gekehrt diese letztere die Folge einer auf irgend anderem Wege her¬ vorgebrachten Beständigkeit. Es ist dabei von größter Wichtigkeit, daß die Verschiedenheit der Preise — sowohl der sozial fixierten wie der durch individuellen Handel zustande kommenden — zum Ausdruck bringt, daß die Frauen an Wert verschieden sind. Von den Kafferfrauen wird berichtet, daß sie ihr Verkauftwerden durchaus nicht als Entwürdigung empfinden, das Mädchen sei im Gegenteile stolz darauf, und je mehr Ochsen oder Kühe sie gekostet hat, um so mehr halte sie sich wert. Man wird vielfach bemerken, daß eine Kategorie von Objekten ein entschiedeneres Wertbewußtsein dann erwirbt, wenn jedes einzelne besonders gewertet werden muß und starke Unterschiede des Preises die Tatsache des Wertes immer neu und scharf empfinden lassen; während allerdings auf anderen Wertungsstufen, wie sich gelegentlich des Wergeides ergab, gerade die Gleichheit der Entschädigung die objektive Bedeutung des Gegenwertes aufwachsen läßt. So enthält der Frauenkauf ein erstes, freilich äußerst rohes Mittel, den individuellen Wert der einzelnen Frau und — vermöge jener psychologischen Regel der Werte — auch den Wert der Frauen überhaupt hervortreten zu lassen. Ja so¬ gar, wo die Frau als Sklavin gekauft wird, ist ein stärkeres Variieren ihres Preises wahrscheinlich als beim männlichen Sklaven. Dieser, der bloß Arbeitstier ist, hat bei gleichem Alter dauernd ungefähr den gleichen konventionellen Preis (im alten Griechenland und in Ir¬ land = drei Kühen), während die Sklavin, da sie auch noch spezi¬ fischeren Zwecken, als denen der Arbeit dient, je.nach ihren persön¬ lichen Reizen an Wert wechselt — obgleich man sich den Einfluß dieses ästhetischen Umstandes bei primitiven Völkern nicht sehr groß vorstellen darf. Jedenfalls ist auch innerhalb des Frauenkaufes offenbar diejenige Stufe die niedrigste, wo der Preis durch Her¬ kommen für alle gleichmäßig fixiert ist, wie bei einigen Afri¬ kanern.
Was sich in diesem Falle mit äußerster Entschiedenheit geltend macht: daß die Frau als bloßes Genus behandelt wird, als ein un¬ persönliches Objekt — das ist nun freilich selbst, bei allen oben¬ erwähnten Einschränkungen, das Kennzeichen der Kaufehe. Darum wird von einer Reihe von Völkerschaften, besonders in Indien, der Frauenkauf als etwas Schimpfliches betrachtet, und anderwärts findet er zwar statt, aber man scheut den Namen und bezeichnet den Preis als ein freiwilliges Geschenk an die Brauteltern. Der Unterschied eigentlichen Geldes gegen Leistungen andrer Art macht sich hier geltend. Von den Lappländern wird berichtet, daß sie ihre Töchter zwar gegen Geschenke hingeben, es aber für nicht anständig erklären, Geld für sie zu nehmen. Zieht man die übrigen sehr kompli¬ zierten Bedingungen in Betracht, von denen die Stellung der Frauen abhängt, so scheint es, als ob der eigentliche Geldkauf sie viel tiefer herabdrücke, als die Hingabe gegen Geschenke oder gegen persön¬ liche Dienstleistungen des Werbers für die Eltern der Braut. In dem Geschenke steckt wegen der größeren Unbestimmtheit seines Wertes und der — selbst bei sozialer Konvention darüber — individuelleren Freiheit seiner Auswahl etwas Persönlicheres, als in der dahin¬ gegebenen Geldsumme mit ihrer unbarmherzigen Objektivität. Zu¬ dem baut das Geschenk die Brücke zu jener vorgeschritteneren und zur Mitgift überführenden