SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Schirm entwerfen lässt. Man kann dabei deutlich die geschilderten Ver- änderungen der Geschwindigkeit der Augenbewegungen, der Dauer und der Zahl der Haltepunkte beobachten. Mit diesen objectiven treten nun aber stets zugleich bemerkenswerthe subjective Veränderungen auf, die sichtlich mit dem Uebergang des appercipirenden in das assimilirende Lesen zusammenhängen. • Dem ungeübten Leser sondern sich nämlich die einzelnen Leseacte auch subjectiv deutlich von einander: er hat das Bewusstsein, dass das Lesen jeder Zeile ein aus mehreren Acten zu- sammengesetzter und durch kleine Pausen getrennter Vorgang ist. Je mehr das assimilative Lesen zunimmt, um so mehr fließen dagegen die einzelnen Acte in einen scheinbar ganz continuirlichen Vorgang zusammen. Der Lesende glaubt nun auch während der Bewegung des Auges zu lesen, und das um so mehr, je rascher der Blick über die Zeilen Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 30 6io ' Psychisclie Verbindungen.

wegfliegt. Es entsteht so der täuschende Schein, als wenn das Lesen überhaupt ein continuirlicher Vorgang sei, was es doch, wie die objective Beobachtung der Blickbewegungen lehrt, keineswegs ist und natürlich schon deshalb nicht sein kann, weil irgend welche Objecte überhaupt nur während der Fixation deutlich zu sehen sind, während der Bewegung aber wegen der hinterbleibenden Nachbilder zu verwaschenen Eindrücken zerfließen. Hierbei zeigt sich jedoch, dass solche Nachbilder um so weniger bemerkt werden, je ausgeprägter assimilirend das Lesen ist, und je mehr sich in Folge dessen die einzelnen Leseacte zu einem schein- bar continuirlichen Vorgang verbinden. Die Erklärung dieser Erscheinun- gen liegt offenbar in den Ergebnissen der Analyse des einzelnen Lese- actes. Dieser selbst ist ja schon vor allem beim assimilirenden Lesen in Wahrheit eine Aufeinanderfolge mehrerer Acte, von denen an sich nur der erste, die Einwirkung des Eindrucks und vor allem seiner dominirenden Elemente, eine fixirende Stellung des Auges fordert. Die daran sich anschließenden reproductiven Assimilationen können da- gegen sehr wohl auch während der Bewegung noch stattfinden, und dies trifft offenbar namentlich bei jenen secundären Assimilationen zu, die nach dem ersten Aufsteigen reproductiver Elemente das erst entstandene^ Bild ergänzen und mit den Nachbarworten verbinden. Indem nun diese Assimilationen gleichzeitig die etwa zurückbleibenden Nachbilder ver- drängen, erhöhen sie einerseits die Deutlichkeit der Schriftbilder, und wandeln sie anderseits den Lesevorgang wirklich in einen im wesentlichen continuirlichen Process um, indem erst in den größeren Intervallen, wo der Gedanke selbst gewisse Einschnitte mit sich bringt, am Ende eines Satzes oder einer längeren Periode, deutlich zu bemerkende Lesepausen eintreten. So unterstützt die Assimilation in doppelter Weise die intellec- tuellen Vorgänge, die das Lesen begleiten: erstens dadurch, dass sie der Apperception eine Menge dem Bewusstsein verfügbarer Dispositionen ohne jede Arbeit der Aufmerksamkeit, ja am sichersten beim völligen Aus- schluss derselben als actuelle Elemente zuführt, und zweitens insofern, als sie die durch die Eigenschaften des Sehorgans geforderten Unterbrechungen der Leseacte zum Verschwinden bringt und auf diese Weise das Lesen in einen dem continuirlichen Fluss der Gedanken parallel laufenden, ebenfalls annähernd continuirlichen Vorgang verwandelt. Alle jene durch die Reproductionen erzeugte Arbeitsersparniss kommt nun aber dem Theil der apperceptiven Functionen zu gute, der auf die Gedankeninhalte selbst gerichtet ist. Je automatischer der Leseprocess von statten geht, um so mehr automatisirt er auch die reproductiven Vorgänge, die jetzt zu integrirenden Bestandtheilen dieses Processes selbst geworden sind.

