Und damit ist endlich der Punkt erreicht, an dem das Geld in den Verwebungen der Zwecke seinen Platz findet. Ich muß mit All¬ bekanntem beginnen. Beruht aller wirtschaftliche Verkehr darauf, daß ich etwas haben will, was sich zur Zeit im Besitze eines anderen befindet, und daß er es mir überläßt, wenn ich ihm dafür etwas über¬ lasse, was ich besitze und er haben will: so liegt auf der Hand, daß das letztgenannte Glied dieses zweiseitigen Prozesses sich nicht immer einstellen wird, wenn das erste auftaucht; unzähligemal werde ich den Gegenstand a begehren, der sich im Besitz von A befindet, während der Gegenstand oder die Leistung b, die ich gern dafür hingäbe, für A völlig reizlos ist; oder aber, die gegenseitig angebotenen Güter werden wohl beiderseitig begehrt, allein über die Quanta, in denen sie sich gegenseitig entsprechen, läßt sich durch unmittelbares An- einanderhalten eine Einigung nicht erzielen. Deshalb ist es für die höchstmögliche Erreichung unserer Zwecke von größtem Werte, daß ein Mittelglied in die Kette der Zwecke eingefügt werde, in welches ich b jederzeit umsetzen und das sich seinerseits ebenso in a umsetzen kann — ungefähr wie jede beliebige Kraft, des fallenden Wassers, der erhitzten Gase, der windgetriebenen Mühlenflügel, wenn sie in die Dynamomaschine geleitet ist, mittels dieser in jede beliebige Kraftform umgesetzt werden kann. Wie meine Gedanken die Form der allgemein verstandenen Sprache annehmen müssen, um auf diesem Umwege meine praktischen Zwecke zu fördern, so muß mein Tun oder Haben in die Form des Geldwertes eingehen, um meinem weiter¬ gehenden Wollen zu dienen. Das Geld ist die reinste Form des Werk¬ zeugs, und zwar von der oben bezeichneten Art: es ist eine Institution, in die der einzelne sein Tun oder Haben einmünden läßt, um durch diesen Durchgangspunkt hindurch Ziele zu erreichen, die seiner auf sie direkt gerichteten Bemühung unzugängig wären. Die Tatsache, daß jedermann unmittelbar mit ihm arbeitet, läßt seinen Werkzeug¬ charakter noch deutlicher hervortreten, als es in den vorhin erwähnten Typen geschieht — obgleich das Geld ja sein Wesen und seine Wirk¬ samkeit nicht in dem Stück, das ich in der Hand habe, erschöpft, sondern dieselben an der sozialen Organisation und den übersubjek¬ tiven Normen hat, die es, über seine materielle Begrenztheit, Gering'- fügigkeit und Starrheit hinaus, eben zum Werkzeug unbegrenzt mannigfaltiger und weitreichender Zwecke werden lassen. Für die Gebilde des Staates und des Kultus war bezeichnend, daß sie, aus¬ schließlich aus geistigen Kräften gebildet und zu keinem Kompro¬ miß mit der Eigengesetzlichkeit äußerer Materie gezwungen, ihren Zweck in der Ganzheit ihres Wesens restlos ausdrückten. Aber sie stehen dabei ihren spezifischen Zwecken so nahe, daß sie eigent¬ lich schon in sie hinab reichen, und daß das Gefühl sich oft gegen ihre Werkzeugsqualität — nach der sie an sich selbst wertlose, durch den dahinterstehenden Willen jedesmal erst zu belebende Mittel wären — sträubt und sie für sittliche Endwerte erklärt. Das Geld steht einer solchen Verdunkelung seines Mittelscharakters sehr fern. Im Unterschied gegen jene Institutionen hat es inhaltlich gar keine Beziehungen zu dem einzelnen Zweck, zu dessen Erlangung es uns verhilft. Es steht völlig indifferent über den Objekten, da es von ihnen noch durch das Moment des Tausches geschieden ist: denn was das Geld als Ganzes vermittelt, das ist ja nicht der Besitz des Objekts, sondern der Austausch der Objekte untereinander. Das Geld in seinen vollkommenen Formen ist das absolute Mittel, indem es einerseits völlige teleologische Bestimmtheit besitzt und jede aus anders gearteten Reihen stammende abweist, andrerseits sich aber auch dem Zweck gegenüber auf das reine Mittel- und Werkzeugsein beschränkt, durch keinen Einzelzweck in seinem Wesen präjudi- ziert wird und sich der Zweckreihe als völlig indifferenter Durch¬ gangspunkt darbietet. Es ist vieüeicht der entschiedenste Beweis und Ausdruck dafür, daß der Mensch das »werkzeugmachende« Tier ist, was freilich damit zusammenhängt, daß er das »zwecksetzende« Tier ist. Die Idee des Mittels bezeichnet überhaupt die Weltstellung des Menschen: er ist nicht wie das Tier an den Mechanismus des Trieb¬ lebens und die Unmittelbarkeit von Wollen und Genießen gebunden, er hat aber auch nicht die unmittelbare Macht — wie wir sie an einem Gotte denken —, daß sein Wille schon an und für sich Ver¬ wirklichung des Gewollten sei. Er steht in der Mitte zwischen beiden, indem er zwar weit über den Augenblick hinaus wollen, aber dieses Wollen nur auf dem Umweg über eine gegliederte teleologische Reihe verwirklichen kann. Wenn für Plato die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nicht-Haben ist, so ist sie in der subjektiven Innerlichkeit dasselbe, was das Mittel im Objektiven und Äußer- lichen ist. Und wie für den Menschen, den immer strebenden, nie¬ mals dauernd befriedigten, immer erst werdenden, die Liebe in jenem Sinne der eigentlich menschliche Zustand ist, so ist nach der anderen Seite hin das Mittel und seine gesteigerte Form, das Werkzeug, das Symbol des Typus Mensch: es zeigt oder enthält die ganze Größe des menschlichen Willens, zugleich aber die Form, die ihn begrenzt Die praktische Notwendigkeit, den Zweck um eine dazwischen ge¬ stellte Mittelreihe weit von uns abzurücken, hat vielleicht die ganze Vorstellung der Zukunft erst hervorgebracht — wie die Fähigkeit des Gedächtnisses die Vergangenheit — und damit dem Lebensgefühl des Menschen seine Form: auf der Wasserscheide zwischen Ver¬ gangenheit und Zukunft zu stehen, seine Ausdehnung und seine Be- ®C.hr1a1nk“n^ Segeben- Im Geld aber hat das Mittel seine reinste Wirklichkeit erhalten, es ist dasjenige konkrete Mittel, das sich mit dem abstrakten Begriffe desselben ohne Abzug deckt- es ist das Mittel schlechthin. Und darin, daß es als solches die praktische Stellung des Menschen — den man, mit etwas paradoxer Kürze, das indirekte Wesen nennen könnte - zu seinen Willensinhalten, seine Macht und Ohnmacht ihnen gegenüber verkörpert, aufgipfelt, subli¬ miert — darin liegt die ungeheure Bedeutung des Geldes für das Verständnis der Grundmotive des Lebens. Nach dieser, von ihm zu der Ganzheit des Lebens hingehenden Richtung betrachte ich es aber hier nur so weit, als dieselbe die umgekehrte, die vorläufig unser Zweck ist, gangbar macht: das Wesen des Geldes aus den inneren und äußeren Verhältnissen zu erkennen, die in ihm ihren Ausdruck, ihr Mittel oder ihre Folge gewinnen. Von den Bestimmungen, zu denen sich die bisherige Feststellung seiner entfaltet, schließe ich eine sogleich hier an, weil sie mit besonderer Unmittelbarkeit zeigt, in wie praktische Wirklichkeiten sich jener abstrakte Charakter des Geldes umsetzt.
