SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

Page 82 of 89

Mechanismus und Vitalismus.

continuirlich an jene einfachsten Fälle einer in analoger Weise auch außerhalb des Organismus vorkommenden Spaltung sich anschließt, dass man nicht berechtigt ist zu sagen: hier, bei diesen Ausgangspunkten, mag zwar noch die physikalisch-chemische Deutung zulässig sein, dort aber, bei jenen vollkommeneren Formen, ist sie principiell ausgeschlossen. Denn die Complication der Erscheinungen an sich bietet hierzu keinen ausreichenden Grund. Vielmehr, wenn sich die einfachsten Vermehrungs- processe organischer Formen nach allem, was unserer Beobachtung zu- gänglich ist, sowohl äußerlich wie nach ihrer inneren Natur gewissen chemischen Spaltungsprocessen hoch zusammengesetzter Verbindungen einreihen, so spricht die beinahe lückenlose Continuität, in der sich aus den niedersten die höheren Zeugungsformen erheben, entschieden dafür, dass sich eben bei diesen die an und für sich schon sehr verwickelten Bedingungen solcher Theilungsprocesse noch weiter und für uns allerdings ins unabsehbare steigern werden. Von dieser Möglichkeit des Nach- weises im einzelnen ist aber aus den oben angeführten Gründen die princi- pielle Frage als solche unabhängig. Sie muss vielmehr nach dem ganzen Zusammenhang der Fortpfianzungserscheinungen unter sich und mit den ihnen nächststehenden Processen der unorganischen Natur dahin beantwortet werden, dass die einfachste Form der Zeugung, die Theilung der organischen Individuen, nichts anderes als ein morphologischer Ausdruck eines zusammengesetzten chemischen Spaltungsvorganges ist, der sich dann unter immer complicirter werdenden äußeren und inneren Bedingungen bei den höheren Formen der Zeugung wiederholt. Mögen sich dabei immerhin psychische und psychophysische Erscheinungen in der Form von Empfindungen, Gefühlen und aus ihnen zusammengesetzten Trie- ben hinzugesellen, die in unserer Gesammtauffassung der Vorgänge eine wesentliche Rolle spielen, — für die naturwissenschaftliche Betrach- tung bleiben sie, vermöge der von ihr auch hier festzuhaltenden Ab- straction von den subjectiven Bestandtheilen der Erfahrung, außer Rück- sicht. Auch hat diese, so lange sie streng auf dem objectiven Boden der Naturforschung stehen bleibt, nirgends nöthig, auf dieselben Bezug zu nehmen. Denn hier trägt der Vorgang der Zeugung alle Merkmale eines physikalisch-chemischen Vorganges an sich, bei dem die morphologische und die chemische Seite der vorauszusetzenden Spaltungsprocesse eng zusammenhängen.

c. Die Regenerationsvorgänge.

Nun ist es die sogenannte »zielstrebige« Beschaffenheit der normalen Fortpflanzungserscheinungen nicht allein, die dem Vitalismus als Argu- ment für die Annahme morphogenetischer Zweckursachen dient, sondern 734 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

