Indem die moderne Energetik dazu beitrug, der mechanischen Physik die wahre Bedeutung ihrer erkenntnisstheoretischen Voraussetzungen und Hülfshypothesen zum Bewusstsein zu bringen, hat sie die Mission erfüllt, die im Streit der Anschauungen vorzugsweise solchen Versuchen zukommt, die zu den geltenden Lehren in den schärfsten Gegensatz treten und darum am gründlichsten zur Selbstbesinnung anregen. Dass die neue Energetik, über diese negative Aufgabe hinausgehend, die Naturlehre wiederum in die Bahnen der Qualitätenlehre lenken werde, ist angesichts ihrer empirischen und erkenntnisstheoretischen Unzulänglichkeit kaum zu erwarten. Diese Prognose ist nun aber auch für die Zukunft der Psycho- logie von entscheidender Bedeutung. Denn indem die neue wie die alte Energetik das Psychische als eine Energie neben andern deutet, die, selbst nicht messbar, ihr Maß lediglich an den physischen Energien finde, in die sie sich in dem Verlauf der Energiewandlungen als ein imaginäres Zwischenglied einreiht, gewinnt die Psychologie eine Stellung, bei der sie der Naturwissenschaft gegenüber eine überflüssige Rolle spielt, indess sie doch zugleich ihrer eigenen Aufgaben verlustig geht. So wird in dieser Ausgestaltung der Physik zu einer energetischen Metaphysik die energetische Psychologie zu einer Zwillingsschwester jener. mechanistischen Psychologie, die aus dem Vorstellungskreise der antiken Atomistik viel- fach noch in die neuere mechanische Weltanschauung hereinragt.
Mechanismus und Vitalismus.
3. Mechanismus und Vitalismus.
a. Allgemeine Grundlagen der Biologie.
Wie Mechanik und Energetik als wesentlich abweichende Arten der Naturanschauung einander gegenüberstehen, so bekämpfen sich als ana- loge Gegensätze innerhalb des engeren Gebiets der Lebenserscheinungen Mechanismus und Vitalismus. Das Verhältniss hier und dort ist ein ver- wandtes. Während nämlich die mechanistische Biologie die causal me- chanische Betrachtungsweise, wie für die Gesammtheit der Naturerschei- nungen, so auch für die Lebenserscheinungen in Anspruch nimmt, geht die vitalistische, gleich der Energetik, von einem teleologischen Princip aus; und auch sie erklärt das mechanische Geschehen nur für einen Theil des Naturlaufs, gegenüber dem ein anderer abweichende Principien zu seiner Interpretation fordere. Ein wichtiger, sachlicher Unterschied be- steht freilich darin, dass die Energetik ihr teleologisches Princip zu einem universellen, den mechanischen Gesetzen übergeordneten erhebt, indess der Vitalismus das seinige höchstens diesen coordinirt, wenn er es ihnen nicht etwa in dem Sinne unterordnet, dass er die An- nahme zweckthätig wirkender Naturkräfte nur als ein Hülfspostulat betrachtet, bei dem der mechanischen Causalität ihre Rechte gewahrt bleiben sollen. Dieses abweichende Verhältniss bringt es mit sich, dass trotz ihrer teleologischen Verwandtschaft der Energetiker ebenso wenig Vitalist, wie der Vitalist Energetiker zu sein braucht, und es in der Tbat in der Regel nicht ist. So stehen denn auch die Anschauungen in beiden Fällen unter wesentlich abweichenden geschichtlichen Vorbedingungen. Die mechanistische Biologie ist von Anfang an nur ein Ableger der mechanischen Naturanschauung gewesen, und auf dem eigensten Gebiet der Lebenserscheinungen hat sie nur sehr allmählich durch die Bewährung ihrer Voraussetzungen im einzelnen ihre Stütze gefunden. Der Vitalismus dagegen ist nicht, wie die neuere Energetik, selbst innerhalb der mecha- nischen Naturanschauung, sondern sogleich im principiellen Gegensatze zu dieser, soweit