SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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Solche Verirrungen, die keineswegs vereinzelt geblieben sind — war ja doch die innere Beobachtung der in uns gegenwärtigen psychischen Zustände bis zur Stunde ein fast allgemein angenommenes Dogma der Psychologen —, führten auf anderer Seite zu einer Kritik dieses Begriffes. Man kam zur Einsicht, dass eine solche innere Beobachtung in Capitel 2. Die Erfahrungsgrundlage der Psychologie. 39 Wahrheit gar nicht bestehe; aber indem man wiederum die Unterscheidung zwischen Beobachtung und Wahrnehmung vernachlässigte, leugnete man nun zugleich die Möglichkeit der inneren Wahrnehmung.

Comte ist in diesen Fehler gefallen. „Illusorisch" nennt er in seinem „Cours de Philosophie Positive" ^) die Psychologie, welche „den Anspruch erhebe, die Grundgesetze des mensch- lichen Geistes, indem sie ihn in sich selbst betrachte, zu entdecken". „Durch eine seltsame Spitzfindigkeit hat man in letzter Zeit zwei Arten von Beobachtung von gleicher Be- deutung unterscheiden wollen, eine äussere nämlich und eine innere Beobachtung, von welchen die letztere einzig der Untersuchung der intellectuellen Phänomene geweiht sein sollte. Ich muss mich hier darauf beschränken, nur einen Gedanken anzudeuten, der vor Anderem deutlich beweist, wie diese directe Betrachtung des Geistes durch sich selbst eine reine Dlusion ist. Noch vor Kurzem glaubte man, das Sehen erklärt zu haben, indem man sagte, dass die Lichteinwirkung der Körper ein Gemälde von deren äusserer Gestalt und Farbe auf der Retina entwerfe. Und dagegen haben die Phy- siologen mit Recht eingewendet, dass wenn die Lichteindrücke wie Bilder wirkten, ein anderes Auge nöthig sein würde, um sie anzuschauen. Liegt aber nicht der gleiche Fall in noch verstärktem Maasse auch hier vor? In der That ist es offenbar, dass vermöge einer unabänderlichen Nothwendig- keit der menschliche Geist alle, nur nicht die eigenen Phä- nomene direct beobachten kann, fehlt es ja doch hier an dem, welcher die Beobachtung machen könnte." Hinsichtlich der moralischen Phänomene, meint Comte, könne man allerdings geltend machen, dass die Organe, deren Function sie sind, von denen des Denkens verschieden seien, so dass bei ihnen nur der Umstand hinderlich werde, dass ein sehr aus- gesprochener Aflfect mit dem Zustande der Beobachtung sich nicht vertrage. „Was aber die Beobachtung eigner intellec- tueller Phänomene während ihres Verlaufes anlangt, so besteht ') Cours de Philosophie Positive, 2. ed. Paris J864, I, p. 30 ss.

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dafür eine offenbare Unmöglichkeit. Das denkende Indivi- duum kann sich nicht in zwei zertheilen, von welchen das eine nachdenkt, während das andere es nachdenken sieht. Das Organ, welches beobachtet, und das, welches beobachtet wird, sind in diesem Falle identisch, wie könnte also die Be- obachtung stattfinden? Diese angebliche psychologische Me- thode ist also schon von der Wurzel aus nichtig in ihrem Principe. Und zu welchen ganz widersprechenden Weisen des Verfahrens wird man nicht allsogleich dadurch geführt! Auf der einen Seite wird man angewiesen, sich von jeder äusseren Wahrnehmung möglichst zu isoliren und insbesondere jede intellectuelle Arbeit sich zu untersagen; denn was sollte, wenn man sich auch nur mit dem einfachsten mathematischen Exempel beschäftigte, aus der inneren Beobachtung werden? Auf der andern Seite, wenn man endlich durch solcherlei Maassnahmen zu diesem Zustande vollkommenen ihtellectuellen SQhlafes gelangt ist,.soll man sich mit der Betrachtung der Thätigkeiten abgeben, die sich im Geiste abspielen, wenn nichts mehr in ihm vorgeht. Unsere Nachkommen, ohne Zweifel, werden ein Unternehmen wie dieses zu ihrer Belustigung ein- mal auf die Bühne gebracht sehen."