besonders der Neovitalismus legt meist mehr Gewicht auf gewisse abnorme Erscheinungen, in denen die gleichen organbildenden Kräfte unter ab- weichenden Bedingungen in veränderter, dabei aber stets dem Bedürfniss des Organismus zweckvoll angepasster Weise zur Wirkung gelangen. Dahin gehören in erster Linie die Regenerationsvorgänge. Die der lebenden Substanz allgemein, nur je nach der Entwicklungsstufe in sehr verschiedenem Maße zukommende Fähigkeit, Substanzverluste durch Neu- bildung der verlorengegangenen Gewebe und Organe zu ersetzen, über- schreitet freilich keineswegs den Umkreis, in dem die Theilungs- und Fortpflanzungserscheinungen ihre Analoga und einfacheren Vorstufen in chemischen Spaltungsprocessen der leblosen Natur finden. Dass die von außen bewirkte Trennung eines organisch-chemischen Substanzcomplexes in den gebliebenen Substanzresten ähnliche Affinitätskräfte auslöst, wie bei denjenigen Spaltungen der complexen chemischen Moleküle, die, wie wir annehmen können, durch die im Lauf der chemischen Lebensprocesse normaler Weise entstehenden Spaltungsfermente erzeugt werden, hat an sich nichts befremdendes, was zur Herbeiziehung specifischer Hülfsbegriffe nöthigte. Nun machte aber GUSTAV WoLFF die interessante Beobachtung, dass die aus dem Auge eines lebenden Tritonen herausgenommene Linse sich regenerirte, obgleich sie sich während der Entwicklung von dem Mutterboden des Ektoderms, als dessen Wachsthumsproduct sie ursprüng- lich entsteht, vollständig getrennt hat1. Darin soll sich eine zweckmäßige Selbsthülfe des Organs bekunden, die aus dem Rahmen der allenfalls physikalisch-chemisch zu deutenden gewöhnlichen Entwicklungsvorgänge völlig heraustrete, weil durch jene Trennung der Linse von ihrer Mutter- substanz der Zusammenhang mit diesen Bedingungen aufgehoben sei. Doch wenn das Auge nach seiner Bildung aus Bestandtheilen von morpho- genetisch abweichender Bedeutung einem Aggregat innerlich zusammen- hangsloser Gebilde äquivalent wäre, so würde ein Zusammenhalt seiner Theile durch zweckthätige Kräfte nicht minder unverständlich, und eine Regeneration des seinem ursprünglichen Zusammenhang entfremdeten Theils würde daher vom vitalistischen Standpunkte aus genau ebenso un- begreiflich wie vom physikalisch-chemischen sein. Da aber die natürliche Linse kein fremder Körper ist, wie es eine Glaslinse sein würde, sondern ein Theil des lebendigen Organs, so ist nicht einzusehen, warum sie nicht eben damit auch an den Gleichgewichtsbedingungen und deren Folgen theilnehmen soll, die in dem entwickelten Organ, wie in jedem andern Partialsystem des Organismus, schon innerhalb der normalen Stoffwechsel- vorgänge verwirklicht sein müssen. Das Argument steht also unter der 1 G. Wolff, Beiträge zur Kritik der DARWiN'schen Lehre, 1898, S. 68 ff.

Mechanismus und Vitalismus.

petitio principii, dass irgend ein Theil eines lebenden Organs nur so lange in den zu seiner partiellen oder totalen Ergänzung erforderlichen physi- kalisch-chemischen Wechselwirkungen mit seiner Umgebung stehe, als er ursprünglich schon mit derselben Umgebung verbunden war. Diese petitio principii ist jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach falsch, wie sich schon daraus ergibt, dass die Organtheile in ihrer neuen Anordnung ebenso gut ein physiologisch, d. h. physikalisch-chemisch zusammen- gehöriges Ganzes bilden, wie in der Anordnung ihrer ursprünglichen Bil- dung. Dass die Linse im ausgebildeten Auge jenes Gleichgewicht zwi- schen Stoffansatz und Zersetzung, durch das sie vor Atrophie und ex- cessivem Wachsthum gleichermaßen bewahrt bleibt, nur den chemischen Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung verdanken kann, daran wird wohl niemand zweifeln. Deshalb ist aber auch nicht einzusehen, warum sich die Wirksamkeit jener chemischen Kräfte, die das Gleichgewicht aller Be- standtheile eines Organs während des normalen Stoffwechsels verbürgen, nicht auch auf den Fall erstrecken sollte, wo dieses Gleichgewicht durch die gewaltsame Abtrennung irgend welcher die Constitution des Ganzen mitbildenden Molekülgruppen gestört wird. Kann man sich doch die Regenerationsvorgänge überhaupt kaum anders denn als Vorgänge denken, die denen des normalen Stoffwechsels in allem wesentlichen gleichen, ab- gesehen davon, dass die bei dem letzteren fortwährend stattfindenden Spaltungs- und Verbindungsprocesse durch den Substanzverlust in ein- seitiger Weise gesteigert werden. Stoffwechsel und Regeneration lassen sich daher nicht als disparate Vorgänge einander gegenüberstellen, son- dern man muss stets dessen eingedenk bleiben, dass auch der normale Stoffwechsel ein Regenerationsvorgang, und dass ebenso umgekehrt jede, selbst die unter den außergewöhnlichsten Bedingungen eintretende Re- generation ein Stoffwechselvorgang ist.