sie sich auf das biologische Gebiet erstreckte, entstanden. Er ist hier zunächst als ein Rest der aristotelischen Naturlehre stehen ge- blieben und hat sich dann in zwei Formen geschieden: in den Animis- mus, der sich enger an die aristotelische Energetik anschließt, und in den eigentlichen Vitalismus, welcher die in der neueren Naturwissen- schaft eingetretene Ausscheidung des Psychischen aus dem Gebiet der Naturvorgänge beibehält, dagegen unter diesen den physischen Lebens- erscheinungen eine besondere Stellung anweist. Hieraus begreift es sich, dass sich dieser eigentliche Vitalismus mit der mechanischen Weltanschauung, ■J2Ö Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
soweit diese auf die leblose Natur geht, im ganzen wohl zu vertragen wusste, wenn er es auch nicht versäumt hat, in neuerer Zeit den durch die Energetik an die Hand gegebenen Gedanken einer vieldeutigen Ver- knüpfung der Erscheinungen zu verwerthen sowie auf die Vereinbarkeit specifischer Zweckverknüpfungen im Gebiet des Organischen mit der Allgemeingültigkeit des Energieprincips hinzuweisen, eine Bezeichnung, in der nun doch wiederum die innere Ideenverwandtschaft dieser beiden teleologischen Richtungen zum Ausdruck kommt.
Die animistische Abzweigung des Vitalismus, die LEIBNIZ auf meta- physischem Wege mit der mechanischen Naturanschauung zu verbinden und G. E. Stahl in die Naturwissenschaft einzuführen suchte, kann hier außer Betracht bleiben, da sie den eigentlich biologischen Problemen gegenüber principiell keine wesentlich andere Stellung einnimmt wie der eigentliche Vitalismus, der in der neueren Naturwissenschaft hauptsächlich noch eine Rolle spielt. Wenn dieser von den psychischen Lebensvor- gängen geflissentlich absieht, so schließt dies nun freilich nicht aus, dass gewisse psychische Vorgänge, wie auf die Bildung des Zweckbegriffs überhaupt, so auch auf diese Anwendung im Gebiet des physischen Lebens einen Einfluss äußern, wenn man sich auch meist von demselben keine Rechenschaft gibt. Wie nämlich GALILEI schon wiederholt auf die Verbindung des durch die Muskelaction erzeugten Andrangs (impetus) auf einen äußeren Körper mit der Bewegung des letzteren als auf das für uns nächstliegende Beispiel causal mechanischer Wirksamkeit hin- wies, so bildet für die vitalistische Betrachtung nicht minder die Zweck- mäßigkeit der so ausgeübten Bewegungseffecte ein Vorbild für alle anderen Zweckbeziehungen organischer Vorgänge. Nun liegt aber die Zweckmäßigkeit einer vom Willen ausgehenden Muskelbewegung darin, dass der Muskelaction eine Vorstellung des durch sie hervorzubringen- den Erfolgs vorausgeht, und das Mittelglied der Bewegung selbst sich durchaus nach dieser vorausgehenden Vorstellung richtet und unter ab- weichenden Bedingungen nach ihr modificirt. Dieser mit der zwecksetzen- den Vorstellung beginnende, dann zu dem ihr adäquaten Mittel über- gehende und endlich in dem erzielten Erfolg endende Vorgang ist dann das Urbild für die Wirkung zweckthätiger Kräfte überhaupt. Und hier, bei diesem psychologischen Ausgangspunkt, liegt zugleich der grundsätz- liche Unterschied beider Betrachtungsweisen klar vor Augen. Die causale abstrahirt von den in den Vorgang eingehenden subjectiven psychischen Elementen. Der Wille des Handelnden bleibt bei ihr ganz aus dem Spiele: sie hat es nur mit den zwei Gliedern zu thun, die in das Gebiet der naturwissenschaftlichen Betrachtung fallen, mit der Muskelaction und der durch sie gesetzten Bewegung einer Masse. Diese beiden Glieder Mechanismus und Vitalismus.