Form, bei der die Geschenke des Werbers durch Geschenke seitens der Brauteltern erwidert werden. Damit ist prinzipiell die Unbedingtheit der Verfügung über die Frau ge¬ brochen, denn der Wert, den der Mann angenommen hat, schließt eine gewisse Verpflichtung in sich; er ist jetzt nicht mehr der allein Vorleistende und ein Forderungsrecht liegt auch auf der anderen Seite. Es ist ferner behauptet worden, daß der Erwerb der Frauen durch Arbeitsleistungen eine höhere Eheform darstellt als die durch direkten Kauf. Es scheint indes, daß dieselbe die ältere und un¬ kultiviertere sei, was freilich nicht hindern würde, daß sie mit einer besseren Behandlung der Frauen verbunden ist. Denn überhaupt hat gerade die vorgeschrittenere und geldmäßige Wirtschaft die Lage dieser wie der Schwächeren überhaupt vielfach verschlimmert. Unter den jetzigen Naturvölkern finden wir beide Formen manchmal bei einem und demselben nebeneinander. Diese letztere Tatsache beweist, daß ein wesentlicher Unterschied für die Behandlung der Frauen nicht besteht, wenngleich im großen und ganzen das Einsetzen eines so persönlichen Wertes, wie die Dienstleistung ist, den Erwerb der Frau doch in ganz anderer Weise über den eines Sklaven stellen muß, wie ihr Kauf für Geld oder substanziellen Geldeswert. Nun gilt auch hier das allenthalben Hervorzuhebende: daß die Herabdrückung und Entwürdigung menschlichen Wertes durch solches Erkauftwerden eine geringere wird, wenn die Kaufsummen sehr groß sind. Denn in sehr hohen Summen besitzt der Geldeswert eine Seltenheit, die ihn individueller, imverwechselbarer färbt und ihn dadurch zum Äqui¬ valent personaler Werte geeigneter macht. Bei den Griechen der heroischen Zeit finden sich Geschenke des Bräutigams an den Vater der Braut — die freilich keinen eigentlichen Kauf darzustellen scheinen — während die Stellung der Frauen eine ganz besonders gute ist. Allein es wird hervorgehoben, daß diese Gaben relativ sehr erhebliche waren. So herabsetzend es wirkt, wenn entweder die Innerlichkeit oder die Totalität des Menschen gegen Geld eingesetzt wird, so kann doch, wie spätere Beispiele noch stärker beweisen wer¬ den, eine ungewöhnliche Höhe der ins Spiel kommenden Summen eine Art Ausgleichung, insbesondere in Rücksicht der sozialen Stellung des Betreffenden, schaffen. So hören wir, daß Eduard II. und III. ihre Freunde als Geiseln für die Rückzahlung ihrer Schulden fortgaben und 1340 sollte sogar der Erzbischof von Canterbury als Pfand — nicht als Bürge — für die Schulden des Königs nach Brabant verschickt werden. Die Größe der Summen, um die es sich hier handelte, wehrte von vornherein die Deklassierung ab, die durch ein derartiges Einsetzen von Personen um Geld auf diese, wenn es sich um Lappalien gehandelt hätte, gefallen wäre.
Der Übergang von dem Prinzip der Kaufehe, das wohl bei der Mehrzahl der Völker irgendwann geherrscht hat, zu dem entgegen¬ gesetzten: dem Prinzip der Mitgift, ist wahrscheinlich, wie angedeutet, so zustande gekommen, daß die Gaben des Bräutigams seitens der Eltern an die Braut weiter gegeben wurden, der man damit eine ge¬ wisse ökonomische Selbständigkeit sichern wollte; die Ausstattung der Frau durch die Eltern blieb dann bestehen und entwickelte sich weiter, auch nachdem ihr Ursprung, die vom Manne gezahlte Kauf- summe, in Wegfall gekommen war. Es interessiert hier nicht, diese sehr