SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

Page 85 of 89

Der Begriff der Seele. ycg wo es sich um die Beschreibung wirklicher seelischer Vorgänge handelte, ganz im Sinne des Actualitätsprincips zu verfahren. Da war es denn schließlich ein entscheidender Schlag, der die Seelensubstanz traf, als ihr Kant auch in jene verborgene metaphysische Zuflucht folgte und die trügerische Natur der Beweisgründe ins Licht setzte, mit denen sich ihrer die sogenannte rationale Psychologie zu versichern gesucht hatte. Für die Psychologie als solche traf aber damit Kant mit der empirischen As- sociationspsychologie David HUMEs zusammen, der die Seele geradezu ein »Bündel von Vorstellungen« genannt hatte. Kant selbst freilich hatte damit sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Was er im Sinne trug, das war nur, die Seelensubstanz wieder auf das Gebiet zurückzuverweisen, aus dem sie nach seiner Meinung unrechtmäßig in die empirische Seelen- lehre gerathen war: auf das des praktischen religiösen Glaubens. Damit schien nun der Begriff den Kreislauf seiner Wandlungen zurückgelegt zu haben: er hatte seinen Ursprung wiedergefunden, die Betrachtung der seelischen Vorgänge selbst aber war seiner ledig geworden. Doch auch damit war die philosophische Selbstzersetzung des Seelenbegriffs noch nicht vollendet. Indem die auf Kant folgende Speculation, die in der HEGEL'schen Philosophie culminirte, den »Dingen an sich« schlechthin überall, ob sie sich nun für metaphysische Grenzbegriffe oder für prakti- sche Postulate ausgeben mochten, das Existenzrecht bestritt, um in der Erscheinungswelt selbst die Entfaltung des absoluten Seins zu erblicken, wurde die Seelensubstanz auch aus dieser letzten Zuflucht verscheucht. Wie die Geschichte für diese Philosophie nicht mehr bloß ein vergäng- liches Schauspiel war, das erst durch den geheimnissvollen Hintergrund einer höheren Welt, vor dem sie sich abspielt, Sinn und Bedeutung empfange, sondern ein voller Antheil des unendlichen Weltlaufs selbst, in dem alles Wirkliche in einem vernünftigen, nach ewigen Gesetzen ge- ordneten Zusammenhang steht, so galt ihr auch die individuelle Seele als der unmittelbare Zusammenhang der seelischen Erlebnisse selbst, als ein Stück aus jener unendlichen Wirklichkeit des Weltgeistes, das alles was es bedeute wiederum nur aus seiner eigensten actuellen Wirklichkeit schöpfe. Aber freilich, das Bild dieser wirklichen Welt, in der Sein und Werden und Erscheinung zusammenfielen, dieses großartige Bild, das die Philo- sophie der Romantik entwarf, es war schließlich doch auch einer jener romantischen Träume, welche die wahre durch eine phantastische Wirk- lichkeit ersetzten. Denn nicht aus dem Born des wirklichen Lebens schöpfte die romantische Philosophie, sondern sie meinte erst dieses lebendige Ganze in seine Theile zerschlagen zu müssen, um es dann aus diesen wiederum neu zu erschaffen. Statt die Natur- und Geistesgesetze aus ihrem eigenen Wirken zu begreifen, unternahm sie es, sie nach den yÖO Principien der Psychologie.

