Die inductive Anlage in Verbindung mit der anschaulichen Phantasie bildet das beobachtende Talent des beobachtenden Naturforschers, des praktischen Psychologen und Pädagogen und überhaupt des Mannes der praktischen Le- benserfahrung; es begründet die Fähigkeit des Dichters, des bildenden und darstellenden Künstlers seinen Gestalten Lebenswahrheit zu verleihen. Die inductive Anlage im Verein mit der combinirenden Phantasie bildet das er- finderische Talent. Es ist dem Entdecker und Erfinder in der Technik, Industrie und Wissenschaft eigen; es begründet beim Dichter und Künstler die Fähigkeit der Composition, der zweckmäßigen Verbindung und Anordnung der Theile des Kunstwerks. Die deductive Anlage im Verein mit der an- schaulichen Phantasie bildet das zergliedernde Talent des systematischen Naturforschers und Geometers; bei dem morphologischen Systematiker, einem Fechner. Psychophysik, Bd. 2, S. 479.
Geistige Anlagen. 5^-7 Linne und Cuvier, wiegt die anschauliche, bei dem Geometer, einem Gauss und Steiner, die zergliedernde Seite dieses Talentes vor. Aus der deductiven Anlage im Verein mit der combinirenden Phantasie entspringt endlich das speculative. Talent des Philosophen und des Mathematikers, mit einem Uebergewicht der combinirenden Phantasie bei dem ersteren, des deductiven Verstandes bei dem letzteren. Natürlich finden sich alle diese Formen des Talentes bis zu einem gewissen Grade stets vereinigt. Hervorragende Talente sind aber bekanntermaßen meist einseitig; insbesondere sind solche Talente selten verbunden, die eine entgegengesetzte Richtung sowohl der Phantasie wie des Verstandes voraussetzen, also das beobachtende und das speculative. das erfinderische und das zergliedernde Talent.
b. Gemüthsanlagen.
Auch für die Unterscheidung- der specifischen Anlagen des indivi- duellen Bewusstseins für die Gemütsbewegungen, also für Gefühle, Affecte und Willensvorgänge, bringt uns die Sprache gewisse aus der praktischen Beobachtung- gewonnene Begriffe entgegen. Sie sind in den Ausdrücken Temperament und Charakter enthalten. Unter ihnen können wir das Temperament als die »Affectanlage«, den Charakter als die »Willensanlage« eines Menschen definiren.
Was die Erregbarkeit in Bezug auf die sinnliche Empfindung, das ist in der That das Temperament in Bezug auf den Affect. Wie wir eine dauernde Erregbarkeit und daneben fortwährende Schwankungen derselben unterscheiden können, so zeigt sich das Temperament theils als ein dauerndes theils in der Form wechselnder Temperamentsanwandlungen, die von äußern und innern Ursachen abhängen können. Die alte Unterscheidung der vier Temperamente, welche die Psychologie den medicinischen Theorien des Galen entlehnte, ist, so obsolet für uns ihre humoralphysiologische Grundlage, die Beziehung auf die vier »Cardinal- säfte« (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) geworden ist, doch, wie es scheint, aus einer feinen psychologischen Beobachtung individueller Verschiedenheiten der Menschen entsprungen1. Sie hat darum auch heute ihre Brauchbarkeit nicht eingebüßt, wo jene Vorstellungen, aus denen einst die Namen des sanguinischen, melancholischen, cholerischen und phlegmatischen Temperamentes hervorgingen, längst beseitigt sind Charakteristischer als diese Ausdrücke sind übrigens vielleicht die Ver- deutschungen, die Kant2 gebraucht: leicht- und schwerblütig, warm- und kaltblütig. Die Viertheilung lässt sich rechtfertigen, insofern wir in dem individuellen Verhalten der Affecte zweierlei Gegensätze unterscheiden 1 Ueber die Geschichte der Temperamentenlehre in der Medicin vgl. Henle, Anthro- pologische Vorträge, 1. Heft, 1876, S. 118 ff.