sind eindeutig verbunden, jede Veränderung des ersten, der Ursache, verändert in entsprechender Weise das zweite, die Wirkung. Dagegen beginnt die teleologische mit dem in der subjectiven Wahrnehmung ge- gebenen psychischen Anfangsglied, der Zweckvorstellung, und indem ihr die Muskelaction zum Mittel für deren Verwirklichung wird, erscheint dieses Mittel zwar ebenfalls in einem eindeutigen Causalnexus mit der ausgeübten Wirkung, im Hinblick auf jenen psychischen Ausgangspunkt aber zugleich als ein Geschehen, das von seinen subjectiven Vorbedingungen abhängt. Demnach wird dieses Mittelglied eindeutig mit seiner Wirkung, aber vieldeutig, d. h. je nach den obwaltenden subjectiven Bedingungen modificirbar, mit seiner Ursache verbunden. Hier scheidet sich nun zu- gleich der eigentliche Vitalismus vom Animismus dadurch, dass jener physische, der lebenden Substanz specifisch eigenthümliche Anfangs- glieder solcher Zweckverknüpfungen annimmt. So entsteht der Begriff einer zweckthätigen Kraft, die nach der Analogie der in uns vorhande- nen Zweckvorstellungen mit den Erscheinungen verknüpft, selbst aber keine Zweckvorstellung sein soll. Doch der psychologische Ursprung der Auffassung bleibt auch hier, wo sich diese der animistischen Nebenvor- stellungen entledigt hat, immer noch daran zu erkennen, dass man, sobald eine genauere begriffliche Unterscheidung der teleologischen Bedingtheit der Lebens Vorgänge versucht wird, die dreigliedrige Beschaffenheit derselben (Zwecksetzung — Mittel — Zweckerfüllung) gegenüber der bloß zweigliedrigen von Ursache und Wirkung hervorhebt1. Dabei ist nun freilich das erste jener Glieder in diesem Fall nicht mehr, wie bei dem psychophysischen Zusammenhang, der zum Vorbild gedient hat, ein thatsächlich gegebenes, sondern es besitzt lediglich eine hypothetische Existenz. Die Berechtigung, ein solches Glied anzunehmen, wird daher ganz und gar davon abhängen, ob die in der Erfahrung gegebenen, selbst unter einander causal verknüpften Glieder (Mittel und Zweck- erfüllung) zu dieser Ergänzung nöthigen, oder ob nicht vielmehr das, was man aus einem der Natur immanenten zweckthätigen »Analogon der Vernunft« allein erklären zu können meint, nicht vielmehr aus den in der Natur als allgemeingültig bewährten causalen Verknüpfungen zu begreifen sei.
Nun hat sich der Vitalismus mehrfach bemüht, die Vereinbarkeit von Zweckursachen in dem hier gemeinten progressiven, von der Bedingung zur Folge gerichteten Sinne mit der Allgemeingültigkeit der mechanischen Causalität plausibel zu machen. Diese Bestrebungen beruhen jedoch augen- scheinlich auf einer Verkennun^ des fundamentalen logischen Verhältnisses T P. N. Cossmann, Elemente der empirischen Teleologie, 1899, S. 56 ft".
