SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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zu den für seine Kaiserwahl nötigen Bestechungen brauchte I Es kommt dazu, daß gerade die außerordentliche Höhe der Kauf¬ summe für Werte, die solchem Handel entzogen sein sollten, oft eine gewisse Garantie dafür gibt, daß das mit ihm attakierte öffent¬ liche Interesse keinen allzugroßen Schaden leidet. Daß englische Könige die großen Ämter verkauften, bewirkte doch mindestens, daß die Käufer sich gut zu führen bestrebten: ein Mann, so heißt es, who had paid £ ioooo for the seals was not likely to forfeit them for the sake of a petty malversation which many rivals would be ready to detect. Wenn ich die Heimlichkeit der Bestechung oben als eine Schutz¬ vorrichtung für das Subjekt bezeichnete, so ist, genau entsprechend, ihre Öffentlichkeit eine solche für die öffentlichen Interessen. Dies ist das Korrektiv, durch das diese gigantischen Korruptionen ge¬ wissermaßen legitim waren — sie ließen sich eben nicht verbergen und so konnte man sich sozusagen mit ihnen einrichten. Darum sind Bestechungen auch in einfachen Verhältnissen leichter erträglich. Von Aristides wird als etwas fast Unerhörtes hervorgehoben, daß er trotz seiner vielen diskretionären Gewalten arm gestorben ist. In den kleinen antiken Stadtstaaten erschütterte die Unehrlichkeit Einzelner noch nicht die Fundamente des Ganzen, weil sie nur zu einem sehr kleinen Teil geldwirtschaftliche und weil die Verhältnisse durchsichtig und unkompliziert waren, so daß sie leicht wieder ins Gleichgewicht zu bringen waren. Darum hat man mit Recht gesagt, daß sich das Schicksal Athens jeden Tag auf der Pnyx entschied. Bei den mo¬ dernen hoch zusammengesetzten Verhältnissen des öffentlichen Lebens mit seinen tausend unterirdischen, überall hin ausstrahlenden, wesentlich geldwirtschaftlichen Kräften wirkt Beamtenbestechlich¬ keit sehr viel verderblicher.

In allem hier Erörterten handelte es sich um den Verkauf von Werten, die zwar personaler, aber doch nicht subjektiver Natur sind, durch deren Bewahrung die Persönlichkeit — im Gegensatz zu den Werten subjektiven Genießens — einen objektiven Wert an sich selbst empfindet. Daß der Komplex der Lebenskräfte, den man in die Ehe hineingibt, dabei der Richtung des eigenen Instinktes folge; daß die Frau sich nur da ganz hingebe, wo der Mann dies mit gleichwertigen Empfindungen erwidert; daß Worte und Taten der folgsame Aus¬ druck von Überzeugungen und Verpflichtungen sind — dies alles be¬ deutet nicht sowohl einen Wert, den wir haben, als einen, der wir sind. Indem man alles dies für Geld auf gibt, hat man sein Sein gegen ein Haben ausgetauscht. Gewiß sind beide Begriffe aufeinander zurück - führbar. Denn alle Inhalte unseres Seins bieten sich uns als Besitz jenes an sich ganz inhaltlosen, rein formalen Zentrums in uns, das wir als unser gleichsam punktuelles Ich und als das habende Subjekt, gegenüber all seinen Qualitäten, Interessen, Gefühlen, als gehabten Objekten, empfinden; und andrerseits ist Besitz, wie wir sahen, ein Ausdehnen unserer Machtsphäre, ein Verfügenkönnen über Objekte, die eben damit in den Umkreis unseres Ich hineingezogen werden.