6^8 Psychische Verbindungen.
können: einen ersten, der sich auf die Stärke, und einen zweiten, der sich auf die Schnelligkeit des Wechsels der Gemütsbewegungen bezieht. Zu starken Affecten neigt der Choleriker und Melancholiker, zu schwachen der Sanguiniker und Phlegmatiker. Zu raschem Wechsel ist der Sanguiniker' und Choleriker, zu langsamem der Melancholiker und Phlegmatiker disponirt. Unterscheiden wir demnach starke und schwache, schnelle und langsame Temperamente, so übersieht man die ganze Ein- theilung in folgender Tafel: Starke Schwache Schnelle Cholerisch Sanguinisch Langsame Melancholisch Phlegmatisch In diesen Verhältnissen scheint mir mehr als, wie Kant meinte, in der Beziehung zu Gefühl oder Handlung das Wesen der Temperamente zu liegen. Auch die sonstigen Eigenthümlichkeiten derselben lassen sich leicht mit diesen zwei Hauptgegensätzen in Zusammenhang bringen. Be- kanntlich geben sich die starken Temperamente, das cholerische und melancholische, mit Vorliebe den Unluststimmungen hin, während die schwachen als eine glücklichere Begabung für die Genüsse des Lebens gelten. Dies hat seinen Grund in jener Erfahrung, auf welche die pessi- mistische WTeltansicht so großen Werth legt, dass die Summe der kleinen Leiden, von denen unsere Existenz umgeben ist, auf den, der durch schwache Eindrücke in starken Affect geräth, im ganzen eine größere Wirkung üben muss, als die erfreulichen Seiten des Daseins. Der Pessi- mismus beruht daher zunächst auf einer individuellen Temperaments- eigenthümlichkeit, die dann freilich auch den ethischen W^erth des Lebens nach ihrem dem Affect entlehnten Maßstabe zu schätzen liebt. Die beiden raschen Temperamente, das sanguinische und cholerische, geben sich ferner mit Vorliebe den Eindrücken der Gegenwart hin; ihre schnelle Beweglichkeit macht sie bestimmbar durch jede neue Vorstellung. Dem gegenüber sind die beiden langsamen Temperamente mehr auf die Zukunft gerichtet. Nicht abgezogen durch jeden zufälligen Reiz, nehmen sie sich Zeit den eigenen Gedanken nachzugehen. Der Melancholiker vertieft sich in die Gefühle, die eine freudlos erwartete Zukunft in ihm - anregt; der Phlegmatiker hält in zäher Ausdauer an einmal begonnenen Entwürfen fest. Endlich lässt auch Kants Unterscheidung diesem Rahmen sich einfügen. Das schnelle Temperament bedarf der Stärke, das schwache der Langsamkeit, wenn beide nicht in der bloß hingebenden Haltung gegenüber den wechselnden Eindrücken aufgehen sollen. So treten beide als Temperamente des Affects im engeren Sinne denen des Gefühls, dem sanguinischen und melancholischen, gegenüber.
Geistige Anlagen. ß^q Man hat bemerkt, die individuelle Bestimmtheit des Temperaments lasse sich auch noch auf größere Gruppen gleichartig angelegter Wesen ausdehnen. So zeigen die Menschenrassen, die einzelnen Völker und unter diesen wieder die provinziellen Abzweigungen charakteristische Temperamentsunterschiede. Nicht minder treffen wir solche bei den geistig entwickelteren Ordnungen, Familien und Arten des Thierreichs zum Theil in scharf ausgeprägter Weise, die in höherem Grade als beim Menschen die individuellen Färbungen ausschließt1. Da jedes Tempera- ment seine Vorzüge und Nachtheile hat, so besteht aber für den Menschen die wahre Kunst des Lebens darin, Affecte und Triebe so zu beherrschen, dass er nicht ein Temperament besitze, sondern alle in sich vereinige. Sanguiniker soll er sein bei den kleinen Leiden und Freuden des täglichen Lebens, Melancholiker in den ernsteren Stunden bedeutender Lebens- ereignisse, Choleriker gegenüber den Eindrücken, die sein tieferes Interesse fesseln, Phlegmatiker in der Ausführung gefasster Entschlüsse.