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der Zweck- und Causalverknüpfungen. Im eignen Interesse würde es daher vorsichtiger gewesen sein, wenn die Vitalisten diese Uebereinstim- mung in dem von ihnen gemeinten Sinne weniger eifrig betont hätten. Denn eine solche nachzuweisen kann logischer Weise niemals gelingen, weil die causale Verknüpfung unter allen Umständen nur als eine ein- deutige gedacht werden kann, während die Zweckverbindung eine viel- deutige ist, da eben ihr charakteristisches Merkmal darin besteht, dass unter den drei Gliedern A — M- — E einer Zweckreihe das mittlere, M, unter verschiedenen, das Anfangsglied A begleitenden Bedingungen so sich verändert, dass der gleiche Effect E möglichst vollständig erreicht wird. Es ist aber logisch unmöglich, dass eine und dieselbe Folge von Zuständen gleichzeitig eindeutig und vieldeutig sei. Dies ist freilich noch kein zwingender Grund, den Vitalismus überhaupt abzulehnen. Denn die Allgemeingültigkeit der mechanischen Causalität oder der schlechthin ein- deutigen Verknüpfung der Erscheinungen ist eine Voraussetzung, die selbst erst der Bewährung durch die Erfahrung bedarf. Die Annahme, dass es für verschiedene Naturgebiete abweichende Formen der Verknüpfung gebe, eindeutige und vieldeutige, lässt sich also nicht als eine logisch unmögliche zurückweisen. Allerdings ist dann aber für diese Gebiete eben auch die eindeutige, mechanische Causalität aufgehoben, und die Behauptung, beide seien in einem und demselben Zusammenhang von Erscheinungen vereinbar, ist daher auf alle Fälle unzulässig. Finalursachen und mechanische Ursachen schließen sich aus, weil eine eindeutige Function nicht zugleich eine viel- deutige sein kann. Ob ein solches Nebeneinanderbestehen verschiedener Causalitäten anzunehmen sei, oder ob eine einzige genüge, darüber müssen aber wieder, ganz wie bei der Frage, ob Mechanik, ob Energetik, theils empirische, theils erkenntnisstheoretische Motive entscheiden. Es ist be- greiflich, dass unter diesen Motiven in den verschiedenen Versuchen einer Begründung des vitalistischen Standpunktes, insbesondere auch in denen der neuesten vitalistischen Richtungen, die empirischen im Vordergrund stehen und meist allein als die, entscheidenden angesehen werden, wenn es auch an Bemühungen, in Anlehnung an irgend ein philosophisches System, etwa an Kant oder Schopenhauer, eine philosophische Rechtfertigung des Vitalismus zu gewinnen, nicht ganz gefehlt hat1.
1 Dahin gehören namentlich die philosophischen Excurse, die Hans Driesch seinen mannigfachen, mit großem Fleiß und Scharfsinn gesammelten Beobachtungen beigefügt hat. (Vgl. dessen Analytische Theorie der organischen Entwicklung, 1894, S. 147 ff-, und Die organischen Regulationen, 1901, S. 199 ff.) Kants Erkenntnisstheorie und Schopen- hauers Metaphysik bilden die Grundlagen dieser philosophischen Erörterungen. Die Stellung, die Driesch dem Zweckbegriff in der Erkenntnisstheorie Kants zuweist, ent- spricht freilich nicht ganz den thatsächlichen Verhältnissen. In etwas anderen Formen vertritt den Vitalismus J. Reinke in seinen Werken: Die Welt als That, 1899, und Ein- leitung in die theoretische Biologie, 1901. Reinkes Anschauungen berühren sich nament- Mechanismus und Vitalismus.