erzwungenen und erkünstelten Normen einer äußerlich streng abstracten, innerlich wild phantastischen Logik, im ganzen willkürlich, im einzelnen manchmal mit genialer Intuition zu gestalten und nicht selten zu miss- handeln. Nirgends offenbarte dieses überspannte Beginnen seine Ohnmacht augenfälliger als gerade in den zwei Gebieten, die überall die Grundlagen einer besonnenen Philosophie bilden: in der Naturphilosophie und in der Psychologie. Ueber jene bedarf es heute keines Wortes mehr. In dieser bestand die Leistung der neuen Philosophie lediglich in einer Einordnung der alten Vermögensbegriffe in die Schablone einer dreigliedrigen, ge- künstelten Dialektik. Eigentlich glänzte also hier die Psychologie durch ihre Abwesenheit. Die Vermögenspsychologie hatte doch wenigstens bei den einzelnen »Vermögen« Beschreibungen einiger complexer Erschei- nungen zu geben versucht, dürftig freilich, aber immerhin so gut sie es vermochte. Hier begnügte man sich mit einem äußerlichen, nichtssagen- den Schema. Doch trotz dieser Irrungen hat die Philosophie der Ro- mantik auch für die Psychologie das erlösende Wort gesprochen, indem sie für Alle, die hören wollten, laut und eindringlich verkündete, dass alles geistige Werden, und so auch das seelische Geschehen, Actualität, unmittelbar erlebte Wirklichkeit, und dass Wesen und Erscheinung des Geistes eins und dasselbe seien, nur insoweit verschiedenes bedeuten, als wir unter dem Wesen den richtig erkannten Zusammenhang der Er- scheinungen selbst verstehen.

So haben die vorangegangenen Entwicklungen der Philosophie die heutige Auffassung der psychologischen Aufgabe vorbereitet. Indem die Associationsphilosophie der Aufklärungszeit die Seele als ein »Bündel von Vorstellungen« ansah, hat sie zwar dem Zusammenhang des Seelenlebens einen intellectualistisch gefälschten und durch das auf- gezwungene oberflächliche Associationsschema unzulänglichen Ausdruck gegeben. Aber sie hat damit energisch betont, dass es die empirische Psychologie überall nur mit dem wirklichen seelischen Leben, nirgends mit einer hinter diesem verborgenen transcendenten Substanz zu thun habe. Und indem die speculative Philosophie der Romantik in die Wirklichkeit der geistigen Entwicklungen das Wesen des Geistes verlegte, ist sie zwar an den wahren Aufgaben der Psychologie achtlos vorüber- gegangen und hat daher ihr Gebäude der Geisteswissenschaften in die Luft gebaut. Um so umfassender aber hat sie die Actualität des Ge- schehens auch für die Psychologie als die Grundanschauung der Zukunft ans Licht gestellt. Indem heute die Psychologie diese auf zwei so ver- schiedenen Wegen ihr gewordenen Antriebe wieder aufnimmt, wird es ihre Aufgabe sein, die Wahrheit, die sie beide enthalten, sich anzueignen, und die Irrungen zu vermeiden, in die jene sich verstrickt haben. Diese Der Betriff der Seele.

Irrungen, so verschieden sie sind, wurzeln beidemal in einem und dem- selben Fehler. Dem wirklichen Geschehen wird ein äußerlicher Schema- tismus entgegengebracht, in den man jenes, so gut es geht, einzwängt. Mag 'dieser Schematismus ein empirischer oder ein logischer sein: er ist ein verfehlter, dort, weil er auf eine unzulängliche, ohne genügende Me- thoden und Hülfsmittel unternommene Analyse der Erfahrung gegründet, hier, weil er eine äußerliche Ordnung nicht der Erscheinungen selbst, sondern der allgemeinen und unbestimmten Begriffe ist, in denen die vorwissenschaftliche Psychologie ihre Reflexionen über das seelische Leben in der Sprache niedergelegt hat.

Indem heute die Psychologie sich die Aufgabe stellt, die Wirklichkeit des seelischen Lebens nicht auf Grund oberflächlicher Verallgemeinerun- gen zu construiren, sondern in allen ihren Erscheinungen und so viel als möglich mit Hülfe exacter Methoden zu analysiren, kann sie aber natur- gemäß keinen andern Seelenbegriff brauchen als eben den, dem die Seele nichts anderes als das seelische Geschehen selbst ist. Es ist durchaus kein neuer Seelenbegriff, den sie dabei anwendet, sondern derjenige, dessen man sich im Grunde immer bedient hat, wo man irgendwie den seeli- schen Thatsachen näher kommen wollte. Jeder solche Versuch, von Aristoteles an, hat immer wieder dazu geführt, die Seelensubstanz als ein für die. wirkliche Erkenntniss des Seelenlebens unnützes metaphysi- sches Ornament verschwinden zu lassen, das man regelmäßig erst dann zu Hülfe rief, wo die Psychologie die Grenzen ihres eigenen Gebietes zu überschreiten anfing.

