tive Grundlage Versuche darstellen, auf Umwegen die Manngleichheit zu erweisen, demnach das Gefühl einer Verkürztheit auszugleichen. Die Literatur hat uns in den Memoiren der Baschkirzewa und der Helena Rakowiza Darstellungen aller dieser Versuche des männlichen Protestes in meist verfeinerten Formen bescheert.
Interessante Belege boten mir zu einer Zeit, als ich mit meinen Aufstellungen über den Zweifel an der künftigen Geschlechts- rolle des nervösen Kindes und dem daraus notwendig erwachsenden männlichen Protest längst im Klaren war, eine Reihe von Analysen, die reiner als andere Fälle diese merkwürdigen Eindrücke aus ihrer Kindheit in ihrem Gedächtnis aufbewahrt hatten. Einige davon erinnerten sich ganz deutlich bis zum 12. oder 14. Jahr einen Zweifel verspürt zu haben, ob sie männlich oder weiblich seien. Es dürfte kein Zufall sein, dass diese Patienten männlichen Geschlechts waren. Zuweilen tauchte der Gedanke auf, ob sie nicht Zwitter wären, so dass ich in anderen Fällen, wo der Gedanke an Hermaphroditen sich deutlich und auf- dringlich in der Erinnerung des Patienten vorfand, übrigens spontan vorgebracht wurde, darin einen letzten Ausdruck des Zweifels am eigenen Geschlecht anzunehmen geneigt bin. Auch in der Literatur bin ich häufig in den Krankengeschichten von Nervösen und Psychotikern auf diese bedeutsame Spur gestossen, ohne dass den Autoren die funda- mentale Bedeutung dieses Zweifels an der Geschlechtsrolle klar geworden wäre. Meschede hat einen prägnanten Fall von Fragezwang, Freud einen von Dementia nach der Schreberschen Biographie geschildert, in denen als Ausgangspunkt der psychische Hermaphroditismns mit seiner uferlosen Machtpolitik und das Scheitern derselben unschwer zu erkennen wäre. Ob dieses Interesse des Patienten mit Abbildungen auf Plakaten, im Lexikon, mit Lektüre, mit Schaustellungen oder Vorkommnissen erklärt wurde, Hess ich gleicherweise unbeachtet als die wissenschaft- liche Interpretation, die ihr Interesse auf männliche Perioden, männliches Klimakterium, auf Untersuchungen des männlichen und weiblichen Anteils im Individuum oder Sonstiges zu konzentrieren schien. Für mich war der bleibende Eindruck massgebend, der sich in einer offensicht- lichen Unterstreichung der Beziehung und der Aufeinander- beziehung von Männlich-Weiblich geltend machte. Ich habe mir in den letzten Jahren meiner Arbeiten, seit ich diesen Grundphänomenen der Neurose auf die Spur gekommen bin, öfters die Frage vorgelegt, ob nicht auch in meiner eigenen kindlichen Entwickelung ein ähnlicher Zweifel vorgeherrscht habe, trotzdem mich das hermaphroditische Problem nur als Kritiker, also scheinbar sekundär und auffallend spät gereizt hat. Auch meine Leugnung des biologischen Hermaphroditismus als Ursache der Neurose (Fliess) würde ich als Gegenargument geltend machen, wenn ich nicht mit der Tatsache vertraut wäre, dass auch die Negation oft der Ausgang eines alten, unbewusst gewordenen Interesses ist. Immerhin zeigt mir meine Weltanschauung, dass ich einer alten kindlichen Gegensätzlichkeit in mir sehr wohl Herr geworden sein muss, ohne dass ein übertriebener männlicher Protest erwachsen wäre. Denn ich habe im Leben wie in der Wissenschaft nach einer anfänglichen Überschätzung eines abstrakten männlichen Prinzips die Flut der Argu- mente von der ursprünglichen Minderwertigkeit der Frau mit sachlicher Ruhe zurückgewiesen. Von meinen bisherigen Kritikern des „männlichen Protestes" aber getraue ich mich häufig aus der Art ihrer III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw. 125 Fechterstellung und ihrer hartnäckigen Missverständnisse den Nachweis zu führen, dass die übertriebene Wildheit ihres Angriffs in einer streng wissenschaftlichen Frage fast ebenso wie die Furcht vor dem Begriffe: „Hermaphroditismus" auf einen alten Kindheitseindruck zurückführt, der ihnen eine stark betonte Weiblichkeit oder ein Zwittertum schreckend vorgetäuscht hat. Womit ich übrigens niemanden von einer wissenschaft- lichen Kritik abzuhalten vermeine.
