Fig. 380. Innere Einrichtung des Gedächtnissapparats.
Wirth, Philos. Stud. Bd. 18, 1903, S. 701 ff. Müller und Pilzecker, a. a. O. S. 58 ff.
Complexe intellectuelle Functionen. 5OI scheint mir nicht, dass irgend eine dieser Erfahrungen es rechtfertigen kann, zur HERBART'schen Lehre von den »frei aufsteigenden Vorstellungen« zurück- zukehren. Dass anfänglich verborgen gebliebene Associationen, insbesondere auch solche, die in gewissen Gefühlselementen begründet sind, eine zunächst ursachlos erscheinende Reproduction nachträglich erklären, ist eine so häufige Beobachtung, dass es bedenklich erscheint, wegen des kleinen Restes von Fäl- len, in denen das nicht gelingt, nun eine specifische psychische »Tendenz« einzuführen, die psychologisch betrachtet eigentlich doch nur ein besonderer Name für ein ursachloses Geschehen ist. Ist die HERBAR/r'sche Lehre, die Vor- stellungen seien in der Seele persistirende unvergängliche Objecte, aus guten Gründen unhaltbar geworden, so ist auch die mit dieser Lehre eng ver- bundene Hypothese eines »freien Aufsteigens« der Vorstellungen, sobald die gegenüberstehenden »Hemmungen« hinwegfallen, nicht mehr zu halten. Sind die Vorstellungen Vorgänge, zu denen gewisse Dispositionen in Folge voran- gegangener Vorstellungen zurückbleiben, so ist die Annahme, eine solche Disposition könne von selbst und ohne hinzutretende Ursachen in einen actuellen Vorstellungsprocess übergehen, kaum wahrscheinlich; oder sie würde doch nur dann gerechtfertigt sein, wenn wir nicht in der ungeheuren Mehr- zahl der Fälle Associationen als die Bedingungen einer solchen Erneuerung nachweisen könnten, und wenn die Möglichkeit einer Verdeckung solcher Associationsmotive durch die Complication der Bedingungen nicht durch an- dere Erfahrungen nahe gelegt würde. Werden wir doch unten sehen, dass selbst in dem Zustand des Bewusstseins, in dem auf den ersten Anschein frei aufsteigende und wild durch einander jagende Vorstellungen eine be- sonders hervortretende Rolle spielen, im Traum, bei genauerer Beobachtung sich meist äußere Reize und von ihnen ausgelöste Associationen als die nächsten Bedingungen der Erscheinungen herausstellen. Freilich pflegt auch hier, gerade so wie bei den der »Perseverationstendenz« zugerechneten Ge- dächtnisserscheinungen, der Mangel der Aufmerksamkeit zunächst diese Asso- ciationen zu verdecken.
e. Das Lesen. Der einzelne Leseact.
Unter den complexen intellectuellen Functionen bilden die der Sprache ein Zwischengebiet, das nach seinem Ursprung der Völkerpsychologie an- gehört, in seiner individuellen Differenzirung aber so sehr mit den cen- tralen psychophysischen Grundlagen der seelischen Erscheinungen zu- sammenhängt, dass die hierher gehörigen wesentlichsten Thatsachen bereits im ersten Abschnitt dieses Werkes (Bd. i, S. 307 fr.) besprochen worden sind, indess die allgemeinsten in das Gebiet der Associations- und Apper- ceptionsvorgänge hineinreichenden sprachlichen Phänomene vielfach schon als Beispiele zur Erläuterung jener Vorgänge selbst gedient haben1. Es bleibt uns darum hier nur noch übrig, zweier an die Sprache sich 1 Vgl. über die sprachlichen Complicationen S. 542 f., über Wort- und Satzapp ercep- tionen S. 458, 470, über apperceptive Gliederungen S. 573 ff-, endlich über die hierher ge- hörigen Gedächtnissphänomene S. 585 ff.
6 02 Psychische Verbindungen.
anlehnender secundärer Functionen zu gedenken: des Lesens und Schreibens.