ungenau bekannte Evolution zu verfolgen. Aber man kann doch wohl behaupten, daß die Verallgemeinerung der Mitgift mit der steigenden Geldwirtschaft beginnt. Das mag so Zusammenhängen. In den roheren Zuständen, wo der Frauenkauf herrscht, ist die Frau nicht nur ein Arbeitstier — das ist sie meistenteils auch noch später — sondern ihre Arbeit ist noch nicht in dem spezifischen Sinne »häus¬ lich«, wie die der Frau in der Geldwirtschaft, die wesentlich die Kon¬ sumtion des männlichen Erwerbes innerhalb des Hauses zu leiten hat. So weit ist in jenen Epochen die Arbeitsteilung noch nicht vor¬ geschritten, die Frau beteiligt sich unmittelbarer an der Produktion und stellt deshalb für ihren Besitzer einen viel greifbareren wirtschaft¬ lichen Wert dar als später. Noch aus ganz später Zeit wird dieser Zusammenhang gelegentlich bestärkt: während Macauley in der Ver¬ richtung der hauptsächlichen Feldarbeit in Schottland durch Frauen einen barbarischen Tiefstand des weiblichen Geschlechts erblickte, ist gerade von einem genauen Kenner betont worden, daß dies ihnen einen gewissen Grad von Unabhängigkeit und Ansehen bei den Männern gebe. Dazu kommt, daß in primitiven Verhältnissen die Kinder direkten wirtschaftlichen Wert für den Vater besitzen, wäh¬ rend sie in höheren oft eine wirtschaftliche Last sind. Der ursprüng¬ liche Besitzer, der Vater oder der Stamm, hat keinen Grund, diesen Wert einem anderen ohne Entgelt zu überlassen. Auf dieser Stufe erwirbt die F rau nicht nur ihren eigenen Unterhalt, sondern der Mann kann ihren Kaufpreis aus ihrer Arbeit unmittelbar herausschlagen. Das ändert sich, sobald die Wirtschaft ihren familienhaften Charakter und der Konsum seine Beschränkung auf die Eigenproduktion ver¬ liert. Damit scheiden sich die ökonomischen Interessen, vom Hause aus betrachtet, in eine zentrifugale und eine zentripetale Richtung. Die Produktion für den Markt und die Hauswirtschaft beginnen ihre Gegensätze, durch das Geld ermöglicht, zu entfalten und damit die schärfere Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern einzuleiten. Aus sehr naheliegenden Ursachen fällt der Frau die nach innen, dem Manne die nach außen gewandte Tätigkeit zu, und die erstere wird mehr und mehr eine Verwaltung und Verwendung der Erträgnisse der letzteren. Damit verliert der wirtschaftliche Wert der Frau so¬ zusagen seine Substanzialität und Sinnenfälligkeit, sie erscheint jetzt als die Unterhaltene, die von der Arbeit des Mannes lebt. Es fällt also nicht nur der Grund fort, einen Preis für sie zu fordern und zu bewilligen, sondern sie ist — wenigstens für die gröbere Betrachtungs¬ weise — eine Last, die der Mann auf sich nimmt und die er zu ver¬ sorgen hat. So ist das Fundament für die Mitgift geschaffen, die sich demzufolge immer umfassender ausbilden muß, je mehr die Tätigkeits¬ sphären von Mann und Frau sich in dem angegebenen Sinne scheiden. Unter einem Volke wie den Juden, bei denen auf Grund eines un¬ ruhigeren Temperamentes und anderer Ursachen die Männer sehr beweglich und, als notwendiges Korrelat dazu, die Frauen strenger auf das Haus angewiesen waren, finden wir die Mitgift als gesetz¬ liche Vorschrift sogar schon vor ausgebildeter Geldwirtschaft, die sonst ihrerseits auf das gleiche Resultat führt. Sie erst ermöglicht der Produktion jene objektive Technik, jene Ausbreitung, jenen Be¬ ziehungsreichtum und