SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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einstimmenden Aussagen längst vergangener Perioden. Wie wenig es richtig ist, dass man, wie Kant meinte, erst zu seiner Zeit ein besonderes Vermögen, welches sich auf etwas als gut bezieht, dem, welches auf etwas als wahr gerichtet ist, zur Seite zu stellen anfing, hat uns unser historischer Ueber« blick gelehrt. Die ältere Psychologie, so weit und so lange Aristoteles sie beherrschte, schied ja in diesem Sinne Denken und Begehren. In dem Begehren — so sehr ent- schränkte sie den Ausdruck — waren auch die Gefühle von Lust jund Unlust und überhaupt alles, was nicht ein vor- stellendes oder urtheilendes Denken ist, begriffen. Hierin lag, was uns bei unserer Frage vorzüglich interessirt, die Anerken- nung, dass die Relation zu den Objecten als guten oder schlechten, die wir als den allgemeinen wesentlichen Grund- charakter der Gefühle behaupten, bei ihnen nicht minder als. beim Begehren und Wollen gegeben sei. Dasselbe zeigen die Aussprüche des Aristoteles über die Beziehung der begleiten- den Lust zur Vollkommenheit des Actes, die man in der Nikomachischen Ethik findet, und die wir bei der Unter- suchung über das Bewusstsein erwähnt haben, sowie einige Stellen seiner Rhetorik^). Die Peripatetische Schule des Mittelalters, insbesondere Thomas vonAquin in seiner tot tot eben derselbe, in dem Werke über die Leidenschaften (S. 2, vgl. S. 7> sagt: es sei ein bekanntes Naturgesetz, zu begehren was als gut, zu verabscheuen, was als böse vorgestellt werde. Wobei die Frage ent- steht, was denn gut, und was denn böse sei? Darauf nun erhal- ten wir die Antwort: die Sinnlichkeit stelle als gut vor das, wovon sie angenehm afficirt werde u. s. w. Und hiemit sind wir im Cirkel herum geführt, — Hoffbauer, in seinem Grundrisse der Erfahrungs- seelenlehre, fängt die Capitel vom Gefühlsvermögen und Begehrungs- vermögen so an: „Wir sind uns mancher Zustände bewusst, welche wir uns bestreben hervorzubringen, diese nennen wir angenehm; gewisse Vorstellungen erzeugen in uns das Bestreben ihren Gegen- stand wirklich zu machen, dies nennen wir Begehren" u. s. w Hier ist einerlei Grund, das Bestrebea, den Gefühlen und Begierden unter- gelegt*' (Lehrbuch zur Psychologie Th. 2, Abschn. 1, Cap. 4, §. 96). *) S. 0. Buch n. Cap. 3. §. 6 und Khet I. 11, besonders p. 1370,, Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 321 interessanten Lehre von dem Zusammenhange der Gemüths- bewegungen vertritt aufs Unzweideutigste dieselbe An- schauung^).

Auch die Sprache des gewöhnlichen Lebens deutet dar- auf hin, dass bei Lust und Unlust eine Beziehung. zum Gegenstand bestehe, die derjenigen des Wollens wesentlich ' verwandt ist. Sie liebt es, Ausdrücke, die sie zunächst ' ' auf dem einen Gebiete anwandte, dann auf das andere zu übertragen. So nennen wir angenehm das, was uns Lust, unangenehm das, was uns Unlust gewährt, wir sprechen aber auch von einem Genehm -sein und einer Genehmigung auf der Seite des Willens. Ebenso wurde das;,Placet" im Sinne einer Gutheissung offenbar aus dem Gebiete des Gefühls auf einen Willensentschluss übertragen; und nicht minder deut- lich hat der deutsche Ausdruck,,Gefallen^' in „thue, was dir gefällt!" oder;;ist Ihnen etwas gefällig?^ u. s. f dasselbe er- fahren. Ja selbst das Wort „Lust" wird in der Frage:,,hast du Lust?" zur unverkennbaren Bezeichnung einer Willensrich- tung. Andererseits ist der;,Unwillen" kaum ein Willen zu nennen, obwohl der Ausdruck daher entlehnt ist, und der „Widerwillen" als Bezeichnung gewisser Erscheinungen des Ekels ist unverkennbar der Namen eines Gefühls geworden.

