kurz, er habe als ganzer einen Wert, von dem kein noch so geringer Bruchteil gerechnet werde, wenn man den Nutzen des einzelnen Baumes anschlüge. So sei auch der Wert einer Armee nicht nach dem Grenznutzen des einzelnen Soldaten, der eines Flusses nicht nach dem Grenznutzen der einzelnen Wassertropfen zu beurteilen. Der hiermit gezeichnete Unterschied ist auch derjenige, der für das Vermögen eines Individuums gilt. Eine Million, im Besitz eines Men¬ schen, verschafft ihm nicht nur ein Ansehen und eine soziale Quali¬ fikation, die etwas ganz anderes ist, als das tausendmalige Vielfache der entsprechenden Bedeutung eines Besitzers von tausend Mark; sondern, diese subjektive Folge begründend, ist der objektive wirt¬ schaftliche Wert einer Million nicht aus dem Grenznutzen etwa ihrer tausend Teile zu tausend Mark zu berechnen, sondern bildet eine darüber stehende Einheit, wie der Wert eines einheitlich handelnden Lebewesens über dem seiner einzelnen Glieder. Ich habe im vorigen Kapitel ausgeführt, daß der Geldpreis eines Gegenstandes, aus wie vielen Münzeinheiten er auch bestehe, dennoch als eine Einheit wirke: eine Million Mark, sagte ich, seien zwar an und für sich ein bloß additionales Konglomerat zusammenhangsloser Einheiten; dagegen als Wert etwa eines Landgutes seien sie das einheitliche Symbol, Aus¬ druck oder Äquivalent seiner Werthöhe und absolut nicht ein bloßes Nebeneinander einzelner Werteinheiten. Diese sachliche Bestimmung findet hier nun ihr personales Korrelat: die Beziehung auf die Ein¬ heit einer Person verwirklicht die Quantität des Geldes als Qualität, seine Extensität als Intensität, die aus dem bloß summierenden Nebeneinander seiner Bestandteile nicht erzielbar wäre.
Vielleicht läßt sich das auch so ausdrücken. Das Geld, als das rein arithmetische Zusammen von Werteinheiten, kann als absolut formlos bezeichnet werden. Formlosigkeit und reiner Quantitäts¬ charakter sind eines und dasselbe; insofern Dinge nur auf ihre Quanti¬ tät angesehen werden, wird von ihrer Form abgesehen — was am deutlichsten geschieht, wenn man sie wägt. Deshalb ist das Geld als solches der fürchterlichste Formzerstörer: denn welche Formungen der Dinge a, b und c auch der Grund sein mögen, daß sie alle den .Preis m kosten, so wirkt die Unterschiedenheit derselben, also die spezifische Form eines jeden, in den so fixierten Wert ihrer nicht mehr hinein, sie ist in dem m, das nun a, b und c gleichmäßig vertritt, untergegangen und macht innerhalb der wirtschaftlichen Schätzung gar keine Bestimmtheit dieser mehr aus. Sobald das Interesse auf den Geldwert der Dinge reduziert ist, wird ihre Form, so sehr sie diesen Wert veranlaßt haben mag, so gleichgültig, wie sie es für ihr Gewicht ist. In dieser Richtung liegt auch der Materialismus der modernen Zeit, der selbst in seiner theoretischen Bedeutung irgend eine Wurzelgemeinschaft mit ihrer Geld Wirtschaft haben muß: die Materie als solche ist das schlechthin Formlose, das Widerspiel aller Form, und wenn sie als das alleinige Prinzip der Wirklichkeit gilt, so ist an dieser ungefähr der gleiche Prozeß vollzogen, wie ihn die Reduktion auf den Geldwert an den Gegenständen unseres praktischen Interesses zuwege bringt. Ich werde noch öfters davon zu sprechen haben, wie — in tiefem Zusammenhang mit der Schwellen¬ bedeutung der Geldquanten — das Geld in außerordentlich hohen Summen eine besondere, der leeren Quantitätshaftigkeit sich ent¬ hebende, gleichsam individuellere Gestalt gewinnt. So nimmt, auch schon rein äußerlich, seine Formlosigkeit mit steigender