SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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1 Unter den occultistischen oder sich zum Occultismus hinneigenden Bestrebungen der Hypnotismus-Psychologie kann man eine extremere und eine gemäßigtere Richtung unterscheiden. Die erstere cultivirt namentlich das Gebiet der sogenannten »Telepathie« und ist in der englischen »Society for psychological Research«, zum Theil aber auch in der Pariser »Societe de Psychologie physiologique« vertreten. (Vgl. z. B. Richet, Experi- mentelle Studien auf dem Gebiete der Gedankenübertragung, deutsch von V. Schrenck- Notzing, 1891. Dazu in widerlegendem Sinne: A. Moll, Der Rapport in der Hypnose. Schriften der Ges. f. psych. Forschung, Bd. 1, S. 478 ff.) Die zweite begnügt sich mit der Annahme mehr oder minder mystischer Seelenkräfte, z. B. eines doppelten Bewusstseins. einer mehrfachen Persönlichkeit u. dgl. (Vgl. Max Dessoir, Das Doppel-Ich, 1889.) Ein Erzeugniss letzterer Richtung mit starker Hinneigung zur ersteren ist das Buch von H. Schmidkunz, Psychologie der Suggestion, 1892. Ueber Occultismus überhaupt vgl. A. Lehmann, Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, deutsch von Petersen, 1898. C. Kiesewetter, Geschichte des neueren Occultismus. 1891.

3 Aehnliche physiologische Hypothesen sind von G. H. Schneider (Der psycholog. Ursprung der hypnotischen Erscheinungen, 1880), Rieger (Ueber Hypnotismus, Sitzungs- ber. der Würzburger phys.-med. Gesellsch. 1S82), Beaunis (Le somnambulisme provoque, p. 95), A. Lehmann (Die Hypnose und die damit verwandten normalen Zustände, 1S90; u. A. aufgestellt worden. Ueber einige dieser Erklärungsversuche vgl. meine angef. Schrift S. 24 ff., Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 17 ff.

Ö72 Anomalien des Bewusstseins.

des Apperceptionscentrums, die nur noch eine passive Apperception mög- lich macht, dem Zustand in alien seinen Stadien sein eigentümliches Gepräge verleiht. In dieser glaube ich daher die primäre Ursache des hypnotischen Zustandes sehen zu dürfen, an die sich dann vermöge der neurodynamischen und indirect der vasomotorischen Wechselwirkungen die Erscheinungen ge- steigerter Reizbarkeit für gewisse Eindrücke anschließen. Die Bedeutung der Suggestion oder, wie man es damals nannte, der »Phantasie« bei den Experi- menten Mesmers und seiner Anhänger ist übrigens schon im 18. Jahrhundert durch eine zur Prüfung niedergesetzte französische Commission ins Licht ge- stellt worden1.

Erscheinungen, die mit der Hypnose einige Verwandtschaft besitzen, sind auch bei Thieren als Folgen gewisser Sinneseinwirkungen beobachtet worden. Sie unterscheiden sich allerdings dadurch von der eigentlichen Hypnose, dass sie meist als Folgen starker Eindrücke auftreten. Bei manchen Thieren ent- steht, wenn man sie plötzlich gewaltsam anfasst oder ihren Körper in eine ungewohnte Lage bringt, ein kürzer oder länger anhaltender Starrezustand, der dann zuweilen in wirklichen Schlaf übergeht. So bleiben Vögel, die man gefesselt und dann schnell von der Fessel befreit oder auch bloß zu Boden gedrückt hat, oft viele Minuten lang regungslos liegen, wie dies zuerst Atha- nasius Kircher beobachtete und in neuerer Zeit Czermak bestätigte2. Ebenso verhalten sich Vögel, Frösche, Kaninchen u. s. w., wenn man sie auf den Rücken legt, oder sonst in eine ungewohnte Lage bringt. Auch die Erstarrung mancher Insecten bei der Berührung, das sogen. »Sichtodtstellen der Käfer«, gehört hierher. Czermak bezeichnete diese Zustände als »hypnotische«, wo- bei er hierunter ganz allgemein schlafähnliche Zustände verstand. E. Heubel nahm dagegen einen wirklichen Schlaf an, der durch die plötzliche Unter- brechung der normalen Sinneserregungen (so namentlich bei der Lagerung der Thiere auf den Rücken) herbeigeführt werde3. Preyer setzte voraus, die Bewegungslosigkeit werde durch Schreck verursacht, und nannte daher den Zustand »Kataplexie«4. In der That dürfte in solchen Fällen, wie sie Heubel beobachtete, in denen Thiere Stunden lang mit geschlossenen Augen bewe- gungslos verharren, kaum mehr ein Unterschied vom wirklichen Schlaf existi- ren. Anderseits aber scheint es, dass plötzliche schreckhafte Gemüthsbewegun- gen einen Zustand herbeiführen können, der in manchen Beziehungen der Hypnose, namentlich der sogenannten Katalepsie, verwandt ist. Auch spricht für diese Beziehung der Umstand, dass, wie schon Kircher fand und Czer- mak bestätigte, bei den Versuchen mit Vögeln gleichförmige Gesichtsein- drücke, z. B. das Anstarren eines vor dem Kopfe gezogenen Kreidestriches oder vor dem Auge angebrachter Fixationsobjecte, den Eintritt dieser Zu- stände begünstigen5.