Das Lesen bietet der psychologischen Untersuchung zwei Aufgaben. Davon bezieht sich die erste auf den einzelnen Leseact, der sich an den Gesichtseindruck einer in ein simultanes Ganzes zusammengefassten Gruppe von Schriftsymbolen anschließt, die zweite auf die Art und Weise. wie eine Reihe solcher Acte beim zusammenhängenden Lesen ver- läuft, um die einzelnen Eindrücke zu einem complexeren Vorstellungs- ganzen zu verbinden. Unter diesen Aufgaben ist bis jetzt hauptsächlich die erste eingehender behandelt worden. Die tachistoskopische Unter- suchung ist hier ein vortreffliches Hülfsmittel für die psychologische Ana- lyse der Vorgänge. Die günstigsten Bedingungen bietet dabei wieder das Falltachistoskop mit Tagesbeleuchtung (Fig. 342, S. 357), wenn man es so anwendet, dass das für den einzelnen Leseact bestimmte Object aus einer einzigen Zeile deutlich gedruckter Buchstaben von je nach Be- dürfniss wechselndem Umfang besteht, indess die Expositionszeit dieses Objects mittelst der an dem Apparat angebrachten Vorrichtungen für Regulirung der Fallgeschwindigkeiten und der Spaltbreiten innerhalb der wünschenswerthen Grenzen variirt wird. Die Beobachtung geschieht, um die Fixation zu sichern, mittelst eines nicht oder schwach vergrößernden Fernrohrs mit Fadenkreuz. Unvollständiger ist der zweite Theil des Problems, das zusammenhängende Lesen, bis jetzt erforscht. Auch ist diese Aufgabe nur zur einen Hälfte eine psychologische, zur andern da- gegen eine rein physiologische, da es sich hier zunächst darum handelt, die Geschwindigkeit, mit der die einzelnen Leseacte auf einander folgen, und die Pausen, die sich zwischen ihnen finden, zu ermitteln. Dies ist aber eine Frage, die sich wesentlich auf den Mechanismus der Augen- bewegungen bezieht, und an die dann erst die weitere, nach der psychi- schen Verbindung der aufeinander folgenden Leseacte; sich anschließen kann.
Die tachistoskopische Untersuchung des einzelnen Leseactes kann nun im allgemeinen zwei Wege einschlagen. Entweder kann man bei einem gegebenen Object die Expositionszeit so lange variiren, bis das- selbe in seinem ganzen Umfang erkannt wird: oder man kann eine be- stimmte kurze Expositionszeit benützen, deren Größe unter der Grenze der vollkommen sicheren Erkennung des Leseobjectes liegt, um die Er- scheinungen zu verfolgen, die sich bei einem solchen mehr oder min- der unvollständigen Lesen darbieten. Bei beiden Verfahrungsweisen muss nur die Exposition des Bildes kurz genug sein, dass sowohl Augen- bewegungen wie merkliche Wanderungen der Aufmerksamkeit während derselben ausgeschlossen sind. Die erste dieser Methoden ist namentlich Complexe intellectuelle Functionen. Aq-.
geeignet, gewisse praktische Fragen des Leseproblems zu entschei- den, z. B. die, welche unter bestimmten Schriftformen für ein rasches Lesen die günstigere sei, oder welche unter den verschiedenen Typen des Alphabets am schnellsten erkannt werden u. s. w. Für die psycho- logische Analyse der Lesevorgänge ist dagegen die zweite die frucht- barere. Man benützt dabei am besten, falls es sich um die Auffas- sung von Buchstabencomplexen, Wörtern oder kürzeren Sätzen handelt, in extremen Fällen Expositionszeiten von nur io'7, bei den meisten Ver- suchen aber am zweckmäßigsten solche von etwa ico*7, und lässt jedes Leseobject in der Regel nur einmal einwirken. Hier ergibt sich nun als das nächste Resultat, dass man bei der Darbietung eines Complexes von Buchstaben, mögen sie nun Wörter bilden oder sinnlos gemischt sein, niemals einzelne Buchstaben, sondern immer Buchstabencomplexe auf einmal liest, und dass dabei wieder die größte Zahl von Symbolen dann zusammengefasst wird, wenn sie zu einem Wort- oder Satzganzen vereint sind. Ein kürzeres Wort wird, wie auch die früher (S. 458) be- richteten Reactionsversuche über Erkennungszeiten lehren, ebenso schnell gelesen wie ein einzelner Buchstabe; und während bei einer einmaligen Exposition von ico*7 aus einem Complex sinnloser Symbole selten mehr als 4 — 5 erkannt werden, kann man unter günstigen Bedingungen Worte im Umfang von 15 — 25 und kurze Sätze sogar im Gesammtumfang von 20 — 30 Typen auf einmal lesen. Stellt man aber die Versuche in der Weise an, dass ein und dasselbe Object mehrmals nach einander ge- zeigt wird, so wird sogar bei einer Einwirkungszeit von ioa ein größeres Wort nach wenigen Einwirkungen, und, falls es einigermaßen bekannt ist, oft sogar nach einer einzigen erkannt1.
