SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Vgl. Cap. XVI, 2, S. 123 ff. 2 Vgl. oben Cap. XVI, S. 175 ff.

628 Psychische Verbindungen.

angemessenen Elementargefühle musikalische Formen wählt, Rhythmus und Klangharmonie.

Jenes Wechselverhältniss, in welchem die einzelnen Gefühlsformen stehen, um ein einheitliches ästhetisches Totalgefühl hervorzubringen, ist nun auch die Bedingung, die das ästhetische Elementargefühl zum Träger der höheren ästhetischen Wirkung macht. Die verschiedenen Arten desselben besitzen die sie vor andern Gefühlsformen auszeich- nende Eigenschaft, dass sie den Affecten sowohl wie den intellectuellen Gefühlen verwandt und eben dadurch geeignet sind, jedem höheren Ge- fühlsinhalt eine angemessene Form zu geben. Zunächst verdanken sie aber diese Vermittlerrolle dem Umstand, dass sie an die zusammen- gesetzten Vorstellungen als solche gebunden sind. So entspricht die Be- wegung des Rhythmus dem Verlauf der Affecte, das Harmoniegefühl ihrer Lösung. Nicht minder nähern sich Rhythmus, Harmonie und opti- sches Formgefühl den intellectuellen Gefühlen der Uebereinstimmung und •der Billigung, und an solche Grundformen intellectueller Wirkung können dann weitere xA^ssociationen sich anschließen, die in das Gebiet der ethi- schen und religiösen Gefühle hinüberreichen. Die nähere Analyse dieser Vorgänge muss jedoch der Aesthetik überlassen bleiben.

€>. Geistige Anlagen.

a. Intellectuelle Anlagen.

Mit den Namen Gedächtniss, Phantasie und Verstand bezeichnet die Sprache bestimmte Richtungen der geistigen Thätigkeit, die mit den Gesetzen der Vorstellungsverbindung in naher Beziehung stehen. So irrig es nun ist, wenn man jene Begriffe auf psychische Vermögen oder Kräfte specifischer Art bezieht, so bleibt denselben dennoch insofern eine gewisse Bedeutung gewahrt, als sie es uns gestatten, verwickelte Ergeb- nisse der Associationen und der Apperceptionsverbindungen in einem kurzen Ausdruck zusammenzufassen. Besonders aber erleichtern sie den Ueberblick über die mannigfaltigen individuellen Unterschiede der geistigen Anlage, deren Classification eine wichtige Aufgabe der descriptiven Psychologie ist.