zugleich jene arbeitsteilige Einseitigkeit, durch welche der frühere Indifferenzzustand von häuslichen Interessen und Erwerbsinteressen gespalten und ein besonderer Träger für diese, ein besonderer für jene verlangt wird. Wer das eine und das andere sein soll, kann zwischen Mann und Frau nicht zweifelhaft sein; und eben¬ sowenig, daß damit der Brautpreis, für den der Mann die Produktiv¬ kraft der Frau gekauft hat, der Mitgift Platz machen muß, die ihn für den Unterhalt der nicht produzierenden F rau entschädigt oder die der Frau eine Unabhängigkeit und Sicherheit neben dem erwerben¬ den Manne gewähren soll.
Durch diesen engen Zusammenhang, den die Mitgift bei der Geldwirtschaft mit der ganzen Konstitution des Ehelebens hat — sei es um den Mann, sei es um die Frau zu sichern — ist es verständ¬ lich, daß schließlich sowohl in Griechenland wie in Rom die Mitgift zum Kennzeichen der legitimen Gattin wurde, in ihrem Gegensatz zur Konkubine, die keinen weiteren Anspruch an den Mann hat, so daß dieser weder für einen solchen entschädigt, noch sie selber für den Fall der Nichterfüllung desselben sichergestellt zu werden braucht. Und dies leitet zur Prostitution über, die die Bedeutung des Geldes für das Verhältnis der Geschlechter wieder in ein neues Licht stellt. Während alle gelegentlich des Eheschlusses erfolgenden Gaben des Mannes für die Frau oder an die Frau selbst — so auch die Morgengabe und das pretium virginitatis — ebensogut als Natural- wie als Geldgeschenk auf treten können und auf treten, ent¬ spricht der unehelichen Hingabe, für die überhaupt ein Preis gezahlt wird, in der Regel die Geldform desselben. Nur die Transaktion um Geld trägt jenen Charakter einer ganz momentanen Beziehung, die keine Spuren hinterläßt, wie er der Prostitution eigen ist. Mit der Hingabe von Geld hat man sich vollständiger aus der Beziehung ge¬ löst, sich radikaler mit ihr abgefunden, als mit der Hingabe irgend¬ eines qualifizierten Gegenstandes, an dem durch seinen Inhalt, seine Wahl, seine Benützung leichter ein Hauch der gebenden Persönlich¬ keit haften bleibt. Der momentan aufgegipfelten und ebenso momen¬ tan verlöschenden Begierde, der die Prostitution dient, ist allein das Geldäquivalent angemessen, das zu nichts verbindet und prinzipiell in jedem Augenblick zur Hand ist und in jedem Augenblick willkommen ist. Für ein Verhältnis zwischen Menschen, das seinem Wesen nach auf Dauer und innere Wahrheit der verbindenden Kräfte angelegt ist — wie das wirkliche Liebesverhältnis, so schnell es auch abgebrochen werde — ist das Geld niemals der adäquate Mittler; für den käuf¬ lichen Genuß, der jede über den Augenblick und über den ausschlie߬ lich sinnlichen Trieb hinausgehende Beziehung ab lehnt, leistet das Geld, das sich mit seiner Hingabe absolut von der Persönlichkeit löst und jede weitere Konsequenz am gründlichsten abschneidet, den sachlich und symbolisch vollkommensten Dienst — indem man mit Geld bezahlt hat, ist man mit jeder Sache am gründlichsten fertig, so gründlich, wie mit der Prostituierten nach erlangter Befriedigung. Dadurch, daß die Beziehung der Geschlechter innerhalb der Prostitu¬ tion ganz unzweideutig auf den sinnlichen Akt beschränkt ist, wird sie auf ihren rein gattungsmäßigen Inhalt herabgesetzt; sie besteht in demjenigen, was jedes Exemplar der Gattung leisten und emp¬ finden kann und worin sich