Masse relativ ab: die kleinen Stücke des frühesten italischen Kupfergeldes blieben ungeformt oder erhielten höchstens eine rohe runde oder kubische Gestalt; dagegen die größten wurden durchgängig in vier¬ eckige Barrenform gegossen und gewöhnlich auf beiden Seiten mit einer Marke versehen. In der prinzipiellen Formlosigkeit eben des Geldes als Geldes schlechthin aber wurzelt die Feindseligkeit zwischen der ästhetischen Tendenz und den Geldinteressen. Jene geht so sehr auf die bloße Form, daß man bekanntlich den eigentlich ästhetischen Wert z. B. aller bildenden Künste in die Zeichnung gesetzt hat, die als reine Form sich in jedem beliebigen stofflichen Quantum un¬ verändert ausdrücken könne. Das ist nun zwar als Irrtum zugegeben, ja, noch viel weitergehend, als es bisher anerkannt ist, wird man sagen müssen, daß die absolute Größe, in der eine Kunstform sich darstellt, ihre ästhetische Bedeutung aufs erheblichste beeinflusse, und daß diese letztere durch jede kleinste Änderung der quantitativen Maße, bei absoluter Formgleichheit, sogleich modifiziert werde. Aber darum bleibt doch der ästhetische Wert der Dinge nicht weniger auf ihrer Form, d. h. auf dem Verhältnis ihrer Elemente zueinander, haften, wenngleich wir jetzt wissen, daß der Charakter und die Wir¬ kung dieser Form durch das Quantum, an dem sie wirklich wird, sehr wesentlich mitbestimmt wird. Es ist vielleicht bezeichnend, daß zwar außerordentlich viele Sprichwörter, aber von den unzähligen Volkshedern nur wenige sich mit dem Gelde, trotz seiner leben¬ beherrschenden Bedeutung, zu befassen scheinen und daß selbst, wo um einer Münzveränderung willen ein Aufstand ausbrach, die bei dieser Gelegenheit entstehenden und im Volke verbreiteten Lieder die Münzsache selbst meistens beiseite lassen. Es bleibt immer der un¬ versöhnliche und für alle ästhetischen Interessen entscheidende Anta¬ gonismus der Betonung: ob man die Dinge nach dem Wert ihrer Form oder nach dem Wieviel ihres Wertes fragt, sobald dieser Wert ein bloß quantitativer, alle Qualität durch eine bloße Summe gleich- artiger Einheiten ersetzender ist.
Man kann sogar direkt sagen, daß, je mehr der Wert eines Dinges in seiner Form beruht, sein Wieviel um so gleichgültiger wird Wenn die größten Kunstwerke, die wir besitzen, etwa der delphische Wagenlenker und der Praxitelische Hermes, der Frühling von Botticelli und die Mona Lisa, die Mediceergräber und Rembrandts Alters¬ porträts in tausend völlig ununterscheidbaren Exemplaren exi¬ stierten, so wäre das zwar für das Glück der Menschheit ein großer Unterschied, aber der ideale, objektiv ästhetische, oder wenn man will: kunstgeschichtliche Wert wäre dadurch absolut nicht über den- jenigen Grad hinaus gesteigert, den das eine, jetzt vorhandene Exem¬ plar darstellt. Anders ist es schon mit kunstgewerblichen Gegen¬ ständen, bei denen die ästhetische Form eine völlige Einheit mit dem praktischen Gebrauchszweck bildet, so daß oft sogar die vollendetste Herausarbeitung dieses letzteren als der eigentliche ästhetische Reiz wirkt. Hier ist es für den ganzen so geschaffenen Wert wesentlich, daß der Gegenstand auch gebraucht werde, und deshalb wächst seine ideale Bedeutung mit seiner Verbreitung: in dem Maße, in dem das Objekt außer seiner Form noch anderen Wertelementen Raum gibt, wird auch das Wievielmal seiner Verwirklichung wichtig. Das ist auch der tiefste Zusammenhang zwischen der ethischen Werttheorie Nietzsches und der ästhetischen Stimmung seines Wesens: der Rang einer Gesellschaft bestimmt sich ihm nach der überhaupt in ihr