Es gibt übrigens kein besseres Reagens auf die neu- rotische Psyche als die Frage nach der Wertung des anderen Geschlechts. Es wird sich herausstellen, dass jede stärkere Leugnung der Gleichberechtigung beider Geschlechter, die grössere Ent- wertung oder Überschätzung des anderen Geschlechts unweigerlich mit neurotischen Bereitschaften und neurotischen Charakterzügen verbunden ist. Sie hängen eben alle von der neurotischen Sicherungstendenz ab, zeigen alle die deutlichen Spuren des wirksamen männlichen Protestes und legen Zeugnis ab von der prinzipiellen, abstrakteren Bndung an eine leitende Fiktion. Sie sind insgesamt Kunstgriffe des mensch- lichen Denkens, das eigene Persönlichkeitsgefühl zu er- höhen. Später einmal soll noch einiges über die fundamentale Bedeutung einer rechtzeitigen Erkennung der unwandelbaren Geschlechtsrolle nach- getragen werden.
Es geht aus den Aufstellungen meiner Neurosenpsychologie hervor, dass ein weibliches Leben, in der Zukunft einem Manne Untertan sein, Kinder zu gebären, eine untergeordnete Rolle im Leben zu spielen, ge- horchen zu müssen, im Wissen, im Können, an Kraft, an Klugheit zurück zu sein, schwach zu sein, Periode zu haben, sich dem Gatten, den Kindern aufzuopfern, eine alte zurückgesetzte Frau zu werden mit dem Gefühle der Angst und des Schreckens vorausempfunden wird, und zwar sowohl bei männlichen als weiblichen disponierten Kindern. Wie dieser Schrecken vor der Zukunft egoistische Charakterzüge aufstachelt, ist im Vorigen geschildert. Einen prägnanten Fall eines kleinen Mädchens habe ich in der „Disposition zur Neurose" (s. „Heilen und Bilden" 1. c.) charakterisiert. Die schwersten Fälle von Neurosen und Psychosen ergeben sich oft dort, wo die Unzufriedenheit mit der unmännlich gewerteten Geschlechtsrolle keinen rechten Ersatz zulässt. Eine vollkommene Zerfallenheit mit dem Lehen gestaltet Züge von dauernder Unzufriedenheit, Konfliktsneigung, Rücksichtslosigkeit und Welt flucht. Erinnerungen an Fragen der Kindheit, warum es nur zwei Geschlechter gäbe, sind nicht selten und verraten die ursprüngliche Unzufriedenheit.
Einige Fälle von sogenannter „Laktopsychose", die meist schizo- phrenen Charakter haben, zeigen förmlich ein Abschiednehmen von Ehe und Kindersegen an. So wenn eine solche Patientin immer zu ihren Brüdern und Schwestern zurückzukehren verlangt. Oder wenn in der Erwartung einer Erblindung oder einer Verwandlung in eine Schlange alle weiblichen Pflichten abgelehnt werden. Forscht man genauer, so findet man, dass diese Kranken auch viel früher schon nur mit Mühe ihre Aufgaben erfüllen konnten.
An dem Falle einer Patientin mit Magenneurose kann ich nun ein Verhalten zeigen, das sich regelmässig in der psychischen Ent- wicklung neurotischer Patienten findet. Es betrifft das Vor aus- denken, oft das Vorausempfinden und Ahnen all der zu er- 126 III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw.