Das Ich, unser Wollen und Fühlen, setzt sich in die Dinge hinein t fort, die es besitzt: von der einen Seite gesehen hat es auch sein Innerlichstes, insoweit es nur ein einzelner, angebbarer Inhalt ist, doch schon außer sich, als ein objektives, seinem Zentralpunkt erst zugehöriges Haben, von der anderen her hat es auch sein Äußer¬ lichstes, insoweit es wirklich sein Besitz ist, in sich; indem es die Dinge hat, sind sie Kompetenzen seines Seins, das ohne jedes einzelne dieser ein anderes wäre. Logisch und psychologisch betrachtet ist es also willkürlich, zwischen Sein und Haben einen Grenzstrich zu ziehen. Wenn wir diesen dennoch als sachlich berechtigt empfinden, so ist es, weil Sein und Haben, auf ihren Unterschied hin angesehen, keine theoretisch -objektiven, sondern Wert begriffe sind. Es ist eine be¬ stimmte Wertart und Wertmaß, die wir unseren Lebensinhalten zu¬ sprechen, wenn wir sie als unser Sein, eine andere, wenn wir sie als unser Haben bezeichnen. Denn deutet man von diesen Inhalten die¬ jenigen, welche dem rätselhaften Ich -Mittelpunkt nahe liegen, als unser Sein, die entfernteren als unser Haben, so ist ihre Rangierung auf dieser — jede scharfe Abgrenzung offenbar ausschließenden — Reihe doch nur durch die Verschiedenheit der Wertgefühle herstell¬ bar, von denen die einen und die anderen begleitet werden. Wenn wir an jenen Verkäufen das, was wir fortgeben, unserem Sein, und das, was wir bekommen, unserem Haben zurechnen, so ist das nur ein indirekter Ausdruck dafür, daß wir ein intensiveres, dauernderes, den ganzen Umkreis des Lebens berührendes Wertgefühl für ein un¬ mittelbareres, dringlicheres, momentaneres vertauschen.

Ist nun der Verkauf personaler Werte eine Herabminderung des in diesem Sinn bestimmten Seins, das direkte Gegenteil des »Aufsich- haltens«, so kann man ein Persönlichkeitsideal nennen, an dem jene Verhaltungsweisen am entschiedensten meßbar werden: die Vor¬ nehmheit — und zwar deshalb so entschieden, weil dieser Wert für das Geldwesen überhaupt das radikalste Kriterium bedeutet; so daß, an ihm gemessen, Prostitution, Geldheirat, Bestechung die outrierten Zuspitzungen in einer Reihe sind, die schon mit den legitimsten Formen des Geld Verkehrs beginnt. Für die Darstellung dieses Sach¬ verhaltes handelt es sich zunächst um die Bestimmung des Vor¬ nehmheitsbegriffes selbst.

Die übliche Aufteilung unserer objektiven Schätzungsnormen in logische, ethische und ästhetische ist, auf unser wirkliches Urteilen hin angesehen, ganz unvollständig. Wir schätzen etwa, um ein sehr augenscheinliches Beispiel zu nennen, die scharfe Ausbildung der Individualität, die bloße Tatsache, daß eine Seele eine eigenartige, in sich geschlossene Form und Kraft besitzt; die Unvergleichbarkeit und Unverwechselbarkeit, mit der eine Person gleichsam nur ihre eigene Idee darstellt, empfinden wir als wertvoll, und zwar oft im Gegensatz zu der ethischen und ästhetischen Minderwertigkeit des Inhaltes solcher Erscheinung. Aber nicht um bloße Vervollständi¬ gung jenes Systems handelt es sich, sondern darum, daß das syste¬ matische Abschließen als solches hier ebenso irrig ist, wie bei den fünf Sinnen oder den zwölf Kantischen Verstandeskategorien. Die Entwicklung unserer Art bildet fortwährend neue Möglichkeiten, die Welt sinnlich und intellektuell aufzunehmen, und ebenso