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Wilhelm Dilthey

Deutscher Philosoph, Ideenhistoriker und Theoretiker der Geisteswissenschaften (1833–1911), geboren in Biebrich, Hessen, in eine Familie protestantischer Pastorentradition, in Theologie, Geschichte und Philosophie in Heidelberg und Berlin ausgebildet, der einen Großteil seiner langen akademischen Laufbahn einem ehrgeizigen, nie vollständig abgeschlossenen philosophischen Projekt widmete: die »Geisteswissenschaften« — Geschichte, Philologie, Recht, Ökonomie, Psychologie, Religionswissenschaft — erkenntnistheoretisch und methodologisch als einen Bereich des Wissens zu begründen, der ebenso legitim, aber radikal verschieden von den Naturwissenschaften sei. Gegenüber dem positivistischen Versuch John Stuart Mills und anderer, die kausal-erklärenden Methoden der Physik und Chemie auf die Erforschung von Gesellschaft und Kultur anzuwenden, vertrat Dilthey, dass menschliche und historische Phänomene eine grundlegend andere Methode erforderten, das »Verstehen«, einen Akt unmittelbarer, intuitiver Erfassung des gelebten Sinns menschlicher Handlungen und Äußerungen von innen her, im Gegensatz zum äußeren kausalen »Erklären«, das allein auf die physische Welt anwendbar sei. Diese grundlegende methodologische Unterscheidung beruht auf seiner zentralen These, dass alles menschliche Verständnis von Kultur letztlich aus dem unmittelbaren »Erlebnis« des Lebens selbst hervorgehe, und dass die großen kulturellen Werke — Texte, Institutionen, Kunstwerke — »Objektivationen des Lebens« seien, die den Abdruck einer konkreten, geschichtlich situierten menschlichen Erfahrung tragen, die von einem späteren Interpreten verstehend wiederbelebt werden könne durch das, was Dilthey den »hermeneutischen Zirkel« nannte, die fortwährende, nie endgültig abgeschlossene Bewegung zwischen dem Verständnis des Ganzen aus den Teilen und der Teile aus dem Ganzen. Diese hermeneutische Reflexion, entfaltet in seiner Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883) und anderen unvollendeten Werken, übte entscheidenden, anerkannten Einfluss auf Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und die gesamte hermeneutische Tradition des 20. Jahrhunderts aus, ebenso wie auf Max Webers verstehende Soziologie, und machte Dilthey zu einem der unbestrittenen Gründerväter der zeitgenössischen Geistes- und Sozialwissenschaften als methodologisch eigenständige Disziplinen.

2 Werke