Unter jenen drei Anlagen ist das Gedächtniss, das mit Rücksicht auf die in ihm vereinigten associativen und apperceptiven Processe oben (S. 583 fr.) erörtert worden ist, die Vorbedingung für alle andern. Da jede Reproduction einerseits eine centrale Sinneserregung, anderseits Bewusstsein voraussetzt, so hat auch das Gedächtniss eine physische und eine psychi- sche Seite. In physischer Beziehung ist der Grund desselben in jenen Geistige Anlagen. 62g, Veränderungen der Reizbarkeit zu suchen, die den Wiedereintritt einmal vorhanden gewesener Erregungsvorgänge erleichtern und auf diese Weise die Erscheinungen der Uebung herbeiführen1. Von diesem Gesichts- punkte aus hat man das Gedächtniss geradezu als eine Function des Gehirns oder selbst als eine allgemeine Eigenschaft der Materie bezeichnet2. Aber da wir den Begriff des Gedächtnisses im psychologischen Sinne nur mit Rücksicht auf den Wiedereintritt von Bewusstseinsfunctionen statuiren können, so ist nicht zu übersehen, dass sich eben auch durch die Betheiligung des Bewusstseins das Gedächtniss von andern Formen der Einübung unterscheidet. Wie wir überhaupt die Verbindung der Empfindungen und Vorstellungen als eine Bedingung des Bewusstseins erkannten, so kommt diese verbindende Thätigkeit auch gegenüber den reproducirten Vorstellungen zur Geltung. Alle Reproduction geht von den Vorstellungen aus, die sich jeweils im Bewusstsein befinden, und das Vorhandensein der unbewussten Dispositionen lässt die Vorstellungen nicht wieder lebendig werden, wenn in dem Bewusstsein selbst nicht die er- forderlichen Bedingungen für die Anknüpfung von Associationen vorhanden sind. In einzelnen Fällen mögen die letzteren unserer Wahrnehmung entgehen; dass sie allein die entscheidenden Motive für die Erneuerung der Vorstellungen abgeben, kann aber um so weniger zweifelhaft sein, als selbst in jenen Fällen scheinbar unvermittelter Verknüpfung oft genug eine genauere Nachforschung das associative Band nachträglich auffindet. Wenn wir also nicht annehmen wollen, dass das innere Geschehen ge- legentlich causalitätslos sei, so werden wir nicht umhin können, die von actuellen Vorstellungen ausgehende associative Wirkung als den eigent- lichen Grund der Reproduction anzusehen. Die unbewusst vorhandenen Dispositionen und der Grad ihrer Einübung sind nur dafür bestimmend, welche Vorstellungen überhaupt in das Bewusstsein eintreten können; der wirkliche Eintritt einer gegebenen Vorstellung aber wird stets durch den Zustand des Bewusstseins selber veranlasst. Hieraus geht hervor, dass es unrichtig ist, wenn man alle Verbindungen der Vorstellungen auf die un- bewussten Dispositionen der Seele und des Gehirns zurückführt und erst die fertigen Verbindungen in das Bewusstsein eintreten lässt3. Auch hier wird im Grunde wieder das Bewusstsein als ein Ding für sich gedacht, das von seinen Vorstellungen verschieden sei, und das Unbewusste ge- winnt den Charakter einer geheimnissvollen und wunderthätigen Werk- stätte, die dem Bewusstsein gar nichts zu leisten übrig lässt als eben dies, 2 Hering, Ueber das Gedächtniss als eine allgemeine Function der organischen Ma- terie2, 1876. Hensen, Ueber das Gedächtniss, Rectoratsrede, 1877.

530 Psychische Verbindungen.

dass es die Vorstellungen und Denkacte in bewusste umwandelt. Die Verbindung der elementaren Empfindungen und der aus ihnen entstandenen Vorstellungen ist aber gerade die Function des Bewusstseins, oder viel- mehr: Bewusstsein ist dort vorhanden, wo diese Function in unserer un- mittelbaren Wahrnehmung zur Erscheinung kommt. Darum ist nun auch die Ausbildung des Gedächtnisses durchaus an jene Continuität des Be- wusstseins geknüpft, die schließlich in dem entwickelten Selbstbewusstsein ihren Abschluss findet. In die früheste Kindheit reicht unser Gedächtniss nicht mehr zurück, und es beginnt in der Regel mit irgend einem leb- haften lust- oder unlusterregenden Eindruck, der eine starke Einwirkung auf unser Selbstgefühl ausgeübt hat. Jene permanenten Vorstellungen, die sich auf unser Selbst beziehen, bilden dann auch für das entwickelte Gedächtniss die bleibende Mitte, um die sich alle Erinnerungsvorstellungen gruppiren. Der frühesten Lebenszeit und den niederen Thieren fehlt nicht überhaupt das Gedächtniss, aber es ist ein kurzdauerndes, fragmentarisches, nicht ein continuirliches, wie bei entwickeltem Selbstbewusstsein. Nur in dem letzteren gewinnt daher auch der Act des Erinnerns seine eigen- thümliche psychologische Bedeutung: er ist keine bloße Erneuerung früher dagewesener Vorstellungselemente, sondern er enthält stets zugleich eine Beziehung auf den constanten Gefühls- und Vorstellungsinhalt des Be- wusstseins.