So verwirft denn Comte nicht bloss die innere Beobach- tung, deren Unmöglichkeit er richtig erkannt hat, wenn auch die Erklärung, die er davon gibt, von zweifelhaftem Werthe ist, sondern mit ihr zugleich und unterschiedslos auch die innere Wahrnehmung der eignen intellectuellen jPhänömene. Und was soll für sie einen Ersatz geben? „Ich schäme mich fast, es zu sagen,'' bemerkt St. Mill, wo er über ihn berich- tet, „es ist die Phrenologie!" Und leicht gelingt es seiner Kritik, zu zeigen, wie aus den Phänomenen, die «ich uns äusserlich darbieten, eine Vorstellung von Urtheil oder Schluss nie hätte gewonnen werden können. Allein Mill ist seiner- seits dem, was Wahres in den Bemerkungen von Comte liegt, nicht vollkommen gerecht geworden; und so vermochte sein Ansehen nicht zu verhindern, dass die von ihm be- kämpfte Ansicht bei vielen seiner Landsleute Eingang fand. So verwirft z. B. auch Maudsley in seiner „Physiologie und Capitel 2. Die Erfahrungsgrundlage der Psychologie. 41 Pathologie der Seele" das Selbstbewusstsein als eine Quelle psychologischer Erkenntniss. Und sein wesentlichster Grund ist das Argument von Comte, auf welchen er auch ausdrück- lich hinweist^). Da Maudsley, hierin von dem französischen Denker abweichend, dieselben Nervencentren als den Sitz der moralischen wie intellectuellen Phänomene betrachtet, so hat bei ihm das Argument eine noch grössere Tragweite. Doch hält er nicht streng an den Consequenzen, die sich ergeben müssten, fest, und hie und da erkennt er dem Zeugnisse des Selbstbewusstseins (welches er eigenthch ganz leugnen sollte) wohl auch eine gewisse untergeordnete Bedeutung zu.

In Deutschland wurde A. Lange durch die Verwechslung von innerer Beobachtung und innerer Wahrnehmung und die daran sich knüpfende Verwirrung, von der oben die Rede war, ebenfalls zur Leugnung der inneren Wahrnehmung ge- führt. Dass es nicht richtig sei, wie Kant neben dem äusseren einen inneren Sinn zu unterscheiden, der ebenso die psychi- schen Phänomene wie jener die physischen beobachte, scheint ihm schon aus dem, was Kant selbst über die Folgen solcher innerer Beobachtungsversuche berichtet, hervorzugehen. Sagt er ja doch, sie seien „der gerade Weg, in Kopfverwirrung zu gerathen", und wir machten hier „vermeinte Entdeckungen von dem, was wir selbst in uns hineingetragen haben". Die Vermengung aber, die Lange bei Fortlage findet, bringt ihn auf den Gedanken, dass „zwischen innerer und äusserer Beob- achtung in keiner Weise eine feste Grenze zu ziehen" sei. BezügUch der sogenannten subjectiven Farben oder Töne z. B. wirft er die Frage auf, in welches der beiden Gebiete sie zu zählen seien. Er würde aber nicht so fragen, wenn er nicht gefunden- hätte, dass man die Betrachtung der Farben, die in der Phantasie erscheinen, zu den Beobachtungen des in- neren Sinnes rechnete. Indem er nun mit Recht die Ver- wandtschaft der aufmerksamen Betrachtung solcher Phäno- mene, welche wir in der Phantasie vorstellen, mit der ') Phys« u. Path. d. Seele von H. Maudsley, nach d. Orig. 2ter Aufl. deutsch bearbeitet von R. Boehm, Würzburg 1870, S. 9. 35.

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Beobachtung beim Sehen geltend macht, kommt er dazu, zu erklären, „dass die Natur aller und jeder Beobachtung die- selbe ist, und dass der Unterschied hauptsächlich nur darin liegt, ob eine Beobachtung so beschaffen ist, dass sie von Anderen gleichzeitig oder später ebenfalls gemacht werden kann, oder ob sie sich jeder solchen Aufsicht und Bestätigung entzieht" ^). Mit der inneren Beobachtung gibt er gerade so wie Comte die innere Wahrnehmung auf und hält die äussere allein fest, indem er bei ihr nur den Namen als unstatthaft tadelt.

So führt hier dieselbe Unterlassmig einer einfachen Un- terscheidung Verschiedene nach verschiedener und entgegen- gesetzter Seite in Irrthümer. Denn, dass es wirkHch Irrthümer sind, dürfte schon aus dem bisher Gesagten erhellen, deutlicher aber noch wird es sich zeigen, wenn wir von dem Unter- schiede der physischen und psychischen Phänomene und von dem inneren Bewusstsein handeln werden.