wartenden Nachteile. Man sieht diese Neigung schon im frühen Kindes- alter, wo sie im Falle von Organminderwertigkeiten und deren Übeln stark genährt wird. Häufig erscheint dafür die Zeit vor dem Schlafen- gehen in Anspruch genommen, und es ist dann nicht weiter auffällig, wenn ein Traumbild diesen Versuch des Vorausdenkens, oft in schreckhafter Form, wreiterspinnt. Nur dass der Traum, ähnlich wie die Neurose, einen Zustand des Fühlens, Empfindens, — wie bei der Halluzination, — herbeiführt, der ein Vorausfühlen bedeutet, parallel dem Vorausdenken im wachen Zustand. Die halluzinatorische Erregbarkeit ist, wie ich schon in der „Studie über Minderwertigkeit von Organen" (1. c.) hervorgehoben habe, eine erweiterte Fähigkeit des zu Kompensationszwecken überangestrengten, übertrainierten Gehirns, dient der neurotischen Sicherungstendenz und verdankt ihre Darstell- barkeit im Bewusstsein dem tendenziösen Gedächtnis und der neuro- tischen, vorsichtigen Apperzeptionsrichtung. — Das kindliche, unent- wickelte Seelenleben zeigt höchstens spurweise Ansätze zu halluzinatorischen Empfindungen, die als fiktive Vorbereitungen für ein Ziel, als Antizipationen in unsicherer Zeit aufzufassen sind. So Lächeln im Schlafe, angenehme Empfindungen beim vorauseilenden Suchen nach irgendwelchen Organbefriedigungen oder Sicherungen.
Die halluzinatorische Erregung in der Neurose und Psychose dient ohne Ausnahme der leitenden Fiktion des Persönlichkeitsideals. Man beachte auch die Bedeutung der Schmerz- und Angsthalluzination für das Bild nervöser Erkrankungen. Ein weiteres Eingehen auf den Mechanismus der Halluzination belehrt uns eindeutig, dass sie sich aus Tendenzen zur Abstraktion und zur Antizipation zusammensetzt, und dass sie als verstärkte Fiktion oder als Memento dadurch ihre Bedeutung gewinnt, weil sie zur Sicherung des Persönlichkeitsgefühls anspornt. Dass sie mit Erinnerungsspuren verknüpft ist, „regressiv" ist, kann nichts Wesentliches daran bedeuten. Die Psyche arbeitet ausnahmslos mit Bewusstseinsinhalten und Empfindungen, die durch die Erfahrung gegeben sind und aus der Vergangenheit stammen. Die Bedeutung der Psyche und insbesondere der neurotischen Psyche liegt in der be- sonderen Auswahl dieser Erinnerungsspuren und in deren tenden- ziösem Zusammenhang mit der neurotischen Apperzeption. Die nervös aufgepeitschte Sicherungstendenz bedient sich also einer besonders aus- gebildeten Funktion des Vorausdenkens, der Halluzination, in welcher abstrakter und bildlich eine Szene abläuft, ein vorläufiges Finale, ein antizipierter Schlusspunkt, aneifernd, damit der Halluzinant die Brücke schlagen soll, oder schreckend, damit er andere Wege des Handelns einschlage. « Die Halluzination, somit auch der Traum, sind gleich andern Vorversuchen der Psyche dazu bestimmt, den Weg aus- findig zu machen, der zur Erhöhung oder Erhaltung des Persönlich- keitsgefühls nötig ist. In ihr spiegeln sich das Zutrauen, die Hoffnungen, das Urteil oder Befürchtungen des Patienten.
Obige Patientin stand knapp vor der Schliessung einer Heirat, als ihre Magenneurose einsetzte. Sie litt an Schmerzen in der Magengegend, an Aufstossen, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Obstipation. Eines Abends, kurz vor dem Schlafengehen hörte sie deutlich das Wort: „Eskadambra". Scheinbar sinnlose Wortbildungen finden sich be- kanntlich oft unter den Leistungen der Nervösen. Zumeist erweisen sie sich als nach einem Schema zusammengesetzt, ähnlich wie Kinder III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw. 127 Sprachen erfinden, durch die sie ein Überlegenheitsgefühl erwerben. Pf ist er konnte bei „Zungenrednern" Deutungen der aus den Fas- zinationen stammenden Wortbilder zustande bringen. In einigen Fällen fand ich das Ohrensausen als schreckende Erinnerung an das Brausen des Meeres und seine Gefahren, als Sinnbild des Lebens, ähnlich wie Homer die dyoQa mit dem brausenden Meere vergleicht1). Bei der Paranoia, Manie und Dementia praecox kleiden sich die zum männlichen Protest führenden Regungen teilweise in die Form der Halluzination und sichern das psychotische Schema durch akustische oder visuelle Abrundung.
