SigPhi · Gotthold Ephraim Lessing

Laokoon, oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie

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2. So gross und schrecklich er aber auch die körperlichen Schmerzen seines Helden machte, so fühlte er es doch sehr 25 wohl, dass sie allein nicht hinreichend wären, einen merk- lichen Grad des IMitleids zu erregen. Er verband sie daher mit andern Uebeln, die gleichfalls für sich betrachtet nicht besonders rühren konnten, die aber durch diese Verbindung einen eben so melancholischen Anstrich erhielten, als sie 30 den körperlichen Schmerzen hinwiederum mittheilten. Diese Uebel waren, völlige Beraubung der menschlichen Gesell- schaft, Hunger und alle Unbequemlichkeiten des Lebens, welchen man unter einem rauhen Himmel in jener Beraubung LAOKOON. IV, ^-^ ausgesetzet ist *. Man denke sich einen Menschen in diesen * Wenn der Chor das Elend des Philoktet in dieser Verbindung be- trachtet, so scheinet ihn die hülflose Einsamkeit desselben ganz besonders zu rühren. In jedem Worte hören wir den geselligen Griechen, Ueber eine von den hierher gehörigen Stellen habe ich indess meinen Zweifel. Sie ist die (vv. 201-205, vielmehr 691-695:: "If' aÜTÖs riv ■npdaovpoi, ovn i)(wv ßdcrtv, OüSe Tiv' eyx<!^P<^y, Ka/coyeiTova wap' cv aTuvov dvTiTvnov 'BapvßpwT diTOKKav- Ofifv aip.ajT]püv. Die gemeine Winshem'sche Uebersetzung giebt dieses so: ' Ventis expositus et pedibus captus Nullum cohabitatorera Nee vicinum uUum saltem malum habens, apud quem gemitum mutuum Gravemque ac cruentum Ederet.' Hiervon weicht die interpolirte Uebersetzung des Th. Johnson nur ia den Worten ab: ' Ubi ipse ventis erat expositus, firmum gradum non habens, Nee quenquam indigenarum, Nee malum vicinum, apud quem ploraret Vehementer edacem Sanguineum morbum, mutuo gemitu.' Man sollte glauben, er habe diese veränderten Worte aus der gebundenea Uebersetzung des Thomas Naogeorgus entlehnet. Denn dieser (stia Werk ist sehr selten, und Fabricius selbst hat es nur aus dem Oporin- schen Bücherverzeichnisse gekannt) drückt sich so aus: '..,. ubi e.xpositus fuit Ventis ipse, gradum firmum haud habens, Nee quenquam indigenam, nee vel malum Vicinum, ploraret apud quem Vehementer edacem atque cruentum Morbum mutuo.' Wenn diese Uebersetzungen ihre Richtigkeit haben, so sagt der Chor das Stärkste, was man nur immer zum Lobe der menschlichen Gesellschaft sagen kann: Der Elende hat keinen Menschen um sich, er weiss von keinem freundlichen Nachbar; zu glücklich, wenn er auch nur einen bösen Nachbar hätte! Thomson würde sodann diese Stelle vielleicht vor Augen gehabt haben, wenn er den gleichfalls in eine wüste Insel voa Eösewichtern ausgesetzten Melisander sagen lässt: ' Cast on the wildest of the Cyclad isles Where never human foot had marked the shore, These Ruffians left me— yet believe me, Areas, Such is the rooted love we bear mankind, All ruffians as they were, I never heard A sound so dismal as their parting oars.' Auch ihm wäre die Gesellschaft von Bösewichtcrn lieber gewesen, als 34 LAOKOON. IV.