Also die innere Wahrnehmung der eigenen psychischen Phänomene ist die erste Quelle der Erfahrungen, welche für die psychologischen Untersuchungen unentbehrlich sind. Und diese innere Wahrnehmung ist nicht mit einer inneren Be- obachtung der in uns bestehenden Zustände zu verwech- seln, da eine solche vielmehr unmöglich ist.

§. 3. Es ist offenbar, dass hier die Psychologie den an- dern allgemeinen Wissenschaften gegenüber in grossem Nach- theile erscheint. Denn ohne Experiment sind zwar manche unter ihnen, wie namentlich die Astronomie; ohne Beobach- tung aber ist keine.

In Wahrheit würde die Psychologie geradezu zur Un- möglichkeit werden, wenn für den Mangel kein Ersatz sich böte. Einen solchen findet sie aber, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, durch die Betrachtung früherer psychischer Zustände im Gedächtnisse. Dieses wurde schon oft als das vorzüglichste Mittel, sich von psychischen Thatsachen Kenntniss Capitel 2. Die Erfahrangsgrundlage der Psychologie. 43 ZU verschaff en, geltend gemacht, und Denker ganz verschie- dener Richtungen stimmten darin überein. Herbart hat nachdrücklich darauf hingewiesen, und J. St. Mill bemerkt in seiner Schrift über Comte, es sei möglich, eine psychische Erscheinung in dem darauffolgenden Augenblicke mittels des Gedächtnisses zu untersuchen. „Und dieses ist", fügt er bei, „in Wahrheit die Weise, in der wir gemeiniglich den besten Theil unserer Kenntniss psychischer Acte uns erwer- ben. Wir reflectiren auf das, was wir gethan, wenn der Act vorüber, aber sein Eindruck noch frisch im Gedächtniss ist."

Wenn der Versuch, den Zorn, der uns bewegt, beobach- tend zu verfolgen, durch Aufhebung des Phänomens unmög- lich wird, so kann dagegen ein Zustand früherer Aufregung offenbar keine Störung mehr erleiden. Auch gelingt es wirk- lich, dem vergangenen psychischen Phänomene so wie einem gegenwärtigen physischen mit Aufmerksamkeit sich zuzuwen- den und es in dieser Weise so zu sagen zu beobachten. Ja man könnte sagen, dass sogar das Experiment mit eigenen Seelenerscheinungen auf diesem Wege möglich werde. Denn wir können absichtlich durch mannigfache Mittel gewisse Seelenerscheinungen in uns hervorrufen, um zu erfahren, ob sich diese oder jene Erscheinung als Folge daran knüpfe, indem wir dann das Resultat des Versuches mit aller Ruhe und Aufmerksamkeit im Gedächtniss betrachten.

So schiene denn einem üebelstande wenigstens abge- holfen. Das Gedächtniss, wie es in allen Erfahrungswissen- schaften die Ansammlung beobachteter Thatsachen zum Behuf der Feststellung allgemeiner Wahrheiten möglich macht, ermöglicht in der Psychologie zugleich die Beobachtung der Thatsachen selbst. Und ich zweifle nicht, dass die Psycho- logen, welche ihre eignen psychischen Phänomene in innerer Wahrnehmung beobachtet zu haben glaubten, in Wahrheit das gethan hatten, wovon Mill in der angezogenen Stelle sprach. Sie hatten jüngst vergangenen (Acten, deren Ein- druck noch frisch im Gedächtnisse war, ihre Aufmerksamkeit zugewandt.

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Freilich ist das, was wir in dieser Weise Beobachtung im Gedächtnisse nennen könnten, offenbar kein volles Aequi- valent für die eigentliche Beobachtung gegenwärtiger Ereig- nisse. Das Gedächtniss ist, wie Jeder weiss, in vorzüglichem Maasse Täuschungen unterworfen, während die innere Wahr- nehmung untrüglich ist und jeden Zweifei ausschliesst. In- dem die Erscheinungen, welche das Gedächtniss bewahrt, für die der inneren Wahrnehmung als Ersatz eintreten, kommt mit ihnen zugleich Unsicherheit und die Möglichkeit vielfäl- tiger Selbsttäuschungen in das Gebiet. Und ist einmal die Möglichkeit dafür gegeben, so liegt auch die W^irkhchkeit nicht fem, da gewiss hinsichtlich der eigenen psychischen Acte jene vorurtheilslose Stimmung, deren der Beobachter bedarf, am Schwersten zu erreichen ist.

