1 Vgl. hierzu Bd. 1, S. 466, 541 ff. Es bedarf hier wohl kaum der Bemerkung, dass auch das MERKEL'sche oder sogenannte Proportionalitätsgesetz an dieser Art speciflscher Relativität nichts ändert, da es, wie früher gezeigt wurde, eben aus der nämlichen rela- tiven Vergleichung dann mit Noth wendigkeit hervorgeht, wenn sich diese auf drei in ein Ganzes zusammengefasste Glieder erstreckt, wobei nun die beiden zwischen diesen ge- legenen Empfindungsdistanzen verglichen werden, so dass auch hier das Princip der in sich geschlossenen binären Vergleichung gewahrt bleibt, nur dass eben die beiden in Relation gebrachten Glieder nicht einfache Intensitäten, sondern Intensitätsunterschiede sind (Bd. 1, S. 546). Schon hier sind aber, wie die Selbstbeobachtung lehrt, die Anforde- rungen an die Aufmerksamkeit so hohe, dass eine Ausdehnung auf complicirtere binär gegliederte Verbindungen, wenn sie auch a priori denkbar wäre, jedenfalls thatsächlich an dem beschränkten Umfang unserer Aufmerksamkeit ihre Grenze findet.
Principien der psychischen Causalität. y8^ Eigenart des Gedankenprocesses besteht aber darin, dass jenes ein- heitlich appercipirte Ganze in Theile sich gliedert, die gleichzeitig auf einander bezogen und als Elemente des Ganzen aufgefasst werden. Da- bei ist wiederum diese Gliederung eine binäre, nur dass sich hier der gleiche Process an den zuerst entstandenen Gliedern wiederholen und so das Ganze in ein mehr oder minder verwickeltes Gebilde verwandeln kann, das jedoch immer nach dem gleichen Princip beziehender Relationen auf- gebaut ist. So steigern sich diese zu einer beziehenden Analyse, wie sie äußerlich ihren sprechenden Ausdruck findet in der Structur des einen Gedankeninhalt darstellenden Satzes, innerlich in den logischen Beziehun- gen, welche die einzelnen Bestandtheile desselben an einander binden, indem sie ihnen damit zugleich ihre Stellung zum Ganzen anweisen. In den Erzeugnissen der künstlerischen Phantasie ist dieses Verhältniss ein verborgeneres. Resultanten wie Relationen treten hier unmittelbar in an- schaulicher und gefühlsmäßiger Form in das Bewusstsein, um erst etwa in den Gedanken des reflectirenden Beschauers auch äußerlich die Form der Analyse anzunehmen. Doch die Constitution der psychischen Gebilde selbst bleibt darum doch keine andere, und ihre intensivere Wirkung beruht zu einem wesentlichen Theil gerade darauf, dass sich die beziehen- den Relationen zunächst mehr hinter dem resultirenden Eindruck des Ganzen verbergen. Bei allen diesen complexen Erscheinungen des Seelen- lebens gibt sich aber der innige Zusammenhang der dem Ganzen ange- hörenden resultirenden Wirkung und der beziehenden Relationen der Glie- der daran zu erkennen, dass die vollständigere Auffassung der einzelnen Beziehungen stets auch wieder die Wirkung des Ganzen steigert und damit dessen psychischen Werth erhöht.
c. Princip der steigernden Contraste.
Resultanten und Relationen bilden Momente, die, das erste auf das Ganze eines geistigen Zusammenhangs, das zweite auf das Verhältniss seiner Glieder gehend, nicht bloß einander ergänzen, sondern neben denen ein weiteres Princip von ähnlicher Allgemeinheit nicht denkbar ist. So ist denn auch das dritte und letzte Princip, von dem hier noch die Rede sein soll, eigentlich nur eine besondere Form, die das Princip der Rela- tionen dann annimmt, wenn die Glieder, auf die es sich bezieht, der Gefühlsseite des Seelenlebens angehören. Da nun aber die Gefühle einen integrirenden Bestandtheil der psychischen Vorgänge überhaupt bilden, so liegt darin doch wiederum eingeschlossen, dass auch dieses Princip eine allgemeingültige Bedeutung besitzt. Selbst in seiner Gebunden- heit an die Gefühlsseite bildet es übrigens nur eine Ergänzung zum Rela- tionsprincip, oder, wie man es auch ausdrücken könnte: es ist selbst nichts Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. t-0 7 86 Principien der Psychologie.