Umständen, man gebe ihm aber Gesundheit, imd Kräfte, und Industrie, und es ist ein Robinson Crusoe, der auf unser IMitleid wenig Anspruch macht, ob uns gleich sein Schicksal sonst gar nicht gleichgültig ist. Denn wir sind selten mit gar keine. Ein grosser vortrefflicher Sinn! Wenn es nur gewiss wäre, dass Sophokles auch wirklich so etwas gesagt hätte. Aber ich muss ungern bekennen, dass ich nichts dergleichen bei ihm finde; es wäre denn, dass ich lieber mit den Augen des alten Scholiasten, als mit meinen eigenen sehen wollte, welcher die Worte des Dichters so nm- schreibt: Oü fiövov orrov naXbv cvk e'xe riva twv tyx^P^'"^ ytirova, dAAd ovSe KaKov, -nap o5 äfwißoJov \öyov anvä^wv cucovaeie [oder äjcovfffTCu']. Wie dieser Auslegung die angeführten Uebersetzer gefolgt sind, so hat sich auch eben sowohl Brumov, als unser neuer deutscher Uebersetzer daran gehalten. Jener sagt, ' sans societe, meme importune; ' nnd dieser 'jeder Gesellschaft, auch der beschwerlichsten, beraubet.' Meine Gründe, warum ich von ihnen allen abgehen muss, sind diese. Erstlich ist es offenbar, dass wenn KaKoyeiTova von tiv' iyx^P^'^ getrennet wer- den und ein besonderes Glied ausmachen sollte, die Partikel oihi vor KaKcr/f'nova nothwendig wiederholt sein müsste. Da sie es aber nicht ist, so ist es eben so offenbar, dass KaKOffirova zu riva gehört, und das Komma nach kyx'^P^^ wegfallen muss. Dieses Komma hat sich aas der Uebersetzung eingeschlichen, wie ich denn wirklich finde, dass es einige ganz griechische Ausgaben (z. E. die Wittenbergische von 1 5S5 in 8, welche dem P'abricius völlig unbekannt geblieben) auch gar nicht haben, und es erst, wie gehörig, nach KaKoydrova setzen. Zweitens ist das wohl ein böser Nachbar, von dem wir uns crrövov ävTirmrov, d/wißatov wie es der Scholiast erklärt, versprechen können? Wechselsweise mit uns seufzen, ist die Eigenschaft emes Freundes, nicht aber eines Feindes. Kurz also: man hat das Wort KaKoyÜTova unrecht verstanden; man hat angenommen, dass es aus dem Adjectivo «aK&y zusammengesetzt sei, und es ist aus dem Substantive to KaKuv zusammengesetzt; man hat es durch einen bösen Nachbar erklärt, und hätte es durch einen Nachbar des Bösen erklären sollen. So wie KcuevimvTis nicht einen bösen, das ist, falschen, unwahren Propheten, sondern einen Propheten des Bösen, KaKÖTfxvos nicht einen bösen, ungeschickten Künstler, sondern einen Künstler im Bösen bedeuten. Unter einem Nachbar des Bösen versteht der Dichter aber denjenigen, welcher entweder mit gleichen Unfällen, als wir, behaftet ist, oder ans Freundschaft an unsem Unfällen Antheil nimmt; so dass die ganzen Worte ov5' ex'»"' ''■'•'' (yxü'po'v «a*o- yurova bloss durch 'neque quenquam indigenamm mali socium habens' zu übersetzen sind. Der neue englische Uebersetzer des Sophokles, Thomas Franklin, kann nicht anders als meiner Meinung gewesen sein, indem er den bösen Nachbar in KaKoyÜTwv auch nicht findet, sondern es bloss durch ' fellow-moumer ' übersetzt: ' Expos'd to the inclement skies, Deserted and forlom he Ives, No friend nor fellow-moumer there, To soolh bis soaow, and divide his care.'

LAOKOON. IV. 0^^ der menschlichen Gesellschaft so zufrieden, dass uns die Ruhe, die wir ausser derselben geniessen, nicht sehr reizend dünken sollte, besonders unter der Vorstellung, welche jedes Indi- viduum schmeichelt, dass es fremden Beistandes nach und nach kann entbehren lernen. Auf der andern Seite gebe 5 man einem Menschen die schmerzlichste unheilbarste Krank- heit, aber man denke ihn zugleich von gefälligen Freunden umgeben, die ihn an nichts Mangel leiden lassen, die sein Uebel, so viel in ihren Kräften stehet, erleichtern, gegen die er unverhohlen klagen und jammern darf: unstreitig werden 10 wir Mideid mit ihm haben, aber dieses Miüeid dauert nicht in die Länge, endlich zucken wir die Achsel und verweisen ihn zur Geduld. Nur wenn beide Fälle zusammen kommen, wenn der Einsame auch seines Körpers nicht mächtig ist, wenn dem Kranken eben so wenig jemand anders hilft, als 15 er sich selbst helfen kann, und seine Klagen in der öden Luft verfliegen: alsdann sehen war alles Elend, was die menschliche Natur treff'en kann, über den Unglücklichen zusammenschlagen, und jeder flüchtige Gedanke, mit dem wir uns an seiner Stelle denken, erreget Schaudern und 20 Entsetzen. Wir erblicken nichts als die Verzweiflung in ihrer schrecklichsten Gestalt vor uns, und kein Mitleid ist stärker, keines zerschmelzet mehr die ganze Seele, als das welches sich mit Vorstellungen der Verzweiflung mischet. Von dieser Art ist das IMitleid, welches wir für den Philoktet 25 empfinden, und in dem Augenblicke am stärksten empfinden, wenn wir ihn auch seines Bogens beraubt sehen, des einzigen, was ihm sein kümmerliches Leben erhalten musste. — O des Franzosen, der keinen Verstand, dieses zu überlegen, kein Herz, dieses zu fühlen, gehabt hat! Oder wenn er es gehabt 30 hat, der klein genug war, dem armseligen Geschmacke seiner Nation alles dieses aufzuopfern. Chataubrun giebt dem Philoktet Gesellschaft, Er lässt eine Prinzessin Tochter 35 LAOKOON. IV.

