curve macht es wahrscheinlich, dass derartige Anregungen auch unab- hängig von intensiveren Impulsen, etwa im Anschluss an eine gewöhn- liche Apperceptionswelle, in den Verlauf eingreifen können, so dass sich nun dieser fortan aus auf einander, folgenden Perioden der Anregung und der Remission zusammensetzt2.
i. Die Componenten der Arbeitscurve.
Unter den Componenten, aus denen sich auf diese Weise der Verlauf einer Arbeitscurve zusammensetzt, sind diejenigen, die wir als Uebung und Ermüdung bezeichnen, jedenfalls die dauerndsten und tiefgreifendsten. Durch die gegensätzlichen Wirkungen, die sie ausüben, und durch das Verhältniss wechselseitiger Compensation, in das sie in Folge dessen zu einander treten können, sind sie für die Arbeitsfähigkeit wie für die geleistete Arbeit in erster Linie entscheidend. Beide beruhen aber auf allgemeinen psychophysischen Bedingungen, wie das speciell für die Awranoff, Philos. Stud. Bd. 18, 1903, S. 556 ff.
G. von Voss, Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 2, 1899, S. 399 ß.
Complexe intellectuelle Functionen. 6 IQ Uebungsvorgänge aus Anlass der mit ihnen auf das engste zusammen- hängenden Associationsprocesse betont wurde (S. 565 fr.). Uebrigens lassen schon die physiologischen Gesichtspunkte, denen sich die beiden com- plexen Begriffe Uebung und Ermüdung unterordnen, wesentliche Ab- weichungen in dem Verhältniss beider zur Arbeitsleistung vermuthen. Indem die Uebung in der specifischen Adaptation bestimmter Organe und functioneller Anlagen dieser Organe an ihre Leistungen besteht, ist sie der Natur der Sache nach schon physisch ein local und functionell be- schränkterer Vorgang, der nicht ohne weiteres auch auf andere, wenn- gleich sonst verwandte Functionen überzugreifen braucht. Das nämliche gilt dann aber selbstverständlich auch für die psychische Seite. Wer im Lesen geübt ist, braucht es nicht gleichzeitig im Schreiben zu sein, und die Fertigkeit im Addiren wird schwerlich ohne weiteres auf die im Me- moriren zurückwirken. Die Uebung beschränkt sich also zunächst ganz auf das engste Gebiet der eingeübten Leistungen selbst und zieht höchstens noch die nächst angrenzenden in ihre Kreise. Sehr weit aus einander liegende Uebungsgebiete können aber sogar einander beein- trächtigen, insofern die allgemeine Leistungsfähigkeit des Einzelnen dem Umfang seiner Arbeit gewisse Grenzen setzt. Ganz anders verhält es sich mit der Ermüdung. Hier beeinträchtigt jede Art geistiger Arbeit zwar zu- nächst ebenfalls in besonderem Maße die gleichartige, außerdem aber bis zu einem gewissen Grad auch jede andere. Sogar die rein physische Arbeit ermüdet für die geistige, und ebenso wiederum diese für jene, ■ — eine in unseren Unterrichtsplänen, in denen trotz schlagender Widerlegung durch Experiment und allgemeine Erfahrung, Turnstunden als vermeint- liche Erholungsstunden figuriren, noch immer nicht genug beherzigte Thatsache1. Der Grund dieses Verhältnisses ist ein naheliegender. Jede Art Arbeit, mag sie körperlich oder geistig oder beides zugleich sein, ist physiologisch betrachtet ein Verbrauchsvorgang, der mit den zunächst an der Function betheiligten Organen stets in einem gewissen Grade auch den gesammten Energievorrath des Organismus in Mitleidenschaft zieht. Darum setzt sich der Verlauf der Ermüdung wieder aus zwei Ermüdungsvorgängen zusammen: aus einem von kurzer Periode, der in relativ kleinen Pausen die Arbeitsfähigkeit auf ihren vorigen Stand erhebt, und aus einem von langer, im allgemeinen eine Tagesarbeit einschließender Periode, der im Schlaf seine Lösung findet. Zwischen diesen beiden äußersten Perioden der Arbeitscurve können dann noch einzelne von mittlerer Dauer stehen, deren Vertheilung und Länge sich wesentlich nach der Beschaffenheit der Arbeit richtet. Offenbar liep-t 1 Bettmann, Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 1, S. 152 ff.