Der hauptsächlichsten Erscheinungen, die der Vitalismus für die Wirk- samkeit specifischer Zweckursachen in der organischen Natur geltend macht, ist oben, bei Gelegenheit der allgemeinen Erörterung des Zweck- princips, bereits gedacht worden. Zur Würdigung der Frage, inwieweit jene biologischen Thatsachen für eine Interpretation der Lebensvorgänge eintreten, die nicht bloß in dem allgemeinen Sinne eine teleologische ist, in welchem diese auf jeden causalen Zusammenhang angewandt werden kann, sondern in der auch von dem Neovitalismus festgehaltenen Bedeu- tung, dass die objectiven Bedingungen der Erscheinungen selbst zweck - thätig oder »zielstrebig« seien, zur Würdigung dieser Frage bedarf es aber doch noch einer näheren Prüfung der concreten Erscheinungen. Diese Prüfung wird vor allem erwägen müssen, ob jene Erscheinungen absolut jeder Analogien im Gebiet der Causalzusammenhänge entbehren, so dass eben in dieser ihrer specifischen Natur auch die Notwendigkeit begrün- det liege, für sie eine specifische Art von Ursachen zu suchen, oder ob, wie es in der den Gegensatz zum Mechanismus mildernden Formel des Neovitalismus zuweilen ausgedrückt wird, specifische Nebenbedingungen der allgemeingültigen physischen Ursachen anzunehmen seien, die modi- ficirend auf die Wirksamkeit der letzteren einwirken. Da übrigens specifische Zweckursachen niemals selbst Gegenstände directer Beobachtung, sondern immer nur begriffliche Postulate sein können, so liegt es in der Natur der Sache, dass die Nothwendigkeit ihrer Annahme auch immer nur negativ, mittelst des Nachweises möglich ist, dass die auf sie zurück- geführten Erscheinungen aus den allgemeinen, auch in der unorganischen Natur gültigen Gesetzen nicht abgeleitet werden können. Diese Behaup- tung kann sich aber wiederum nur auf den allgemeinen Charakter der Erscheinungen, nicht auf die exacte Verfolgung ihres causalen Verlaufs im einzelnen beziehen, die der Vitalismus selbst grundsätzlich ablehnt. Demnach kann es sich hier lediglich um die Frage handeln, ob unter den Vorgängen der leblosen Natur, die wir im einzelnen auf mechanische Principien, auf Auslösungs- und katalytische Vorgänge, und endlich auf chemische Affinitäts Wirkungen zurückführen, solche vorkommen, die in der äußeren Abfolge ihrer Erscheinungen den Lebensvorgängen organi- scher Wesen nach ihrem allgemeinen Charakter entsprechen oder nicht. Dabei wird es sich wieder hauptsächlich um jene drei Gruppen von Erscheinungen handeln, deren schon oben (S. 689) als specifisch organischer Vorgänge P'edacht wurde: Selbsterhaltunp- des Orp;anismus bei fortwährenlich im eisten dieser Werke nahe mit Ed. von Hartmanns Teleologie (in der Philosophie des Unbewussten und in der Kategorienlehre). Vgl. zur Kritik dieser und anderer neo- vitalistischer Theorien Edm. König, Philos. Stud. Bd. 19, 1902, S. 418 ff. Dazu Ed. von Hartmanns Entgegnung, ebend. Bd. 18, 1903, S. 505 ff.
n ■iO Naturwissenschaftliche '■Vorbegriffe der Psychologie.
dem Wechsel seiner Theile, Vermehrung durch Selbsttheilung oder Fort- pflanzung-, und endlich Zustandsänderungen, die wir im Hinblick auf die in ihnen zum Vorschein kommenden Uebergänge von Zuständen ein- facherer zu solchen zusammengesetzterer Zweckmäßigkeit »Entwicklungen« nennen. Gibt es außerhalb des Lebensprocesses allgemeine Naturvorgänge, die in ihrer äußeren Erscheinungsweise diesen entsprechen, oder gibt es keine? Und wenn die Frage zu bejahen ist, lassen sich insbesondere solche nachweisen, die hinsichtlich der Natur der bei ihnen obwaltenden physikalisch-chemischen Bedingungen den Lebensvorgängen wesentlich gleichartig sind? Dass sie ihnen vollständig gleichen, wird natürlich von vornherein nicht zu erwarten sein. Denn wäre dies der Fall, so würden sie ja eben damit selbst schon organische Lebensvorgänge sein. Es wird sich also mit einem Wort immer nur darum handeln können, ob die sogenannte unorganische Natur Vorgänge in sich schließt, die in ihrem Ver- lauf den Lebensvorgängen analog sind, und unter ihnen wieder solche, die wegen der Uebereinstimmung der wirksam werdenden Energieformen mit Wahrscheinlichkeit als Vorstufen der Lebensvorgänge selbst be- trachtet werden können.
b. S elb st erhaltung und Fortpflanzung der Organismen.
