. t. 50, 1902, p. 1, und bes. Ed. Claparede, L' Association des idees, 1903, in welchem Werk sich zugleich eine gute Uebersicht über die neuere Litteratur des Gegenstandes findet. Auch greifen vielfach die unten (4) zu erwähnenden Arbeiten über das Gedächtniss in die Psychologie der Associationen über.

Apperceptive Verbindungen. c^ sondern durch die gesammte vorangegangene Entwicklung des Bewusst- seins bestimmt ist. Dadurch gewinnt sie den Charakter eines Willens- vorganges, dessen Motive die einzelnen disponibeln Associationen sind, und dessen Effect darin besteht, dass diejenigen Associationen wirklich eintreten, die den herrschenden Motiven des ganzen Vorgangs entsprechen. Indem so die Apperception bestimmte Associationen bald in der Totali- tät ihrer Theile, bald nur einzelne unter diesen in den Blickpunkt des Be- wusstseins hebt, ist sie theils verbindende theils zerlegende Function. Beidemal ist sie aber zugleich beziehende Function, und in dem letz- teren Merkmal besteht vor allem ihr charakteristischer Unterschied von der bloßen Association. Als verbindende Apperception setzt sie die ver- bundenen, als zerlegende die aus dem zuerst appercipirten Ganzen aus- geschiedenen Theile in wechselseitige Beziehungen zu einander.

Als verbindende Function bildet so die Apperception aus associirten Vorstellungen zusammengesetzte Gebilde, deren Elemente zu einem be- ziehungsvollen Ganzen verbunden sind, das gleichwohl selbst wieder den Charakter einer einheitlichen Vorstellung besitzt. Den ersten Anlass zu solchen Verbindungen bietet die Association. Durch Association verbinden wir z. B. die Vorstellungen eines Thurms und einer Kirche. Aber mag uns auch die Coexistenz dieser Vorstellungen noch so geläufig sein, so hilft doch die bloße Association noch nicht zur Vorstellung eines Kirch- thurms. Denn diese enthält die beiden constituirenden Vorstellungen nicht mehr in bloß äußerlicher Coexistenz, sondern es ist in ihr die Vor- stellung der Kirche zu einer der Vorstellung Thurm anhaftenden, sie näher charakterisirenden Bestimmung geworden. Auf diese Weise bildet die Agglutination der Vorstellungen die erste Stufe apperceptiver Verbindung: unter ihr verstehen wir aber jene Verknüpfung ursprünglich associativ verbundener Vorstellungen, bei der wir uns zwar der Bestand- theile noch deutlich bewusst sind, aber aus denselben eine resultirende Gesammtvorstellung gebildet haben.

In vielen Fällen bleibt jedoch die Verbindung nicht auf dieser Stufe, sondern es verschwinden allmählich die ursprünglichen Theilvorstellungen aus dem Bewusstsein, und wir sind uns nur noch der resultirenden Ge- sammtvorstellung bewusst: es geht so aus der Agglutination eine apper- ceptive Verschmelzung hervor. Dieser Process ist es, der vor allem in der Bildung der Sprach formen einen objectiven Ausdruck gefunden hat, und der hier von den äußeren Erscheinungen der Contraction und Corruption der Laute begleitet zu sein pflegt. Er hat zwei wichtige psychologische Vorgänge im Gefolge: die Verdichtung und die Ver- schiebung der Vorstellungen, die sich in der Sprache in den Er- scheinungen des Bedeutungswandels der Wörter refiectiren. Ein psychozja Psychische Verbindungen.

logisch bedeutsames Moment dieser Entwicklung besteht vor allem in dem Zurücktreten und schließlichen Unbewusstwerden bestimmter Be- standtheile einer Gesammtvorstellung: dasselbe steht offenbar in naher Beziehung zu der Eigenschaft der Apperception, sich vorwiegend auf eine Vorstellung oder mindestens auf einen beschränkten Zusammenhang solcher zu concentriren (S. 352). Je mehr sich in Folge dessen die re- sultirende Vorstellung einer Verbindung zur Auffassung drängt, um so leichter wird es aber geschehen können, dass deren Componenten all- mählich ganz dem Bewusstsein entschwinden.

In dem Maße nun, als die ursprünglichen Elemente einer durch solche Synthese entstandenen Vorstellung verloren gehen, pflegen sich zugleich Beziehungen zu andern auf ähnliche Weise entstandenen Vorstellungen zu bilden. Dies geschieht hauptsächlich durch den unten zu schildernden Process der Gliederung, welcher die Vorstellungen zu einander in Beziehung setzt, indem er sie als Theile von Gesammtvorstellungen, in denen sie in bestimmten Verhältnissen zu einander stehen, aussondert. Solche in mehr oder minder mannigfaltige Gedankenbeziehungen gebrachte Vor- stellungen bezeichnen wir als Begriffe. Indem wir der zum Begriff erhobenen Vorstellung diese Beziehungen beilegen, sind wir uns aber zu- gleich bewusst, dass sie selbst nicht den ganzen Umfang solcher Bezie- hungen umfasse; sie gestaltet sich daher um so mehr, je reicher die Beziehungen werden, zu einer Stellvertreterin des Begriffs, dessen eigentliches Wesen für uns eben in jenen Beziehungen liegt, die nicht in einer einzelnen Vorstellung erschöpft, sondern höchstens in einer Reihe einzelner Denkacte dargestellt werden können. In der Regel besteht übrigens das Bewusstsein der stellvertretenden Bedeutung selbst nur in einem die begrifflichen Vorstellungen begleitenden eigenthümlichen Be- griffsgefühl. Durch diese Entwicklung fixiren sich ferner auch solche Gedankenbeziehungen in Begriffen, denen einzelne irgendwie adäquate Vor- stellungen nicht mehr entsprechen. So entstehen die abstracten Begriffe, die in unserm Bewusstsein nicht, mehr durch repräsentative Vorstellungen, sondern nur noch durch vorstellbare Zeichen vertreten sind. Derar- tige Zeichen sind die Wörter und ihre Schriftzeichen, die auf dem Wege der oben geschilderten apperceptiven Verschmelzung und der sich an sie anschließenden Verdichtung und Verschiebung der Vorstellungen ihre ur- sprüngliche, auf eine concrete Vorstellung gehende Bedeutung verloren und so die Beschaffenheit willkürlicher Symbole gewonnen haben. Nach seiner associativen Seite ist dieser Process zugleich gekennzeichnet durch den früher (S. 543) geschilderten Wechsel der herrschenden Elemente jener complexen Vorstellungen, die im Bewusstsein Begriffe vertreten.

An die verbindende schließt sich unmittelbar die zerlegende