Psychische Verbindungen.
aber in dem Chemismus der Nervensubstanz die wichtige Eigenschaft derselben begründet, dass, obgleich während der kürzeren Pausen niemals ein vollständiger Ersatz eintritt, doch die unmittelbar zur Ver- fügung stehende Arbeitsenergie wieder ihre volle Höhe erreicht, nur dass sie um so kürzer anhält, je mehr der Gesammtvorrath bereits erschöpft ist. Die Energievertheilung ist also hier offenbar eine solche, dass die an jeder Stelle unmittelbar disponible Energie immer wieder durch Zufluss aus dem gesammten Energievorrath des Nervensystems auf die frühere normale Höhe gehoben wird, dass aber dieses im Anfang einer Arbeits- periode stets annähernd gleich große Gefälle der Energie um so rascher sinkt, je geringer jener Gesammtvorrath ist.
Dem Vorgang der Uebung stehen nun ähnliche Ersatz- und Com- pensationseinrichtungen nicht zu Gebote. Dagegen ist er in einem wich- tigen Punkte gegenüber der Ermüdung bevorzugt: während diese fortan die Leistungsfähigkeit herabsetzt und, wenn Erholungspausen ausbleiben, sie schließlich ganz aufhebt, ist die Uebung ein sich weit erstreckender Pro- cess, der über die kleinen und großen Erholungspausen hinausreicht und so eine stetige Zunahme der Leistung bewirkt, die sich nur allmählich einem nicht mehr überschreitbaren Maximalwerthe nähert. Allerdings wirkt diesem Wachsthum einigermaßen der Umstand entgegen, dass, je mehr durch die erreichte Uebung die in einer gegebenen Zeit geleistete Arbeit steigt, um so höher natürlich auch jenes Ermüdungsgefälle wird, das die Periode verkürzt, während der die Arbeit auf gleicher Höhe bleibt. Trotzdem ist, namentlich in den Anfängen des Uebungsverlaufes. der positive Einfiuss immer noch erheblich größer als dieser negative. Die beiden wiederum zweistündigen Arbeitscurven in Fig. 383, von denen Fig. 383. Veränderungen der Arbeitscurve durch den Einfluss der Uebung, nach Kraepelin.
die untere dem Anfang, die obere, eine Woche später aufgenommene, dem Höhepunkt eines Uebungsverlaufs entspricht, zeigen dies deutlich. Die Arbeit bestand auch hier in einfachem Addiren. Um den Gesammt- verlauf besser hervortreten zu lassen, sind die Ordinaten nur in Abständen von je 15 Minuten gemessen, so dass die zwischenliegenden Apperceptions- wellen verschwinden. Die spätere, stark durch die Uebung beeinflusste Curve II steigt, wie man sieht, beträchtlich rascher an; sie sinkt aber in Complexe intellectuelle Functionen. £>2l Folge dessen auch schneller wieder unter dem Einfluss der höheren Er- müdungswirkungen. Doch ist auch dieses Sinken ein allmählicheres, so dass die Gesammthöhe der Curve beträchtlich die untere übertrifft, und der durch ihren Flächeninhalt annähernd zu messende gesammte Arbeits- ertrag ungleich günstiger ist1.