Nun bietet vor allem zu der ersten unter jenen specifischen Lebens- erscheinungen, zu der Selbsterhaltung des Organismus auf dem Wege des Stoff- und Energiewechsels, die unorganische Natur eine Fülle von Analogien, die denn auch von einer freilich mehr dichterisch-phantasti- schen als wissenschaftlichen Naturphilosophie gelegentlich als Zeugnisse einer Allbelebung der Dinge verwerthet worden sind. Das großartigste Vorbild einer solchen, die Erhaltung des Organismus noch weit übertreffen- den, ihr aber auch nur äußerlich analogen Stabilität bietet bekanntlich das Sonnensystem. Als eine ähnliche, jener vielleicht schon näher stehende, wenn auch immer nur äußerliche Analogie im Kleinen kann, wie bemerkt worden ist, die Selbsterhaltung eines Tropfens gegen störende mechani- sche Einwirkungen betrachtet werden1. Noch mehr jedoch gleichen wohl der Stabilität organischer Elementartheile jene Selbsterhaltungen chemischer Verbindungen, die abwechselnd durch die Contactwirkung mit ihnen in Berührung tretender Stoffe zersetzt werden, und dann durch die auf solche Weise frei werdenden Affinitäten ihre Constitution wiederherstellen. So 1 Bütschli, Mechanismus und Vitalismus, 1901, S. 18 ff. Bedeutsame Untersuchun- gen zur Lösung der Frage nach den physikalischen Bedingungen der organischen Form- und Structurbildungen enthalten des gleichen Verf.'s Werke: Untersuchungen über mikro- skopische Schäume und das Protoplasma, 1892, und: Untersuchungen über Structuren, Mechanismus und Vitalismus.
zersetzt sich bekanntlich die Ameisensäure bei Anwesenheit von Metall- oxyden, unter Reduction der letzteren, in Wasser und Kohlensäure; aus diesen kann sich dann aber wieder unter der Mitwirkung der re- ducirten Metalle Ameisensäure zusammensetzen. Da nun auch der Stoff- wechsel der Organismen in einem fortwährenden Wechsel derartiger Zer- setzungs- und Restitutionsvorgänge besteht, so spricht alles dafür, dass wir es bei den auf einem Austausch mit der Umgebung beruhenden Gleichgewichtszuständen zusammengesetzter chemischer Moleküle nicht bloß mit äußerlich analogen, sondern mit solchen Erscheinungen zu thun haben, die den Stabilitätszuständen der Organismen verwandt sind und wohl als einfachere Vorstufen derselben betrachtet werden können. In der That ist das der Gesichtspunkt, unter dem die Physiologie längst die Stoffwechselerscheinungen betrachtet. Dieser streng causale Gesichtspunkt schließt aber natürlich nicht aus, dass die gleichen Erscheinungen im Hinblick auf die Bedeutung des Stoffwechselgleichgewichts für die Ge- sammtheit der Lebenserscheinungen auch als eminent zweckmäßig an- erkannt werden. Nur beruht diese Zweckmäßigkeit gerade so wenig wie die Stabilität des Sonnensystems oder eines Tropfens auf specifischen, außerhalb der allgemeingültigen Naturgesetze liegenden Eigenschaften, sondern sie ist das nothwendige, eindeutig bestimmte Ergebniss der Be- dingungen, unter denen der Organismus steht; und wenn mit dem Tode des Organismus jener Gleichgewichtszustand aufhört, so beruht das nicht darauf, dass sich eine specifische Lebenskraft von ihm getrennt hat, son- dern darauf, dass eben jene chemischen Gleichgewichtsbedingungen dauernd gestört worden sind1.