zu ihm in die wüste Insel kommen. Und auch diese is nicht allein, sondern hat ihre Hofmeisterin bei sich; ein Ding, von dem ich nicht weiss, ob es die Prinzessin oder der Dichter nöthiger gebraucht hat. Das ganze votreffliche Spiel mit dem 5 Bogen hat er weggelassen. Dafür lässt er schöne Augen spielen. Freilich würden Pfeil und Bogen der französischen Heldenjugend sehr lustig vorgekommen sein. Nichts hinge- gen ist ernsthafter als der Zorn schöner Augen. Der Grieche martert uns mit der gräulichen Besorgung, der arme Philoktet 10 werde ohne seinen Bogen auf der wüsten Insel bleiben und elendiglich umkommen müssen. Der Franzose weiss einen gewissem Weg zu unsem Herzen: er lässt uns fürchten, der Sohn des Achilles werde ohne seine Prinzessin abziehen müssen. Dieses hiessen denn auch die Pariser Kunstrichter, 15 über die Alten triumphiren, und einer schlug vor, das Cha- taubrun'sche Stück la DifficiiUe vaincue zu benennen ^.

3. Nach der Wirkung des Ganzen betrachte man die einzeln Scenen, in welchen Philoktet nicht mehr der ver- lassene Kranke ist; wo er Hoffnung hat, nun bald die 20 trostlose Einöde zu verlassen und wieder in sein Reich zu gelangen; wo sich also sein ganzes Unglück auf die schmerz- liche Wunde einschränkt. Er wimmert, er schreiet, er be- kömmt die grässlichsten Zuckungen. Hierwider gehet eigentlich der Einwurf des beleidigten Anstandes. Es ist ein 25 Engländer, welcher diesen Einwurf macht; ein iNIann also, bei welchem man nicht leicht eine falsche Delicatesse argwohnen darf. Wie schon berührt, so giebt er ihm auch einen sehr guten Grund. Alle Empfindungen und Leidenschaften, sagt er, mit welchen andere nur sehr wenig sympathisiren können, 30 werden anstössig, wenn man sie zu heftig ausdrückt '. ' Aus * Mercnre de France, Avril 1755, p. 177.

* The Theory of Moral Sentiments, by Adam Smith, Part i. sect. 3.