Aus diesem Wechselverhältniss von Ermüdung und Uebung erhellt klar der hohe Werth, den für den Nutzeffect der geistigen Arbeit die Vertheilung der Erholungspausen besitzt. Dabei hat sich freilich jene Haupterholungspause, die der Gesammtrestitution der Energie dient, die des Schlafs, im allgemeinen unter dem Einfluss der physiologischen Be- dürfnisse von selbst regulirt und — abgesehen von individuellen Abwei- chungen, die nicht ohne tiefergreifende schädigende Wirkungen bleiben, — in Sitte und Gewohnheit ihre Normirung gefunden. Anders verhält es sich mit jenen kleineren Pausen, die in weit höherem Grade willkürlich variirbar sind, und bei denen daher die Aufgabe, die günstigste Ver- theilungsweise und Dauer der Pausen zu ermitteln, eine sehr große prak- tische und, wegen des engen Zusammenhangs mit den allgemeinen Be- dingungen der Arbeitscurve, auch eine nicht geringe theoretische Be- deutung hat. Obgleich nämlich die absoluten Werthe hier in hohem Grade von der Art der Arbeit und zum Theil wohl auch von indivi- duellen Unterschieden abhängen werden, so muss es doch nothwendig unter gegebenen Bedingungen stets ein Optimum der- Dauer und Vertheilung der Erholungspausen geben, das weder nach unten noch nach oben überschritten werden darf, ohne den Gesammteffect der Leistung minder günstig zu gestalten. Denn sobald die Pausen zu kurz und zu selten sind, so wird die Ermüdung überwiegen; werden sie umgekehrt zu lang oder zu häufig, so muss die Uebung hinter dem ihr erreichbaren Werthe zurückbleiben. Außerdem kann aber eine solche ungünstige Pausenvertheilung auch noch andere Factoren der Arbeitscurve beeinträchtigen. So sind nicht nur die kurzen Willens- impulse zu Anfang jeder Arbeitsperiode, sondern auch die dauernderen Schwankungen der Erregung im weiteren Verlauf derselben, wie die ver- schiedenen Versuche über die Variation dieser Pausen andeuten, eben- falls von jenen Verhältnissen abhängig. Ferner lassen die namentlich bei größeren Pausen beobachteten Erscheinungen schließen, dass der Vorgang der Uebung selbst wieder in zwei wesentlich von einander ab- weichende Factoren zerfällt. Die erstere besteht in demjenigen Uebungs- verlauf, den wir hier wegen seiner nahen Beziehung zu den Associations- processen, wie sie besonders bei den Memorirversuchen zu erkennen ist, ()2 2 Psychische Verbindungen.
die associative Liebling nennen wollen. Wo von Uebung schlechthin die Rede ist, da ist stets diese gemeint. Sie ist der den rein physiologi- schen Uebungsprocessen durchaus verwandte psychophysische Vorgang, der überall jener Befestigung, welche die Associationen durch ihre Wieder- holung erfahren, zu Grunde liegt, und der uns eben in diesem Sinne nicht bloß bei den Gedächtnissleistungen, sondern auch beim Lesen, Schreiben, Addiren und dann weiterhin bei jeder Art geistiger Leistungen immer wieder entgegentritt. Daneben existirt aber sichtlich noch ein zweiter, gewöhnlich ebenfalls dem allgemeinen Begriff der Uebung sub- sumirter Vorgang, der offenbar durchaus anderen Ursprungs ist. Er gibt sich schon in der gewöhnlichen Lebenserfahrung daran zu erkennen, dass wir irgend einer Arbeitsaufgabe, die uns, wenn auch erst aus einer ganz kurzen Ausführung, bekannt ist, nach einer Zeit, in welche die gewöhn- liche Uebung nicht mehr hineinzureichen pflegt, als einer bekannten, gewohnten gegenübertreten, wodurch dann ihre Inangriffnahme und Fort- setzung zwar nicht auf die Dauer, aber doch für eine gewisse Zeit ge- fördert wird. Diese Wirkung macht sich nun auch in den durch exactere Versuche gewonnenen Arbeitscurven deutlich geltend. Sobald nämlich bei ihnen eine Arbeit gleicher Art vorausgegangen ist, so zeigt sich stets nach einer Arbeitspause im ersten Moment eine ungewöhnliche Erhebung der Curve, die gegen den übrigen Verlauf stark contrastirt. Da die Erscheinung sichtlich mit der Begünstigung zusammenhängt, die überall dem Bekannten gegenüber dem Unbekannten durch eine bevorzugte und klarere Apperception zu theil wird, so kann man wohl diese in ihrem Effect zu den Uebungsvorgängen gehörende, aber in ihren sonstigen Bedingungen abweichende Erscheinung als apperceptive Uebung oder mit KRAEPELIN der Kürze halber, im Unterschied von der Uebung im engeren Sinne, als »Gewöhnung« bezeichnen.