Nur eine Frage gibt es, bei der, wenigstens nach der Meinung man- cher Psychologen und Philosophen, der Begriff der Seelensubstanz auch für die Psychologie noch eine gewisse Bedeutung hat: das ist die Frage nach dem Verhältniss von Leib und Seele. In der That ist dieses Problem stets -der Haupttummelplatz gewesen, auf dem die verschiedenen Substanz- hypothesen ihre Kräfte zu messen suchten. Hier liegt daher auch für das Actualitätsprincip die Entscheidung darüber, ob dieses ein endgültiges Prin- cip der Psychologie ist, oder ob es nicht vielleicht doch bei den letzten Fragen, da wo Psychologie und Metaphysik sich berühren, der Seelen- substanz seinen Platz räumen muss.

c. Einheit von Leib und Seele.

Zwei Standpunkte gibt es, von denen aus das Verhältniss von Leib und Seele betrachtet werden kann: der eine ist der Standpunkt der prak- tischen Lebenserfahrung, der andere derjenige der wissenschaftlichen Ana- lyse der Erscheinungen. Beide dürfen selbstverständlich nicht mit einander verwechselt werden. Weniger selbstverständlich ist es vielleicht, aber yß2 Principien. der Psychologie.

gleichwohl nicht minder unerlässlich, dass das, was die wissenschaftliche Analyse gefunden hat, schließlich auch mit der praktischen Lebenserfah- rung im Einklang bleiben muss, dass also nicht Wissenschaft und Leben zu zwei gänzlich verschiedenen und einander widerstreitenden Weltanschau- ungen gelangen dürfen. Vielmehr, die Ergebnisse, zu denen die wissen- schaftliche Analyse gelangt, werden ja immer der gewöhnlichen Lebens- erfahrung gegenüber ein Neues und Eigenartiges sein, und vielfach wird es sich diese gefallen lassen müssen, durch jene berichtigt und ergänzt zu werden. Aber nie können die Ergebnisse der Wissenschaft mit den Thatsachen des praktischen Lebens in einen andern, als in einen schein- baren Widerstreit gerathen, bei dem es sich in Wahrheit nicht um That- sachen, sondern um mehr oder weniger vorübergehende Meinungen han- delt. Damit ist jedoch nicht bloß für das Leben, sondern auch für die Wissenschaft eine Richtschnur gegeben. Wo die Folgerungen der letzteren mit der praktischen Lebenserfahrung unvereinbar sind, da hat sie allen Grund anzunehmen, dass nicht diese, sondern sie selbst sich auf einem Irrweg befinde. In Wahrheit ist das auch die Maxime, der die positiven Wissenschaften zu jeder Zeit gefolgt sind; und wo dies je einmal nicht zuzutreffen schien, da hat sich dies immer noch als ein täu- schender Schein herausgestellt. Vielleicht gab es nie eine wissenschaft- liche Anschauung, die bei ihrem ersten Auftreten in den Augen der Menge der praktischen Lebenserfahrung mehr zu widersprechen schien, als das copernikanische System. Hinterher aber stellte es sich heraus, dass sich diese anfänglich von so Vielen für paradox gehaltene Anschau- ung in Wahrheit der praktischen Erfahrung viel besser einfügte, als die ihr vorausgegangene ptolemäische Weltansicht.