Der hier angedeutete Unterschied der Erneuerung und der Er- innerung der Vorstellungen bewirkt es, dass auch der Begriff des Gedächtnisses in zwei Bedeutungen, in einer weiteren und zugleich niedrigeren und in einer engeren oder höheren, gebraucht werden kann. Im weiteren Sinne ist das Gedächtniss lediglich die Fähigkeit einer Er- neuerung von Vorstellungsinhalten, ohne dass dabei den letzteren eine Beziehung zu früher gehabten beigelegt wird. Im engeren Sinne wird die reproducirte Vorstellung als solche wiedererkannt, und sie wird auf diese Weise mit der Vergangenheit des Bewusstseins in Beziehung gebracht. Dieses eigentliche Gedächtniss schließt daher eine Art »Locali- sation in der Zeit« ein1. Es genügt dazu nicht die Reproduction der einzelnen Vorstellung, sondern mit ihr müssen andere, die ihr Verhältniss zu dem Gesammtverlauf der Bewusstseins Vorgänge bestimmen, erneuert werden. Diese Hülfsvorstellungen aber gehören zum größten Theile jener constanten Gefühls- und Vorstellungsgruppe an, mit der das Selbstbe- wusstsein verwachsen ist. Darum wird die genaue Vergegenwärtigung eines früheren Erlebnisses so wesentlich durch die Erinnerung an die näheren Umstände unterstützt, in denen wir uns zur Zeit des Erlebnisses befunden haben.

1 Ribot, Les maladies de la memoire, 1881, p. 32 ff.

Geistige Anlagen. ^,j Bei der bald als bleibende Anlage bald vorübergehend oder als normale Alterserscheinung vorkommenden Schwäche des Gedächt- nisses können hiernach schon nach ihren allgemeinen Bedingungen ver- schiedene Seiten der Gedächtnissfunction verändert sein. Entweder kann sie auf mangelhafter oder für zahlreiche Vorstellungen gänzlich fehlender Erneuerung der Vorstellungen beruhen, oder es kann zwar diese von statten gehen, aber der Erinnerungsact, die Beziehung auf frühere Erleb- nisse des eigenen Bewusstseins, kann mehr oder weniger gestört sein. Der erste Fall bedingt die Erscheinungen der gewöhnlichen Gedächtniss- schwäche, im zweiten entstehen die Erscheinungen der sogenannten Un- besinnlichkeit, die sich außerdem mit Gedächtnisstäuschungen verbinden können. Innerhalb dieser Hauptformen der Störung können dann noch mannigfache Unterformen entstehen, die in augenfälligster Weise in den verschiedenen Störungen des Sprachgedächtnisses ihren Ausdruck finden und bereits früher erörtert worden sind1.

Die Phantasie wird von dem Gedächtnisse gewöhnlich als diejenige Eigenschaft unterschieden, vermöge deren wir Vorstellungen in veränderter Anordnung reproduciren können. Doch diese Begriffsbestimmung ist eine durchaus unzureichende. Es ist zwar richtig, dass die Phantasie die Elemente, aus denen sie ihre Verbindungen bildet, dem Schatz des Ge- dächtnisses entnehmen muss; doch bei den Functionen, die wir noch ganz und gar auf das letztere beziehen, fehlt es keineswegs an veränderten Anordnungen, ja keine einzige Erinnerung liefert uns das früher Erlebte ohne jede Veränderung. Das unterscheidende Kennzeichen der Phantasie liegt vielmehr in der Art. der Verbindung der Vorstellungen. Das Gedächtniss bietet diese lediglich nach Maßgabe der associativen Ver- bindungen, in denen sie stehen, dem Bewusstsein dar. Die Aufeinander- folge der Erinnerungsbilder, die als Erzeugnisse des bloßen Gedächtnisses betrachtet werden, entspricht daher ganz dem losen und unbestimmt be- grenzten Verlauf der Associationsreihen. In der Phantasiethätigkeit dagegen ist in allen Fällen, mag bei ihr auch noch so sehr die regulirende Wirk- samkeit des Willens zurücktreten, eine Verbindung nach einem bestimmten Plane nachzuweisen. Jede Phantasiethätigkeit beginnt mit irgend einer Gesammtvorstellung, die zunächst nur in unbestimmten Umrissen vor dem Bewusstsein zu stehen pflegt; dann treten die einzelnen Theile successiv klarer hervor, und es entwickelt sich so das Phantasieerzeugniss, indem sich die ursprüngliche Vorstellung in ihre Bestandtheile gliedert. Was 1 Vgl. Bd. i, S. 307 ff. und außer der dort angeführten Litteratur Ribot, Les maladies de la memoire, Chap. II — IV. Charlton Bastian, Ueber Aphasie und andere Sprachstö- rungen, deutsche Ausg., 1902. Ueber typische und Altersunterschiede des Gedächtnisses sowie über die Bedingungen erhöhter und verminderter Gedächtnissleistung s. oben S. 592ff- 632 Psychische Verbindungen.