Schon J. M. Cattell, der als der erste solche Versuche ausführte, hat diese Erfahrungen in den Satz zusammengefasst, ein Wort und in der Regel auch ein kürzerer Satz werde als ein Ganzes gelesen, und zwar dergestalt, dass jedesmal dann, wenn man das Ganze deutlich auffasst, auch alle einzelnen Theile deutlich gesehen werden. Von einem Er- rathen halb gesehener Objecte kann also dabei nicht die Rede sein, wie man denn auch stets den Eindruck des unmittelbaren, simultan gesehenen Wortbildes hat2. Dieser Satz findet sogar auf sinnlose Buchstabencom- plexe seine Anwendung, wenn auch solche allerdings nur bis zu einem geringeren Umfang in einem einzigen Act aufgefasst werden können, letzteres namentlich dann, wenn sie unaussprechbar sind. So fand ZEITLER den Maximalwert!! bei einer einmaligen Exposition von ioo° 1 Jül. Zeitler, Tachistoskopische Untersuchungen über das Lesen, Philos. Stud.
504 Psychische Verbindungen.
für sinnlose Buchstabenverbindungen ohne Vocale nur = 4 — 7, mit Vocalen = 5 — 8, für sinnlose Silbenverbindungen =6 — 10 \ Selbst im günstig- sten dieser Fälle, bei lautirbaren Complexen, ist also der mögliche Um- fang des gelesenen Objectes nur etwa der dritte Theil von dem bei Worten oder Sätzen erreichbaren.
Befleißigt man sich nun weiterhin bei der Variirung der Bedingungen dieser Versuche einer sorgfältigen Selbstbeobachtung, so ergibt sich, dass jene wechselnden Umfangsverhältnisse der gelesenen Combinationen auf das engste mit den Zuständen der Aufmerksamkeit zusammenhängen; und ist man erst einmal dieser Abhängigkeit inne geworden, so hat man auch das Mittel in der Hand, die zuerst unwillkürlich hervortretenden Unter- schiede willkürlich zu beherrschen. Es zeigt sich nämlich, dass derjenige Zustand des Bewusstseins, der für die Auffassung einer möglichst großen Anzahl simultaner Eindrücke der günstigste ist, keineswegs etwa, wie man a priori erwarten könnte, in einer möglichst gespannten, sondern dass er umgekehrt in einer schweifenden, möglichst passiv dem Eindruck sich hingebenden Aufmerksamkeit besteht, während man die Chancen für einen sehr beschränkten Umfang des Gelesenen dann erhöht, wenn man sich einer hochgespannten Aufmerksamkeit befleißigt. Dies Resultat kann an und für sich, nach den früher (S. 336) über die Beziehungen zwischen Schärfe und Umfang der Apperception festgestellten Beziehun- gen, nicht befremden. Vielmehr ist es offenbar eine unmittelbare Folge aus dem Satze, dass sich mit der Concentration der Aufmerksamkeit auf einen einzelnen Inhalt immer auch deren Umfang verengert. In der That bemerkt man schon subjectiv bei den Leseversuchen mit gespannter Aufmerksamkeit, dass sich diese dann stets zugleich auf einen einzelnen beschränkteren Ort des Sehfeldes richtet, während das außerhalb dieses Ortes Liegende undeutlicher erscheint, ganz unabhängig davon, wie sich solche Theile zu den Regionen der Centralgrube der Netzhaut verhalten. So stellt sich denn heraus, dass der subjective Zustand des Lesenden bei solchen Versuchen überhaupt zwischen zwei Extremen schwanken kann, die dann natürlich durch alle möglichen Uebergangsstufen verbunden und in einer längeren Reihe von Leseversuchen kaum ganz rein zu gewinnen sind. Den einen dieser Zustände kann man, um in der Bezeichnung sofort den wesentlichen Factor anzudeuten, den des assimilativen, den andern den des apperceptiven Lesens nennen. Das assimilative Lesen entspricht dem Zustand schweifender Aufmerksamkeit. Die Apperception des Leseobjects hat in diesem Fall den Charakter der früher beschriebe- nen passiven Form (S. 343). Die Folge dieses Zustandes ist aber eine Complexe intellectuelle Functionen. 