SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

Page 64 of 89

Function der Apperception an. Sie besteht darin, dass die aus dem Associationsvorrath durch active Apperception gebildeten Gesammtvor- stellungen wieder in Theile gegliedert werden, wobei diese Theile keines- wegs mit jenen identisch zu sein brauchen, aus denen sich ursprünglich die Vorstellungen zusammensetzten. Zuweilen sind die der Zerlegung unter- worfenen Vorstellungen Begriffe: es wird dann schon vor geschehender Zerlegung die Gesammtvorstellung deutlich appercipirt, und wir sind uns demgemäß in solchen Fällen des Uebergangs von dem Gedanken auf seine Theile deutlich bewusst. Meistens steht jedoch die ursprüngliche Gesammtvorstellung zuerst nur als ein undeutlicher Complex einzelner Vorstellungen vor unserm Bewusstsein; die einzelnen Theile dieses Com- plexes und die Art ihrer Verbindung treten dann erst bestimmter während der Zerlegung hervor. Es kann so der Schein entstehen, als wenn das Denken erst die Theile zusammensuchte, die es in der successiven Gliederung der Gesammtvorstellung an einander fügt. Nichtsdestoweniger ergibt es sich auch hier schon aus der unten zu erörternden Structur der apperceptiven Verbindungen, dass das Ganze, wenngleich in undeut- licher Form, früher appercipirt werden musste, als seine Theile. Nur so erklärt sich überdies die bekannte Thatsache, dass wir ein verwickeltes Satzgefüge leicht ohne Störung zu Ende führen können. Dies wäre unmög- lich, wenn nicht bei Beginn desselben schon das Ganze vorgestellt würde. Der Vollzug der Urtheilsfunction besteht daher, psychologisch betrachtet, darin, dass wir die dunkeln Umrisse des Gesammtbildes successiv deut- licher machen, so dass dann am Ende des zusammengesetzten Denkactes auch das Ganze klarer vor unserm Bewusstsein steht. Es kommt hier jene früher (S. 352) berührte Eigenschaft der Apperception zur Geltung, dass sie bald ein größeres Gebiet umfassen, bald sich enger concentriren kann, und dass hiernach auch die Klarheit der appercipirten Vorstellungen wechselt.

Die weitere Eigenschaft der Apperception endlich, wonach sie in einem gegebenen Zeitmoment nur eine einzige Handlung zu vollführen pflegt, findet ihren Ausdruck in dem Gesetz der Zweitheilung, nach welchem stets die apperceptive Gliederung der Vorstellungen geschieht. In den Kategorien der grammatischen Syntax, Subject und Prädicat, Nomen und Attribut, Verbum und Object u. s. w., hat sich dieses Gesetz deutlich ausgeprägt, und scheinbare Ausnahmen von demselben kommen nur insoweit vor, als sich zu den apperceptiven associative Verbindungen hinzugesellen. Dieses Gesetz der Dualität, das die logischen Denkprocesse beherrscht, stammt so schließlich aus der nämlichen Quelle wie die Aus- bildung herrschender Elemente in den associativen Verschmelzungen und Complicationen.