Die Sprache thut aber mehr als dass sie gewisse Namen von Erscheinungen des einen auf Erscheinungen des anderen Gebietes überträgt. Sie hat in den Ausdrücken „Liebe" und „Hass" ein Mittel der Bezeichnung, das in ganz eigentlicher Weise bei jedem Phänomen in dem gesammten Bereiche anwend- bar ist. Denn, sind sie auch, in dem einen oder anderen Fäll minder üblich, so versteht einer doch, wenn man sie gebraucht, was damit gemeint ist, und erkennt, dass sie ihrer eigent- lichen Bedeutung nicht entfremdet werden. Das Einzige, was in solchen Fällen gegen sie spricht, ist, dass der Sprach- gebrauch hier specielleren Bezeichnungen den Vorzug zu geben pflegt. Denn in Wahrheit sind sie in einem sehr gewöhnlich, obwohl nicht ausschliesslich damit verbundenen Brentano, Psychologie. I. 21 ^ 322 Buch II. Von den paychisch^i Fl^Sndmeaen im Allgemeinen.

Sinne Ausdrucke, welche die unserer dritten Grundclasse eigenthümliche Weise der Beziehui^ zum Gegenstande in ihrer Allgemeinheit kennzeichnen.

Die Zusammenstellungen von,fLust und Liebe" „lieb und leid" und dgl. zeigen den Ausdruck „Liebe" auf die entschiedensten Gefühle angewandt. Und wenn wir sagen „liebhch" „hässlich", was meinen wir Anderes als eine Lust oder Unlust erweckende Erscheinung? Andererseits weisen Aeusseningen wie „es behebt mir", „thue was dir lieb ist" deutlieh auf Phänomene des Willens hin. In dem Satze „er hat eine Vorliebe für wissenschaftliche Beschäf- tigung" ist etwas ausgesprochen, was vielleicht Manche zu dem Gefühle rechnen, während es Andere für eine habituelle Richtung des Willens erklären werden. Ebenso überlasse ich es Anderen zu entscheiden, ob bei Namen wie „missliebig" „unliebsam" „Liebling" („Lieblingapferd" und „Liebling^tudium" miteinbegriffen) mehr Gründe für die Ein- ordnung des Liebens, von dem die Rede ist, in das Gebiet, das sie Gefühle nennen, oder in das, welches sie dem Willen zuweisen, sich anfuhren lassen. Was mich betrifit, so glaube ich, dass es als allgemeinerer Ausdruck auch in diesem ein- zelnen Falle beide umspannt.

Wer sich nach etwas sehnt, der liebt es zu haben: wer über etwas trauert, dem ist das unlieb, worüber er trauert; wer sich über etwas freut, liebt, dass es so ist; wer etwas thun will, liebt es zu thun (wenn nicht an und für sich, so doch in Rücksicht auf diese oder jene Folge) u. s. f., und die genannten Acte sind nicht etwas was bloss mit einem Lie- ben zusammen besteht, sondern sie selbst sind Acte der Liebe. So zeigt sich, dass „gut sein" und „irgendwie zu lieben sein" so wie andererseits „schlecht sein" und „irgendwie zu hassen sein" dasselbe besagen, und wir sind gerechtfertigt, wenn wir den Ausdruck „Liebe" zum Namen unserer dritten Grundclasse wählten, indem wir dabei, wie schon bemerkt, wie man bei Begehren und Wollen ähnlich zu thun pflegt, den Gegensatz miteinbegritfen.

Als Ergebniss unserer Erörterung dUrfen wir also aus Capitel 8. Einheit der Grutidclasse für Gefühl uad Willen. 323 sprechen, dass die innere Erfahrung deutlich die Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen offenbart. Sie thut es, indem sie uns zeigt, dass nirgends zwischen ihnen eine scharf gezogene Grenze ist, und dass ein gemeinsamer Charakter ihrer Beziehung auf den Inhalt sie von den übrigen psychi- schen Phänomenen untcjrscheidet. Was die Philosophen der verschiedensten Richtung und selbst die, welche das Gebiet in zwei Grundclassen sondern, darüber äusserten, wies deutlich auf diesen gemeinsamen Charakter hin und bestätigte, ebenso wie die Sprache des Volkes, die Richtigkeit unserer Beschrei- bung der inneren Erscheinungen. \ §. 5. Verfolgen wir weiter den Plan unserer Unter- suchung.

