SigPhi · Gotthold Ephraim Lessing

Laokoon, oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie

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'AypovüiJ.01 nai^ovffL'...Plinius wird also nicht ' sacrificantium,' er wird ' venantium,' oder etwas ähnliches geschrieben haben, vielleicht 'sylvis vagantium,' welche Verbes- serung die Anzahl der veränderten Buchstaben ohngefähr hätte. Dem TTaiCovat beim Homer würde ' saltantium ' am nächsten kommen, und auch Virgil lässt in seiner Nachahmung dieser btelle die Diana mit ihren N) niphen tanzen (Aeneid, i. 497, 49S (vielm. 49S, 499): ' Qualis in Eurotae ripis, aut per iuga Cynthi Extrcet Diana choros...' Spence hat hierbei einen seltsamen Einfall. (Polymetis, Dial. viii. p. 102.) ' This Diana,' sagt er, ' both in the picture and in the descrip- lions, was the Diana \eiiairix, tho' shc was not represented either by l66 LAOKOON. XX n.

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dem Homer zu malen, bloss weil sie eine reiche Composition, vorzügliche Contraste, künstliche Beleuchtungen darbieten, schien der alten Artisten ihr Geschmack nicht zu sein; und konnte es nicht sein, so lange sich noch die Kunst in den 5 engern Grenzen ihrer höchsten Bestimmung hielt. Sie nährten sich dafür mit dem Geiste des Dichters; sie füllten ihre Einbildungskraft mit seinen erhabensten Zügen; das Feuer seines Enthusiasmus eniflammte den ihrigen; sie sahen und empfanden wie er: und so wurden ihre Werke lo Abdrücke der Homerischen, nicht in dem Verhältnisse eines Portraits zu seinem Originale, sondern in dem Verhältnisse eines Sohnes zu seinem Vater; ähnHch, aber verschieden. Die Aehnlichkeit liegt öfters nur in einem einzigen Zuge; die Virgil, or Apelles, or Homer, as hiinting with her Nymphs; bnt as employed with them in that sort of dances, which of old were regarded as very solemn acts of devotion.' In einer Anmerkung fügt er hinzu: ' The expression of ■na[(^nv, used by Homer on this occasion, is scarce proper for hunting; as that of ' Choros exercere,' in Virgil, should be understood of the religious dances of old, because dancing, in the old Roman idea of it. was indecent even for men in public; unless it were the sort of dances used in honour of Mars, or Bacchus, or some other ol their gods.' Spence will nämlich jene feierlichen Tänze verstanden wissen, welche bei den Alten mit unter die gottesdienstlichen Hand- lungen gerechnet wurden. Und daher, meinet er, brauche denn auch Plinius das Wort ' sacrificare:' ' It is in consequence of this that Pliny, in speaking of Diana's Nymphs on this very occasion, uses the word "sacrificare" of ihem; which quite determines these dances of theirs to have been of the religious kind.' Er vcrgisst, dass bei dem Virgil die Diana selbst mit tanzet: ' exercet Diana choros.' Sollte nun dieser Tanz ein gottesdienstlicher Tanz sein: zu wessen Verehrung tanzte ihn die Diana? Zu ihrer eignen? Oder zur Verehrung einer andern Gottheit?

Beides ist widersinnig. Und wenn die alten Kömer das Tanzen über- haupt einer ernsthaften Person nicht für sehr anständig hielten, mussten darum ihre Dichter die Gravität ihres Volkes auch in die Sitten der Götter übertragen, die von den altern griechischen Dichtem ganz anders festgesetzet waren? Wenn Horaz von der Venus sagt i^Od. iv. üb. L ' Jam Cytherea choros ducit Venus, imminente luna: Junctaeque NvTnphis Gratiae decentes Alterno terram quatiunt pede...' waren dieses auch heilige gottesdienstliche Tänze? Ich verliere zu viele Worte über eine solche Grille.

LAOKOON. XX ir. 167 übrigen alle haben unter sich nichts gleiches, als dass sie mit dem ähnlichen Zuge in dem einen sowohl als in dem andern harmoniren.