diese Thätigkeit von dem logischen Gedankenprocess unterscheidet, ist einerseits die sinnliche Lebendigkeit und Anschaulichkeit der. Vorstellungen, anderseits das Fehlen der begrifflichen Elemente und ihrer sprachlichen Symbole, an deren Stelle eben die sinnlichen Einzelvorstellungen an dem Vorgange theilnehmen. So ist die Phantasiethätigkeit ein Denken in Bildern. Sie ist in der allgemeinen wie in der individuellen Entwicklung des Geistes zweifellos die ursprüngliche Form des Denkens, die sich all- mählich erst in Folge der an die Bildung der Sprache geknüpften psy- chologischen Vorgänge in die logische Gedankenform umwandelt. Gleich- wohl bleibt neben dieser auch das anschauliche Wirken der Phantasie bestehen, und es bereitet in nicht seltenen Fällen die logische Gedanken- thätigkeit vor, indem es deren allgemeinere Verknüpfungen in concreterer Gestalt vorausnimmt. Darum kann man mit Recht sagen, dass auch an wissenschaftlichen Schöpfungen die Phantasie ihren Antheil habe. Die künstlerische Thätigkeit aber hat ihre hohe Bedeutung darin, dass sich bei ihr die intellectuellen Functionen vorwiegend in der Form der Phan- tasiethätigkeit vollziehen, Uebrigens können wir eine doppelte Wirksamkeit der Phantasie unter- scheiden: eine passive und eine active. Einigermaßen entspricht diese Gegenüberstellung derjenigen der passiven und activen Apperception. Pas- siv ist unsere Phantasie, wenn wir uns dem Spiel der Vorstellungen über- lassen, die von irgend einer Gesammtvorstellung angeregt werden; activ ist sie, wenn von den bei einer solchen Zerlegung sich darbietenden Vor- stellungen einzelne ausgewählt werden, so dass sich planmäßig das Einzelne zu einem Ganzen zusammenfügt. Auch diese beiden Richtungen der Phantasie bilden aber keineswegs Gegensätze; vielmehr bietet die passive der activen Phantasie das Material, aus dem diese ihre Erzeugnisse formt. Die passive Phantasie ist fast fortwährend in uns wirksam. Insbesondere ist eine be- vorstehende Handlung oder die Zukunft überhaupt ein Object der Phan- tasiethätigkeit. Zunächst steht die zukünftige Handlung in ihren allgemeinen Umrissen vor uns, dann zerfließt sie in ihre einzelnen Acte. Ebenso können wir aber in die vergangene Zeit, in Ereignisse, die wir selber erlebt haben, oder über die uns berichtet wird, oder sogar in ein ganz imaginäres Geschehen uns hineinphantasiren. Noch passiver als in diesen Fällen erscheint endlich die Wirksamkeit der Phantasie, wenn man irgend eine zufällig aufgegriffene Vorstellung im Bewusstsein festhält,, um sie kaleidoskopartig in allerlei phantastische Gestaltungen sich entfalten zu lassen, wie solches sehr anschaulich Goethe nach seinen Selbstbeobach- tungen schildert1. Die passive Phantasie in allen diesen Formen wirkt 1 Vgl. die schon oben (S.478) angeführte Schilderung, dazu auch denSchluss des neunten Capitels der Wahlverwandtschaften (Aus Ottiliens Tagebuch), Weimarer Ausg., Bd. 20, S. 309.