Als es sich darum handelte, Vorstellung und Urtheil als zwei verschiedene Grundclassen psychischer Phänomene zu erweisen, begnügten wir uns nicht damit, das directe Zeug- niss der Erfahrung anzurufen; vielmehr haben wir auch ge- zeigt, dass der grosse Unterschied, der unleugbar zwischen dem einen und anderen Phänomene besteht, gänzlich auf Rechnung der verschiedenen Weisen ihrer Beziehungen zum Objecto zu setzen ist. Von diesem Unterschiede abgesehen, würde jedes Urtheil mit einer Vorstellung sich gedeckt haben und umgekehrt. Werfen wir jetzt in Betreff der Gefühle und des Willens die gleiche Frage auf. Wäre, wer keiner- lei Unterschied in der Weise des Bewusstseins zwischen einem Fühlen von Freude und Schmerz und einem Wollen aner- kennte, vielleicht ebenfalls ausser Stande irgend etwas als unterscheidend namhaft zu machen? würde auch zwischen ihnen jede Verschiedenheit dann ausgeglichen sein? — Sicher ist dieses nicht der Fall.

Wir haben früher gesehen, wie zwischen dem Fühlen einer Freude oder eines Schmerzes und dem Wollen im eigentlichsten Sinne eine Reihe von Seelenzuständen so zu sagen in der Mitte steht, von welchen man nicht recht weiss, ob sie bei einer Scheidung des Gebietes in Gefühl und Willen besser der einen oder anderen Seite zugerechnet werden.

324 Buch n. Von den psychisclieii Phänomenen im Allgemeinen.

Sehnsucht, Hofifnung, Muth und andere Erscheinungen ge- hören hleher. Gewiss wird Niemand behaupten, jede dieser Classen sei von der Art, dass sich ausser einer etwaigen Be- sonderheit der Beziehung zum Objecte kein Unterschied da- für angeben lasse. Eigenthttmlichkeiten der Vorstellungen und Eigenthtimlichkeiten der Urtheile, die ihnen zu Grunde liegen, dienen dazu, die eine von der anderen zu unterscheiden; und an solche Unterschiede hat man sich darum. gehalten, da man in älterer wie neuerer Zeit Versuche machte, sie defi- nirend gegen einander abzugrenzen. Dies hat schon Aristo- teles in seiner Rhetorik, so wie in d^ Nikomachischen Ethik gethan, und Andere wie z. B. Cicero im vierten Buch der Tusculanae Quaestiones sind seinem Beispiele gefolgt. Später finden wir ähnliche Versuche bei Kirchenvätern wie Gregor von Nyssa, Augustinus und anderen, und in einem vorzüg- lichen Maasse im Mittelalter bei Thomas von Aquin in seiner Prima Secundae. Wiederum begegnen sie uns in der Neuzeit bei Descartes in seiner Abhandlung über die Leidenschaften, bei Spinoza im dritten Theile seiner Ethik, wohl dem ver- dienstvollsten des ganzen Werkes; femer bei Hume, Hartley, James Mill u. s. f. bis auf unsere Zeit.

Natürlich konnten solche Definitionen, indem sie die einzelne Classe nicht bloss gegen eine, sondern gegen jede andere abgrenzen wollten, nicht immer von dem Gegensatze absehen, welcher dieses Gebiet, wie Anerkennung und Leug- nung das der Urtheile durchdringt, und ebenso mussten sie auf die Unterschiede in der Stärke der Phänomene mitunter Kücksicht nehmen. Mehr aber ist in der That nicht nöthig, um im Uebrigen mit den zuvor erwähnten Mitteln bei der Bestimmung eines jeden zu diesem Gebiete gehörigen Classen- begriffes vollkommen auszureichen; womit selbstverständlich nicht gesagt sein soll, dass jeder Versuch, den man mit ihrer Hülfe gemacht hat, auch wirklich gelungen sei.

