physiologischen Kenntnisse mit der Annahme einer durchgängigen Corre- spondenz psychischer Elemente und physiologischer Vorgänge Genüge ge- leistet. Die Annahme, es gebe im Gehirn »Associationsfasern«, welche die sogenannte »Ideenassociation« besorgen, oder es könne den Fasern, die verschiedene Hirnprovinzen verknüpfen, die Mission einer »Gedankenver- knüpfung« obliegen, diese und andere Ideen schwärmender Gehirnanatomen gehören in die Classe der »empfindenden Atome«, der »Plastidulseelen« HÄCKELs und ähnlicher Phantasiegebilde. Sie haben nicht nur keinerlei Grundlage in der Erfahrung, sondern, wo sie irgendwie näher geprüft werden können, widersprechen sie ihr direct, wie wir bei Gelegenheit der physio- logischen Substrate der Associationen überhaupt und insbesondere derer der Sprache genugsam gesehen haben1. Selbstverständlich soll nun aber da- mit nicht gesagt sein, die physiologischen Processe, die den Elementen eines einheitlichen psychischen Complexes entsprechen, seien ein diffuses und ungeordnetes Chaos. Vielmehr haben wir allen Grund anzunehmen, dass das nicht der Fall ist. Denn in relativ einfacheren Fällen drängt sich die Voraussetzung functioneller Verbindung der physiologischen Sub- strate complexer psychischer Vorgänge so unwiderstehlich auf, dass man nicht anstehen wird, der Analogie entsprechend jene auch für solche com- plexe Functionen zu vermuthen, wo die nähere Nachweisung noch in weiterer Ferne liegt. So sind z. B. Netzhautreizung und Augenbewegung bei den Functionen des Sehens so gesetzmäßig an einander gebunden, und beide stehen mit den psychischen Functionen der räumlichen Gesichts- wahrnehmungen in so engem Zusammenhang, dass wir sicherlich auch hier im weiteren Sinne von einem psychophysischen Parallelismus reden können. Aber je mehr solche functionelle Verbindungen auf beiden Seiten unserer Analyse zugänglich werden, um so klarer stellt es sich freilich heraus, dass die aus ihnen resultirenden Wirkungen auf beiden Seiten völlig unvergleichbar mit einander sind. Wie sich irgend eine regelmäßige Zuordnung von sensibeln Erregungen und von Reflexbewegungen so ausbilden soll, dass daraus bestimmt localisirte Empfindungen entstehen, und wie aus einer großen Zahl solcher Reflexverbindungen schließlich die ganze wohlgeordnete Welt unserer Gesichtsvorstellungen entspringe, das bleibt an sich unerfindlich. Wohl können wir hier die Beziehungslinien von der physischen nach der psychischen Seite der Functionen ziehen, wenn uns die resultirenden psychischen Effecte selbst erst ge- geben sind. Aber an sich bleiben die Verbindungen absolut unver- gleichbar. Freilich ist nicht zu verkennen, dass sich damit bei den com- plexen Gebilden nur dasselbe Verhältniss wiederholt, das sich bei den Vgl. Bd. I, S. 307 ff., und oben Cap. XIX, S. 567.
Der Begriff der Seele. ynn Elementen selbst schon herausstellte, und das uns ja eben nöthigt, von einem »Parallelismus« und nicht von einer Identität zu reden. Dennoch wiederholt sich dieses Verhältniss bei den psychischen Verbindungen in gesteigertem Maße, da eben hier nicht nur die physiologischen Processe, die den psychischen Elementen, sondern auch diejenigen, die den Ver- bindungen entsprechen, disparat sind. Die zusammengesetzten psychischen Gebilde entfernen sich also mindestens um eine Stufe mehr von ihren physiologischen Correlatvorgängen, und diese Entfernung wächst, je mehr solcher Stufen sich einschieben, je complexer also die seelischen Gebilde werden. Darum ist aber dies zugleich der Punkt, wo nun erst recht und im eigentlichen Sinne die Arbeit der Psychologie als selb- ständiger Wissenschaft einsetzt. Gäbe es nur psychische Elemente, oder wären die Verbindungen dieser bloße einfache Wiederspiegelungen physi- scher Zusammenhänge, so könnte man ja allenfalls daran denken, jene Arbeit erschöpfe sich darin, gewissermaßen die physiologischen Processe, die eine psychische Seite haben, in ihre psychischen Elemente oder diese in jene zu übersetzen, um es dann der Physiologie zu überlassen, die daran sich anschließenden Synthesen aus ihren Beobachtungen abzuleiten.
