Doch man wird einwenden, dass sich dieses ' similiter ' nicht auf die Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern auf einen andern Umstand beziehe, welchen diese, in Be- trachtung der Zeit so unähnliche JNIeister mit einander gemein gehabt hätten. Plinius rede nämUch von solchen Künstlern, 25 die in Gemeinschaftgearbeitet, und wegen dieser Gemeinschaft unbekannter geblieben wären, als sie verdienten. Denn da keiner sich die Ehre des gemeinschaftlichen Werks allein anmassen können, alle aber, die daran Theil gehabt, jederzeit zu nennen zu weitläufig gewesen wäre (' quoniam nee unus,^,0 occupat gloriam, nee plures pariter nuncupari possunt '): so wären ihre sämmtliche Namen darüber vernachlässiget worden. Dieses sei den Meistern des Laokoons, dieses 196 laokoon: XXVI.
sei so manchen andern Meistern widerfahren, welche die Kaiser für ihre Paläste beschäftiget hätten.
Ich gebe dieses zu. Aber auch so noch ist es höchst wahr- scheinlich, dass Plinius nur von neuern Künstlern sprechen 5 wollen, die in Gemeinschaft gearbeitet. Denn hätte er auch von älteren reden wollen, warum hätte er nur allein der ]\Ieister des Laokoons erwähnet? Warum nicht auch an- derer? Eines Onatas und Kalliteles; eines Timokles und Timarchides, oder der Söhne dieses Timarchides, von 10 welchen ein gemeinschaftlich gearbeiteter Jupiter in Rom war^ Herr Winckelmann sagt selbst, dass man von der- gleichen altern Werken, die mehr als einen Vater gehabt, ein langes Verzeichniss machen könne ^. Und Plinius sollte sich nur auf die einzigen Agesander, Polydorus imd 15 Athenodorus besonnen haben, wenn er sich nicht aus- drücklich nur auf die neuesten Zeiten hätte einschränken wollen?
Wird übrigens eine Vermuthung um so viel wahrschein- licher, je mehrere und grössere Unbegreiflichkeiten sich daraus 20 erklären lassen, so ist es die, dass die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern geblühet haben, gewiss in einem sehr hohen Grade. Denn hätten sie in Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winckelmann setzet, gearbeitet; hätte der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden: 25 so müsste das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem solchen Werke (' opere omnibus et picturae et statuariae artis praeponendo ') beobachtet hätten, äusserst befremden. Es müsste äusserst befremden, wenn so grosse Meister weiter gar nichts gearbeitet hätten, oder wenn Pausanias von ihren 30 übrigen Werken in ganz Griechenland, eben so wenig wie von dem Laokoon, zu sehen bekommen hätte. In Rom * Plinius, lib. xxxvi. sect. 4. § 35. p. 730. ' Geschichte der Kunst, th. ii. s. 331.
LAOKOON. XX VT. 197 hingegen konnte das grösste Meisterstück lange im Ver- borgenen bleiben, und wenn Laokoon auch bereits unter dem Augustus wäre verfertiget worden, so dürfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, dass erst Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man erinnere sich nur, 5 was er von einer Venus des Scopas sagt*, die zu Rom in einem Tempel des Mars stand: ' quemcunque alium locum nobilita- tura. Romae quidem magnitudo [/. mullitudo] operum eam obliterat, ac magni officiorum [/. etiam oblitteratio ac magis officiorum] negotiorumque acervi omnis a contemplatione 10 talium [/. tamen] abducunt: quoniam otiosorum et in magno loci silentio apta admiratio talis est [/. silentio talis admiratio est].'
Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des Virgilischen Laokoons sehen wollen, werden, 15 was ich bisher gesagt, mit Vergnügen ergreifen. Noch fiel mir eine IMuthmassung bei, die sie gleichfalls nicht sehr miss- billigen dürften. Vielleicht, könnten sie denken, war es Asinius Pollio, der den Laokoon des Virgils durch grie- chische Künstler ausführen Hess. Pollio war ein besonderer 20 Freund des Dichters, überlebte den Dichter, und scheinet sogar ein eigenes Werk über die Aeneis geschrieben zu haben. Denn wo sonst, als in einem eigenen Werke über dieses Gedicht, können so leicht die einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Servius aus ihm anführt^? Zugleich 25 war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besass eine reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, Hess von Künstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Geschmacke, den er in seiner Wahl zeigte, war ein so kühnes Stück als '■' Ad ver. 7. IIb. ii. Aeneid. und besonders ad ver. 183. IIb. xi. Man dürfte also wohl nicht Unrecht thun, wenn man das Verzeichniss der Verlorenen Schriften dieses Mannes mit einem solchen Werke vermehrte.
7 9^ LAOKOON. XXVII.
Laokoon vollkommen angemessen ^: ' ut fuit acris vchementiae sie quoque spectari monimenta sua voluit.' Doch da das Cabi- net des Pollio, zu den Zeiten des Plinius^, als Laokoon in dem Palaste des Titus stand, noch ganz unzertrennet an einem 5 besondern Orte beisammen gewesen zu sein scheinet: so möchte diese Muthmassung von ihrer Wahrscheinlichkeit wiederum etwas verlieren. Und warum könnte es nicht Titus selbst gethan haben, was wir dem Pollio zuschreiben wollen?
XXVII.
ARGUMENT.
XXVII.
ARGUMENT.
Lessing mentions another reason wliich induces him to assign to the Laokoon a later date than Wiiickelmann. A base has been found which bears the inscription ' Athanodorus made it ' — t-noiTjaf. Athanodorus is the name of one of the authors of the group. Now Pliny says that modest artists u^ed the imperfect {(iroUi) in the inscriptions on their statues. Lessing believes that this refers only to the artists of an earlier period, whereas those of a later age — less modest than their pre- decessors — wsed the aorist («iroiTja«), which is also found on the vase of Athanodorus. This circumstance, Lessing says, argues in favour of his theory that the group was made at a later time, in fact in the time of thf first emperors.
10 Ich werde in meiner Meinung, dass die INIeister des Lao- koons unter den ersten Kaisern gearbeitet haben, wenigstens so alt gewiss nicht sein können, als sie Herr Winckelmann ausgiebt, durch eine kleine Nachricht bestärket, die er selbst zuerst bekannt macht. Sie ist diese ': 15 ' Zu Nettuno, ehemals Antium, hat der Herr Cardinal Alexander Albani, im Jahre 171 7, in einem grossen Gewölbe, welches im Meere versunken lag, eine Base [einer Statue] ent- decket, welche von schwarz gräulichem INIarmor ist, den man ' Geschichte der Kunst, th. ii. s. 3^7. Werke, iv. iS. * Pliu. x.\.xvi. sect. 4.
LAOA'oox. xxvn. 199 jetzt Bigio nennt, in welche die Figur eingefüget war; auf derselben befindet sich folgende Inschrift: AeANOAQPOS ArHSANAPOY P0AI02 EnOIHSE ' Atbanodorus, des Agesanders Sohn, aus Rhodus, hat es 5 gemacht. Wir lernen aus dieser Inschrift, dass Vater und Sohn am Laokoon gearbeitet haben, und vermuthlich war auch Apollodorus (Polydorus) des Agesanders Sohn: denn dieser Athanodorus kann kein anderer sein, als der, welchen Plinius nennet. Es beweiset ferner diese Inschrift, dass sich 10 mehr Werke der Kunst, als nur allein drei, wie Plinius will, gefunden haben, auf welche die Künstler das Wort: Ge- macht, in vollendeter und bestimmter Zeit gesetzet, nämlich (TToirjae, fecit; er berichtet, dass die übrigen Künsüer aus Bescheidenheit sich in unbestimmter Zeit ausgedrückct, 15 enolfi, faciebai.^ Darin wird Herr Winckelmann wenig Widerspruch finden, dass der Athanodorus in dieser Inschrift kein anderer als der Athenodorus sein könne, dessen Plinius unter den Meistern des Laokoon gedenket. Athanodorus und Athenodorus ist 20 auch völlig ein Name; denn die Rhodier bedienten sich des Dorischen Dialekts. Allein über das, was er sonst daraus folgern will, muss ich einige Anmerkungen machen.