1 Die Commission bestand aus Franklin, Le Roy, Bailly, de Bory und Lavoisier. Einen ausführlichen Auszug aus dem 1784 erschienenen Bericht derselben gibt Sierke, 2 Czermak, Sitzungsberichte der Wiener Akademie, 3. Abth., Bd. 66, 1872, S. 361. Pflügers Archiv, Bd. 7, 1873, S. 107.

3 Heubel, Pflügers Archiv, Bd. 14, 18-77, S. 158 ff.

4 Preyer, Die Kataplexie und der thierische Hypnotismus, 1878.

5 Czermak, Pflügers Archiv, Bd. 7, S. 118.

4. Geistesstörungen.

Die mannigfachen Veränderungen des Bewusstseins, die sich im Ver- lauf der Geisteskrankheiten einstellen, können hier nicht Gegenstand der Schilderung sein; sie bilden den Inhalt eines wichtigen Anwendungs- gebietes der Psychologie: der Psychopathologie. Wir müssen uns darauf beschränken, gewisse Erscheinungen hervorzuheben, in denen sich die geistige Störung mit den andern noch in die Breite des normalen Seelenlebens fallenden Anomalien des Bewusstseins berührt. Vor allem sind es drei Gruppen solcher Erscheinungen, die uns hier entgegen- treten: 1) das Auftreten von Hallucinationen und Illusionen, 2) das ver- änderte Selbstbewusstsein und die veränderten Gefühlsreactionen, endlich 3) die Abweichungen in dem Verlaufe der Vorstellungen1.

Hallucinationen und Illusionen sind häufige Begleiter einzelner Stadien der geistigen Störung. Sie sind ein Symptom gesteigerter Reiz- barkeit der centralen Sinnesflächen, das bei geistig Gesunden regelmäßig im Traum beobachtet wird, und das, wo es im wachen Zustand sich ein- stellt, namentlich wenn andere störende Bedingungen hinzutreten, in hohem Grade geeignet ist, psychische Anomalien zu begünstigen und zu verstärken. Auch hier vermengen sich Hallucination und Illusion so sehr, dass sie kaum von einander zu scheiden sind; bei den Illusionen spielen aber insbesondere Gemeinempfindungen eine hervorragende Rolle, daher sie auch mit der Störung des Selbstbewusstseins innig zusammenhängen. Den fixen Ideen, dass sich im Magen, in den Eingeweiden ein Thier befinde, dass der Körper des Kranken aus Glas bestehe u. dergl., liegen theils pathologische Gemeinempfindungen, theils Hyperästhesie oder An- ästhesie der Haut zu Grunde. Oft combiniren sich dann solche Illusionen mit Phantasmen der übrigen Sinne. Der Kranke, der zugleich an Hallu- cinationen des Gehörs und des Gesichts leidet, glaubt, Vögel zwitscherten oder Frösche quakten in seinem Leibe, an seiner Haut kröchen Schlangen empor, u. s. w. Außerdem spielt bei diesen und andern phantastischen Illusionen Geisteskranker die verkehrte Gedankenrichtung meist eine wich- tige Rolle. Diese verleiht erst den Hallucinationen ihre bestimmte Form und wird dann selbst hinwiederum durch die Phantasmen verstärkt. Oft 1 Die eingehende Schilderung dieser Abweichungen mit Rücksicht auf die ver- schiedenen Formen geistiger Störung ist in den Lehrbüchern der Psychiatrie nachzulesen. Eingehendere Darstellungen der allgemeinen Symptome vom Standpunkte der neueren Psychologie aus geben E. Kraepelin, Psychiatrie6, Bd. 1, S. 101 ff., und G. Störring, Vorlesungen über Psychopathologie, 1900.

Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 43 6 7A Anomalien des Bewusstseins.

kann es unter solchen Umständen schwer werden zu entscheiden, wie viel von den falschen Vorstellungen des Irren auf Rechnung der Illusion oder irriger Urtheile kommt.

Die Veränderung des Selbstbewusstseins ist eines der hervor- tretendsten Merkmale der geistigen Störung. Oft hat sie in den krank- haften Gemeinempfindungen und in den von ihnen ausgehenden Illusionen ihre Grundlage; in andern Fällen sind es krankhaft gesteigerte Gemüths- bewegungen, von denen die Veränderung ausgeht. Heftige und lang an- haltende Affecte pflegen daher als eine häufige Ursache der Seelenstörung zu gelten; doch ist hier wohl kaum jemals zu entscheiden, inwiefern die Steigerung der Affecte Ursache oder selbst schon Folge der Störung sei. Sicher ist, dass sie, ähnlich der Hallucination, die Störung verstärken kann. Die Veränderungen des Selbstbewusstseins können in der Geistes- krankheit alle möglichen Stadien durchlaufen, von jener leisen Verstim- mung hypochondrischer Anfangsstadien, die in jeder geringen körperlichen Störung ein unheilbares Uebel sieht, von dem Misstrauen und dem Ver- folgungswahn des Melancholikers an bis zu der gänzlichen Veränderung der eigenen Persönlichkeit, die unter der fortdauernden Herrschaft krank- hafter Gefühlsrichtungen und illusorischer Vorstellungen sich ausbildet.

Eines der bedeutsamsten psychologischen Symptome der geistigen Störung bilden endlich die Veränderungen in dem Verlauf der Vorstellungen. Anfänglich nur in der fortschreitenden Concentration auf die mit der krankhaften Gemüthsrichtung zusammenhängenden Vor- stellungen sich verrathend, greifen diese Veränderungen immer mehr um sich und führen zuletzt zu einer völligen Aufhebung der Denkfähigkeit. Der Grundzug derselben, aus dem sich auch alle weiteren Erscheinungen erklären, besteht in dem Uebergewicht, das in fortschreitendem Maße die Associationen über die apperceptiven Verbindungen der Vorstellungen gewinnen. Ist die Störung von geringerem Grade, so gibt sich diese Thatsache nur in den auffallenden Gedankensprüngen zu erkennen, die der Kranke, veranlasst durch beliebige, meist an zufällige Sinneseindrücke anknüpfende Associationen, ausführt. Diese Unstetigkeit des Denkens artet mehr und mehr in eine wilde Ideenflucht aus, die dabei die Eigen- schaft hat, dass sie immer und immer wieder auf gewisse Vorstellungen, die durch häufige Association geläufig geworden sind, zurückführt. Schließ- lich kommt überhaupt ein logisch geordneter Gedankenlauf nicht mehr zu stände, und der Zwang der sich aufdrängenden Associationen zer- trümmert selbst die äußere grammatische Form. Unter den Associationen spielen die äußerlichsten, die bloßen Wortassociationen, nicht selten eine dominirende Rolle; oft wird ein zufällig in dieser Weise entstandenes, manchmal sinnloses Wort aufgegriffen und befestigt sich durch wieder- Geistesstörungen. 5yholte Reproduction1. Auf diese Weise ist es der zunehmende Mangel der activen Apperception, der als die Quelle dieser Störungen des Gedanken- verlaufs erscheint, und der seinerseits unvermeidlich zu entsprechenden Störungen im Gebiet der äußeren Handlungen führt, indem auch bei ihnen der Wille mehr und mehr die Herrschaft verliert über die durch die je- weiligen Affecte entstehenden Triebhandlungen.