Die Psychologie macht jedoch auf Schritt und Tritt die Erfahrung, dass ein solches Beginnen nicht etwa deshalb ergebnisslos ist, weil die Hülfs- mittel der Physiologie dazu vorläufig unzureichend bleiben, sondern dass es sinnlos ist, weil es dem Zusammenhang der psychischen Vorgänge selbst verständnisslos gegenüberstehen würde, auch wenn uns der Zu- sammenhang der Gehirnvorgänge so klar vor Augen stünde wie der Mechanismus einer Taschenuhr. Indem die Psychologie, wie das die vorigen Abschnitte zu zeigen versucht haben, bei jedem ihrer Probleme eigenartige psychische Verbindungsprocesse nachweist, die mit etwa pa- rallel gehenden physischen Beziehungen und Verbindungen unvergleich- bar bleiben, besteht vielmehr ihre Aufgabe zu ihrem wesentlicheren Theile nicht in der Nachweisung der psychischen Elemente, sondern in der Unter- suchung eben dieser Verbindungen. So erhebt sich denn unmittelbar aus der Erkenntniss der relativen Unzulänglichkeit des heuristischen Parallel- princips heraus die letzte allgemeine Frage der Psychologie: die nach den Eigenschaften, welche die Verbindungen und Beziehungen jener unmittelbaren Erfahrungsinhalte, die wir seelische Vorgänge nennen, kenn- zeichnen, und, wenn es solche charakteristische Eigenschaften gibt, welche Principien für sie gelten. Oder, wie wir die nämliche Frage auch formu- liren können: gibt es eine psychische Causalität mit eigenartigen Gesetzen, in denen der Werth und die Bedeutung des seelischen Lebens und der auf ihm ruhenden geistigen Entwicklungen ihren Ausdruck findet, oder Sfibt es keine? Die Untersuchungen der vorangehenden Abschnitte haben 778 Principien der Psychologie.
diese Frage bereits überall bejahend entschieden. Hier bleibt uns nur die Aufgabe, das dort zerstreut Gefundene den allgemeinen Gesichts- punkten unterzuordnen, die sich bei der Vergleichung des Einzelnen als die entscheidenden ergeben.
2. Principien der psychischen Causalität.
a. Princip der schöpferischen Resultanten.
Wo wir uns auch umsehen mögen im Gebiet jener Vorgänge, die wir im weitesten Sinne als »psychische Verbindungen« bezeichnen, oder — da alle wirklichen seelischen Vorgänge zusammengesetzt, also Ver- bindungen sind — wo wir uns auch umsehen mögen im weiten Bereich psychischer Erscheinungen überhaupt: immer und überall tritt uns als der hervorstechende Charakterzug der entgegen, dass das aus irgend einer Anzahl von Elementen entstandene Product mehr ist als die bloße Summe der Elemente, und mehr ist als ein diesen Elementen gleichartiges, nur etwa nach seiner Beschaffenheit irgendwie qualitativ oder quantitativ ab- weichendes Product, sondern dass es ein neues, nach seinen wesentlich- sten Eigenschaften mit den Factoren, die bei seiner Bildung zusammen- wirkten, schlechthin unvergleichbares Gebilde ist. Diese fundamentale Eigenschaft des psychischen Geschehens wollen wir das Princip der schöpferischen Resultanten nennen. Das Wort Resultanten soll an- deuten, dass es einzelne empirisch nachweisbare Elemente oder Verbin- dungen sind, aus denen jene in einer analogen festen Gesetzmäßigkeit her- vorgehen, wie sich die Componenten einer mechanischen Bewegung zu ihrer Resultanten zusammensetzen. Das Prädicat schöpferisch soll aber hervorheben, dass nicht, wie bei einer resultirenden Bewegung, der entstehende Effect von gleicher Art und Werthgattung ist, wie seine Com- ponenten, sondern dass er ein specifisch neues, in den Elementen vor- bereitetes, aber nicht vorgebildetes Erzeugniss, und dass sein Werthcharakter ein neuer, ein solcher höherer Stufe ist.