5os enorme Begünstigung des Auftauchens reproductiver Elemente, die sofort mit dem Eindruck verschmelzen und daher unmittelbar als Bestandtheile des gesehenen Objectes selbst aufgefasst werden. Dass Wort- oder Satz- ganze von 16 — 30 Buchstaben Umfang bei einer Einwirkungszeit von iooa und weniger anscheinend vollkommen instantan gelesen werden, kommt nur bei schweifender Aufmerksamkeit vor: die große Mehrzahl der gelese- nen Buchstaben ist dann eben reproducirt. Dass diese reproducirten Ele- mente absolut nicht von den direct wahrgenommenen zu unterscheiden sind, ist aber eine Erscheinung, die uns auch bei allen sonstigen Assimi- lationsvorgängen, wie z. B. bei den gewöhnlichen Illusionen, den umkehr- baren geometrisch-optischen Täuschungen u. s. w., begegnet ist (S. 528 ff.). Bei dem assimilativen Lesen erfährt sie nur noch in einer Beziehung eine interessante Modification. Da nämlich der Umfang der Stelle des deutlichen Sehens einem Gesichtswinkel von 4J/2 bis höchstens 50 ent- spricht, so können direct nur Buchstaben erkannt werden, die innerhalb dieses Umfangs gelegen sind. Dagegen ist das assimilative Lesen nicht an diese Grenze gebunden, sondern es kann auch noch wirklich vor- handene oder ganz und gar reproductiv erzeugte Eindrücke, die in das Gebiet des indirecten Sehens fallen, zur scheinbaren Schärfe des direc- ten Sehens erheben. Ein Wort von 20 — 30 Buchstaben, von denen nur \2 — 16 direct gesehen werden, liest man also scheinbar in einem Act und bei Ausschluss jeder Augenbewegung als ein Ganzes, dessen einzelne Theile sämmtlich gleich deutlich sind. Ganz anders verhält es sich bei dem apperceptiven Lesen. Indem bei ihm die Auf- merksamkeit möglichst gespannt ist, hat die Auffassung des Eindrucks durchaus den Charakter der activen Apperception mit den ihr eigenthümlichen Gefühlserscheinungen, besonders in der dem Leseact vorangehenden Zeit der Erwartung, aber auch noch während des Actes selbst. Die Concentration der Aufmerksamkeit auf einen ganz engen Umkreis von Buchstabensymbolen stellt sich dabei ganz von selbst ein, und man ist völlig außer stände, daran willkürlich etwas zu ändern, also etwa die Aufmerksamkeit gleichzeitig stark zu spannen und ihr einen weiteren Umfang zu geben. Zugleich übt offenbar dieser Zustand eine hemmende Wirkung aus auf die aufsteigenden Reproductionen. Man kann daher, so lange es gelingt ihn festzuhalten, bei einmaliger Exposi- tion überhaupt nicht mehr als 6 — 8 Buchstaben lesen, und es ist dabei wesentlich gleichgültig, ob die Buchstaben Worte bilden oder sinnlose Combinationen. Ferner zeigt sich aber eine bemerkenswerthe Wechsel- wirkung zwischen diesen Zuständen der Aufmerksamkeit und den Eigen- schaften der Leseobjecte. Ist nämlich das Object eine sinnlose und namentlich eine unlautirbare Combination, so tritt bei wiederholter 5o6 Psychische Verbindungen.