Durch die Incohärenz des Vorstellungsverlaufs, die Urtheilstäuschungen und Verwechselungen, welche dieselbe mit sich führt, wird die oft betonte Verwandtschaft des Traumes mit der geistigen Störung, die in den phantasti- schen Vorstellungen ihren nächsten Vergleichungspunkt hat, vollendet2. In der That können wir im Traume fast alle Erscheinungen, die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben. Nur liefert der Traum, der meist von den Reproductionen der jüngsten Vergangenheit lebt, seiner Natur nach wechselndere Bilder, während der Irre meistens in festere Vorstellungskreise gebannt bleibt. Diese Analogie zwischen Traum und Wahnsinn beruht ohne Zweifel auf übereinstimmenden Ursachen. Die gesteigerte Reizbarkeit der centralen Sinnesflächen, welche die Entstehung phantastischer Vorstellungen begünstigt, macht zugleich jeden Eindruck und jede Reproduction zu einem wirksamen Anknüpfungspunkt neuer Associationen. Darum treten fast unver- meidlich zur Hallucination und Illusion Störungen im Verlauf der Vorstellun- gen hinzu, und bei der geistigen Störung können, wie es scheint, die letzteren sogar zuweilen als die einzigen Zeichen der veränderten centralen Reizbarkeit auftreten. In der Regel vermag hier der Wille längere Zeit noch abnorme Handlungen, zu denen die Vorstellungen hindrängen, zu unterdrücken, bis bestimmte Vorstellungen, die, durch irgend einen Zufall entstanden, sich im- mer wieder reproduciren,. und die an sie gebundenen Gefühle schließlich eine solche Macht gewinnen, dass der Drang zu der verkehrten Handlung unwider- stehlich wird. Hierher gehören die Fälle, wo plötzlich ein Individuum von dem Trieb ergriffen wird in einer öffentlichen Versammlung oder in der Kirche unpassende Reden auszustoßen, einen Andern oder sich selbst zu er- morden, sich von der Höhe eines Thurmes herabzustürzen, Brand zu legen u. s. w. Triebe dieser Art können auch dem völlig Gesunden auftauchen, aber er unterdrückt sie rasch, ohne ihnen weitere Folge zu geben. Patho- logisch wird der Zustand, wenn auf diese Weise entstandene Vorstellungen und Triebe den Verlauf aller andern Gedanken fortwährend durchkreuzen. Oft bilden auch hier wahrscheinlich Störungen des Gemeingefühls die ursprüng- liche Ursache der gesteigerten centralen Reizbarkeit. Diese von eigentlichen Phantasmen befreiten Fälle kommen, wie man sieht, mit den heftigeren For- men geistiger Störung doch immer noch darin überein, dass sie zur Bildung »fixer Ideen:; neigen, die eine immer zwingendere Macht über alle andern 1 Ueber die Sprache der Irren vgl. Snell, Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie, Bd. 9, S. II. Brosius, ebend. Bd. 14, S. 63. Kraepelin, a.a.O. S. 229 ff. Ueber Associationen bei Geisteskranken: Wreschner, Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie, Bd. 57, S. 241. Aschaffenburg, Kraepelins Psychologische Arbeiten, Bd. 4, 1902, S. 258 ff.