Auch bezüglich der obigen Abrundung einer psychischen Bewegung in eine Gehörshalluzination dürfen wir annehmen, dass starke innere Not zu einer grösseren Anspannung der Sicherungstendenz geführt hat, wofür das Wort „Eskadambra" als der Patientin unverständlich und wertlos bloss ein Mass und Signal2) vorstellen kann. Es ist aber die Erwartung berechtigt, dass ein eindringliches Verständnis dieses Wortes einen Sinn erkennen lässt, der uns den Seelenzustand des Mäd- chens verstehen lehrt. In der Regel ergibt sich das Verständnis für derartige Halluzinationen leicht, nicht schwerer jedenfalls als für kurze Traumbruchstücke. Über den Eindruck der Wortneubildung befragt gibt Patientin an, sie erinnere sich dabei an „Alhambra". Für dieses habe sie allerdings seit jeher viel Interesse gehabt; es bestand einmal prächtig, sei aber jetzt zerfallen, eine Ruine. Der Beginn des Wortes: „Esk" finde sich in dem Wort: „Eskimo", auch in;,E(tru)sker" seien diese Buchstaben enthalten. Der Volksstamm der „Basken" fiele ihr noch ein; auch in diesem Worte kommt der grössere Teil von „Esk" vor. Patientin zeigt damit den Weg, den sie bei der Wortneubildung ge- gangen ist, sie hat ein Bruchstück der Namen von Volksstämmen und das Bruchstück des Namens einer verfallenen Stadt zusammengefügt.
Schliesslich bedeutete ihr „Eskadambra" auch nur ein Bruchstück, und so dürfen wir vermuten, dass der Gedanke des Gebrochen-, Verkleinert-, Verkürztwerdens in dem zu findenden Sinne der Halluzination auftauchen werde. Die Buchstaben „skad" gehören, wie Patientin leicht herausfindet, dem Worte: „Kaskaden" an. Sie sei dessen sicher, denn bei ihrer vor kurzem stattgehabten Periode habe sie sich geäussert: „ganze Kaskaden".
Berücksichtigt man, dass diese Patientin vor der Heirat steht, so versteht man ohne weiteres den Zusammenhang dieser Wortneubildung mit ihrer psychischen Situation. Dass sie nicht heiraten will, geht aus ihrer Neurose hervor, die ein brauchbares Hindernis abgibt3). In der *) Ein anderes Mal fand ich das Ohrensausen als Erinnerung an das Tönen der Telegraphenleitung; dieses Tönen mahnte den Kranken an seine Vereinsamung in der trüben Kindheit, wo er oft allein mit seinen Zukunftshoffnungen, auf einem kleinen Bahnhof wartend ähnlich wie der Telegraph die ganze Welt umspannte. Immer ist darin die Bedeutung einer „Präokk up ation" herauszufinden, die dem Patienten gestattet, die Lösung seiner Lebensfragen hinauszuschieben und „sich mit sich" zu beschäftigen.
*) Wie man es auch bezüglich des Traumes annehmen muss, der meist bloss die Spiegelung einer psychischen Bewegung im Bewusstsein vorstellt, ohne dem Träumer Verständliches zu sagen.
3) Wie schon erwähnt, bildet die „Heirats er Wartung" einen der häufigsten pathogenen Anlässe zur Verschärfung der Neurose und zum Ausbruch von Psy- chosen. Gegenteilige Äusserungen solcher Patienten, wie: sie möchten ja gerne heiraten! — erweisen sich immer als „platonisch".
128 III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw.
Halluzination steckt eine abgebrochene Skizze von etwa folgenden Gedankengängen: Die Pracht meiner Jungfräulichkeit wird zerstört werden. Ein neues Geschlecht (Volksstämme) soll ich gebären. Ganze Kaskaden von Blut werde ich opfern müssen.
Als ich mit der Deutung so weit war, half mir die Patientin weiter, indem sie erzählte, sie habe als 8 jähriges Mädchen gehört, dass eine Frau ihrer Bekanntschaft bei einer Geburt an Verblutung gestorben sei. Sie habe seither die Furcht vor dem Gebären niemals losgebracht.
Was ist nun der Sinn dieser Halluzination? Ist er mit dem Worte „Wunscherfüllung" auch nur annähernd gekennzeichnet? Die ganze Zu- sammenstellung spricht dagegen. Der Sinn dieser Wortneubildung ist das Vorausdeuten in die Richtung einer zu erwartenden Gefahr, einer Erniedrigung, ist die Furcht, eine Ruine zu werden, wie sie oft die Mutter genannt hat, zu sterben, wie die Frau in ihrer Kindheitserinnerung.