fortwährend neue Kategorien, sie zu werten. Und wie wir so stetig neue wirk¬ same Ideale formen, so bringt vertiefteres Bewußtsein immer weitere ans Licht, die bisher schon wirksame, aber unbewußte waren. Ich glaube nun, daß unter den Wertgefühlen, mit denen wir auf die Er¬ scheinungen reagieren, sich auch eines findet, das man nur als die Wertung der »Vornehmheit« bezeichnen kann. Diese Kategorie zeigt ihre Selbständigkeit darin, daß sie sich den sonst verschieden¬ artigsten und verschiedenwertigsten Erscheinungen gegenüber ein¬ stellt: Gesinnungen wie Kunstwerke, Abstammung wie literarischen Stil, einen bestimmt ausgebildeten Geschmack ebenso wie die ihm zusagenden Gegenstände, ein Benehmen auf der Höhe gesellschaft¬ licher Kultur wie ein Tier edler Rasse — alles dies können wir als »vornehm« bezeichnen; und wenn auch gewisse Beziehungen dieses Wertes zu denen der Sittlichkeit und der Schönheit stattfinden, so bleibt er doch immer auf sich ruhen, da der gleiche Grad seiner mit den allermannigfaltigsten ethischen und ästhetischen Stufen vereint auftritt. Der soziale Sinn der Vornehmheit: die exzeptionelle Stellung gegenüber einer Majorität, der Abschluß der Einzelerscheinung in ihrem autonomen Bezirk, der durch das Eindringen irgendeines hete¬ rogenen Elementes sofort zerstört wäre — gibt offenbar den Typus für alle Anwendungen ihres Begriffes. Eine ganz besondere Art des Unterschiedes zwischen den Wesen bildet den äußeren Träger des Vornehmheitswertes: der Unterschied betont hier einerseits den posi¬ tiven Ausschluß des Verwechseltwerdens, der Reduktion auf einen gleichen Nenner, des »Sichgemeinmachens«; andrerseits darf er doch nicht so hervortreten, um das Vornehme aus seinem Sich-selbst- Genügen, seiner Reserve und inneren Geschlossenheit herauszulocken und sein Wesen in eine Relation zu Anderen, und sei es auch nur die Relation des Unterschiedes, zu verlegen. Der vornehme Mensch ist der ganz Persönliche, der seine Persönlichkeit doch ganz reserviert. Die Vornehmheit repräsentiert eine ganz einzigartige Kombination von Unterschiedsgefühlen, die auf Vergleichung beruhen, und stolzem Ablehnen jeder Vergleichung überhaupt. Als ein völlig erschöpfen¬ des Beispiel erscheint es mir, daß das Haus der Lords nicht nur von jedem seiner Mitglieder als sein einziger Richter anerkannt wird, sondern im Jahre 1330 die Zumutung ausdrücklich ablehnt, über andere Leute als die Peers zu Gericht zu sitzen, — so daß also so¬ gar ein Macht Verhältnis zu Personen außerhalb des eigenen Ranges als Degradation erscheint I Je mehr nun das Geld die Interessen beherrscht und von sich aus Menschen und Dinge in Bewegung setzt, je mehr die letzteren um seinetwillen hergestellt und nur nach ihm geschätzt werden, desto weniger kann der so beschriebene Wert der Vornehmheit seine Verwirklichung an Menschen und Dingen finden. Mannigfache geschichtliche Erscheinungen legen diese negative Ver¬ bindung nahe. Die alten Aristokratien Ägyptens und Indiens per- horreszierten den Seeverkehr und hielten ihn mit der Reinheit der Kasten für unverträglich. Das Meer ist eine Vermittlung wie das Geld, es ist das ins Geographische gewandte Tauschmittel, gleich¬ sam in sich völlig farblos und deshalb wie das Geld dem Ineinander¬ übergehen des Verschiedenartigsten dienstbar. Seeverkehr und Geld¬ verkehr stehen in enger