2 Vgl. Radestock, Schlaf und Traum, S. 217 ff. Giessler, Allg. Zeitschrift für Psychiatrie, Bd. 59, S. 885 ff.

676 Anomalien des Bewusstseins.

Vorstellungen und über das Handeln gewinnen. Dieser den meisten psychi- schen Krankheiten gemeinsame Charakterzug findet wohl darin wiederum seine Erklärung, dass die psychische Störung mit einem Reizungszustand oder mit gesteigerter Reizbarkeit der centralen Sinnesflächen beginnt, die auf die motorischen Centralgebiete mehr oder weniger intensiv übergreifen kann. Eine solche Zunahme der Reizbarkeit trägt dann die Disposition in sich, die cen- tralen Erregungen in verstärktem Grade nachklingen zu lassen. Aber da das Bewusstsein immer nur eine begrenzte Zahl von Vorstellungen fortwährend disponibel hat, so führt dies zugleich dazu, dass die leicht verfügbaren Vor- stellungen und Gefühle sich auf einen immer enger werdenden Kreis zusam- menziehen. In jedem Bewusstsein sind gewisse Vorstellungen herrschender als andere. In dem Bewusstsein des Geisteskranken lassen solche herrschende Vorstellungen, indem die Tendenz zu ihrer Reproduction immer mehr an- wächst, schließlich keine andern mehr neben sich aufkommen. Ihre nähere Beschaffenheit kann theils durch phantastisch umgestaltete Sinneseindrücke, theils durch Gemeingefühle, theils aber auch, wie ohne Zweifel in vielen Fällen rein formaler Störungen des Vorstellungsverlaufes, durch zufällige Er- lebnisse bestimmt werden, die eine Vorstellung, wenn nur eine mehrmalige Reproduction derselben entstanden war, immer mehr fixiren. Hört dann nach längerer Zeit der centrale Reizungszustand auf, so ist durch die zurückbleibende Verödung der centralen Sinnesflächen das Bewusstsein überhaupt ein engeres geworden. In ihm haben nun nur noch jene festen Vorstellungen Platz, die durch fortwährende Reproduction hinreichend fixirt sind. Je mehr der Reizungs- zustand der Paralyse weicht, um so festere Wurzeln fasst daher die fixe Idee, und schließlich bleibt sie vor dem gänzlichen Erlöschen des Selbstbewusstseins allein noch zurück. Ueber den Umkreis dieser sehr allgemeinen Gesichtspunkte reicht das Material, das Anatomie und Pathologie des Gehirns der Beurthei- lung der eigentlichen Geistesstörungen entgegenbringen, gegenwärtig kaum noch hinaus, im Gegensatze zu den wichtigen Aufschlüssen, die man jenen Disciplinen auf dem Gebiet der localen Gehirnerkrankungen verdankt1.

1 Vgl. hierzu Kraepelin, Psychiatrie6, Bd. 1, S. 15 ff. R. Gaupp, Ueber die Gren- zen psychiatrischer Erkenntniss, Centralbl. für Nervenheilk. u. Psychiatrie, Bd. 26, 1903. S. 1 ff. Ueber die morphologischen Veränderungen der Elemente der Hirnrinde bei Geisteskrankheiten vgl. Bd. I. S. 45.

Sechster Abschnitt. Schlussbetrachtungen.

Einunclzwanzigstes Capitel. Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

i. Logische Grundlagen der Naturwissenschaft.

a. Das Princip des Erkenntnissgrundes.

Alle Wissenschaft besteht schließlich in der logischen Verknüpfung gegebener Erfahrungsinhalte. So verschieden auch die Wege sein mögen, die man zu diesem Zweck einschlägt, und so weit die Anschauungen darüber auseinandergehen, ob und inwiefern ein solches Unternehmen Voraussetzungen fordert, die selbst außerhalb der Erfahrung liegen, über jene allgemeine Definition der wissenschaftlichen Aufgabe selbst herrscht kaum ein Zwiespalt der Meinungen.

Doch nicht bloß hinsichtlich dieser letzten Aufgabe, sondern auch in einer andern, methodologischen Forderung darf man wohl sicher sein, bei allen Vertretern der. Wissenschaft, die nicht, wie manche Philosophen, an die Zauberkraft einer specifischen Methode glauben, einer ungetheilten Uebereinstimmung zu begegnen. Diese Forderung besteht darin, dass sich jene Verknüpfung gegebener Erfahrungsinhalte, in der sich die wissenschaftliche Arbeit bethätigt, den Gesetzen des logischen Urtheilens und Schließ ens widerspruchslos fügen müsse. Insofern der Schluss diejenige Denkform ist, in der von uns Urtheile überhaupt und demnach insonderheit auch diejenigen Urtheile verknüpft werden, die ge- gebene Erfahrungsthatsachen zu ihrem Inhalte haben, bezeichnen wir eine derartige, vom Grund zur Folge fortschreitende oder von dieser zu jenem rückwärtsgehende Verknüpfung als einen Erkenntnissvorgang. Die allgemeine Forderung aber, einen gegebenen Inhalt nach Gründen 678 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

und Folgen zu ordnen, bezeichnen wir als das Princip des Erkennt- nissgrundes. In diesem Sinne aufgefasst ist das Princip des Erkenntniss- grundes offenbar nur ein anderer Ausdruck für die oben gegebene all- gemeine Definition der Wissenschaft, wonach diese in der logischen Verknüpfung der Erfahrungsinhalte bestehen soll.