Ich habe oben erwähnt, daß keineswegs immer nur ein bereits feststehender Zweck die Vorstellung und Beschaffung der Mittel be¬ dingt, daß vielmehr die Verfügung über Substanzen und Kräfte uns oft genug erst dazu anregt, uns gewisse, durch sie vermittelbare Zwecke zu setzen: nachdem der Zweck den Gedanken des Mittels geschaffen hat, schafft das Mittel den Gedanken des Zweckes. In dem Werkzeug, das ich als die gesteigertste Art des Mittels be¬ zeichnte, wird dies Verhältnis in eine zwar oft modifizierte, aber dafür gleichsam chronische Form übergeführt. Während das Mittel in seiner gewöhnlichen und einfachen Gestalt sich an der Realisierung des Zweckes völlig ausgelebt hat, seine Kraft und sein Interesse als Mittel nach geleistetem Dienste einbüßt, ist es das Wesen des Werk¬ zeugs, über seine einzelne Anwendung hinaus zu beharren, oder: zu einer im voraus überhaupt nicht feststellbaren Anzahl von Diensten berufen zu sein. Dies gilt nicht nur für tausend Fälle der täglichen Praxis, wofür es keines Beispiels bedarf, sondern auch in sehr kompli¬ zierten; wie oft sind militärische Organisationen, ausschließlich zu Werkzeugen äußerer Machtentfaltung bestimmt, in den Dienst inner¬ politischer Zwecke der Dynastie gestellt worden, die denen ihres Ursprungs völlig entgegengesetzt waren; vor allem: wie oft wächst ein Verhältnis zwischen Menschen, das zu bestimmten Einzelzwecken gestiftet wurde, zum Träger sehr viel weitergehender, ganz anders charakterisierter Inhalte aus; so daß man wohl sagen kann, jede dauernde Organisation zwischen Menschen — familiärer, wirtschaft¬ licher, religiöser, politischer, geselliger Art — hat die Tendenz, sich Zwecke anzubilden, zu denen sie von vornherein nicht bestimmt war. Nim liegt einerseits auf der Hand, daß ein Werkzeug — ceteris pari- bus — um so bedeutsamer und wertvoller sein wird, zu einer je größeren Anzahl von Zwecken es eventuell dienen kann, ein je größerer Kreis von Möglichkeiten seine Wirklichkeit umgibt; andrer¬ seits, daß das Werkzeug in eben demselben Maß an sich indifferenter, farbloser, allem einzelnen gegenüber objektiver werden und in weiterer Distanz von jedem besonderen Zweckinhalt stehen muß. Indem das Geld als das Mittel schlechthin die letztere Bedingung in vollkommenem Maße erfüllt, gewinnt es aus dem ersteren Gesichts¬ punkt eine sehr gesteigerte Wichtigkeit. Man kann das zunächst so formulieren, daß der Wert des einzelnen Geldquantums über den Wert jedes einzelnen bestimmten Gegenstandes hinausragt, der dafür einzu¬ tauschen ist: denn es gewährt die Chance, statt dieses Gegenstandes irgendeinen andern aus einem unbegrenzt großen Kreise zu wählen. Freilich kann es schließlich nur für einen verwandt werden; aber die Möglichkeit der Wahl ist ein Vorteil, der im Werte des Geldes eskomptiert werden muß. Indem das Geld überhaupt keine Beziehung zu irgendeinem einzelnen Zweck hat, gewinnt es eine solche zu der Gesamtheit der Zwecke. Es ist dasjenige Werkzeug, in dem die Mög¬ lichkeit der nicht vorausgesehenen Verwendungen auf ihr Maximum gekommen ist und das dadurch den maximalen, auf diese Weise über¬ haupt erreichbaren Wert gewonnen hat. Die bloße Möglichkeit unbegrenzter Verwendung, die das Geld wegen des absoluten Mangels an eigenem Inhalt nicht sowohl hat als ist, spricht sich positiv darin aus, daß es nicht ruhen mag, sondern wie von sich aus fortwährend zum Verwendetwerden drängt. Wie für wortarme Sprachen, z. B.