Nun kann die Stellung der praktischen Lebenserfahrung zu dem Pro- blem von Leib und Seele keinen Augenblick zweifelhaft sein. Für sie ist dieses Problem eigentlich gar kein Problem, sondern dass Leib und Seele zusammengehören, das betrachtet sie als eine unmittelbare That- sache der Wirklichkeit. Und beide gehören in dem Sinne zusammen, dass das seelische Leben schlechthin einen Theil der Erscheinungen aus- macht, aus denen sich das zusammensetzt, was wir einen lebenden und zugleich fühlenden und empfindenden Körper nennen. Der einheitliche Zusammenhang dieser und der sämmtlichen sogenannten körperlichen Eigenschaften erscheint uns ebenso wenig als ein Widerspruch, wie uns die Verbindung von geometrischer Form, Glanz und Lichtbrechung an einem Krystall widersprechend erscheint. Die natürliche und ursprüng- liche Auffassung, die zugleich, die für die praktische Lebensanschauung fortan ihre Geltung bewahrt, ist daher die der Einheit von Seele und Leib. Selbst in jenen frühen mythologischen Vorstellungen, aus denen Der Begriff der Seele. 763 die spätere Seelensubstanz hervorgegangen ist, kehrt diese Ueberzeugung wieder. Denn die abgeschiedenen Seelen, die Schatten und Geister, wer- den nicht als körperlose Wesen betrachtet, sondern lediglich als Wieder- holungen der wirklichen beseelten Wesen. Nur stattet die Phantasie des mythologischen Denkens sie mit einigen körperlichen und seelischen Eigen- schaften aus, die den wirklichen lebenden Wesen nicht oder wenigstens nicht genau in der gleichen Weise zukommen.

Diese Einheit von Leib und Seele gehört nun aber auch — das lässt sich frühe schon erkennen - — nicht zu jenen Vorstellungsweisen, die, wie beispielsweise die ptolemäische Weltansicht, im Laufe der Zeit von der Wissenschaft berichtigt und durch eine andere, auch den praktischen Lebensbedürfnissen besser genügende ersetzt werden, sondern im Gegen- theil: eben jene Spukgestalten der mythologischen Phantasie, die ur- sprünglich der Trennung von Leib und Seele in der vermeintlichen Erfahrung ein Substrat zu geben schienen, sie werden unter der Mit- wirkung der Einflüsse von Philosophie und Wissenschaft allmählich zer- streut, um nun erst recht für die gereifte praktische Lebenserfahrung jene Einheit zurückzulassen, die nicht nur für unser Handeln als eine unmittelbar gegebene und niemals zu lösende gilt, sondern die auch für die Wissenschaft eine unaufhebbare Voraussetzung bleibt. Geschichte^ Rechts- und Staatswissenschaft, Litteratur- und Kunstbetrachtung — sie haben es überall mit dem ganzen Menschen zu thun, mögen sie auch, je nach der Natur der Lebensvorgänge, denen sie zugewandt sind, bald auf diese bald auf jene Seite das größere Gewicht legen. Darum will ja' auch der Ausdruck »Geisteswissenschaften« nur im Sinne dieser vorzugs- weisen Betrachtung solcher Seiten des Seins und Geschehens verstanden werden, die der psychischen Sphäre des Lebens angehören, ohne dass damit jene Einheit von Leib und Seele irgendwie in Frage gestellt würde, der man vielmehr durch die Geltendmachung der Naturbedingungen des geistigen Geschehens auf den einzelnen Gebieten desselben überall Rech- nung zu tragen sucht. Damit ist schon ausgesprochen, dass, wenn Natur- forschung und Psychologie von der Abstraction sei es der psychischen sei es der physischen Seite der Lebensvorgänge einen weitergehenden Gebrauch machen, als es die übrigen, und als es namentlich die dem praktischen Leben als solchem näher stehenden Wissenszweige thun, sie doch unmöglich darauf ausgehen können, eben jene Einheit von Leib und Seele in Frage zu stellen, die im übrigen die Grundlage unserer praktischen wie theoretischen Weltbetrachtung bleibt. Das einzige was sie thun können und was sie auch wirklich thun, ist vielmehr dies, dass der Naturforscher, so lange er auf seinem eigensten Gebiete bleibt, von denjenigen Eigenschaften der Objecte abstrahirt, die der sogenannten 764 Prlncipien der Psychologie.

geistigen Seite der Dinge angehören, und dass der Psychologe in der umgekehrten Richtung seinem Beispiel zu folgen sucht. Dabei zeigt sich dann freilich schon bei der naturwissenschaftlichen Betrachtung, und voll- ends aller Orten bei der psychologischen, dass eine solche einseitige Ab- straction absolut nicht strenge durchzuführen ist, weil eben die thatsäch- liche Einheit von Leib und Seele dem als unübersteigbares Hinderniss im Wege steht.