er¬ reichten Höhe der Werte, wie einsam sie auch sei, nicht aber nach dem Verbreitungsmaß von schätzbaren Qualitäten — wie der Rang einer Kunstepoche nicht von der Höhe und dem Quantum guter Durchschnittsleistungen, sondern nur von der Höhe der höchsten Leistungen abhängt. So neigt der Utilitarier, dem es allein auf die ganz greifbaren Ergebnisse des Handelns ankommt, zum Sozialis¬ mus, mit seiner Betonung der Vielen und der Verbreitung erwünschter Lebensmomente, während der idealistische Ethiker, dem die — mehr oder weniger ästhetisch ausdrückbare — Form des Tuns am Herzen liegt, eher Individualist ist oder wenigstens, wie Kant, die Autonomie des Einzelnen vor allem betont. So ist es doch auch auf dem Gebiet des subjektiven Glückes. Von den äußersten Aufgipfelungen des Lebensgefühles, die gleichsam für das Ich seine vollste Ausprägung in dem Stoff des Daseins bedeuten, empfinden wir oft, daß sie sich gar nicht zu wiederholen brauchen. Dies einmal genossen zu haben, gibt dem Leben einen Wert, der durch das Noch-Einmal eben des¬ selben durchaus nicht verhältnismäßig gesteigert wird. Gerade solche Augenblicke, in denen das Leben ganz individuelle Zuspitzung ge¬ worden ist und den Widerstand der Materie — im weitesten Sinne — seinem Fühlen urid Wollen völlig unterworfen hat, bringen eine Atmosphäre mit sich, die man als Seitenstück der Zeitlosigkeit, der species aeternitatis bezeichnen könnte: eine Erhebung über die Zahl, wie dort über die Zeit. Und wie ein Naturgesetz seine Bedeutung für Charakter und Zusammenhang der Welt nicht von der Zahl seiner Verwirklichungsfälle entlehnt, sondern von der Tatsache, daß es über¬ haupt da ist, daß es, und kein anderes, gilt — so haben die Momente der höchsten Erhebung des Ich ihren Sinn für unser Leben darin, daß sie überhaupt einmal da waren, ohne daß eine Wiederholung, die ihrem Inhalt nichts hinzufügte, diesen Sinn vermehren könnte. Kurz, allenthalben macht die Zuspitzung der Wertgefühle auf die Form gegen ihre Quantitätsmomente gleichgültiger, während ihre Formlosigkeit gerade auf diese als wert -entscheidende hinweist. — Solange noch nicht so grenzenlos viele Zweckreihen sich im Geld schneiden, wie auf den Höhen der geldwirtschaftlichen Kultur, und noch nicht fortwährendes Zerbröckeln und Wieder-Summieren jede Eigenstruktur seiner atomisiert und in absolute Flexibilität über¬ geführt hat — begegnen Erscheinungen, in denen das Geld noch spezifische Form zeigt. Das ist da der Fall, wo eine höhere Summe nicht durch addierte kleinere ersetzt werden kann. Ansätze dazu zeigt schon der Naturaltauschverkehr: bei manchen Völkern darf etwa Vieh nur gegen Eisen und Zeuge, nicht aber gegen — sonst tausch¬ wertvollen — Tabak vertauscht werden. Anderwärts, z. B. auf der Insel Yap, haben die außerordentlich mannigfaltigen Geldsorten (Knochen, Perlmutterschalen, Steine, Glasstücke usw.) eine Rang¬ ordnung. Trotzdem nämlich feststeht, ein wie Vielfaches der niederen Geldsorten die höheren gelten, so dürfen doch gewisse wertvollere Dinge, wie Boote oder Häuser, nicht etwa mit entsprechend vielen niederen Geldstücken, sondern müssen mit einer für jedes Objekt bestimmten, im Range hochstehenden Geldsorte bezahlt werden. Für den Kauf von Frauen finden wir gleichfalls diese Beschränkung auf eine bestimmte Geldqualität, die nicht durch eine Quantität anderer ersetzbar ist, in Gültigkeit. Und auch in umgekehrter Richtung gilt eben dieselbe: an einigen Stellen wird das Gold nie verwendet, um größere Quanten geringerer Waren, sondern ausschließlich um be¬ sonders kostbare