Baltasar Gracián
Spanischer Schriftsteller, Philosoph und Jesuit (1601–1658), geboren in Belmonte, in Aragonien, zum Priester geweiht und sein ganzes Leben dem Lehren und Predigen innerhalb der Gesellschaft Jesu gewidmet, trotz eines angespannten und schließlich konfliktreichen Verhältnisses zu ihr aufgrund der nicht autorisierten Veröffentlichung seiner Werke unter Pseudonymen — sein Oberer verbot ihm sogar das Schreiben, eine Strafe, der Gracián wiederholt zuwiderhandelte. Neben Francisco de Quevedo gilt er als der bedeutendste Vertreter des spanischen barocken Conceptismo, eines durch begriffliche Dichte, geistreiche Schärfe und aphoristische Kürze geprägten Stils, im Gegensatz zum ornamentaleren Culteranismo Góngoras. Sein zentrales theoretisches Werk, Agudeza y arte de ingenio (1648), systematisiert die rhetorischen Mechanismen des conceptistischen Scharfsinns, während sein einflussreichstes und meistübersetztes Werk, Handorakel und Kunst der Weltklugheit (Oráculo manual y arte de prudencia, 1647), eine Sammlung von dreihundert Aphorismen über die Kunst weltlicher Klugheit, der Selbstbeherrschung und sozialer Strategie darstellt, gerichtet an den Mann, der sich in einem von Schein und Verstellung geprägten Hofleben behaupten muss — ein Werk, das Schopenhauer zutiefst bewunderte und persönlich ins Deutsche übersetzte, wobei er es als „absolut einzigartig“ in seiner Gattung bezeichnete. Sein allegorischer Roman El Criticón (1651–1657), in drei Teilen veröffentlicht, erzählt die Lebensreise von Critilo und Andrenio, Sinnbildern von Vernunft und triebhafter Natur, durch eine Welt voller moralischer Fallstricke — eine der großen philosophischen Allegorien der spanischen Literatur über barocke Desillusionierung und die Eitelkeit weltlicher Dinge. Graciáns Denken, das um kluge Verstellung, Selbstbeherrschung und eine ernüchterte, doch nicht zynische Sicht auf zwischenmenschliche Beziehungen kreist, übte bemerkenswerten Einfluss auf Nietzsche aus, der seinen psychologischen Scharfsinn rühmte.