Da übrigens die Homerischen iNIeisterstücke der Poesie älter waren, als irgend ein Meisterstück der Kunst; da Homer 5 die Natur eher mit einem malerischen Auge betrachtet hatte, als ein Phidias und Apelles: so ist es nicht zu verwundern, dass die Artisten verschiedene, ihnen beson- ders nützliche Bemerkungen, ehe sie Zeit hatten, sie in der Natur selbst zu machen, schon bei dem Homer gemacht 10 fanden, wo sie dieselben begierig ergriffen, um durch den Homer die Natur nachzuahmen. Phidias bekannte, dass die Zeilen ^: H Kai Kvavey](Tiv in o(f)pv(Tt uevae Kpovicov' hfißpöaim 8 "ipa x'^'-'^'^'- eiveppäxravTo avoKTos^ je Kparos utt ddaväroio' fjLcyav 8' eKfXi^fv''0\vfiTroi/' ilim bei seinem olympischen Jupiter zum Vorbilde gedienet, und dass ihm nur durch ihre Hülfe ein göttliches Antlitz, * pro- pemodum ex ipso coelo petitum,' gelungen sei. Wem dieses nichts mehr gesagt heisst, als dass die Phantasie des Kunst- 20 lers durch das erhabene Bild des Dichters befeuert, und eben so erhabener Vorstellungen fähig gemacht worden, der, dünkt mich, übersieht das Wesentlichste, und begnügt sich mit etwas ganz allgemeinem, wo sich, zu einer weit gründ- lichem Befriedigung, etwas sehr specielles angeben lässt. 25 So viel ich urtheile, bekannte Phidias zugleich, dass er in dieser Stelle zuerst bemerkt habe, wie viel Ausdruck in den Augenbraunen liege, 'quanta pars animi-' sich in ihnen zeige. Vielleicht, dass sie ihn auch auf das Haar mehr Fleiss zu ' Iliad, A. 528. Valcrius Maximns, lib. iii. cap. 7. ext. 4.

* Plinius, lib. x. sect. 51. p. 616. Edit. Ilard. [Lessing bezieht sich hier auf Plin. xi. 51. i,^S: 'in adsensu eius supercilia homini et pariter et alterna mobilia, et in iis pars animi.]

l68 LAOKOOX. XX IL wenden bewegte, um das einigermassen auszudrücken, was Homer ambrosisches Haar nennt. Denn es ist gewiss, dass die alten Künstler vor dem Phidias das Sprechende und Bedeutende der Mienen wenig verstanden, und besonders das 5 Haar sehr vernachlässiget hatten. Noch ]\Iyron war in beiden Stücken tadelhaft, wie Plinius anmerkt ^ und nach ebendem- selben war Pythagoras Leontinus der erste, der sich durch ein zierliches Haar hervorthat ^ Was Phidias aus dem Plomer lernte, lernten die andern Künstler aus den Werken 10 des Phidias.

Ich will noch ein Beispiel dieser Art anführen, welches mich allezeit sehr vergnügt hat. JMan erhinere sich, was Hogarth über den Apollo zu Belvedere anmerkt ^ 'Dieser Apollo,' sagt er, ' und der Antinous sind beide in eben dem- 15 selben Palaste zu Rom zu sehen. Wenn aber Antinous den Zuschauer mit Verwunderung erfüllet, so setzet ihn der Apollo in Erstaunen, und zwar, wie sich die Reisenden ausdrücken, durch einen Anblick, welcher etwas mehr als menschliches zeiget, welches sie gemeiniglich gar nicht zu 20 beschreiben im Stande sind. Und diese Wirkung ist, sagen sie, um desto bewundernswürdiger, da, wenn man es unter- sucht, das Unproportionirliche daran auch einem gemeinen Auge klar ist. Einer der besten Bildhauer, welche wir in England haben, der neulich dahin reisete, diese Bildsäule zu 25 sehen, bekräftigte mir das, was jetzt gesagt worden, besonders dass die Füsse und Schenkel, in Ansehung der obern Theile, zu lang und zu breit sind. Und Andreas Sacchi, einer der grösstcn italienischen IMaler, scheinet eben dieser Meinung ^ Plinius, Hb. xxxiv. sect. 19. § 58. p. 651: 'Ipse tarnen corponim tenus curiosus, animi sensus non expiessisse videtur, capillum quoque et pubera non emendatius fecisse, quam ludis antiquitas instituisset.'