Das erste, dass Athenodorus ein Sohn des Agesanders gew^esen sei, mag hingehen. Es ist sehr wahrscheinlich, nur 25 nicht unwidersprechlich. Denn es ist bekannt, dass es alte Künstler gegeben, die, anstatt sich nach ihrem Vater zu nennen, sich lieber nach ihrem Lehrmeister nennen wollen. Was Plinius von den Gebrüdern Apollonius und Tauriscus sagt, leidet nicht wohl eine andere Auslegung ^. 30 Aber wie? Diese Inschrift soll zugleich das Vorgeben des Plinius widerlegen, dass sich nicht mehr als drei ' Libr. xxxvi. sect. 4. § 34. p. 730.
2 CO LAOKOON: XXVII.
Kunstwerke gefunden, zu welchen sich ihre Kleister in der vollendeten Zeit (anstatt des fVoi'et, durch (iroiTja-e) bekannt hätten? Diese Inschrift? Warum sollen wir erst aus dieser Inschrift lernen, was wir längst aus vielen andern 5 hätten lernen können? Hat man nicht schon auf der Statue des Germanicus KKfOfievrjs — «Voi'jjo-« gefunden? Auf der sogenannten Vergötterung des Homers, 'ApxeXaos inoL- r]Te? Auf der bekannten Vase zu Gaeta, SoAtticuv (Trolr^ae} lo Herr Winckelmann kann sagen: ' Wer weiss dieses besser als ich? Aber, wird er hinzusetzen, desto schlimmer für den Plinius. Seinem Vorgeben ist also um so öfter wider- sprochen; es ist um so gewisser widerlegt.'
Noch nicht. Denn wie, wenn Herr Winckelmann den 15 Plinius mehr sagen Hesse, als er wirklich sagen wollen? Wenn also die angeführten Beispiele nicht das Vorgeben des Plinius, sondern bloss das IMehrere, welches Herr \\'inckel- mann in dieses Vorgeben hineingetragen, widerlegten? Und so ist es wirklich. Ich muss die ganze Stelle anführen.
20 Plinius will in seiner Zueignungsschrift an den Titus von seinem Werke mit der Bescheidenheit eines Mannes sprechen, der es selbst am besten weiss, wie viel demselben zur Vollkommenheit noch fehle. Er findet ein merkwürdiges Exempel einer solchen Bescheidenheit bei den Griechen, 2.:; über deren prahlende, viel versprechende Büchertitel ("inscrip- tiones, propter quas vadimonium deseri possit') er sich ein wenig aufgehalten, und sagt ^: 'Et ne in totum \idear Graecos insectari, ex Ulis nos [/. mox] velim intelligi pingendi fingen- dique conditoribus, quos in hbellis his invenies, absoluta * Man sehe das Verzeichniss der Aufschriften alter Kunstwerke beim Mar. Gudius (ad Phaedri fab. 5. lib. i.) und ziehe zugleich die Berich- tigung desselben vom Gronov ^Praef. ad tom. ix. Thesauri Antiqu. Graec") zu Rathe.