Einwirkung eines und desselben Objectes, auch wenn anfangs der Zustand schweifender Aufmerksamkeit bestand, ganz von selbst der der concen- trirten ein, und man appercipirt so erst jene oben erwähnten Maximal- werthe von je nach Umständen 4 — 10 Einzelsymbolen (S. 604). Bietet man dagegen Worte und Wortverbindungen, so wandelt sich ebenso ganz von selbst bei wiederholter Einwirkung der Zustand der gespannten in den der schweifenden Aufmerksamkeit um, und es stellen sich jetzt jene erweiterten Grenzen bis zu 25 und 30 Buchstaben ein, die den oberen Umfang eines momentanen Leseactes bezeichnen. Demnach ist der Um- fang des assimilativen und des apperceptiven Lesens ein wesentlich ab- weichender. Zugleich sind aber beide Arten des Lesens an objective Bedingungen gebunden, insofern die assimilirende Form sinnvolle Objecte verlangt, deren Elemente in einem die Erregung reproductiver Elemente fördernden Zusammenhang stehen, wogegen die apperceptive Form bei unzusammenhängenden Elementen, am leichtesten daher bei sinnlosen und unlautirbaren Buchstabencombinationen, in welchem letzteren Fall natürlich die reproductiven Wirkungen am meisten versagen, zum Aus- druck kommt. In diesen Grenzfällen zeigt sich dann aber wiederum, dass der Umfang des apperceptiven Lesens dem Umfang der Aufmerksamkeit entspricht, wie ihn uns früher die directen Bestimmungen kennen lehrten (S. 352), während der Umfang des assimilativen Lesens erst an dem Gesammtumfang des Bewusstseins seine Grenze findet (S. 355). Zugleich treten damit die Leseversuche in un- mittelbare Beziehung zu den oben erörterten Gedächtnissversuchen, insofern der Umfang der Aufmerksamkeit bei Elementen, die an sich des Zu- sammenhangs entbehren (sinnlosen Combinationen), sowohl für den ein- zelnen Lese- wie für den Reproductionsact nach einmaliger Einwirkung die Grenze des Inhalts einer einzelnen Apperception bezeichnet, wogegen sich diese Grenze in beiden Fällen zu der des Gesammtumfangs des Be- wusstseins erweitert, sobald das appercipirte Object ein innerlich zusammen- hängendes Vorstellungsganze ist.
Für die Beziehungen, in denen diese beiden Formen der Apperception beim Lesen zu einander stehen, sind nun außerdem die Erscheinungen überaus charakteristisch, die sich dann einstellen, wenn man entweder Be- dingungen einführt, die den Uebergang des apperceptiven in einen assi- milativen Leseact oder umgekehrt solche, die den des ersteren in den letzteren unterstützen. Jenes geschieht unter allen Umständen dann, wenn man ein zusammenhängendes Wort- oder Satzganze einwirken lässt, aber vor der Einwirkung die Aufmerksamkeit auf apperceptives Lesen einstellt, d. h. von vornherein stark spannt und -damit verengt. Dabei beobachtet man nun bei einmaliger Exposition eines größeren Wortes nicht selten, Complexe intellectuelle Functionen. 507 dass im ersten Moment nur wenige Buchstaben gesehen werden, dass dann aber sofort nach einer kurzen Zwischenzeit das ganze Wort im Be- wusstsein aufleuchtet, und zwar mit solcher Intensität, dass man dabei wieder das Wort vollständig wie ein direct gelesenes vor sich sieht. Von einer Unterscheidung directer und reproductiver Elemente ist also auch hier nicht die Rede, obgleich der Verlauf des Versuchs schlagend zeigt, dass die Mehrzahl der Elemente reproductiven Ursprungs ist und erst eine von der anfänglichen activen Apperception ausgehende Hemmung überwinden musste, um ins Bewusstsein zu treten. Nicht selten geschieht es übrigens auch in solchen Fällen, dass sogleich trotz der starken Span- nung der Aufmerksamkeit das