die französische, gerade die Notwendigkeit, vielerlei verschiedenes mit demselben Ausdruck zu bezeichnen, eine besondere Fülle von Anspielungen, Beziehungen, psychologischen Obertönen ermöglicht, und man so sagen kann, ihr Reichtum bestünde gerade in ihrer Armut, so bewirkt die innere Bedeutungsleere des Geldes die Fülle seiner praktischen Bedeutungen, ja, drängt dahin, die begriffliche Unend¬ lichkeit seines Bedeutungskreises mit fortwährenden Neubildungen zu erfüllen, der bloßen Form, die es darstellt, immer neue Inhalte einzubilden, da sie für keinen ein Haltepunkt, sondern für jeden nur ein Durchgang ist. Schließlich sind alle mannigfaltigsten Waren nur gegen den einen Wert: Geld -, das Geld aber gegen alle Mannig¬ faltigkeit der Waren umzusetzen. Gegenüber der Arbeit nimmt dies die besondere Form an, daß das Geldkapital fast immer von einer Verwendung auf eine andere — höchstens mit einem gewissen Ver¬ lust, oft aber mit Gewinn — übertragen werden kann, die Arbeit aber fast niemals, und zwar um so weniger, je höher sie sich über die un¬ qualifizierte erhebt. Der Arbeiter kann seine Kunst und Geschick¬ lichkeit so gut wie nie aus seinem Gewerbe herausziehen und in einem andern investieren. In bezug auf Wahlfreiheit und ihre Vorteile steht er also dem Geldbesitzer ebenso benachteiligt gegenüber wie der Warenhändler. Deshalb ist der Wert einer gegebenen Geldsumme gleich dem Werte jedes einzelnen Objekts, dessen Äquivalent sie bildet, plus dem Werte der Wahlfreiheit zwischen unbestimmt vielen derartigen Objekten — ein Plus, für das es innerhalb des Waren¬ oder Arbeitskreises kaum annähernde Analogien gibt.
Das so entstehende Wertplus des Geldes erscheint tiefer be¬ gründet und höher gesteigert, wenn man die Entscheidung erwägt, zu welcher diese Wahlchance sich in Wirklichkeit zuspitzt. Man hat hervorgehoben, daß ein mehrfach verwendbares, quantitativ aber nur zu einer seiner möglichen Verwendungen hinreichendes Gut nach dem Interesse geschätzt würde, das der Besitzer an der wichtigsten Verwendung hat; die Herbeiführung aller anderen, minder wichtigen Verwendungen gelte als unwirtschaftlich und unvernünftig. Wie also eine Gütermasse, die zu allen ihr möglichen Verwendungen zureicht oder mehr als zureicht — wo also das Gut um seine Verwendungen konkurriert — nach dem Maße der wertlosesten derselben geschätzt wird, so wird hier, wo die Verwendungen um das Gut konkurrieren, die wertvollste derselben zum Wertmaßstab für jenes Gut. Nirgends aber kann dies vollständiger und wirkungsvoller hervortreten als am Geld. Denn da es zu jeglicher wirtschaftlichen Beschaffung verwend¬ bar ist, so kann man mit jeder gegebenen Summe das subjektiv be¬ deutendste aller im Augenblick in Frage kommenden Bedürfnisse decken. Die Wahl, die es bietet, ist nicht wie bei allen anderen Gütern spezifisch begrenzt; und, bei der Grenzenlosigkeit des menschlichen Wollens, konkurriert immer eine Vielzahl möglicher Verwendungen um jedes disponible Geldquantum; so daß, da die Entscheidung doch vernünftigerweise immer das je begehrteste Gut treffen wird, die Schätzung des Geldes in jedem gegebenen Moment gleich der des wichtigsten, momentan empfundenen Interesses sein muß. Ein Holz¬ vorrat oder eine Baustelle, die nur zu einer unter verschiedenen er¬ wünschten Verwendungen zureichen, und die deshalb nach der wert¬ vollsten unter diesen geschätzt werden, können dennoch in ihrer Be¬ deutung nicht über die sozusagen provinzielle Beschränktheit ihres ganzen Gebietes hinausgehen; das Geld aber ist von einer solchen frei und sein Wert entspricht deshalb dem höchsten überhaupt vor¬ handenen Interesse, das mit der verfügbaren Summe ihrem Quantum nach zu decken ist.