So kommt es, dass, während die Einen die Untrüglich- keit des Selbstbewusstseins anpreisen. Andere, wie z. B. auch Maudsley i), ihm die grösste Unzuverlässigkeit zum Vorwurfe machen. Und wenn die Ersteren sich auf die Evidenz der inneren Wahrnehmung berufen, so können dafür die Letzteren auf die häufigen Illusionen hinweisen, denen nicht etwa bloss Geisteskranke, sondern, man darf sagen, in gewissem Grade alle Menschen hinsichtlich ihrer selbst sich hingeben. Auch wird es so begreiflich, wie sich unter den Psychologen oft Streit erhob, obwohl die Löäung der Frage in der inneren Wahrnehmung, mit unmittelbarer Evidenz gegeben, vorlag. Dass die Beobachtung nur im Gedächtnisse stattfinden konnte, hatte dem Zweifel die Thüre geöffnet. Wenn man noch heute über die Frage uneinig ist, ob eine Gefühlserregung, Lust oder Unlust, jedes psychische Phänomen begleite, so ist dies die Folge der eben angedeuteten Verhältnisse. Und die grund- legende Frage über die höchsten Glassen der psychischen Phänomene wüi'de ohne sie längst zur Entscheidung und zum Abschlüsse gebracht worden sein. Das Hinderniss ist so be- deutend, dass wir uns öfter in die Nothwendigkeit versetzt sehen werden, durch förmliche Beweisführung und durch Capitel 2p Die Erfahrungsgrundlage der Psychologie. 45 reductio ad absurdum Meinungen zu widerlegen, welche eigentlich durch die Evidenz der inneren Wahrnehmung un- mittelbar als falsch zu erkennen sind.

Doch wie gross auch immer der Nachtheil sein mag, der sich an die mangelhafte Zuverlässigkeit des Gedächtnisses knüpft, es wäre offenbar eine thörichte Uebertreibung, wenn man der eigenen inneren Erfahrung desshalb allen Werth ab- sprechen wollte. Wäre das Zeugniss des Gedächtnisses für die Wissenschaft unbrauchbar, so würden mit der Psycholo- gie auch alle anderen Wissenschaften unmöglich werden.

§. 4. Aber ein anderer Umstand bleibt, der die Psy- chologie den Naturwissenschaften gegenüber mehr noch in Nachtheil zu bringen droht. Was immer wir innerlich wahr- nehmen und nach der Wahrnehmung im Gedächtnisse beob- achten mögen, sind psychische Erscheinungen, die in unserem eigenen Leben aufgetreten sind. Jede Erscheinung, welche nicht zum Verlaufe dieses individuellen Lebens gehört, liegt ausserhalb des Gesichtskreises. Aber wie reich auch ein Leben an merkwürdigen Phänomenen sein mag — und jedes, auch das ärmste, zeigt eine wunderbare Fülle —, ist es nicht offenbar, dass es arm sein muss im Vergleiche mit dem, was, in tausend und aber tausend anderen beschlossen, unserer inneren Wahrnehmung entzogen ist? Diese Beschränkung ist um so fühlbarer, als das Verhältniss des einen zum an- deren menschlichen Individuum, was das innere Leben an- geht, nichts weniger als demjenigen gleicht, welches zwischen zwei Individuen derselben Species unorganischer Körper, z. B. zwischen zwei Wassertropfen, besteht. Vielmehr, wie auf phy- siologischem Gebiete zwei Individuen derselben Art immer gewisse Abweichungen geigen, so ist dies, und in noch viel höherem Maasse, auch auf psychischem Gebiete der Fall. Auch da, wo zwischen zwei Menschen, wie man sagt, die in- nigste geistige Verwandtschaft besteht, bleibt die Verschie- denheit so bedeutend, dass es Gelegenheiten gibt, bei welchen der eine mit dem anderen weder übereinzustimmen, noch sein Verhalten zu begreifen vermag. Und wie gross sind 46 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft^ nicht die Unterschiede und Gegensätze in Talent und Cha- rakteranlage, die in andern Beispielen sich zeigen, wenn wir die individuelle Begabung eines Pindaros und Archimedes, eines Sokrates und Alcibiades vergleichen, oder auch allge- mein den männlichen und weiblichen Charakter einander gegenüberstellen? von Erscheinungen an Kretinen imd Wahn- sinnigen, die wir ah anormal und krankhaft bezeichnen, gar nicht zu sprechen. Wenn wir nun in unserer Beobachtung auf ein einziges Individuum beschränkt sind, ist es dann anders denkbar, als dass unsere Uebersicht über die psychi- schen Phänomene eme äusserst unvollständige sein werde? Und werden wir nicht unvermeidlich in den Fehler fallen, individuelle Eigenheiten mit allgemeinen Zügen zu verwech- seln? Unleugbar ist dies der Fall, und der Uebelstand scheint um so grösser, als nicht einmal das eigene Seelenleben in seiner ganzen Entwickelung unserer Untersuchung vor- liegt. Wie weit auch der Blick unseres Gedächtnisses zu- rückreiche, die ersten Anfänge sind in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Und doch würden gerade diese am Besten die allgemeinsten psychischen Gesetze uns erkennen lassen, da im Beginn die Erscheinungen am Einfachsten auftreten, während die spätere Zeit, da jeder psychische Eindruck sich in gewissen Nachwirkungen erhält, einen bis ins Unendliche verwickelten, unentwirrbaren Knäuel unzähliger Ursachen darbietet.