LAOKOON. XXVII. 20I Opera, et illa quoque quae mirando non satiamur, pendenti titulo inscripsisse: ut APELLES FACIEBAT, aut POLY- CLETUS: tanquam inchoata semper arte et imperfecta: ut contra judiciorum varietates superesset artifici regressus ad veniam, velut emendaturo quidquid desideraretur, si non 5 esset interceptus. Quare plenum verecundiae illud est, quod omnia opera tanquam novissima inscripsere, et tamquam singulis fato adempti. Tria non amplius, ut opinor, absolute traduntur inscripta, ILLE FECIT, quse suis locis reddam: quo apparuit, summam artis securitatem auctori placuisse, 10 et ob id magna invidia fuere omnia ea/ Ich bitte auf die Worte des Plinius: ' pingendi fingendique conditoribus,' auf- merksam zu sein. Plinius sagt nicht, dass die Gewohnheit, in der unvollendeten Zeit sich zu seinem Werke zu bekennen, allgemein gewesen, dass sie von allen Künstlern, zu allen 15 Zeiten beobachtet worden; er sagt ausdrücklich, dass nur die ersten alten Meister, jene Schöpfer der bildenden Künste, ' pin- gendi fingendique conditores,' ein Apelles, ein Poljklet und ihre Zeitverwandte, diese kluge Bescheidenheit gehabt hätten; und da er diese nur allein nennet, so giebt er stillschweigend, 20 aber deutlich genug, zu verstehen, dass ihre Nachfolger, be- sonders in den spätem Zeiten, mehr Zuversicht auf sich selber geäussert.
Dieses aber angenommen, wie man es annehmen muss, so kann die entdeckte Aufschrift von dem einen der drei Kunst- 25 1er des Laokoons ihre völlige Richtigkeit haben, und es kann dem ohngeachtet wahr sein, dass, wie Plinius sagt, nur etwa drei Werke vorhanden gewesen, in deren Aufschriften sich ihre Urheber der vollendeten Zeit bedienet; nämlich unter den altern Werken, aus den Zeiten des Apelles, des Polyklets, 3° des Nicias, des Lysippus. Aber das kann sodann seine Rich- tigkeit nicht haben, dass Athenodorus und seine Gehülfen Zeitverwandte des Apelles und Lysippus gewesen sind, zu 202 LAOKOON. XXVII.
welchen sie Herr Winckelmann machen will. Man muss vielmehr so schliessen: Wenn es wahr ist, dass unter den Werken der altern Künstler, eines Apelles, eines Polyklets und der übrigen aus dieser Classe, nur etwa drei gewesen 6 sind, in deren Aufschriften die vollendete Zeit von ihnen gebraucht worden; wenn es wahr ist, dass Plinius diese drei Werke selbst namhaft gemacht hat \ so kann Athenodorus, ^ Er verspricht wenigstens ausdrücklich, es zu thun: 'quae suis locis reddam.' Wenn er es aber nicht gänzlich vergessen, so hat er es doch sehr im Vorbeigehen, und gar nicht auf eine Art gethan, als man nach einem solchen Versprechen erwartet- Wenn er z. E. schreibet lib. XXXV. sect. 39. § 122: 'Lysippus [/. Elasippus] quoque Aeginae picturae suae inscripsit, intKavatv [/. \viKaiv\: quod profecto non fecisset, nisi encaustica inventa; ' so ist es offenbar, dass er dieses IviKavatv zum Beweise einer ganz andern Sache braucht. Hat er aber, wie Harduin glaubt, auch zugleich das eine von den Werken dadurch angeben wollen, deren Aufschrift in dem Aoristo abgefasst gewesen: so hätte es sich wohl der Mühe verlohnet, ein Wort davon mit einfliessen zu lassen. Die andern zwei Werke dieser Art findet Harduin in folgender Stelle: ' Idem;l)ivus Augu^tus) in Curia quoque, quam in comitio consecrabat, duas tabulas impressit parieti: Nemeam sedentem supra leonem, palmi- geram ipsam. adstante cum baculo sene, cuius supra caput tabula bigae dependet. Nicias scripsit se inussisse: tali enim usus est verbo. Alterius tabulae admiratio est, puberem lilium seni patri similem esse, salva aetatis differentia, supervolante aquila draconem complexa. Philochares hoc suum opus esse testatus est' (lib. xxxv. sect. 10. § 27 sq.