die sonst entgegengesetztesten Persön¬ lichkeiten begegnen und alle individuellen Differenzen aufgehoben erscheinen. Das ökonomische Seitenstück für diese Art von Be¬ ziehungen ist deshalb das Geld, das gleichfalls, jenseits aller indivi¬ duellen Bestimmtheit stehend, gleichsam den Gattungstypus der ökonomischen Werte bedeutet, die Darstellung dessen, was allen ein¬ zelnen Werten gemein ist. So empfindet man auch umgekehrt am Wesen des Geldes selbst etwas vom Wesen der Prostitution. Die Indifferenz, in der es sich jeder Verwendung darbietet, die Treulosig¬ keit, mit der es sich von jedem Subjekt löst, weil es mit keinem eigent¬ lich verbunden war, die jede Herzensbeziehung ausschließende Sach¬ lichkeit, die ihm als reinem Mittel eignet — alles dies stiftet eine verhängnisvolle Analogie zwischen ihm und der Prostitution. Wenn Kant als Moralgebot aufstellt, man solle niemals einen Menschen als bloßes Mittel gebrauchen, sondern ihn jederzeit zugleich als Zweck anerkennen und behandeln — so zeigt die Prostitution das absolut ent¬ gegengesetzte Verhalten, und zwar auf beiden beteiligten Seiten. So ist sie von allen Verhältnissen der Menschen untereinander viel¬ leicht der prägnanteste Fall einer gegenseitigen Herabdrückung zum bloßen Mittel; und dies mag das stärkste und tiefste Moment sein, das sie in so enge historische Verbindung mit der Geldwirtschaft, der Wirtschaft mit »Mitteln« im striktesten Sinne, setzt.
Hierauf gründet es sich, daß die fürchterliche, in der Prostitution liegende Entwürdigung in ihrem Geldäquivalent den schärfsten Aus¬ druck findet. Sicherlich bezeichnet es den Tiefpunkt der Menschen¬ würde, wenn eine Frau das Intimste und Persönlichste, das nur aus einem ganz individuellen Impuls geopfert und nur mit der gleichen personalen Hingabe des Mannes — so sehr diese eine andere Be¬ deutung haben dürfte als die der Frau — auf gewogen werden sollte, gerade um einer so ganz unpersönlichen, rein äußerlich -sachlichen Vergeltung willen dahingibt. Wir empfinden hier die völligste und peinlichste Unangemessenheit zwischen Leistung und Gegenleistung; oder vielmehr, das eben ist die Erniedrigung durch die Prostitution, daß sie den persönlichsten und auf die größte Reserve angewiesenen Besitz der Frau so herabsetzt, daß der allerneutralste, allem Per¬ sönlichen fernste W ert als angemessenes Äquivalent für ihn emp¬ funden wird. Diese Charakterisiertheit der Prostitution durch die Geldentlohnung trifft indes auf einige gegenteilige Überlegungen, die erörtert werden müssen, um jene Bedeutung des Geldes ganz scharf hervortreten zu lassen.
Der ganz personale, intim -individuelle Charakter, den die sexuelle Hingabe der Frau tragen soll, scheint mit der oben betonten Tat¬ sache nicht recht übereinzustimmen, daß die bloß sinnliche Beziehung zwischen den Geschlechtern rein generellen Wesens sei, daß in ihr, als dem absolut Allgemeinen, und uns sogar mit dem Tierreich Ge¬ meinsamen, gerade alle Personalität und individuelle Innerlichkeit ausgelöscht wäre. Wenn die Männer so sehr geneigt sind, über die Frauen »im Plural« zu sprechen, über sie in Bausch und Bogen und alle gleichsam in einen Topf werfend zu urteilen, so ist allerdings einer der Gründe dafür sicherlich auch der, daß dasjenige, was ins¬ besondere die Männer von roherer Sinnlichkeit an den Frauen interessiert, eben dasselbe an der Schneiderin wie