^ Ibid. § 59: ' Hie primus nervös et venas expressit, capillumque diligcntius.'

gewesen zu sein, sonst würde er schwerlich (in einem be- rühmten Gemälde, welches jetzt in England ist) seinem Apollo wie er den Tonkünster Pasquilini krönt, das völlige Verhältniss des Antinous gegeben haben, da er übrigens wirklich eine Copie von dem Apollo zu sein scheinet. Ob wir 5 gleich an sehr grossen Werken oft sehen, dass ein geringerer Theil aus der Acht gelassen worden, so kann dieses doch hier der Fall nicht sein, denn an einer schönen Bildsäule ist ein richtiges Verhältniss eine von ihren wesentlichen Schönheiten. Daher ist zu schliessen, dass diese Glieder mit Fleiss müssen 10 sein verlängert worden, sonst würde es leicht haben können vermieden werden. Wenn wir also die Schönheiten dieser Figur durch und durch untersuchen, so werden wir mit Grunde urlheilen, dass das, was man bisher für unbeschreib- lich vortrefflich an ihrem allgemeinen Anblicke gehalten, von 15 dem hergerühret hat, was ein Fehler in einem Theile derselben zu sein geschienen.' — Alles dieses ist sehr einleuchtend; und schon Homer, füge ich hinzu, hat es empfunden und ange- deutet, dass es ein erhabenes Ansehen giebt, welches bloss aus diesem Zusätze von Grösse in den Abmessungen der Füsse 20 und Schenkel entspringt. Denn wenn Antenor die Gestalt des Ulysses mit der Gestalt des Menelaus vergleichen will, so lässt er ihn sagen ^: 'Wann beide standen, so ragte Menelaus mit den beiden Schultern hoch hervor; wann aber beide sassen, war Ulysses der ansehnlichere.' Da Ulysses also das Ansehen im Sitzen gewann, welches Menelaus im Sitzen verlor, so ist das Ver- hältniss leicht zu bestimmen, welches beider Oberleib zu den 30 Füssen und Schenkeln gehabt. Ulysses hatte einen Zusatz 170 LAOKOON. XXIII.

von Grösse in den Proportionen des erstem, Menelaus in den Proportionen der letztern.

XXIII. ARGUMENT.

XXIII. ARGUMENT.

\Ve saw that a snccessive enumeration of the varions elements of a beautiful object destroys the effect which beauty produces in nature. The same holds true in retard to the description of ugliness. As we hear only part of it described at a time, and as, when arrived at the end of the description, we are unable to place vividly before us the entire picture in terrible rcality, the efifect of ngliness is necessarily weakened. But it is this very circumstance which — contrary to the rule we laid down in regard to the description of the beautiful — ^justifies the poet in making use of ugliness as an element in his work. The poet will make use of it in order to produce certain mixed sensations, above all the ridiculous and the horrible. The ridiculous is produced by drawing a contrast between imaginary perfections and real imperfections. Ther- sites is iigly and at the same time conceited, therefore ridiculous. But unless harmlessncss or impotence to work evil be fonnd as an element in this contrast, the ridiculous is changed into the terrible. Ugliness when harmless, as in the case of Thersites, may be ridiculous, but it becomes horrible when it is hurtful, as in the case of Richard IIL Ein einziger unschicklicher Thcil kann die übereinstim- mende Wirkung vieler zur Schönheit stören. Doch wird 5 der Gegenstand darum noch nicht hässlich. Auch die Hässlichkcit erfordert mehrere unschickliche Theile, die wir ebenfalls auf einmal müssen übersehen können, wenn wir dabei das Gcgentheil von dem empfinden sollen, was uns die Schönheit empfinden lässt. 10 Sonach würde auch die Hässlichkcit, ihrem Wesen nach, kein Vorwurf der Poesie sein können; und dennoch hat Homer die äusscrste Hässlichkcit in dem Thersites geschil- dert, und sie nach ihren Theilen neben einander geschildert. Warum war ihm bei der Hässlichkcit vergönnet, was er bei laokoon: XX in. 171 der Schönheit so einsichtsvoll sich selbst untersagte? Wird die Wirkung der Hässlichkeit durch die aufeinanderfolgende Enumeration ihrer Elemente nicht eben sowohl gehindert, als die Wirkung der Schönheit durch die ähnliche Enumeration ihrer Elemente vereitelt wird? 5 Allerdings wird sie das; aber hierin liegt auch die Recht- fertigung des Homers. Eben weil die Hässlichkeit in der Schilderung des Dichters zu einer minder widerwärtigen Erscheinung körperlicher Unvollkommenheiten wird, und gleichsam, von der Seite ihrer Wirkung, Hässlichkeit zu 10 sein aufhöret, wird sie dem Dichter brauchbar; und was er vor sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um gewisse vermischte Empfindungen hervor- zubringen und zu verstärken, mit welchen er uns, in Er- mangelung rein angenehmer Empfindungen, unterhalten 15 muss.