Wenn wir dem Temperament als der Affectanlage den Charakter als die Willensanlage gegenüberstellen, so liegt darin schon eingeschlossen, dass beide in engen Beziehungen zu einander stehen werden, wie denn auch der Sprachgebrauch sie vielfach vermengt und namentlich die Eigen- schaften des Temperaments dem Charakter zurechnet. Immerhin, wo sich eine schärfere Sonderung ausgebildet hat, da wird jenes mehr auf die unwillkürlichen, triebartigen Aeußerungen des Gemüths bezogen, während man der Beurtheilung des Charakters die besonnenen, vorbedachten Willens- handlungen zu Grunde legt. Uebrigens scheint, dass das Temperament mehr den Charakter als dieser jenes zu beeinflussen vermag, was wohl wiederum damit zusammenhängt, dass die Willensvorgänge selbst aus Affecten ihren Ursprung nehmen. Ebenso bringt es diese complexe Natur der Willensanlagen mit sich, dass scharf umschriebene Charakterformen kaum in ähnlicher Weise wie gewisse Grundformen des Temperaments einander gegenüberzustellen sind. Denn gewiss hat dies nicht darin seinen Grund, dass die Charaktere einförmiger, sondern eher darin, dass sie viel- gestaltiger sind als die Temperamente und daher weit mehr unabhängig neben einander hergehende Gesichtspunkte der Beurtheilung darbieten. Gleichwohl spricht sich der besondere Werth, den wir bei der Beurtheilung eines Menschen vor allem auf die einheitliche Willensrichtung legen, darin aus, dass wir meist, ohne uns auf die qualitative Bezeichnung seines Charakters näher einzulassen, schlechthin urtheilen, er habe Charakter, oder er habe keinen Charakter, wo nun eben im ersten Fall lediglich dies ausgesagt werden soll, dass die Willenshandlungen und die sie 6ao Psychische Verbindungen.
bestimmenden Motive eine consequente Richtung erkennen lassen. So spiegelt sich denn auch bei den diesen Urtheilen gleichbedeutenden Aus- drücken »fester Charakter« und »schwankender Charakter« in dem letz- teren unmittelbar das den zusammengesetzten Willensvorgängen eigene Schwanken der Motive. Die qualitativen Unterscheidungen, die neben diesen quantitativen am häufigsten vorkommen, sind dann bezeichnender Weise die des »guten« und des »schlechten« oder, wenn bei diesem contrastirenden Attribut die Verderbtheit der Gesinnung besonders hervor- gehoben werden soll, des »bösen« Charakters. Darin verräth sich wieder der eminente Werth, den wir auf die moralische Seite der Willensmotive legen. Alle weiteren Charaktereigenschaften heben daher zumeist nur besondere Richtungen des Handelns hervor, in denen sich die eine oder die andere dieser Grundformen des moralischen Charakters äußert: so die Treue, die Zuverlässigkeit, die Offenheit, die Wahrhaftigkeit auf der einen, die Untreue, Verschlossenheit, Verschlagenheit, Unzuverlässigkeit auf der andern Seite. Die nähere Schilderung dieser Charakterformen in ihren Verbindungen und in ihren Beziehungen zu den Temperamenten bildet jedoch einen Gegenstand der Charakterologie im weiteren Sinne dieses Wortes und der praktischen Psychologie.