anderes als das Relationsprincip von der Gefühls-, nicht von der Vor- stellungsseite aus angesehen. Während nämlich das eigentliche Relations- princip die Beziehungen zwischen den Theilen eines psychischen Gebildes dann besonders klar zum Ausdruck bringt, wenn es sie objectivirt, also, wie z. B. bei der beziehenden Analyse des logischen Denkens, wenn es sie in Relationen zwischen den Gegenständen dieses Denkens selbst um- wandelt, so prägen sich in den Affecten, die diesen objectiven Beziehun- gen als ihre subjectiven Correlate gegenüberstehen, die Relationen als Beziehungen von Gefühlen aus, und sie bewegen sich daher, wie die Ge- fühle selbst, zwischen Gegensätzen. Indem sie das thun, tritt aber bei ihnen zugleich das allgemeine Contrastprincip der Gefühle hervor: das der Steigerung durch den Gegensatz. Damit ist ausgesprochen, dass Relationsprincip und Contrastprincip in Wahrheit nicht eigentlich ver- schiedene Principien sind, sondern ein einziges, dessen verschiedene Seiten nur der subjectiv-objectiven Natur aller psychischen Inhalte entsprechen. Dabei bringt es jedoch das Verhältniss dieser beiden Seiten mit sich, dass in bestimmten Vorgängen, je nachdem in ihnen die objective oder subjective Seite die dominirende Rolle spielt, bald mehr das Relations-, bald mehr das Contrastprincip vorwaltet. So ist unsere Auffassung und Vergleichung von Empfindungen wesentlich vom Relationsprincip be- herrscht, und erst da, wo unabwendbar die Gefühlsbetonungen der Em- pfindungen überwiegend werden, tritt das Contrastprincip hervor. So sind ferner unsere logischen Denkfunctionen, soweit sie ihren Ausdruck in den Formen der Sprache finden, in erster Linie Bewährungen des reinen Re- lationsprincips. Nur in gewissen Specialfällen, wo die Gefühlsverhältnisse herüberwirken, wie in der Function der Verneinung, in der Unterscheidung nach Gegensätzen, gewinnt auch hier der Contrast einen mitbestimmenden Einfluss. Zum dominirenden Princip wird dann aber dieser bei den Ge- müthsbewegungen selbst, wo umgekehrt die Vorstellungsreactionen zurück- treten.
Was nun dabei die contrastirenden Relationen stets auszeichnet, das ist die steigernde Wirkung, welche die entgegengesetzten Glieder auf einander ausüben. Diese steigernde Wirkung theilt sich dann zugleich den aus ihnen hervorgehenden Resultanten mit, wie das am schlagendsten die ästhetischen Elementargefühle zeigen. Es sei hier nur wieder, als auf ein besonders auffälliges Beispiel, auf den rhythmischen Eindruck hin- gewiesen, bei dem nicht nur Spannung und Lösung über verschiedene Glieder vertheilt wechselseitig sich heben, sondern wo eigentlich beide in jedem Moment während des Ablaufs eines rhythmischen Gebildes zu einer resultirenden Wirkung vereinigt sind, die sich ihrerseits wieder jenem Ganzen unterordnet. Durch das Auf- und Abwogen der contrastirenden Principien der psychischen Causalität. 787 Componenten wird endlich diese Wirkung gesteigert und, je nach dem besonderen Inhalt der rhythmischen Gebilde, in der mannigfaltigsten Weise verändert.