Hiernach lässt sich die gesammte Arbeitscurve mit Wahrscheinlich- keit in jedem Punkte ihres Verlaufs als eine Resultante aus vier Com- ponenten ansehen, deren jede in einer besonderen Curve dargestellt werden kann. Diese Componentencurven sind: i) Die Ermüdungs- curve, die im allgemeinen einen oscillatorischen Verlauf hat, indem die Ermüdung zuerst rasch, dann langsamer, hierauf während einer gewissen Zeit wieder schneller, aber doch im ganzen mit immer mehr abnehmen- der Geschwindigkeit wächst. 2) Die associative oder gewöhnliche Uebungscurve, die ähnlich verläuft, deren Werthe aber eine zu der vorigen compensatorische Bedeutung haben, so dass, wenn man den Ordi- naten der Uebungscurve positive Werthe gibt, denen der Ermüdungscurve negative gegeben werden müssen. Innerhalb eines kürzeren Arbeitsver- laufs können sich so die Uebungs- und Ermüdungscurve vollständig Complexe intellectuelle Functionen. 52 % compensiren. In einer größeren Zeit nimmt dagegen bei günstigen Be- dingungen die Uebungscurve bis zu einer gewissen Grenze stetig zu, so dass sie auch ein entsprechendes Ansteigen der resultirenden Arbeitscurve verursacht..3) Die Apperceptionscurve: sie zerfällt wieder in zwei Theile, die sich eventuell auch durch zwei Sondercurven darstellen lassen, deren eine die stark anwachsende, aber schnell vorübergehende Apper- ceptionsspannung im Anfang der Arbeit und die sich daran anschließen- den kurzen Apperceptionswellen im ganzen weiteren Verlauf derselben enthält, während die andere aus viel langsameren und stetig erfolgenden Oscillationen besteht (Kraepelins »Anregungscurve«). 4) Die apper- ceptive Uebungs- oder Gewöhnungscurve, die nach jeder Arbeits- pause ziemlich rasch ansteigt und dann auf gleicher Höhe bleibt, jedoch in Folge der eigentlichen Uebungsvorgänge sich nicht wesentlich ver- ändert1.
E. Kraepelin hat den Versuch gemacht, die Arbeitscurve, wie sie die Fig. 381 in einer annähernd typischen Form darstellt, auf Grund der bei ver- schiedener Variation der Bedingungen und namentlich der Resultate, die sich aus der Wirkung einer verschiedenen Dauer und Vertheilung der Pausen er- geben, in ihre oben erwähnten Componenten zu zerlegen und dabei zugleich für jede der so gewonnenen Theilcurven ihren wahrscheinlichen Verlauf zu construiren. - In der Fig. 384 ist diese für eine Arbeitszeit von 90 Minuten durchgeführte Zerlegung schematisch wiedergegeben. Die auf der Abscissen- linie der Zeiten errichteten Ordinaten entsprechen wieder, wie in Fig. 381 und 382, den nach den erzielten Leistungen bemessenen relativen Arbeits- werthen. Die Curve A ist die beobachtete Arbeitscurve mit ihrem charakte- ristischen, oscillirenden und etwas ansteigenden Verlauf. Als deren Haupt- componenten kommen zunächst die Uebungscurve U und die Ermüdungscurve E in Betracht, von denen die erstere eine Zunahme, diese eine Abnahme der Leistung bedingt, daher beide durch entgegengesetzt gerichtete Ordinaten dargestellt sind. Innerhalb des hier berücksichtigten kurzen Verlaufs com- pensiren sich beide Curven nahezu vollständig, so dass, wenn nicht noch die weiteren Componenten hinzukämen, die Arbeitscurve nahezu einen horizontalen Verlauf nehmen würde. Dieser wird nun aber zunächst, wenn auch nur un- erheblich, modificirt durch die »Gewöhnungscomponente« G oder, wie sie oben mit Rücksicht auf ihre psychologische Bedeutung genannt wurde, die Curve der apperceptiven Uebung. Ihr Anstieg fällt ausschließlich an den Anfang der Arbeitscurve, deren weiteren Verlauf sie dann in gleichbleibender Höhe begleitet, um erst nach dem Eintritt größerer Pausen wieder ansteigend einzusetzen. Endlich kommt als wichtige weitere Componente diejenige hinzu, 1 Vgl. hierzu hinsichtlich der Verhältnisse von Ermüdung und Uebung und der Wir- kung der Pausen namentlich die Arbeiten von Amberg, Rivers und Kraepelin, Wey- gandt, G. VON Voss, Lindley, Miesemer in Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 1, S. 300, Bd. 2, S. 118, 399, 695, Bd. 3, S. 428, Bd. 4, S. 45, 375. Dazu Kraepelin, Philos. Stud. Bd. 19, 1902, S. 489 ff., und speciell über die Ermüdungsmessung MEUMANNs Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 1, 1903, S. 9ff.