Gehen wir von diesen Gesichtspunkten aus, so bietet nun aber auch die zweite Gruppe zweckthätiger oder »zielstrebiger« Lebenserscheinungen, die Vermehrung der Organismen durch Theilung oder durch Ab- spaltung specifischer Keimzellen, an sich kein Problem, das von vorn- herein als unzugänglich der mechanischen oder physikalisch-chemischen Betrachtung bezeichnet werden könnte. In seinem allgemeinen morpho- logischen Charakter, in der Abspaltung eines Theiles eines mit bestimm- ten Eigenschaften ausgestatteten Ganzen und in seinem Uebergang in ein mehr oder weniger selbständiges Gebilde, das die gleichen Eigenschaften annimmt, in diesem typischen Verlauf wiederholen sich in der organischen Zeugung nur Erscheinungen, die allverbreitet in der Natur vorkommen, und die nach ihrem formalen Charakter erweiterte Anwendungen des Princips der Stabilität sind, insofern bei ihnen ein einzelnes irgendwie in 1 Vgl. hierzu und zu dem Folgenden die näheren Ausführungen in meinem Aufsatz: Biologische Probleme, Philos. Stud. Bd. 5, 1889, S. 327 ff., und System der Philosophie2, ■7^2 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.
Elemente oder kleinere Gruppen gegliedertes System nicht nur bei stetem Wechsel seiner constituirenden Bestandtheile sich selbst erhält, sondern auch, wenn es sich in Theile spaltet, diese Eigenschaft wieder auf die Theile überträgt. So bilden die, wie die Astrophysik annimmt, aus der Abspaltung planetarer Massen entstandenen Trabanten mit den Planeten, zu denen sie gehören, Tochtersysteme, die im Kleinen die Anordnung und die Bewegungsgesetze des Sonnensystems wiederholen. Oder so entstehen durch die mechanische Theilung eines Tropfens kleinere Tropfen mit den gleichen Form- und Cohäsionseigenschaften. Noch näher liegen aber auch hier gewisse chemische Vorgänge, die wir wiederum allen Grund haben, nicht bloß als äußere Analoga, sondern als wesensverwandte Er- scheinungen, also in diesem Sinne als Vorstufen der Theilungs- und Fort- pflanzungsvorgänge zu betrachten. Bekannt sind jene Reihen polymerer chemischer Verbindungen, welche die Eigenschaft haben, unter der Wir- kung chemischer Contacteinflüsse, sogenannter Fermente, sich in eine Mehrheit analog, aber einfacher zusammengesetzter Glieder der gleichen Reihe zu spalten, wie z. B. die Glieder der Fettsäurereihe, der mehratomi- gen Alkohole, der Zuckerarten u. s. w. Je zusammengesetzter die Con- stitution der Glieder einer solchen Reihe wird, um so weniger unterscheiden sich aber die benachbarten Glieder in ihren physikalischen und chemischen Eigenschaften, und um so mehr ist daher unter der Wirkung irgend welcher die Herstellung der ursprünglichen Verbindung fördernder Einflüsse eine Restitution des Spaltungsproducts denkbar. Nun ist freilich schon in den einfachsten Fällen, in denen uns ein Fortpflanzungsvorgang in der Form einer Zellentheilung entgegentritt, dieser ein Process von ungleich verwickelterer Art, als es die Spaltung eines zusammengesetzten chemischen Moleküls bei den bekannteren chemischen Spaltungsprocessen zu sein pflegt. Nicht nur die Stoffe, um die es sich handelt, sind von sehr verwickelter, bis dahin erst unvollkommen erforschter Constitution, sondern die Theilungsvorgänge selbst sind, wie die merkwürdigen, die Theilungsvorgänge begleitenden Erscheinungen am Kern und an seinen Bestandtheilen lehren, offenbar chemische Vorgänge, die sich successiv über verschiedene, wenn auch in chemischem Connex stehende Substanzen erstrecken. Dabei scheinen gewisse Theilvorgänge jeweils auf die ihnen nachfolgenden durch Contacterreger, die sich dabei bilden, fermentartig einzuwirken. Natürlich compliciren sich aber diese Verhältnisse ins un- geheure bei den Formen der amphigenen, zweigeschlechtigen Zeugung, wo solche durch ihren Contact erst die späteren Stadien des Spal- tungsvorgangs auslösende chemische Bestandtheile sich auf völlig ge- trennte Lebewesen vertheilen. Doch so gewaltig die Verwicklung die- ser Erscheinungen sein mag, sie bilden doch eine Stufenfolge, die so