LAOKOON. IV. 37 diesem Grunde ist nichts unanständiger, und einem Manne unwürdi.^er, als wenn er den Schmerz, auch den allerheftig- sten, nicht mit Geduld ertragen kann, sondern weinet und schreiet. Zwar giebt es eine Sympathie mit dem körper- lichen Schmerze. Wenn wir sehen, dass jemand einen 5 Schlag auf den Arm oder das Schienbein bekommen soll, so fahren wir natürlicherweise zusammen, und ziehen unsern eigenen Arm, oder Schienbein, zurück; und wenn der Schlag wirklich geschieht, so empfinden wir ihn gewissermassen eben sowohl, als der, den er getroffen. Gleichwohl aber ist es 10 gewiss, dass das Uebel, welches wir fühlen, gar nicht beträcht- lich ist; wenn der Geschlagene daher ein heftiges Geschrei erregt, so ermangeln wir nicht ihn zu verachten, weil wir in der Verfassung nicht sind, eben so heftig schreien zu können, als er.' — Nichts ist betrüglicher als allgemeine 15 Gesetze für unsere Empfindungen. Ihr Gewebe ist so fein und verwickelt, dass es auch der behutsamsten Speculation kaum möglich ist, einen einzeln Faden rein aufzufassen und durch alle Kreuzfäden zu verfolgen. Gelingt es ihr aber auch schon, was für Nutzen hat es? Es giebt in der Natur;o keine einzelne reine Empfindung; mit einer jeden entstehen tausend andere zugleich, deren geringste die Gmndempfindung gänzHch verändert, so dass Ausnahmen über Aus- nahmen erwachsen, die das vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbst auf eine blosse Erfahrung in wenig einzeln 25 Fällen einschränken. — Wir verachten denjenigen, sagt der Engländer, den wir unter körperlichen Schmerzen heftig schreien hören. Aber nicht immer: nicht zum erstenmale; nicht, wenn wir sehen, dass der Leidende alles mögliche anwendet, seinen Schmerz zu verbeissen; nicht, wenn wir 30 ihn sonst als einen Mann von Standhafiigkeit kennen; noch weniger, wenn wir ihn selbst unter dem Leiden Proben von seiner Standhafiigkeit ablegen sehen, wenn wir sehen, dass 38 LAOKOO.V. IV.

ihn der Schmerz zwar zum Schreien, aber auch zu weiter nichts zwingen kann, dass er sich lieber der längern Fortdauer dieses Schmerzes imterwirft, als das geringste in seiner Den- kungsart, in seinen Entschlüssen ändert, ob er schon in dieser 5 Veränderung die gänzliche Endschaft seines Schmerzes hoffen darf. Das alles findet sich bei dem Philoktet. Die moralische Grösse bestand bei den alten Griechen in einer ebenso un- veränderlichen Liebe gegen seine Freunde, als unwandel- barem Hasse gegen seine Feinde. Diese Grösse behält 10 Philoktet bei allen seinen IMartern. Sein Schmerz hat seine Augen nicht so vertrocknet, dass sie ihm keine Thränen über das Schicksal seiner alten Freunde gewähren könnten. Sein Schmerz hat ihn so mürbe nicht gemacht, dass er, um ihn los zu werden, seinen Feinden vergeben, und sich gern zu 15 allen ihren eigermützigen Absichten brauchen lassen möchte. Und diesen Felsen von einem INIanne hätten die Athenienser verachten sollen, weil die Wellen, die ihn nicht erschüttern können, ihn wenigstens ertönen machen.? — Ich bekenne, dass ich an der Philosophie des Cicero überhaupt wenig Ge- 20 schmack finde; am allerwenigsten aber an der, die er in dem zweiten Buche seiner Tusculanischen Fragen über die Erdul- dung des körperHchen Schmerzes auskramet. Alan sollte glauben, er wolle einen Gladiator abrichten, so sehr eifert er wider den äusserlichen Ausdruck des Schmerzes. In diesem 1-- scheinet er allein die Ungeduld zu finden, ohne zu überlegen, dass er oft nichts weniger als freiwillig ist, die wahre Tapfer- keit aber sich nur in freiwilligen Handlungen zeigen kann. Er hört bei dem Sophokles den Philoktet nur klagen und schreien, und übersieht sein übriges standhaftes Betragen 33 gänzlich. Wo hätte er auch sonst die Gelegenheit zu seinem rhetorischen Ausfalle wider die Dichter hergenommen? ' Sie sollen ims weichlich machen, weil sie die tapfersten Männer klagend einführen.' Sie müssen sie klagen lassen; derm ein LAOKOON. IV. 39 Theater ist keine Arena. Dem verdammten oder feilen Fechter kam es zu, alles mit Anstand zu thun und zu leiden. Von ihm musste kein kläglicher Laut gehöret, keine schmerz- liche Zuckung erblickt werden. Denn da seine Wunden, sein Tod, die Zuschauer ergötzen sollten: so musste die 5 Kunst alles Gefühl verbergen lehren. Die geringste Aeus- serung desselben hätte IMitleiden erweckt, und öfters erregtes Mitleiden würde diesen frostig grausamen Schauspielen bald ein Ende gemacht haben. Was aber hier nicht erregt werden sollte, ist die einzige Absicht der tragischen Bühne, 10 und fordert daher ein gerade entgegengesetztes Betragen. Ihre Helden müssen Gefühl zeigen, müssen ihre Schmerzen äussern, und die blosse Natur in sich wirken lassen. Ver- rathcn sie Abrichtung und Zwang, so lassen sie unser Herz kalt, und Klopffechter im Cothurne können höchstens nur 15 bewundert werden. Diese Benennung verdienen alle Per- sonen der sogenannten Senecaschen Tragödien, und ich bin der festen Meinung, dass die gladiatorischen Spiele die vor- nehmste Ursache gewesen, warum die Römer in dem Tragi- schen noch so weit unter dem ^Mittelmässigen geblieben sind. 20 Die Zuschauer lernten in dem blutigen Amphitheater alle Natur verkennen, wo allenfalls ein Ktesias [/. Kiesilaus\ seine Kunst Studiren konnte, aber nimmermehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, an diese künstliche Todesscenen gewöhnt, musste auf Bombast und Rodomontaden verfallen. Aber so 25 wenig als solche Rodomontaden wahren Heldenmuth ein- flössen können, eben so wenig können Philoktetische Klagen weichlich machen. Die Klagen sind eines Menschen, aber die Handlungen eines Helden. Beide machen den menschlichen Helden, der weder weichlich noch verhärtet ist, sondern bald 30 dieses bald jenes scheinet, so wie ihn jetzt Natur, jetzt Grundsätze und Pflicht verlangen. Es ist das Höchste, was die Weisheit hervorbringen, und die Kunst nachahmen kann.