Ist diese Einheit demnach keine Voraussetzung, die wir der Erfahrung entgegenbringen, sondern selbst eine Erfahrung, die wir mit allen unseren Abstractionen und Sonderungen der Wissenschaftsgebiete nimmermehr auf- heben können, so liegt nun aber die Frage nahe, worin denn eben jene immerhin vorhandene und von der Naturwissenschaft in sehr weitgehendem Maße, von der Psychologie wenigstens bis zu einem gewissen Grade durch- geführte Scheidung der körperlichen und der seelischen Eigenschaften der Dinge ihre Berechtigung habe. Hierauf wird zunächst zu antworten sein, dass sich auch dieses Recht nur aus seinen Entstehungsbedingungen ableiten lässt. Die Scheidung von Naturwissenschaft und Psychologie ist schließlich dem nämlichen Princip der Arbeitstheilung entsprungen, dem die Sonderung der Wissenschaften überhaupt ihr Dasein verdankt. So wenig physikalische und chemische Erscheinungen, oder so wenig Recht und Staat, Gesellschaft und Geschichte auf völlig von einander verschiedene Substrate der Dinge zurückführen, sondern eben nur ab- weichenden Standpunkten entsprechen, von denen aus wir dort die Natur- phänomene, hier gewisse complexe Formen des geistigen Lebens be- trachten, gerade so wenig haften physisches und psychisches Geschehen deshalb an verschiedenen Substanzen, weil die wissenschaftliche Analyse diese Sonderung fordert. Mag in diesem Fall die Scheidung zum Theil eine tiefergreifende sein, als bei jenen einander benachbarten Gebieten, eine principiell andere ist sie nicht. Eben darum aber ist es um so noth- wendiger, wenn nicht entweder die Grenzen der Gebiete in unzulässiger Weise verwischt, oder umgekehrt Grenzen da errichtet werden sollen, wo keine existiren, sich in diesem Fall die Bedingungen zu vergegenwärtigen, unter denen die wissenschaftliche Arbeitstheilung vor sich gegangen ist. Nun ist sicherlich die Scheidung von Naturforschung und Psychologie nicht aus einem ähnlichen Grund eingetreten, aus dem sich etwa die Zoo- logie von der Botanik getrennt, oder auch aus einem ähnlichen, wie er etwa bei der Scheidung der Rechts- von der Staatswissenschaft eingewirkt hat. Es gibt keine Objecte, die wir Körper, neben andern, die wir Geister nennen, analog wie es Pflanzen und Thiere gibt. Ebenso wenig sind die psychischen Eigenschaften als eine allen Formen des physischen Seins zukommende Eigenschaft anzusehen, wie das Recht eine alle staatlichen Der Begriff der Seele. y 6 c Formen durchdringende Bildung ist; sondern unzweifelhaft ist der Ge- sichtspunkt, aus dem jene fundamentale Scheidung, wenn nicht ursprüng- lich entstand, so doch jedenfalls ihre dauernde Rechtfertigung findet, ein eigenartiger, sonst nirgends wiederkehrender. Ohne Schwierigkeit lässt sich aber dieser Gesichtspunkt auffinden, wenn man nicht, wie es gewöhn- lich geschieht, von der Psychologie, sondern wenn man von der Natur- wissenschaft ausgeht. Letzteres wird in der Regel nur deshalb versäumt, weil man die Naturwissenschaft seit langer Zeit so fest gegründet glaubt, dass über ihre Aufgaben überhaupt kein Zweifel bestehen könne, während die Psychologie der ihren keineswegs gleich sicher sei. Der gewöhnliche Erfolg ist dann, dass, wenn nicht der metaphysische Seelenbegriff selbst, so mindestens die »innere Erfahrung« oder der »Inhalt des Bewusstseins« oder etwas ähnliches der Psychologie zugewiesen wird, so als wenn es wirklich eine von der äußeren objectiv verschiedene innere Erfahrung gäbe, oder als wenn die Gegenstände der Naturwissenschaft nicht auch zu den »Bewusstseinsinhalten« gehörten. Darum ist es offenbar zweck- mäßiger, ebenso wie in andern Fällen, im ganzen vom Bekannten zum Unbekannten oder minder Bekannten überzugehen, nicht umgekehrt. Das Bekanntere sind aber hier die Aufgaben der Naturwissenschaft. Leicht wird es sich darum an der Hand dieser Aufgaben feststellen lassen, worin ihr Unterschied von denen der Psychologie, und worin demzufolge die eigene Aufgabe der letzteren selbst besteht.