Aehnlich wie mit der Regeneration von Organtheilen auf einem ur- sprünglich fremden Mutterboden, verhält es sich mit einem andern Argu- ment für die Wirksamkeit specifischer Vitalkräfte: mit den Abänderungen der die embryonale Entwicklung zusammensetzenden Differenzirungspro- cesse durch äußere, die normale Entwicklung hindernde Einwirkungen. Zwar bilden solche Eingriffe, wie mannigfache Versuche gelehrt haben, sehr häufig die Ursachen thatsächlich erfolgender Abweichungen der Bil- dung, sogenannter Missbildungen. Daneben lässt sich jedoch nicht ver- kennen, dass zugleich in weitem Umfang eine Selbstregulirung besteht, vermöge deren die eintretenden Abweichungen compensirt werden. Bei solchen Compensationen können dann wiederum Theile des Bildungs- materials eine Function übernehmen, die ihnen bei der normalen Ent- wicklung durchaus nicht zukommt. Wie die Regenerationen, so greifen 736 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

nun sichtlich auch solche Compensationen in um so weiterem Umfange und mit um so vollständigerem Erfolge Platz, auf einer je niedrigeren, d. h. im ganzen weniger differenzirten Entwicklungsstufe die Organismen stehen. So sah Hans Driesch, als er Echinodermeneier nach Ablauf der ersten Theilungen der Eizelle verstümmelte, aus dem gebliebenen Rest eine vollständig ausgebildete Larve hervorgehen1. Das Experiment bildet mit andern ähnlichen Beobachtungen über willkürlich gesetzte Entwicklungsstörungen eine interessante Parallele zu den Regenerations- versuchen. Auch hier beruht demnach die Annahme, ein solches An- wachsen eines Bruchtheils der Keimanlage zu einem vollständigen Orga- nismus sei nur als ein »vitales« Geschehen, aus der Wirksamkeit specifischer Gestaltungskräfte, nicht als ein causales, durch physikalisch- chemische Vorgänge bedingtes, zu erklären, auf einer petitio principii: auf der Vor- aussetzung nämlich, dass jedes Element der Keimanlage nur zu einer Richtung physikalisch -chemischer Vorgänge prädisponirt sei. Wenn die morphologischen Elemente in causaler Beziehung durchaus nur als selbständige, von den sie umgebenden Elementen unabhängige Einheiten gedacht werden könnten, so würde kaum begreiflich sein, wie sie gleich- wohl teleologisch unter dem Einfluss dieser andern Elemente der Keimanlage stehen sollten; und umgekehrt: wenn eine Zweckbeziehung der Keimtheile zu einander statuirt wird, so kann man die Folgerung nicht abweisen, dass die einzelnen Theile auch in physikalisch-chemischen Wechselwirkungen stehen. Mit andern Worten: Elemente, die teleologisch zu einander gehören, müssen nothwendiger Weise auch in causaler Be- ziehung ein Ganzes bilden, das eine Wechselwirkung der Theile nicht ausschließt, sondern, einschließt. Wie man also die Sache ansehen möge: jeder teleologische Zusammenhang fordert einen causalen Zusammenhang. Der Satz, irgend eine functionelle Wechselbeziehung sei teleologisch, aber nicht causal zu erklären, führt daher zu naturwissenschaftlich unvollzieh- baren Vorstellungen. Wenn z. B. die Stoffwechselvorgänge jeder einzelnen Furchungszelle des Echinuseies, wie auch die Vitalisten kaum bestreiten, auf chemischen Affinitäts- und physikalischen Diffusionswirkungen, Ab- änderungen dieser Vorgänge in Folge einer künstlichen Theilung des Eies aber auf einem teleologischen Princip beruhten, so müsste man entweder annehmen, dieses teleologische Princip selbst bethätige sich in chemisch -physikalischen Wechselwirkungen der Elemente, wo es dann wiederum nur ein anderer Ausdruck für den causalen Zusammenhang der Erscheinungen sein würde; oder man müsste in diesem Princip eine Art 1 H. Driesch, Archiv für Entwicklungsmechanik, Bd. 8, 1899, S. 35 ff. Vgl. auch vom gleichen Verf.: Die organischen Regulationen, 1901, S. 35 ff- Mechanismus und Vitalismus.