Lotze, der in seiner medicinischen Psychologie hinsicht- lich verschiedener Classen, die er zu den Gefühlen rechnet, denselben Weg der Definition betritt, enthält sich dagegen in Betreff der Besonderheit des WoUens eines jeden solchen , Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Geföhl und Willen. 325 Versuches, indem er ihn für nothwendig erfolglos hält. „Vergeb- lich", sagt er, „sucht man das Vorhandensein des Wollens zu leugnen, ebenso vergeblich, als wir uns bemühen würden, seine einfache Natur, die nur unmittelbar sich erleben lässt, durch umschreibende Erklärungen zu verdeutlichen ^)". Dies ist auf seinem Standpunkt consequent geurtheilt*); richtig aber scheint e& mir in keiner Weise. Jedes Wollen participirt an dem gemeinsamen Charakter unserer dritten Grundclasse; und wer darum das Gewollte als etwas was Jemand heb ist bezeichnet, hat dadurch schon einigermassen und in äusserster Allgemeinheit die Natur der Willensthätigkeit ge- kennzeichnet. Fügt man dann Bestimmungen über die Be- sonderheit des Inhaltes, über die Eigenthümlichkeit der Vor- stellung und des Urtheils hinzu, die dem Wollen zu Grunde liegen, so ergänzt sich die erste Angabe in ähnlicher Weise zu einer genau abgrenzenden Definition, wie in anderen Fäl- len die einer Classe von Gefühlen. Jedes Wollen geht auf ein Thun, von dem wir glauben, dass es in unserer Macht liege, auf ein Gut, welches als Folge des Wollens selbst er- wartet wird. An diese specialisirenden Bestimmungen hat schon Aristoteles gerührt, indem er das Wählbare als ein durch Handeln zu erreichendes Gut bezeichnete. Eingehen- der haben James Mill und Alexander ^ain die besonderen Bedingungen des Phänomens, die in den zu Grunde liegenden Vorstellungen und Urtheilen gegeben sind, analysirt. Diese Analysen, selbst wenn einer das Eine oder Andere noch daran auszu- setzen fände, werden doch, glaube ich, in jedem, der sie be- achtet, die Ueberzeugung erwecken, dass man wirklich auch *) Kant und Hamilton haben freilich die Consequenz nicht ge- zogen; aber einerseits waren sie bei ihren Versuchen wenig glücklich, andererseits so weit sie Erfolg hatten,.geben sie dadurch nur selbst gegen ihren Grundgedanken eines fundamentalen Classenunterschiedes Zeugniss. So Kant, wenn er das Wohlgefallen des Willens, als Wohl- gefallen am Sein, dem Wohlgefallen des Gefühles als dem uninteressir- ten Wohlgefallen, welches durch die blosse Vorstellung befriedigt ist, gegenüberstellt, (s. o. S. 319.)

326 Buch n. Von den psychischen Phänomenen im AllgE das Wollen in ähnlicher Weise und mit ähnlichen Mitteln wie die einzelnen Classen der GefEthle deöniren kann, and dass es nicht so unbesehreiblich einfach ist, wie Lotze uns lehrte ')■ §. 6. Wenn wir indessen sagten, dass das Wollen durch HinzufUgung von solcherlei Bestimmungen zum allge- meineu Begriffe der Liebe definirbar sei, so meinen wir da- mit nicht, dass Jemand, der das specielle Phänomen nie selbst in sich erfahren hätte, durch die Definition zu yoII- kommener Klarheit darüber gelangen könnte. Dies ist keines- wegs der Fall. Es besteht in dieser Beziehung ein grosser Unter- schied zwischen der Definition des Wollens und der Begriffebe- stimmung einer besonderen Classe von Urtheilen durch Angabe derGattnng des Inhaltes, aufweichen sie anerkennend oder ver- werfend gerichtet sind. Wenn man nur irgendwelche bejahende und verneinende Urtheile gefällt hat, so kann man sich jedes andere TJrtheil anschaulich vorstellen, so bald man weiss, worauf es bejahend oder verneinend gerichtet ist. Hätte sich dagegen Jemand auch noch so häufig liebend und hassend bethätigt und in mannigfachen Abstufungen der Stärke, so würde doch für ihn, wenn er nie in specie etwas gewollt hätte, aus der An- gabe der Besonderheit des Wollens in den erwähnten Bezie- hungen das Phänomen in seiner eigenthümlichen Natur nie vollkommen vorstellbar werden. Wenn Lotze nichts Anderes hätte sagen wollen, so würden wir uns vollkommen mit ihm einverstanden erklären.

Aber dies ist nichts, was nicht ebenso für andere spe- cielle Classen, die man gewöhnlich dem Gefühle unterordnet, gelten würde; denn auch von ihnen zeigt, um mich eines Aus- druckes von Lotze selbst zu bedienen, jede eine besondere Färbung. Wer nur Gefühle der Freude und der Trauer ge- habt hätte, dem würde durch eine Definition des Hoffen? oder Fürchtens dessen innere EigenthUmlichkeit unmöglich voll- *) Im fünften Buche weiden wir nn* eingehend mit dec IVage i beschäftigen haben.

\ Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 327 kommen anschaulich werden; ja schon hinsichtlich verschie- dener Arten von Freude gilt dasselbe: die Freude des guten Gewissens und die Lust bei angenehmer Erwärmung, die Freude beim Anblick eines schönen Gemäldes und die Lust beimo Whigeschmacke einer Speise sind nicht etwa bloss quan- titativ, sie sind qualitativ von einander verschieden, und ohne eine specifische Erfahrung würde die Angabe des besonderen Objects zur Erweckung einer vollkommen entsprechenden Vor- stellung nicht fahren können.