Ebenso wie die speciellen Fragen der Charakterologie, so müssen hier die praktisch überaus wichtigen nach den Bedingungen und Hülfsmitteln für die Aus- bildung geistiger Anlagen überhaupt, besonders des Charakters, der angewandten Ethik und der Pädagogik überlassen bleiben. Nur ein vielverhandeltes, auch theoretisch bedeutsames Problem sei hier noch berührt: das der Vererbung der Geistesanlagen. Aus Anlass der großen Rolle, die in der Theorie der Entwicklung der Lebensformen die Frage der Vererbung spielt, ist von vielen Seiten auch auf die Vererbung der Geistesanlagen ein besonderer Werth gelegt worden. Bald hat man die Zeugnisse, die für eine solche zu sprechen scheinen, als Argumente für das sogenannte Vererbungsgesetz im allgemeinen herbeigezogen, bald hat man auf Grund der Annahme einer geistigen Vererbung die Steigerung oder Herabsetzung der geistigen Fähigkeiten in bestimmten Generationenreihen, oder aber auch gewisse allgemeine sociologische Erschei- nungen, wie Arbeitsth eilung und Berufsgliederung, zu erklären gesucht1. Gleich- 1 In ersterem Sinne hat namentlich Ribot in seinem eine reiche Sammlung hierher gehöriger Thatsachen enthaltenden Werk, L'Heredite psychologique 2, 1882 (deutsch von O. Hotzen, 1876), die Frage behandelt. Weitgehende psychologische und sociologische Folgerungen hat dann auf das Princip der Vererbung Herbert Spencer gegründet. Sie lassen sich am bequemsten übersehen in J. H. Collins' Epitome der Philosophie H. Spencers, deutsch von J. V. Carus, 1900, s. Register s. v. Erblichkeit. Speciell für die Theorie der Stände- und Berufsentwicklung hat endlich G. Schmoller vom Ver- erbungsprincip Gebrauch gemacht in seiner Abhandlung: Das Wesen der Arbeitstheilung und der socialen Klassenbildung, Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung u. s. w. Bd. 14, 1890, S. 45 ff. Die biologischen Thatsachen erörtert eingehend auf Grund statistischer Bearbeitung J. Orchansky, Etüde sur l'Heredite, 1894 (Mem. de l'Acad. de St. Petersbourg, Geistige Anlagen. 5/iI wohl muss eine unbefangene Prüfung der Zeugnisse hier bei dem Resultat stehen bleiben, dass zwar gewisse Vererbungseinflüsse auch auf geistigem Ge- biet zweifellos stattfinden, dass sich aber ein Uebergang bestimmter geistiger Anlagen, also specifischer Talente, Temperamente und Charaktere, von den Erzeugern auf ihre Nachkommen in einer irgend allgemeingültigen Weise nicht nachweisen lässt. In der Regel nimmt man an, die Vererbung der Anlagen zu Geisteskrankheiten, die sogenannte hereditäre Belastung, bilde ein besonders schlagendes Zeugniss. So sehr nun aber auch die Thatsache einer erblichen Disposition hier feststeht, so ist doch die Zahl der Fälle, wo Eltern und Nach- kommen der gleichen psychischen Störung verfallen, verhältnissmäßig klein, und auch hier sind die Beziehungen meist allgemeinerer Art: sie beschränken sich auf die Neigung zu Erkrankungsformen innerhalb der gleichen allgemei- nen Gattung psychischer Störungen; so wenn die manisch-depressiven Formen auf der einen und die Verrücktheit auf der andern Seite auch bei der Ver- erbung zusammengehörige und bis zu einem gewissen Grade einander aus- schließende Formen bilden. In sehr vielen Fällen erzeugt aber die vererbte krankhafte Anlage überhaupt in den folgenden Generationen Störungen von qualitativ abweichendem Charakter: so, wenn die Kinder des Alkoholikers zur Epilepsie oder die der Hysterischen zu Zwangsvorstellungen und andern dauernden Störungen tendiren1. Die Thatsache der erblichen Belastung be- steht also allgemein in der Vererbung einer Anlage zu Gehirnerkrankungen, die sich bei den verschiedenen Gliedern, bei denen sie zur Entwicklung kommt, in verschiedener Weise äußern kann, und die daher für die Ver- erbung ganz bestimmter functioneller Anlagen nichts Sicheres beweist. Aus einem andern Grunde ist ferner den Sammlungen individueller Fälle von Vererbung hervorragender geistiger Eigenschaften, namentlich von Talenten einer bestimmten Art, nicht allzu viel Gewicht beizulegen. Wenn man auf die Söhne bedeutender Musiker, Maler, Mathematiker u. s. w. hinweist, die selbst wieder auf den gleichen