platonischer »Idee« sehen, ein Urbild, das zugleich als eine mystische Kraft übersinnlichen Ursprungs in die natürlichen Wirkungen ordnend und abändernd eingreife. Da der heutige Vitalismus die letztere Vor- stellungsweise ablehnt, wie aus seiner energischen Verwahrung gegen ältere vitalistische Lehren, die sich zu ihr bekannten, hervorgeht, so bleibt ihm offenbar nur die erstere Annahme übrig. Nach dieser muss aber jeder Zweckzusammenhang, ob er nun der normalen oder einer irgendwie gestörten Entwicklung angehört, nothwendig zugleich ein cau- saler Zusammenhang sein, der unter der unumschränkten Gültigkeit der allgemeinen Naturgesetze steht. Oder mit andern Worten: der Unter- schied zwischen teleologischer und causaler Betrachtung ist kein sach- licher, der die Inhalte der Erfahrung in zwei disparate Gebiete scheidet, sondern beide Betrachtungsweisen sind lediglich formal verschieden, derart, dass zu jeder Zweckbeziehung eine Causalverknüpfung als ihre Ergänzung gehört, umgekehrt aber auch jeder causalen Verbindung nö- thigenfalls eine teleologische Form gegeben werden kann.

d. Die Entwicklungserscheinungen. Ontogenie und Phylogenie.

Die zuletzt berührten Erscheinungen der Regeneration und der Er- gänzung verloren gegangener Theile der Keimanlage im Sinne der Organbildung des normalen Organismus führen unmittelbar zu der dritten Gruppe von Erscheinungen hinüber, die für die Annahme specifischer Lebenskräfte in Anspruch genommen werden, und für die diese Annahme insofern eine gewisse Stütze in den Thatsachen selbst zu finden scheint, als es hier an treffenden Analogien aus dem Gebiet der unorganischen Natur und noch mehr an eigentlichen Vorstufen dieser Lebensvorgänge so gut wie gänzlich fehlt. Diese Gruppe besteht in den Erscheinungen der individuellen und der generellen Entwicklung, der soge- nannten Ontogenese und Phylogenese. Wenn Manche dereinst, unter dem ersten, überwältigenden Eindruck der Darwin 'sehen Arbeiten, durch diese mindestens den ersten Schritt zu einer causalen Lösung des Entwicklungs- problems gethan glaubten, so war das freilich ein Irrthum. Denn im Grunde war hier das Problem der individuellen Entwicklung nur auf zwei andere Probleme, auf das der Phylogenese und auf das der Ver- erbung, zurückgeführt. Diese Reduction konnte aber trotz ihrer unver- kennbar hohen theoretischen Bedeutung um so weniger eine causale Lösung oder auch nur ein entscheidender Schritt zu einer solchen genannt werden, als der Begriff der Vererbung sowohl wie der überaus viel- deutige der Anpassung, mit dem Darwin die Räthsel der Phylogenese zu lösen suchte, zunächst selbst nur teleologische Begriffe waren. Dies zeigte Wcndt, Grundzüge. III. 5. Aufl. ' 47 738 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