Noch nach einer anderen Seite zeigt sich der Nachtheil einer solchen Lage. Wie der Gegenstand der Beobachtung ein einziger ist, — ein einziges und, wie wir sagten, nur theil- weise zu überblickendes Leben — so ist auch der Beobachter ein einziger, und kein Anderer ist im Stande, seine Be- obachtung zu controliren. Denn, so wenig ich die psychischen Phänomene eines Anderen^ so wenig vermag ein Anderer die meinigen durch innere W^ahrnehmung zu erfassen. Die Na- turwissenschaft erscheint hier wiederum viel günstiger ge- stellt. Dieselbe Sonnenfinstemiss und derselbe Komet werden von Tausenden wahrgenommen, und eine Beobachtung, die nur Einer gemacht hätte, und die kein Zweiter zu bestätigen Capitel 2. Die Erfahrungsgrundlage der Psychologie. 47 vermöchte, wie etwa die eines neuen Planeten, welchen ein Astronom gesehen haben wollte, ohne dass ein Anderer den Stern wiederaufzufinden fähig wäre, würde mit wenig sicherem Vertrauen aufgenommen werden.

So bliebe denn immer noch die Erfahrungsgrundlage der Psychologie eine ebenso ungenügende als unzuverlässige, wenn sie sich allein auf die innere Wahrnehmung der eigenen psy- chischen Phänomene und ihre Betrachtung im Gedächtniss beschränkte.

Dieses jedoch ist nicht der Fall. Zu der directen Wahr- nehmung unserer eigenen kommt eine indirecteErkennt- niss fremder psychischer Phänomene. Die Erschei- nungen des inneren Lebens pflegen, wie man es nennt, sich zu äussern, d. h. sie haben äusserlich wahrnehmbare Ver- änderungen zur Folge.

Am Vollkommensten äussern sie sich, wenn Jemand geradezu in Worten sie beschreibt. Freilich würde diese Beschreibung unverständlich oder vielmehr unmöglich sein, wenn das psychische Leben des Einen von dem des Anderen so verschieden wäre, dass sie keinerlei homogene Phänomene enthielten. Dann wäre der Austausch ihrer Gedanken wie zwischen einem von Geburt Blinden und Geruchlosen, wenn dieser die Farbe, jener den Geruch des Veilchens dem An- deren angäbe. Allein so ist der Fall nicht. Es zeigt sich im Gegentheil, dass unsere Fähigkeit zu gegenseitiger ver- ständlicher Mittheilung sich über alle Gattungen der Er- scheinungen erstreckt, und dass wir uns selbst von psychi- schen Zuständen, die Jemand im Fieber oder unter anderen abnormen Bedingungen erfuhr, nach seiner Beschreibung eine Vorstellung machen können. Auch kommt es nicht wohl vor, dass ein Gebildeter, wenn er über seine inneren Zustände berichten will, in der Sprache keine Mittel findet, sicli auszudrücken. Und hieraus entnehmen wir einerseits den Beweis, dass die individuelle Verschiedenheit von Per- sonen und Lagen doch keine so tiefgreifende ist, wie man sonst hätte vermuthen können, und dass, wenigstens den Gattungen nach, die psychischen Phänomene jedem, der 48 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