In seiner einfachsten Gestaltung begegnet uns das Princip bei der Bil- dung der Sinnes Vorstellungen. Ein Klang ist mehr als die Summe seiner Theiltöne. Indem diese zu einer Einheit verschmelzen, gewinnt der Grund- ton durch die wegen ihrer geringeren Intensität als selbständige Elemente in der Regel wirkungslos gewordenen Obertöne eine Klangfärbung, die ihn zu einem sehr viel reicheren Tongebilde macht, als es der einfache Ton ist. Vollends auf die unendlich mannigfachen Producte angewandt, die aus solchen Verschmelzungen hervorgehen können, erhebt sich erst auf der Grundlage der einfachen, nur nach Höhe und Tiefe abgestuften Principien der psychischen Causalität. 77g Töne die unendlich mannigfaltige Welt der Klangfärbungen. Aehnlich ist jede räumliche Vorstellung ein Product, in dem gewisse Elemente wiederum ihre Selbständigkeit verloren haben, um jenem eine völlig neue Eigenschaft, die räumliche Ordnung der Empfindungen, mitzutheilen. Beim binocularen Sehen verschwinden die gesonderten Bilder der beiden Seh- organe, um in dem gemeinsamen Bilde die unmittelbare Vorstellung der körperlichen Tiefe entstehen zu lassen. In den assimilativen Processen, die sich mit jedem Wahrnehmungsvorgang verbinden, treten endlich re- productive Elemente in den Dienst solcher Neubildung, indem sich nun aus directen Eindrücken und mannigfachen Fragmenten früherer Vor- stellungen die resultirende Anschauung aufbaut. Verwandte, nur durch die Natur der Elemente wieder eigenartig gestaltete Phänomene sind es, die uns bei der Bildung complexer Gefühle begegnen. Vor allem bei den ästhetischen Elementargefühlen, die einer eindringenden Analyse am zugänglichsten sind, springt hier jene Eigenschaft der psychischen Resul- tanten in die Augen. Ein Harmoniegefühl überschreitet die Wirkung der einzelnen Ton- und Klanggefühle, die an ihm theilnehmen, während es sie zu- gleich in ihrer vereinzelten Wirkung zum Theil absorbirt. Eine Dissonanz und die ihr folgende Auflösung zur Consonanz besitzt einen diese erzeugenden Componenten weit übersteigenden Gefühlswerth. Der Eindruck des ein- zelnen Taktschlags ist nichtig gegenüber dem des Taktganzen, und dieser wieder tritt zurück hinter der Wirkung, die Harmonie und Rhythmus in ihrer Verbindung erzeugen. Beim Affect geht ein einzelnes, an ihm be- theiligtes Gefühl ganz auf in der Totalität des Affectes selbst, und die Affecte und Gefühle, die einen Willensvorgang constituiren, haben in diesem abermals ein neues, tief auf das gesammte Seelenleben zurück- wirkendes Gebilde geschaffen. Innerhalb der Willensvorgänge endlich erzeugt die Vervielfältigung der Motive immer complexere Formen des Wollens, die wiederum als eigenartige psychische Producte den einzelnen Triebelementen gegenübertreten, aus denen sie sich zusammensetzen.