In dieser Definition ist nun aber keineswegs auch schon die Folge- rung enthalten, dass das Princip des Erkenntnissgrundes unbeschränkt auf alle Erfahrungsinhalte anwendbar sei. Vielmehr fordert nicht bloß dieses Princip selbst, dass es irgend welche ursprüngliche Thatsachen gebe, die als die letzten auffindbaren Prämissen der unter den obwaltenden Bedingungen möglichen logischen Verknüpfungen angesehen werden müssen, sondern dasselbe lässt auch ganz und gar dahingestellt, in- wieweit die Aufgabe, das empirisch Gegebene nach Gründen und Folgen zu ordnen, ohne irgend welche Lücken durchgeführt werden könne. Angesichts des thatsächlichen Zustandes der ungeheuren Mehrzahl der Wissenschaften wird man sogar ohne weiteres zugeben müssen, dass in beiden Beziehungen, sowohl hinsichtlich des Rückgangs auf die letzten Thatsachen, wie in Bezug auf die Vollständigkeit der Verknüpfung im Einzelnen, immer nur von einer th eil weisen Lösung der wissenschaft- lichen Aufgabe die Rede sein kann, und dass eine absolute Vollendung derselben nicht nur für einzelne, sondern für alle Gebiete wohl alle- zeit ausgeschlossen ist. Ein sprechendes Zeugniss hierfür bildet die Existenz gewisser abstracter Wissensgebiete, der mathematischen, die, um jene Vollständigkeit der Verknüpfung mit zureichender Annäherung zu erreichen, grundsätzlich darauf verzichten, gegebene Erfahrungsinhalte nach Gründen und Folgen zu ordnen, um statt dessen abstracte Be- griffsgebilde einzuführen, deren Verknüpfungen erst die zu jenem Zweck erforderliche Einfachheit der Bedingungen darbieten. Eben darum lassen jedoch diese abstracten Verknüpfungen auch nur unter gewissen Vorbe- halten eine Anwendung auf die gegebene Wirklichkeit zu, wenn sie nicht etwa gar auf eine solche von vornherein grundsätzlich Verzicht leisten.

In diesem mit dem größten Erfolg auf dem mathematischen Gebiet, dann aber vermöge des weitreichenden Einflusses des Abstractionsverfahrens noch sonst mannigfach unternommenen Ersatz der concreten Wirklichkeit durch abstracte Begriffsbildungen liegt nun zugleich eine der Hauptquellen für die Entstehung eines wissenschaftlichen Hülfsmittels, das ebenso sehr fördernd in die Entwicklung der Wissenschaft eingegriffen hat, wie es für die Erreichung ihres letzten Zweckes, der unverfälschten Erkenntniss der gegebenen Wirklichkeit, manchmal verhängnissvoll geworden ist: der Hypo- these. Vermöge jener doppelten Ergänzung, deren das Princip des Erkennt- nissgrundes, einerseits bei den obersten Prämissen, anderseits aus Anlass Logische Grundlagen der Naturwissenschaft. 67 Q der unvermeidlichen Lücken der Verknüpfung-, bedarf, ist aber auch das Gebiet der Hypothese ein doppeltes. Als grundlegende Hypothese entwickelt sie allgemeine Voraussetzungen, auf Grund deren die logische Ordnung der empirischen Thatsachen vorgenommen werden kann; als verknüpfende Hypothese sucht sie Erscheinungen logisch zu verbinden, für die bis dahin nur ein thatsächlicher Zusammenhang nachgewiesen oder wahrscheinlich gemacht werden kann. In beiden Formen ist der Gebrauch der Hypothesen unvermeidlich, wie er denn in Wirklichkeit auch noch niemals vermieden worden ist, denn er beruht eben auf der folgerichtigen Anwendung des nämlichen allgemeinen Erkenntnissgrundes, dem die Wissenschaft selbst ihr Dasein verdankt. Wenn darum ge- legentlich die Forderung einer hypothesenfreien Wissenschaft auf- gestellt wurde, so hat diese Forderung nur insofern eine Berechtigung, als damit die Einführung überflüssiger, durch das Princip des Erkenntniss- grundes nicht zureichend gerechtfertigter Hypothesen ferngehalten werden soll, und als dadurch außerdem auf die sorgfältige Scheidung des that- sächlich Gegebenen von den hypothetischen Bindegliedern, die der Ver- knüpfung des Gegebenen dienen, hingewiesen wird. Eine absolut hypo- thesenfreie Wissenschaft hat es aber niemals gegeben und kann es nicht geben, weil in dem Augenblick, wo diese Elimination vollendet wäre, die Wissenschaft als solche verschwände, um an ihrer Stelle eine unzusammen- hängende Aufzählung von Thatsachen übrig zu lassen. Wo daher ein wissenschaftliches System mit dem Anspruch auftritt, eine hypothesenfreie Darstellung der Wirklichkeit zu sein, da kann man vielmehr mit Sicherheit darauf rechnen, dass sich ein solches System über jene zweite Forderung, die dem Ideal der hypothesenfreien Wissenschaft seine relative Berechtigung verleiht, über die Forderung nämlich, niemals die zur Verknüpfung des Gegebenen erforderlichen Hypothesen mit den Thatsachen selbst zu ver- wechseln, hinwegsetzt1. Unter dem gleichen Gesichtspunkt erledigt sich die im Zusammenhang mit dieser Tendenz nach einer vollständigen Be- seitigung aller hypothetischen Elemente mehrfach aufgestellte Forderung, die Wissenschaft solle sich überall mit der Beschreibung der That- sachen begnügen, auf das imaginäre Ziel einer Erklärung aber ein für allemal verzichten. In Wahrheit ist diese Forderung, falls man nicht die berechtigten Bedeutungen der Begriffe Beschreibung und Erklärung geradezu ihre Plätze tauschen lässt, womöglich noch unerfüllbarer als die 1 Ein sprechendes Beispiel einer solchen angeblich hypothesenfreien Wissenschaft, die sich bei näherer Prüfung thatsächlich als eine ganz und gar hypothetische Construc- tion erweist, bietet unter den philosophischen Wissenschaftssystemen der sogenannte »Empiriokriticismus«. Vgl. die kritische Darstellung und Beleuchtung desselben, Philos. Stud. Bd. 13, 1897, S. I, 323 ff.