sich insonderheit auch darin, dass das Problem der Vererbung unausgesetzt Hypothesen herausforderte, mittelst deren man einer causalen Interpretation der Erscheinungen näher zu kommen suchte. Dass aber dies bis dahin nicht oder mindestens nicht in befriedigender Weise gelungen ist, liegt klar vor Augen, da die aufgestellten Theorien entweder, wie NäGELIs angeblich » mechanisch -physiologische Abstammungslehre«, doch im Grunde wieder zu specifischen, »zielstrebigen Kräften« zurückkehrten, oder, wie die Versuche Weismanns und Anderer, gleich Darwins Hypo- these der »Pangenesis«, im wesentlichen nur darin bestanden, dass sie die zu erklärende Eigenschaft von den Organismen und Organen auf hypothetische organische Moleküle oder Molekülgruppen übertrugen. In der That wird aber auch hier, in Anbetracht der in keinerlei Vorgängen der unorganischen Natur vorgebildeten Eigenschaften der organischen Entwicklungen, noch weit weniger als bei dem Stoffwechsel- und dem Zeugungsproblem, eine Widerlegung des Vitalismus in dem Sinne unter- nommen werden können, dass man diesem, der seinerseits auf eine eigentliche Interpretation der Erscheinungen verzichtet, direct eine solche gegenüberstellt. Vielmehr kann es sich hier wiederum nur um die Frage handeln, ob, wie der Vitalismus behauptet, eine Betrachtungsweise über- haupt ausgeschlossen sei, die diese in ihrem inneren Zusammenhang noch unerforschten Vorgänge an die bekannten physikalisch -chemischen Naturvorgänge anknüpft, oder ob nicht vielmehr eine solche nach dem ganzen Verhältniss, in welchem die Erscheinungen der ontogenetischen und der phylogenetischen Entwicklung zu den übrigen Lebensvorgängen stehen, als eine berechtigte und nothwendige angesehen werden müsse. Wird die Frage so gestellt, so wird man kaum umhin können, sie im letzteren Sinne zu bejahen. Findet der Zeugungsvorgang in seiner ein- fachsten Gestaltung, in der Spaltung der Individuen in materiell und functionell gleichartige Substanzen, seine Vorstufe in der chemischen Spaltung polymerer Verbindungen, so ist auf der andern Seite fest- zuhalten, dass alle Entwicklungsvorgänge schließlich auf eine große Zahl solcher Spaltungsvorgänge zurückführen, die nur dadurch in stetigzunehmendem Maße modificirt werden, dass die einzelnen Theilungs- producte vielfach abweichende, teleologisch gesprochen den durch die Umgebung gesetzten Bedingungen der Selbsterhaltung »angepasste« Ge- staltungen annehmen. Nun ist allerdings diese Anpassung selbst, wie bemerkt, ein teleologischer, kein causaler Begriff, wofür er von den Vertretern der Darwin 'sehen Theorie unter den Biologen zumeist ge- halten wird. Aber der teleologische Ausdruck schließt hier allerdings eine causale Deutung der Erscheinungen nicht aus, sondern nach dem Zusammenhang, in dem er steht, fordert er eine solche. Denn wie soll Mechanismus und Vitalismus man sich Anpassung an die Umgebung anders denken denn als eine physikalisch- chemische Wirkung, die das umgebende Medium auf die lebenden Substanzen ausübt, und als eine Reaction dieser letzteren, die jener Einwirkung entspricht, und die, wie man sie sich auch vorstellen möge, jedenfalls den physikalisch-chemischen Eigenschaften der lebenden Substanzen entsprechen muss. Das primum movens solcher »Anpassungen« kann naturgemäß ein doppeltes sein. Es kann dem umgebenden Medium angehören, wie z. B. wenn Pflanzen durch die Uebersetzung in anderes Erdreich ihre Eigenschaften ändern. Es kann aber auch in der lebenden Substanz selbst liegen:, so z. B. wenn die Individuen einer und derselben thierischen Species mit einander um die Nahrung und die Fortpflanzung kämpfen, und nun dieser Wettkampf durch die Uebung der Organe, zu der er anregt, die Leistungsfähigkeit in einer bestimmten Richtung steigert. Doch welche dieser beiden Formen der von DARWIN unter- schiedslos unter dem Namen des »Kampfes ums Dasein« zusammenge- fassten abändernden Bedingungen, oder welche Art von Combination der- selben man annehmen möge, immer bleiben die Aenderungen selbst physikalisch -chemische Vorgänge, die in ihren einzelnen, außerhalb des ganzen zweckmäßigen Zusammenhangs betrachteten Elementen auf allgemeine, in wesentlich übereinstimmender Form auch in der unorganischen Natur vorkommende Wirkungen zurückführen. Denn wieder sind es theils Wachsthums- theils Spaltungsvorgänge einzelner Formbestandtheile, also Erscheinungen, in denen sich gewisse chemische Vorgänge von allver- breiteter Beschaffenheit wiederholen; und es würde absolut keinen Sinn haben, diese Processe deshalb, weil sie in diesem Fall einen sogenann- ten Lebensvorgang zusammensetzen, ganz anders zu beurtheilen, als wir es in denjenigen Fällen thun, wo sie uns in einer in allen wesentlichen Merkmalen gleichen Beschaffenheit in der leblosen Natur begegnen. Eine Kette von Vorgängen, innerhalb deren jedes einzelne Glied auf eindeutig bestimmte causale Bedingungen zurückgeführt werden muss, kann, als Ganzes genommen, unmöglich völlig andern Bedingungen ge- horchen als ihre Theile. Wer also zu allen jenen einzelnen physikalisch- chemischen Wirkungen noch eine specifische Bedingung hinzufügt, die sich nur auf das Ganze beziehen, und unter deren Einfluss nun erst die Verbindung der einzelnen causal bestimmten Einzelvorgänge zu stände kommen soll, der macht eine überflüssige Annahme, weil eine bestimmte Reihe von Lebensvorgängen ebenso wenig eine zu allen einzelnen hinzu- kommende besondere Wesenheit ist, wie eine verwickelte Bewegung im Raum bei ihrer Zerlegung außer den Elementen, in die sie zerlegt werden kann, ein besonderes Substrat für die Bewegung als Ganzes verlangt. Soll vollends nur für einen Theil der Naturvorgänge, nämlich eben die IAO Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