576 Psychische Verbindungen.

Da die passive Apperception der activen vorangeht, so wird auch eine Entwicklung der apperceptiven aus den associativen Verbindungen der Vorstellungen anzunehmen sein. In der That wurde schon oben be- merkt, dass die Associationen die Keime zu den logischen Denkverbin- dungen enthalten, insofern die associativen Beziehungen der Vorstellungen die Möglichkeit in sich tragen, in logische Beziehungen sich umzuwandeln. Dieser Charakter kann ihnen nicht erst durch die Apperception aufgeprägt sein, da ja die Association die Vorstellungen nur in diejenigen Verbin- dungen bringt, in die sie vermöge ihrer eigenen Beschaffenheit, unbeein- flusst von jeder Willensthätigkeit, sich ordnen. Deshalb können auch die verschiedenen Formen der Association nur Beziehungsformen darstellen, die den Vorstellungen nach ihrem objectiven Charakter schon zukommen. Mit Rücksicht auf den letzteren sind also die Vorstellungen Bilder eines objectiven Seins und Geschehens. Auf die Frage, woher die Asso- ciationen jenen logischen Charakter nehmen, durch den sie das eigent- liche Denken vorbereiten und schließlich allein möglich machen, kann aber die Antwort nur lauten: von den vorgestellten Dingen selber, die, indem sie dem Denken den Stoff zu seiner Thätigkeit liefern, auch in ihren eigenen Beziehungen bereits jenen Gedankenbeziehungen entsprechen müs- sen, welche die Apperception herstellt. Diese Correspondenz ist nicht etwa ein bloß äußerer Parallelismus zweier sonst auseinander fallender Daseins- formen. Denn die Wirklichkeit ist uns unmittelbar nur gegeben in unsern Vorstellungen. Diese treten also vermöge ihrer eigenen Beschaffenheit in jene Verbindungen, die in den Associationsformen ihren Ausdruck finden, und in diesen Verbindungen werden sie appercipirt. Aber indem sich von je einer Vorstellung aus mehrfache Beziehungen zu andern Vorstellungen entwickeln, kann im Bewusstsein ein Widerstreit zahlreicher Associationen als eine specielle Form des bei den Willenshandlungen betrachteten Kampfes der Motive entstehen (S. 256 f.). An die Stelle der ursprünglich eindeutig bestimmten Willenshandlung tritt so die Willkürhandlung, d. h. im vorliegenden Falle das beziehende und vergleichende Denken. Jetzt handelt es sich nicht mehr bloß darum, dass die verbundenen Vorstel- lungen überhaupt innere Beziehungen besitzen, sondern dass sie in denjenigen Beziehungen stehen, die der Zusammenhang der Denkproeesse erfordert. Darum steht die Ausbildung des apperceptiven Vorstellungs- verlaufes in der innigsten Verbindung mit der Bildung jener Gesammt- vorstellungen, die, indem sie meist den ganzen Umfang eines Denkpro- cesses, wenn auch zu seinem größten Theile nur dunkel bewusst, voraus- nehmen, diesem Process von vornherein die Richtung anweisen, in der die Gliederung in einzelne Vorstellungen und damit gleichzeitig deren Erhebung zu größerer Klarheit erfolgt. In der Ausbildung dieser Apperceptive Verbindungen. cjy Vorgänge können wir aber zwei Entwicklungsstufen unterscheiden, die dann zugleich fortwährend als in einander eingreifende, an jeder einzelnen geistigen Leistung in wechselndem Maße gleichzeitig betheiligte Factoren nebeneinander bestehen bleiben. Auf der ersten dieser Stufen sind die Ge- sammtvorstellungen, von denen der Gedankenprocess ausgeht, Zusammen- fassungen von Einzelvorstellungen, die nach bestimmten Zweckmotiven entstanden sind und gegliedert werden. Diese in der planmäßigen Nach- bildung und Neuerzeugung concreter Wahrnehmungsinhalte sich äußernde Form des Denkens nennen wir Phantasiethätigkeit. Ihr tritt allmählich in immer mehr vorherrschendem Maße eine zweite zur Seite, bei der die Theile der Gesammtvorstellung eine repräsentative Bedeutung gewinnen, indem nicht auf sie selbst, sondern auf die Beziehungen und Verhältnisse, in denen sie zu andern Bestandtheilen der Gedankenerzeugnisse stehen, der Hauptwerth gelegt wird. Auf diese Weise entsteht die begriffliche Form des Denkens, die wir Verstandesthätigkeit nennen. Die nähere Analyse dieser beiden Gestaltungen des Gedankenprocesses ist jedoch nicht mehr Aufgabe der allgemeinen Psychologie, sondern der Völkerpsycho- logie, da hauptsächlich die Objecte dieser, die gemeinsamen und ge- schichtlich entwickelten geistigen Erzeugnisse, vor allem Sprache und Mythus, das Material zu einer solchen Untersuchung liefern. Nur auf die eigentümlichen Formen der diese Processe begleitenden Gefühle werden wir noch unten (5) zurückkommen.