Nun betrifft ferner diese Wahlchance, die das Geld als abstraktes Mittel besitzt, nicht nur die gleichzeitig angebotenen Waren, sondern auch die Zeitpunkte, in denen es verwendet werden kann. Der Wert eines Gutes bestimmt sich keineswegs nur an der realen Bedeutung, die es im Augenblick seiner Verwendung entfaltet. Vielmehr, die größere oder geringere Freiheit der Wahl, wann man diesen Augen¬ blick eintreten lassen will, stellt einen Koeffizienten dar, der die 14 Simroel, Die Philosophie des Geldes.
Schätzung des Gutes seiner inhaltlichen Bedeutung nach sehr er¬ heblich steigern oder senken kann. War das oben Besprochene die Chance, die aus einem großen Kreise nebeneinander liegender Verwendungsmöglichkeiten hervorging, so die jetzige diejenige, die aus den nacheinander liegenden folgt. Dasjenige Gut ist — alles übrige gleichgesetzt das wertvollere, das ich sogleich verwenden kann, aber nicht sogleich verwenden muß. Die Reihe der konkreten Güter entfaltet sich zwischen den beiden, ihren Wert modifizierenden und manmgfaltigst abgestuften Extremen: im Falle des einen kann das Gut zwar jetzt, aber nicht später, im Falle des anderen zwar spater, aber nicht jetzt genossen werden. Wenn also z. B. im Sommer eben gefangene Fische gegen ein erst im Winter zu tragendes Feü eingetauscht werden, so wird der Wert der ersteren dadurch ge¬ hoben, daß ich sie sogleich konsumieren kann, während der des letzteren darunter leidet, daß der Aufschub seiner Benutzung allen Chancen der Beschädigung, des Verlustes, der Entwertung Raum gibt; andrerseits wird der erstere herabgesetzt, weil der Gegenstand schon morgen verdorben ist, der letztere gesteigert, weil er eine hinausschiebbare Verwendung gewährt. Je mehr nun ein als Tausch¬ mittel benutztes Objekt die beiden wertsteigernden Momente in sich vereinigt, desto mehr Geldqualität besitzt es: denn das Geld als reines Mittel überhaupt stellt ihre höchsterreichbare Synthese dar; weil es keine konkrete, seine Verwendung präjudizierende Eigen- sc aft besitzt, sondern nur das Werkzeug zur Erlangung konkreter Werte ist, so ist die Freiheit seiner Verwendung ebenso groß in bezug auf die Zeitmomente, in denen, wie auf die Gegenstände für die es ausgegeben wird.