nicht eines Sinnes beraubt, oder sonst abnorm gebildet oder unreif ist, vollzählig in der inneren Erfahrung geboten werden; andererseits aber erwächst uns daraus die Möglich- keit, mit den eigenen inneren Erfahrungen das, was ein An- derer in sich beobachtet hat, zu verbinden und da, wo die Beobachtungen sich auf gleichartige Erscheinungen bezie- hen, die eigenen durch die fremden in derselben Weise zu controliren, wie das, was ein amerikanischer Forscher mit Licht und Wärme experimentirt, durch den Versuch, den ein anderer in Europa an specifisch gleichen Erscheinungen macht, bestätigt oder auch erschüttert wird. Auch die Sprache selbst, welche die beiden, die mit einander über ihr Inneres reden, gemeinsam von ihrem Volke oder von der früheren Wissenschaft ererbt haben, kann, wie anderwärts in Bezug auf äussere Phänomene, so hier hinsichtlich der psychischen Erscheinungen ihre Kenntniss fördern, indem sie ihnen in einer Art von vorläufiger Classification die verschie- denen vorzüglichen Classen von Phänomenen, nach dem Ge- sichtspunkt besonderer Verwandtschaft übersichtlich zusam- mengeordnet, vorführt.

Endlich ergibt sich aus dem Gesagten der Werth, den das Studium der Selbstbiographieen für den Psychologen hat, wenn man nur dem umstände, dass der Beobachter und Be- richterstatter hier mehr oder minder befangen ist, gebührend Rechnung trägt. Feuchtersieben sagt in dieser Beziehung, man dürfe bei einer Selbstbiographie nicht sowohl auf das, was sie berichte, als auf das, was sie unwillkürlich verrathe, Acht haben. — Minder vollkommen zwar, aber dennoch oft in genügend deutlicher Weise können die psychischen Zustände auch ohne sprachliche Mittheilung sich äusserlich kundgeben.

Hierher gehören vor Allem die Handlungen und das willkürliche Thun. Ja der Schluss, den diese auf die inneren Zustände, aus welchen sie hervorgehen, gestatten, ist oft viel sicherer als der, welcher auf mündUche Aussagen sich gründet. Das alte „verba docent, exempla trahunt" würde nicht eine täglich sich bestätigende Wahrheit sein, wenn nicht das Capi'tel 2. Die Erfahrungßgrundlage der Psychologie. 49 praktische Verhalten allgemein als der zuverlässigere Aus- druck der Ueberzeugung betrachtet würde.

Ausser diesen willkürlichen gibt es aber auch unwillkür- liche physische Veränderungen, welche gewisse psychische Zustände naturgemäss begleiten oder ihnen nachfolgen. Der Schrecken erblasst, die Furcht zittert, die Röthe der Scham überzieht die Wangen. Und schon ehe man, wie es Darwin in neuester Zeit wiedei: gethan, mit dem Ausdrucke der Ge- müthsbewegungen sich wissenschaftlich beschäftigt hatte, war man durch die einfache Gewohnheit und Erfahrung in weitem Umfange über diesen Zusammenhang belehrt, so dass nun die physische Erscheinung, die man beobachtete, der unsicht- baren psychischen als Zeichen diente. Es ist offenbar, dass diese Zeichen nicht das Bezeichnete selbst sind, und dass darum nicht, wie Manche thöricht genug glauben machen wollten, diese äussere und, wie man sie rühmend nannte, „ob- jective" Beobachtung psychischer Zustände losgelöst von der „subjectiven" inneren eine Quelle psychologischer Erkennt- niss werden könnte. Aber mit ihr vereint wird sie in hohem Maasse dazu dienen, unsere eigenen inneren Erfahrungen durch das, was Andere in sich erleben, zu bereichern und zu ergänzen, und Selbsttäuschungen, in die wir verfallen sind, zu berichtigen.

§. 5. Von einem ganz vorzüglichen Werthe wird es sein, wenn wir auf die eine oder andere der angegebenen Weisen uns einen Einblick in die Zustände eines einfacheren Seelen- lebens als das unsrige verschaffen können, sei nun das- selbe bloss darum einfacher, weil es minder entwickelt ist, oder darum, weil gewisse Gattungen von Phänomenen gänzlich da- von ausgeschlossen sind. Das Erste ist insbesondere bei Kindern, und bei ihnen in um so höherem Grade der Fall, ein je geringerer Zeitraum seit der Geburt verflossen ist. Man hat daher mehrfach an Neugeborenen Beobachtungen und Experimente gemacht. Aber auch die Betrachtung der Erwachsenen bei Völkerstämmen, welche in der Cultur zu- rückgeblieben sind, ist in dieser Hinsicht werthvoll. Erscheint Brentano, Psychologie. I. 4 50 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

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ihre Bedeutung nach der einen Seite geringer, so hat man dafür den Vortheil, dass an die Stelle mehr oder minder missverständlicher Zeichen die deutlichere Aeusserung sprach- licher Mittheilung treten kann. Schon Locke hat darum auch von diesem Mittel Gebrauch gemacht, und mehr noch wandte man in neuester Zeit im Interesse der Psychologie den Erscheinungen bei den Naturvölkern seine Aufmerksam- keit zu.