Neben dieser unmittelbaren entfaltet nun aber der psychische Con- trast auch noch eine zweite, mehr mittelbare steigernde Wirkung. Sie beruht auf jener früher berührten Eigenschaft der Gefühle, die mit ihrer Bewegung in Gegensätzen auf das engste zusammenhängt, mit der Eigen- schaft, dass sie sich bei längerer Dauer mehr und mehr dem Indifferenz- werthe nähern, wenn nicht etwa ein Contrastgefühl wieder steigernd da- zwischentritt. Durch diese Eigenschaft bildet jeder länger dauernde Zustand, wie er einerseits seine eigene Erschöpfung herbeiführt, so anderseits eine begünstigende Disposition für einen Zustand von contrastirender Be- schaffenheit, so dass es nun im allgemeinen nur noch eines schwachen directen Anstoßes bedarf, um diesen zu erzeugen und dann wieder im Con- trast gegen den vorangehenden zu heben. Zeigt schon das individuelle Be- wusstsein vielfach sehr deutlich dieses Phänomen, so tritt uns dasselbe vor allem auch in überraschender Weise bei weiter verbreiteten geistigen Rich- tungen und Strömungen entgegen, so dass man auf den Gedanken ge- rathen könnte, irgend eine intensive oder länger dauernde Gefühls-, Affect- und Willensrichtung sei an und für sich schon ein causales Moment für die Erzeugung ihres Gegensatzes. Nichtsdestoweniger wird wohl anzunehmen sein, dass es sich hier nicht um eine directe und positive Wirkung handelt, sondern nur um eine negative und indirecte, indem ein länger bestehender Zustand allmählich die in seiner Richtung liegenden psychi- schen Energien erschöpft, so dass die an und für sich niemals ganz fehlenden Bedingungen, die nach der entgegengesetzten Seite wirken, nur eine günstigere Constellation vorfinden, daher sie nun unter dem Einfluss geringfügiger auslösender Ursachen mit großer Macht hervortreten können. Ist das einmal geschehen, so wird dann aber auch allerdings ihre Energie wiederum durch den Contrast zur vorangegangenen, entgegengesetzt ge- richteten Phase gesteigert.
d. Princip der Heterogonie der Zwecke.
In den bis dahin erörterten Principien ist der Versuch gemacht, die psychische Causalität nach ihren verschiedenen Richtungen hin zu definiren. Die drei Principien der Resultanten, der Relationen und der Contraste sind daher nicht unabhängig einander gegenüberstehende Normen des Ge- schehens, sondern im Grunde sind sie nur Verallgemeinerungen eines und desselben in sich zusammenhängenden Inhaltes, der jedesmal von einem andern Standpunkte aus betrachtet wird. Dabei ist dann allerdings der Wechsel dieser Standpunkte dadurch geboten, dass der Charakter der y88 Principien der Psychologie.
seelischen Vorgänge selbst ein zusammengesetzter ist, und dass die ein- zelnen Factoren derselben zwar wechselseitig bedingt sind, jedoch in den verschiedenen Erscheinungsgebieten nicht überall gleichmäßig hervortreten, sondern bald mehr die Abstraction des einen, bald mehr die des andern Princips nahe legen.