Dagegen ist für die Beurtheilung der individuellen Bewusstseins- erscheinungen außerdem eine Thatsache beachtenswerth, zu der zwar ebenfalls die völkerpsychologischen Gebiete die reichsten Belege enthalten, die aber schon innerhalb der Vorgänge des Einzelbewusstseins eine be- deutende Rolle spielt: dies ist die Vermischung apperceptiver und associativer Processe und der fortwährende Uebergang jener in diese. In doppelter Weise kann eine solche Vermischung eintreten. Die erste ist die, dass irgend ein Glied eines apperceptiven Vorstellungs- verlaufes Associationen anregt, die nun ohne weiteres in jenen Verlauf eintreten und sich den Gesetzen desselben einordnen. Wenn wir z. B. in dem erzählenden Satz »Paulus schrieb Briefe an die christlichen Ge- meinden« das Subject erweitern zu »Paulus, Petrus und Jacobus«, so kann diese Ergänzung ein unmittelbares Resultat einer geläufigen Association sein, und in der Regel wird dies in dem Sinne zutreffen, dass die Hinzu- fügung dieser Nebensubjecte auf keinem neuen Willensvorgang beruht, sondern passiv, von selbst sich einstellt; daher denn auch solche Er- gänzungen gelegentlich unrichtig sein können. Solche associative Er- gänzungen sind es zugleich, in denen das Princip der dualen Gliede- rung der Denkacte am häufigsten durchbrochen erscheint, da für die Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 07 eng Psychische Verbindungen.

Aneinanderreihung der Glieder einer Associationskette jenes Princip nicht gilt. Die Entwicklungsgeschichte der Sprache wie des mythologischen Denkens lehren gleicher Weise, dass diese Ergänzungen auf den früheren Stufen der Bewusstseinsentwicklung ungleich mächtiger hervortreten als innerhalb der ausgebildeteren Denkformen. Ebenso ist, wie wir unten sehen werden, das Ueberwuchern solcher Associationen ein charakteristisches Symptomen- bild aller der geistigen Störungen, bei denen der Willensei nfluss auf den Vorstellungsverlauf mehr oder minder aufgehoben, dieser selbst aber noch erhalten oder sogar durch vorhandene Erregungszustände in seiner Ge- schwindigkeit gesteigert ist. (Vgl. unten Cap. XX, 4.) Die zweite Form des Ineinandergreifens dieser Vorgänge besteht darin, dass selbständige apperceptive Verbindungen durch ihre Wiederholung in Associationen übergehen, die sich an den geeigneten Stellen des Gedankenverlaufs von selbst einstellen und so wesentliche Erleichterungsmittel des zusammen- hängenden Denkens werden. Freilich können auch sie gelegentlich ein- mal an unpassender Stelle eintreten und so eine Gedankenreihe, ähnlich den überwuchernden associativen Ergänzungen, stören. Die letzteren Fälle kommen in dem normalen Bewusstsein wenig in Betracht, weil hier die störenden Associationen in der Regel sofort durch entgegenwirkende apper- ceptive Processe gehemmt werden. Sie bilden um so augenfälligere Theil- erscheinungen der sogenannten »Ideenflucht« Geisteskranker, wo sie zu- gleich für die allgemeine Tendenz des Ueberganges ursprünglich apper- ceptiver Verbindungen in reine Associationen werthvolle Symptome bilden, bei denen die pathologische Ausschaltung der normalen Willens- hemmungen gewissermaßen einen experimentellen Werth gewinnt. Durch beide Momente, durch die associativen Ergänzungen und durch die asso- ciativen Wiederholungen, wird nun der Gedankenverlauf in hohem und immer mehr wachsendem Maße erleichtert. Ein großer Theil dessen, was wir intellectuelle Uebung nennen, beruht in der That nicht darauf, dass die apperceptiven Functionen selbst leichter und umfassender bleiben, ob- gleich das natürlich gleichfalls zutrifft, sondern darauf, dass fortan die durch apperceptive Processe entstandenen Verbindungen in leicht be- wegliche Associationen übergehen und als solche verfügbar bleiben, ohne dass zu ihrer Wiedererzeugung jener Aufwand psychischer Energie erforderlich wäre, der mit ihrer ersten Erzeugung verbunden war. So ist es das allgemeine Princip der fortschreitenden Mechanisirung durch oft wiederholte Function, wie es uns auch bei der Automatisirung der Willensvorgänge entgegentrat, das sich hier, wo es sich ja wieder um nichts anderes als um innere Willensvorgänge handelt, in der Form der associativen Erleichterung der Denkprocesse wiederholt. In Folge dieser automatisirenden Einübung stellt sich dem Denkenden und Redenden Apperceptive Verbindungen. =;7Q eine Menge von Zwischengliedern des Gedankenverlaufs, die der Un- geübte erst mühselig aus einer größeren Anzahl verfügbarer Motive aus- wählen muss, ohne weiteres zur Verfügung. Der Wille greift bei dieser endgültigen Ausbildung des apperceptiv-associativen Vorstellungsverlaufs nur noch da, wo es sich um entscheidende Anfänge oder Wendepunkte der Vorstellungsbewegung handelt, in diese ein, während die Zwischen- glieder ohne weiteres sich in der Form associativer Ergänzungen und Wiederholungen einstellen. Ihnen gegenüber ist dann der Wille haupt- sächlich nur noch als hemmende Kraft wirksam, welche die störenden associativen Erregungen niederhält.