Um dieser qualitativen Verschiedenheiten willen wird man allerdings zugeben müssen, dass innerhalb des Gebietes der Liebe noch Unterschiede in der Weise der Beziehung zum Objecte bestehen. Aber damit ist nicht gesagt, dass nicht die Einheit derselben Grundclasse alle Phänomene der Liebe um- fasse. Wie vielmehr zwischen qualitativ verschiedenen Farben, so besteht auch zwischen qualitativ verschiedenen Phänomenen der Liebe eine wesentliche Verwandtschaft und Ueberein- stimmung. Auch der Vergleich mit dem Gebiete des Ur- theils macht dies deutlich. Fehlen hier andere Unterschiede in der Weise der Beziehung zum Objecte, so sind doch wenigstens Anerkennung und Verwerfung zwei verschiedene Weisen der Beurtheilung; man nennt sie mit Kecht qualitativ verschieden. Denrioch erstreckt sich, da sie in ihrem allgemeinen Charak- ter miteinander übereinstimmen, die Einheit derselben Grund- classe über beide, und ihre Scheidung, obwohl ebenfalls durch die Natur vorgezeichnet, ist doch keine, welche auch nur an- nähernd eine ähnhch fundamentale Bedeutung wie die zwischen Vorstellung und Urtheil hätte. Ganz dasselbe gilt in un- serem Fallei Ja es ist wo möglich noch einleuchtender, dass bei einer Grundeintheilung der psychischen Phänomene die qualitativen Unterschiede specieller Weisen des Liebens nicht in Betracht kommen können, als dass die Unterschiede der Qualität der Urtheile nicht dabei zu berücksichtigen sind. Die höchsten Classen würden ausserordentlich zahlreich oder vielmehr geradezu unzählig werden, nament- lich da dasjenige, - was zu einem geliebten oder gehass- ten Gegenstande in Beziehung tritt, selbst wieder Gegenstand einer Liebe oder eines Hasses wird, und sehr gewöhnlich mit f tf.i r.

328 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

einer veränderten Färbung des Phänomenes. Auch würde die enge Umgrenzung, die jede von diesen höchsten Classen er- hielte, dem Zwecke einer ersten und fundamentalen Einthei- lung entgegen sein.

Darum haben auch diejenigen, welche das von uns ein- heitlich umschriebene Gebiet in mehrere Grundclassen zer- legten, bei ihrer Eintheilung nicht allen diesen Unterschieden Kechnung getragen. Sie scheiden nur zwei Classen, Gefühl und Willen; alle speciellen Färbungen der Phänomene der Liebe und des Hasses, welche innerhalb des Gebiets, das sie Willen nennen, und zahlreicher noch innerhalb des Bereiches der Gefühle bestehen, lassen sie dagegen unberücksichtigt. So erkennen sie durch ihr praktisches Verhalten in der bei weitem grösseren Zahl der Fälle an, dass solche untergeordnete Unterschiede nicht eine Sonderung in verschiedene Grund- classen rechtfertigen, und hiemit ist, wenn unsere Auseinanderr Setzung richtig ist, auch die Verwerfung ihrer Unterscheidung von Gefühl und Willen als höchster Classen im Principe zu- ge:,eben.

§. 7. Wir kommen zu einer dritten Reihe von Erörte- rungen, welche die von uns behauptete Zusammengehörigkeit von Gefühl und Willen zu einer natürlichen Grundclasse be- stätigen wird.

Da es sich um die Feststellung der fundamentalen Ver- schiedenheit von Vorstellung und Urtbeil handelte, zeigten wir, wie alle Umstände darauf hinweisen, dass ein grundver- schiedenes Verhältniss zum Inhalte das eine von dem anderen Phänomen unterscheidet. Wo das Urtheil zur Vorstellung hinzutritt, findet man eine ganz neue Gattung von Gegen- sätzen, eine ganz neue Gattung von Intensität, eine ganz neue Gattung von Vollkommenheit und UnvoUkommenheit imd eine ganz neue Gattung von Gesetzen der Entstehung und Aufeinanderfolge. Auch die Classe der Liebe und des Hasses, als Ganzes genommen, zeigte sich uns damals der Vorstellung und dem Urtheile gegenüber in dersßlben all- seitigen Weise durch Eigenthümlichkeiten ausgezeichnet. Sollte Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 329 innerhalb dieser Classe selbst noch ein fundamentaler Unter- schied in der Beziehungsweise zum Objecte bestehen, so dür- fen wir demnach erwarten, dass auch hier in ähnlicher Art das eine Gebiet von dem anderen in jeder der angegebenen Rich- tungen die Besonderheit seines Charakters offenbaren werde.