historischer Verbindung, die Reserve und scharf geformte Abgeschlossenheit der Aristokratie muß von beiden her ein Abschleifen und Nivellieren fürchten. Deshalb war auch dem venetianischen Adel zur guten Zeit der Aristokratie aller eigene Han¬ del untersagt, und erst 1784 wurden die Adligen durch ein Gesetz ermächtigt, unter eigenem Namen Handel zu treiben. Vorher konnten sie dies nur als stille Teilnehmer an den Geschäften der cittadini, also nur wie aus der Ferne und unter einer Maske. In Theben gab es einmal ein Gesetz, daß nur, wer zehn Jahre lang allem Markt- verkehr femgeblieben war, zu Ämtern wählbar sein sollte; Augustus untersagte den Senatoren, sich an Zollpachtungen zu beteiligen und Rhederei zu treiben. Wenn Ranke das 14. und 15. deutsche Jahr¬ hundert als die plebejischen unserer Geschichte bezeichnet, so be¬ zieht sich das auf die damals aufkommenden geldwirtschaftlichen Zustände, deren Träger die der bisherigen Aristokratie antagonisti¬ schen Städte waren. Schon zu Beginn der Neuzeit empfand man in England, daß die Reichtumsunterschiede, die in der Stadt galten, durchaus keine so entschieden abgeschlossene Aristokratie schaffen konnten, wie die auf dem Lande geltenden Standesgrenzen. Der ärmste Lehrling konnte die höchste Zukunft erhoffen, wo diese nur im Geldbesitz lag, während eine völlig unbiegsame Linie die Landaristokratie von dem yeoman schied. Die imendliche quantitative Ab¬ stufbarkeit des Geldbesitzes läßt die Stufen ineinander übergehen und verwischt die Formbestimmtheit der vornehmen Klassen, die ohne Festigkeit der Grenzen nicht bestehen kann.

Dem Vornehmheitsideal ist wie dem ästhetischen, von dem ich dies schon früher hervorhob, die Gleichgültigkeit gegen das Wieviel eigen. Vor dem abgeschlossenen Insichruhen des Wertes, den es dem an ihm teilhabenden Wesen gewährt, tritt die Quantitätsfrage ganz zurück; die rein qualitative Bedeutung, die jenes Ideal meint, wird dadurch verhältnismäßig wenig gehoben, daß mehr Exemplare auf diese Höhe gelangen. Das Entscheidende ist, daß sie dem Dasein überhaupt gelungen ist, und für sich allein der vollgültige Repräsen¬ tant davon zu sein, verleiht dem vornehmen — ob menschlichen, ob untermenschlichen — Wesen seine spezifische Natur. In dem Augen¬ blick aber, in dem die Dinge auf ihren Geldwert hin angesehen und gewertet sind, rücken sie aus dem Bereich dieser Kategorie fort, ihre Wertqualität ist in ihrem Wertquantum untergegangen und jenes Sich-selbst-gehören — das geschilderte Doppelverhältnis zu Anderen und zu sich selbst —, das wir von einem gewissen Grade an als Vor¬ nehmheit empfinden, hat seine Basis verloren. Das Wesen der Prostitution, das wir am Gelde erkannten, teilt sich den Gegen¬ ständen mit, die nur noch als seine Äquivalente funktionieren, ja, diesen vielleicht in noch fühlbarerem Maße, weil sie mehr zu ver¬ lieren haben, als das Geld es von vornherein hat. Jener äußerste Gegensatz der Vornehmheitskategorie, das Sich-gemein-machen mit Anderen, wird zum typischen Verhältnis der Dinge in der Geldwirt¬ schaft, weil sie durch das Geld, wie durch eine Zentralstation, mit¬ einander verbunden sind, alle mit gleicher spezifischer Schwere in dem fortwährend bewegten Geldstrom schwimmen, und so, alle in derselben Ebene liegend, sich nur durch die Größe der Stücke unter¬ scheiden, die sie von dieser decken.