Aus diesem besonderen Wert des Geldes, der seiner völligen eziehungslosigkeit zu allen Besonderungen von Dingen und Zeit¬ momenten, der völligen Ablehnung jedes eigenen Zweckes, der Ab¬ straktheit seines Mittelscharakters entstammt — fließt das Über- gewcht dessen, der das Geld gibt, über denjenigen, der die Ware «i‘ DlC ^rusnahmen hiervon: Verweigerungen des Verkaufs aus affektiven Wertungen, bei Boykottierungen, Ringbildungen usw. — entstehen, wenn die für Geld begehrten Dingwerte der individuellen Sachlage nach durchaus nicht durch andere ersetzbar sind. Dann freilich fällt die Wahlchance, die das dafür offerierte Geld seinem jetzigen Besitzer bietet, fort - und damit dessen Sondervorteil — weil eben statt der Wahl eine eindeutige Bestimmtheit des Willens besteht. Im allgemeinen aber genießt der Geldbesitzer jene zwei¬ seitige Freiheit, und für das Aufgeben derselben zugunsten des Warenbesitzers wird er ein besonderes Äquivalent fordern. Dies tritt z. B. an dem wirtschafts -psychologisch sehr interessanten Prinzip der »Zugabe« hervor. Beim Einkauf von wäg- und meßbaren Waren erwartet man, der Kaufmann werde »gut messen«, d. h. wenigstens einen Teilstrich darüber geben, was auch fast durchgängig geschieht. Es kommt hier freilich dazu, daß beim Messen der Waren ein Irr¬ tum näher liegt als beim Zählen des Geldes. Allein das Charakte¬ ristische ist, daß der Geldgeber die Macht hat, die Deutung dieser Chance, die doch an sich für beide Parteien die gleich günstige oder gleich ungünstige ist, nach der ihm vorteilhaften Seite zu erzwingen. Bezeichnenderweise verbleibt dieser Vorteil dem »Käufer«, auch wenn sein Gegenpart gleichfalls Geld gibt. Von dem Bankier er¬ wartet der Kunde, von der Versicherungsgesellschaft der Versicherte im Schadensfälle, daß sie »kulant« verfahren, d. h. ein Weniges mehr als das absolut rechtlich Erzwingbare, mindestens in der Form, leisten werden. Auch der Bankier und die Versicherungsgesellschaft gibt nur Geld, und ihr Kunde denkt seinerseits nicht daran, ihnen gegenüber liberal, kulant zu verfahren, er leistet absolut nur die vor¬ bestimmte Leistung. Denn Geldquanten, die von beiden Seiten ein¬ gesetzt werden, haben eben verschiedene Bedeutung; für den Bankier und die Versicherungsgesellschaft ist das Geld, mit dem sie operieren, ihre Ware; nur für den Kunden ist es »Geld« in dem hier fraglichen Sinne, d. h. der Wert, den er zwar für das Börsengeschäft oder die Versicherung verwenden kann, aber keineswegs muß; während jene gar keine Wahl haben, sondern das Geld, das ihre Ware ist, nur in der einen bestimmten Richtung verwenden können. Jene Ver¬ wendungsfreiheit gibt dem Gelde des Kunden ein Übergewicht, für das die »Kulanz« seiner Gegenpartei das Äquivalent bildet. Wo aber eine »Zugabe« von seiten des Geldgebers geschieht: gewisse Formen des Trinkgeldes, etwa bei der Bezahlung des Kellners oder des Droschkenkutschers — da drückt sich das Übergewicht des Geld¬ gebers in der sozialen Bevorzugtheit aus, die die Voraussetzung des Trinkgeldes ist. Wie alle Erscheinungen des Geldwesens, ist auch diese keine innerhalb des Lebenssystems isolierte, sondern bringt gleichfalls einen Grundzug desselben nur zur reinsten und zugleich äußerlichsten Erscheinung: den nämlich, daß in jedem Verhältnis derjenige im Vorteil ist, dem weniger als dem anderen an dem In¬ halt der Beziehung liegt. So ausgesprochen erscheint dies als ganz paradox, denn gerade um so intensiveres Verlangen uns zu einem Besitz oder einem Verhältnis zieht, desto tiefer und leidenschaftlicher ist doch auch sein Genuß — da ja die erwartete Höhe dieses die Stärke des Wollens bestimmt I Aber gerade dies Einzuräumende be¬ wirkt und rechtfertigt den Vorteil des weniger stark Begehrenden.