Complexe intellectuelle Functionen. 5l I Das Verdienst, als der Erste den psychophysischen Vorgängen beim Lesen näher getreten zu sein, gebührt, wie schon oben bemerkt, J. M. Cattell1. Er bediente sich zu diesem Zweck.theils des Tachistoskops theils der Reactionsversuche auf Buchstaben und Wörter. Nach etwas modiücirten tachistoskopischen Methoden wurden weiterhin von Cron und Kraepelin2, von Goldscheider und Müller3 Versuche ausgeführt. wobei die ersteren namentlich auf den Einfluss der Schärfe der Apperception sowie gewisser durch besondere Deutlichkeit ausgezeichneter Buchstabencomplexe und ihrer Stellung, die letzteren auf die Bedeutung einzelner dominirender Symbole aufmerksam machten. Erdmann und Dodge verfolgten dann in ihren aus- gedehnten Untersuchungen über das Lesen diese verschiedenen Momente so- wie die von Cattell festgestellte Auffassung der gesammten Wortbilder beim einzelnen Leseact, während sie zugleich das zusammenhängende Lesen zu analysiren suchten4. Doch wurden diese Beobachter theils durch die Unvoll- kommenheiten ihres tachistoskopischen Apparates, theils durch ihre Tendenz, den Leseact logisch statt psychologisch zu analysiren, an der richtigen Er- kenntniss der assimilativen Vorgänge bei demselben gehindert. Sie schrieben daher der Gesammtform des Wortes eine Bedeutung zu, die sie thatsächlich nicht oder doch nur in höchst nebensächlicher Weise besitzt, indess ihnen der wichtige Unterschied des apperceptiven und des assimilativen Lesens, den zuerst Kraepelin und Cron theilweise erkannt haben, ganz entging. Ebenso bemerkten sie zwar die Entstehung des zusammenhängenden Lesens aus ein- zelnen Leseacten, verkannten aber auch hier den durch die reproductiven Assimilationen vermittelten Uebergang in einen continuirlichen Process. Eine sorgfältige Untersuchung des einzelnen Leseactes nach seinen verschiedenen Bedingungen und Formen' und damit zugleich die Grundlage für die oben versuchte psychologische Analyse auch des zusammenhängenden Lesens hat schließlich Julius Zeitler gegeben5. Dagegen fehlt es noch an einer zu- reichenden physiologischen Untersuchung der Augenbewegungen beim Lesen, namentlich mit Rücksicht auf ihre Verhältnisse bei den Pausen, wobei frei- lich von vornherein, wie oben angedeutet, überaus große Unterschiede je nach dem Stande der Uebung und dem durch sie bedingten Uebergewicht apperceptiven oder assimilativen Lesens zu erwarten stehen. Bemerkenswerth 2 Cron und Kraepelin, Kraepelins Psychol. Arbeiten. Bd. 2, 1899, S. 203 ff.

3 Goldscheider und Müller, Zeitschrift für klin. Medicin, Bd. 23, 1893, S. 131 ff.

4 B. Erdmann und R. Dodge, Psychologische Untersuchungen über das Lesen, 1898. Die historisch-kritischen Ausführungen der Verff. beruhen übrigens auf zwei Missverständ- nissen. Sie sind nämlich der Meinung, bisher habe in der Physiologie die Lehre gegolten, dass das Auge nur mit einem einzigen Punkt deutlich sehe, und dass man bei continuit- lich bewegtem Auge Sehfunctionen wie das Lesen vollziehen könne. Beides ist natürlich irrig. Dass der Umfang des deutlichen Sehens 4 — 5 Winkelgrade beträgt, ist den Ophthal- mologen und Physiologen längst bekannt; nicht minder, dass Objecte, über die sich das Auge hinbewegt, wegen der Superposition der Nachbilder nicht deutlich gesehen werden können, und daher Functionen, die, wie das Lesen, eine genaue Auffassung relativ weit auseinander liegender Theile- eines Objects erfordern, mittelst solcher Bewegungen ge- schehen, die durch kurze Fixationspausen unterbrochen sind. Vgl. meine Bemerkungen hierüber Philos. Stud. Bd. 15, 1899, S. 287, und Bd. 16, 1900, S. 61 ff.