Lesen, gedrängt durch den Zusammen- hang der Elemente, ein zum Theil assimilatives ist, aber doch erst unter der Wirkung der zuerst wahrgenommenen Verbindung vollständiger zu einem solchen wird. Hier gewinnt man nun trotz der bloß momentanen Exposition den Eindruck zweier auf einander folgender Leseacte, indem zuerst ein Theil des Zusammenhangs, und dann plötzlich, jedoch in einer merklich folgenden Zeit, das ganze Bild vor das Bewusstsein tritt. Wiederum geschieht das jedoch mit dem Eindruck der vollen Wirklichkeit eines direct gesehenen Objectes. Eine experimentelle Einwirkung in umgekehrter Rich- tung, ein Impuls nämlich, das beabsichtigte assimilative in ein apperceptives Lesen überzuführen, findet dagegen regelmäßig dann statt, wenn man in einem sinnvollen Buchstabencomplex Buchstabenvertauschungen, Substitutio- nen falscher Typen für die richtigen vornimmt, oder wenn man einzelne Buchstaben ausfallen lässt. Zwar kann es hier gerade im Zustand schweifen- der Aufmerksamkeit sehr leicht eintreten, dass man, wie das ja die be- kannte Erfahrung des Uebersehens von Druckfehlern schon lehrt, solche Ab weichungen oder Lücken gar nicht bemerkt und die Worte so liest, als wenn sie fehlerlos gedruckt wären. Dabei ist jedoch, wie eine aufmerk- same Beobachtung zeigt, der Sachverhalt keineswegs etwa der, dass man bloß die falschen Buchstaben nicht sieht, sondern der, dass man statt der falschen die richtigen wirklich sieht. In einzelnen Fällen glaubt man sich nämlich auf das deutlichste des Eindrucks eines solchen in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen Symbols zu erinnern. Zwar übt jede derartige Ab- weichung von einem normalen Wortganzen eine Art Reiz auf die Apper- ception aus, wodurch deren Einstellung auf das schwer Assimilirbare er- regt und dieses ins Bewusstsein gehoben wird. Trotzdem wird auch noch dann sehr häufig das falsche durch das in den Zusammenhang passende Bild ersetzt; und auch in diesem Fall hat der Lesende nicht den Ein- druck, dass das Wort falsch gedruckt und von ihm berichtigt worden sei, sondern umgekehrt den, dass er sich zuerst verlesen und dann das richtig Gedruckte auch richtig aufgefasst habe. Dies zeigt wieder klar, 608 Psychische Verbindungen.
wie die reproductiven Assimilationselemente durchaus den direct ge- sehenen gleichwertig sind, woraus wir weiterhin schließen dürfen, dass bei der Auffassung eines directen Eindrucks in seiner ihm wirklich zu- kommenden Form, namentlich wenn die Eindrücke geläufig sind, überall reproductive Elemente massenhaft mitwirken. Unmittelbar mit diesen Er- scheinungen hängen die des Verlesens ganzer Wörter und Sätze zu- sammen. Sobald solche sprachliche Bildungen eine zureichende Zahl von Elementen mit einander gemein haben, so können sie einander substituirt werden, besonders wenn zugleich die Wort- oder Satzlängen annähernd ähnlich sind; und auch hier erscheint wieder das falsch Gelesene ebenso mit dem Eindruck der Wirklichkeit wie das richtig Gelesene. Am schlagendsten sind diese Effecte, wenn man die Substitutionen so vornimmt, dass sie nach verschiedenen Richtungen hin inducirend wirken. So liest etwa den Buchstabencomplex »Pankt« der Eine als »Punkt«, der Andere als »Paket«, »Musix« der Eine als »Musik«, der Andere als »Mastix« u. s. w. Auch hier kann dann wieder ein Wechsel der Assimilationen vorkommen, indem zuerst das eine, und hierauf das andere Wort als unmittelbarer Eindruck vor dem Bewusstsein steht, dabei aber regelmäßig die letzte Vorstellung als die richtige, die vorangegangene als ein Versehen aufgefasst wird.