Ein Fall der zweiten Art ist der von Blindgeborenen, bei welchen die Vorstellungen von Farben sowie alle die- jenigen fehlen, welche etwa noch ausser denselben durch den Gesichtssinn allein erworben werden können. Bei ihnen wird ein Doppeltes von Interesse sein, einmal zu sehen, in wie weit sich ohne Hülfe des Gesichts ein Vorstellungsleben entwickelt, und namentlich, ob sie von den räumlichen Verhältnissen in ähnlicher Weise wie wir Kenntniss haben; dann aber, wenn etwa eine gelungene Operation ihnen später das Sehen mög- lich macht, die Natur der ersten Eindrücke, • welche sie auf diesem Wege empfangen, zu erforschen.

Weiter noch gehören hieher die Beobachtungen, die man zu psychologischen Zwecken an Thieren macht. Nicht bloss das psychische Leben der niederen und des einen oder anderen Sinnes beraubten, auch das der höchst gestellten Thierarten erscheint dem des Menschen gegenüber ausser- ordentlich einfach und beschränkt, sei es nun, weil sie die- selben Fähigkeiten wie er in einem ungleich geringeren Grade besitzen, sei es, weil gewisse Classen psychischer Phä- nomene gar nicht bei ihnen vorhanden sind. Die Entscheidung dieser Frage selbst ist offenbar von der höchsten Bedeutung, Und sollte etwa die letztere Ansicht, welcher, wie in früheren Zeiten Aristoteles und Locke, noch heute die grosse Mehrzahl der Menschen huldigt, als die richtige sich ergeben, so hätten wir hier gewiss den allermerkwürdigsten Fall von isolirter Bethätigung gewisser psychischer Kräfte vor uns. Uebrigens wird nach jeder Theorie, die sich nicht so weit von dem ge- sunden Menschenverstände entfernt, dass sie den Thieren alles psychische Leben abspricht, die Erforschung und die \^ Capitel 2. Die Erfahrungsgrundlage der Psychologie. 51 Vergleichung ihrer psychischen Eigenthümlichkeiten mit denen des Menschen für den Psychologen von grösstem Werthe sein.

§. 6. In einer anderen Weise ist die aufmerksame «Ver- folgung krankhafter Seelenzustände von Bedeutung, und mehrfach hat das theoretische, viel häufiger aber noch das praktische Interesse zu Beobachtungen an Idioten und Irren getrieben, welche für die Psychologie werthvolles Ma- terial lieferten. Wie die hieher gehörigen Erscheinungen selbst, so sind natürlich auch die Dienste, welche sie der Psychologie leisten können, von sehr verschiedener Art. Bald zeigt sich die Krankheit in dem Einflüsse einer constanten oder, wie man sagt, „fixen" Idee, welche in weitem Kreise das Seelenleben afficirt; von den Ursachen der Erscheinung ganz abgesehen, können hier die Gesetze der zusammenge- setzten Ideenassociation werthvoUe Illustrationen finden. Bald erscheinen gewisse Functionen in übermässiger Weise gestei- gert oder in äusserstem Maasse geschwächt, und indem an- dere im Zusammenhange mit ihnen gehoben oder herabge- stimmt werden, wird dadurch auf die Gesetze ihres Zusammen- hanges ein Licht geworfen. Einen ganz besonderen Werth haben die Phänomene des Blödsinns und Wahnsinns und an- derer krankhafter Erscheinungen für die Untersuchungen über die Weise der Verbindung der psychischen Phänomene mit unserem leiblichen Sein, wenn, wie es fast immer der Fall ist, diese entarteten psychischen Erscheinungen mit wahr- nehmbaren Abnormitäten körperlicher Organe verknüpft sind. Im Uebrigen sind diejenigen im Unrecht, welche diesen krankhaften Zuständen eine vorzüglichere oder auch nur eine gleich grosse Aufmerksamkeit wie denen des gesunden Seelenlebens zugewandt wissen wollen. Zunächst wird es auf die Feststellung der Verhältnisse der Coexistenz und Suc- cession bei normalen physiologischen Zuständen ankommen, und erst wenn diese in sich selbst, bis zu einem gewissen Maasse wenigstens, genügend beobachtet und verallgemeinert sind, wird das Herbeiziehen jener Anomalieen sich nützlich erweisen. Dann wird einerseits für sie eine richtigere 4* 52 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