Hier macht sich unvermeidlich die tragische Folge jeder Nivellierung geltend: daß sie das Hohe mehr herunterzieht, als sie das Niedrige erhöhen kann. Bei dem Verhältnis von Personen unter¬ einander liegt das auf der Hand. Wo ein seelischer Bezirk, ins¬ besondere intellektueller Art, sich bildet, auf dem eine Mehrzahl von Menschen Verständigung und Gemeinsamkeit findet — da muß der¬ selbe dem Niveau des Tiefststehenden erheblich näher liegen als dem des Höchststehenden. Denn immer ist es eher möglich, daß dieser herunter-, als daß jener heraufsteige. Der Umkreis von Ge¬ danken, Kenntnissen, Willenskräften, Gefühlsnüancen, den die un¬ vollkommenere Persönlichkeit mitbringt, wird von dem gedeckt, der der vollkommeneren eigen ist, aber nicht umgekehrt; jener also ist beiden gemeinsam, dieser nicht; so daß, gewisse Ausnahmen Vor¬ behalten, der Boden gemeinsamer Interessen und Aktionen von den besseren und den niederen Elementen nur unter Verzicht der ersteren auf ihre individuellen Vorzüge wird innegehalten werden können. Zu 28 Simmel, Philosophie des Geldes.

diesem Resultat führt auch die weitere Tatsache, daß selbst für gleichmäßig hochstehende Persönlichkeiten das Niveau ihrer Ge¬ meinsamkeit nicht so hoch liegen wird, wie das jedes Einzelnen für sich. Denn gerade die höchsten Ausbildungen, die jedem eigen sein mögen, pflegen nach ganz verschiedenen Seiten differenziert zu sein, und sie begegnen sich nur auf jenem tieferen generellen Niveau, über das hinweg die individuellen und gleich bedeutsamen Potenzen oft bis zur Unmöglichkeit jeder Verständigung überhaupt auseinander* führen. Was den Menschen gemeinsam ist — nach der biologischen Seite hin: die ältesten und deshalb sichersten Vererbungen — ist im allgemeinen das gröbere, undifferenzierte, ungeistigere Element ihres Wesens.

Dieses typische Verhältnis, durch das die Lebensinhalte ihre Ge¬ meinsamkeit, ihre Dienste zur Verständigung und Einheitlichkeit, mit ihrer relativen Niedrigkeit bezahlen müssen; durch das der Einzelne, auf dies Gemeinsame ßich reduzierend, auf seine individuelle Werthöhe verzichten muß, sei es, weil der andere tiefer steht als er, sei es, weil dieser, obgleich ebenso hoch entwickelt, seine Höhe nach einer an¬ deren Richtung hin hat, — dieses Verhältnis zeigt seine Form an Dingen nicht weniger als an Personen. Nur daß, was in diesem Fall ein Prozeß an Wirklichkeiten ist, in jenem nicht eigentlich an den Dingen selbst, sondern an den Wertvorstellungen von ahnen vor¬ geht. Die Tatsache, daß der feinste und aparteste Gegenstand eben¬ so für Geld zu haben ist, wie der banalste und roheste, stiftet eine Be¬ ziehung zwischen ihnen, die ihrem qualitativen Inhalt fern liegt und die gelegentlich dem ersteren eine Trivialisierung und eine Ab¬ flachung der spezifischen Schätzung eintragen kann, während der zweite überhaupt nichts zu verlieren hat, aber auch nichts gewinnen kann. Daß der eine viel und der andere wenig Geld kostet, kann dies nicht immer ausgleichen, namentlich nicht bei generellen, über die Einzelvergleichung sich erhebenden Wertungen, und ebensowenig ge¬ lingt dies dem nicht abzuleugnenden psychologischen Vorkommnis, daß gerade an der Gemeinsamkeit des Geldnenners die individuellen Differenzen der Objekte sich um so schärfer abheben. Die herab¬ stimmende Wirkung des Geldäquivalents tritt imzweideutig hervor, sobald man