5 Julius Zeitler, Philos. Stud. Bd. 16, 1900, S. 380 fr.

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ist hier nur die Beobachtung von Javal, dass sich die Blicklinie des Lesen- den allgemein von einem Haltepunkt zum andern nicht in der Mitte der Zeile, sondern im oberen Theil derselben bewegt1. Dies stimmt vollkommen damit überein, dass nach den oben mitgetheilten Beobachtungen die ober- zeiligen Buchstaben die dominirenden zu sein pflegen.

g. Das Schreiben.

Eine dem Lesen in mancher Beziehung verwandte, aber doch in wesentlichen Beziehungen abweichende Function ist das Schreiben. Der Stellung beider innerhalb des gesammten Zusammenhangs der an die Sprache sich anlehnenden Leistungen ist bereits aus Anlass der cerebralen Sprachstörungen gedacht worden, die namentlich auch auf die Associations- richtungen und die Associationsfestigkeit aller dieser Functionen Licht werfen (Bd. i, S. 309 fr.). Die bei diesen Associationen zu Tage tretende losere Verbindung des Schreibens mit den übrigen sprachlichen Functionen, wie sie z. B. darin zu erkennen ist, dass die Association vom Schriftbild zum Wort viel leichter ungestört von statten geht als die umgekehrte, findet nun überdies in der Erfahrung ihren Ausdruck, dass die individuelle Ausbildung und die Breite der Uebungseinflüsse hier noch einen beträcht- lich größeren Spielraum hat als beim Lesen. Es kommt dabei wesentlich in Betracht, dass dem Lesen ungleich stärkere unmittelbare Complications- hülfen zu Gebote stehen, da optischer Eindruck, Articulationsbewegung und akustische Reaction hier eng verbunden sind, während beim Schrei- ben neben den Bewegungsempfindungen der Hand, die an sich schon an Bestimmtheit und Gleichmäßigkeit hinter den sprachlichen Articulationen zurückstehen, die einzelnen Complicationshülfen je nach den ab- weichenden Bedingungen mit wechselnder Klarheit hervortreten: so z. B. beim Dictandoschreiben fast nur die Lautbilder, beim Abschreiben die vorgelegten Schriftbilder, beim Niederschreiben der eigenen Gedanken die leisen akustischen und Articulationserregungen. Alle diese variabeln Bedingungen machen zugleich die Bewegungen des Schreibens weit mehr von der Mithülfe der optischen Wortbilder des Geschriebenen abhängig, als es die Articulationsbewegungen der Sprachorgane von den gehörten Worten sind. Der ungeübte Schreiber bedarf fortwährend, der geübte wenigstens in häufig sich wiederholenden Intervallen der Controle des Auges.

Unter den mehr oder minder regelmäßigen Körperbewegungen neh- men aber die des Schreibens darin eine eigenthümliche Mittelstellung ein, dass sie an sich, in Folge der Verschiedenheiten der einzelnen Schriftzeichen, Complexe intellectuelle Functionen. tlT.

arrhythmische Bewegungen sind, dass sie jedoch in der Ausführung stets dem Rhythmus zustreben. Sie sind in dieser Beziehung deutliche Be- lege für die früher geltend gemachte Auffassung, wonach alle arrhyth- mischen Bewegungen Fragmente von Rhythmen sind, in die sie fortan überzugehen streben. Beim Schreiben bemerkt man diese Tendenz deut- lich daran, dass die bei der Niederschrift eines Buchstabens verfließende Zeit immer annähernd die gleiche bleibt, dass wir also unwillkürlich kür- zere und leichtere' Buchstaben langsamer schreiben als complicirtere, ein 11 z. B. langsamer als ein m. Nur die großen Buchstaben des Alphabets nehmen eine Ausnahmestellung ein: da sie zumeist nicht auf das gleiche Tempo reducirbar sind, so bilden sie in der Regel größere Taktglieder1. Uebrigens machen sich alle diese Unterschiede überhaupt in höherem Maße geltend, wenn man die einzelnen Buchstaben isolirt schreibt, als bei der gewöhnlichen zusammenhängenden Schreibweise, wo sich ähnlich, nur nicht in gleichem Umfang wie beim Lesen, allmählich Buchstaben- verbindungen und Worte zu einheitlich ausgeführten Bewegungen verbin- den. Man bemerkt dann zugleich, dass sich das dem Buchstabenschreiben eigene rhythmische Princip in einem gewissen Grade auf das Wortschreiben ausdehnt: wir schreiben lange Wörter verhältnissmäßig rascher als kurze, was durch die während eines zusammenhängenden Schreibactes zunehmende Geschwindigkeit unterstützt wird, und es waltet so auch hier wiederum die Tendenz, die einzelnen in einem zusammenhängenden Zug geschriebenen Gebilde der Taktgleichheit zu nähern. Dabei ist der Rhythmus der Be- wegungen in allen diesen Fällen, ob er sich nun auf kleinere relativ isolirte Gebilde beschränken oder auf größere ausdehnen mag, insofern stets ein übereinstimmender, als bei ihm die nach dem ausgeübten Druck zu bemessende Energie sowie die Geschwindigkeit der Bewegung allmäh- lich einsetzt, um ebenso gegen den Schluss eines Taktgliedes wieder zu sinken. Besteht ein Schriftzeichen aus mehreren Theilen, so bemerkt man außerdem, dass sich diese Gliederungen an den einzelnen Theilen wieder- holen2. Doch bieten sich bei diesen Erscheinungen beträchtliche indivi- 1 Darin liegt wohl, abgesehen von andern, äußerlichen Gründen der Autorität und Mode, mit ein Grund für die oben (Anm. i S. 608) erwähnte Bevorzugung der deutschen Schrift mit lauter kleinen Anfangsbuchstaben. Als Schrift ist sie in der That nicht nur die schnellere, sondern auch die besser rhythmisch gegliederte. Da wir aber doch schrei- ben, um zu lesen oder gelesen zu werden, nicht umgekehrt, so dürften hier die Vortheile des Lesens die entscheidenderen bleiben.