Psychische Verbindungen von der wesentlich die Oscillationen der Arbeitscurve herrühren, und die oben als Curve der Apperceptionsschwankungen bezeichnet wurde. Kraepelin son- dert sie nach den beiden in ihr offenbar vereinigten Schwingungsphasen wie- der in zwei Componenten, deren eine dem ersten starken Willensimpuls im Anfang der Arbeitszeit und den weiteren schnell verlaufenden Oscillationen entspricht (Curve der »Willensspannungen« nach Kr., W Fig. 384), während die andere die langsameren Auf- und Abbewegungen der Aufmerksamkeitsspannung darstellt (»Anregungscurve« nach Kr., R Fig. 3 84). Wollte man beide, unter der Voraus- setzung, dass sie übereinandergreifende Apperceptions- schwankungen von verschie- dener Periode sind, in einer einzigen Curve darstellen, so würde das geschehen können, wenn man beide Curven, ad- dirte und dann R als die Curve der Hauptoscillationen betrachtete, der die kleineren WTellen der Curve W super- ponirt sind. Natürlich sind die numerischen Daten, nach denen der Verlauf dieser Componenten construirt ist, zum Theil hypothetisch. Auch ist anzunehmen, dass derselbe und nach ihm die resultirende Arbeitscurve bei den verschie- denen Formen geistiger Arbeit und zum Theil auch nach individuellen Dis- positionen und sonstigen Bedingungen mannigfache Abweichungen bieten wird. Gleichwohl kann das hier dargestellte Schema sehr gut dazu dienen, das Zu- sammenwirken der Hauptfactoren, die bei jeder geistigen Arbeit in Betracht kommen, in ihren Beziehungen zu einander und in ihrer allgemeinen Gesetz- mäßigkeit zu veranschaulichen1.
Fig. 384. Componenten der Arbeitscurve, nach Kraepelin.
5. Intellectuelle Gefühle.
Als intellectuelle Gefühle wollen wir hier alle diejenigen Gefühle bezeichnen, welche die zusammengesetzten intellectuellen Processe be- gleiten. Sie sind im allgemeinen complexe Totalgefühle, in die einfache Gefühle und Vorstellungsgefühle regelmäßig als Componenten eingehen, während die so entstehenden Resultanten außerdem wesentlich 1 Rücksichtlich der dem Schema zu Grunde gelegten numerischen Werthe für die einzelnen Componenten der Arbeitscurve vgl. das Nähere bei Kraepelin, a. a. O. S. 492 ff.
Intellectuelle Gefühle.
durch die Verbindungen bestimmt werden, welche die Vorstellungen mit einander bilden, und durch die Beziehungen, in die sie mit den gesammten Vorerlebnissen des individuellen Bewusstseins treten. Alle diese complexen Gefühle pflegen ferner unter denselben Bedingungen wie ihre Compo- nenten in Affecte überzugehen, ohne dass jedoch dabei die letzteren, abgesehen von ihren Gefühlsinhalten, besondere Eigenthümlichkeiten bieten. Eine ausführliche Erörterung der intellectuellen Gefühle liegt außerhalb des Bereichs dieser Darstellung, da sie theils der descriptiven Psychologie zugehört, theils unmittelbar in die Gebiete der angewandten psychologischen Disciplinen hinüberführt. Wir beschränken uns darum hier auf die Hervorhebung ihrer allgemeinen Entstehungsbedingungen.