Geistige Anlagen. 5^5 um so lebhafter und unwiderstehlicher, je mehr das logische Denken zurücktritt, daher vor allem beim Naturmenschen und beim Kinde. Leicht verbindet sie sich dann mit entsprechenden äußeren Handlungen, Sprach- äußerungen und pantomimischen Bewegungen, und oft werden beliebige äußere Objecte benutzt, um, nachdem sie selbst durch Assimilation phan- tastisch umgestaltet sind, den Verlauf der übrigen Phantasievorstellungen an sie anzuknüpfen. So benutzt das Kind seine Puppe, die Bilder seines Bilderbuches und andere Spielsachen, nicht selten aber auch beliebige Objecte, die ihm zur Hand sind, Tische und Stühle, Stöcke und Steine. Der Erzieher hat nicht zu übersehen, dass alle active Phantasiethätigkeit aus dieser passiven sich entwickeln muss, und dass daher vor allem das Spiel, dies hauptsächlichste Erziehungsmittel der Phantasie, nicht müssig beschäftigen, sondern das eigene Handeln des Kindes herausfordern und üben soll. Auch sind die Gefahren nicht zu unterschätzen, die ein Ueber- wuchern der passiven Phantasiethätigkeit für das Kind und oft noch für den Erwachsenen mit sich bringt.

Die active Phantasie liegt jeder Art künstlerischer Schöpfung zu Grunde, und in gewissem Grade ist sie an allen andern schöpferischen Erzeugnissen des menschlichen Geistes betheiligt, an den Erfindungen der Technik so gut wie an den Entdeckungen der Wissenschaft. Bei keiner dieser Schöpfungen setzt sich das Ganze mosaikartig aus seinen Theilen zusammen, sondern es steht zuerst im Bewusstsein: es bildet die Idee des Kunstwerks, die oft blitzartig aufleuchtende Conception einer intellectuellen Schöpfung; dann erst gliedert es sich in seine einzelnen Bestandtheile, wobei freilich manches aufgenommen wird, was ursprünglich nicht geplant war, oder sogar die Idee selbst wesentliche Umgestaltungen erfährt. Nichts kann aber verkehrter sein, als die Meinung, die ursprüngliche Idee des Kunstwerkes müsse in der Form eines logischen Denkactes in der Seele des Künstlers liegen. Die ästhetische Analyse kann es gelegentlich ver- suchen, eine solche Uebertragung in die logische Gedankenform nach- träglich vorzunehmen. Doch wo das Kunstwerk selbst diesen Ursprung nimmt, da setzt es sich in Widerspruch mit den eigensten Gesetzen der Phantasie. Der wahre Künstler wird nie darüber Auskunft geben können, welchen Zweck er bei einer bestimmten Schöpfung im Auge hatte: wie die Ausführung seiner Idee den Gedanken nur in anschaulichen Bildern darstellt, so lag die Idee selbst nur in der Form der Anschauung in ihm. Der symbolisirenden Kunst und der lehrhaften Poesie mag darum immer- hin ihr Werth bleiben; doch sind sie so wenig wie die Erzeugnisse des Kunstgewerbes reine Kunstschöpfungen, sondern intellectuelle Erzeugnisse in künstlerischer Form.

Als Verstandesanlasfe bezeichnen wir schließlich die Anlage des 634 Psychische Verbindungen.

Bewusstseins zu Processen des logischen Denkens oder zu jenen apper- ceptiven Verbindungen, bei denen die Vorstellungen die -Bedeutung von Begriffen besitzen. Wie wir die Phantasiethätigkeit ein Denken in Bildern nannten, so könnte man daher die Verstandesthätigkeit füglich auch als ein Phantasiren in Begriffen bezeichnen. Der Unterschied beider Func- tionen liegt eben wesentlich darin, dass die eine die Einzelvorstellungen als solche verkettet, so dass sich in diesen die sinnliche Lebendigkeit der wirklichen Welt spiegelt, während bei der andern die einzelne Vor- stellung die Repräsentantin eines Begriffs ist, daher sie in dem Maße an Anschaulichkeit verliert, als sie in mannigfaltige Beziehungen zu andern Begriffen tritt, bis schließlich bei den abstracten Objecten des Denkens die im Bewusstsein vorhandene Vorstellung nur noch als willkürliches Zeichen für jene Beziehungen Geltung hat. Dieser äußere Unterschied ist natürlich nur der Reflex der tiefer liegenden Verschiedenheiten beider Formen des Denkens. Die Zwecke, die wir bei ihren vollkommeneren Erzeugnissen, der künstlerischen und der wissenschaftlichen Leistung, vor- aussetzen, weisen deutlich auf diese Verschiedenheiten zurück. Von dem Kunstwerk verlangen wir, dass es uns in einzelnen Gestaltungen und Erlebnissen, die den vollkommeneren Erscheinungen der Wirklichkeit gleichen, in sich abgeschlossene Bilder dieser Wirklichkeit vorführe, welche uns den Inhalt des Geschauten unmittelbar mit erleben lassen. Von der wissen- schaftlichen Leistung fordern wir, dass sie gewisse allgemeingültige Be- ziehungen des Wirklichen feststelle, die sich in der einzelnen Erscheinung bewähren. Demnach ist auch für das gewöhnliche Denken die Grenze zwischen Phantasie- und Verstandesthätigkeit so zu ziehen, dass die letztere beginnt, sobald die Vorstellungen begriffliche Bedeutung gewinnen. Was wir als Denken zu bezeichnen pflegen, das ist bald Phantasie- bald Ver- standesthätigkeit, und in dem normalen Verlauf unserer Vorstellungen greifen diese beiden Functionen so innig in einander ein, dass selten nur in der einen oder nur in der andern Form eine Gedankenreihe ablaufen wird.