Gebieten Hervorragendes leisteten, so ist nicht zu übersehen, dass hier regelmäßig auch die Bedingungen zur Ausbildung eines Talentes ungewöhnlich günstige waren. Mozart würde vielleicht ein großer Componist geworden sein, auch wenn sein Vater kein tüchtiger Musiker gewesen wäre. Aber dass er es war, unterstützte natürlich die Ent- wicklung der vorhandenen Anlage. Auf der andern Seite darf man nicht vergessen, dass die Zahl der in einer bestimmten Richtung hoch begabte- Menschen, bei denen eine gleiche Anlage ihrer Voreltern nicht nachzuweisen ist, und derer, die solche Talente nicht oder doch nur in einem sehr ben scheidenen Maße auf ihre Nachkommen vererben, viel größer sein dürfte. Doch diese negativen Fälle werden, wie das eine solche Zufallsstatistik mit sich bringt, nicht gezählt. Endlich gibt es noch eine gewichtige Instanz, die gegen eine extensiv bedeutende Wirkung individueller geistiger Vererbungen spricht. Wäre eine solche eine regelmäßige Thatsache, und nicht bloß ein Factor neben sehr vielen andern, so würde im Laufe der Generationen nicht nur eine immer wachsende Steigerung der intellectuellen Leistungen über- haupt, sondern auch eine wachsende Differenzirung der Talente zu erwarten sein, welche die Berufstüchtigkeit, wo etwa durch Sitte oder sonstige Ein- flüsse der gleiche Beruf in einer Familie immer wieder gewählt wird, fortan 5a2 Anomalien des Bewusstseins.
steigern müsste. Davon ist aber im allgemeinen nichts zu bemerken. Eher kommen Fälle vor, die man für das Gegentheil anführen könnte, wenn nicht eben auch hier andere Einflüsse einen solchen Rückgang der Leistungsfähig- keit erklärten. Mag man also nach allem dem gleichwohl auch im Gebiet der geistigen Anlagen der Vererbung einen gewissen Einfiuss zuschreiben, so stützt sich doch diese Annahme eigentlich mehr auf die nicht zu bezweifelnde Vererbung genereller Anlagen, wie der Instincte (S. 279), sowie auf die Analogie mit der sicherer festzustellenden, wenngleich ebenfalls von mannig- fachen intercurrirenden Einflüssen durchkreuzten Vererbung physischer Eigen- schaften, als auf die directe Nachweisung. Diese scheint aber dafür zu sprechen, dass es seltener specifische Talente, als allgemeine Richtungen namentlich des Gemüths, also Temperamente und Charaktere sind, die von den Eltern auf ihre Nachkommen übergehen. Gerade bei den intellectuellen Geistesanlagen, als den verwickeltsten und individuellsten Producten der or- ganischen Entwicklung, spielen unverkennbar die andern Entwicklungsfactoren und die Lebenseinflüsse eine so überwiegende Rolle, dass im allgemeinen nur in vereinzelten Fällen, und wahrscheinlich häufiger bei den hemmenden als bei den fördernden Bedingungen erblicher Disposition, diese deutlich in den Vordergrund tritt. Alle jene weittragenden Hypothesen über die immer- währende Steigerung der sittlichen und gesellschaftlichen Eigenschaften des Menschen auf dem Weg der Vererbung gehören daher, an den Thatsachen gemessen, in das Gebiet metaphysischer und sociologischer Phantasien.
Zwanzigstes Capitel.
Anomalien des Bewusstseins.
1. Elementarstörungen des Bewusstseins.
Betrachten wir als Anomalien des Bewusstseins alle diejenigen Ver- änderungen, bei denen eine von dem normalen Verhalten abweichende Beschaffenheit der Vorstellungen oder ihres Verlaufes sowie der begleiten- den Gefühle und Affecte vorhanden ist, so können bei denselben zunächst die Veränderungen in der Beschaffenheit der einzelnen Vorstellungen und diejenigen im Zusammenhang und Verlauf der Vorstellungen unter- schieden werden. Die bedeutenderen Abweichungen von dem normalen Verhalten der einzelnen Vorstellungen bezeichnet man als Hallucina- tionen und Illusionen. Störungen in der Verbindung der Vorstellungen beobachtet man im Schlaf, in der Hypnose und bei der geistigen Störung. In allen diesen Fällen zeigen die Gemüthsbewegungen ein abnormes Verhalten, und häufig besitzen die einzelnen Vorstellungen Elementarstörungen des Bewusstseins. 643 wenigstens zum Theil den Charakter der Hallucinationen und Illusionen. Diese als die elementareren Formen stellen wir daher voran.
a. Hallucinationen.