Denn es ist in der Ordnung, daß dieser, der von dem Verhältnis weniger hat als der andere, durch irgendwelche Konzessionen seitens des letzteren dafür entschädigt wird. Das macht sich schon in den feinsten und intimsten Beziehungen geltend. In jedem auf Liebe ge¬ stellten Verhältnis ist der weniger Liebende, äußerlich genommen, un Vorteil; denn der andere verzichtet von vornherein mehr auf die Ausnutzung des Verhältnisses, ist der Opferwilligere, der für das größere Maß seiner Befriedigungen auch ein größeres Maß von Hingebungen bietet. So stellt sich doch eine Gerechtigkeit her: weil das Maß des Begehrens dem Maß der Beglückung entspricht, ist es gerecht daß die Gestaltung des Verhältnisses dem weniger intensiv Begehrenden irgendeinen Sondervorteil einräume — den er auch in der Regel erzwingen kann, weü er der Abwartende, Reservierte, seine Bedingungen Stellende ist. Der Vorteil des Geldgebers ist deshalb kein schlechthm ungerechter: da in der Waren-Geld-Trans- aktion er der minder Begehrende zu sein pflegt, so kommt die Aus- g eichung beider Seiten gerade dadurch zustande, daß der intensiver Begehrende ihm einen Vorteil über die objektive Äquivalenz der Tauschwerte hinaus einräumt. Wobei schließlich auch zu bedenken “t’ daß ^ den Vorteil nicht genießt, weil er das Geld hat, sondern weil er es fortgibt.
,?7fe°uei1’ dT^aS Geld aUS Seiner Gelöstheit von allen spezifi¬ schen Inhalten und Bewegungen der Wirtschaft zieht, äußert sich noch in anderen Erscheinungsreihen, deren Typus es ist, daß bei eSentbVhPn'r TUm°Sen Erschütterungen der Wirtschaft die eigentlichen Geldleute unverändert, ja in erhöhtem Maße zu profidTeTolfeT"' m ^Zusammenbrüche und Existenzvemichtungen f ^ g,S d6r Preisstürze ™ der besinnungslosen Haussen auf dem Warenmärkte sein mögen — die Erfahrung hat als die egel gezeigt, daß die großen Bankiers aus diesen entgegengesetzten Gefahren für Verkäufer oder Käufer, Gläubiger oder Schuldner iJiren gleichmäßigen Gewinn ziehen. Das Geld, als das völlig indifferente Werkzeug der ökonomischen Bewegung, laß, sich sei»! Dienlte bli jeder Richtimg und jedem Tempo derselben bezahlen Für diese Freiheit ““fl es freilich auch seine Steuer entrichten: die Partei¬ losigkeit des Geldes bewirkt, daß an den Geldgeber leicht Ansprüche von verschiedenen, einander feindseligen Seiten gestellt werden und er leichter m den Verdacht des Verrates gerät, Ms irgend jemand der mit qualitativ bestimmten Werten operiert. Im Beginn der Neu¬ zeit, als die großen Geldmächte der Fugger, der Welser der Florentiner und Genuesen in die politischen Entscheidungen ein¬ raten, insbesondere in den gewaltigen Kampf der habsburgischen und der französischen Macht um die europäische Hegemonie, wurden sie von jeder Partei mit stetem Mißtrauen betrachtet, selbst von der¬ jenigen, der sie ungeheure Summen geliehen hatten. Der Geldleute war man eben nie sicher, das bloße Geldgeschäft legte sie nie auch nur für den nächsten Augenblick unzweideutig fest, und der Gegner, dessen Bekämpfung sie soeben unterstützt hatten, sah darin gar kein Hindernis, nun seinerseits mit Forderungen oder Anerbietungen an sie heranzutreten. Das Geld hat jene sehr positive Eigenschaft, die man mit dem negativen Begriffe der Charakterlosigkeit bezeichnet. Dem Menschen, den wir charakterlos nennen, ist es wesentlich, nicht durch die innere und inhaltliche Dignität