\ Hier werden zwei verschiedene Gemälde beschrieben, welche Auguslus in dem neuerbauten Rathhause aufstellen lassen. Das zweite ist vom Philochares, das erste vom Nicias. Was von jenem gesagt wird, ist klar und deutlich. Aber bei diesem linden sich Schwierigkeiten. Es stellte die Nemea vor, auf einem Löwen sitzend, einen Palmenzweig in der Hand, neben ihr ein alter Mann mit einem Stabe; ' cuius supra caj^ut tabula bigae dependet.' Was heilst das? Ueber dessen Haupte eine Tafel hing, worauf ein zweispaftniger Wagen gemalt war? Das ist noch der einzige Sinn, den man diesen Worten geben kann. Also war auf das Hauptgemälde noch ein anderes kleineres Gemälde gehangen? Und beide waren von dem Nicias? So muss es Harduin genommen haben. Denn wo wären hier sonst zwei Gemälde des Nicias, da d.TS andere ausdi-ücklich dem Philochares zugeschrieben wird? ' Inscripsit Nici.is igitur geoiinae huic tabulae suum nonien in hunc modum: O NIKI.\2 ENEKAT2EN; atque adeo e tribus opcribus, quae absolute fui?se inscripta, ILLE P"ECIT, indicavit Praefatio ad Titum. duo haec sunt Niciae.' Ich möchte den Harduin fragen: wenn Nicias nicht den Aoristum, sondern wirklich das Imperfectum gebraucht hätte, Plinius aber hätte bloss bemerken wollen, dass der Meister, anstatt des 7/xi(/>fH', f'YKaifiv gcbrauriit hätte; würde er in seiner Sprache auch nicht noch LAOKOON. XXV IL 203 von dem keines dieser drei Werke ist, und der sich dem ohngeachtet auf seinen Werken der vollendeten Zeit bedienet, zu jenen alten Künstlern nicht gehören; er kann kein Zeit- verwandter des Apelles, des Lysippus sein, sondern er muss in spätere Zeiten gesetzt werden. 5 Kurz: ich glaube, es liesse sich als ein sehr zuverlässiges alsdann haben sagen müssen: 'Nicias sciipsit se inussisse?' Doch ich will hierauf nicht bestehen; es mag wirklich des Plinius Wille gewesen sein, eines von den Werken, wovon die Rede ist, dadurch anzudeuten. Wer aber wird sich das doppelte Gemälde einreden lassen, deren eines über dem andern gehangen? Ich mir nimmermehr. Die Worte ' cuius supra Caput tabula bigae dependet,' können also nicht anders als verfälscht sein. ' Tabula bigae,' ein Gemälde, worauf ein zvvcispänniger Wagen gemalet, klingt nicht sehr Plinianisch, wenn auch Plinius schon sonst den Singularem von ' bigae ' braucht. Und was für ein zweispänniger Wagen? Etwa dergleichen zu den Wettrennen in den Nemeäischen Spielen gebraucht wurden; so dass dieses kleinere Gemälde in Ansehung dessen, was es vorstellte, zu dem Hauptgcmälde gehört hätte? Das kann nicht sein; denn in den NemeäischL-n Spielen waren nicht zwei- spännige, sondern vierspännige Wagen gewöhnlich. (Schmidius in Prol. ad Nemeonicas, p. 2.) Einsmals kam ich auf die Gedanken, dass Plinius anstatt des ' bigae' vielleicht ein griechisches Woit geschrieben, welches die Abschreiber nicht verstanden; ich meine -mv^iov. Wir wissen nämlich aus einer Stelle des Antigonus Carjstius, beim Zenobius (conf Gronovius, t. ix. Antiquit. Graec. Praef p. 7), dass die alten Künstler nicht immer ihre Namen auf ihre Werke selbst, sondern auch wohl auf besondere