Aber in keiner Weise ist dies der Fall.

Vor Allem wird man sich leicht überzeugen, dass inner- halb des ganzen Gebietes von Gefühl und Willen nirgends eine Verschiedenheit von Gegensätzen auftritt, von denen das eine Paar dem anderen so heterogen wäre, wie es der Gegensatz von Liebe und Hass dem von Anerkennung und Leugnung ist. Auch wenn wir Freude und Traurigkeit mit Wollen und Nicht-wollen vergleichen, erkennen wir, dass hier und dort im Grunde genommen derselbe Gegensatz von Lieb- und ünlieb-sein. Gefallen und Missfallen uns entgegentritt. Allerdings erscheint er in jedem der beiden Fälle etwas modi- ficirt, entsprechend der verschiedenen Färbung der Phäno- mene: aber der Unterschied ist nicht grösser als der, wel- cher zwischen den Gegensätzen von Freude und Trauer, Hoffnung und Furcht, Muth und.Verzagen, Verlangen und Fliehen und vielen anderen in der Classe gefunden wird.

Dasselbe gilt in Betreff der Stärke. Die Gesammtheit der Classe ist deutlich durch eine besondere Gattung von Intensität ausgezeichnet. Die Unterschiede der Gewissheit sind, wie schon früher bemerkt, mit den Unterschieden der Grade des Liebens und Hassens unvergleichbar; ja geradezu lächerlich würde es sein, wenn einer sagte: es ist mir dies doppelt so wahrscheinlich, als mir jenes heb ist od. dgl. Aber innerhalb der Classe selbst gilt nirgends dasselbe. Wie die verschiedenen Stufen der Ueberzeugung im Anerkennen und Verwerfen, so lassen auch die Gradunterschiede im Lie- ben und Hassen sich mit einander vergleichen. Wie ich ohne Inconvenienz sagen kann, dass ich das Eine mit grösserer Gewissheit annehme, als ich das Andere leugne: so kann ich auch sagen, dass ich das Eine in höherem Maasse liebe als ich das Andere hasse. Und nicht bloss die Stärke von Gegensätzen, sondern auch die von Freude und 330 Buch IT. Von den psychischen Phäuomenen im Allgemeinen.

Verlangen und "Willen und Vorsatz kann ich im Verhältnisse zu einander als grösser und geringer bestimmen. Ich freue mich mehr darüber, als ich nach jenem verlange; mein Ver- langen ihn wieder zu sehen ist nicht so stark, als mein Vor- satz ihn meine Missbilligung emp&nden zu lassen u. s. f.

Aehnliehes zeigt sich in Hinsicht auf die Vollkommen- heit und Unvollkomraenheit. "Wir sahen, wie in den Vorstellungen einerseits weder Tugend noch sittliche Schlech- tigkeit, andererseits weder Erkenntnis noch Irrthum liegt. Mit den Phänomenen des Urtheilens kommen die letzten bei- den hinzu; das erste Paar dagegen liegt, wie schon gesagt, aus- schliesslich in dem Gebiete der Liebe und des Hasses. Findet es sich nun vielleicht nur in der einen der beiden Classen, in welche man das Gebiet zerlegt hat, in dem Willen; nicht aber in dem der Gefühle? — Man erkennt leicht, dass dies nicht der Fall ist, sondern dass es wie einen sittlich guten und sittlich schlechten Willen, auch sittlich gute und sittlich schlechte Gefühle gibt, wie z. B. Mitleid, Dankbarkeit, Hel- denmuth, Neid, Schadenfreude, feige Furcht u. s. f. Wegen des besprochenen Mangels deutlicher Abgrenzung weiss ich freilich nicht, in wie weit einer einzelne von diesen Beispielen vielleicht lieber zum Gebiete des Willens rechnet; aber auch nur eines von ihnen würde zu unserem Zwecke genügen 0- ') Es ist richtig, dase die Namen Tngend and Schlechtigkeit von nna in einem zu engen Sinoe gebraucht zu werden pflegen, als dasa man von jedem Acte der Liebe oder des Hasses sagen könnte, er sei tugendhaft oder schlecht. Nur gewisse ausgezeichnete Acte, in welchen das wahrhaft Liebenswürdige geliebt, das wahrhaft Hassen s würdige gehasst wird, ehren wir mit dem Namen Tugend,- und ebenso legen wir nur gewiaaen ausgezeichneten Acten, in welchen ein entgegenge- setztes Verhalten stattfindet, den Namen Schlechtigkeit bei. Acte von Liebe und Haas, bei welchen ein entsprechendes Yerhalten selbatver- atäudhch erscheint, werden wir nicht als tugendhaft bezeichnen. Wir könnteu vielleicht zeigen, wie sich die Begriffe zu einer vollkommen allgemeinen Anwendbarkeit entschränken liessen. Doch genügt es uoa bier, dargethan zu haben, dass sie so, wie mau sie gemeiniglich anwendet, wenigstens der üblichen Unierscheiduug von Gefühl und Willen keine Stütze bieten.