der lebenden Natur, diese Voraussetzung gelten, so ist das eine Ein- schränkung, die den Gedanken nur noch widerspruchsvoller macht, um so mehr, da Erscheinungen, die zur Einführung solcher mit providentiellen Eigenschaften ausgestatteter Naturkräfte Anlass geben könnten, mannig- fach in der Natur vorkommen. Sind doch Entwicklungserscheinungen im weiteren Sinne des Wortes nichts anderes als periodische Vorgänge, in denen in zeitlicher Folge nach zwischenliegenden Zuständen von ab- weichender solche von übereinstimmender Form wiederkehren. Die Be- dingung hierzu ist im allgemeinen überall da gegeben, wo sich Aus- lösungsprocesse in gleichen Zeiträumen wiederholen, weil die auslösenden Kräfte immer wieder der gleichen Zeit bedürfen, um zu der erforderlichen Stärke anzuwachsen. Denken wir uns etwa solche auslösende Kräfte in Gestalt chemischer Spaltungsfermente, die in einer bestimmten Super- position eine Kette von Vorgängen auslösen, während sie selbst die Eigenschaft haben, sich auf dem Wege chemischer Contactwirkungen zu erneuern, so bietet sich ein Bild wechselnder Zustände, das als ein all- gemeines Schema einer beliebigen Entwicklungsfolge betrachtet wer- den kann.