Die Frage nach dem Verhältniss der apperceptiven Functionen zu den Associationen gehört zweifellos zu den schwierigsten Aufgaben der Psycho- logie. Nachdem die an Hartley und Hume sich anschließende Associations- psychologie die große Bedeutung des Associationsprincips würdigen gelernt hatte, entstand zunächst der begreifliche Wunsch, dessen Wirksamkeit mög- lichst auf allen Gebieten des Seelenlebens, insbesondere auch innerhalb der zusammengesetzteren intellectuellen Functionen, nachzuweisen. Dies ist im wesentlichen noch der Standpunkt der heutigen Vertreter dieser Richtung. Da sich nun aber doch einmal die Eigenart gewisser Bewusstseinsvorgänge, wie z. B. der logischen Denkacte, in ihren Unterschieden von gewöhnlichen rein automatischen Associationen nicht wohl bestreiten lässt, so hat man im allgemeinen auf einem doppelten Wege die Alleingültigkeit der successiven Association als eines psychischen Verbindungsvorganges durchzusetzen versucht. Der erste bestand darin, dass man neben den Associationen den logischen Ueberlegungen, die man so zu sagen als selbstverständliche Begleiter derselben voraussetzte, einen sehr weiten Spielraum ließ. Das war im wesentlichen schon der Standpunkt der Begründer der Associationslehre. Wenn z. B. Hume aus der gewohnheitsmäßigen Verknüpfung auf einander folgender Erscheinungen den Begriff der Causalität ableitete, so schrieb er dabei doch zugleich der Reflexion, welche die regelmäßige von der bloß zufälligen Folge scheide, eine wichtige mitwirkende Rolle zu. Noch mehr wird von den späteren Anhängern der Associationspsychologie dieses logische Moment sogar da, wo es sich um psychologische Thatsachen, nicht um erkenntnisstheoretische Be- griffe handelt, herbeigezogen. Man redet von dem intellectuellen »Interesse«, durch das bestimmte in den Dienst der Erkenntniss tretende Associationen vor andern bevorzugt werden, eine Ausdrucksweise, die offenbar andere Fac- toren neben den Associationen anerkennt, aber eine nähere psychologische Analyse derselben ablehnt1. Oder man vermengt die psychischen Vorgänge selbst mit logischen Denkacten. So werden die Empfindungen als Urtheile, die Sinneswahrnehmungen und die Affecte als Schlüsse bezeichnet; und erst auf dieser alles psychische Geschehen angeblich durchziehenden Logik be- wegen sich dann als mechanische Bindeglieder die Associationen. In der That ist dies der durchgängig vorherrschende Standpunkt der üblichen Reflexionspsychologie, die den Einwand, dass die logischen Vorgänge doch auch rgo Psychische Verbindungen.