an der Prinzessin ist. So scheint es ausgeschlossen, gerade in dieser Funktion einen eigentlichen Persönlichkeitswert zu finden; alle anderen von ähn¬ licher Allgemeinheit: Essen und Trinken, die regulären physiolo¬ gischen, ja psychologischen Tätigkeiten, der Trieb der Selbst¬ erhaltung und die typisch -logischen Funktionen, werden niemals mit der Persönlichkeit als solcher in solidarische Verbindung gesetzt, niemals empfindet man, daß jemand gerade in der Ausübung oder Darbietung dessen, was ihm mit allen Anderen ununterscheidbar ge¬ meinsam ist, sein Innerstes, Wesentliches, Umfassendstes äußere oder fortgebe. Dennoch liegt bei der geschlechtlichen Hingabe der Frau diese Anomalie unleugbar vor: dieser ganz generelle, für alle Schichten der Menschen gleichmäßige Akt wird tatsächlich — wenig¬ stens für die Frau — zugleich als ein allerpersönlichster, ihr Inner¬ liches einschließender empfunden. Dies kann verständlich werden, wenn man sich der Meinung anschließt, daß die Frauen überhaupt noch tiefer in den Gattungstypus eingesenkt sind als die Männer, von denen sich der Einzelne differenzierter und individualisierter aus jenem heraushebt. Daraus würde zunächst folgen, daß bei der Frau das Gattungsmäßige und das Persönliche eher zusammenfallen kann. Hängen die Frauen wirklich noch enger und tiefer als der Mann mit dem dunkeln Urgrund der Natur zusammen, so wurzelt ihr Wesent¬ lichstes und Persönlichstes eben auch noch kräftiger in jenen natür¬ lichsten, allgemeinsten, die Einheit der Art garantierenden Funk¬ tionen. Und es folgt weiter, daß jene Einheitlichkeit des weiblichen Geschlechts, die das, was allen gemeinsam ist, weniger scharf von dem, was jede für sich ist, unterscheidet — daß diese sich in der größeren Einheitlichkeit des Wesens jeder einzelnen Frau für sich spiegeln muß. Die Erfahrung scheint zu bestätigen, daß die einzelnen Kräfte, Qualitäten, Impulse der Frau psychologisch unmittelbarer und enger Zusammenhängen, als beim Manne, dessen Wesensseiten selbständiger ausgebildet sind, so daß Entwicklung und Schicksal jeder einzelnen von dem jeder anderen relativ unabhängig sind. Das Wesen der Frau aber lebt — so kann man wenigstens die allgemeine Meinung über sie zusammenfassen — viel mehr unter dem Zeichen des Alles oder Nichts, ihre Neigungen und Betätigungen stehen in engeren Assoziationen, und es gelingt leichter bei ihnen als bei Männern, die Gesamtheit des Wesens mit allen seinen Gefühlen, Wollungen, Gedanken von einem Punkte aus aufzuregen. Wenn sich dies so verhält, so liegt eine gewisse Berechtigung in der Voraus¬ setzung, daß die Frau mit dieser einen zentralen Funktion, mit der Hingabe dieses einen Teiles ihres Ich, wirklich ihre ganze Person vollständiger und unreservierter dahingegeben habe, als der differen¬ ziertere Mann es bei der gleichen Gelegenheit tut. Schon auf harm¬ loseren Stufen des Verhältnisses zwischen Mann und Frau macht sich dieser Unterschied seiner Bedeutung für beide geltend; sogar Naturvölker normieren die Bußen, welche der Bräutigam, bzw. die Braut bei einseitiger Aufhebung des Verlöbnisses zu zahlen haben, für beide verschieden, und zwar so, daß z. B. bei den Bakaks diese fünf Gulden, jener aber zehn zu zahlen hat, bei den Bewohnern von Bengkulen der kontraktbrüchige Bräutigam vierzig, die Braut nur zehn Gulden. Die Bedeutung und die Folgen, welche die