2 Besonders instructiv sind in dieser Beziehung die bis jetzt allerdings nur für die einfachsten Fälle durchgeführten Versuche mit der von Kraepelin construirten Schrift- wage. Vgl. Ad. Gross, Untersuchungen über die Schrift Gesunder und Geisteskranker, Kraepelins Psychologische Arbeiten, Bd. 2, 1899, S. 450. A. Diehl, Ueber die Eigen- schaften der Schrift bei Gesunden, ebend. Bd. 3, 1901, S. 1 ff. K. Miesemer, Ueber psychische Wirkungen körperlicher und geistiger Arbeit, ebend. Bd. 4, 1902, S. 391 ff. (Schreibversuche.) Die beiden letzteren Arbeiten enthalten namentlich auch Bestimmungen tlA Psychische Verbindungen.

duelle Unterschiede schon bei normalen Menschen, und in noch höherem Maße bei Geisteskranken, Unterschiede, die aller Wahrscheinlichkeit nach, namentlich im letzteren Fall, mit Affect- und Stimmungszuständen zu- sammenhängen1. Zum Theil beruhen auf den gleichen Momenten wohl auch die großen Unterschiede in den Schriftformen normaler Personen. Doch spielen hier Einflüsse der Erziehung, des Unterrichts und der späteren Uebung eine so überaus große Rolle, dass die mannigfach gemachten Versuche, die Handschrift geradezu als charakterologisches Merkmal zu vervverthen oder sogar aus einzelnen Abweichungen derselben auf den momentanen Geisteszustand Rückschlüsse zu machen, der zureichenden wissenschaftlichen Grundlagen entbehren2.