Die relativ einfachste Form tritt uns in jenen Gefühlen entgegen, die den Denk- und Erkenntnissprocess begleiten, und die wir deshalb als die logischen Gefühle bezeichnen wollen. Jede Verbindung zweier logisch zusammengehöriger Vorstellungen ist von einem Gefühl der Ueber- einstimmung begleitet; gegen den Versuch widerstreitende Begriffe zu verknüpfen erhebt sich das Gefühl des Widerspruchs. Handelt es sich nicht um einen einzelnen Denkact, sondern um einen zusammengesetzten Erkenntnissprocess, so entstehen aus den Gefühlen der Uebereinstimmung und des Widerspruchs die der Wahrheit und Unwahrheit. Zwischen beiden liegt der Zweifel als ein oscillirender Gemüthszustand. Durch alle diese Gefühle entstehen außerdem Affecte von eigenthümlicher Färbung, in denen das Gelingen oder Misslingen der Gedankenver- bindungen, die Leichtigkeit oder Anstrengung des Gedankenlaufs sich ausprägt. In einem Stadium des Denkens, in welchem wir durchaus noch nicht im stände sind, die logischen Beweismittel für ein intellectuelles Resultat mit Sicherheit aufzuzeigen, wird dieses in der Regel schon von dem Gefühl vorausgenommen. (Vgl. oben S. 121 f.) In diesem Sinn ist daher das Gefühl der Pionier der Erkenntniss. Auf ihm beruht jener lo- gische Takt des praktischen Menschenverstandes wie des wissenschaftlichen Denkens, der dem Instinct verwandt erscheint.
Bezieht sich das logische Gefühl auf die Objecte unseres Denkens und ihr gegenseitiges Verhältniss, so entspringen aus dem subjectiven Bewusstsein unserer Denkacte und Handlungen die ethischen Gefühle. Unser Ich fühlt sich durch eine Handlung bald gefördert bald verletzt: es entstehen so als primitive Formen ethischer Gefühle die des gehobe- nen und gehemmten Selbstgefühls; und indem unser eigenes Selbst theilnimmt an den Vorstellungen und Gefühlen der Gemeinschaft, der es angehört, tritt zu dem Selbstgefühl das Mitgefühl. Die objectiven Handlungen, die diese Gefühle erregen, erzeugen außerdem die Affecte der Billigung und der Missbilligung. In den Anfängen der geistigen Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. aq 626 Psychische Verbindungen.
Entwicklung überwiegt das Selbstgefühl. Seine Läuterung erfährt es aber durch den fortgesetzten Kampf mit dem Mitgefühl, und diese ganze Aus- bildung ist an die Entwicklung des Selbstbewusstseins gebunden, zu dem das Selbstgefühl die subjective Componente bildet1. Fand sich das ur- sprüngliche sinnliche Selbstbewusstsein nur durch den sinnlichen Schmerz, den eigenen oder fremden, gestört, so wird allmählich, wie der eigene Körper als ein Stück der Außenwelt erscheint, so auch die sinnliche Em- pfindung ein relativ Aeußerliches. Hat sich das Selbstbewusstsein mehr und mehr auf die Thätigkeit des Wollens zurückgezogen, so wird der Wille, der Mittelpunkt des Selbstbewusstseins, nun auch zum Ausgangs- punkt der sittlichen Gefühle. Indem wir seiner Thätigkeit Zwecke setzen, werden Billigung und Missbilligung von der Erfüllung dieser Zwecke be- stimmt. So geschieht es, dass das sittliche Gefühl zur Aufstellung von Normen führt, die ihrerseits intellectuelle Erzeugnisse sind, bei denen sich die Reflexion die Bedingungen vergegenwärtigt, unter denen einer Willens- thätigkeit das Gefühl der Billigung oder Missbilligung entspricht. Da sich mit der Entwicklung des Bewusstseins diese Bedingungen ändern, so sind auch die sittlichen Normen nicht absolut unveränderlich, sondern entwicklungsfähig. Die Untersuchung dieser Entwicklung führt jedoch aus dem Gebiete der Individual- in das der Völkerpsychologie und der Ethik, denen darum auch die Betrachtung der specielleren Formen sittlicher Ge- fühle und ihrer psychologischen Entstehung anheimfällt.