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4. Nicht genug, dass Sophokles seinen empfindlichen Phi- loktet vor der Verachtung gesichert hat; er hat auch allem andern weislich vorgebauet, was man sonst aus der Anmer- kung des Engländers wider ihn erinnern könnte. Denn 5 verachten wir schon denjenigen nicht immer, der bei körper- lichen Schmerzen schreiet, so ist doch dieses unwidersprech- lich, dass wir nicht so viel Mitleiden für ihn empfinden, als dieses Geschrei zu erfordern scheinet. Wie sollen sich also diejenigen verhalten, die mit dem schreienden Philoktet zu 10 thun haben? Sollen sie sich in einem hohen Grade gerührt stellen? Es ist wider die Natur. Sollen sie sich so kalt und verlegen bezeigen, als man wirklich bei dergleichen Fällen zu sein pflegt? Das würde die widrigste Dissonanz für den Zuschauer hervorbringen. Aber, wie gesagt, auch diesem 15 hat Sophokles vorgebauet. Dadurch nämlich, dass die Nebenpersonen ihr eigenes Interesse haben; dass der Ein- druck, welchen das Schreien des Philoktet auf sie macht, nicht das einzige ist, was sie beschäftiget, und der Zu- schauer daher nicht sowohl auf die Disproportion ihres 20 Mitleids mit diesem Geschrei, als vielmehr auf die Verände- rung Acht giebt, die in ihren eigenen Gesinnungen und Anschlägen durch das INIitleid, es sei so schwach oder so stark es will, entstehet oder entstehen sollte. Neoptolem und der Chor haben den unglücklichen Philoktet hinter- 25 gangen; sie erkennen, in welche Verzweiflung ihn ihr Betrug stürzen werde; nun bekömmt er seinen schreck- lichen ZufaU vor ihren Augen; kann dieser Zufall keine merkliche sympathetische Empfindung in ihnen erregen, so kann er sie doch antreiben, in sich zu gehen, gegen so viel 30 Elend Achtung zu haben, und es durch Veirätherei nicht häufen zu wollen. Dieses erwartet der Zuschauer, und seine Erwartung findet sich von dem edelmüthigen Neoptolem nicht getäuscht. Philoktet, seiner Schmerzen I\Ieister, würde LAOKOON. IV. 41 den Neoptolem bei seiner Verstellung erhalten haben. Philoktet, den sein Schmerz aller Verstellung unfähig macht, so höchst nöthig sie ihm auch scheinet, damit seinen künfti- gen Reisegefährten das Versprechen, ihn mit sich zu nehmen, nicht zu bald gereue; Philoktet, der ganz Natur ist, bringt 5 auch den Neoptolem zu seiner Natur wieder zurück. Diese Umkehr ist vortrefflich, und um so viel rührender, da sie von der blossen Menschlichkeit bewirkt wird. Bei dem Franzosen haben wiederum die schönen Augen ihren Theil daran ^ Doch ich will an diese Parodie nicht mehr denken. 10 — Des nämlichen Kunstgriffs, mit dem Mitleiden, welches das Geschrei über körperliche Schmerzen hervorbringen sollte, in den Umstehenden einen andern Affect zu verbinden, hat sich Sophokles auch in den Trachinerinnen bedient. Der Schmerz des Herkules ist kein ermattender Schmerz; 15 er treibt ihn bis zur Raserei, in der er nach nichts als nach Rache schnaubet. Schon hatte er in dieser Wuth den ^ Lichas ergriffen; und an dem Felsen zerschmettert. Der Chor ist weiblich; um so viel natürlicher muss sich Furcht und Entsetzen seiner bemeistern. Dieses, und die Erwar- 20 lung, ob noch ein Gott dem Herkules zu Hülfe eilen, oder Herkules unter diesem Uebel erliegen werde, macht hier das eigentliche allgemeine Interesse, welches von dem Mit- leiden nur eine geringe Schattirung erhält. Sobald der Ausgang durch die Zusammenhaltung der Orakel entschieden 25 ^'°^"^' ist, wird Herkules ruhig, und die Eewunderung über seinen letzten Entschluss tritt an die Stelle aller andern Empfin- dungen. Ueberhaupt aber muss man bei der Vergleichung des leidenden Herkules mit dem leidenden Philoktet nicht vergessen, dass jener ein Halbgott, imd dieser nur ein 30 Mensch ist. Der Mensch schämt sich seiner Klagen nie; ' Act ii. sc. iii, 'De mes degiiisemens que penserait Sophie?' Sagt der Sohn des Achilles.