Beurtheilung möglich werden, indem sich ja bei ihnen so zu sagen unter veränderten Zusammenstellungen und unter neuen Verwickelungen, welche die Folge von Revolutionen auf vegeta- tivem Gebiete sind, dieselben Gesetze, die das normale Leben beherrschen, wirksam zeigen. Und dann —^ aber erst dann — wird auch andererseits das Verständniss dieser Gesetze und des gewöhnlichen Verlaufs der Phänomene, indem sie auch scheinbare Ausnahmen erklärend mit umfassen, selbst durch ihre Berücksichtigung erweitert und vertieft werden. Gerade hinsichtlich derjenigen Fälle, die wir am Meisten mit Neu- gier anstaunen, wird die Wissbegier am Spätesten solche Erfolge erzielen. Nur Schritt für Schritt kann man sich ihrer Erklärung nähern. Und bis zu einem vorgeschritteneren Stadium der Entwickeliing von Psychologie und Physiologie wird die Beschäftigung damit fast ebenso müssig und un- fruchtbar sein, als es ihrer Zeit die Liebhaberei der Zoo- logen an seltsamen Missgeburten gewesen ist.

§. 7. Weil es also vor Allem darauf ankommt, das Nor- male kennen zu lernen, so wird zunächst die Beobachtung ausserordentlicher Erscheinungen bei gesunder jjhysischer Disposition im Ganzen für uns lehrreicher sein. Die Bio- graphieen von Männern, welche als Künstler, Forscher oder grosse Charaktere hervorleuchteten, aber auch die von grossen Verbrechern, und ebenso das Studium des einzelnen hervor- ragenden Kunstwerkes, der einzelnen merkwürdigen Ent- deckung, der einzelnen grossen Handlung und des einzelnen Verbrechens, soweit ein Einblick in die Motive und vorberei- tenden Umstände möglich ist, werden der psychologischen Forschung schätzbare Anhaltspunkte bieten. So liefert die Geschichte in den grossen Persönlichkeiten, die sie uns vor- führt, und in den epochemachenden Begebenheiten, von denen sie erzählt, und die gewöhnlich in irgendwelchem bedeuten- den Manne, in dem der Geist einer Zeit oder einer socialen Bewegung gleichsam verkörpert erscheint, ihren Träger ha- ben, gar manche für den Psychologen wichtige Thatsache.

Capitel 2. Die Erfahrungsgrundlage der Psychologie. 53 Das helle Licht, in welchem dieselbe sich darbietet, kommt ganz besonders der Beobachtung zu Statten.

Aber auch der Gang der Weltgeschichte an und für sich, die Aufeinanderfolge der Erscheinungen, die sich in den Massen darstellen, die Fortschritte und die Rückschritte, das Aufblühen und der Untergang der Völker mögen oft dem- jenigen grosse Dienste leisten, welcher die allgemeinen «Gesetze der psychischen Natur des Menschen aufsuchen will. Die vornehmsten Eigenthümlichkeiten des Seelenlebens können da, wo es sich um Massen handelt, oft sichtbarer hervortreten, während untergeordnete Besonderheiten sich ausgleichen und verschwinden. Schon Piaton hoffte, auf den Staat und die Gesellschaft hinblickend in grossen Zügen das geschrieben zu finden, was die Seele des Einzelnen in klei- nerer Schrift in sich enthielt. Er glaubte, dass seine drei Seelengebiete den drei wesentlichen Classen im Staate, dem Nährstande, dem Wehrstande und dem Stande der Herrscher entsprächen, und fand eine weitere Bestätigung für sie in dem Vergleiche der Grundzüge der verschiedenen Völker- gruppen, der Aegyptier und Phönicier, der tapferen nordischen Barbaren und der bildungsliebenden Hellenen. Vielleicht würde ein Anderer in den erhabenen Phänomenen der Kunst, Wissenschaft und Religion einen Hinweis auf verschiedene •Qrundanlagen des höheren psychischen Lebens vermuthen. Und auch das ward schon oft und gewiss nicht ohne Wahr- Tieit gesagt, dass die Entwickelungsgeschichte der Mensch- Tieit im Grossen darstelle, was sich in analoger Weise in der Entwickelungsgeschichte des Einzelnen im Kleinen wieder-