Diese vermischte Empfindungen sind das Lächerliche und das Schreckliche.

Homer macht den Thersites hässlich, um ihn lächerlich zu machen. Er wird aber nicht durch seine blosse Hässlichkeit 20 lächerlich; denn Hässlichkeit ist Unvollkommcnhcit, und zu dem Lächerlichen wird ein Contrast von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten erfordert \ Dieses ist die Erklä- rung meines Freundes, zu der ich hinzusetzen möchte, dass dieser Contrast nicht zu krall und zu schneidend sein muss, 25 dass die Opposita, um in der Sprache der IMaler fortzufahren, von der Art sein müssen, dass sie sich in einander ver- schmelzen lassen. Der weise und rechtschaffene Aesop wird dadurch, dass man ihm die Hässlichkeit des Thersites gegeben, nicht lächerlich. Es war eine alberne Mönchsfratze, das 30 VtKoiov seiner lehrreichen ÄLährchen, vermittelst der Unge- staltheit, auch in seine Person verlegen zu wollen. Denn ein * Pliilos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn, th. ii. s. 23.

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missgebildeter Körper und eine schöne Seele sind wie Oel und Essig, die, wenn man sie schon in einander schlägt, für den Geschmack doch immer getrennet bleiben. Sie gewähren kein Drittes; der Körper erweckt Verdruss, die Seele Wohl- 5 gefallen; jedes das seine für sich. Nur wenn der missge- bildete Körper zugleich gebrechlich und kränklich ist, wenn er die Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quelle nachtheiliger Vorurtheile gegen sie wird: alsdann fliessen Verdruss und Wohlgefallen in einander; aber die neue daraus lo entspringende Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid und der Gegenstand, den wir ohne dieses nur hochgeachtet hätten, wird interessant. Der missgebildete gebrechliciie, Pope musste seinen Freunden weit interessanter sein, als der schöne und gesunde Wicherley den seinen. — So wenig aber 15 Thersites durch die blosse Hässlichkeit lächerlich wird, eben so wenig würde er es ohne dieselbe sein. Die Hässlichkeit; die Uebereinstimmung dieser Hässlichkeit mit seinem Cha- rakter; der Widerspruch, den beide mit der Idee machen, die er von seiner eigenen Wichtigkeit heget; die unschädliche, 20 ihn allein demüthigende Wirkung seines boshaften Ge- schwätzes: alles muss zusammen zu diesem Zwecke wirken. Der letztere Umstand ist das Ou (pBapTiKÖf, welches Aristoteles^ unumgänglich zu dem Lächerlichen verlanget; so wie es auch mein Freund zu einer nothwendigen Bedingung macht, 25 dass jener Contrast von keiner Wichtigkeit sein, und uns nicht sehr inieressiren müsse. Denn man nehme auch nur an, dass dem Thersites selbst seine hämische Verkleinerung des Agamemnons theuer zu stehen gekommen wäre, dass er sie, anstatt mit ein paar blutigen Schwielen, mit dem Leben 30 bezahlen müssen: und wir würden aufhören über ihn zu lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch, dessen Vernichtung uns stets ein grösseres Uebel ^ De Poelica, cap. v.