Das nämliche gilt wo möglich in noch höherem Maße von einer dritten Entwicklungsform intellectueller Gefühle, von den religiösen Gefühlen. Sie finden von frühe an ihre Grundlagen in den allgemein- sten Affecten und Trieben, in Leid und Freude, Furcht und Hoffnung, Hass und Liebe; und sie empfangen ihre Anregungen durch die aus die- sen Affecten entspringenden Forderungen und Wünsche, die sich mehr und mehr mit dem Gefühl der Abhängigkeit des eigenen Seins von einem letzten Grund und Zweck der Dinge verbinden. Die Untersuchung der auf diesem Boden entstehenden und sich allmählich verselbständigenden religiösen Gefühle fällt aber auch hier wieder der Völkerpsychologie an- heim, da das individuelle Bewusstsein in diesem Fall, ebenso wie bei den sittlichen Gefühlen, von der Entwicklung der geistigen Gemeinschaft be- stimmt ist, der es angehört.
Als zusammengesetzte Resultanten aller dieser Gefühlsformen, darum als die verwickeltste Gestaltung der intellectuellen Gefühle überhaupt er- scheinen endlich die höheren ästhetischen Gefühle. Sie sind Producte der Verbindung ästhetischer Elementargefühle mit intellectuellen Gefühlen, Intellectuelle Gefühle, logischen, ethischen und religiösen, während außerdem einfache sinnliche Gefühle und Affecte als Elemente in sie eingehen. Indem auf diese Weise das ästhetische Gefühl alle andern Gefühle in sich schließt, ergreift es unser ganzes Gemüthsleben. Ein vollendetes Kunstwerk setzt das logische Gefühl in Spannung, es regt ethische und religiöse Gefühle an, erzeugt Affecte und sinnliche Gefühle, und als wesentliche Bestandtheile kommen dazu endlich jene ästhetischen Elementargefühle, die auf die Verbindung aller der andern Bestandtheile zurückwirken, indem sie zugleich die aus ihnen resultirenden Affecte mäßigen. So bilden die ästhetischen Elementar- gefühle hier die Träger der complexen Gefühle1. Die psychologische Analyse der höheren ästhetischen Gefühle hat daher theils Rechenschaft zu geben über die Entstehung des ästhetischen Totalgefühls aus seinen Bestandtheilen, theils hat sie die Bedingungen zu ermitteln, welche die Elementargefühle zu Trägern der gesammten ästhetischen Wirkung er- heben.
In ersterer Beziehung weichen nun sichtlich die verschiedenen Arten ästhetischer Hervorbringung in der mannigfaltigsten Weise von einander ab. Jede Kunstform wendet sich zunächst an eine bestimmte Gefühls- form, von der aus die übrigen in Bewegung gesetzt werden. So erzeugt die Musik Affecte, indem sie dieselben schildert und ihrer schließ liehen Lösung zuführt. Insofern sich aber die natürliche Lösung der Affecte in unserm Gemüth durch den Sieg des verniinftigen Wollens vollzieht, treten als seeundäre Bestandtheile der musikalischen Wirkung logische, ethische und religiöse Gefühle auf. Unter den bildenden Künsten ist die freieste die Architektur. Die einfachen Gestaltgefühle, Symmetrie, proportionale Gliederung u. s. w.; treten bei ihr als nächste Wirkungen auf. Durch die Auffassung der Größenverhältnisse wird zugleich das logische Gefühl befriedigt, und unter bestimmten Bedingungen, wenn die Formen den Grenzen unserer Auffassungsfähigkeit nahe kommen, kann das religiöse Gefühl erregt werden. Alle andern bildenden Künste sind in höherem Grade an die Erscheinungen gebunden, welche die äußere Natur bietet. Darum treten nun bei ihnen associative Beziehungen mehr in den Vordergrund. Doch fehlen diese, wie wir früher sahen, auch den einfachen Formverhältnissen nicht2. Am unmittelbarsten wendet sich endlich die Dichtkunst an die intellectuellen Gefühle in ihren verschiedenen Formen. Sie bilden hier den eigensten Inhalt des Kunstwerks, während die Musik solche immer erst aus der Bewegung und Lösung der Affecte erzeugen muss. Gerade darum streben aber vor allem diese Künste sich ergänzend zu verbinden, indem die Poesie zur Erweckung der ihrem Inhalt