Dinge einzukaufen. Dieser Erscheinungskreis ent¬ spricht nicht etwa der Bestimmung unserer Goldwährung, nach der Zahlungen oberhalb einer gewissen Höhe in Gold verlangt werden können, während man für niedere anderes Metall annehmen muß; der prinzipielle und technische Unterschied zwischen Wertmünze und Scheidemünze, auf den dies zurückgeht, scheint für jene Usance nicht zu bestehen, sondern die Geldsorten scheinen eine einheitliche Reihe zu bilden, in der nur die höheren Glieder ihren quantitativen Inhalt zu einem besonderen, quantitativ nicht ausdrückbaren Formwert zu¬ sammenschließen. Dies ist ein vortreffliches Mittel, der Triviali- sierung der Geldfunktion vorzubeugen, die die unvermeidliche Folge des bloßen Quantitätscharakters ist, und ihr den sakralen Charakter zu erhalten, den sie anfänglich so oft trägt. Aber es ist auch der Hinweis, daß solche Form- oder Qualitätsbedeutungen des Geldes einer Primitivepoche angehören, in der es eben noch nicht bloß Geld, sondern außerdem noch etwas ist. Sehr viel schwächer, gleichsam verhallend, klingt dieser Ton noch in spärlichen Erscheinungen der höchsten Entwicklungsstufen mit. So muß etwa die folgende ur¬ sprünglich auf eine Formbedeutung des Geldes zurückgehen: das französische Volk sagt lieber 20 Sous statt 1 Fr., lieber piöce de cent sous statt 5-Fr.-Stück usw.; auch kann man nicht gut: halber Franc sagen, sondern drückt diese Summe durch Sous oder Centimes aus. Die gleiche Summe scheint also, in dieser Form vorgestellt, einiger¬ maßen andere Gefühlsreaktionen zu wecken, als in anderer. Es hat denselben Sinn, wenn das Volk statt des abstrakten Wortes Geld gern einen Münzennamen, also eine bestimmte Formung des Geldes, verwendet, auch wo ausschließlich Geld seinem Quantum nach ge¬ meint ist: »Kein Kreuzer, keine Schweizer«, »Wo mit dem Taler ge¬ läutet wird, gehen alle Türen auf«, usw. Auch sonst ist bemerkt, daß das mit niederen Werten rechnende Volk bestimmte Größen lieber durch Addition von unten her als durch Teilung von oben her bezeichnet. Die Summe, die aus der Vervielfältigung der ver¬ trauten Einheit hervorgegangen ist, scheint nicht nur ihre Bedeutung überschaubarer und vernehmlicher auszudrücken, sondern dieses sub¬ jektive Moment objektiviert sich in ein Gefühl, als sei die Summe, so ausgedrückt, auch an sich etwas Größeres und Volleres, als wenn sie sich in anderen Faktoren darstellt. Unterschiede in dieser Art waren in Norddeutschland zu beobachten, als an die Stelle der Taler die Markrechnung trat. In der Übergangszeit waren »dreihundert Mark« vielfach von ganz anderen psychischen Obertönen begleitet als »hundert Taler«, die neue Form, in der der identische Inhalt sich ausdrückte, erschien umfänglicher, reichlicher als die andere, diese dagegen als konziser, bestimmter in sich geschlossen. Dieser Art also sind die Erscheinungen, in denen die in allen anderen Dingen so wesentliche Form sich am Gelde wenigstens andeutet und die ihm sonst eigene unbedingte Identität der Summe, welche Form man ihr auch leihen mag, einigermaßen unterbricht.
Was man im übrigen und im allgemeinen am Gelde dennoch als Form bezeichnen könnte, kommt ihm aus der Einheit der Per¬ sönlichkeit, die das Nebeneinander der Teile eines Vermögensbesitzes in ein Miteinander und eine Einheit verwandelt. Deshalb hat auch ein Vermögen, namentlich ein erheblicheres, nicht die ästhetische Miß- lichkeit des Geldes im allgemeinen. Und zwar liegt das nicht nur an den ästhetischen Möglichkeiten, die der Reichtum gewährt; sondern 19 Simmel, Philosophie des Geldes.