LAOKOON. XXIII. 173 scheinet, als alle seine Gebrechen und Laster. Um de Erfahrung hiervon zu machen, lese man sein Ende bei dem Quintus Calaber *. Achilles bedauert die Penthesilea ge- tödtet zu haben: die Schönheit in ihrem Blute, so tapfer vergossen, fordert die Hochachtung und das Mitleid des 5 Helden; und Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmähsüchiige Thersites macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite [ver. 737 sq.], ...^t' a(f)popa (ftära Tiörjai lO Kai TTivvTOV irep iovra.

Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlägt er ihn so unsanft zwischen Back und Ohr, dass ihm Zähne, und Blut und Seele mit eins aus dem Halse stürzen. Zu grausam! Der jachzornige mörderische Achilles 15 wird mir verhasster, als der tückische knurrende Thersites; das Freudengeschrei, weiches die Griechen über diese That erheben, beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das Schwert zucket, seinen Anver- wandten an dem Mörder zu rächen: denn ich empfinde es. 20 dass Thersites auch mein Anverwandter ist, ein ]\Iensch.

Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites wären in Meuterei ausgebrochen, das aufrührerische Volk wäre wirklich zu Schiffe gegangen und hätte seine Heerführer verrätherisch zurückgelassen, die Heerführer wären hiereinem rachsüchtigen 25 Feinde in die Hände gefallen, und dort hätte ein göttliches Strafgericht über Flotte und Volk ein gänzliches Verderben verhangen: wie würde uns alsdann die Hässlichkeit des Ther- sites erscheinen? Wenn unschädliche Hässlichkeit lächerlich werden kann, so ist schädliche Hässlichkeit allezeit schreck- 30 lieh. Ich weiss dieses nicht besser zu erläutern, als mit ein 174 LAOKOON. XXIII.

paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare. Edmund, der Bastard des Grafen von Gloster, im König Lear, ist kein ge- ringerer Bösewicht, als Richard, Herzog von Gloster, der sich durch die abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne £ bahnte, den er unter dem Namen Richard der Dritte bestieg. Aber wie kömmt es, dass jener bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket, als dieser? Wenn ich den Bastard sagen höre ^: 'Thou, Natiure, art my Goddess, to thy Law lo I\Iy Senices are bound; wherefore should I Stand in the Plague of Custom, and permit The curiosity of Nations to deprive me, For that I am some twelve or fourteen Moonshines Lag of a Brother? Why Bastard } wherefore base? 15 When my dimensions are as well compact, i\Iy mind as gen'rous, and my shape as true As honest Madam's Issue? Why brand they us With base? with baseness? bastardy? base, base? \\'ho, in the lusty stealth of Nature, take 20 ^lore composition and fierce quality, Than doth, within a dull, stale, tired Bed, Go to ihe creating a whole tribe of Fops, Got 'tween a-sleap and wake? ' so höre ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt 25 eines Engels des Lichts. Höre ich hingegen den Grafen von Gloster sagen ^: 'But I, that am not shap'd for sponive Tricks, Nor made to court an am'rous looking-glass, I, that am rudely stampt, and want Love's ^lajesty 30 To strut before a wanton, ambling Nymph; I, that am curtail'd of this fair proportion, ^ King Lear, act i. sc. ii.

» The Life and Death of Richard III, act i. sc L LAOKOON. XXIV. 175 Cheated of feature by dissembling nature, Deform'd, unfinish'd, sent before my time Into this breathing world, scarce half made up, And that so lamely and unfashionable, That dogs bark at me as I halt by them: Why, I (in this weak piping time of Peace) Have no delight to pass away the time; Unless to spy my shadow in the sun, And descant on mine own deformity. And therefore, since I cannot prove a Lover, To entertain these fair well-spoken days, I am determined to prove a Villain!'

so höre ich einen Teufel und sehe einen Teufel, in einer Gesialtj die der Teufel allein haben sollte.