Diese Tendenz gegen weibliche Funktionen, — und Patientin wehrt sich ja auch bewusst gegen die Ehe, — ist aber noch älter, stammt aus der frühesten Kindheit und war damals in dem Wunsch verkörpert, oben, gesund, kräftig zu sein wie der Vater. Sie wurde dann zur fiktiven Leitlinie erhoben und füllte sich mit logischem Inhalt, der sich um ein leitendes männliches Persönlichkeitsideal gruppiert, und mit der gleich- gerichteten Furcht vor einer weiblichen Rolle. Aus weiterem Material konnte ich der Patientin auch den Sinn ihrer Magenneurose allmählich klarlegen: es waren halluzinatorische Erregungen, die Beschwerden einer Schwangerschaft vorspiegeln sollten, damit sich die Patientin von dieser fernhalten sollte. Im wachen Zustand, im Traum, in der Halluzination und in der Neurose bestand demnach der Einklang der Sicherungstendenz: sei keine Frau, unterwirf dich nicht, sei ein Mann! Dieses Mädchen zeigte in ihrem Auftreten barsche, resolute Züge und kam mit allen Menschen in Streit. Ihr Ehrgeiz flammte lichterloh und machte sie unduldsam. Von ihrem Bräutigam, den sie sehr schlecht behandelte, verlangte sie unbedingte Unterwerfung und löste auch öfters jede Beziehung. Als er sich aber einst einem anderen Mädchen zuwandte, bot sie alles auf, um ihn festzuhalten. Einer von ihren Kindheitstagträumen bestand in der Phantasie, dass die ganze Menschheit zugrunde gegangen und sie allein übrig geblieben sei, eine Analogie zum Mythus der Sintflut, aus der das egozentrische, feind- selige Wesen der Patientin deutlich hervorblickt. Als Mittel zur Er- zeugung von Magenbeschwerden kam ihr, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ein kaum bewusstes Luftschlucken zustatten, das sich bei Auf- regungen steigerte.
Bei vielen Patienten, welche Züge des „Alles-Haben-Wollens" mit grosser Deutlichkeit aufweisen, wie bei dem zuletzt beschriebenen Mädchen, findet man auch Charakterzüge gegenteiliger Art. Sie sind oft von so aufdringlicher Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Genüg- samkeit, dass die besondere Akzentuierung schon den Verdacht eines Arrangements erweckt. Überall spricht ihr „Gewissen" mit, und leicht rege sitzt ihnen das Schuldgefühl1), bereit auf alle möglichen Anlässe zu reagieren. Die Lösung dieser alten Rätsel der Mensch- heit ergibt sich aus dem Verständnis der Sicherungstendenz, welche die geradlinigen, aggresiven Leitlinien im Interesse des Gemeinschafts- J) Adler, Über neurotische Disposition (Heilen und Bilden) und Furtmüller (Ethik und Individualpsychologie, E. Reinhardt, München).
III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw. 129 gefiihls unterbricht, den Regungen strafbarer Habgier und Masslosigkeit ein Ende macht, sobald dem Persönlichkeitsideal durch sie eine Gefahr droht. Sie stellt dann sozusagen eine intermediäre leitende Fik- tion auf, das Gewissen, und seine antizipierende Steigerung, das abstrakte Schuldgefühl, — Instanzen, durch die alle angesponnenen Handlungen und Vorbereitungen derart umgewandelt werden, dass sie dem Willen zur Macht und zum Schein nicht abträglich werden, gleich- zeitig aber auch die Selbsteinschätzung hoch zu halten gestatten. Wir gewahren an diesem Punkte den Widerpart des ursprünglichen Minderwertigkeitsgefühls als eine zu moralischem Ausdruck kommende Kompensation des Gefühls der Unsicherheit. Nun kann der Nervöse eine Anzahl von Möglichkeiten seines Machtstrebens sicher aus- schliessen, die ihn erniedrigen könnten.