Gedächtniss, Phantasie und Verstand pflegen mit Rücksicht auf die Rich- tungen und Grade, in denen sie ausgebildet sind, noch mit verschiedenen Attributen belegt zu werden. So nennt man das Gedächtniss umfassend, wenn es viele und verschiedenartige Vorstellungen bereit hält, treu, wenn es die früheren Vorstellungen genau reproducirt, und wenn die Dispositionen lange Zeit festgehalten werden, leicht, wenn es nur einer kurzen Einwirkung der Eindrücke bedarf, um eine Wiedererweckung möglich zu machen. Außer- dem pflegt man das mechanische und das logische Gedächtniss zu unterscheiden. Unter dem ersteren versteht man das Festhalten der Asso- ciationen, unter dem letzteren dasjenige der apperceptiven Verbindungen. Es geht hieraus schon hervor, dass das logische Gedächtniss nur noch theilweise der eigentlichen Gedächtnissfunction zufällt, und dass es zu einem andern Geistige Anlagen.

Theil in das Gebiet der Phantasie- und Verstand esthätigkeit hinüberreicht. Schon der Umstand, dass wir eine Gedankenverbindung, die vermittelst ihrer logischen Beziehungen festgehalten wird, in der Regel in veränderter Anord- nung reproduciren, weist auf eine derartige Betheiligung hin. Im Gedächt- niss festgehalten wird dabei zunächst nur eine Gesammtvorstellung: die Art ihrer Zerlegung bleibt unserer Phantasie- und Verstandesthätigkeit überlassen; im Verlauf einer solchen Zerlegung bilden aber dann außerdem die einzelnen appercipirten Vorstellungen Associationshülfen für andere, die früher mit ihnen verbunden waren. Wegen dieses, Ausgehens von Gesammtvorstellungen ist das logische Gedächtniss weit umfassender als das mechanische, das nur von einer Vorstellung zur andern mittelst der Association fortschreitet, darum aber auch leicht in Verwirrung geräth, sobald nur an einer Stelle die Associations- reihe unterbrochen wird. Ferner spielen die Associationsformen bei den ver- schiedenen Anlagen des Gedächtnisses, speciell des mechanischen, eine nicht unwichtige Rolle. Insbesondere gehören hierher die schon oben (S. 592) er- wähnten Formen des visuellen und des akustisch-motorischen Gedächtnisses. Ein Prediger mit visuellem Gedächtniss behält vielleicht jede Seite und Zeile seiner memorirten Predigt im Gedächtniss und liest sie in Gedanken vor seinen Zuhörern ab; er kann nicht anders als in dieser Form memoriren, die hingegen demjenigen, dessen Gedächtniss die akustisch-motorische Form hat, völlig ' unmöglich wird.