Täfelchen gesetzet, welche dem Gemälde oder der Statue angehangen wurden. Und ein solches Täfelchen hiess Trrvx'oy. Dieses griechi>che Wort fand sich vielleicht in einer Handschrift durch die Glosse, 'tabula, tabella,' erkläret; und das 'tabula 'kam endlich mit in den Text. Aus TTTvxcoi' ward ' bigae,' und so entstand das ' tabula bigae.' Nichts kann zu dem Folgenden besser passen, als dieses nTvxiov, denn das fol- gende eben ist es, was darauf stand. Die ganze Stelle wäre also zu lesen: 'cuius supra caput wTvxiof dependet, quo Nicias scripsit se inussisse.' Doch diese Conectur, ich bekenne es, ist ein wenig kühn. Muss man denn auch alles verbessern können, was man verfälscht zu sein beweisen kann? Ich begnüge mich, das letztere hier geleistet zu haben, und über- lasse das erstere einer geschicktem Hand. Doch nunmehr wiederum zur Sache zurück zu kommen; wenn Plinius also nur von einem Ge- mälde des Nicias redet, dessen Aufschrift im Aoriste abgefasst gewesen, und das zweite Gemälde dieser Art das obige des Lysippus [ElasippusJ ist: welches ist denn nun das dritte? Das weiss ich nicht. Wenn ich es bei einem andern alttn Schriftsteller fmden dürfte, als bei dem Plinius, so würde ich nicht sehr verlegen sein. Aber es soll bei dem Plinius gefunden werden; und noch einmal: bei diesem weiss ich es nicht zu finden.
204 LAOKOON. XXVin.
Kriterium angeben, dass alle Künstler, die das iTrolrjae ge- braucht, lange nach den Zeiten Alexanders des Grossen, kurz vor oder unter den Kaisern, geblühet haben. Von dem Kleomenes ist es unstreitig; von dem Archelaus 5 ist es höchst wahrscheinlich; und von dem Salpion kann wenigstens das Gegentheil auf keine Weise erwiesen werden. Und so von den übrigen; den Athenodorus nicht ausge- schlossen.
Herr Winckelmann selbst mag hierüber Richter sein!
10 Doch protestire ich gleich im Voraus wider den umgekehrten Satz. Wenn alle Künstler, welche eVot^o-e gebraucht, unter die späten gehören: so gehören darum nicht alle, die sich des inoUi bedienet, unter die altern. Auch unter den spätem Künstlern können einige diese einem grossen Manne so wohl i.=i anstehende Bescheidenheit wirklich besessen, und andere sie zu besitzen sich gestellet haben.
XXVIIL ARGUMENT.
Lessing passes over to the statne of the Borgliese gladlator, and ven- tures the bold conjecture that it represents the Athenian general Chabrias in the atlitude in which he — according to Cornelius Nepos — repulsed the attack of Agesilaus in the battle near Thebes. He arrives at this conclusion by making a slight emendation in the Latin text, and by referring to the shape of the characters in the artist's inscription on the Statue. At a later time Lessing himself withdrew this conjecture, which, though based on very ingenious reasoning, has not been bome out by later investigation.
Nach dem Laokoon war ich auf nichts neugieriger, als auf das, was Herr Winckelmann von dem sogenannten Borghesischen Fechter sagen möchte. Ich glaube eine Entdeckung 20 über diese Statue gemacht zu haben, auf die ich mir alles LAOKOON. XXVITI. 205 einbilde, was man sich auf dergleichen Entdeckungen ein- bilden kann.
Ich besorgte schon, Herr Winckelmann würde mir damit zuvorgekommen sein. Aber ich finde nichts dergleichen bei ihm; und wenn nunmehr mich etwas misstrauisch in ihre 5 Richtigkeit machen könnte, so würde es eben das sein, dass meine Besorgniss nicht eingetroffen.