Auch in anderen Beziehungen lässt sich die Wirkung der Siche- rungstendenz in der Moral, in der Religion, im Aberglauben, in den Regungen des Gewissens und des Schuldgefühls erkennen. Sie alle schaffen starre Formeln und Leitsätze, wie sie der unsichere Nervöse liebt. Und er kann sich im Kleinen bereits üben, oft an Nichtigem seine moralischen Bereitschaften erproben und insbesondere — principiis obsta! — sich vor Weiterungen und vor moralischem Falle, die er vor- ausahnend stark übertreibt, dadurch sichern, dass er anticipando die moralische Niederlage empfindet. Dieser letztere, halluzinato- rische Kunstgriff gleicht der Sicherung durch die neurotische Angst, wie sich ja auch Gewissen, Schuldgefühl und Angst in der Neurose oft ergänzen, oft ablösen. Von grosser Wichtigkeit für den Psychotherapeuten ist diese Kenntnis für den Zusammenhang von Mastur- bation und Neurose, aus welchem sich gleichfalls die sichernde Be- deutung des aus der Tatsache der Onanie konstruierten Schuldgefühles ergibt. Wird dieses Schuldgefühl in ein Junktim mit der Mastur- bation gebracht, um gegen den Zwang der Sexualität als Bremse zu wirken, so fundieren beide später die Operationsbasis, von der aus der Patient seine neurotischen Bereitschaften erweitert, um sich gegen eine Herabsetzung seines Persönlichkeitsgefühles zu wehren. In der Regel werden beide, — meist unter Zuhilfenahme von antizipierten „Folgen" wie Impotenz, Tabes, Paralyse, Vergesslichkeit, — als Vorwand ver- wendet, um vor Entscheidungen zurückzuweichen, immer auch, um die Furcht vor dem sexuellen Partner zu vertiefen. Derartige Zusammen- hänge habe ich des öfteren in dieser und früheren Arbeiten beschrieben.
Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit grenzen in der Neu- rose deutlich an Pedanterie. Und so wird es uns nicht wunder- nehmen zu erfahren, wie oft diese Vorzüge ihren wahren Wert aus der durch sie hergestellten Bereitschaft beziehen, andere herabzusetzen, mit ihnen in Konflikt zu geraten, sich über sie zu erheben und sie in den Dienst zu stellen. Gerade der Nervöse, dessen Herrschsucht das Schema innehält, alles haben zu wollen, der nicht selten Erinnerungen an Laster aufbewahrt, wird sich meit sorgsam hüten, sein Geheimnis preiszugeben, was ihm die sichere Niederlage einbrächte. Er wird vielmehr mit Pein- lichkeit, meist auch mit Angst den Schein zu wahren suchen, wird ängstlich erröten, wenn er seine eigene Brieftasche vom Boden aufhebt, oder wird das Alleinsein in einem fremden Zimmer vermeiden, um bei Verlust eines Gegenstandes nicht in den Verdacht des Diebstahles zu kommen. Ebenso fand ich einen Starrsinn, immer vorausbezahlen zu wollen, Adler, Xervöser Charakter. 3. Aufl. 9 130 III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw.
nichts schuldig zu bleiben, bei Patienten, denen jede Ausgabe als weitere Verkürzung ihres Persönlichkeitsgefühls erschien. Sie zogen ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vor, hatten dabei aber zu- gleich ein Gefühl der Überlegenheit über den Empfangenden und füllten ihre Zeit mit Nichtigkeiten. • Desgleichen entpuppt sich der Wahrheitsf anati smus vieler Neurotiker, — man denke an das Urbild, das enfant terrible, — in der Regel als Racheakt des Schwächeren gegen überlegene Kraft. Aus der Vorgeschichte eines Katatonikers erfuhr ich, dass er von seiner Frau bedrückt und herabgesetzt wurde. Eines Nachts brach er in Schluchzen aus und gestand seiner Frau, dass er sie mit einem Dienstmädchen be- trogen habe. Sein männlicher Protest bediente sich des Kunstgriffes, einen Ehebruch zu versuchen, um daran ein offenes Geständnis zu knüpfen, wieder in der Form des uns bereits bekannten neurotischen Junktims. Es ergab sich, dass die Frau nicht bloss über den stär- keren Willen sondern auch über den Geldschrank verfügte. Patient selbst, ein schwächlicher Prestigemensch, musste von ihren Revenuen leben, was die Frau und deren Familie zum Anlass mannigfacher Krän- kungen nahmen. Um sich vor der Überlegenheit der Frau zu schützen, nicht gänzlich ihrem Eintluss zu