von Personen, Dingen, Gedanken sich bestimmen zu lassen, sondern durch die quantitative Macht, mit der das Einzelne ihn beeindruckt, vergewaltigt zu werden. So ist es der von allen spezifischen Inhalten gelöste und in reiner Quantität bestehende Charakter des Geldes, der ihm und den nur nach ihm gravitierenden Menschen die Färbung der Charakterlosig¬ keit einträgt — die fast logisch notwendige Schattenseite jener Vor¬ teile des Geldgeschäftes und der spezifischen Höherwertung des Geldes gegenüber qualitativen Werten. Dieses Übergewicht des Geldes drückt sich zunächst in der angeführten Erfahrung aus, daß der Verkäufer interessierter und beeiferter ist als der Käufer. Denn es verwirklicht sich hier eine für unser ganzes Verhalten zu den Dingen äußerst bedeutsame Form: daß von zwei Wertklassen, die einander gegenüberstehen und als Ganze betrachtet werden, die erste der zweiten entschieden überlegen ist, daß aber der einzelne Inhalt oder Exemplar der zweiten einem entsprechenden der ersten gegen¬ über den Vorzug hat. So würden wir, vor die Wahl zwischen der Gesamtheit aller materiellen und aller idealen Güter gestellt, uns wohl für die ersteren entscheiden müssen, weil der Verzicht auf sie das Leben überhaupt, mitsamt seinen idealen Inhalten, verneinen würde; während wir nicht schwanken mögen, jedes einzelne herausgegriffene materielle Gut für irgendein ideales dahinzugeben. So sind wir in unseren Beziehungen zu verschiedenen Menschen gar nicht im Zweifel, wieviel wertvoller und unentbehrlicher, als Ganzes emp¬ funden, uns die eine als die andere ist; dennoch, in den einzelnen Momenten und Seiten des Verhältnisses mag uns das als Ganzes wertlosere das erfreulichere und bestechendere sein. So also verhält es sich zwischen dem Geld und den konkreten Wertobjekten: die Wahl zwischen der Gesamtheit der letzteren und der des ersteren würde sogleich dessen innere Wertlosigkeit offenbaren, da wir dann bloß ein Mittel, aber keinen Zweck, dem es diene, mehr hätten; da¬ gegen, das einzelne Geldquantum gegen das einzelne Warenquantum 14 gehalten, wird der Austausch des letzteren gegen das erstere in der Regel mit sehr viel größerer Intensität als der umgekehrte begehrt. Auch besteht dieses Verhältnis nicht nur zwischen den Gegenständen überhaupt und dem Gelde überhaupt, sondern auch zwischen diesem und einzelnen Warenkategorien. Die einzelne Stecknadel ist fast wertlos, Stecknadeln überhaupt aber sind fast unentbehrlich und »gar nicht mit Geld aufzuwiegen«. Unzählige Warenarten verhalten sich so: die Möglichkeit, für Geld das einzelne Exemplar ohne weiteres zu beschaffen, entwertet dasselbe prinzipiell dem Gelde gegenüber, das Geld erscheint als die herrschende Macht, die über den Gegenstand verfügt; dagegen die Warenart als Ganze ist in ihrer Bedeutung für uns mit Geld ganz inkommensurabel und hat ihm gegenüber jenen selbständigen Wert, den die leichte Wiederbeschaff - barkeit des singulären Exemplars so oft für unser Bewußtsein über¬ deckt. Da das praktisch ökonomische Interesse sich aber fast aus¬ schließlich an das einzelne Stück, bzw. eine begrenzte Summe von Stucken, heftet, so hat die Geldwirtschaft es wirklich zustande gebracht, daß unser Wertgefühl den Dingen gegenüber sein Maß an ihrem Geldwert zu finden pflegt. Das aber steht ersichtlich in Wechselwirkung mit jenem überwiegenden Interesse, das Geld statt