Neben der causalen Betrachtung des psychischen Geschehens, der auf diese Weise die aufgezählten Principien Ausdruck geben, ist nun aber auch hier eine teleologische möglich. Sie kann schon deshalb nicht fehlen, weil ja, wie oben gezeigt wurde, an sich überall da, wo ein causa- ler Zusammenhang existirt, auch eine Transformation desselben in die teleologische Form denkbar ist, indem man den Wirkungen die Bedeutung von Zwecken und den Ursachen oder Bedingungen die von Mitteln bei- misst (S. 685). In diesem allgemeinsten Sinn ist daher auch auf psychi- schem Gebiet diese Transformation überall ausführbar. Doch gilt auch hier, dass diese teleologische Formulirung in gewissen Fällen näher liegt als in andern, so dass man bald den teleologischen Ausdruck, bald den causalen vorziehen wird, ohne dass darum der eine den andern aus- schließt, da eben auf psychischem wie auf physischem Gebiet Zweck und Ursache correlate Begriffe sind, die den entgegengesetzten Endpunkten einer gegebenen Erscheinungsreihe angehören. Zu solchen die teleologi- sche Betrachtung herausfordernden Erscheinungen gehören nun vor allem diejenigen, die im Grunde die psychologischen Wurzeln der Ursache- wie der Zweckbegriffe selbst sind: die Willenshandlungen. Indem jene Bestandtheile der Motive, die wir als die »Beweggründe« bezeichneten, den Erfolg der Willenshandlungen im Bewusstsein vorausnehmen, besteht naturgemäß eine mehr oder minder große Discrepanz zwischen diesen vorausgehenden Zweckvorstellungen und den nachfolgenden, wirklich er- reichten Zwecken. Die Erfolge können dabei ebenso gut hinter dem Erstrebten zurückbleiben wie über dieses hinausreichen. Naturgemäß ent- wickeln sich aber gerade aus solchen Zweckerfolgen, die den voraus- gehenden Beweggründen in der, einen oder andern Weise nicht adäquat sind, neue Zweckvorstellungen und damit also auch neue Motive. Ist der Erfolg nicht der vorausgehenden Zweckvorstellung adäquat, so wird das neue Motiv entweder zu einem Verzicht auf den erstrebten Zweck, oder es wird zu einer irgendwie modificirten Wiederholung der Handlung führen. Doch selbst hier pflegt es, sobald einmal die Handlung actuell geworden ist, an Erfolgen nicht zu fehlen, die als ungewollte Nebenwirkungen der Handlung auftreten, nun aber in die neu sich anknüpfenden Motive als Factoren mit eingehen und auf solche Weise die Beweggründe der näch- sten Handlungen reicher gestalten. In.noch viel höherem Grade ereignet sich dies endlich da, wo vorausgehende Zweckvorstellung und erreichter Principien der psychischen Causalität. 789 Zweckerfolg- einander entsprechen. Denn hier wird, je complexer sich die Willenshandlung gestaltet, um so mehr der Eintritt von Nebenerfolgen, die als nothwendige Wirkungen der Causalität des Willens erscheinen, selbst aber gar nicht gewollt und ebenso wenig im voraus vorgestellt sind, zu einer regelmäßigen Erscheinung (S. 747). Nicht der vorher ge- wollte, sondern der erreichte Erfolg bildet dann die Grundlage neuer Motivreihen und der aus diesen entspringenden Handlungen. Denkt man sich auf diese Weise die Zwecke, die in einem Zusammenhang von Willens- handlungen successiv als Beweggründe hervortreten, in eine Reihe geord- net, so wird daher diese Zweckreihe im allgemeinen immer reicher, indem den Motiven fortan aus den erreichten Erfolgen neue Momente zuwachsen. Hiernach bezeichnen wir das in diesen Motiventwicklungen zum Ausdruck kommende Princip als das der Heterogonie der Zwecke. Es sagt aus, dass die erreichten Zwecke über die Beweggründe oder Zweckvorstellungen, aus denen sie ursprünglich hervorgegangen sind, hinausreichen, indem ihnen auf dem Weg zwischen dem Anfang und dem Ende einer Zweckreihe aus den ungewollten Nebenerfolgen um so mehr neue Motive zuströmen, je umfassender die Reihe ist. Damit ist schon ausgesprochen, dass auch dieses Princip, wie alle vorangegangenen, nur für gegebene psychische Zusammenhänge gilt, während es selbstverständlich jede Bedeutung ver- liert, sobald irgend welche Erscheinungen nicht mehr in das Verhältniss von Motiv und Erfolg zu einander gebracht werden können.