Sind nun auch diese chemischen Auslösungsvorgänge und die von ihnen eingeleiteten Processe im Innern der lebenden Substanzen unserer Erkenntniss zumeist noch unzugänglich, so ist doch gerade hier voraus- zusetzen, dass die morphologischen Entwicklungserscheinungen äußere Wirkungen dieser inneren Vorgänge sind. Dann wird aber das Princip, das für jene gilt, auch auf diese ihre mechanischen Erfolge anwendbar sein, das Princip nämlich, dass jeder in einem bestimmten Zeitmoment gegebene Zustand stets und zunächst aus den ihm unmittelbar voraus- gehenden Bedingungen abzuleiten ist. Nur gehen nunmehr diese Be- dingungen selbst zu einem wesentlichen Theil aus inneren in äußere über, indem die aus den chemischen Vorgängen resultirenden Wachs- thumsvorgänge einer organischen Form die mechanischen Bedingungen ihrer Formumwandlungen in sich enthalten. Dies ist in der That der Gedanke, welcher der neueren »Entwicklungsmechanik der Organismen« durchweg zu Grunde liegt. Im Gegensatze zur älteren Morphologie, die unter einem »Entwicklungsgesetz« den teleologisch zu deutenden typischen Gesammtverlauf einer Entwicklung verstand, sucht sie aus den direct causal verbundenen Entwicklungsmomenten die Formumwandlungen im einzelnen abzuleiten. Sind auf diese Weise die einzelnen Stufen einer Entwicklungsreihenfolge in ihrer causalen Notwendigkeit begriffen, so ist aber damit selbstverständlich auch das Ganze gegeben. Der Gedanke der Entwicklungsmechanik ist so die. volle Umkehrung der Typentheorien eines CUVIER und AGASSIZ: jene fordert ebenso die causale Interpretation Mechanismus und Vitalismus.

aus der Folge der einzelnen Erscheinungen, wie diese die teleologische Deutung aus der Idee des Ganzen1.

e. Erkenntnisstheoretische Bedeutung des biologischen Zweckprincips.

Mit der Verwerfung der vitalistischen Zweckbegriffe ist nun aber nach dem früher (S. 691) Bemerkten selbstverständlich nicht die teleo- logische Betrachtung überhaupt als unzulässig verworfen. Vielmehr wird sie auch im Gebiet der Lebensvorgänge in dem Sinne als nützlich an- erkannt werden müssen, in welchem, wie wir oben sahen, teleologische Principien in der Mechanik mit Vortheil verwendet werden, oder in dem das Energieprincip in seiner allgemeinen, an und für sich mit der me- chanischen Naturanschauung durchaus vereinbaren Form ein teleologisches Princip ist. Dies führt uns auf denjenigen Punkt, der den Grundirrthum der vitalistischen Betrachtungsweise ausmacht: auf seine Verkennung der erkenntnisstheoretischen Bedeutung des Zweckprincips. Die Vital- kräfte oder, wie man sich bisweilen zurückhaltender ausdrückt, die teleo- logischen Bedingungen der vitalen Erscheinungen sollen den causalen Momenten des Naturlaufs gleichgeordnet sein, so dass sie diese ergänzen und eventuell in sie eingreifen, bez. als eingreifend angenommen werden müssen, sobald die gewöhnliche Causalität nicht ausreiche, um die That- sachen zu erklären. Demnach sollen diese sogenannten Vitalkräfte oder teleologischen Bedingungen gerade so wie die causalen die Erscheinungen bestimmen oder ihnen vorausgehen. Der Vitalismus nimmt mit andern