So gibt es schlechthin keine psychische Verbindung, an der nicht dieses Princip der schöpferischen Resultanten, zugleich mit der in ihm liegenden Steigerung beim Uebergang von den einfacheren zu den ver- wickeiteren Bildungen, zu beobachten wäre. Immer aber ist zugleich die Entstehung solcher Resultanten mit einer andern Erscheinung verknüpft, die in gewissem Sinn das zu jener Steigerung gehörende Gegenmoment bildet: mit dem Aufgehen einzelner Bestandtheile des Products in dem Ganzen, wodurch die ihm isolirt zukommende Bedeutung als solche sich vermindert oder ganz verschwindet. Dies begründet jene allen psychi- schen Verbindungen eigene Scheidung ihrer Elemente in dominirende und modificirende, die übrigens in mannigfachen Abstufungen in 780 Principien der Psychologie.
einander übergehen, da in gewissem Grad jedes Element an selbständigem Werth verliert, und nur das Ganze stets reicher ist als die Summe seiner Theile.
Das Princip der schöpferischen Resultanten bezieht sich ferner, wie alle psychologischen Principien, lediglich auf Verbindungen und auf Ver- hältnisse psychischer Inhalte, die unmittelbar zusammenhängen. Es kann sich, wie das der Begriff der » Resultanten« im Grunde schon in sich schließt, niemals beziehen auf psychische Vorgänge, die völlig von ein- ander gesondert sind, auch wenn diese einem einzigen individuellen Be- wusstsein angehören sollten. Kurz, es ist ein Princip des Geschehens im Einzelnen, kein Gesetz, das etwa die geistige Entwicklung im Ganzen be- herrscht. Gerade so wenig wie man aus dem Satz des Kräfteparallelo- gramms Folgerungen über den Weltlauf und die Zukunft des Universums ableiten kann, gerade so wenig lässt sich also aus dem Princip der schöpferischen Resultanten schließen, dass der Umfang und der Grad der geistigen Werthe in der Welt überhaupt oder in irgend einer Epoche geschichtlicher Entwicklung in fortwährender Zunahme begriffen sei. Wo psychische Verbindungen weitere Zusammenhänge mit einander bilden, da ist natürlich anzunehmen, dass auf diese das Resultantenprincip, eben insofern es alle Verbindungen, die engeren wie die weiteren, beherrscht, übergreifen werde. Aber wo ein directer Zusammenhang aufhört, da ist auch in den Thatsachen selbst nicht der geringste Grund gegeben, an seine Wirkung gewissermaßen ins Leere hinein zu denken. Es schließt an sich weder aus, dass geistige Werthe untergehen, noch lässt sich aus ihm folgern, dass irgend einmal den geistigen Vorgängen überhaupt und damit seiner eigenen Geltung ein Ende bereitet werde. Wenn wir das im allgemeinen nicht glauben können, oder vielmehr nicht glauben wollen, so gehört daher dieser Glaube nicht der Psychologie an, die es nur mit der Feststellung der empirischen Eigenschaften der psychischen Vorgänge zu thun hat, sondern er liegt auf einem andern Gebiet.
Das Princip der Resultanten beansprucht also universelle Geltung, in- sofern es keinen psychischen Zusammenhang gibt, der sich ihm entzieht. Aber es beansprucht nicht, von sich aus Verbindungen zu stiften, wo sie nicht in der Erfahrung gegeben sind. Es sagt aus, dass jeder geistige Zusammenhang neue geistige Werthe schafft; aber es sagt nicht aus, dass die ganze geistige Welt nur ein einziger Zusammenhang sei. In dieser Beschränkung fordert es den Vergleich mit dem ihm gegenüberstehenden naturwissenschaftlichen Princip der »Erhaltung der Energie« heraus. Dass auch das Energieprincip nur unter derselben beschränkenden Voraus- setzung, nämlich für jeden irgendwo gegebenen energetischen Zusammen- hang gilt, ist selbstverständlich, obgleich es nicht immer deutlich genug Principien der psychischen Causalität. 78 1 hervorgehoben wird. Sollten Systeme im Universum existiren, die nicht in einem solchen Zusammenhang stehen — was natürlich sehr wohl möglich ist — so hat das Princip der Erhaltung der Energiesumme für jedes einzelne nur so lange Geltung, als es ein in sich abgeschlossenes System bleibt. Nur ist es ja allerdings sehr wahrscheinlich, dass die Naturzusammenhänge, auf die sich das Energieprincip bezieht, weit um- fassendere sind, als die, innerhalb deren sich das Princip der geistigen Resultanten nachweisen lässt.