XXIV. ARGUMENT.

Ugliness cannot be a snbject of painting as a fine art; for the feelings which it arouses are not only displeasing, but are not even of that class in which the disagrecable when imitated admits of a certain degree of pleasure. In painting which represents co-existence in space, ugliness exercises its füll power at one and the same moment, and affects us hardly less deeply than in nature itself. Harmless ugliness cannot long remain laughable, as it does in poetry, but soon becomes repulsive; hurtful ugliness not only produces horror as in poetry, but excites aversion and disgust. A Thersites, therefore, a ver}' effective character in poetry, cannot be a subject for painting.

So nutzt der Dichter die Hässlichkeit der Formen: 15 welchen Gebrauch ist dem Maler davon zu machen ver- gönnet?

Die ]\Ialerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Häss- lichkeit ausdrücken: die Malerei, als schöne Kunst, will <is nicht ausdrücken. Als jener, gehören ihr alle sichtbare 20 i-j6 laokoon: xxiv.

Gegenstände zu: als diese, schliesst sie sich nur auf die- jenigen sichtbaren Gegenstände ein, welche angenehme Empfindungen erwecken.

Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfin- 5 düngen in der Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter^ hat dieses bereits von dem Ekel bemerkt. 'Die Vorstellungen der Furcht/ sagt er, 'der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids u. s. w. können nur Unlust erregen, in so weit wir das Uebel für wirklich halten. Diese lo können also durch die Erinnerung, dass es ein künsdicher Betrug sei, in angenehme Empfindungen aufgelöset werden. Die widrige Empfindung des Ekels aber erfolgt, vermöge des Gesetzes der Einbildungskraft, auf die blosse Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag für wirkUch gehalten werden 15 oder nicht. Was hilfi's dem beleidigten Gemüthe also, wenn sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr verräth? Ihre Unlust entsprang nicht aus der Voraussetzung, dass das Uebel wirklich sei, sondern aus der blossen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich da. Die Empfindungen 20 des Ekels sind also allezeit Natur, niemals Nachahmung.' Eben dieses gilt von der Hässlichkeit der Formen. Die Hässlichkeit beleidiget unser Gesichte, widerstehet unserm Geschmack an Ordnung und Uebereinstimmung, und er- wecket Abscheu, ohne Rücksicht auf die wirkliche Existenz 25 des Gegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen. Wir mögen den Thersites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und wenn schon sein Bild weniger missfällt, so ge- schieht dieses doch nicht deswegen, weil die Hässlichkeit seiner Form in der Nachahmung Hässlichkeit zu sein auf- 30 höret, sondern weil wir das Vermögen besitzen, von dieser Hässlichkeit zu abstrahiren, und uns bloss an der Kunst des Malers zu vergnügen. Aber auch dieses Vergnügen wird ' Briefe, die neueste Litteratur betrefifend, th. v. s. 102.

LAOKOON. XXIV. 177 alle Augenblicke durch die Ueberlegung unterbrochen, wie übel die Kunst angewendet worden, und diese Ueberlegung wird selten fehlen, die Geringschätzung des Künstlers nach sich zu ziehen.

Aristoteles giebt eine andere Ursache an ', warum Dinge, 5 die wir in der Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der getreuesten Abbildung Vergnügen gewähren: die allgemeine Wissbegierde des Menschen. Wir freuen uns, wenn wir entweder aus der Abbildung lernen können, ri eKaa-rov, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schliessen können, 10 ori ovTos €Kf'ivos, dass CS dieses oder jenes ist. Allein auch hieraus folget, zum Besten der Hässlichkeit in der Nachah- mung, nichts. Das Vergnügen, welches aus der Befriedigung unserer Wissbegierde entspringt, ist momentan, und dem Gegenstande, über welchen sie befriediget wird, nur zufällig; 15 das Missvergnügen hingegen, welches den Anblick der Hässlichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstande, der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme Beschäftigung, welche uns die Bemerkung der 20 Aehnlichkeit macht, die unangenehme Wirkung der Häss- lichkeit besiegen. Je genauer ich das hässliche Nachbild mit dem hässUchen Urbilde vergleiche, desto mehr stelle ich mich dieser Wirkung bloss, so dass das Vergnügen der Vergleichung gar bald verschwindet, und mir nichts als der 25 widrige Eindruck der verdoppelten HässUchkeit übrig bleibet.