Capitel 8. Einheit der Grundclasae für Gefühl und Willen. 331 Auch kann man nicht behaupten, dass zwar Tugend und Schlechtigkeit beiden Gebieten gemeiti, aber im Willen noch eine neue, besondere Classe von Vollkommenheit und UnvoU- kommenheit zu ihnen hinzugekommen sei; und bis jetzt wenig- stens hat, meines Wissens, Niemand eine solche bezeichnet.

Wenden wir uns zu dem letzten Punkte des Vergleiches^ zu den Gesetzen der Succession der Erscheinungen.

Bei den Urtheilen, obwohl sie von den allgemeinen Ge- setzen des Vorstellungslaufes sich keineswegs unabhängig zeigen, kommen doch noch andere, besondere Gesetze hinzu, welche aus ihnen nicht abgeleitet werden können. Wir be- merkten bereits, dass diese Gesetze die vorzügliche psycho- logische Grundlage der Logik ausmachen. Bei Liebe und Hass, sagten wir damalö,*sei etwas Aehnliches der Fall; und in der That sind zwar diese Phänomene weder von den Ge- setzen des Vorstellungslaufes noch von denen der Entstehung und Succession der Urtheile unabhängig: aber dennoch zeigen auch sie besondere unableitbare Gesetze ihrer Aufeinander- folge und Entwickelung, welche die psychologische Grundlage der Ethik bilden.

Fragen wir nun, wie es mit diesen Gesetzen sich ver- halte. Sind sie vielleicht auf die Classe des Willens allein beschränkt? oder beherrscht wenigstens nur ein Theil von ihnen Gefühle und Willensthätigkeiten gemeinsam, während ein anderer, durch einen neuen und eigenthtimlichen Cha- rakter ausgezeichnet, für die Phänomene des Wollens aus- schliesslich Geltung hat? — Keines von Beidem ist richtig; vielmehr gehen in ganz ähnlicher Weise in einem Falle Acte des Wollens wie in einem anderen Acte der Freude und Trau- rigkeit auseinander hervor. Ich freue mich oder betrübe mich über einen Gegenstand um eines Anderen willen, während er sonst mich unberührt gelassen hätte; und ebenso begehre und will ich etwas wegen eines Anderen, obwohl ich sonst nicht danach verlangte. Auch erzeugt die Gewohnheit des Genusses bei eingetretenem Mangel eine stärkere Begierde, wie umge- kehrt ein vorausgegangenes längeres Verlangen den einge- tretenen Genuss verstärkt und hebt.

fj^A -^ e?r &> I 332 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im. Allgemeinen.

