Thomas Morus
Englischer Staatsmann, Jurist und humanistischer Gelehrter (1478–1535), juristisch ausgebildet in Oxford und London und enger Freund des Erasmus von Rotterdam, mit dem er das Ideal der geistigen Erneuerung durch den christlichen Humanismus teilte. Er stieg bis in die höchsten Kreise der englischen Macht auf und wurde 1529 unter Heinrich VIII. zum Lordkanzler von England ernannt, dem ersten Laien in diesem Amt, während er zugleich eine intensive literarische und theologische Tätigkeit aufrechterhielt. Sein einflussreichstes Werk, Utopia (1516), in Latein verfasst und als Reisebericht-Dialog gestaltet, beschreibt eine imaginäre Insel ohne Privateigentum, mit kurzen Arbeitstagen, religiöser Toleranz und allgemeiner Bildung, als beißende Kritik an der sozialen Ungerechtigkeit und Habgier des damaligen England, die einer ganzen späteren literarischen Gattung ihren Namen gab; Gelehrte diskutieren bis heute, inwieweit der Text ein aufrichtiges Ideal oder eine ironische rhetorische Übung darstellt, da More selbst in der Praxis weit konservativere gesellschaftliche und religiöse Positionen vertrat. Als entschiedener Verteidiger der katholischen Orthodoxie verfasste er umfangreiche polemische Traktate gegen die protestantische Reformation und verfolgte als Kanzler lutherische Ketzer mit Härte. Sein Ende kam, als er sich weigerte, den Suprematseid zu leisten, der Heinrich VIII. als Oberhaupt der Kirche von England anerkannte und dessen Scheidung von Katharina von Aragon bestätigte; im Tower von London inhaftiert und wegen Hochverrats verurteilt, wurde er 1535 enthauptet, wobei er bis zuletzt seiner Gewissensintegrität treu blieb. 1935 von der katholischen Kirche heiliggesprochen und zum Schutzpatron der Staatsmänner und Politiker erklärt, bleibt More — auch im Theaterstück Ein Mann zu jeder Jahreszeit verewigt — sowohl für das utopische Denken als auch für den Konflikt zwischen individuellem Gewissen und politischer Autorität ein Bezugspunkt.