Gesellschaft an die sinnliche Beziehung zwischen Mann und Weib knüpft, stehen dementsprechend auch unter der Voraussetzung, daß die Frau ihr ganzes Ich, mit der Gesamtheit seiner Werte, jener dagegen nur einen Teil seiner Persönlichkeit in den Tausch gegeben habe. Sie spricht deshalb einem Mädchen, das sich einmal vergangen hat, die »Ehre« schlechthin ab, sie verurteilt den Ehebruch der Frau viel härter als den des Mannes, von dem man anzunehmen scheint, daß sich eine gelegentliche, rein sinnliche Extravaganz noch mit der Treue gegen seine Frau in allem Innerlichen und Wesentlichen wenigstens vertragen könne, sie deklassiert die Prostituierte ganz unrettbar, während der schlimmste Wüstling sich noch immer gleichsam an den übrigen Seiten seiner Persönlichkeit aus dem Sumpfe heraus - ziehen und jegliche soziale Stellung erobern kann. In den rein sinn¬ lichen Akt also, um den es sich bei der Prostitution handelt, setzt der Mann nur ein Minimum seines Ich, die Frau aber ein Maximum ein — freilich nicht in dem einzelnen Fall, wohl aber in allen Fällen zusammengenommen; ein Verhältnis, aus dem sowohl das Zuhälter- tum wie die als häufig angegebenen Fälle der lesbischen Liebe unter den Prostituierten verständlich werden: weil die Prostituierte aus ihren Beziehungen zu Männern, in welche diese niemals als wirk¬ liche und ganze Menschen eintreten, eine fürchterliche Leere und Unbefriedigtheit davontragen muß, sucht sie eine Ergänzung durch jene Verhältnisse, an denen doch wenigstens noch einige sonstige Seiten des Menschen beteiligt sind. Weder der Gedanke also, daß der Ge¬ schlechtsakt etwas Generelles und Unpersönliches wäre, noch die Tatsache, daß der Mann an demselben, äußerlich betrachtet, ebenso beteiligt ist wie die Frau, kann das behauptete Verhältnis umstoßen: daß der Einsatz der Frau ein unendlich persönlicherer, wesentlicherer, das Ich umfassenderer ist, als der des Mannes, und daß das Geld¬ äquivalent dafür also das denkbar Ungeeignetste und Unan¬ gemessenste ist, dessen Geben und Annehmen die tiefste Herab¬ drückung der Persönlichkeit der Frau bedeutet. — - Das Entwürdi¬ gende der Prostitution für die Frau liegt an und für sich noch nicht in ihrem polyandrischen Charakter, noch nicht darin, daß sie sich vielen Männern hingibt; eigentliche Polyandrie verschafft sogar der Frau oft ein entschiedenes Übergewicht, z. B. bei der relativ hoch¬ stehenden Gruppe der Nairs in Indien. Allein das hier Wesentliche ist nicht, daß die Prostitution Polyandrie, sondern daß sie Polygynie bedeutet. Diese eben setzt allenthalben den Eigenwert der Frau un¬ vergleichlich herab: sie verliert den Seltenheitswert. Äußerlich an¬ gesehen, vereinigt die Prostitution ja polyandrische mit polygynischen Verhältnissen. Allein der Vorsprung, den allenthalben derjenige, der das Geld gibt, vor demjenigen hat, der die Ware gibt, bewirkt es, daß nur die letzteren, die dem Manne ein ungeheures Übergewicht verleihen, der Prostitution den Charakter bestimmen. Auch in Ver¬ hältnissen, die mit Prostitution nicht das geringste zu tun haben, pflegen Frauen es als peinlich und entwürdigend zu finden, Geld von ihren Liebhabern anzunehmen, während dieses Gefühl sich oft auf gegenständliche Geschenke nicht erstreckt; wogegen es ihnen selbst Vergnügen und Genugtuung ist, jenen ihrerseits Geld zu geben; man sagte von Marlborough, der Grund seiner Erfolge bei Frauen sei ge¬ wesen, daß er Geld von ihnen angenommen habe. Die eben hervor¬ gehobene Überlegenheit dessen, der das Geld gibt, über den, der es nimmt, eine Überlegenheit, die sich im Falle der Prostitution zu dem fürchterlichsten sozialen Abstand erweitert, bereitet in diesem um¬ gekehrten Falle der Frau die Genugtuung, denjenigen von sich ab¬ hängig zu sehen, zu dem sie sonst aufzublicken gewohnt ist.