Hallucinationen sind Erinnerungsbilder, die sich von den normalen nur durch ihre Intensität unterscheiden. Ihre häufigsten physiologischen Ursachen sind Hyperämie der Hirnhäute und der Hirnrinde, die Einwirkung toxischer Substanzen, wie Morphium, Haschisch, Alkohol, Aether, Chloro- form u. s. w., endlich die bei tiefen Ernährungsstörungen oder bei gänz- lichem Nahrungsmangel eintretende Anämie des Gehirns. Die gleichartige Wirkung scheinbar so verschiedener physiologischer Einflüsse beruht, wie man nach der Analogie mit andern Fällen automatischer Reizung an- nehmen darf, darauf, dass sich Zersetzungsproducte der Gewebe in der blutreichen Hirnrinde anhäufen, die zunächst die Reizbarkeit derselben erhöhen, dann aber auch selbst eine Reizung hervorbringen können1. Die Hallucinationen können in den verschiedenen Sinnesgebieten vor- kommen. Am häufigsten sind solche des Gesichtssinnes, sogenannte Visionen; ihnen zunächst beobachtet man Phantasmen des Gehörs, viel seltener des Tastsinns, des Geruchs und Geschmacks. Auch finden sich diese letzteren in der Regel nur in Begleitung von Phantasmen der höheren Sinne bei ausgebreiteteren Erkrankungen der Hirnrinde; dagegen sind Hallucinationen des Gesichts und Gehörs nicht selten isolirt zu beobachten. Aeußere Ursachen, aus denen vorzugsweise ein bestimmtes Sinnesgebiet heimgesucht wird, lassen sich meist nicht nachweisen. Doch ist bemerkens- werth, dass lange dauernde Einzelhaft zu Gehörshallucinationen, Aufenthalt im Finstern zu Visionen disponirt, offenbar weil der Mangel der betreffen- den Sinnesreize die Reizbarkeit der centralen Sinnesflächen steigert. Anderseits scheint aber die überhäufte Reizung der Sinne denselben Er- folg zu haben, da z. B. bei Malern vorzugsweise Phantasmen des Gesichts, bei Musikern solche des Gehörs beobachtet sind. Fortgesetzte Be- schäftigung mit einem und demselben Gegenstand kann sogar ein specielles Erinnerungsbild zur Lebhaftigkeit des Phantasma steigern2. Aus diesem Umstände dürfte sich auch die Thatsache erklären, dass durchschnittlich die Gesichtsphantasmen am häufigsten vorkommen, indem das Gesicht 1 Ueber Hallucinationen und Illusionen überhaupt vgl. von Krafft-Ebing, Die Sinnesdelirien, 1864. Kahlbaum, Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie, Bd. 23, S. 1 ff. Kraepelin, Psychiatrie6, Bd. 1, 1899, S. 102 ff. J. Störring, Vorlesungen über Psychopathologie, 2 So beobachteten Henle und H. Meyer, dass ihnen mikroskopische Objecte, die sie während des Tages untersucht hatten, in der Nacht mit voller Lebendigkeit im dunkeln Ge- sichtsfelde auftauchten. H. Meyer, Untersuchungen über die Physiologie der Nervenfaser, 1843, S. 56 ff. Aehnliche Beobachtungen bei Fechner, Psychophysik, Bd. 2, S. 499 ff.