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aber der Halbgott schämt sich, dass sein sterbHcher Theil über den unsterbHchen so viel vermocht habe, dass er wie ein IMädchen weinen und winseln müsset Wir Neuern glauben keine Halbgötter, aber der geringste Held soll bei 5 uns wie ein Halbgott empfinden, und handeln.

Ob der Schauspieler das Geschrei und die Verzückungen des Schmerzes bis zur Illusion bringen könne, will ich weder zu verneinen noch zu bejahen wagen. Wenn ich fände, dass es unsere Schauspieler nicht könnten, so müsste ich erst lo wissen, ob es auch ein Garrik nicht vermögend wäre: und wenn es auch diesem nicht gelänge, so würde ich mir noch immer die Skaevopoeie [/. Skeuopoeie] und Declamation der Alten in einer Vollkommenheit denken dürfen, von der wir heut zu Tage sar keinen Begriff haben.

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ARGUMENT.

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ARGUMENT.

It has bcen assumed by some criticä that the sculptors of the Laokoon imitated the description of Virgil. But it is also possible that the artists and the poet drew from a common source, perhaps from the poem of Pisander. Yet the common Greek tradition,probabIy adopted by this poet, deviates too inuch from the representation of the artists to allow US to suppose that it served them for a model. And the circum- stance that Virgil alone makes the serpents kill father attJ chilJrcn argues in favour of the assumption that the artists followed his version of the event. It is this same circumstance which renders a comparison of the Statue and of the poem interesting to the critic; he will examine where and why the artists followed the poet in certain points and shrunk from imitaling him in others. The happy idea of binding the father and his two sons together in one indissoluble whole must be atlributed to the poet and was adopted by the artists. The artists also agree with the poet in allowing peifect freedom to the hands of the three figures. But they differ from bim in removing all the coils of the serpents from the breast and neck to the thighs and feet, leaving free the iipper part of the body, in order to reveal the play of the suffering nerves and the working of the muscles; whilst the poet describes the serpents as winding themselves twice round the bodies and necks of their victims. Another difference is that, whilst Laokoon appears in Virgil arrayed in priestly robes and with the fillet encircling his brows, he is represented as naked by the artists, no doubt because they were aware that beauty reveals itself in a higher degree in the human body than in drapery, and that the forehead, the seat of expression, must not be hidden in the work of a wise artist.

These points of difference prove again that plastic art rests on other laws than poetry, that its highest aim and object is beauty.