In dieser Bedeutung und Beschränkung erfasst ist nun aber das Princip der Heterogonie der Zwecke offenbar zunächst gar nichts anderes als eine teleologische Umformung des Princips der schöpferischen Resultanten, eine Umformung, zu der sich naturgemäß eben da vor allem die Aufforde- rung bietet, wo die psychischen Vorgänge auf die Realisirung subjectiver Zweckvorstellungen gerichtet sind, also bei den Willensvorgängen. Eben wegen dieser engen Beziehung zum Resultantenprincip ist es klar, dass das Princip der Heterogonie in jenem allgemeineren Sinne, in welchem über- haupt jede Causalreihe in eine Zweckreihe umgekehrt werden kann, auch auf alle andern psychischen Verbindungen seine Anwendung findet. Be- trachtet man z. B. ein räumliches Vorstellungsgebilde als den Zweck, zu dem die erzeugenden Empfindungselemente als die Motive gehören, oder eine rhythmische Form als den Zweck, dem die Ordnung der einzelnen Taktglieder dient, so sind das im weiteren Sinne ebenfalls Exemplificationen des Princips der Heterogonie. Nur wird man hier in der Regel die teleo- logische Formulirung nicht wählen, weil kein besonderer Grund dazu vor- liegt. Immerhin ist es nützlich, sich diese Möglichkeit gegenwärtig zu halten, weil jenes Verhältniss zugleich deutlich darauf hinweist, dass es sich eben bei dem Princip der Heterogonie um kein neues Princip, ygo Principien der Psychologie.
sondern nur um eine durch die besonderen Bedingungen nahegelegte teleo- logische Umformung der causalen Principien des psychischen Geschehens handelt. Denn in der That schließt dieses Princip das der Relationen und der Contraste ebenso ein, wie das Resultantenprincip, dessen teleologi- scher Ausdruck es zunächst ist, mit jenen zusammenhängt.
e. Psychologische Principien und psy chophys isch e Entwicklungsgesetze.
Princip und Gesetz sind zwei Begriffe, die in der Anwendung viel- fach mit einander verwechselt und vermengt werden. Sie auseinanderzu- halten ist gleichwohl nützlich, namentlich wo es sich um die Grundfragen einer Wissenschaft handelt. Dann aber wird man sagen dürfen, unter einem Princip sei ein Satz zu verstehen, der als einfache, nicht weiter abzuleitende Voraussetzung der Verknüpfung der Thatsachen eines be- stimmten Gebietes zu Grunde gelegt wird. Das Gesetz wird man dagegen als einen Satz definiren können, der selbst eine größere Zahl complexer Thatsachen in einen übereinstimmenden Ausdruck zusammenfasst. Das Princip ist also selbst nie unmittelbar als Thatsache nachweisbar, es kann immer nur aus einer großen Zahl von Thatsachen gefolgert oder zu ihnen postulirt werden. Das Gesetz ist dagegen stets in einer Menge von Thatsachen gegeben: es kann je nach besonderen Bedingungen in seinen einzelnen Gestaltungen wechseln, aber es bleibt trotzdem auch in seiner allgemeinsten Fassung ein Ausdruck der Thatsachen selbst, welchem Gebiet diese auch angehören mögen, ob dem der Zahl- und Größenbegriffe oder dem der Erfahrung. Das Princip ist demnach ab- stract, das Gesetz allgemein. Das Princip kann hypothetisch sein, das Gesetz nur problematisch, d. h. es kann bei ihm höchstens zweifelhaft bleiben, ob es eine richtige Verallgemeinerung der Thatsachen sei. Das Princip ist, wenn es auf diesen Namen im strengsten Sinne Anspruch erheben darf, und nicht schon in einer Verbindung mehrerer Principien besteht, einfach; das Gesetz ist stets ein zusammengesetzter Thatbestand, und es sind daher immer mehrere Principien erforderlich, um ein Gesetz zu interpretiren. Um geläufige Beispiele anzuführen: das Trägheitsprincip, das Princip der Zusammensetzung und der Zerlegung der Kräfte, das Princip der virtuellen Geschwindigkeiten sind Principien, keine Gesetze, obgleich sie nicht selten so genannt werden. Das Pendelgesetz, das Fall- gesetz, das Gesetz der Lichtbrechung u. s. w. sind dagegen Gesetze, keine Principien. Auch den Satz von der Erhaltung der Energie wird man ein Princip nennen müssen: er ist ebenso abstract, ebenso wenig ein un- mittelbarer Ausdruck eines gegebenen zusammengesetzten Thatbestandes wie beispielsweise das Trägheitsprincip, während man eine Menge einzelner Principien der psychischen Causalität. ygi Gesetze, insbesondere alle physikalischen Aequivalenz- und Transformations- gesetze, mit seiner Hülfe interpretiren kann1. Auf psychologischem Gebiet stehen sich diese Begriffe nicht minder als klar zu sondernde gegenüber. In diesem Sinne sind die oben aufgeführten Sätze Principien, nicht Gesetze, während wir mit Fug und Recht das WEBER'sche Gesetz des Empfindungs- maßes, das Gesetz der binären apperceptiven Gliederung der Gesammt- vorstellungen, das Gesetz der periodischen Veränderungen der reproductiven Zeitvorstellungen und andere unbedingt Gesetze nennen werden.