Bevvusstseinsvorgänge seien, die als solche eine psychologische Analyse er- fordern, gelegentlich sogar mit • der Behauptung ablehnt, Urtheile und Schlüsse gehörten in die Logik und überhaupt nicht in die Psychologie1. Damit ist dann jener Behandlung oder besser Misshandlung der Psychologie Thür und Thor geöffnet, die sich im wesentlichen aus den Constructionen der traditio- nellen Associationslehre, scholastischer Logik und Entlehnungen aus der Physio- logie zusammensetzt.

Mehr Verständniss für die wirklichen psychologischen Aufgaben beweisen diejenigen Associationspsychologen, die den zweiten Weg einschlagen. Er besteht darin, dass die apperceptiven Verbindungen lediglich als besondere Formen der Association selbst betrachtet werden2. Mit diesem Standpunkt, der sich an die allgemeine Bedeutung des Wortes »Association« anlehnt, könnte man sich eher befreunden, wenn er nicht den Nachtheil mit sich führte, dass hierbei gerade die specifischen Merkmale dieser Verbindungen entweder unberücksichtigt bleiben oder doch allzu sehr in den Hintergrund treten. Dies macht sich sehr deutlich darin geltend, dass dabei die genuinen apperceptiven Verbindungen von den zu reinen Associationen gewordenen Wiederholungen derselben nicht unterschieden werden, wodurch zugleich das oben geschilderte überaus wichtige Ineinandergreifen von Apperception und Association unbeachtet bleibt.

Mit diesem Ineinandergreifen associativer und apperceptiver Processe hängt es nun auch zusammen, dass der einzige Weg zur Untersuchung der Entstehungsweise der apperceptiven Verbindungen in das Gebiet der Völker- psychologie, vor allem der Psychologie der Sprache fällt, die uns diese Processe in ihren Erzeugnissen, gewissermaßen zu stabilen Gebilden ge- worden, vor Augen führt, wobei sie jenes Ineinandergreifen selbst nicht nur, ■sondern auch die Entwicklung der einen Verbindungsform aus der andern deutlich verfolgen lässt, während das Experiment in diesem Falle völlig ver- sagt. Dies lehren schlagend die in dieser Richtung angestellten Versuche. Bei ihnen wurde bald so verfahren, dass man einer Versuchsperson ein Wort zurief mit der Aufforderung, dasselbe zu einem Satz zu ergänzen, oder so, dass man aus den zufällig eintretenden Wortassociationen diejenigen, die in der Ergänzung zu Sätzen bestanden, sammelte, oder endlich auch darin, dass man einem Beobachter irgend eine Aufgabe stellte, der der Werth eines Ur- theils zugeschrieben wurde, z. B. von zwei Gewichten das schwerere durch •eine Handbewegung zu unterscheiden, eine Frage durch eine entsprechende Geberde zu beantworten, einen beliebigen lateinischen Satz ins Deutsche zu übersetzen u. dergl. 3 Die auf solche Weise provocirten sogenannten Urtheile -sind nun aber offenbar Kunstproducte des Experiments, die sich in allen Fällen von ursprünglichen Urtheilen mehr oder weniger weit entfernen. Wenn 1 K. Marbe, Experimentell-psychologische Untersuchungen über das Urtheil, 1901, 2 Dahin gehören z. B. die oben (S. 548 Amn. 1) angeführten Eintheilungen der Asso- ciationsformen bei Bourdon, Claparede, Ziehen u. A.