Doch wie? — wir sagen, dass wesentlich dieselben Ge- setze auf dem öebiete der Gefühle und auf dem des Willens Geltung haben? und doch scheint gerade hier der grösste Gegensatz zu bestehen, der überhaupt auf psychischem Ge- biete Sich zeigt. Denn der WiUen, im Unterschiede von allen übrigen Gattungen, gilt als das Reich der Freiheit, welches, wenn nicht jeden Einfluss, doch sicher eine Herrschaft von Gesetzen, wie sie auf den anderen Gebieten besteht, von sich ausschliesse. Somit scheint hier ein starker Grund für die » herkömmliche Scheidung von Gefühl und Willen vorzuliegen. Die Thatsache der Willensfreiheit, auf welche sich dieser Einwand stützt, hat bekanntlich von Alters her den Gegen- stand eifrigen Streites gebildet, an dem wir selbst uns erst an einem späteren Orte betheiligen werden *). Aber ohne -dem künftigen Ergebniss irgendwie vorzugreifen, sind wir, glaube ich, schon jetzt das Argument zurückzuweisen im Stande. Angenommen es finde sich auf dem Gebiete des Willens wirklich jene volle Freiheit, welche in demselben ein- zelnen Fall ein Wollen und Nichtwollen und ein entgegen- gesetztes Wollen als möglich erscheinen lässt: so besteht dieselbe doch sicher nicht auf dem ganzen Gebiete, sondern nur etwa da, wo entweder verschiedene Arten des Han- delns oder wenigstens Handeln und nicht»- Handeln, jedes in seiner Weise als ein Gut in Betracht kommt. Dies wurde von den bedeutendsten Vertretern der Willensfreiheit immer und ausdrücklich anerkannt. Was aber, obwohl viel- leicht minder deutlich ausgesprochen, dennoch ebenso unver- kennbar als ihre Ueberzeugung sich zu erkennen gibt, ist, dass sich unter jenen Seelenthätigkeiten, die nicht als ein Wollen bezeichnet werden können, und die man den Gefühlen zurechnet, gleichfalls freie Acte finden. So hält man den Schmerz der Reue über ein früheres Vergehen, die schaden- frohe Lust und viele andere Phänomene der Freude und Traurig- keit für nicht weniger freie Acte, als den Vorsatz sein Leben zu ändern und die Absicht Jemand einen Nachtheil zuzu- 1) Buch V.

Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 333 fügen. Ja die Gefühle einer contemplativen Gottesliebe gelten Vielen als verdienstlicher als die htilfreiche Bethätigung des Willens im Dienste des Nächsten, obwoHl sie nur bei freien Bethätigungen von Verdienst und Missverdienöt sprechen wollen. Wenn man trotzdem im Allgemeinen nur von Wil- lensfreiheit sprach, so hing dies bei älteren Philosophen mit dem, wie wir sahen, erweiterten und auf Gefühl und Willen im engeren Sinne gleichmässig ausgedehnten Ge- brauche dieses Namens; bei modernen aber häufig mit anderen Unklarheiten zusammen, die sich in ihre Untersuchung ein- mischten. So hat selbst Locke die Unterscheidung zwischen dem Vermögen, eine Handlung, je nachdem man sie will oder nicht will, zu üben oder zu unterlassen, und der Möglichkeit, unter denselben Umständen sie zu wollen oder nichtj zu wollen, niemals klar vollzogen. Es ist also sicher, dass, wenn über- haupt auf dem Gebiete der Liebe und des Hasses Freiheit besteht, dieselbe nicht auf Acte des WoUens allein, sondern ebenso auf gewisse Bethätigungen der Gefühle sich erstreckt, und dass andererseits ebensowenig jeder Act des Wollens als jeder Act des Fühlens frei genannt Werden kann. DiiBS genügt, um zu zeigen, wie durch die Anerkennung der Freiheit die Kluft zwischen Gefühl und Willen nicht erweitert und der hergebrachten Classeneintheilung keine Stütze ge- boten wird.

§. 8. Wir haben nun den vorgezeichneten Weg unserer Untersuchung auch seinem dritten Theile nach zurückgelegt» Es war wesentlich derselbe Gang, den wir jetzt einhielten, da wir das Verhältniss von Gefühl und Begehren prüften, wie früher, als es sich um den Nachweis des fundamentalen Unterschiedes zwischen Vorstellung und Urtheil handelte. Aber Schritt für Schritt waren unsere Wahrnehmungen dieses Mal die entgegengesetzten.

Fassen wir das Ergebniss kurz zusammen: Erstens hat uns die innere Erfahrung gezeigt, wie zwischen Gefühl und Willen nirgends eine scharfe Grenze gezogen ist. Wir haben bei allen psychischen Phänomenen, 334 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

die nicht Voi^steUungen oder UrtheiJe sind, einen überein- sümmenden Charakter der Beziehung auf den Inhalt gefun- den, und können sie alle in einem einheitlichen Sinne als Phä- nomene der Liebe und des Hasses bezeichnen.

Zweitens, wenn bei Vorstellung und Urtheil mit der Leugnung einer Verschiedenheit in der "Weise des Bewusst- seins die Angabe eines Unterschiedes überhaupt unmöglich wurde: so haben wir auf dem Gebiete von Gefühl und Willen im Gegentheile gesehen, dass unter zu Hülfe Nähme des Gegen- satzes von Liebe und Hass und ihrer Gradunterschiede sich jede einzelne Classe durch Berücksichtigung der besonderen zu Grunde liegenden Phänomene definiren lässt.