teils neben diesen, teils sie fundamentierend, besteht das Bild eines Vermögens als die Form, die das Geld durch seine Beziehung zu einem persönlichen Zentrum gewinnt, die es von der abstrakten Vor¬ stellung des Geldes überhaupt scheidet und ihren Charakter als Form durch den Unterschied einer solchen Vermögenseinheit gegen die gleiche, aber auf viele Personen verteilte Summe deutlich aufzeigt. Wie sehr die Personalität des Besitzes seine Formbestimmtheit als solche trägt und betont, zeigt sich keineswegs nur am Geld. Die Hufe des altgermanischen Vollfreien war ein unteilbarer Besitz, weil sie mit seiner Mitgliedschaft in der Markgenossenschaft solidarisch war, der Besitz floß aus der Person und hatte deshalb die gleiche Qualität der Einheit und Unteilbarkeit. Und wenn man über den englischen Grundbesitz im Mittelalter vermutet hat, daß völlige Gleichheit der Lose immer auf unfreien Besitz, auf eine rationelle Landverteilung an Hintersassen seitens eines Herrn Anweisung gäbe, — so wäre es doch auch hier die einheitliche Persönlichkeit, wenngleich die unindividuelle und unfreie, die dem Besitz seine Um- schriebenheit und Formbestimmtheit verleiht. Die Verdinglichung des Besitzes, seine Lösung von der Person bedeutete zugleich einer¬ seits die Möglichkeit, die Landstücke Vieler in einer Hand zu ver¬ einigen, andrerseits das einzelne beliebig zu zerschlagen. Mit der Personalität des Landbesitzes ging ebenso die Festigkeit wie die Wichtigkeit seiner Form verloren, er wurde ein Fließendes, dessen Formung von Moment zu Moment durch sachliche Verhältnisse (in die natürlich fortwährend personale eingehen) aufgelöst und wieder gebildet wird, während die Solidarität des Besitzes mit der Person denselben mit der von innen kommenden Formeinheit des Ich durch¬ drungen hatte. Das Leben früherer Zeiten erscheint viel mehr an fest gegebene Einheiten gebunden, was ja nichts anderes bedeutet, als die hervorgehobene Rhythmik desselben, die die moderne Zeit in ein beliebig abteilbares Kontinuum auflöst. Die Inhalte des Lebens — wie sie mehr und mehr durch das absolut kontinuierliche, unrhythmische, von sich aus jeder festumschriebenen Form fremde Geld ausdrückbar sind — werden gleichsam in so kleine Teile zer¬ legt, ihre abgerundeten Totalitäten so zerschlagen, daß jede be¬ liebige Synthese und Formung aus ihnen möglich ist. Damit erst ist das Material für den modernen Individualismus und die Fülle seiner Erzeugnisse geschaffen. Ersichtlich leistet die Persönlichkeit, mit dem so gestalteten, oder eigentlich nicht gestalteten Stoffe neue Lebenseinheiten schaffend, ebendasselbe mit größerer Selbständig¬ keit und Variabilität, was sie in dem früheren Falle in enger Soli¬ darität mit stofflichen Einheiten geleistet hatte.