3 Der erste dieser Wege wurde von Trautscholdt, zugleich mit Zeitmessungen (Philos. Stud. Bd. 1, 1881, S. 245 ff.), und Ribot (L'evolution des idees generales. 1897, p. 127 ff.), der zweite von Ziehen (Die Ideenassociation des Kindes, 1. Abh., S. 14 ff.), der dritte von Marbe eingeschlagen (Experimentell-psychol. Untersuchungen über das Urtheil, Complexe intellectuelle Functionen. egj.

z. B. jemand auf ein zugerufenes Substantiv mit einem passenden Verbum oder prädicativen Adjectiv antwortet, wie bei den Sätzen »der Hund — bellt«, »die Rose — ist roth« u. dergl., so sind das im allgemeinen reine Wortasso- ciationen, die sich entweder völlig ungehemmt vollziehen, wenn es sich um sehr geläufige Sätze handelt, oder die ein Besinnen auf irgend ein passen- des Prädicat voraussetzen, was bei ungewohnteren Wörtern vorkommen kann. Ein solches Besinnen ist zwar eine Association mit Hindernissen, die sich im einzelnen Fall außerordentlich verschieden, unter gewissen Umständen ein- facher, unter andern, wenn ein Wählen zwischen verschiedenen sich auf- drängenden Associationen stattfindet, verwickelter gestalten kann, die aber unter keinerlei Umständen einem in dem normalen Verlauf des Denkens gebildeten ursprünglichen Urtheil gleicht. Noch weniger ist im allgemeinen ein solches vorauszusetzen, wenn sich jemand einübt, bei der Unterscheidung zweier Ge- wichte mit einer bestimmten Handbewegung auf das schwerere zu reagiren. Ist er noch ungeübt, so wird dabei möglicher Weise ein an die Reproduction gebundener Wahlact vorliegen; sehr bald wird aber die Reaction rein auto- matisch erfolgen. Dass endlich bei zureichender Uebung selbst Sätze aus einer Sprache in eine andere annähernd automatisch, durch bloße Wortassociationen, übersetzt werden können, zeigen deutlich die Versuche von Marbe, dessen Versuchspersonen nicht selten behaupteten, solche Uebersetzungen seien »rein reflectorisch« erfolgt. Natürlich ist diese Aussage nicht wörtlich zu nehmen. Die Uebersetzung eines längeren Satzes wie »Cogitatio attributum Dei est« etc. wird schwerlich eine bloße Reflexbewegung gewesen sein. Aber dass sie kein Urtheil, sondern eine ohne klares Verständniss des Inhalts erfolgte Wort- association war, dafür bürgt allerdings diese Aussage1. Alle diese Versuche, durch Experimente über die Natur des Urtheils und seine psychischen Begleit- erscheinungen Aufschluss zu gewinnen, gehen von der Voraussetzung aus, dass jeder Satz, der die sprachliche Form eines Urtheils hat, oder auch dass jede mimische und pantomimische Reaction, die unter gewissen Bedingungen als Aequivalent eines Urtheils vorkommen kann, ein wirkliches Urtheil sei. Beides ist falsch. Wenn ein Idiot einen Satz nachspricht, so hat er nicht geurtheilt; und wenn höchst intelligente Versuchspersonen mechanisch eingeübte Sätze nachsprechen oder, wie sie selbst aussagen, »rein reflectorisch« übersetzen, so haben sie ebenso weni? areurtheilt.