Mehr als dieses übereinstimmende Merkmal der begrenzten Geltung fällt nun aber wohl bei der Vergleichung dieser beiden allgemeinsten Principien der Naturforschung und der Psychologie ihr scheinbarer Ge- gensatz in die Augen, der einer oberflächlichen Betrachtung leicht sogar als ein Widerspruch erscheinen könnte. Da jedoch thatsächlich bei der psychologischen Betrachtung, die zu dem Princip der schöpferischen Re- sultanten geführt hat, ebenso von den physischen Vorgängen, für die sich das Energieprincip bewährt findet, abstrahirt wurde, wie umge- kehrt bei der Aufstellung des Energieprincips von der psychischen Seite der Erscheinungswelt, so berühren sich diese Principien überhaupt nicht. Die psychischen Resultanten sind geistige Werthe, die physischen Energien sind Naturvorgänge, die in mechanischen Arbeits- größen messbar sind. Beide gehören absolut verschiedenen Gebieten der Betrachtung der Dinge an. Praktisch bezweifelt das auch niemand, wo es sich etwa um die Erzeugnisse der Wissenschaft oder der Kunst handelt. Aber die einfachen psychischen Vorgänge, aus denen doch schließlich auch jene complexen Wirkungen hervorgehen, sollen gleich- wohl immer wieder mit einem ihnen fremden Maße gemessen werden. Wollte man den Begriff der Energie auf den eigenthümlichen Inhalt des psychischen Lebens selbst anwenden, so müsste man ihm dem ent- sprechend auch einen von dem der physischen Energie abweichenden Inhalt geben. Der physischen Energie der mechanischen Arbeit müsste man die Werthenergie der geistigen Leistung gegenüberstellen. Dann würden aber beide Energien, wie sie Disparates bedeuten, so ein ent- gegengesetztes Resultantenprincip in sich schließen: ein Princip der Er- haltung für die mechanische Arbeitsenergie, und ein Princip der Stei- gerung für die geistige Werthenergie. Da sich jedoch beide schließlich wieder auf ein und dasselbe Ganze der Erfahrung beziehen, so stehen sie zugleich insofern in Wechselbeziehung, als die Steigerung der geistigen Energie an die Erhaltungsbedingungen der physischen gebunden ist, und als ebenso die Werthschätzung der mechanischen Energie und ihrer Trans- formationen den Gesichtspunkten der geistigen Werthenergie entnommen wird. So findet denn das Wachsthum psychischer Werthe an dem Substrat 782 Principien der Psychologie.
physischer Energie, an das es gebunden ist, seine Grenzen; und die zweckvolle Ausnützung physischer Energiequellen findet in den Grund- sätzen der Beurtheilung geistiger Werthe ihre Regulative.
b. Princip der beziehenden Relationen.