Besonders bei diesen Verlesungsversuchen zeigt es sich nun, dass die ein Wort oder auch einen willkürlichen Buchstabencomplex zusammen- setzenden Symbole einen sehr verschiedenen Apperceptionswerth besitzen. Einzelne dieser Symbole übernehmen beim Lesen die Rolle domin iren- der Zeichen, die relativ deutlicher aufgefasst werden als die andern, und daher hauptsächlich die Assimilation der ergänzenden reproductiven Elemente bestimmen. Die nicht dominirenden Elemente dagegen können leicht verdrängt und durch andere reproductive ersetzt werden. Unter unseren gewöhnlichen Schriftsymbolen sind zunächst die großen Buchstaben, dann unter den kleinen die oberzeiligen, wie k, t, /, weniger die unterzeiligen, wie £", q, /, dominirende Elemente. An letzter Stelle kommen die mittelzeiligen, wie m, n, o,;J, s u. s. w., die am leichtesten verschwin- den1. Demnach gestaltet sich der einzelne Leseact, vorausgesetzt, dass 1 Darin, dass sie für die Hauptwörter große Buchstaben verwendet, besitzt also in dieser Beziehung unsere deutsche Schrift einen Vorzug, da sie dadurch, abgesehen von der Andeutung der grammatischen Stellung der Wörter, einen größeren Vorrath auszeich- nender Merkmale zur Verfügung hat. Die Anhänger der GRiMM'schen Schreibweise mit kleinen Buchstaben pflegen dagegen zu bemerken, durch die Angewöhnung verschwinde die anfängliche Erschwerung, welche die ungewohnten Wortformen verursachen, vollstän- dig. Hierbei wird jedoch übersehen, dass jede Einbuße an differenzirenden Merkmalen eine Erschwerung der Unterscheidung bedeutet, die dadurch, dass man sie nicht mehr bemerkt, noch nicht verschwindet. Freilich ist das entgegengesetzte Extrem, wenn alle Schriftzeichen durch auffallende Merkmale gleicher Weise die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, nicht minder vom Uebel. Darum sind z. B. Aufschriften aus lauter großen deut- schen Buchstaben überaus schwer zu lesen.
Complexe intellectuelle Functionen. 50Q die assimilirende Form des Lesens vorwaltet, in der Weise, dass zunächst die dominirenden Buchstaben eines Wortes oder Satzes appercipirt und dann die übrigen so rasch assimilativ ergänzt werden, dass uns die Zeit, die zwischen jenem ersten und diesem zweiten Vorgang verfließt, in der Regel nur zum Bewusstsein kommt, wenn die Reproduction irgend welche Hemmungen erfährt, während sonst diese beiden Vorgänge durchaus als ein einziger Act erscheinen.
f. Das zusammenhängende Lesen.
Das zusammenhängende Lesen setzt sich aus einer Reihe ein- zelner Leseacte zusammen. Da Objecte nur dann deutlich gesehen werden können, wenn wir sie fixiren, so bestehen die Augenbewegungen beim Lesen in ruckweisen Bewegungen der Blicklinien, wobei die ein- zelnen Leseacte in die Haltepunkte der die Zeile entlang gehenden Blickbewegung fallen. Die Zahl dieser Haltepunkte ist von der Lese- übung abhängig, die zugleich die Form des Lesens wesentlich beeinflusst. Bei geringer Uebung entspricht der einzelne Leseact mehr der Form des appercipirenden Lesens: der Umfang des einzelnen Actes ist daher gering, die Haltepunkte der Bewegung liegen näher beisammen, die Pausen sind verlängert, die Bewegungen verlangsamt. Bei dem geübten Leser waltet dagegen durchaus das assimilirende Lesen vor: der einzelne Leseact ist räumlich umfassender, dadurch sind die Acte im ganzen weniger zahlreich, die Pausen kürzer, die Bewegungen zwischen den einzelnen Punkten schneller. Eine Druckzeile von gewöhnlicher Länge wird so meist in 3 bis 4 Stationen überflogen. Man kann sich von dieser Bewegungsweise am besten objectiv überzeugen, wenn man das Auge in der früher (Bd. 2, S. 557) geschilderten Weise mittelst eines an ihm befestigten lichtreflectirenden Spiegels seine Bewegungen auf einem entfernten