Nun gibt es unter den dem psychologischen Gebiet angehörigen oder es berührenden Gesetzen eine Classe, die sich nicht nach Ursprung und Bedeutung, wohl aber in Folge der Allgemeinheit, die sie zu beanspruchen pflegt, am nächsten mit den oben formulirten abstracten Principien be- rührt oder wenigstens zu berühren scheint: die sogenannten Entwick- lungsgesetze. Sie begegnen uns innerhalb der wissenschaftlichen Theorien in den mannigfaltigsten Gestaltungen, bald als Sätze, die einen beschränkteren Zusammenhang geistiger Thatsachen umfassen, bald als solche, die sich auf die gesammte Geistesentwicklung der Menschheit be- ziehen sollen. Je allgemeiner solche Gesetze sind, um so mehr wird man natürlich erwarten, ja fordern dürfen, dass sich in ihnen die allgemeinen Principien des psychischen Geschehens wiederfinden. Nichtsdestoweniger liegt der entscheidende Unterschied von Princip und Gesetz auch in diesem Fall darin, dass die Principien als solche über irgend welche psychologische Entwicklungen nichts aussagen, gerade so wenig wie etwa aus dem Träg- heitsprincip oder aus dem Princip der virtuellen Geschwindigkeiten etwas über die Vergangenheit und Zukunft des Sonnensystems zu folgern ist. In der That ist auf diesen Punkt oben schon überall hingewiesen und betont worden, dass erstens jedes der drei causalen Principien nur eine einzelne Seite des psychischen Geschehens herausgreift und daher der andern zu seiner Ergänzung bedarf, und dass zweitens keines [sich über gegebene psychische Verbindungen, also schließlich über die einzelnen Vorgänge, in denen es zum Ausdruck kommt, hinaus erstreckt. [In beiden Be- ziehungen unterscheiden sich die gedachten Principien vor allem von Ent- wicklungsgesetzen, die überall sich anheischig machen, die einzelnen psychischen Gebiete einem umfassenderen Zusammenhang unterzuordnen. Allerdings ist aber nicht zu verkennen, dass die einzelne psychische 1 Dass auch das Causalprincip ein Princip und kein Gesetz ist, wie es nach dem Vorbilde von John Stuart Mill so oft genannt wird, versteht sich nach dem oben Be- merkten von selbst. Auf dieser Confusion der Begriffe Gesetz und Princip beruht jedoch der von manchen Naturforschern und Philosophen vertretene Gedanke, dem »Causalgesetz« das »Energiegesetz« als allgemeinstes Naturgesetz zu substituiren. Man könnte ungefähr mit demselben Rechte verlangen, der Satz des Widerspruchs solle künftig durch den Satz vom Kräfteparallelogramm ersetzt werden.
JQ2 Principien der Psychologie.
Verbindung niemals isolirt dasteht, und insoweit sie sich auf solche Weise direct einem weiteren Zusammenhang anschließt, werden daher auf diesen wieder dieselben Principien anwendbar sein, die zunächst für die engeren Verbindungen festgestellt worden sind. In Folge dessen wird man daher auch erwarten dürfen, dass in diesen bereits gewisse Hinweise auf etwa aufzufindende Entwicklungsgesetze enthalten seien. Hierin macht sich eben bei den psychologischen Principien ein Moment geltend, das den Principien der Naturcausalität fehlt, nämlich das schon dem einzelnen geistigen Vorgang und seinen Producten innewohnende Moment der Ein- ordnung in eine geistige Entwicklung. Gleichwohl ist daran festzuhalten, dass die Richtung, in der sich ein einzelner geistiger Vorgang oder ein beschränkter Zusammenhang geistiger Erzeugnisse entwickelt, -an sich noch keinen Schluss auf ein allgemeines Entwicklungsgesetz, das über solche unmittelbare Verbindungen hinausreicht, zulässt.