6aa Anomalien des Bewusstseins.
jener Reizbarkeitssteigerung durch Ueberreizung am meisten ausgesetzt ist. Zugleich wirken hier wohl die starken Erregungsschwankungen der Retina wesentlich mit? die auch in dieser Beziehung einem in die Peripherie verlegten Centralgebiet gleichkommt (Bd. i, S. 423). Schwächere Visionen werden, gleich den Erinnerungsbildern, bei geschlossenem Auge deutlicher; sie können bei geöffnetem Auge und im Tageslicht ganz verschwinden. Dahin gehören namentlich die Erscheinungen, die Gesunde vor dem Ein- schlafen oder überhaupt im dunkeln Gesichtsfelde wahrnehmen. Es sind dies bald Erinnerungsbilder von ungewöhnlicher Stärke, bald Figuren ohne bestimmte Bedeutung, welche fortwährend in Form und Farbe wechseln, wobei aber dieses phantastische Spiel von dem Einfluss des Willens ganz unabhängig ist1. Zuweilen gesellen sich, wie ich finde, hierzu schwache Gehörsreize, oder diese treten auch ganz allein auf: einzelne Töne oder Worte, meist zusammenhangslos, klingen dem Einschlafenden ins Ohr; manchmal folgen diese Laute einander immer schneller, oder sie werden undeutlicher, als kämen sie aus zunehmend größerer Ferne, was dann gewöhnlich den Uebergang in den wirklichen Schlaf andeutet. Ich ver- muthe, dass bei diesen noch normalen Phantasmen der schwache Reizungs- zustand, in dem sich fortwährend unsere Sinnesorgane, namentlich das Auge, befinden, stark betheiligt ist. Nicht selten scheint es, als wenn sich jener Lichtstaub des dunkeln Gesichtsfeldes, den wir bei geschlossenem Auge wahrnehmen, unmittelbar zu den phantastischen Bildern entwickle. In diesem Fall würde die Erscheinung schon dem Gebiete der Illusion zufallen.
Erreicht die centrale Reizung höhere Grade, so entstehen die Halluci- nationen nicht bloß im Dunkeln oder bei geschlossenem Auge und in der Stille der Nacht, sondern im Licht und Geräusch des Tages. Nun vermischen sich dem Hallucinirenden die phantastischen Vorstellungen mit den wirklichen Sinneseindrücken, von denen er sie bald nicht mehr zu unterscheiden vermag. Wird der Reizungszustand der Hirnrinde rasch ermäßigt, so blassen sie allmählich ab, bevor sie ganz verschwinden, wie dies Nicolai an sich beobachtete2. Derselbe litt bei einer andern Ge- legenheit an schwächeren Visionen, die aber nur bei geschlossenem Auge zu sehen waren und verschwanden, sobald er die Augen öffnete3. Schon die vor dem Einschlafen eintretenden Gesichtsphantasmen sind übrigens zuweilen so lebhaft, dass ihnen, wie J. MÜLLER, H. MEYER u. A. bemerkt haben, Nachbilder folgen können4. In solchen Fällen scheint sich also 1 J. Müller. Ueber die phantastischen Gesichtserscheinungen. 1826. S. 23.
4 H. Meyer, Untersuchungen über die Physiologie der Nervenfaser, S. 241.
Elementarstörungen des Bewusstseins. 645 die Reizung von der centralen Sinnesfläche aus durch den centrifugalen Antheil der Opticusfasern auf die Netzhaut ausgebreitet zu haben1. Das nämliche wird von denjenigen Gesichtsphantasmen anzunehmen sein, die sich bei hellem Tage mit den Anschauungsvorstellungen vermischen. Auch verändern stärkere Visionen häufig bei den Bewegungen des Auges ihren Ort im Raum, wie man deutlich den Aeußerungen der Hallucinirenden entnehmen kann. Diese sehen da und dort, wohin sie blicken, Feuer oder Menschen, verfolgende Thiere u. s. w. In andern Fällen werden zwar die Phantasmen auf einen festen Ort bezogen; es ist aber wohl möglich, dass dann immer phantastische Umgestaltungen äußerer Sinnes- eindrücke, also eigentlich Illusionen, im Spiele sind2. Nur die schwächsten Phantasmen des dunkeln Gesichtsfeldes, die, den gewöhnlichen Einbil- dungsvorstellungen an Stärke wenig überlegen, wahrscheinlich