Indem jede psychische Verbindung ein einheitliches Ganzes darstellt, das seinen Elementen gegenüber neue Eigenschaften verwirklicht, stehen nun weiterhin die Theile dieses zusammengesetzten Ganzen stets in be- stimmten Relationen zu einander. Der Satz, dass jedes complexe psy- chische Gebilde eine Resultante enthält, und der andere, dass alle seine Theile in Relationen zu einander stehen, sind daher auf das engste an einander gebunden, und von den Relationen der Bestandtheile ist ebenso die Beschaffenheit der resultirenden Wirkung abhängig, wie umgekehrt wiederum der neue und eigenartige Charakter der Resultante auf die Re- lationen ihrer Componenten zurückwirkt. So bestimmen die Theiltöne eines Klangs die resultirende Klangfärbung, diese setzt aber ihrerseits jeden Theilton, insoweit er entweder unmittelbar oder unter besonderen Bedingungen für sich wahrnehmbar ist, in ein bestimmtes Verhältniss zu dem Klang selbst und zu seinen übrigen unterscheidbaren Theiltönen. So wirkt ferner in einem rhythmischen Gebilde der einzelne Takt be- stimmend auf das ganze Gebilde ein, und der an dieses gebundene Total- eindruck wirkt wieder zurück auf jedes einzelne Taktglied und auf die Verhältnisse der Taktglieder zu einander, u. s. w. Je complexer die psychischen Verbindungen werden, und je deutlicher in Folge dessen die ein- zelnen Theile eines Ganzen für sich unterscheidbar hervortreten, um so klarer prägt sich dieses Princip der Relationen aus. Während es daher z. B. bei einem Einzelklang wegen der innigen Verschmelzung aller Ele- mente zu einem scheinbar einfachen Gebilde wenig bemerklich ist, fällt es bei einem Zusammenklang oder vollends bei einem zeitlich verlaufen- den rhythmischen Gebilde schon viel unmittelbarer in die Augen. Seine klarste Ausprägung findet es aber schließlich in den complexen associativ- apperceptiven Processen. Denn in allen diesen Fällen ist, ähnlich wie schon bei dem einfacheren Beispiel des Rhythmus, die zur deutlichen Auf- fassung der Theile günstigste Bedingung dadurch erfüllt, dass das Ganze zeitlich gegliedert und so eine zeitlich gesonderte Apperception der ein- zelnen Glieder ermöglicht ist.
Insbesondere gibt es unter diesen complexen Erscheinungen zwei, die für die Kennzeichnung des allgemeinen Charakters der psychischen Relationen einen typischen Werth besitzen, — nicht als ob diese in der ihnen eigenen Gesetzmäßigkeit hier allein anzutreffen wären, wohl aber führen hier die Erscheinungen specielle Bedingungen mit sich, die jene Principien der psychischen Causalität. 783 allgemeingültige Gesetzmäßigkeit am deutlichsten zu beobachten gestatten. Der eine dieser Fälle ist der der beziehenden Vergleichung, der andere der der beziehenden Zerlegung. Der Fall der beziehen- den Vergleichung ist in seiner einfachsten Form dann verwirklicht, wenn wir zwei gesondert gegebene einfache Bewusstseinsinhalte, z. B. zwei Em- pfindungen, vergleichen. Dies ist zunächst nur unter der Voraussetzung möglich, dass man die beiden gesondert gegebenen Inhalte in ein Ganzes zusammenfasst, in diesem Sinne also zu einer Resultanten vereinigt. Die Vergleichung selbst vollzieht sich aber, indem die beiden so verbundenen Theile in Relation zu einander gebracht werden. Das Princip der Rela- tionen findet in diesem einfachsten Fall seinen Ausdruck in dem soge- nannten WEBER'schen Gesetze. Denn die einzige psychologisch verständ- liche Deutung, die ihm gegeben werden kann, die ihm aber auch gerade im Hinblick auf die allgemeinen Bedingungen psychischer Vergleichung gegeben werden muss, ist die, dass es das Princip der Relativität auf einander bezogener psychischer Inhalte zum Ausdruck bringt (Bd. 1, S. 541). Dieses Princip der Relativität ist eben nichts anderes als das auf den Process der Vergleichung angewandte allgemeine Princip der