Es giebt Kenner des Alterthums, welche die Gruppe Lao- koon zwar für ein Werk griechischer Meister, aber aus der Zeit der Kaiser halten, weil sie glauben, dass der Virgilische Laokoon dabei zum Vorbilde gedienet habe. Ich will von den altern Gelehrten, die dieser Meinung gewesen sind, nur 5 den Bartholomäus Marliani ^, und von den neuern, den Montfaucon "^ nennen. Sie fanden ohne Zweifel zwischen dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters eine so besondere Uebereinstimmung, dass es ihnen unmöglich \ja„JCtck dünkte, dass beide von ohngefähr auf einerlei Umstände io\jUvV. -'».-^ ' sollten gefallen sein, die sich nichts weniger, als von selbst JujiJ^tjt darbieteü. Dabei setzten sie voraus, dass wenn es auf die a^ 'v*^*.■*^«> Ehre der Erfindung und des ersten Gedankens ankomme, "^^^ die Wahrscheinlichkeit für den Dichter ungleich grösser sei, als für den Künstler. '''"**''V^^=-^*^ ^5 ^ Topographiae Urbis Romae, lib. iv. cap. 14: 'Et quanquam hi (Agesander et Polydorus et Athenodorus Rhodii) ex Virgilii descriptione statuam hanc formavisse videntur,' etc.

^ Suppl. aux Ant. Expliq. t. i. p. 242: 'II semble qu'Agesandre, Poly- dore et Athenodore, qui eii furent les ouvriers, ayent travaille comme ä l'envie, pour laisser un monument, qui repondait k l'incomparable description qua fait Virgile de Laocoon,' etc.

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Nur scheinen sie vergessen zu haben, dass ein dritter Fall möglich sei. Denn vielleicht hat der Dichter eben so wenig den Künstler, als der Künstler den Dichter nachgeahmt, sondern beide haben aus einerlei älteren Quelle 5 geschöpft. Nach dem Macrobius würde Pisander diese ältere Quelle sein könnend Denn als die Werke dieses griechischen Dichters noch vorhanden waren, war es schul- kundig, pueris decantahim, dass der Römer die ganze Ero- berung und Zerstörung Iliums, sein ganzes zweites Buch, lo aus ihm nicht sowohl nachgeahmet, als treulich übersetzt habe. Wäre nun also Pisander auch in der Geschichte des Laokoon Virgils Vorgänger gewesen, so brauchten die grie- chischen Künstler ihre Anleitung nicht aus einem lateinischen Dichter zu holen, und die Muthmassung von ihrem Zeitalter 15 gründet sich auf nichts.

Indess, wenn ich nothwendig die Meinung des Marliani und Montfaucon behaupten müsste, so würde ch ihnen fol- gende Ausflucht leihen. Pisanders Gedichte sind verloren; wie die Geschichte des Laokoon von ihm erzählt worden, 20 lässt sich mit Gewissheit nicht sagen; es ist aber wahrschein- lich, dass es mit eben den Umständen geschehen sei, von welchen wir noch jetzt bei griechischen Schriftstellern Spuren • Saturnal. Hb. v. cap. 2. § 5: 'Quae Virgilius traxit a Graecis' [steht nicht im Text; vielmehr ebd. § 2: 'non parva sunt alia, quae traxit a Graecis], dicturumne me putatis quae \Tilgo nota sunt? quod Theocritum sibi fecerit pastoralis operis autorem, ruralis Hesiodum? et quod in ipsis Georgicis, tempestatis serenitatisque signa de Arati Phaenomenis traxerit I vel quod eversionem Trojae, cum Sinone suo, et equo ligneo, caeterisque omnibus, quae librum secundum faciunt, a Pisandro pene ad verbum [/. ad verbum paene] transcripserit? qui inter Graecos poetas eminet opere, quod a nuptiis Jovis et Junonis incipiens universas his- torias, quae mediis omnibus saeculis nsque ad aetatem ipsius Pisandri contigerant, in unam seriem coactas ledegerit, et unum ex diversis hiatibus temporum corpus effecerit? in quo opere inter historias caeteras intcritus quoque Trojae in hunc modum relatus est. Quae fideliter Maro [/. Maro fideliter] interpretando, fabricatus est sibi Iliacae urbis minam. Sed et haec et talia ut pueris [/. talia pueris] decantata praetereo.* LAOKOOK. V. 45