mit einem schönen und eigenartigen, aber käuflichen Objekt ein an sich ungefähr gleich bedeutsames vergleicht, das aber für Geld nicht zu haben ist; dieses hat von vornherein für unser Ge¬ fühl eine Reserve, ein Auf -sich -ruhen, ein Recht, nur an dem sach¬ lichen Ideal seiner selbst gemessen zu werden, kurz: eine Vornehm¬ heit, die dem anderen versagt bleibt. Der Zug in seinem Bilde, daß es für Geld zu haben ist, ist auch für das Beste und Erlesenste ein locus minoris resistentiae, an dem es sich der Zudringlichkeit des untergeordneten, das gleichsam eine Berührung mit ihm sucht, nicht erwehren kann. Denn so sehr das Geld, weil es für sich nichts ist, durch diese Möglichkeit ein ungeheures Wertplus gewinnt, so er¬ leiden umgekehrt unter sich gleichwertige, aber verschiedenartige Objekte durch ihre — wenn auch mittelbare oder ideelle — Aus¬ tauschbarkeit eine Herabsetzung der Bedeutung ihrer Individualität. Immerhin ist dies wohl auch das tiefer gelegene Motiv, aus dem wir gewisse Dinge, etwas verächtlich, als »gangbare Münze« charakteri¬ sieren: Redensarten, Modi des Benehmens, musikalische Phrasen usw. Hierbei erscheint nun nicht die Gangbarkeit allein als der Ver¬ gleichungspunkt, der die Münze, das gangbarste Objekt überhaupt, als seinen Ausdruck herzuruft. Manchmal mindestens kommt noch das Austauschmoment hinzu. Es nimmt es gewissermaßen jeder an und gibt es wieder aus, ohne ein individuelles Interesse am In¬ halt wie beim Gelde. Auch hat es jeder in der Tasche, in Vorrat, es bedarf keiner Umformung, um in jeder Situation seinen Dienst zu tun. Indem es, gegeben oder empfangen, zu dem Einzelnen in Be¬ ziehung tritt, erhält es doch keine individuelle Färbung oder Hinzu¬ fügung, es geht nicht, wie andere Inhalte des Redens oder Tims, in den Stil der Persönlichkeit ein, sondern geht unalteriert durch diese hindurch, wie Geld durch ein Portemonnaie. Die Nivellierung er¬ scheint als Ursache wie als Wirkung der Austauschbarkeit der Dinge — wie gewisse Worte ohne weiteres ausgetauscht werden können, weil sie trivial sind, und trivial werden, weil man sie ohne weiteres auszutauschen pflegt. Die Lieblosigkeit und Frivolität, durch die sich die Behandlung der Gegenstände in der Gegenwart so sehr von früheren Zeiten unterscheidet, geht sicher zum Teil auf die gegenseitige Entindividualisierung und Abflachung, auf Grund des gemeinsamen Geldwertniveaus, zurück.

Die im Gelde ausgedrückte Tauschbarkeit aber muß unvermeid¬ lich eine Rückwirkung auf die Beschaffenheit der Waren selbst haben, bzw. mit ihr in Wechselwirkung stehen. Die Herabsetzung des Interesses für die Individualität der Waren führt zu einer Her¬ absetzung dieser Individualität selbst. Wenn die beiden Seiten der Ware als solcher ihre Qualität und ihr Preis sind, so scheint es allerdings logisch unmöglich, daß das Interesse nur an einer dieser Seiten hafte: denn die Billigkeit ist ein leeres Wort, wenn sie nicht Niedrigkeit des Preises für eine relativ hohe Qualität bedeutet, und die Höhe der Qualität ist ein ökonomischer Reiz nur dann, wenn ihr ein irgend angemessener Preis entspricht. Dennoch ist jenes be¬ grifflich Unmögliche psychologisch wirklich und wirksam; das Inter¬ esse für die eine Seite kann so steigen, daß das logisch erforderte Gegenstück derselben ganz herabsinkt. Der Typus für den einen dieser Fälle ist der »Fünfzig-Pfennig-Bazar«. In