Wie die Lesefehler für die Psychologie des Lesens, so sind die Schreib- fehler charakteristische Erscheinungen für die Psychologie des Schreibens. Sie sind aber wesentlich anderen Ursprungs als jene, indem sie nicht oder nur nebensächlich mit reproductiven Associationen, sondern zumeist mit den directen Beziehungen der Bewegungen des Schreibens zum Sprechen und Lesen zusammenhängen. Da diese beiden letzteren Functionen im allgemei- nen in einem viel rascheren Tempo von statten gehen als das Schreiben, so haben die meisten Schreibfehler in dieser Incongruenz ihre Quelle, und sie verschwinden daher großentheils, wenn sich entweder die Bewegungen des Schreibenden der Geschwindigkeit des Rede- oder Gedankenflusses anpassen, wie beim Stenographiren, oder wenn umgekehrt diese nach jenen sich rich- tet, wie beim Schreiben nach langsamem Dictat. Die hauptsächlich vor- kommenden Schreibfehler sind nämlich: i) Auslassungen von Worten, Silben oder Buchstaben, 2) Umstellungen einzelner Buchstaben, insbesondere Anti- cipationen nachfolgender, 3) Wiederholungen einzelner Buchstaben oder Buch- stabencomplexe. Der erste dieser Fehler kommt bei normalen und geübten Menschen fast nur in der Form der Wort-, viel seltener in der Silben- oder Buchstabenauslassung vor, offenbar deshalb weil die Worte meist fest eingeübte Complexe bilden, deren jeder, wenn er erst begonnen ist, auch richtig zu Ende geführt wird. Wesentlich anders verhält es sich bei Ungeübten und namentlich bei Imbecillen, wo sehr häufig besonders in längeren Worten einzelne mittlere Theile hinwegbleiben, während Anfang und Ende richtig der Schreibgeschwindigkeit, der Pausen und des Schreibdrucks bei Männern und Frauen. An den von Gross mitgetheilten Curven zeigt sich der oben erwähnte rhythmische Ver- lauf schon beim einfachsten aller Schriftsymbole, beim einzelnen Punkt; dann aber auch bei einer Mehrheit hinter einander gesetzter Punkte (a. a. O. Taf. II); ferner beim Ziehen einer geraden horizontalen Linie (Taf. I), bei den Zahlen 1, 2, 3 (Taf. IV) sowie bei dem Buchstaben m, bei dem in der Regel der letzte Grundstrich mit dem stärksten Druck er- folgt. Instructiv für die bei wachsender Zusammensetzung der Symbole eintretenden Ver- änderungen sind auch Miesemers graphische Aufzeichnungen der Zahlen 1 bis 10 (a. a. O.

1 Ueber die Erscheinungen bei Geisteskranken vgl. Gross, a. a. O. S. 485 ff.

2 Einen letzten, freilich gleichfalls kaum glücklichen Versuch, der »Graphologie« einen wissenschaftlichen Charakter zu geben, 'hat W. Preyer gemacht in seiner Schrift: Zur Psychologie des Schreibens, mit besonderer Rücksicht auf individuelle Verschieden- heiten der Handschriften, 1895.

Complexe intellectuelle Functionen. 5ls niedergeschrieben werden. Bei höherem Grade der Imbecillität können solche längere Worte überhaupt nur beim Vorbuchstabiren oder mittelst Nachmalens jedes einzelnen Buchstabens fehlerlos geschrieben werden, während im bloß vorgesprochenen Wort regelmäßig die mittleren Theile unterdrückt werden1. Umstellungen kommen bei normalen und geübten Personen nur bei sehr schnellem Schreiben, bei Imbecillen aber überhaupt sehr häufig vor. Sie sind ein Uebel, das sich besonders auch bei der Benützung der Schreibmaschine einstellt, offenbar weil hier wegen der Uebereinstimmung der einzelnen Be- wegungen feste Wortcomplexe nicht so sicher eingeübt werden. Wieder- holungen kommen bei normalen Personen wohl nur in Zuständen der Zer- streutheit vor, bei Imbecillen und namentlich Idioten sind sie aber sehr häufig. Ein einmal geschriebener Buchstabe wird hier manchmal beliebig oft automatisch wiederholt. Dabei bleibt offenbar der Wille oder Befehl zu schreiben wirksam, indess der zu schreibende Inhalt bereits dem Gedächtniss entschwunden ist2.

h. Verlaufsformen geistiger Arbeit.

Mit dem Ausdruck »geistige Arbeit« im weitesten Sinne bezeichnen wir alle die complexen psychischen Vorgänge, deren Wirkungen in ge- wollten und planmäßig erstrebten geistigen Werthen bestehen. Ob diese geistigen Werthe gering oder groß sind, ob sie bloß als Hülfsmittel für andere Zwecke dienen oder selbständige Zwecke repräsentiren, bleibt bei dieser allgemeinen Begriffsbestimmung außer Frage. Einfache Formen geistiger Arbeit in diesem Sinne sind daher alle im Vorigen besprochenen intellectuellen Functionen, die Gedächtnissleistungen, das Lesen und Schreiben, selbst dann wenn sie bloß der individuellen Uebung oder gar nur der Ermittelung der geistigen Leistungsfähigkeit selbst dienen sollen. Da nun naturgemäß die Bedingungen geistiger Arbeit im allgemeinen um so verwickelter sind, je höher ihre Zwecke stehen, und je mehr sie in Folge dessen Leistungen mannigfacher Art in Anspruch nimmt, so werden gerade jene einfachsten Formen geistiger Arbeit, wie sie etwa in dem Lesen und Verstehen eines geläufigen Textes oder in dem Memoriren von Wörtern und Sätzen, oder endlich in der Lösung einer einfachen Rechenaufgabe, z. B. im Addiren einstelliger Zahlen, bestehen, am ehesten zur Analyse dieser Vorgänge sich eignen.