psychischen Relationen. Gerade das WEBER'sche Gesetz setzt nun zugleich den eigenthümlichen Charakter des Relationsprincips in ein helles Licht. Wenn wir nämlich als den Sinn dieses Gesetzes die Relativität der Bewusstseinsinhalte bezeichnen, so ist dieser Ausdruck nicht voll- ständig, da er den specifischen Charakter der psychologischen Relati- vität noch nicht enthält. Dieser specifische Charakter besteht aber darin, dass die mit einander verglichenen Theilinhalte nur auf einander be- zogen werden, so dass es eben deshalb, sobald die Vergleichung zu einer quantitativen wird, keine allgemeinere Maßeinheit gibt, nach der man sie bestimmt. Eine solche Zurückführung auf eine allgemeinere und darum an sich außerhalb der verglichenen Größen selbst gelegene Maß- einheit ist es, die alle objectiven Vergleichungen, wie sie z. B. den mathematischen Proportionen zu Grunde liegen, von den psychischen Relationen wesentlich unterscheidet. In der Proportion a: b = c: d werden alle Größen a: b-% c und d auf eine und dieselbe Einheit be- zogen gedacht. Bei unmittelbaren psychischen Vergleichungen gibt es aber eine solche Einheit überhaupt nicht, sondern in jedem einzelnen Fall werden die an einander gemessenen Werthe nur zu einander in Relation gebracht. Denn das einzige, was mit ihnen zugleich gegeben ist, ist ihre Verbindung zu einer resultirenden Vorstellung. Indem diese die Vergleichung der in ihr enthaltenen Theile ermöglicht, verbietet sie zu- gleich den Uebergang zu irgend einem außerhalb des zur Vergleichung erforderlichen Ganzen liegenden Gliede. Indem ferner jede Vergleichung n 84 Principien der Psychologie.
in einem einzigen simultanen Apperceptionsact vollzogen wird, ist jede psychische Relation eine binäre Verbindung: sie gliedert das Ganze in zwei auf einander bezogene Theile, und weitere Gliederungen setzen stets neue, unabhängige Apperceptionsacte voraus. So bedient sich denn auch die psychophysische Methodik, um verschiedene Vergleichungen wie- der zu einander in Beziehung zu setzen, gewisser, in den Bedingungen der Apperception begründeter Specialfälle (der Vergleichung scheinbar gleicher, eben merklich verschiedener Empfindungen u. s. w.). Alle diese Hülfsmethoden können jedoch niemals die Eigenart des psychischen Rela- tionsprincips aufheben, sondern sie sind nur im stände, schließlich den Beweis zu führen, dass bei den verschiedensten Vergleichungen immer wieder die nämliche Relation Platz greift1.
Diese Eigenart psychischer Relativität ist es nun, die wir dadurch anzudeuten versuchten, dass das hier in Rede stehende Princip nicht als das der Relationen schlechthin, sondern als das der beziehenden Re- lationen bezeichnet wurde. Es soll damit gesagt sein, dass psychische Relationen immer nur für die besondere Beziehung gelten, in der die beiden zu einer Relation vereinigten Glieder zu einander stehen. Eben darum hängt aber zugleich das Princip der Relationen mit dem der Re- sultanten auf das engste zusammen: wie dieses auf das Ganze in seinem Verhältniss zu seinen Bestandtheilen, so bezieht sich jenes auf das Ver- hältniss der durch die Gliederung des Ganzen gewonnenen Bestandtheile zu einander, wobei diese Gliederung zugleich vermöge des Gesetzes der Einheit der Apperception stets eine einfache in Bezug auf das Ganze, also eine binäre in Bezug auf die Glieder ist.
Der gleiche Zusammenhang begegnet uns sodann auf einer höheren Stufe bei dem zweiten für das Relationsprincip charakteristischen Fall: bei der beziehenden Zerlegung einer Gesammtvorstellung in ihre Theile, wie sie ihren klarsten Ausdruck in der Sprache findet, in dem Verhältniss des Satzganzen zu seinen Theilen und dieser zu einander. Das Ganze, die Gesammtvorstellung, ist hierbei im allgemeinen eine Re- sultante aus einer Fülle associativer und apperceptiver Vorgänge. Die