unterliegen, kam er, — auch schon im Kampfe um die männliche Herrschaft, — zum Arrangement einer psychischen Impotenz. Die Frau hinwieder griff dieses Moment der Impotenz heraus und setzte den Mann öffentlich herab. Sein Flirt mit dem Dienstmädchen war der Beginn seiner Rache. Diese konnte aber nur ihre erhebende Wirkung üben, wenn er den Ehebruch mannhaft eingestand. Folglich griff er zur Wahrheitsliebe, die ihm schon öfters als Vehikel für allerlei Bosheiten gedient hatte. Dass er seinen Fehltritt weinend gestand, entspricht seinem Zagen vor der Entscheidung, erleichterte ihm andererseits die für seine Frau schmerzhafte Botschaft. — Der weitere Verlauf entschied gegen den männlichen Triumph des psychischen Hermaphroditen; die Frau ging in ihrer Aggression noch weiter und beklagte sich bei ihren Angehörigen, die ihm nun die schwersten Vorwürfe machten. Jetzt verfiel er mit steigender Siche- rungstendenz in Apathie, wollte auch seinen zwecklosen Fehltritt un- geschehen machen, da er ihm nicht zum männlichen Triumph verholten hatte, und fand die Lösung in der Fiktion eines reinigenden Wunders, das Gott an ihm vollzogen hatte. Jetzt war er wrieder auf der Höhe, seine Prädestinationsphantasie brach durch, er stand mit Gott in Verbindung, bekam Aufträge und Befehle von ihm und errichtete ein Wahngebäude, in dem er als Prophet auf Erden wandelte. Auch die Masturbation, die er gelegentlich offen übte, bezeichnete er als Wunder, um so dem Gefühl einer Herabsetzung zu entgehen. Stereotypien bestanden unter anderem in einer zeitweiligen Geraderichtung des Körpers und Emporwerfen des Kopfes, eine Be- wegung, die ich gelegentlich auch bei einer Hysterika als männliche Attitüde deuten konnte. — „Jemandem eine bittere Wahrheit sagen!" Dies Wort enthält den Kern der vorgetragenen Auffassung, Der Neurotiker bedient sich der Wahrheit, um dem andern weh zu tun. Angenehme Wahrheiten wird man von nervösen Patienten nie hören, ohne dass die Reaktion, ge- wöhnlich eine Verschlimmerung des Leidens, bald sichtbar würde. Jeder Liebesregung, die als weiblich, als Unterwerfung empfunden wird, folgt III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw. 131 eine Hassregung als männlicher Protest, letzterer im Gewände der Wahr- heit, — ein Mann, ein Wort. — Auch in diesem Falle von Schizo- phrenie finden wir ein Stadium, wo der Zweifel an der eigenen Männ- lichkeit durch Kunstgriffe und durch Anspannung der leitenden Fiktion im männlichen Protest überbaut wird, wo die kompensierende Sicherungs- tendenz dazu drängt, ein leitendes Symbol (als ob man Lehrer, Kaiser, Heiland usw. wäre) wörtlich zu nehmen und zu arrangieren.
Andere Züge wie die der Launenhaftigkeit, der Ungesellig- keit sind ebenfalls deutlich als Bereitschaftsstellungen zu erkennen, jederzeit geeignet, die Überlegenheit anderer, die Durchsetzung des Willens anderer zunichte zu machen. Der nervöse Mensch ist der typische Eigenbrödler und Spielverderber, kommt, von seinem Grössenideal abgelenkt, in die stärkste Unsicherheit und ist stets am Werke, seine eigenen Richtungslinien zu hypostasieren und zu vergött- lichen, die anderer zu durchkreuzen. — Auch einer weiteren Verwendung sind diese Züge fähig. Der Nervöse nimmt seine Untugsamkeit, seine störenden Attacken als Beweise dafür, dass ihn die anderen beeinträch- tigen wollen und richtet schützend die Mauer seiner Prinzipien auf, innerhalb deren sich sein Herrschergefühl entfalten kann. Hier tauchen Tendenzen auf, wie die Sehnsucht allein zu sein, zuweilen auch begraben zu sein, oder Bilder: wie lebendig begraben, im Mutterleib geborgen zu sein (Grüner). Zuweilen habe ich als Erfüllung dieser Sehnsucht nach Herrschaft in Einsamkeit langes Verweilen am Klosset gefunden. — Ganz in die gleiche Richtung, Herrschaft zu gewinnen, führen den Nervösen seine übertriebene Nachgiebigkeit und weiblich gewertete Einfügung. Immer ist dabei der Patient auf der Lauer, obgleich er auch auf diese Weise den Stärkeren zu fesseln sucht, nach der männlichen Linie abzuweichen und seinen offenen Triumph zu geniessen. —