Nun aber begegnet uns die auffällige Tatsache, daß in vielen primitiveren Kulturen die Prostitution gar nicht als entwürdigend oder deklassierend empfunden wird. Es wird ebenso aus dem alten Asien berichtet, daß sich die Mädchen aller Klassen prostituieren, um eine Aussteuer oder eine Darbringung an den Tempelschatz zu erwerben, wie wir jetzt von gewissen Negerstämmen dieselbe Sitte um des ersteren Zweckes willen hören. Die Mädchen, zu denen in diesem Falle oft auch die Fürstentöchter gehören, verlieren weder in der öffentlichen Achtung, noch wird ihr späteres eheliches Leben dadurch in irgendeiner Weise präjudiziert. Dieser tiefe Unterschied gegen unsere Empfindungsweise bedeutet, daß die beiden Faktoren: weibliche Sexualehre und Geld — in prinzipiell verschiedenen Ver¬ hältnissen stehen müssen. Markiert sich die Stellung der Prostitu- 27 Simmel. Philosophie des Geldes. 417 tion bei uns an dem unüberbrückbaren Abstand, der völligen In- kommensurabilität zwischen jenen beiden Werten, so müssen die¬ selben in Verhältnissen, die eine ganz andere Ansicht von der Pro¬ stitution zeitigen, näher aneinander gerückt sein. Dies entspricht den Resultaten, zu denen die Entwicklung des Wergeides, der Geldbuße für die Tötung eines Menschen, geführt hat. Die steigende Wertung der Menschenseele und die sinkende Wertung des Geldes begegneten sich, um das Wergeid unmöglich zu machen. Ebenderselbe Kultur¬ prozeß der Differenzierung, der dem Individuum eine besondere Be¬ tonung, eine relative Unvergleichbarkeit und Unaufwiegbarkeit ver¬ schafft, macht das Geld zum Maßstab und Äquivalent so entgegen¬ gesetzter Objekte, daß seine dadurch entstehende Indifferenz und Objektivität es zum Ausgleich personaler Werte immer ungeeigneter erscheinen läßt. Jene Unverhältnismäßigkeit zwischen Ware und Preis, die der Prostitution in unserer Kultur ihren Charakter gibt, besteht in niederen noch nicht im gleichen Maße. Wenn Reisende von sehr vielen rohen Stämmen berichten, daß die Frauen eine auf¬ fallende körperliche, oft auch geistige Ähnlichkeit mit den Männern zeigen, so fehlt ihnen eben jene Differenzierung, die der höher kulti¬ vierten Frau und ihrer Sexualehre selbst dann einen nicht mit Geld aufzuwiegenden Wert verleiht, wenn sie im Vergleich mit den Männern desselben Kreises als weniger differenziert und tiefer im Gattungstypus wurzelnd erscheint. Die Beurteilung der Prostitu¬ tion zeigt so genau dieselbe Entwicklung, die man an der Kirchen¬ buße und am Blutgeld beobachten kann: die Totalität des Menschen wie seine inneren Werte sind in primitiven Epochen relativ unindivi¬ duellen Charakters, das Geld dagegen wegen seiner Seltenheit und geringen Verwendung relativ individueller. Indem die Entwicklung beides auseinandertreibt, macht sie das Aufwiegen des einen durch das andere entweder unmöglich oder, wo es doch weiterbesteht, wie in der Prostitution, führt es zu einer furchtbaren Herabdrückung des Persönlichkeitswertes. —