4. Complexe intellectuelle Functionen.

Als »intellectuelle Thätigkeiten« pflegt man alle diejenigen psychischen Vorgänge zu bezeichnen, die irgendwie den Zwecken der »Erkenntniss« dienen, wobei man unter Erkenntniss im Sinne der logischen Deutung dieses Begriffs die Einordnung der im Bewusstsein anzutreffenden Inhalte 1 Marbe, a. a. O. S. 41. Marbe selbst zieht allerdings einen andern Schluss. Weil bei solchen sogenannten Urtheilen die Beobachter sehr verschiedene Aussagen über das machten, was sie in sich wahrnahmen, und in vielen Fällen überhaupt nichts wahrnehmen konnten, so ist nach ihm das Urtheil eine Function, die nicht in die Psychologie ge- hört, sondern nur in die Logik.

= 82 Psychische Verbindungen.

in einen logischen Zusammenhang zu verstehen pflegt. Indem man die höheren Stufen dieser Erkenntnissfunctionen, die in logischen Verbin- dungen von Begriffen, Urtheilen und Schlüssen zum Ausdruck kommen, »Verstandes-« oder eventuell auch »Vernunftthätigkeiten« nennt, hat sich aber längst das psychologische Bedürfniss geltend gemacht, auch die Vorstufen dieser Thätigkeiten, namentlich diejenigen, die ihnen die un- erlässlichen sinnlichen Substrate liefern, mit jenen in einem allgemeineren Ausdruck zusammenzufassen. In diesem allgemeineren Sinne wird der Be- griff der »intellectuellen Functionen« in der Regel verwendet. Man begreift unter ihnen in erster Linie die auf die Erkenntniss. der Außenwelt ge- richteten Vorgänge von der Sinneswahrnehmung an bis zu den Denkacten, durch die wir die Vorstellungen, die sich auf die Außenwelt beziehen, mit einander verknüpfen. Man pflegt ihnen dann aber auch in 'zweiter Linie alle" diejenigen" Bewusstseinsinhalte zuzuzählen, die sich auf das Be- wusstsein selbst und seine Bedingungen, also auf die. eigene Persönlichkeit beziehen, sofern man denselben irgendwie einen allgemeingültigen Werth beimisst. So bleiben im wesentlichen nur diejenigen seelischen Vorgänge vom Gebiet des Intellectuellen ausgeschlossen, die rein subjectiv sind, und denen man- daher keinerlei Erkenntnisswerth zuschreibt: das sind die Gefühle, die Affecte, und nach den meisten Psychologen auch die Willens- thätigkeiten. -. • Dass nun dieser Begriff des »Intellectuellen« ein Ueberlebniss der Vermögenspsychologie ist, das wo möglich noch mehr als die alten Begriffe Gedächtniss, Verstand, Phantasie u. s. w. unter der Vermengung mit logischen Gesichtspunkten leidet, die außerhalb der Psychologie liegen, und dass er um so unbestimmter und zugleich willkürlicher wird,' je mannigfaltigere psychische Inhalte er umfasst, ist einleuchtend. Ist es doch zweifellos, dass solche Gefühle wie die der Aufmerksamkeit, des Wiedererkennens, die eigentümlichen Begriffsgefühle, von denen oben die Rede war, für die intellectuelle Entwicklung nicht weniger wichtig sind wie die Sinneswahrnehmungen, und dass es vollends des ganzen Zwangs schematisirender Begriffsconstructionen oder metaphysischer Vorurtheile bedarf, um den Willen und die Intelligenz als Gegensätze auszuspielen. So ist denn auch von diesem unbestimmten und nahezu unwissenschaftlich gewordenen Begriff des »Intellectuellen« in. dem Vorangegangenen im altgemeinen nur da Gebrauch gemacht worden, wo es galt, eben die in der populären Anwendung des Wortes damit verbundenen Vorstellungen anzudeuten, während die eigentliche psychologische Analyse der Vorgänge überall darauf ausgehen musste, die einzelnen, einheitlich definirbaren Processe selbst nachzuweisen, die jener vor einer eindringenden Unter-