ohne Mit- erregung der peripheren Nerven zu stände kommen, können, gleich den Erinnerungsbildern, bei der Bewegung des Auges unverändert bleiben3. Die allgemeine Form der Hallucination, ob sie z. B. als Gesichts- oder Gehörsvorstellung erscheint, ist ohne Zweifel von dem Ort der centralen Reizung abhängig. Außerdem ist die Stärke dieser Reizung wohl auch noch auf die besondere Beschaffenheit der Phantasmen von Einfluss. Bei den intensivsten Reizungszuständen treten lebhaft glänzende Gesichtsbilder, betäubende Schallerregungen auf. Hierher gehören nament- lich die häufigen Fälle, in denen hallucinirende Kranke überall Feuer- und Lichtmassen sehen. Im übrigen aber wird die Beschaffenheit der Phan- tasmen ganz ebenso wie die der Erinnerungsbilder durch die Associationen des individuellen Bewusstseins bestimmt. So bestehen die Hallucinationen Geisteskranker stets aus solchen Vorstellungen, die mit dem Erinnerungs- inhalt des bisherigen Lebens und mit der Gemüthsrichtung des Kranken deutlich zusammenhängen. Der religiöse Visionär verkehrt mit Christus, 2 Allerdings werden auch ähnliche Fälle anscheinend reiner Hallucinationen berichtet. So z. B. der folgende: Ein Herr H. sitzt lesend in seinem Zimmer; aufblickend gewahrt er einen Schädel, der auf einem Stuhl am Fenster liegt. Als er mit der Hand danach greift, ist er verschwunden. Vierzehn Tage darauf sieht er in einem Hörsaal der Universität Edinburg wieder den Schädel auf dem Katheder liegen. (Brierre des Boismont, Des Hallucinations 3, p. 573.) Erwägt man aber, wie leicht der Hallucinirende seine Phantas- men an die geringfügigsten Eindrücke heftet, an einen Schatten, einen Lichtschein u. dgl., so darf man auch hier einen Fall von Illusion vermuthen.
3 Dass sich sogar lebhafte Traumbilder, wenn sie nach dem Erwachen auf kurze Zeit festgehalten werden können, mit dem Auge bewegen, hat schon Gruithuisen be- merkt; derselbe hat überdies auch von solchen Traumempfindungen negative Nachbilder beobachtet (J. Müller, Phantastische Gesichtserscheinungen, S. 36). J. Müller widerspricht zwar der Bewegung; die Beobachtungen, auf die er sich bezieht, können aber wohl nur den schwächeren, von den Erinnerungsbildern wenig verschiedenen Hallucinationen an- gehören, bei denen die centrifugale Miterregung der peripheren Sinnesflächen nicht besteht.
6_i6 Anomalien des Bewusstseins.
mit Engeln und Heiligen, der vom Verfolgungswahn geplagte Melancholiker hört Stimmen, die ihn verleumden oder ihm Beleidigungen, zurufen, u. dgl. Dies weist uns auf die nahe Beziehung der Hallucinationen zu den Phan- tasiebildern hin. In vielen Fällen ist offenbar auch bei der Hallucination als nächste Ursache eine Reproduction anzunehmen, wobei aus dem Vor- rath der dem Bewusstsein disponibeln Vorstellungen irgend eine nach den Gesetzen der Association wachgerufen, oder auch aus verschiedenen Be- standtheilen eine neue Vorstellung combinirt wird, in analoger Weise wie bei den Phantasiebildern des normalen Bewusstseins. Aber beim Hallu- cinirenden trifft nun dieser Vorgang eine gesteigerte Reizbarkeit der centralen Sinnesflächen an. Hierdurch wächst die physiologische Erregung zu einer abnormen Höhe, so dass das Phantasma die sinnliche Stärke eines Anschauungsbildes erreicht oder ihm nahe kommt. Am deutlichsten ist dieser Ursprung bei jenen Phantasmen, die wirklich nichts anderes als ungewöhnlich lebhafte Erinnerungsbilder sind, und die manchmal im Be- ginn von Geisteskrankheiten vorzukommen scheinen. Aber auch in solchen Fällen, wo sich bestimmte Wahnideen ausgebildet haben, die nun den Zusammenhang der Phantasmen beherrschen, dürften diese fast überall,