Nun ist es gerade der oben geltend gemachte allgemeine Gedanke, dass es schließlich auch die Naturwissenschaft mit gewissen »Bewusstseins- inhalten« zu thun habe, der uns hier zu einer ihre Scheidung vom Arbeitsgebiet der Psychologie kennzeichnenden Definition führen kann. Sind Bewusstseinsinhalte im weitesten Sinne des Wortes die Gegenstände beider, so kann das was sie scheidet nicht dieser Inhalt als solcher, sondern es kann nur der abweichende Standpunkt sein, den sie ihm gegenüber einnehmen. In der That ist dieser Standpunkt für die natur- wissenschaftliche Seite der Betrachtung schon klar angedeutet, wenn sie die »Außenwelt«, natürlich einschließlich des von dem wahrnehmenden Subject selbst dieser Außenwelt zugerechneten eigenen Leibes, als die Domäne ihrer Untersuchungen ansieht. Denn damit ist ausgesprochen, dass die Naturwissenschaft von allem dem abstrahirt und alles das so weit wie möglich eliminirt, was nicht in den von uns vorgestellten Ob- jecten der Außenwelt, sondern in irgend welchen Eigenschaften des wahrnehmenden Subjects seinen Ursprung hat. Die Frage aber, was denn solch subjectiven Ursprungs und darum von den Objecten als solchen in Abzug zu bringen sei, entscheidet die Naturwissenschaft überall aus eigener Machtvollkommenheit in dem Sinne, dass sie als subjectiv ■7 66 Principien der Psychologie.

ausscheidet, was eine widerspruchslose Interpretation der objec- tiven Naturerscheinungen unmöglich macht. Darum eliminirt sie die Qualität der Empfindungen als einen subjectiven Schein, den sie auf seine objectiven Substrate zurückzuführen sucht. Darum bringt sie fer- ner die Gefühle und Affecte als schlechthin nicht zum objectiven Ge- schehen gehörig von diesem in Abzug. Was zurückbleibt ist aber, wie wir das schon oben sahen, lediglich das räumlich -zeitliche Geschehen, eine Fülle mannigfacher Bewegungen und ihrer Wechselbeziehungen, zu denen wohl immer noch ein Zuschauer hinzugedacht werden muss, auf die aber diesem Zuschauer kein verändernder Einfiuss mehr zusteht. In diesem Sinne sind die Erscheinungen, welche die Naturwissenschaft als die ihr gegebenen Objecte zurückbehält, für sie wirkliche »Dinge an sich« ■ — diese nicht als metaphysische Substanzen gedacht, sondern als räumlich -zeitliche, also anschauliche Substrate der wahrgenommenen Erscheinungen. Indem sie diese Erscheinungen auf jene Substrate zurück- führt, bedarf sie freilich in letzter Instanz hypothetischer Hülfsbegriffe, und das sollte sie stets daran erinnern, dass die Objecte ihrer Unter- suchung niemals die volle Wirklichkeit enthalten, sondern immer nur die Wirklichkeit, wie sie auf Grund jener fundamentalen Abstraction sich darstellt. Dagegen behält die Maxime, dass die Anschauungsweisen der Wissenschaft denen der unmittelbaren Wirklichkeit des praktischen Lebens, wenn sie von ihnen auch noch so weit entfernt sein mögen, doch nie- mals widersprechen dürfen, ihre volle Geltung. Ja, indem die Natur- forschung eine widerspruchslose Interpretation der Naturerscheinungen zu stände bringt, beseitigt sie eben damit gerade auch den Zwiespalt, in den so oft die gewöhnliche Lebenserfahrung mit sich selbst geräth.