Aber noch in einer andern wichtigen Beziehung unterscheiden sich die Entwicklungsgesetze, mögen sie nun eine individuelle seelische Ent- wicklung oder eine allgemeinere im Auge haben, wesentlich von den Principien des psychischen Geschehens. Bei diesen ist von allem dem geflissentlich abstrahirt, was außerhalb des Umkreises der psycho- logischen Betrachtung selbst liegt. Die Principien sind rein psycho- logischer Art, und sie können dies sein, weil sie eben an dem abstracten Charakter des Princips überhaupt theilnehmen. Sie würden dagegen von vornherein durch heterogene Gesichtspunkte getrübt werden, wenn sie auf irgend welche physische Momente Rücksicht nehmen wollten, ob- wohl solche in keinem einzigen Fall thatsächlich fehlen. Ob z. B. das Princip der schöpferischen Resultanten auf eine Sinneswahrnehmung, ob auf irgend eine verwickelt aufgebaute Gefühlsverbindung, oder ob es auf eine durch beziehende Relationen ihrer Theile organisch gegliederte Ge- sammtvorstellung, einen sogenannten logischen Gedanken, angewandt wird — die Substrate dieser einzelnen Anwendungen sind immer und überall psychophysischer, nicht rein psychischer Art. Aber das Princip will grundsätzlich nur von der psychischen Seite der Erscheinungen Rechenschaft geben, und es abstrahirt daher völlig von den begleitenden physischen Bedingungen. Dies verhält sich nun durchweg anders bei den psychologischen Gesetzen, und ganz besonders bei den psychologischen Entwicklungsgesetzen. Bei ihnen kann von der physischen Seite der Er- scheinungen ebenso wenig abstrahirt werden, wie es möglich wäre, sie umgekehrt bloß in ihrem physischen Zusammenhang verstehen zu wollen. Wollte z. B. jemand die geistige Entwicklung des menschlichen Individuums auf seinen verschiedenen Lebensstufen in irgend einem allgemeinen Gesetz zusammenfassen, so würde eine solche Formulirung in der Luft stehen, Principien der psychischen Causalität. 70-2 wenn sie nicht an die physische Entwicklung anknüpfte. Oder wollte jemand ein Gesetz aufstellen für den innerhalb gewisser nationaler und geschichtlicher Zusammenhänge zu beobachtenden Wechsel der Herr- schaftsformen, so würden wiederum schon die Schranken, die einem solchen Versuch gesteckt sind, immer zugleich physische, der Natur- umgebung und dem materiellen Leben angehörige Factoren mit ein- schließen. So gibt es denn im strengsten Sinne des Wortes keine rein psychischen, sondern nur psychophysische Entwicklungsgesetze. Doch sobald wir den Begriff der Entwicklung auf sein eigenstes Gebiet, auf das der organischen Lebensformen beschränken, so darf, nach allem dem was oben hinsichtlich der Theilnahme allverbreiteter, mit Empfindung und Gefühl verbundener Triebe an dem ursprünglichen Aufbau organischer Formen bemerkt worden ist (S. 748 f.), auch das Um- gekehrte als wahrscheinlich gelten: auch die anscheinend rein physio- logischen führen schließlich auf psychophysische Entwicklungsbedingungen zurück. Nur freilich dass in diesem Fall die ursprünglichen psychischen Momente frühe verschwinden können, indem die physische Constitution der organischen Gebilde in hohem Grad die Eigenschaft besitzt, unter der Nachwirkung anfänglich psychophysischer Ursachen die ihnen ein-