Nach den Beispielen, welche Aristoteles giebt, zu urtheilen, scheinet es, als habe er auch selbst die Hässlichkeit der Formen nicht mit zu den missfälligen Gegenständen rechnen wollen, die in der Nachahmung gefallen können. Diese 30 Beispiele sind reissende Thiere und Leichname. Reissende Thiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht hässhch sind; ' De Poetica, cap. iv. N 178 LAOKOON. XXIV.

und dieses Schrecken, nicht ihre Hässlichkeit, ist es, was durch die Nachahmung in angenehme Empfindung aus- gelöset wird. So auch mit den Leichnamen; das schärfere Gefühl des Mitleids, die schreckliche Erinnerung an unsere 5 eigene Vernichtung ist es, welche uns einen Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstande macht; in der Nach- ahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die Ueberzeugung des Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erin- nerung kann uns ein Zusatz von schmeichelhaften Umständen 10 entweder gänzlich abziehen, oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, dass wir mehr wünschenswürdiges als schreck- liches darin zu bemerken glauben.

Da also die Hässlichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie erregt, unangenehm, und doch nicht von derjeni- 15 gen Art unangenehmer Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme verwandeln, an und vor sich selbst kein Vorwurf der Malerei, als schöner Kunst, sein kann; so käme es noch darauf an, ob sie ihr nicht eben so wohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere Empfindungen zu ver- 20 stärken, nützlich sein könne.

Darf die Malerei, zu Erreichung des Lächerlichen und Schrecklichen, sich hässlicher Formen bedienen?

Ich will es nicht wagen, so geradezu mit Nein hierauf zu antworten. Es ist unleugbar, dass unschädliche Hässlichkeit 25 auch in der Malerei lächerlich werden kann; besonders wenn eine Affeetation nach Reiz und Ansehen damit verbunden wird. Es ist eben so unstreitig, dass schädliche Hässlichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemälde Schrecken erwecket; und dass jenes Lächerliche und dieses Schreckliche, 30 welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die Nachahmung einen neuen Grad von Anzüglichkeit und Vergnügen erlangen. Ich muss aber zu bedenken geben, dass dem ohngeachtet LAOKOOX. XXV. 179 sich die Malerei hier nicht völlig mit der Poesie in gleichem Falle befindet. In der Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Hässlichkeit der Form, durch die Veränderung ihrer coexistirenden Theile in succcssive, ihre widrige Wirkung last gänzlich; sie höret von dieser Seite gleichsam auf, 5 Hässlichkeit zu sein, und kann sich daher mit andern Er- scheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung hervorzubringen. In der INIalerei hingegen hat die Hässlichkeit alle ihre Kräfte beisammen, und wirket nicht viel schwächer, als in der Natur selbst. Unschädliche Häss- 10 lichkeit kann folglich nicht wohl lange lächerlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possirlich war, wird in der Folge bloss abscheulich. Nicht anders gehet es mit der schädlichen Hässlichkeit; das Schreckliche verhert sich nach und nach, 15 und das Unförmliche bleibt allein und unveränderlich zurück. Dieses überlegt, hatte der Graf Caylus vollkommen Recht, die Episode der Thersites aus der Reihe seiner Homerischen Gemälde wegzulassen. Aber hat man darum auch Recht, sie aus dem Homer selbst wegzuwünschen? Ich finde ungern, 20 dass ein Gelehrter von sonst sehr richtigem und feinem Geschmacke, dieser T^Ieinung ist*. Ich verspare es auf einen andern Ort, mich weilläufiger darüber zu erklären.