Ist auf diese Weise die Aufgabe der Naturwissenschaft unzweideutig dahin zu bestimmen, dass sie den gesammten Inhalt der Erfahrung um- fasst, aber unter Abstraction von allen den Elementen, die dem wahr- nehmenden Subject als solchem angehören, so ergibt sich nun daraus ohne weiteres auch die Aufgabe der Psychologie als diejenige, die eben jene Bestandteile, die für die naturwissenschaftliche Abstraction hinwegfallen und nothwendig hinwegfallen müssen, zu ihrem eigensten Gegenstande hat. Die Psychologie hat es demnach nicht mit einer andern Welt oder mit einem andern Substrat zu thun als die Naturwissenschaft, son- dern ihren Inhalt bildet wiederum die ganze, ungetheilte Welt der Er- fahrung. Aber es ist die Erfahrung als die von dem wahrnehmenden Subject selbst erlebte, in ihrer ganzen Unmittelbarkeit. Darum kommen alle die Gegenstände, welche die Objecte naturwissenschaftlicher Betrach- tung bilden, wiederum in der Psychologie vor; aber sie kehren hier unter einem wesentlich veränderten Gesichtspunkte wieder. Der Baum, den Der Begriff der Seele. 767 der Botaniker nach seinen physikalisch-chemischen Eigenschaften, seinen objectiven Lebensvorgängen, seiner Entwicklung und seinen genetischen Beziehungen zu verwandten Formen betrachtet, er ist für den Psychologen eine räumliche Vorstellung, aus bestimmten Helligkeits- und Farben- empfindungen bestehend, sinnliche und elementare ästhetische Gefühle anregend u. s. w. Eine menschliche Handlung, die für den Physiologen aus einer geordneten Summe von Muskelcontractionen, durch sie er- zeugten Skeletbewegungen und sie auslösenden peripheren und centralen Nervenerregungen besteht, sie ist psychologisch betrachtet ein Willens- vorgang, der als Affectverlauf mit charakteristischen Gefühlen beginnt und mit einer äußeren von Gelenk- und Muskelempfindungen begleiteten Vorstellung endet. Auch der Psychologe beschränkt sich dabei nicht darauf, das Wahrgenommene als ein gegebenes zu constatiren, sondern er sucht es in seine Factoren und Bedingungen zu zerlegen. Aber diese Factoren und Bedingungen bleiben ihm immer wieder subjective, un- mittelbar erlebte Bewusstseinsinhalte. So hat kurz gesagt die Naturwissen- schaft die ganze allumfassende Erfahrungswelt rein vom Standpunkt der Objecte aus, die Psychologie hat dieselbe Erfahrungswelt nur vom Stand- punkt des wahrnehmenden, fühlenden und wollenden Subjectes aus zum Gegenstand; und auch die Psychologie hat der Maxime treu zu bleiben, dass sie das was die unmittelbare praktische Lebenserfahrung enthält in ein klareres Licht setzt, Dunkelheiten und Widersprüche, so viel es an ihr ist, zerstreut, dass sie aber selbst niemals mit der praktischen Lebens- erfahrung in Widerstreit gerathen darf. So ergänzen sich Naturwissen- schaft und Psychologie in diesem ihrem Bemühen, dem wirklichen Leben zu dienen. Was dieses mit einem Male enthält, das betrachten sie von verschiedenen Standpunkten aus, und das analysiren sie darum nach verschiedenen Richtungen und zum Theil nach abweichenden Methoden. Aber wie sie beide von der Einheit des Wirklichen ausgegangen sind, so müssen sie auch schließlich bei dieser Einheit wieder zusammentreffen. Wie niemals mit dem wirklichen Leben, so dürfen sie auch niemals mit einander in Widerstreit gerathen; und wo sich das anscheinend ereignen sollte, da darf es als ein sicheres Zeichen dafür angesehen werden, dass entweder beide falsche Wege eingeschlagen haben oder dass dies einer von ihnen widerfahren ist.