In allen diesen Fällen wird man nun als das Maß der geistigen 1 Ich hatte vor längeren Jahren Gelegenheit eine Anzahl halb idiotischer Geschwister mit verschiedenem Grade der Verblödung zu untersuchen, die sämmtlich ihren eigenen ziemlich langen Familiennamen mit solchen Auslassungen in der Mitte schrieben. Dabei ordneten sie sich nach dem Umfang dieser Auslassungen genau in dieselbe Reihenfolge, die sie auch nach den sonstigen Symptomen der geistigen Beschränkung einnahmen.

2 Ueber solche abnorme Fälle vgl. auch Paul Sollier, Der Idiot und der Imbecille, deutsch von P. Brie, 1891, S. 162 ff. Ueber Schriftstörungen Geisteskranker vgl. Krae- pelin, Psychiatrie6, Bd. 1, S. 234 ff., Schriftproben solcher ebend. Bd. 2, S. 172, 237, 370 u. a.

Psychische Verbindungen.

Arbeit den Umfang der Einzelaufgaben betrachten dürfen, die in einer gegebenen Zeit gelöst werden, also z. B. die Summe einfacher Zahlen, die addirt, oder der Worte, die memorirt worden sind. Drückt man die so ermittelten, nach gleichem Maß gemessenen Arbeitsgrößen durch Ordinaten aus, die auf der Abscissenlinie der Zeiten errichtet werden, so erhält man eine Arbeitscurve, welche die Veränderungen einer auf diese Weise gleichmäßig oder unter verschiedenen nach Willkür einzu- führenden Nebenbedingungen vollzogenen Arbeit repräsentirt. Die Ge- stalt dieser Curve ist natürlich, außer von der geleisteten Arbeit selbst, von der Größe der Zeitstrecken abhängig, die man als Einheiten wählt, Fig. 381. Arbeitscurve bei der Addition einstelliger Zahlen, nach Kraepelin.

7GO 80 60 Fig. 382. Arbeitscurve beim Erlernen sinnloser Silben, nach Kraepelin.