'Einige,'sagt Herr Winckelmann^, 'machen aus dieser Statue einen Discobolus, das ist, der mit dem Disco, oder mit einer Scheibe von Metall, wirft, und dieses war die Meinung des 10 berühmten Herrn von Stosch in einem Schreiben an mich. aber ohne genügsame Betrachtung des Standes, worin der- gleichen Figur will gesetzt sein. Denn derjenige, welcher etwas werfen will, muss sich mit dem Leibe hinterwärts zurückziehen, und indem der Wurf geschehen soll, liegt die 15 Kraft auf dem nächsten Schenkel, und das linke Bein ist müssig: hier aber ist das Gegentheil. Die ganze Figur ist vorwärts geworfen, und ruhet auf dem linken Schenkel, und das rechte Bein ist hinterwärts auf das äusserste ausgestrecket. Der rechte Arm ist neu, und man hat ihm in die Hand ein 20 Stück von einer Lanze gegeben; auf dem linken Arme sieht man den Riem von dem Schilde, welchen er gehalten hat. Betrachtet man, dass der Kopf und die Augen aufwärts ge- richtet sind, und dass die Figur sich mit dem Schilde vor etwas, das von oben her kommt, zu verwahren scheint, so 25 könnte man diese Statue mit mehrerem Rechte für eine Vor- stellung eines Soldaten halten, welcher sich in einem gefähr- lichen Stande besonders verdient gemacht hat: den Fechtern in Schauspielen ist die Ehre einer Statue unter den Griechen vermuthlich niemals widerfahren: und dieses Werk scheinet.^o älter als die Einführung der Fechter unter den Griechen zu sein.'
2o6 LA OK 00 X. XXV HI.
I\Ian kann nicht richtiger urtheilen. Diese Statue ist eben so wenig ein Fechter, als ein Discobolus; es ist wirklich die Vorstellung eines Kriegers, der sich in einer solchen Stellung bei einer gefährlichen Gelegenheit hervorthat. Da Herr 5 Winckelmann aber dieses so glücklich errieth: wie konnte er hier stehen bleiben? Wie konnte ihm der Krieger nicht beifallen, der vollkommen in dieser nämlichen Stellung die völlige Niederlage eines Heeres abwandte, und dem sein er- kenntliches Vaterland eine Statue vollkommen in der nämlo liehen Stellung setzen liess?
Mit einem Worte: die Statue ist Chabrias. Der Beweis ist folgende Stelle des Ncpos in dem Leben dieses Feldherrn \ 'Hie quoque in summis habitus est ducibus: resque multas memoria dignas gessit. Sed ex his elucet 15 maxime inventum eins in proelio, quod apud Thebas fecit, quum Boeotiis subsidio venisset. Namque in eo victoriae [/. victoria] fidente summo duce Agesilao, fugatis iam ab eo conducticiis catervis, reliquam phalangem loco vetuit cedere, obnixoque genu scuto, proiectaque hasta impetum excipere 20 hostium docuit. Id novum Agesilaus contuens, progredi non est ausus, suosque iam incurrentes tuba revocavit. Hoc usque eo tota Graecia fama celebratum est, ut illo statu Chabrias sibi statuam fieri voluerit, quae publice ei ab Atheniensibus in foro constituta est. Ex quo factum est, ut postea aihletae, 25 ceterique artifices his statibus in statuis ponendis uterentur, in quibus [/. cum] victoriam essent adepti.'
Ich weiss es, man wird noch einen Augenblick anstehen, mir Beifall zu geben; aber ich hoffe, auch wirklich nur einen Augenblick. Die Stellung des Chabrias scheinet nicht 30 vollkommen die nämliche zu sein, in welcher wir die Bor- ghesische Statue erblicken. Die vorgeworfene Lanze, ' proiecta hasta,' ist beiden gemein, aber das 'obnixo genu scuto' erklären ' Cap i.