Nicht minder groß sind die Unterschiede des Gedächtnisses hinsichtlich der Intensität und Deutlichkeit der Erinnerungsbilder. Bei den meisten Men- schen werden die Gesichtsempfmdungen am vollkommensten reproducirt; ihnen können sich- die Schallvorstellungen nähern, während bei dem Tast-, dem Geruchs- und Geschmackssinn in der Regel, wie es scheint, eine Wieder- erneuerung qualitativ bestimmter Empfindungen, wie des Warmen, Sauren, Bittern, völlig unmöglich ist (siehe oben S. 132). Die Erinnerungsbilder des Gesichtssinns erscheinen bei vielen erwachsenen Personen als völlig farblose, auch in den Conturen undeutliche Zeichnungen: bei andern sind zwar die Conturen deutlich, aber die Farben werden nicht reproducirt; bei noch andern sind die Erinnerungsbilder farbig, aber viel blasser als die unmittelbaren Sinnesvorstellungen. Lebhafter sind die Erinnerungsbilder in der Jugend, und es scheint ihnen hier fast niemals die Farbe zu fehlen. In reiferem Alter bewahren sie, wie es scheint, um so mehr ihre ursprüngliche Frische, je mehr dem Bewusstsein der Verkehr mit äußeren Naturobjecten geläufig ist, während sie bei Gelehrten, die sich fast ausschließlich mit abstracten Gegenständen beschäftigen, zuweilen so blass und undeutlich werden, dass die Individuen selbst an dem thatsächlichen Vorhandensein von Empfindungen zweifeln1. Dabei mag übrigens die früher geschilderte fragmentarische und wechselnde Beschaffenheit der Erinnerungsbilder, die man bei unzulänglicher Selbstbeob- achtung mit einer Nichtexistenz derselben verwechseln kann, eine Rolle spielen. Außer in ihrer Intensität, Deutlichkeit und Veränderlichkeit pflegen sich end- lich die Erinnerunosbilder noch in einigen andern Beziehungen zu unter- scheiden. So werden entfernte Gesichtsobjecte fast immer verkleinert vor- gestellt, was damit zusammenhängen dürfte, dass wir uns dieselben näher denken, als wir sie in der Wirklichkeit zu sehen pflegen. Ferner hat Fechner 636 Psychische Verbindungen.

bemerkt, dass man sich in dem unsichtbaren Theil des äußeren Gesichtsraums, also hinter dem Rücken, die Erinnerungsbilder schwieriger denken kann als vor dem Auge: manchen Beobachtern scheint ersteres sogar ganz unmöglich zu sein1.

Bei Phantasiebegabung und Verstandesanlage lassen sich ebenfalls je zwei Hauptrichtungen unterscheiden. Bald hat die individuelle Phantasie in hohem Grade die Eigenschaft, den Vorstellungen, die sie dem Bewusstsein vorführt, lebendige Anschaulichkeit zu verleihen, bald ist sie mehr dazu angelegt man- nigfache Combinationen der Vorstellungen auszuführen: das erste wollen wir die anschauliche, das zweite die combinirende Phantasie nennen. Eine hochgradige Ausbildung in beiden Richtungen ist selten, denn je größer die sinnliche Stärke der einzelnen Phantasievorstellungen, um so schwerer wird es der Apperception, rasch zwischen ihnen zu wechseln. Die individuelle Verstandesanlage dagegen unterscheidet sich hauptsächlich nach der vorwie- genden Richtung der apperceptiven Verbindungen. Der inductive Verstand ist geneigt, die einzelnen Thatsachen zu begrifflichen Formen zu verbinden; der deductive Verstand ist in höherem Grade geneigt, den durch das Den- ken erzeugten begrifflichen Formen das Einzelne unterzuordnen: jener liebt es daher Erfahrungen zu sammeln und aus ihnen begriffliche Generalisationen zu entwickeln, dieser sucht aus allgemeinen Begriffen und Regeln Folgerungen zu ziehen oder ein allgemeines Princip in seine einzelnen Fälle und Anwen- dungen zu zerlegen.

Die wichtigsten Unterschiede der geistigen Richtung entspringen nun aus der Verbindung bestimmter Eigenschaften der Phantasie mit bestimmten An- lagen des Verstandes. Die hieraus resultirende geistige Disposition pflegt man das Talent zu nennen. Da sich jede der beiden vorhin unterschiedenen Richtungen der Phantasie mit jeder der beiden Richtungen des Verstandes verbinden kann, so lassen sich füglich vier Hauptformen des Talentes unterscheiden, nach dem folgenden Schema: Verstandesanlage: Phantasie: Inductive Deductive Anschauliche Beobachtendes Zergliederndes Combinirende Erfinderisches Speculatives Talent