und zu denen jedesmal die entsprechenden Leistungen als Ordinaten ge- hören. Um die Veränderungen der Curve unter verschiedenen Bedingun- gen zu ermitteln, ist es daher zweckmäßig, wo möglich immer die gleichen Zeiteinheiten zu wählen. Hierbei zeigt nun die Beobachtung, dass schon bei so einfachen Formen der Arbeit, wie sie oben erwähnt wurden, die Gestalt der Arbeitscurve wesentlich von der Art der geistigen Arbeit abhängt, dass sie aber dabei doch zugleich gewisse immer wieder- kehrende Eigenthümlichkeiten darbietet. So beträgt in den beiden in Fig. 381 und 382 gezeichneten Curven die Zeiteinheit jedesmal 5 Mi- nuten, in Fig. 381 bestand aber die Arbeit in dem zifferweisen Addiren Complexe intellectuelle Functionen. 5jy einstelliger Zahlen, in Fig. 382 in dem Memoriren einer ähnlichen Reihe von Zahlen, und die Arbeitsdauer betrug jedesmal zwei Stunden. Beide Curven weichen, wie man sieht, darin wesentlich von einander ab, dass die Leistung beim Addiren vom Anfang bis zum Ende allmählich sinkt, bei dem Memoriren umgekehrt steigt. Dagegen stimmen beide darin überein, dass der Verlauf ein oscillatorischer ist, und dass die Schwankungen der Leistungsfähigkeit sogar in annähernd den gleichen Perioden erfolgen. Nun ist schon aus der gewöhnlichen Erfahrung be- kannt, dass bei einer solchen Arbeit im allgemeinen zwei Einflüsse in einander eingreifen, von denen der eine die Leistungsfähigkeit herabzu- setzen, der andere sie zu erhöhen strebt: jenen nennen wir die Er- müdung, diesen die Uebung. Demnach werden wir aus dieser ab- weichenden Gesammtform der Arbeitscurve schließen können, dass beim Addiren unter den hier gegebenen Bedingungen im ganzen die Ermüdung, beim Memoriren die Uebung den überwiegenden Einfiuss ausübte. Die in beiden Fällen auftretenden Schwankungen aber werden wir um so mehr, da sie in allen Curven, welcher Art auch die Arbeit sei, wieder- kehren, auf jene Oscillationen der Apperception beziehen dürfen, die schon bei der Richtung der Aufmerksamkeit auf einen einzigen gleichförmigen Eindruck zu beobachten sind, und die dann in ähnlicher Weise bei allen möglichen Formen apperceptiver Functionen wiederkehren: bei den Reproductionsvorgängen, den Gedächtnissleistungen, dem Lesen und Schreiben u. s. w. (S. 366 fr.)1. Mit diesen Apperceptionswellen hängt dann wahrscheinlich auch die Neigung zusammen, die geistigen Arbeits- leistungen, ebenso wie die physischen, rhythmisch zu gliedern, eine Neigung, die um so mehr hervortritt, je mehr beide, die physische und die psychische Leistung, zusammengehen: also namentlich überall da, wo die Articulationsbewegungen der Sprachorgane oder sonstige Ausdrucks- bewegungen die geistige Arbeit begleiten, wie beim Lesen, Schreiben Memoriren, Addiren u. dergl. Indem hierbei der Arbeitende von selbst seine Leistung in der Weise rhythmisch ordnet, dass Maxima und Minima wechseln, und den einzelnen Arbeitsanstößen in annähernd regelmäßigen Abständen kurze Pausen folgen, adaptirt sich zugleich dieser rhythmische Gang dem Verlauf der Apperceptionswellen. Darum wird im allgemeinen die geistige Arbeit namentlich qualitativ am meisten gefördert, wenn der Einzelne bei ihr einem selbstgewählten Rhythmus folgt, während sie zwar quantitativ zunehmen kann, aber qualitativ mangelhafter wird, Fehler und Ungenauigkeiten aufzeigt, wenn der Rhythmus ein von außen gegebener 1 Oehrn, Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 1, 1896, S. 92 ff. Kraepelin, Philos. Stud. Bd. 19, 1902, S. 459 ff. (Letzteres zugleich ein zusammenfassender Bericht über die von Kraepelin Und seinen Schülern über diesen Gegenstand ausgeführten Arbeiten.)

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ist, wie z. B. beim rhythmischen Dictandoschreiben. Im letzteren Fall regulirt sich eben die Arbeit nicht nach dem natürlichen Rhythmus der Aufmerksamkeit, sondern es muss sich umgekehrt der letztere den äuße- ren Reizen anpassen, was um so mehr als ein störender Zwang wirkt, je mehr dieser künstliche von dem natürlichen Rhythmus abweicht1.

Neben diesen während der ganzen Dauer einer Arbeitsleistung wirk- samen Momenten kommen jedoch offenbar auch noch solche in Betracht, die bald regelmäßig, bald zufällig, durch äußere oder innere Bedingun- gen veranlasst, während kürzerer Zeitstrecken in den Verlauf eingreifen. So ist der Anfang einer Arbeit fast immer mit einem stärkeren Willens- impuls verbunden, der sofort eine größere Steigerung der Leistung im Gefolge hat. Derartige Impulse können sich aus zufälligen Anlässen auch im weiteren Verlauf wiederholen: sie bedingen dann plötzliche größere Er- hebungen innerhalb der Oscillationen der Arbeitscurve. Namentlich gegen den Schluss pflegt eine solche ziemlich regelmäßig sich einzustellen, wenn dem Arbeitenden eine bestimmte ihm bekannte Frist gesetzt ist, wo er nun nahe dem Ablauf derselben möglichst die Leistung zu steigern sucht. Die Fig. 381 zeigt deutlich diese beiden stärkeren Erhebungen des An- fangs- und des Schlussantriebs (bei 15 und 85'). Jeder solche Antrieb, namentlich der als constantes Merkmal der Arbeitscurve wiederkehrende des Anfangs, pflegt nun aber außerdem während einer etwas längeren Zeit nachzuwirken: er hinterlässt eine zuerst rasch ansteigende und dann langsam wieder sinkende » Arbeitsanregung «, und der Verlauf der Arbeits-