58o Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

einer hypothesenfreien Wissenschaft. Denn eine solche Forderung schließt nicht bloß die Elimination der Hypothesen, sondern sie schließt zugleich die Annahme einer völligen Gleichwerthigkeit aller räumlichen und zeitlichen Beziehungen der Erscheinungen in sich. Der Grundsatz der reinen Be- schreibung pflegt daher auch von denjenigen, die ihn aufstellen, sofort durch die zwei Bedingungen limitirt zu werden, dass erstens nur die Be- schreibung der einander regelmäßig begleitenden Erscheinungen, und dass zweitens die möglichst einfache Ausführung dieser Beschreibung die Aufgabe der Wissenschaft sei. Dies sind aber zwei Bedingungen, die, wenn auch nicht mit zureichender logischer Schärfe, doch immerhin an- nähernd eben jene Merkmale feststellen, an denen sich der Begriff der »Erklärung« im empirischen Sinne von dem der »Beschreibung« unter- scheiden lässt. Denn alle Erklärung will schließlich nichts anderes als gewisse Regeln oder Gesetze feststellen, nach denen die Erscheinungen verknüpft sind; und sie will dies in dem Sinne in der denkbar einfachsten Weise thun, als sie womöglich diejenigen Erscheinungen zusammenordnet, die eindeutig mit einander verknüpft sind. Damit ist freilich auch schon ausgesprochen, dass sich hinter jenem wenig passend gewählten Ausdruck der »einfachsten Beschreibung« eine Fülle logischer Motive und ihrer empirischen Anwendungen verbirgt, wie sie eben das Princip des Er- kenntnissgrundes als die oberste logische Maxime aller Wissenschaft in sich schließt. Mochte daher auch die Forderung der »einfachsten« oder, wie der gleiche Gedanke teleologisch ausgedrückt wurde, der für die »Oekonomie des Denkens« zweckmäßigsten Beschreibung, ursprünglich aus einer berechtigten Reaction gegen die Einführung unbegründeter Hypothesen hervorgegangen sein, so liegt doch das Heilmittel gegen diesen Missbrauch allein darin, dass man den Begriff der »Erklärung« auf seine berechtigte Bedeutung zurückführt. Diese Bedeutung besteht aber in der Auffindung der regelmäßigen Verbindungen zwischen den gegebenen Thatsachen der Erfahrung und in ihrer logischen Verknüpfung, oder, wie wir das nämliche auch kürzer ausdrücken können, in der Subsumtion des Gegebenen unter das Princip des Erkenntniss.grundes.