LAOKOON. XXVI 11. 207 die Ausleger durch ' obnixo in scutum, obfirmato genu ad scutum:' Chabrias wies seinen Soldaten, wie sie sich mit dem Knie gegen das Schild stemmen und hinter demselben den Feind abwarten sollten; die Statue hingegen hält das Schild hoch. Aber wie, wenn die Ausleger sich irrten? Wie, wenn 5 die Worte 'obnixo genu scuto' nicht zusammen gehörten, und man ' obnixo genu ' besonders, und * scuto ' besonders, oder mit dem darauffolgenden ' proiectaque hasta ' zusammen lesen müsste? Man mache ein einziges Komma, und die Gleich- heit ist nunmehr so vollkommen, als möglich. Die Statue ist 10 ein Soldat, ' qui obnixo genu ^, scuto proiectaque hasta impetum hostis excipit; ' sie zeigt was Chabrias that, und ist die Statue des Chabrias. Dass das Komma wirklich fehle, beweiset das dem 'proiecta' angehängte 'que,' welches, wenn 'obnixo genu scuto' zusammen gehörten, überflüssig sein würde, wie es 15 denn auch wirklich einige Ausgaben daher weglassen.
Mit dem hohen Alter, welches dieser Statue sonach zukäme, stimmt die Form der Buchstaben in der darauf befindlichen Aufschrift des ]\Ieisters vollkommen überein; und Herr Winckelmann selbst hat aus derselben geschlossen, dass es 20 die älteste von den gegenwärtigen Statuen in Rom sei, auf welchen sich der Meister angegeben hat. Seinem scharf- sichtigen Blicke überlasse ich es, ob er sonst in Ansehung der Kunst etwas daran bemerket, welches mit meiner ^Meinung streiten könnte. Sollte er sie seines Beifalls würdigen, so 25 dürfte ich mich schmeicheln, ein besseres Exempel gegeben haben, wie glücklich sich die classischen Schriftsteller durch ' So sagt Statins 'obnixa pectora' (Thebaid. lib. vi. ver. S63 [866]). '...rumpunt obnixa furentes Pectora,' welches der alte Glossator des Barths durch ' summa vi contra nitentia * erklärt. So sagt Ovid (Halieut. 11 [12]) ' obnixa fronte,' wenn er von der Meerbramse (Scaro") spricht, die sich nicht mit dem Kopfe, sondern mit dem Schwänze durch die Reusen zu arbeiten s-ucht: ' Non aiidet radiis obnixa occurrere fronte.'
208 LAOKOON. XXIX.
die alten Kunstwerke, und diese hinwiederum aus jenen auf- klären lassen, als in dem ganzen Folianten des Spence zu finden ist.
XXIX.
ARGUMENT.
A few mistakes committed by Winckelmann in bis Ilistorj- of Art are noted and corrected.
Bei der unermesslichen Belesenheit, bei den ausgebreitetsten 5 feinsten Kenntnissen der Kunst, mit welchen sich Herr Winckelmann an sein Werk machte, hat er mit der edeln Zuversicht der alten Artisten gearbeitet, die allen ihren Fleiss auf die Hauptsache verwandten, und was Nebendinge waren, entweder mit einer gleichsam vorsätzlichen Nachlässigkeit 10 behandelten, oder gänzlich der ersten der besten fremden Hand überliessen.
Es ist kein geringes Lob, nur solche Fehler begangen zu haben, die ein jeder hätte vermeiden können. Sie stossen bei der ersten flüchtigen Leetüre auf, und wenn man 15 sie anmerken darf, so muss es nur in der Absicht ge- schehen, um gewisse Leute, welche allein Augen zu haben glauben, zu erinnern, dass sie nicht angemerkt zu werden verdienen.
Schon in seinen Schriften über die Nachahmung der 20 m-iechischcn Kunstwerke ist Herr Winckelmann einigemal durch den Junius verführt worden. Junius ist ein sehr verfänglicher Autor; sein ganzes Werk ist ein Cento, und da er immer mit den Worten der Alten reden will, so wendet er nicht selten Stellen aus ihnen auf die INIalerei an, die an 25 ihrem Orte von nichts weniger als von der Malerei handeln. Wenn z. E. Herr Winckelmann lehren will, dass sich duich LAOKOON. XXIX. 209