ihm hat das Wer¬ tungsprinzip der modernen Geldwirtschaft seinen restlosen Ausdruck gefunden. Als das Zentrum des Interesses ist jetzt nicht mehr die Ware, sondern ihr Preis konstituiert — ein Prinzip, das früheren Zeiten nicht nur schamlos erschienen, sondern innerlich ganz un¬ möglich gewesen wäre. Es ist mit Recht darauf aufmerksam ge¬ macht worden, daß die mittelalterliche Stadt trotz aller Fortschritte, die sie verkörperte, doch noch der ausgedehnten Kapitalwirtschaft ermangelte, und daß dies der Grund gewesen sei, das Ideal der Wirt¬ schaft nicht sowohl in der Ausdehnung (die nur durch Billigkeit möglich ist), als vielmehr in der Güte des Gebotenen zu suchen. Daher die großen Leistungen des Kunstgewerbes, die rigorose Über¬ wachung der Produktion, die strenge Lebensmittelpolizei usw. Das eben ist der eine äußerste Pol der Reihe, deren anderen das Schlag¬ wort: »billig und schlecht« bezeichnet — eine Synthese, die nur da¬ durch möglich ist, daß das Bewußtsein durch die Billigkeit hyp¬ notisiert ist und außer ihr überhaupt nichts wahrnimmt. Das Nivelle¬ ment der Objekte auf die Ebene des Geldes setzt zuerst das subjektive Interesse an ihrer eigenartigen Höhe und Beschaffenheit herab und, als weitere Folge, diese letztere selbst; die Produktion der billigen Schundware ist gleichsam die Rache der Objekte dafür, daß sie sich durch ein bloßes indifferentes Mittel aus dem Brennpunkte des Inter¬ esses mußten verdrängen lassen.

Durch alles dies ist wohl hinreichend deutlich geworden, in wie radikalem Gegensatz das Geldwesen und seine Folgen zu den vorhin skizzierten Vornehmheitswerten stehen. Das Geldwesen zerstört am gründlichsten jenes Aufsichhalten, das die vornehme Persönlichkeit charakterisiert und das von gewissen Objekten und ihrem Gewertet¬ werden aufgenommen wird; es drängt den Dingen einen außer ihrer selbst liegenden Maßstab auf, wie gerade die Vornehmheit ihn ab¬ lehnt; indem es die Dinge in eine Reihe, in der bloß Quantitätsunter¬ schiede gelten, einstellt, raubt es ihnen einerseits die absolute Diffe¬ renz und Distanz des einen vom andern, andrerseits das Recht, jedes Verhältnis überhaupt, jede Qualifikation durch die wie auch aus¬ fallende Vergleichung mit anderen abzulehnen — also die beiden Be- stimmunngen, deren Vereinigung das eigentümliche Ideal der Vor¬ nehmheit schafft. Die Steigerung personaler Werte, die dieses Ideal bezeichnet, erscheint also selbst in seiner Projizierung in Dinge hinein so weit aufgehoben, wie die Wirksamkeit des Geldes reicht, das die Dinge in jedem Sinne des Wortes »gemein« macht und sie damit schon dem Sprachgebrauch nach in den absoluten Gegensatz zum Vor¬ nehmen stellt. Gegen diesen Begriff gehalten tritt nun erst an der ganzen Breite käuflicher Lebensinhalte die Wirkung des Geldes her¬ vor, die die Prostitution, die Geldheirat und die Bestechung in per¬ sonal zugespitzter Form gezeigt haben.

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In dem Kapitel über individuelle F reiheit haben wir festgestellt, wie sehr die Umwandlung von naturalen Verpflichtungen in Geld¬ leistungen dem Vorteil beider Parteien dienen kann, welche Stei¬ gerung seiner Freiheit und Würde insbesondere der Verpflichtete daraus zieht. Diese Bedeutung des Geldes für die personalen Werte muß nun aber durch eine Entwicklungsreihe von entgegengesetzter Richtung ergänzt werden.