fi Durch sein so charakterisiertes Wesen wird das Geld innerhalb der historisch -psychologischen Gebiete der vollendetste Repräsentant einer Erkenntnis tendenz der modernen Wissenschaft überhaupt: der Reduktion qualitativer Bestimmungen auf quantitative. Hier denkt man zunächst an die Schwebungen indifferenter Medien, die als die objektive Veranlassung unserer Farben- und Tonempfindungen gelten. Rein quantitative Unterschiede der Oszillationen entscheiden darüber, ob wir so qualitativ Unterschiedenes wie grün oder violett sehen, oder wie das Contra- A oder das fünf gestrichene C hören. Innerhalb der objektiven Wirklichkeit, von der nur Fragmente, zu¬ fällig und zusammenhangslos, in unser Bewußtsein hineinwirken, ist alles nach Maß und Zahl geordnet, und den qualitativen Verschieden* heiten unserer subjektiven Reaktionen entsprechen quantitative ihrer sachlichen Gegenbilder. Vielleicht sind all die imendlichen Ver¬ schiedenheiten der Körper, die in ihren chemischen Beziehungen hervortreten, nur verschiedene Schwingungen eines und desselben Grundstoffes. Soweit die mathematische Naturwissenschaft dringt, hat sie das Bestreben, unter Voraussetzung gewisser gegebener Stoffe, Konstellationen, Bewegungsursachen die Strukturen und Entwick¬ lungen durch bloße Maßformeln auszudrücken. In anderer Form und Anwendung ist dieselbe Grundtendenz in all den Fällen wirksam, wo man frühere Annahmen eigenartiger Kräfte und Bildungen auf die Massenwirkung auch sonst bekannter, unspezifischer Elemente zurückgeführt hat: so in bezug auf die Bildung der Erdoberfläche, deren Gestalt man statt aus plötzlichen und unvergleichbaren Kata¬ strophen jetzt vielmehr aus den langsam summierten, unmerklich kleinen, aber in unermeßlicher Vielheit sich äußernden Wirkungen herleitet, die die fortwährend beobachtbaren Kräfte des Wassers, der Luft, der Pflanzendecke, der Wärme und Kälte ausüben. Inner¬ halb der historischen Wissenschaften ist dieselbe Gesinnung bemerk¬ bar: Sprache, Künste, Institutionen, Kulturgüter jeder Art er¬ scheinen als das Resultat unzähliger minimaler Beiträge, das Wunder ihres Entstehens wird nicht durch die Qualität heroischer Einzel¬ persönlichkeiten, sondern durch die Quantität der zusammen¬ geströmten und verdichteten Aktivitäten der ganzen historischen Gruppe erklärt; als die Objekte der Geschichtsforschung erscheinen mehr die kleinen, alltäglichen Vorgänge des geistigen, kulturellen, politischen Lebens, die durch ihre Summierung das historische Dasein in seiner Breite und seinen Entwicklungen schaffen, als die spezifisch individuellen Taten der Führer; und wo eine Prominenz und quali¬ tative Unvergleichlichkeit Einzelner dennoch vorliegt, da wird sie als eine besonders glückliche Vererbung gedeutet, d. h. als eine solche, die ein möglichst großes Quantum angehäufter Energien und Errungenschaften der Gattung einschließt und ausdrückt. Ja, selbst innerhalb einer ganz individualistischen Ethik wird diese ebenso zur Weltanschauung gesteigerte wie in die Innerlichkeit des Gemütes hinabsteigende demokratische Tendenz mächtig; denn es begegnet die Behauptung, daß die höchsten Werte in dem alltäg¬ lichen Dasein und jedem seiner Momente, aber nicht in dem Heroi¬ schen, Katastrophenhaften, den hinausragenden Taten und Erleb¬ nissen liegen, als welche immer etwas Zufälliges und Äußerliches hätten; mögen wir alle großen Leidenschaften und unerhörten Auf¬ schwünge durchkosten — ihr Ertrag sei doch nur, was sie für die stillen, namenlosen, gleichmäßigen Stunden zurücklassen, in denen allein das wirkliche und ganze Ich lebt. Endlich, die empiristische Neigung, die, trotz aller entgegengesetzten Erscheinungen und aller berechtigten Kritik, dennoch das Ganze der modernen Zeit am durch¬ gehendsten charakterisiert und hier ihre innerste Form- und Ge¬ sinnungsverbindung mit der modernen Demokratie offenbart, setzt die möglichst hohe Zahl von Beobachtungen an die Stelle der ein¬ zelnen, divinatorischen oder rationalen Idee, sie ersetzt das qualitative Wesen dieser durch die Quantität der zusammengebrachten Einzel¬ fälle; und dieser methodischen Absicht entspricht ganz der psycho¬ logische Sensualismus, der die sublimsten und abstraktesten Gebilde und Fähigkeiten unserer Vernunft für eine bloße Häufung und Stei¬ gerung der alltäglichsten sinnlichen Elemente erklärt. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren, die das wachsende Übergewicht der Kategorie der Quantität über die der Qualität zeigen, oder genauer: die Tendenz, diese in jene aufzulösen, die Elemente immer mehr ins Eigenschaftslose zu rücken, ihnen selbst etwa nur noch bestimmte Bewegungsformen zu lassen und alles Spezifische, Individuelle, quali¬ tativ Bestimmte als das Mehr oder Weniger, das Größer oder Kleiner, das Weiter oder Enger, das Häufiger oder Seltener jener an sich farblosen, eigentlich nur noch der numerischen Bestimmtheit zu- gängigen Elemente und Bewußtheiten zu erklären — mag diese Tendenz auch mit irdischen Mitteln ihr Ziel nie absolut erreichen können. Das Interesse an dem Wieviel, so sehr es einen angebbaren realen Sinn nur in der Verbindung mit dem Was und Wie besitzt und für sich allein nur eine Abstraktion darstellt, gehört zu den Grundlagen unseres geistigen Wesens, es ist der Einschlag in den Zettel der Qualitätsinteressen; wenn also auch beide zusammen erst ein Gewebe ergeben und deshalb die ausschließliche Betonung des einen logisch nicht zu rechtfertigen ist, so ist sie doch psychologisch eine der großen Differenzierungen der Perioden, der Individuen, der Seelenprovinzen. Was Nietzsche von allen sozialistischen Wertungen scheidet, kann sich nicht schärfer als darin zeichnen, daß ihm aus¬ schließlich die Qualität der Menschheit eine Bedeutung besitzt, so daß nur das eine jeweilige höchste Exemplar über den Wert der Epoche entscheidet, während für den Sozialismus gerade nur das Verbreitungsmaß erwünschter Zustände und Werte in Frage kommt.
Die oben angeführten Beispiele der modernen Quantitätstendenz zeigen ersichtlich zwei Typen: erstens, die objektiven Substanzen und Ereignisse, die den qualitativ unterschiedenen subjektiven Vor¬ stellungen zum Grunde liegen, sind ihrerseits nur quantitativ unter¬ schieden; zweitens, auch im Subjektiven erzeugt die bloße Häufung der Elemente oder Kräfte Erscheinungen, deren Charakter sich von den quantitativ anders bedingten spezifisch und nach Wertgesichts¬ punkten unterscheidet. Nach beiden Richtungen hin erscheint das Geld als Beispiel, Ausdruck oder Symbol der modernen Betonung des Quantitätsmomentes. Die Tatsache, daß immer mehr Dinge für Geld zu haben sind, sowie die damit solidarische, daß es zum zen¬ tralen und absoluten Wert auswächst, hat zur Folge, daß die Dinge schließlich nur noch so weit gelten, wie sie Geld kosten, und daß die Wertqualität, mit der wir sie empfinden, nur als eine Funktion des Mehr oder Weniger ihres Geldpreises erscheint. Unmittelbar hat dieses Mehr oder Weniger die doppelte Folge: im Subjekt die entgegengesetzten Gefühle, das tiefste Leid und die höchste Be- seligung samt allen Mittelgliedern zwischen diesen Polen hervorzu¬ rufen, wie es seitens Anderer in die nicht weniger reiche Skala zwischen verächtlicher Gleichgültigkeit und kniebeugender Ver¬ ehrung einzustellen. Und in einer anderen Dimension strahlt das Geld sowohl nach der Seite des Viel wie des Wenig sogar gleichmäßige Wertbedeutungen aus: der typische moderne Mensch schätzt die Dinge, weil sie sehr viel kosten, und er schätzt sie, weil sie sehr wenig kosten. Daß die Geldbedeutung sich der Sachbedeutung substituiert, kann nicht radikaler ausgedrückt werden als durch die gleichsinnige — wenn auch natürlich nicht für jeden einzelnen Fall gleichsinnige — Wirkung des Viel und des Wenig des Geldes. Je zentraler ein Ge¬ danke oder ein Wert seine Provinz beherrscht, von um so gleich¬ mäßigerer Stärke wird die Wichtigkeit sein, die er sowohl mit posi¬ tivem wie mit negativem Vorzeichen entfaltet. — Andrerseits, im Objektiven, bewirkt das Anwachsen der Geldquantität überhaupt wie seine Akkumulierung in einzelnen Händen eine Steigerung der sach¬ lichen Kultur, eine Herstellung von Produkten, Genießbarkeiten und Lebensformen, von deren Qualitäten bei geringeren oder anders ver-